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Hellstädt und andere Erzählungen

Louise von François: Hellstädt und andere Erzählungen - Kapitel 9
Quellenangabe
authorLouise von François
titleHellstädt und andere Erzählungen
publisherVerlag von Otto Janke
year1874
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20171120
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Achtes Capitel.
Das Tischrücken.

Im neuen Hause hatte während dessen rege Geschäftigkeit gewaltet. Das große Wohnzimmer neben der Halle war mit Tannenreis ausgekleidet, Behänge von Moos und Buxbaum zogen sich quer von Wand – zu Wand. Was von Leuchtern und Lampen unter der Gastfreundschaft auszutreiben gewesen, flackerte auf einem künstlichen Lattensims und über der That schimmerte durch buntes Papier ein »Vivat Hellstädt!« Alle Mobilien waren ausgeräumt, den ganzen Raum füllte eine hufeisenförmige Tafel sauber gedeckt und voll zum Brechen beladen mit den Schüsseln, welche die rückenden Gäste prophetisch in's neue Haus gestiftet hatten.

Vor dem Ehrenplatz in der Mitte ragte des Ortsrichters Schweinskopf, die goldgelbe Citrone im Rüssel; um ihn richten sich Schinken ,Würste und Sülzen, trocken und saftige Fladen in jeglicher Größe und Gestalt; gedreichtes Obst; aber auch noch frisches, Aepfel und Birnen, wie vom Baume gepflückt; sämmtlich von den Nachbarn und Einwohnern für den in Aussicht stehenden Festtag aufgespart. Daneben lockten die ersten Honigscheiben, die der Herr Schulmeister aus seinen Stöcken geschnitten hatte und das köstlich eingemachte Gemisch, das die Frau Pastorin Triolett nannte, den Stolz ihrer Speisekammer. Weiterhin wurden die feinen Salate und Pasteten, mit denen das reiche Rose'sche Haus dem ländlichen Herkommen seinen Tribut gezollt, weniger gewürdigt als angestaunt.

Aber auch der Bescheidenste hatte mit einer Liebesgabe nicht zurückbleiben wollen; dies alte Mütterchen mit einem Ziegenkäse, jenes mit einem Näpfchen Zwetschenmuß, die lahme Flickmieke mit einer saueren Gurke. An Bieren und Weinen diverse Sorten, selber an einem schaumigen Eierpunsch fehlte es nicht; es war ein vielverheißender Tisch, der in das neue Haus gerückt wurde.

Der Herr Pastor memorirte daheim noch an seiner Tafelrede, aber seine Gemahlin und der Herr Ortsrichter hatten sich als Festordner bei Zeiten eingefunden; allmälig sammelten sich die Gäste in feierlichem Abendmahlsstaat. Des knappen Raumes halber hatte aus jedem Hause leider nur eine Deputation und auch diese nur aus Häuptern und Respectspersonen erwählt, entsendet werden können; genug, daß auch die ärmste Hütte nicht ohne Vertreter war.

Die Jugend erhoffte ihr Theil erst nach dem Mahl. Zur Zeit begnügte sie sich, unter der Hallenthür, oder außen an den Fenstern zu lugen; auch hatten einige Auserwählte das Amt, die Aufwartung bei Tafel zu versehen und es an Nöthigen und Anpreisen der Schüsseln nicht fehlen zu lassen. Die Dienstboten des Hauses blieben unsichtbar, da ihnen wie allen anderen Hofarbeitern, gleichzeitig der Tisch in's neue Haus gerückt wurde. Nur daß in der Gesindestube nicht die Gemeinde, sondern die Herrschaft Festgeberin war.

Sobald die Gesellschaft sich vollzählig versammelt hatte, erschien Stephan Hellstädt, seine alte Schwiegermutter am Arm, gefolgt von Charitas und seinen Gästen. Ein donnerndes »Gott gesegne's!« schallte ihm entgegen. »Im Neuen wie im Alten!« setzte männiglich hinzu, als die Reihe rund mit kräftigem Handschlag das Habdank gesprochen wurde. Dann ohne Verzug, ging's an die Hauptsache. Nur dem Hausherrn ward sein Platz angewiesen, der Ehrenplatz hinter dem Schweinskopf zwischen Frau Pastorin und dem Herrn Schulzen. Alle Uebrigen reihten sich sonder Rangordnung nach Belieben und Gelegenheit.

Charitas hatte für die Großmutter und sich selbst, um beim etwaigen Ausspannen der alten Frau ein Gedränge zu vermeiden, die untersten Plätze, nahe der Thür in Beschlag genommen; auf ihrer anderen Seite saß Klaus, in friedlichster Pathenlaune, da sein Erzfeind sich nicht blicken ließ. Das gute Mädchen hatte so viel zu thun, ihren beiden Nachbarn die Bissen zu zerlegen und die Gläser zu füllen, daß es selber kaum zum Kosten kam. Auch Freund Stern, zu des Gänsehirten Linken, raubte die helle Lust den Appetit. Die jungen Epauletten waren zu dem alten Kreuz rasch in Pathenschaft getreten; mit der Nachbarin zur Rechten aber in eine Vertraulichkeit, wie sie dem liebesscrupulösen Janitscharensohne gar nicht zuzutrauen gewesen wäre. Jede neckische Schelmerei des Bruders in spe, der mit seiner Schönen dem Paare gegenüber saß, wurde mit gemeinschaftlichem Erröthen, aber ohne ersichtlichen Anstoß erwidert.

