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Henrich Stillings häusliches Leben / 1

Johann Heinrich Jung-Stilling: Henrich Stillings häusliches Leben / 1 - Kapitel 4
Quellenangabe
typeautobio
booktitleHenrich Stillings Jugend, Jünglingsjahre, Wanderschaft und häsliches Leben
authorJohann Heinrich Jung-Stilling
year1997
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-000662-7
titleHenrich Stillings häusliches Leben / 1
pages303-363
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1789
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Warum soll ich ihn nicht nennen – den edlen Mann, den auserwählten unter Tausenden, den seligen Theodor Müller? – er war der Vater, der Ratgeber aller seiner Gemeindsglieder, der kluge, sanfte, unaussprechlich tätige Knecht Gottes, ohne Pietist zu sein; kurz, er war ein Jünger Jesus im vollen Sinn des Worts. Sein Prinzipal forderte ihn früh ab, gewiß um ihn über viel zu setzen. Lavater besang seinen Tod, die Armen beweinten, und die Reichen betrauerten ihn. Heilig sei mir dein Rest, du Samkorn am Tage der Wiederbringung!

Diesem edlen Manne klagte die arme Blinde ihre Not und sie verklagte zugleich den Doktor Stilling; Müller schrieb ihm daher einen dringenden Brief, in welchem er ihm alle die glücklichen Folgen vorstellte, welche diese Operation nach sich ziehen würde, im Fall sie gelänge, dagegen schilderte er ihm auch die unbeträchtliche Folgen, im Fall des Mißlingens. Stilling lief in der Not seines Herzens zu Dinkler und Troost, beide rieten ihm ernstlich zur Operation, und der erste versprach sogar mitzugehen und ihm beizustehen; dies machte ihm einigen Mut und er entschloß sich mit Zittern und Zagen dazu.

Zu dem allen kam noch ein Umstand, Stilling hatte die Ausziehung des grauen Stars bei Lobstein zu Straßburg vorzüglich gelernt, sich auch bei Bogner die Instrumente machen lassen, denn damals war er willens, diese vortreffliche und wohltätige Heilung noch mit seinen übrigen Augenkuren zu verbinden; als er aber selbst praktischer Arzt wurde und all das Elend einsehen lernte, welches auf mißlungene Krankenbedienung folgte, so wurde er äußerst zaghaft, er durfte nichts wagen, daher verging ihm alle Lust, den Star zu operieren, und das alles war auch eine Hauptursache mit, warum er nicht so viel ausrichten konnte, wenigstens nicht so viel auszurichten schiene, als andre seiner Kollegen, die alles unternahmen, fortwürkten, auch manchmal erbärmlich auf die Nase fielen, sich aber doch wieder aufrafften und bei alledem weiterkamen, wie er.

Stilling schrieb also an Müllern, daß er den und den Tag mit Herrn Doktor Dinkler kommen würde, um die Frau zu operieren; beide machten sich demnach des Morgens auf den Weg und wanderten nach dem Dorfe hin; Dinkler sprach Stillingen allen möglichen Mut ein, aber es half wenig. Sie kamen endlich im Dorf an, und gingen in Müllers Haus, auch dieser sprach ihm Trost zu, und nun wurde die Frau nebst dem Wundarzt geholt, der ihr den Kopf halten mußte; als nun alles bereit war und die Frau saß, so setzte sich Stilling vor ihr, mit Zittern nahm er das Starmesser und drückte es am gehörigen Ort ins Auge; als aber die Patientin dabei, wie natürlich ist, etwas mit dem Odem zuckte, so zuckte Stilling auch das Messer wieder heraus, daher floß die wässerichte Feuchtigkeit durch die Wunde die Wange herunter, und das vordere Auge fiel zusammen. Stilling nahm also die krumme Schere und brachte sie mit dem einen Schenkel glücklich in die Wunde und nun schnitte er ordentlich unten herum, den halben Zirkel, wie gewöhnlich, als er aber recht zusah, so fand er, daß er den Stern oder die Regenbogenhaut mit zerschnitten hatte; er erschrak, aber was war zu tun? – er schwieg still und seufzte. In dem Augenblick fiel die Starlinse durch die Wunde über den Backen herunter und die Frau rief in höchster Entzückung der Freude: »O Herr Doktor, ich sehe Ihr Gesicht, ich sehe Ihnen das Schwarze in den Augen.« Alles jubilierte, Stilling verband nun das Auge, und heilte sie glücklich, sie sahe mit dem Auge vortrefflich; einige Wochen nachher operierte er auch das andre Auge mit der linken Hand, jetzt ging's ordentlich, denn nun hatte er mehr Mut, er heilte auch dieses und so wurde die Frau wieder vollkommen sehend. Dieses gab nun einen Ruf, so daß mehrere Blinde kamen, die er alle der Reihe nach glücklich operierte; nur selten mißlung ihm einer. Bei allem dem war das doch sonderbar; diese wichtige Kuren trugen ihm selten etwas ein, die mehresten waren arm, denn diese operierte er umsonst, und nur selten kam jemand, der etwas bezahlen konnte, seine Umstände wurden also wenig gebessert. Sogar nahmen viele dadurch Anlaß, ihn mit Operateurs und Quacksalbern in eine Klasse zu setzen. »Gebt nur acht!« sagten sie, »bald wird er anfangen von Stadt zu Stadt zu ziehen und einen Orden anzuhängen!«

