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Henrich Stillings häusliches Leben / 1

Johann Heinrich Jung-Stilling: Henrich Stillings häusliches Leben / 1 - Kapitel 2
Quellenangabe
typeautobio
booktitleHenrich Stillings Jugend, Jünglingsjahre, Wanderschaft und häsliches Leben
authorJohann Heinrich Jung-Stilling
year1997
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-000662-7
titleHenrich Stillings häusliches Leben / 1
pages303-363
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1789
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Ich kann hier dem Drang meines Herzens nicht wehren, jungen Ärzten eine Lehre und Warnung mitzuteilen, die aus vielen Erfahrungen abstrahiert ist, und die auch dem Publikum, welches sich solchen unerfahrnen Männern anvertrauen muß, nützlich sein kann: Wenn der Jüngling auf die Universität kommt, so ist gemeiniglich sein erster Gedanke, bald fertig zu werden; denn das Studieren kostet Geld, und man will doch auch gern bald sein eigenes Brot essen; die nötigsten Hülfswissenschaften: Kenntnis der griechischen und lateinischen Sprache, Mathematik, Physik, Chemie und Naturgeschichte, werden versäumt, oder wenigstens nicht gründlich genug studiert; im Gegenteil verschwendet man die Zeit mit subtilen anatomischen Grübeleien, hört dann die übrigen Kollegien handwerksmäßig, und eilt nun ans Krankenbett. Hier aber findet man alles ganz anders, man weiß wenig oder nichts vom geheimen Gang der Natur und soll doch alles wissen; der junge Arzt schämt sich seine Unkunde zu gestehen, er schwadroniert also ein Galimathias daher, wobei dem erfahrnen Praktiker die Ohren gellen, setzt sich hin, und verschreibt etwas nach seiner Phantasie; wenn er nun noch einigermaßen Gewissen hat, so wählt er Mittel, die wenigstens nicht schaden können, allein wie oft wird dadurch der wichtigste Zeitpunkt versäumt, wo man nützlich wirken könnte? – und über das alles glaubt man manchmal etwas Unschädliches verschrieben zu haben, und bedenkt nicht, daß man doch auch dadurch noch schaden könne, weil man die Krankheit nicht kennt! –

Durchaus sollten also die Jünglinge nach vollständig erlangten Kenntnissen der Hülfswissenschaften, die Wundarzenei aus dem Grunde studieren: denn diese enthält die zuverlässigsten Erkenntnisgründe, aus welchen man nach der Analogie auf die innern Krankheiten schließen kann; dann müßten sie mit dem Lehrer der praktischen Arzneikunde, der aber selbst ein sehr guter Arzt sein muß, am Krankenbett die Natur studieren, und dann endlich, aber man merke wohl! unter der Leitung eines geschickten Mannes, ihr höchst wichtiges Amt antreten! – Gott! wo fehlt es wohl mehr, als in der Einrichtung des Medizinalwesens, und in der dazu gehörigen Polizei? –

Diese erste Kur machte ein großes Geräusch, nun kamen Blinde, Lahme, Krüppel und unheilbare Kranke von aller Art, allein Dippels Öl half nicht allen, und für andere Schäden hatte Stilling noch kein solches Spezifikum gefunden; der Zulauf ließ also wieder nach, doch kam er nun in eine ordentliche Praxis, die ihm den notwendigsten Unterhalt verschaffte. Seine Kollegen fingen indessen an über ihn loszuziehen, denn sie hielten die Kur für Quacksalberei und machten das Publikum ahnden, daß er ein großer Scharlatan sein, und werden würde. Dieses vorläufige Gerüchte kam nun auch nach Rüsselstein ans Medizinalkollegium, und brachte den Räten in demselben nachteilige Ideen von ihm bei, er wurde dahin zum Examen gefordert, in welchem er ziemlich hergenommen wurde, doch bestand er trotz allen Versuchen der Schikane so, daß niemand etwas an ihm haben konnte, er bekam also das Patent eines privilegierten Arztes.

Gleich von Anfang dieses Sommers machte Stilling bekannt, daß er den jungen Wundärzten und Barbiergesellen ein Kollegium über die Physiologie lesen wolle, dieses kam zustande, die Herren Dinkler und Troost besuchten diese Stunde selbst fleißig, und von der Zeit an hat er fast ununterbrochen Kollegia gelesen, wenn er öffentlich redete, dann war er in seinem Element, über dem Sprechen entwickelten sich seine Begriffe so, daß er oft nicht Worte genug finden konnte, um alles auszudrücken, seine ganze Existenz heiterte sich auf und ward zu lauter Leben und Darstellung. Ich sage das nicht aus Ruhmsucht, das weiß Gott, er hatte ihm das Talent gegeben, Stilling hatte nichts dabei getan, seine Freunde ahndeten oft, er würde dereinst noch öffentlicher Lehrer werden. Dann seufzte er bei sich selbst, und wünschte, aber er sahe keinen Weg vor sich, wie er diese Stufe würde ersteigen können.