Frühzeitiger als von so sehr feinen Herrschaften erwartet werden durfte, stellte auch die Frau Geheimeräthin Trumpf sich ein, am Arme des neuritterlichen Barons, des Einzigen, – den Herrn Pastor selbstredend ausgenommen, – welcher die Tafelrunde des neuen Hauses im schwarzen Frack und sogar weißer Cravatte verherrlichte.

»So patriarchalische Bräuche thun meinem Gemüthe wohl,« lispelte im Vorüberstreifen Frau Rosanna dem Erben von Hellstädt zu.

Das chronikalische Gewissen heischt indessen die Erwähnung, daß an der Seite zweier biderben Nachbarn von Hellstädt nicht nur der Dame nachmittägiges Echauffement sichtbar verdampfte, sondern, leider! auch daß das Blut Jungfer Hanne Rosinens bedenkliche Blasen zu treiben begann. Sie aß hellstädter Wurst mit so gutem Appetit und machte hellstädter Späße mit so gutem Humor, als ob sie niemals im Geiste die Erbburg der Trumpf für ihren Adolar wieder aufgebaut und niemals parfümirte Billets mit der Gräfin Horn Bock gewechselt hätte.

Das Fest vernahm einen munteren Verlauf. Einzig und allein Herr Rose junior schien nichts weniger als in seinem Esse. Die Nachbarschaft der stylvollen Schönheit war vergeben, seine künstlerischen Expectorationen fanden schwachen Widerhall und der hellstädter Rebensaft kratzte das unschätzbare Metall in seiner Kehle. Seine schöne Schwester dahingegen saß zwischen ihren beiden Verehrern wie die Perle im Golde. »Was der Gesellschaft an Witz gebricht, ersetzt sie sich durch Lachen,« citirte sie in geläufig originaler Mundart, lachte selber mit der Gesellschaft um die Wette und sprühte Funken wie ein gestreicheltes Kätzchen.

Auch Heinrich war froh gelaunt. Die heimische Würze der Speisen weckte seine Knabengelüste und die Blitzaugen der schönen Oelgräfin zündeten Phantasieen der Zukunft an. »Würden Sie gern auf dem Lande leben?« fragte er gegen Ende der Tafel seine Nachbarin.

»In schöner Gegend und guter Jahreszeit ganz gern,« antwortete sie.

»Auch in Hellstädt?«

»Unter einem einzigen Verhältniß – auch da.«

Brauchte dies einzige Verhältniß näher bezeichnet zu werden? Sein Herz klopfte, als er ihren Blumenstrauß, mit dem er eine Weile nachdenklich gespielt, – Herr von Speck hatte ihn in seinen Treibhäusern gepflückt, diesmal einen Rosenstrauß! – in ihre Hand zurücklegte und einen leisen Gegendruck der feinen Fingerspitzen zu spüren glaubte. Eine entscheidende Frage schwebte auf seinen Lippen; er begegnete einem Blicke Sterns; beide errötheten.

Da wurde an der oberen Tafel an das Glas geschlagen; der Herr Pastor hatte sich erhoben, um den Trinkspruch auf die Insassen des neuen Hauses feierlich auszubringen. Messer und Gabeln wurden niedergelegt, die Hände gefaltet wie zum Gebet. Auch Heinrich schwieg. Das entscheidende Wort wurde verschoben, wenngleich Fräulein Liberte aufmunternd ihm in's Ohr raunte: »Wir werden den Sermon nächsten Sonntag von der Kanzel wörtlich noch einmal vernehmen, uns aber nicht so bequem dabei unterhalten können.«

Sie lehnte sich im Stuhle zurück, hielt ihren Strauß wie einen Fächer vor das Gesicht und flüsterte nach kurzer Stille und einem Blick auf das gegenübersitzende Paar:

»Freundin Therese und Freund Conrad schauen sich verfänglich tief in die Augen.«

»Wohl ihnen!« versetzte Heinrich leise. »Ein Fünkchen Lebensfreude thut Beiden Noth.«

»Und wenn ihnen das Fünkchen ausgeblasen wird?«

»Warum sollte es nicht eher zu einem wärmenden Heerdfeuer angefacht werden? Stern ist für meine Schwester wie geschaffen, der beste Mensch, den ich kenne.«

»Aber arm wie Hiob.«

»Therese ist anspruchslos erzogen und das Glück des Herzens – –«

»Schwindet wie ein Phantom in bedrückender Enge.«

»Nicht immer, meine ich.«

»Immer! meine ich.«

Dem verwöhnten Kinde durfte eine Dosis Uebermuth zu Gute gehalten werden; und hatte denn ohne Uebermuth der unverwöhnte Kamerad nicht das Nämliche behauptet? Es war daher wohl mehr der Bruder, als der Verehrer, den dieses unumwundene »Immer«! heimlich verstimmte.