Im folgenden Herbst im September kam die Frau eines der vornehmsten und reichsten und zugleich sehr braven Kaufmannes, oder vielmehr Kapitalisten in Schönenthal zum erstenmal ins Kindbett; die Geburt war sehr schwer, die arme Kreißende hatte schon zweimal vierundzwanzig Stunden in den Wehen gelegen und sich abgearbeitet; ohne daß sich noch die geringste Hoffnung zur Entbindung zeigte. Herr Doktor Dinkler, als Hausarzt, schlug Stillingen zur Hülfe vor, er wurde also auch gerufen; dies war des Abends um 6 Uhr. Nachdem er die Sache gehörig untersucht hatte, so fand er, daß das Angesicht des Kindes oberwärts gerichtet, und daß der Kopf gegen die Durchmesser des Beckens so groß war, daß er sich nicht einmal die Zange anzulegen traute; er sahe also keinen andern Weg, als auf der Fontenelle den Kopf zu öffnen, dann ihn zusammenzudrücken und es so herauszuziehen; denn an den Kaiserschnitt war nicht zu denken, besonders da die gegründete Vermutung da war, das Kind sei schon tot. Um sich davon noch gewisser zu überzeugen, wartete er bis den Abend um neun Uhr, jetzt fand er den Kopf welk und zusammengefallen, er fühlte auch keine Spuren des Pulses mehr auf der Fontenelle, er folgte also seinem Vorsatz, öffnete den Kopf, preßte ihn zusammen und bei der ersten Wehe wurde das Kind geboren. Alles ging hernach gut vonstatten, die Frau Kindbetterin wurde bald wieder vollkommen gesund. Was dergleichen Arbeiten den empfindsamen Stilling für Herzensangst, Tränen, Mühe und Mitleiden kosteten, das läßt sich nicht beschreiben, allein er fühlte seine Pflicht, er mußte fort, wenn er gerufen wurde; er erschrak daher, daß ihm das Herz pochte, wenn man des Nachts an seiner Tür klopfte, und dieses hat sich so fest in seine Nerven verwebt, daß er noch auf die heutige Stunde zusammenfährt, wenn des Nachts an seiner Tür geklopft wird, ob er gleich gewiß weiß, daß man ihn nicht mehr zu Kindbetterinnen ruft.

Dieser Vorfall erweckte ihm zum erstenmal bei allen Schönenthalern Hochachtung, jetzt sahe er freundliche Gesichter in Menge, aber es währte nicht lange, denn etwa drei Wochen hernach kam ein Reskript vom Medizinalkollegium zu Rüsselstein, in welchem ihm befohlen wurde, sich vor der Hand aller Geburtshülfe zu enthalten und sich vor dem Kollegium zum Examen in diesem Fach zu melden. Stilling stand wie vom Donner gerührt, er begriff von dem allem kein Wort, bis er endlich erfuhr, daß jemand seine Geburtshülfe bei obiger Kindbetterin in einem sehr nachteiligen Lichte berichtet habe.

