Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Johann Heinrich Jung-Stilling >

Henrich Stillings häusliches Leben / 1

Johann Heinrich Jung-Stilling: Henrich Stillings häusliches Leben / 1 - Kapitel 5
Quellenangabe
typeautobio
booktitleHenrich Stillings Jugend, Jünglingsjahre, Wanderschaft und häsliches Leben
authorJohann Heinrich Jung-Stilling
year1997
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-000662-7
titleHenrich Stillings häusliches Leben / 1
pages303-363
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1789
Schließen

Navigation:

Des andern Morgens setzte er seinen Vater aufs Pferd, er machte den Fußgänger nebenher auf dem Pfade, und so wallfahrteten sie an diesem Tage unter den erquickendsten Gesprächen neun Stunden weit bis Rosenheim, wo er seinen Vater seiner Christinen gesamten Familie vorstellte. Wilhelm wurde so empfangen, wie er's verdiente, er schüttelte jedem die Hand, und sein redliches charakteristisches Stillings-Gesicht erweckte allenthalben Ehrfurcht. Jetzt ließ der Doktor seinen Vater zu Fuß vorauswandern, einer seiner Schwäger begleitete ihn, er aber blieb noch einige Minuten, um seinen Empfindungen im Schoß der Friedenbergischen Familie freien Lauf zu lassen, er weinte laut, lobte Gott und eilte nun seinem Vater nach. Noch nie hatte er den Weg von Rosenheim nach Schönenthal mit solcher Herzenswonne gegangen, wie jetzt, und Wilhelm war ebenfalls in seinem Gott vergnügt.

Beim Eintritt ins Haus flog Christine dem ehrlichen Mann die Treppe herab entgegen, und fiel ihm mit Tränen um den Hals, solche Auftritte muß man sehen, und die gehörigen Empfindungsorganen haben, um sie in aller ihrer Stärke fühlen zu können.

Wilhelm blieb acht Tage bei seinen Kindern, und Stilling begleitete ihn wieder bis Meinerzhagen, von wannen dann jeder in Frieden seinen Weg zog.

Einige Wochen nachher wurde Stilling einsmals des Morgens früh in einen Gasthof gerufen, man sagte ihm, es sei ein fremder Patient da, der ihn gern sprechen möchte; er zog sich also an, und ging hin; man führte ihn ins Schlafzimmer des Fremden. Hier fand er nun den Kranken mit einem dicken Tuch um den Hals, und den Kopf in Tücher verhüllt; der Fremde streckte die Hand aus dem Bett, und sagte mit schwacher und dumpfer Stimme: »Herr Doktor! fühlen Sie mir einmal den Puls, ich bin gar krank und schwach«; Stilling fühlte und fand den Puls sehr regelmäßig und gesund; er erklärte sich also auch so, und erwiderte: »Ich finde gar nichts Krankes, der Puls geht ordentlich«; sowie er das sagte, hing ihm Goethe am Hals. Stillings Freude war unbeschreiblich; er führte ihn alsofort in sein Haus, auch Christine war froh, diesen Freund zu sehen, und rüstete sich zum Mittagsessen. Nun führte er Goethe hinaus auf einen Hügel, um ihm die schöne Aussicht über die Stadt und das Tal hinauf zu zeigen.

Gerade zu dieser Zeit waren die Gebrüder Vollkraft wieder auf Komission da; sie hatten einen Freund bei sich, der sich durch schöne Schriften sehr berühmt gemacht hat, den aber Stilling, wegen seiner satirischen und juvenalischen Geißel, nicht leiden mochte, er besuchte also jetzt seine Freunde wenig, denn Juvenal (so will ich den Mann einstweilen nennen) neckte ihn immer wegen seiner Anhänglichkeit an die Religion. Während der Zeit, daß Stilling mit Goethe spazierenging, kam der Herr Hofkammerrat Vollkraft zu Pferde an Stillings Tür gesprengt, und rief der Magd zu, sie sollte ihren Herrn sagen, er sei plötzlich nach Rüsselstein abgereist, weil Goethe dort wäre; Christine war gerade nicht bei der Hand, um ihn von der Lage der Sache zu benachrichtigen, Vollkraft trabte also eiligst fort. Sowie Goethe und Stilling nach Haus kamen, und ihnen die Magd den Vorfall erzählte, so bedauerten sie beide den Irrtum; indessen war's nun nicht zu ändern.