»Sie würden nie einen Mann wie Stern geheirathet haben?« fragte er. Sie lachte fast laut hinter ihrem Strauß.

»Einen wie Stern, nein gewiß nicht,« sagte sie.

Auch Heinrich belustigte die Combination Liberte-Stern. »Ich meine einen armen Mann,« verbesserte er.

Sie zögerte einen Moment, dann versetzte sie: »Wenn ich ihn sehr lieb hätte, da ich selber reich bin, – vielleicht.«

»Wenn Sie es aber nicht wären, Liberte?«

»Wenn ich es niemals gewesen wäre, ohne Zweifel. Gleich und Gleich gesellt sich wohl auch in der Noth. Jetzt, wo ich nur aufhören würde, es zu sein, – nein

Heinrich war still, just zur rechten Zeit, um dem Schlußsatz der geistlichen Gesundheit im Herzen beizustimmen: »Daß der Tisch, den wir heute gerückt in's neue Haus, für den Gastfreund, für den dürftigen Bruder, für den Nachfahren von Kind auf Kindeskind gedeckt und gesegnet sei. Amen!«

»Amen!« verhallte es im Chor. Dann schallendes »Hoch!« Die Gäste erhoben sich und schüttelten den Hauswirthen die Hand. In manchem Auge glänzte eine Thräne.

Sobald die Ordnung wieder hergestellt war, klingte Stephan Hellstädt an sein Glas zu Dank und Gegengruß. Er sprach aus tiefbewegtem Herzen.

»Ihr habt,« so sagte er ungefähr, »Ihr habt mir den alten Unterhof ausfichten helfen, da er wüst im Argen lag. Ihr seid mir treue Nachbarn und Freunde gewesen, beiständig in Rath und That, da ich, unerfahren, eine noch größere Verwerthung und Treuwaltung übernahm. Wir haben mitsammen an unserer Heimath gebaut, wir, die Alten, haben mitsammen in ihr und an ihr den größten Wandel ländlicher Verhältnisse seit unvordenklichen Zeiten durchlebt. Der Gutsherr ist nicht mehr ein Oberherr, hat kein Recht mehr über Zeit und Kraft, Gut und Freiheit von Hörigen; die Erbunterthänigen sind seine Gehülfen geworden. Jede Leistung ist gegenseitig. Man hilft und dient sich, dankt und lohnt sich aus freiem Willen. Wir haben ein Gesetz und einen Richter, wir haben eine Pflicht für das Vaterland. Ich preise diesen Zustand einer neuen Ordnung und spüre keine Einbuße durch denselben weder in meinem Eigenthum, noch in dem, was meiner Verantwortung anvertraut war. Unsere Aecker sind handlich zu einander gelegt, Frohnen, Lehne und Zinsen abgelöst und die Advokaten, welche der hadersüchtige Landmann mästet, sind durch uns nicht fett geworden. Auch die Windsbraut, die vor wenig Jahren den Welttheil, bis harsch an unsere Grenze durchbrauste, sie ist nur als fruchtbringendes Wetter über uns hingezogen. Daß das Erbe von Hellstädt unter unseren Augen blüht und gedeiht, unser aller Wohlfahrt, das danken wir nächst dem, welchem jeder erste Dank ge bührt, unserem einträchtigen Schalten. Heute gilt es meiner Tochter Haus, meiner Charitas. Sie ist ein hellstädter Kind und möchte es bleiben. Euch hat sie lieb, hier ist ihre Heimath. Bleibt ihr gute Freunde, wie Ihr es mir gewesen seid, rathet ihr, helft ihr, wenn ich zur Ruhe bin; rathet und helft auch dem Erben, der nach mir das Treugut von Hellstädt verwalten wird, und wie Ihr uns heute den Tisch gerückt in's neue Haus, so walte es Gott, daß noch in spätester Zeit treue Gastfreunde sich um ihn sammeln und ihm Segen wünschen wie heute. Ich danke Euch, meine Nachbarn und trinke auf die Zukunft von Hellstädt.«

Noch einmal erschallte einhelliges Hoch; die Gläser wurden geleert bis auf die Nagelprobe. Dann ward die Tafel aufgehoben. Die Respectspersonen räumten der Jugend den Platz. Nur einzelne fürsorgliche Hausmütter trugen die Ueberbleibsel ihres Eingebrachten heim; die Mehrzahl, es soll zum Ruhme von Hellstädt nicht unerwähnt bleiben, überließen sie neidlos der Speisekammer des neuen Hauses.