Kaum hatte Stilling etliche Wochen unter solchen Geschäften zugebracht, als auf einmal die schwere Hand des Allmächtigen wiederum die Rute zuckte und schrecklich auf ihn zuschlug. Christine fing an zu trauren und krank zu werden, nach und nach fanden sich ihre fürchterlichen Zufälle in all ihrer Stärke wieder ein, sie bekam langwierige heftige Zuckungen, die manchmal stundenlang dauerten und den armen schwächlichen Körper dergestalt zusammenzogen, daß es erbärmlich anzusehen war; oft warfen sie die Konvulsionen aus dem Bett heraus, wobei sie so schrie, daß man's etliche Häuser weit in der Nachbarschaft hören konnte; dieses währte etliche Wochen fort, als ihre Umstände zusehends gefährlicher wurden. Stilling sahe sie für vollkommen hektisch an, denn sie hatte wirklich alle Symptomen der Lungensucht, jetzt fing er an zu zagen und mit Gott zu ringen, alle seine Kräfte erlagen, und diese neue Gattung von Kummer, ein Weib zu verlieren, das er so zärtlich liebte, schnitt ihm tiefe Wunden ins Herz, dazu kamen noch täglich neue Nahrungssorgen, er hatte an einem solchen blühenden Handelsort keinen Kredit, zudem war alles sehr teuer und die Lebensart kostbar; mit jedem Erwachen des Morgens fiel ihm die Frage wie ein Zentner schwer aufs Herz, wirst du auch diesen Tag dein Auskommen finden? denn der Fall war sehr selten, daß er zween Tage Geldvorrat hatte, freilich stunden ihm seine Erfahrungen und Glaubensproben deutlich vor Augen, aber er sahe denn doch täglich noch frömmere Leute, die mit dem bittersten Mangel rungen, und kaum Brot genug hatten den Hunger zu stillen; was konnte ihn also anders trösten als ein unbedingtes Hingeben an die Barmherzigkeit des himmlischen Vaters, der ihn nicht würde über Vermögen versucht werden lassen?

Dazu kam noch ein Umstand: er hatte den Grundsatz, daß jeder Christ, und besonders der Arzt, ohne zu vernünfteln, bloß im Vertrauen auf Gott wohltätig sein müsse; dadurch beging er nun den großen Fehler, daß er den geheimen Hausarmen öfters die Arzneimittel in der Apotheke auf seine Rechnung machen ließ, und sich daher in Schulden steckte, die ihm hernach manchen Kummer machten; auch kam es ihm nicht darauf an, bei solchen Gelegenheiten das Geld, welches er eingenommen hatte, hinzugeben. Ich kann nicht sagen, daß in solchen Fällen innerer Trieb zur Wohltätigkeit seine Handlungen leitete, nein! es war auch ein gewisser Leichtsinn und Nichtachtung des Geldes damit verbunden; welche Schwäche des Charakters Stilling damals noch nicht recht kannte, aber endlich durch viele schwere Proben gnugsam kennenlernte. Daß er auf diese Weise eine sehr ausgebreitete Praxis bekam, ist kein Wunder, er hatte überflüssig zu tun, aber seine Mühe trug wenig ein. Christine härmte sich auch darüber ab, denn sie war sehr sparsam, und er sagte ihr nichts davon, wenn er irgend jemand etwas gab, um keine Vorwürfe zu hören, denn er glaubte gewiß, Gott würde ihn auf andre Weise dafür segnen. Sonst waren beide sehr mäßig in Nahrung und Kleidung, sie begnügten sich bloß mit dem, was der äußerste Wohlstand erforderte.

Christine wurde also immer schlechter, und Stilling glaubte nun gewiß, er würde sie verlieren müssen. An einem Vormittag, als er am Bette saß und ihr aufwartete, fing ihr der Odem auf einmal an stillzustehen, sie reckte die Arme gegen ihren Mann aus, sah ihn mit durchbohrendem Blick an, und hauchte die Worte aus: »Lebe wohl – Engel – Herr erbarme dich meiner – ich sterbe!« Damit starrte sie hin, alle Züge des Todes erschienen in ihrem Gesicht, der Odem stand, sie zuckte, und – Stilling stand wie ein armer Sünder vor seinem Scharfrichter, er fiel endlich über sie her, küßte sie, und rief ihr Worte des Trostes ins Ohr, allein sie war ohne Bewußtsein; in dem Augenblick als nun Stilling Hülfe rufen wollte, kam sie wieder zu sich selbst; sie war viel besser und merklich erleichtert. Stilling hatte bei weitem noch nicht medizinische Erfahrung genug, um alle die Rollen zu kennen, welche das schreckliche hysterische Übel in so schwächlichen und reizbaren Körpern zu spielen pflegt; daher kam's, daß er so oft in Angst und Schrecken gesetzt wurde. Christine starb also nicht, aber sie blieb noch gefährlich krank und die fürchterlichen Paroxismen dauerten immer fort, sein Leben war daher eine immerwährende Folter und jeder Tag hatte neue Martern für ihn und seine Gattin in Bereitschaft.