Goethens Veranlassung zu dieser Reise war eigentlich folgende: Lavater besuchte das Emserbad und von da machte er eine Reise nach Mühlheim am Rhein, um dort einen Freund zu besuchen; Goethe war ihm bis Ems gefolgt, und um allerhand Merkwürdigkeiten und berühmte Männer zu sehen, hatte er ihn bis Mühlheim begleitet; hier ließ nun Goethe Lavater zurück und machte einen Streifzug über Rüsselstein nach Schönenthal, um auch seinen alten Freund Stilling heimzusuchen; zugleich aber hatte er Lavatern versprochen, auf eine bestimmte Zeit wieder nach Mühlheim zu kommen, und mit ihm zurückzureisen. Während Goethens Abwesenheit aber bekommt Lavater Veranlassung, auch nach Rüsselstein und von da nach Schönenthal zu gehen, von dem allen aber wußte Goethe kein Wort. Als er daher mit Stilling zu Mittag gegessen hatte, machte er sich mit obigem Juvenal zu Pferde wieder auf den Weg nach Rüsselstein, um dort Vollkraften anzutreffen. Kaum waren beide fort, so kam Lavater in Begleitung Vollkrafts, des bekannten Hasenkamps, von Duisburg, und des höchst merkwürdigen, frommen und gelehrten Doktor Collenbuschs die Gasse hereingefahren. Dies wurde Stillingen angezeigt, er floh also den beiden Reutern nach und brachte sie wieder zurück.

Lavater und seine Begleiter waren mittlerweile bei einem bekannten und die Religion liebenden Kaufmann eingekehret; Stilling, Goethe und Juvenal eilten also auch dahin. Niemals hat sich wohl eine seltsamer gemischte Gesellschaft beisammen gefunden, als jetzt um den großen ovalrunden Tisch her, der zugleich auf Schönenthaler Art mit Speisen besetzt war. Es ist der Mühe wert, daß ich diese Gäste nur aus dem Groben zeichne.

Lavaters Ruf der praktischen Gottseligkeit hatte unter andern einen alten Ter-Steegianer herbeigelockt; dieser war ein in aller Rücksicht verehrungswürdiger Mann, der nach den Grundsätzen der reinen Mystik, unverheiratet, äußerst heikel in der Wahl des Umgangs, sehr freundlich, ernst, voll sanfter Züge im Gesicht, ruhig im Blick, und übrigens in allen seinen Reden behutsam war; er wog alle seine Worte auf der Goldwaage ab, kurz, er war ein herrlicher Mann, wenn ich nur das einzige Eigensinnige ausnehme, das alle dergleichen Leute so leicht annehmen, indem sie intolerant gegen alle sind, die nicht so denken wie sie! dieser ehrwürdige Mann saß mit seinem runden lebhaften Gesicht, runden Stutzperücke, braunen Rock und schwarzen Unterkleidern oben an; mit einer Art von freundlicher Unruh' schauete er um sich, sagte auch wohl zuweilen heimliche Ermahnungsworte, denn er witterte Geister von ganz andern Gesinnungen.

Neben diesem saß der Hofkammerrat Vollkraft, ein feiner Weltmann, wie es wenige gibt, im Reisehabit, doch nach der Mode gekleidet; sein lebhaftes Naturell sprühte Funken des Witzes und sein hochrektifiziertes philosophisches Gefühl, urteilte immer nach dem Zünglein in der Waage des Wohlstandes, des Lichts und des Rechts.

Auf diesen folgte sein Bruder der Dichter: von seinem ganzen Dasein strömte sanfte gefällige Empfindung und Wohlwollen gegen Gott und Menschen, sie mochten nun übrigens denken und glauben was sie wollten, wenn sie nur gut und brav waren; sein grauer Flockenhut lag hinter ihm im Fenster und der Körper war mit einem bunten Sommerfrack bekleidet.

Dann saß der Hauswirt neben diesem; er hatte eine pechschwarze Perücke mit einem Haarbeutel auf dem Kopfe; und einen braunen zitzenen Schlafrock an, der mit einer grünen seidenen Schärpe umgürtet war, seine große hervorragenden Augen starrten unter der hohen und breiten Stirne hervor, sein Kinn war spitzig, überhaupt das Gesicht dreieckicht und hager, aber voller Züge des Verstandes, er horchte lieber, als daß er redete, und wenn er sprach, so war alles vorher in seiner Gehirnkammer wohl abgeschlossen und dekretiert worden; seiner Taubeneinfalt fehlte es an Schlangenklugheit wahrlich nicht.

Jetzt kam nun die Reihe an Lavater; sein Evangelisten-Johannes-Gesicht riß alle Herzen mit Gewalt zur Ehrfurcht und Liebe an sich, und sein munterer gefälliger Witz, verpaart mit einer lebhaften und unterhaltenden Laune, machte sich alle Anwesende, die sich nicht durch Witz und Laune zu versündigen glaubten, ganz zu eigen. Indessen waren unter der Hand seine physiognomische Fühlhörner, denen es hier an Stoff nicht fehlte, immer geschäftig; er hatte einen geschickten Zeichenmeister bei sich, der auch seine Hände nicht in den Schoß legte.