Die alte Großmutter hatte rüstig ausgehalten bis zum Letzten. Jetzt verließ sie das Zimmer am Arm ihrer Enkelin. Burschen und Mädchen drangen ein. Im Nu waren die Tafeln geräumt und aus dem Zimmer gerückt, die Brosamen zusammengekehrt, die Dielen mit einem nassen Laken rein gemischt. Das Clavier wurde aus der Halle wieder hereingetragen; ein neues wohlklingendes Instrument, an welchem Charitas mit sanfter Altstimme ihrem Vater ein Abendlied zu singen pflegte. Ihr alter Musikmeister, der Cantor, – er zog diesen Titel dem Schulmeister vor – hob einen Walzer an. Die Paare reihten sich; Heinrich und Liberte an der Spitze, schwebend wie auf residenzlichem Parquet. Nach ihnen trippelnd, trampelnd, rutschend, schwenkend, hopsend, vorn und hinten ausschlagend Hellstädts männlicher und weiblicher Blüthenflor.

Auch der Lieutenant von Stern nahte sich Theresen mit der Entschuldigung: »Ich habe freilich noch niemals getanzt – –«

»Ich auch nicht,« versetzte sie lächelnd, »um so besser werden wir mit einander fortkommen.«

Sie traten an. Der Lieutenant zählte: »eins, zwei, drei,« mit den Fingern den Tact der Musik nachschlagend und war er einmal drin, drehte er sich unerschütterlich, bis Heinrich ihn lachend zur Ruhe rief.

Nun kam ein Rutscher an die Reihe. Heinrich sah sich nach Charitas um, sie war noch nicht in die Gesellschaft zurückgekehrt Erst bei einem späteren Tanze, als Heinrich schon wieder mit der schönen Oelgräfin den Reigen eröffnete, trat sie ein. Herr Gustav Rose stürzte herbei, um sie aufzufordern. Sie dankte freundlich, da sie den armen Herrn Cantor ein wenig ablösen müsse. Ruhig setzte sie sich an das Clavier und fuhr, nach dem Gehör, in der einfachen Weise ihres Meisters fort, während Held Gustav des Alten bereitliegende Geige ergriff und mit kunstvollen Variationen begleitete.

Der wackere Herr Cantor, den nach voraufgegangenem Punschgenuß das Drehensehen einigermaßen wirblich gemacht hatte, fühlte sich bald in der beklagenswerthen Lage, den Rückzug antreten zu müssen; weder Stern noch Heinrich und Therese spielten Clavier; Liberte, die es spielte mit Virtuosität, bedauerte, keinen Tanz auswendig zu wissen; auch Herr Rose junior warf von Zeit zu Zeit die Geige hin, um mit der Schwester, mit Theresen, mit sonst einem drallen hellstädter Kinde eine Tour zu machen: die gute Charitas hielt geduldig die halbe Nacht hindurch aus, wechselte mit ihren kunstlosen Weisen und blickte neidlos lächelnd auf das allseitige Vergnügen.

Die Tanzlust war groß, im entsprechenden Verhältniß zum Behagen der Tafel; selber die Frau Geheimeräthin Trumpf, die als einzige Ballmutter und Ehrendame, dem Feste präsidirte, verschmähte von Zeit zu Zeit es nicht, den jungen Baron, Herrn von Speck und selber ihren unartigen Neveu mit einer Extratour zu beglücken. Auch Pathe Klaus harrte unter der offenen Hallenthür bei dem hellstädter Tanzfeste aus. Als es zehn schlug, verschwand er für eine Weile und von Stunden- zu Stundenschlag verschwand er wieder, kehrte aber regelmäßig, wie eine Schildwacht auf seinen Posten zurück und an die Seite seines neuen Freundes, des Lieutenant von Stern, der nur an der Hand seines tröstenden Engels sich in den ungewohnten Wirbel wagte, in das lustige Pathentreiben.

Mitternacht war vorüber, als unerwartet noch der ältere Rose im neuen Hause erschien, seine Verspätung mit drängenden Geschäften entschuldigend. Die beiden gleichalterigen Notablen von Hellstädt standen eine Weile im leisen Zwiegespräch unter der Thür, die in des Hausherrn Privatzimmer führte. Stephan Hellstädt's behäbig sich im Gleichmaß bewegende Gestalt, welch' ein Widerspiel mit des Müllers unstät durchwühlten und doch kalten, abgezehrten Zügen! »Arbeit nährt, Wucher zehrt!« sagte Pathe Klaus zu Stern, welcher die vorstehende Bemerkung gemacht hatte.

Und als ob er sich fürchtete, im Angesicht seines Erzfeindes noch zum Freudenstörer zu werden, kehrte Pathe Klaus dem Feste jetzt den Rücken; nicht jedoch ohne im Vorüberstelzen dem Anderen mit hämischem Lachen zuzurufen: »Maiwärme, Herr Fabrikant! Morgen ein Donnerwetter und dann reine Luft über der Flur und der Raps in voller Blüthe!«

Der Müller biß sich auf die schmalen, farblosen Lippen; dann warf er rasch einen Blick über das .Tanzzimmer, in welchem sein Töchterchen just dem weniger leichtfüßigen ihrer Bewerber schnippisch einen Korb ertheilte, um noch einmal Hand in Hand mit dem jungen schönen Baron in die Reihe zu treten. Das väterliche Stirnrunzeln wurde nicht bemerkt, oder nicht beachtet. Auch Herr Gustav, am oberen Ende neben der Clavierspielerin, beantwortete des Papas ermunterndes Blinzeln nur mit einem Achselzucken. Lachend stimmte er seine Geige und jodelte währenddessen, um das Orchester zu verstärken.