Gerade in dieser schweren Prüfungszeit kam ein Bote von einem Ort, der fünf Stunden weit von Schönenthal entlegen war, um ihn zu einer reichen und vornehmen Person zu holen, welche an einer langwierigen Krankheit darniederlag; so schwer es ihm auch ankam seine eigene Frau in diesem trübseligen Zustand zu verlassen, so sehr fühlte er doch die Pflicht seines Amts, und da die Umstände jener Patientin nicht gefährlich waren, schickte er den Boten wieder fort und versprach den andern Tag zu kommen; er richtete also seine Sachen darnach ein, um einen Tag abwesend sein zu können. Des Abends um sieben Uhr schickte er die Magd fort um eine Flasche Malaga zu holen, denn mit diesem Wein konnte sich Christine erquicken; wenn sie nur einige Tropfen nahm, so fand sie sich gestärkt. Nun war aber Christinens jüngere Schwester, ein Mädchen von 13 Jahren gerade da, um die Kranke zu besuchen, diese ging also mit der Magd fort um den Wein zu holen. Stilling empfahl den Mädchen ernstlich bald wiederzukommen, weil noch Verschiedenes zu tun und auf seine morgende Reise zuzurüsten sei, indessen geschah es nicht; der schöne Sommerabend verführte die ohnehin so leichtsinnige Magd spazierenzugehen, daher kamen sie erst um neun Uhr nach Haus. Stilling hatte also seiner Frauen das Bett machen, und allerhand Arbeiten selbst verrichten müssen, beide waren daher mit Recht verdrüßlich. Sowie die Magd zur Tür hereintrat, fing Stilling in einem sanften aber ernsten Ton an ihr Ermahnungen zu geben und sie an ihre Pflichten zu erinnern; die Magd schwieg still und ging mit der Jungfer Friedenberg die Treppe hinab in die Küche. Nach einer kleinen Weile hörten sie beide eine dumpfe, schreckliche und fürchterliche Stimme und zugleich das Hülferufen der Schwester. Die ohnehin schauerliche Abenddämmerung und dann der schreckliche Ton, machten einen solchen Eindruck, daß Stilling selbst eiskalt über den ganzen Leib wurde, die Kranke aber schrie überlaut für Schrecken. Stilling lief indessen die Treppe hinab um zu sehen was vorging. Da fand er nun die Magd mit fliegenden Haaren am Waschstein stehen, und wie eine Unsinnige jenen scheußlichen Ton von sich geben, der Geifer floß ihr aus dem Mund und sie sahe aus wie eine Furie.

Nun überlief Stillingen der Ingrimm, er griff die Magd am Arm, drehte sie herum und sagte ihr mit Nachdruck: »Großer Gott! was macht Sie? – welcher Satan treibt Sie, mich in meinen traurigen Umständen so zu martern – hat Sie denn kein menschliches Gefühl mehr?« – Dies war nun Öl ins Feuer gegossen, sie krisch konvulsivisch, riß sich los, fiel hin, und bekam die fallende Sucht auf die schrecklichste Weise; in dem nämlichen Augenblick hörte er auch Christine die fürchterlichsten Töne ausstoßen, er lief also die Treppe hinauf und fand in der Dämmerung seine Frau in der allerschrecklichsten Lage, sie hatte alles Bettwerk herausgeworfen, und wühlte krämpficht unten im Stroh, alle Besonnenheit war fort, sie knirschte, und die Krämpfe zogen ihr den Kopf hinterwärts bis an die Fersen. Jetzt schlugen ihm die Wellen des Jammers über dem Kopf zusammen, er lief hinaus zu den nächsten Nachbarn und alten Freunden und rief mit lautem Wehklagen um Hülfe; Männer und Weiber kamen, und suchten beide Leidende wieder zurechtzubringen, mit der Magd gelung es am ersten, sie kam wieder zu sich selbst, und wurde zu Bette gebracht, Christine aber blieb noch ein paar Stunden in dem betrübten Zustande, dann wurde sie still; nun machte man ihr das Bett und legte sie hinein, sie lag wie ein Schlafender, ganz ohne Bewußtsein und ohne sich ermuntern zu können, darüber wurde es Tag, zwo Nachbarinnen blieben nebst der Schwester bei Christinen und Stilling ritt mit dem schwersten Herzen von der Welt zu seiner Patientin. Als er des Abends wiederkam, so fand er seine Frau noch in der nämlichen Betäubung, und erst des andern Morgens kam sie wieder zu sich selbst.

Jetzt jagte er die boshafte Magd fort und mietete eine andere. Nun verzog sich auch das Gewitter für diesmal, Christine wurde wieder gesund, und es fand sich, daß alle diese schreckliche Zufälle Folgen einer anfangenden Schwangerschaft gewesen waren. Den folgenden Herbst hatte sie wieder mit einer eiternden Brust zu tun, welche abermals viele schwere Umstände veranlaßte, außerdem war sie während der Zeit recht gesund und munter.

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