Er machte sich also auf den Weg nach Rüsselstein, wo er bei seinem Freund Vollkraft, seinem edlen Weibe, die wenige ihresgleichen hatte, und bei seinen vortrefflichen Geschwistern einkehrte; diese Erquickung war ihm bei seinen traurigen Umständen auch nötig. Nun verfügte er sich zu einem von den Medizinalräten, der ihn sehr höhnisch mit den Worten empfing: »Ich höre, Sie stechen auch den Leuten die Augen aus?« »Nein«, antwortete Stilling, »aber ich habe verschiedene glücklich am Star operiert.«

»Das ist nicht wahr«, sagte der Rat trotzig; »Sie lügen das!« »Nein«, versetzte Stilling, mit Feuer und Glut in den Augen, »ich lüge nicht, ich kann Zeugen auftreten lassen, die das unwidersprechlich beweisen; überdas kenne ich den Respekt, den ich Ihnen als einem meiner Vorgesetzten schuldig bin, sonst würde ich Ihnen in dem nämlichen Ton antworten. Eine graduierte Person, die allenthalben ihre Pflicht zu erfüllen sucht, verdient auch von ihrer Obrigkeit Achtung.« Der Medizinalrat lachte ihm unter die Augen und sagte: »Heißt das seine Pflichten erfüllen, wenn man Kinder umbringt!«

Jetzt ward es Stillingen dunkel vor den Augen, er wurde blaß, trat näher und versetzte, »Herr! – sagen Sie das nicht noch einmal –« damit aber fühlte er seine ganze Lage und seine Abhängigkeit von diesem schrecklichen Manne, er sank also zurück auf einen Stuhl, und weinte wie ein Kind; dies diente nun zu weiter nichts, als daß er desto mehr gehöhnt wurde; er stund also auf und ging fort. Damit man nun im Vollkraftschen Hause seinen Kummer nicht zu sehr merken möchte, so spazierte er eine Weile auf dem Wall herum, dann ging er ins Haus, und schien munterer, als er war. Die Ursache, warum er Herrn Vollkraft nicht alles sagte und klagte, lag in seiner Natur, denn so offenherzig er in allen Glücksfällen war, so sehr verschwieg er alles, was er zu leiden hatte. Der Grund dazu war ein hoher Grad von Selbstliebe und Schonung seiner Freunde. Gewissen Leuten aber, die von dergleichen Führungen Erfahrung hatten, konnte er alles sagen, alles entdecken; diese Erscheinung hatte aber noch einen tiefern Grund, den er erst lange nachher bemerkt hat: vernünftige, scharfsichtige Leute konnten nicht so gerade alles, wie er, für göttliche Führung halten; daran zweifelte niemand, daß ihn die Vorsehung besonders und zu großen Zwecken führe; ob aber nicht auch bei seiner Heirat, bei allerhand Schicksalen und Bestimmungen viel Menschliches mit untergelaufen sei? das war eine andre Frage, die jeder philosophische Kopf mit einem lauten Ja beantwortete; das konnte nun Stilling damals durchaus nicht ertragen, er glaubte es besser zu wissen, und eigentlich darum schwieg er. Der Verfolg dieser Geschichte wird's zeigen, inwiefern jene Leute Recht oder Unrecht hatten. Doch ich lenke wieder ein auf meinem Wege.

Das Medizinalkollegium setzte nun die Termine zum Examen in der Geburtshülfe und zur Entscheidung wegen der Entbindung jener Schönenthaler Frauen an. Im Examen wurden ihm die verfänglichsten Fragen vorgelegt, er bestand aber dem allen ungeachtet wohl, nun wurde auch die Maschine mit der Puppe gebracht, diese sollte er nun herausziehen, aber sie wurde hinter der Gardine festgehalten, so, daß es unmöglich war sie zu bekommen; Stilling sagte das laut, aber er wurde ausgelacht und so bestand er nicht im Examen. Es wurde also dekretiert: er sei zwar in der Theorie ziemlich, aber in der Praxis gar nicht bestanden, es wurde ihm also nur in den höchsten Notfällen gestattet, den Gebärenden Hülfe zu leisten. –

Bei allen diesen verdrießlichen Vorfällen mußte doch Stilling laut lachen, als er das las; und das ganze Publikum lachte mit: man verbot einem für ungeschickt erklärten Manne die Geburtshülfe; nahm aber doch die allergefährlichsten Fälle davon aus, in diesem erlaubte man dem ungeschickten den Beistand. In Ansehung des Entbindungsfalls aber erklärte man Stillingen für den Ursacher des Todes des Kindes, doch verschonte man ihn mit der Bestrafung. Viel Gnade für den armen Doktor – ungestraft morden zu dürfen!