Die beiden Väter verschwanden hinter der Thür zur Erörterung des ersten Geschäfts im neuen Haus. In der lustigen Gesellschaft ahnete Keiner, daß ein Spieler die Würfel zum letzten Wurf in seinem Becher rüttelte.

Doch zögerte er nicht und weder er, noch sein Gegenspieler bekundete durch eine Miene den verzweifelten Kampf. Unumwunden, mit selbstbewußter Haltung warb der reiche Industrielle für seinen Sohn um die Hand der Tochter des bescheidenen Landedelmanns. Unumwunden, mit ebenso selbstbewußter Haltung schlug der bescheidene Landedelmann die Werbung aus.

Jedem Vater wird solcher Weigerung gegenüber eine innere Bewegung natürlich sein. Nicht mehr und nicht weniger mochte daher das leise Beben der Stimme bedeuten, als der Müller nach einer Pause fragte: »Wollt Ihr mir nicht mindestens den Grund einer so unvermutheten Kränkung angeben, Hellstädt?«

»Habt Ihr mir doch nicht den Grund einer so unvermutheten Beehrung angegeben, Rose,« erwiderte Stephan gelassen.

»Ein alter Lieblingsplan von meinem Sohn und mir.«

»Alt? Mir kommt er sehr von diesem Frühling vor, Nachbar.«

»Die Kinder sind neben einander aufgewachsen.«

»Neben einander? Die Hauptstadt und unser Dorf liegen, dächt' ich, ein Endchen von einander weg.«

»Mein Gustav liebt Eure Charitas!«

»Der Tausend! Da hat der junge Herr ja fein hinter dem Berge zu halten gewußt. Im Uebrigen wäre dieser Grund keiner; denn meine Charitas liebt Euren Gustav nicht

»Sollte es der Mühe nicht werth sein, Eure Tochter selbst um ihre Meinung zu befragen.«

»Thut's Rose. Meine Sache ist es nicht; ich kenne meine Charitas.«

Der Freiwerber sah nicht aus, als ob er der Erlaubniß Folge zu leisten gedenke. Er ging mit unruhigen Schritten im Zimmer auf und ab. Nur um für eine neue Combination den Uebergang zu gewinnen, warf er noch hin: »Schade, Hellstädt, die jungen Leute hätten für einander gepaßt!«

»Macht Euch nicht lächerlich, Rose,« versetzte Hellstädt; »Ihr wißt das Gegentheil so gut wie ich. Meine Charitas ist ein Landmädchen, Euer Gustav ein Stadtherr, wie wir Bauern sagen; ein Lebemann, ein Genie meinethalben Die jungen Leute passen für einander wie Oel und Sprit.«

Der Müller ließ sich nicht auf einen Widerspruch ein; er stand eine Weile mit zusammengekniffenen Augen und Lippen. Dann nahm er Platz neben Hellstädt, der sich ruhig auf seinem Schreibstuhl niedergelassen hatte. »Eure unerwartete Ablehnung, Hellstädt,« sagte er, »verrückt mit einem Zuge all' meine Conjuncturen. Ich dachte mich aus meinem hiesigen Geschäft zurückzuziehen und hatte die Einleitungen getroffen, die Fabrik an meinen Sohn zu verkaufen.«

»Zu verkaufen?« unterbrach ihn Hellstädt gedehnt. »Hat Rose junior auf der Universität noch schneller als Rose senior in seiner Weidenmühle das Kunststück gelernt, ein reicher Mann zu werden? Oder mit was wollte er den Handel bezahlen?«

»Gleichviel. Ich kann sterben. Eine künftige Auseinandersetzung würde durch die Formalität erleichtert. Wie die Sache indessen steht, wird ein Korb ihm die dörfliche Niederlassung, zu der er sich nur aus Neigung für Eure Tochter bereitwillig finden ließ, nicht einladend machen; ohne eine praktische Hausfrau würde bei seinem Naturell er sie wenigstens nicht durchführen können. Ich gebe das Project demnach auf und werde die Fabrik anderweitig zu verkaufen suchen. Ich gönne sie Euch, Hellstädt, und biete sie Euch in erster Hand.«

»Mir bietet Ihr Sie, Rose? Was soll ich mit Eurer Fabrik? Bin ich ein Müller?«

»Ihr seid ein gewiegter Oekonom. Meine Grundstücke gränzen an die des Unterhofs; Ihr könnt Eueren Boden nicht rentabler als in Oelfrüchten verwerthen. Auch die alten Getreidegänge sind ja noch nebenbei in Betrieb; Ihr könnt sie erweitern. Der Export von Mehl hat die größten Chancen. Alle Verhältnisse stimmen für Euch. Ich weiß, daß Ihr ein gekündigtes Kapital unangebracht liegen habt, auch noch ein zweites von der Ablösung her; Ihr besitzt Staatsschuldscheine und Pfandbriefe – –«