Neben Lavater saß Hasenkamp, ein vierzigjähriger etwas gebückter, hagerer, hektischer Mann, mit einem länglichten Gesicht, merkwürdiger Physiognomie, und überhaupt Ehrfurcht erweckenden Ansehen; jedes Wort war ein Nachdenken und Wohlgefallen erregendes Paradoxon, selten mit dem System übereinstimmend; sein Geist suchte allenthalben Luft und ängstete sich in seiner Hülle nach Wahrheit, bis er sie bald zersprengte und mit einem lauten Halleluja zur Urquelle des Lichts und der Wahrheit emporflog; seine einzelnen Schriften machen Orthodoxe und Heterodoxe den Kopf schütteln, aber man muß ihn gekannt haben; er schritte, mit dem Perspektiv in der Hand, beständig im Lande der Schatten hin und her, und schaute hinüber in die Gegend der Lichtsgefilde; was Wunder, wenn die blendende Strahlen ihm zuweilen das Auge trübten!

Auf ihn folgte Collenbusch, ein theologischer Arzt oder medizinischer Gottesgelehrter; sein Angesicht war so auffallend, wie je eins sein kann – ein Gesicht, das Lavaters ganzes System erschütterte; es enthielt nichts Widriges, nichts Böses, aber auch von allem nichts, auf welches er Seelengröße baute; indessen strahlte aus seinen durch die Kinderblattern verstellten Zügen eine geheime stille Majestät hervor, die man nur erst nach und nach im Umgang entdeckte; seine mit dem schwarzen und grauen Star kämpfende Augen und sein immer offener zwo Reihen schöner weißer Zähne zeigender Mund schienen die Wahrheit, Weltträume weit herbeiziehen zu wollen, und seine höchst gefällige einnehmende Sprache, verbunden mit einem hohen Grad der Artigkeit und Bescheidenheit, fesselten jedes Herz, das sich ihm näherte.

Jetzt folgte in der Reihe mein Juvenal: man denke sich ein kleines junges rundköpfichtes Männchen, den Kopf etwas nach einer Schulter geneigt, mit schalkhaften hellen Augen, und immer lächelnder Miene; er sprach nichts, sondern beobachtete nur: seine ganze Atmosphäre war Kraft der Undurchdringbarkeit, die alles zurückhielt, was sich ihm nähern wollte.

Denn saß neben ihm ein junger edler Schönenthaler Kaufmann, ein Freund von Stilling, ein Mann voller Religion ohne Pietismus, glühend von Wahrheitshunger, ein Mann, wie es wenige gibt.

Nun folgte Stilling, er saß da, mit tiefem geheimen Kummer auf der Stirn, den jetzt die Umstände erhellten, er sprach hin und her, und suchte jedem sein Herz zu zeigen, wie es war.

Dann schlossen noch einige unbedeutende bloß die Lücke ausfüllende Gesichter den Kreis. Goethe aber konnte nicht sitzen, er tanzte um den Tisch her, machte Gesichter und zeigte allenthalben, nach seiner Art, wie königlich ihn der Zirkel von Menschen gaudierte. Die Schönenthaler glaubten, Gott sei bei uns! der Mensch müsse nicht recht klug sein; Stilling aber und andre, die ihn und sein Wesen besser kannten, meinten oft für Lachen zu bersten, wenn ihm einer mit starren und gleichsam bemitleidenden Augen ansah, und er dann mit großem hellem Blick ihn darniederschoß.

Diese Szene währte ziemlich tumultuarisch, kaum eine halbe Stunde, als Lavater, Hasenkamp, Collenbusch, der junge Kaufmann, und Stilling zusammen aufbrachen, und in der heiter strahlenden Abendsonne das paradiesische Tal hinaufwanderten, um den oben berührten vortrefflichen Theodor Müller zu besuchen.

Dieser Spaziergang ist Stillingen unvergeßlich, Lavater lernte ihn und er Lavatern kennen, sie redeten viel zusammen und gewannen sich lieb. Vor dem Dorfe, in welchem Müller wohnte, kehrte Stilling mit seinem Freunde wieder um und nach Schönenthal zurück, während der Zeit waren Goethe und Juvenal nach Rüsselstein verreist, des andern Morgens kam Lavater wieder, er besuchte Stilling, ließ ihn für seine Physiognomik zeichnen, und reiste dann wieder fort.

Dieser merkwürdige Zeitpunkt in Stillings Leben mußte umständlich berührt werden; er änderte zwar nichts in seinen Umständen, aber er legte den Grund zu allerhand wichtigen Lenkungen seiner künftigen Schicksale. Noch eins habe ich vergessen zu bemerken. Goethe nahm den Aufsatz von Stillings Lebensgeschichte mit, um ihn zu Hause mit Muße lesen zu können: wir werden an seinem Ort finden, wie vortrefflich dieser geringscheinende Zufall, und also Goethens Besuch, von der Vorsehung benutzt worden.

 << Kapitel 4  Kapitel 6 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.