Indessen kränkte ihn doch dieses Dekret tief in der Seele, und er ritt also fort, noch desselben Nachmittags nach Duisburg, um den ganzen Vorfall der medizinischen Fakultät, welcher damals der verehrungwürdige Leidenfrost als Dekanus vorstand, vorzulegen. Hier wurde er für vollkommen unschuldig erklärt, und er erhielt ein Responsum, das seine Ehre gänzlich wiederherstellte; dieses Responsum publizierte der Mann der entbundenen Frau auf dem Schönenthaler Rathause selbst. Indessen fiel doch der Wert dieser Kur durch den ganzen Hergang um vieles, und Stillings Feinde nahmen daher Anlaß wieder recht zu lästern.

Stillings glückliche Starkuren hatten indessen viel Aufsehen verursacht, und ein gewisser Freund ließ sogar in der Frankfurter Zeitung eine Nachricht davon einrücken. Nun war aber auf der Universität zu Marburg ein sehr rechtschaffener und geschickter Lehrer der Rechtsgelehrsamkeit, der Herr Professor Sorber, welcher schon drei Jahre am grauen Star blind war; diesem wurde die Zeitungsnachricht vorgelesen; in dem Augenblick empfand er den Trieb bei sich, die weite Reise nach Schönenthal zu machen, um sich von Stilling operieren und kurieren zu lassen. Er kam also im Jahre 1774 am Ende des Aprils mit seiner Eheliebsten und zweien Töchtern an, und Stilling operierte ihn im Anfang des Mais glücklich; auch ging die Kur dergestalt vonstatten, daß der Patient sein Gesicht vollkommen wiederbekam und noch bis heute sein Lehramt rühmlich vorstehet. Während der Zeit kam Christine zum zweitenmal ins Kindbett und sie gebar einen Sohn; außer den schrecklichen Zufällen bei dem Milchfieber ging alles glücklich vonstatten.

Nun lag Stillingen noch eins am Herzen: er wünschte seinen Vater nach so langer Zeit einmal wiederzusehen; als Doktor hatte er ihn noch nicht gesprochen und seine Gattin kannte ihn noch gar nicht. Nun lud er den würdigen Mann zwar öfters ein, Wilhelm hatte auch oft versprochen zu kommen, allein es verschob sich immer, und so wurde nichts draus. Jetzt aber versuchte Stilling das äußerste: er schrieb nämlich, daß er ihn an einem bestimmten Tage den halben Weg bis Meinerzhagen entgegenreiten und ihn dort abholen wolle. Dies tat Würkung; Wilhelm Stilling machte sich also zu rechter Zeit auf den Weg, und so trafen sie beide in dem bestimmten Gasthause zu Meinerzhagen an; sie wankten sich zur Umarmung entgegen, und die Gefühle lassen sich nicht aussprechen, welche beiden das Herz bestürmten. Mit einzelnen Tönen gab Wilhelm seine Freude, daß sein und Dortchens Sohn nun das Ziel seiner Bestimmung erreicht habe, zu erkennen; er weinte und lachte wechselsweise, und sein Sohn hütete sich wohl, nur das geringste von seinen schweren Leiden, seinen zweifelhaften Glücksumständen und den Schwierigkeiten in seinem Beruf zu entdecken; denn dadurch würde er seinem Vater die ganze Freude verdorben haben. Indessen fühlte er seinen Kummer um desto stärker, es kränkte ihn, nicht so glücklich zu sein, als ihn sein Vater schätzte, und er zweifelte auch, daß er's je werden würde; denn er hielt sich immer für einen Mann, der von Gott zur Arzeneikunde bestimmt sei, mithin bei diesem Beruf bleiben müsse, ungeachtet er anfing, Mißvergnügen daran zu haben, weil er auf einer Seite so wenig Grund und Boden in dieser Wissenschaft fand, und dann, weil sie ihn, wenn er als ein ehrlicher Mann zu Werk gehen wollte, nicht nährte, geschweige das Glück seiner Familie gründete.

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