»Da Ihr so wohl in meiner Chatouille bewandert seid,« unterbrach Hellstädt das gegen des Mannes Absicht merklich gewordene Drängen, »müßt Ihr ja aber auch wissen, daß meine sämmtlichen Kapitalien und Papiere nicht ein Viertel des Kaufschillings für Eure Mühlen betragen würden«

»Ihr habt Credit; die Anzahlung genügte mir vor der Hand. Auf meinem Grundstück lastet noch eine Summe, die Ihr übernehmt.«

»Die von meiner Cousine Hellstädt meint Ihr?«

» Die und noch eine geringere in zweiter Hypothek. Ihr gebt mir, was Ihr für den Augenblick flüssig habt, ich –«

»Laßt's gut sein, Nachbar!« fiel Stephan Hellstädt ein, »sucht Euch einen anderen Käufer. In meinem Alter läßt man sich nicht auf neue Unternehmungen ein. Ich ziehe mich selber aus dem Oberhof zurück. Schließe ich die Augen, was soll meine Tochter mit einer Fabrik und Schulden?«

»Ihr braucht sie ja nicht zu behalten, Hellstädt,« versetzte der Müller hastig. »Ich habe da längst einen Plan. Ihr kauft die Mühlen, associirt Euch mit der Gemeinde, verwaltet und verwerthet sie zu gemeinschaftlichem Antheil. Ich werd' es Euch später im Detail aus einander setzen. Der Vortheil ist sonnenklar. Das profitabelste Geschäft, das Ihr machen könnt!«

»Macht's selber, Rose. Ihr seid der Mann dazu, nicht ich.«

»Wenn ich Zeit – ich meine, wenn ich Eueren Einfluß in der Gemeinde hätte –«

»Einfluß? Ihr spracht ja von Vortheil klar wie die Sonne; nun, was den Vortheil betrifft, auf den versteht sich der Bauer ohne Jedwedes Einfluß.«

»Ich habe andere Projecte, ich kann nicht mit Unterhandlungen Zeit verlieren. Hellstädt, es ist etwas Ungeheueres, zu dem Ihr mir verhelfen könnt. Aber bald, noch in dieser Nacht. Binnen einer Woche vielleicht schon kann ich Euch mit Wucher zurückzahlen.«

»Ich treibe nicht Wucher!« versetzte Stephan Hellstädt mit einem Blick und Klang, wie Pathe Klaus sie nicht schneidender hervorgebracht haben könnte. »Ich treibe nicht Wucher und ich habe nur Geld für geheuere Unternehmungen!«

Der Müller ballte die Hände, um ihr Zucken und Zittern zu verbergen. Er hatte das Aeußerste ahnen lassen; ahnen lassen müssen. Er war durchschaut, er wußte es. Dennoch versuchte er es noch einmal mit einem begütigenden Wort. »Ein Jeder trachtet, sein Haus zu erweitern. Ihr auch, Hellstädt, Ihr habt –«

Stephan Hellstädt hatte seine Wallung bemeistert. Er erhob sich. »Ich habe,« so sagte er mit ruhiger Würde, »ich habe einen neuen Grund gelegt und einen morsch gewordenen Bau wieder aufgerichtet Ihr habt Stock auf Stock in die Höhe geführt, ohne zu fragen, ob das Fundament die schwindelnde Last zu tragen vermag. Das ist der Unterschied zwischen uns. Mein Schritt ist ein mäliger, sicherer Bauerntrott. Ihr rennt und hegt. Darum können wir nicht mit einander gehen. Kein Wort weiter, Rose! Darum kann ich Eurem Sohne meine Tochter nicht geben; darum kann ich Euer Grundstück nicht an mich bringen, darum kann ich meinen Sparpfennig Euch nicht anvertrauen.«

Er hatte schon die Klinke in der Hand, um zur Gesellschaft zurückzukehren Der Müller packte seinen Arm und hielt ihn zurück. Bei aller Herrschaft über seine natürliche Leidenschaft flog sichtbar ein Schauder über seinen Leib. Das Ringen um das letzte Angebot, das er zu stellen hatte, war härter als alle früheren. »Hellstädt,« sagte er kaum vernehmlich, »Hellstädt, einen Gefallen wenigstens ist eine fünfzigjährige Freundschaft werth –«

»Freundschaft?« unterbrach ihn Stephan Hellstädt; »sagt Nachbarschaft, Rose.«

Der Müller war nicht in der Lage sich diese Unterscheidung verdrießen zu lassen. »Kauft die Vorräthe, Hellstädt, die ich in meinen Mühlen liegen habe,« stieß er hervor.

Hellstädt wollte ohne Erwiderung das Zimmer ver lassen; Rose stellte sich ihm in den Weg. Er hielt ihm ein Zeitungsblatt vor die Augen und sagte in fieberischer Hast: »Seht den gestrigen Cours. Ich schlage zwei Thaler vom Centner ab. Die Preise steigen. Ihr macht ein Geschäft!«

»Warum habt Ihr es nicht heute Nachmittag mit Nachbar Hartung abgeschlossen?« fragte Hellstädt.

Grimm und Aufruhr jagten sich in des Müllers Gesicht. »Hat der Spürhund von Gänsehirt auch das verrathen?« knirschte er. »Der Mensch ist mein Feind, Hellstädt, Ihr wißt's. Er hat die Gemeinde gegen mich gestempelt; dem einfältigen Bauer Scrupel in den Kopf gesetzt; aber Ihr, Hellstädt, Ihr –«

»Ich,« fiel Stephan Hellstädt ein, »nun ich bin lange genug ein Bauer gewesen, um allenfalls ohne den Rath eines ehrlichen Gänsehirten aus dem Stande der Frühlingssaat berechnen zu können, ob die Fruchtpreise steigen oder fallen; und oft genug Geschworener, um zu wissen, daß das Losschlagen eines, – Ihr erlaßt mir wohl die Benennung, Rose! – daß dieses Losschlagen Betrug und morgen null und nichtig ist.«

»Hellstädt!« schrie der Müller auf. Beide Arme nach dem ihm den Rücken Kehrenden gereckt, stand er ein paar Minuten wie im Boden versteinert; dann gewaltsam gefaßt, folgte er dem Anderen in die Gesellschaft, welche das Tanzvergnügen schon eine Weile beendet hatte.

Die jungen Leute brachen auf; auch die Frau Geheimeräthin empfahl sich; sie wartete in der Halle nur noch auf den Arm ihres residenzlichen Gastfreundes, um den längst bereithaltenden Wagen zu besteigen.

Ritter von Speck schien jedoch wenig gelaunt, seinen galanten Pflichten gegen die Edle von Trumpf gerecht zu werden, und kein billig Fühlender wird ihm verargen, daß er es nicht war. Da Herr von Speck für einen Löwen gilt, – wenn auch nur für einen des Parkets, – so stimmt zu seiner Rolle der grimmige Blick, mit dem er die auserkohrene schöne Löwin verschlingt, während sie im Fensterbogen ihm gegenüber, ein Lächeln des Glücks auf den Lippen, mit einem Nebenbuhler flüsternd kos't. Nicht von Löwengroßmuth dahingegen zeugt das höhnische Kopfnicken, das den höflichsten Bückling erwidert, zu welchem der stolze König der Oelbörse sich in seinem Leben herabgelassen hat. Mensch bleibt eben Mensch, auch wenn er ein Löwe ist.

Rose's Athem stockte; hastig winkte er seiner Tochter zu; das Runzeln seiner Stirn konnte nicht mißverstanden werden. Fräulein Liberte aber war ein verwöhntes Kind; sie warf trotzig das Köpfchen zurück, erinnerte, vernehmlicher als von Nöthen, ihren Bevorzugten an einen für morgen verabredeten gemeinsamen Spazierritt und nahm seinen Arm, um sich zum Wagen führen zu lassen. Er küßte ihre Hand; der duftige Rosenstrauß blieb in der seinen zurück.

Der bescheidene Lieutenant von Stern hatte für den ungalanten residenzlichen Ritter eintretend, Dame Rosannen in das Vehikel befördern helfen; auch Therese lag schon eine Weile in der Wagenecke, den ersten vollen Freudentag ihres Lebens nachträumend. Endlich erschien Liberte; schon ruhte ihr Fuß auf dem Wagentritt, als der Vater sie am Arm zurückzog mit den Worten: »Du gehst mit mir. Ich habe mit Dir zu reden und verreise noch in dieser Nacht.« Herr von Speck stieg ein; der Wagen rollte voran.

Man war so gewohnt, den großen Spekulanten ruhelos kommen und gehen zu sehen, daß Niemand, und am wenigsten Heinrich, ein Arg aus seinen Worten zog. Nur seine Tochter, vor Minuten noch so voll Uebermuth, überrieselte plötzlich ein ahnungsvoller Schauer. Schweigend folgte sie dem Vater und verschwand mit ihm in der Dorfstraße.

Auch Heinrich und Stern sagten ihrem Wirth gute Nacht, um hinter einem voranleuchtenden Knechte die Stufen zum Oberhof hinanzusteigen. Sie wurden zu ebner Erde in die Räume geführt, welche Heinrich als Kind bewohnt hatte; die Zimmer waren wohl erhalten, gelüftet und gesäubert, Betten wie Geräth standen an der alten Stelle. Auch die Koffer waren angelangt, auf dem Tische brannte die Lampe, im Kamin prasselte ein wohlthuendes Feuer. Gastlich und traulich war für jedes gewohnte Behagen gesorgt. Der Knecht, der die angenehme Ueberraschung der Freunde bemerkte, sagte schmunzelnd: »Ja, wo die Charitas schafft, da fehlt's an keinem Stücke!«

»Charitas!« rief Heinrich und erröthete, denn erst jetzt fiel ihm ein, daß er seiner fürsorglichen Wirthin, der, welcher recht eigentlich das heutige Fest bereitet worden war, nicht mit einem einzigen freundlichen Wort, nicht einmal mit einem Gutenachtgruß gedacht hatte.

Der Knecht erzählte, daß die Herrin, nachdem sie die Großmutter zu Bett gebracht, mit ihm heraufgestiegen sei und ganz allein Alles so säuberlich hergestellt habe, weil die Mägde nicht hätten beim Tisch rücken gestört weiden sollen. Damit entfernte er sich und die Freunde blieben allein.

Beide waren aufgeregt, Beide schwiegen eine Weile. Heinrich betrachtete die alten Kommoden und Schränke, noch aus Großvaterzeit, mit der eingelegten Arbeit von Perlmutter und den schweren Messingbeschlägen. In einem Eckspind fand er sogar noch sein und der Schwester Spielzeug unversehrt: Baukasten, Puppen und Bleisoldaten; seine ersten Schreibhefte unter des Herrn Pastors Zucht, den verlesenen Robinson und Spekters Fabeln. Alles das kannte er wieder, als hätte er es nicht sechszehn Jahre aus Augen und Gedanken verloren. »Und,« sagte er, »und seltsam! in diesen Zimmern weht ein Duft, ein Hauch, der mehr als Alles, was ich sehe, meine Erinnerungen weckt. Mit jedem Athemzuge schöpfe ich Heimathsbilder.«

»Glücklicher!« rief Stern bewegt.

»Aber Charitas!« hob Heinrich nach einer Stille wieder an. »Das gute Kind hat nur Mühe von seinem Feste gehabt. Wir tanzten und sie –«

»Machte Musik und hatte die Freude, die sie gab,« versetzte Stern. »Die Seele ist diesem Mäd chen mit ihrem Namen eingebunden worden. Charitas, dienende, helfende Liebe!«

Nach diesen Worten legte er sich, um noch eine Weile mit offenen, dann mit geschlossenen Augen zu träumen von eitel Wonne und Glück. Heinrich ging unruhig, aber froh bewegt im Zimmer auf und nieder. Er öffnete ein Fenster und schaute hinab in die Aue, welche der Vollmond fast tagesklar beleuchtete. Die Luft war still und sommerlich warm; leise murmelte der Bach, rauschte das Mühlwehr in der Ferne die Thurmuhr schlug Zwei. Vom Dorfe herauf drang die Schnurre des Nachtwächters. Wie der alte Spruch mit dem Schlußsatz: »Lobt Gott, den Herrn!« dem jungen Manne das Herz so anheimelnd schwellte! In den Bauernhäusern erlosch ein spätes Lichtchen nach dem andern; die müden Tänzer gingen zur Ruhe; nur in der Mühle flackerte es unstät von Fenster zu Fenster. »Reich werden kostet schlaflose Nächte,« dachte Heinrich. Er hätte um den Preis nicht reich werden mögen. Doch kehrten Sinne und Sinnen gar bald zu dem schönen Heimathskinde zurück, das bis auf ein letztentscheidendes Wort, seinem heiteren Leben eine neue heitere Wendung verhieß. Sein Herz klopfte; er stand regungslos.

Da schallten langsame harte Tritte die Terrassentreppe herauf; der Wächter erschien vor dem Oberhof und sang mit kräftiger Stimme seinen Spruch:

»Hellstädter hört und laßt Euch sagen, die Glocke hat Zwei geschlagen

Wer Gott vertraut in dunkler Nacht, schlaf ruhig, Pathe Klaus hält Wacht.«

Ja, Pathe Klaus in Schafpelz und Ordensschmuck, mit Stelzbein und Lederarm, am Tage hütete er die Gänse, Nachts seine Pathen!

Heinrich lachte; die Variation des alten Spruchs im Munde des alten Kauzes lockte seine Gedanken von der lieblichen Fährte ab; aber nicht zur Ruhe. Die Macht der Heimath dämmerte immer deutlicher in seinem Herzen auf.

Der Alte stelzte just unter dem offenen Fenster vorüber, als das Rasseln eines Wagens die Dorfstraße entlang in die Höhe drang.

»Gute Nacht, Herr Fabrikant! Guten Weg, in's Pfefferland, Herr Fabrikant!« schrie Klaus, seine Pudelmütze schwenkend in's Thal hinab. Dann stieg er langsam die Terrassen nieder.

Der hartnäckige Haß des niederen gegen den emporgekommenen Mann verstimmte Heinrich. Er schloß das Fenster und suchte sein Lager. Doch konnte er nicht lange in dieser Richtung weilen. »Wie mein Leben gewachsen ist von Stunde zu Stunde,« sagte er zu dem noch halb wachen Kameraden. »Ein Freund, eine Heimath, und bald vielleicht – –«

»Bald vielleicht was?« fragte Stern den Stockenden.

»Noch ist's zu früh,« entgegnete dieser und löschte die Lampe.

*

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