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Hellstädt und andere Erzählungen

Louise von François: Hellstädt und andere Erzählungen - Kapitel 6
Quellenangabe
authorLouise von François
titleHellstädt und andere Erzählungen
publisherVerlag von Otto Janke
year1874
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20171120
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Fünftes Capitel.
Ein Freund.

Es hätte dieser stimmungswechselnde Tag dem jungen Manne kaum durch einen schneidenderen Contrast zum Abschluß gebracht werden können als den der heiteren Räume und Menschen, die er eben verlassen, mit dem brütenden Kameraden, wie er, den verblichenen Soldatenmantel übergeworfen, in der ungeheizten, kahlen Mansarde, beim trüben Flackern einer Talgkerze, das Gesicht in die Hände vergraben, vor seiner Drechselbank saß. Auch empfand Heinrich diesen Contrast mit einem ahnungsvollen Bangen, das sich seit seinem Morgenbesuche bei ihm eingeschlichen und das der Eindruck der glücklichen Emporkömmlinge nur für den Moment in ihm verscheucht hatte.

»Ich habe Sie nicht mehr erwartet, Herr von Hellstädt,« sagte der arme Lieutenant beklommen.

»Hielten Sie mich für so vergeßlich, lieber Kamerad?« versetzte Heinrich.

»Das nicht, – aber –«

»Nun still davon! Hier ist Ihr Geld.«

Stern stand eine Weile sprachlos, mit mächtig arbeitender Brust. Plötzlich schlug er die knochigen Hände vor das Gesicht, um einen ausbrechenden Thränenstrom zu verbergen.

»Um's Himmels willen, was ist Ihnen, Stern?« fragte Heinrich gleichzeitig bewegt und verwundert

»Lassen – lassen Sie mich!« schluchzte krampfhaft der Andere; »ich kann es nicht sagen, – halten Sie mich nicht für einen Narren – aber – aber, Sie wissen nicht, was es heißt, zum erstenmale eine Gutthat anzunehmen.«

»Ein kleines Darlehn, Freund, das Sie mir wiedererstatten, sobald Sie können, oder mögen. Was dürfte es Einfacheres unter Kameraden geben?«

»Sie mißverstehen mich,« preßte Stern hervor. »Nein, nein, es ist nicht Stolz, nicht Stolz; Freude fast. Ich bin noch nie einem Menschen dankbar ge wesen, selber denen nicht, die mir das Leben gegeben haben.«

»Seltsamer Mensch!« sagte Heinrich gezwungen lächelnd. Ihm war schier unheimlich zu Muthe; er hätte sich fortmachen mögen, wenn es ihm nicht lieblos gedünkt. –

Es entstand eine Pause, der Kamerad trabte mit weiten Schritten im Zimmer auf und ab. Heinrich nahm ein Buch zur Hand, das auf der Drechselbank aufgeschlagen lag. Es war ein Band von Jean Paul. Nach den Erinnerungen seiner Selectanerperiode, konnte Heinrich es natürlich finden, wenn dieser Schriftsteller der Freund von diesem Kameraden war.

Nach einer Weile hatte Stern sich gesammelt; er drückte Heinrich die Hand und sprach: »Ich nehme Ihre großmüthige Hülfe an, lieber Hellstädt; zunächst als ein Darlehn, das, bleib' ich am Leben, spätestens in zwei Jahren zurückerstattet sein wird. Sterbe ich vor der Zeit –«

»Aber, bester Freund,« unterbrach ihn Heinrich.

»Nun denn,« fuhr der Andere fort, »so war es eine Wohlthat, die Sie einem Unglücklichen erwiesen haben. Und eine Wohlthat sei und bleibe es, ob ich sterbe oder lebe. Ein Merkzeichen, daß ich keine Ausgestoßener bin aus dem Verbande guter Herzen, den wir Leben nennen; daß ich ein Thor und Frevler war, wenn ich an dem Heiligsten verzweifelte. Lächeln Sie immerhin, Hellstädt, Sie haben mit dem, was Sie eine Kleinigkeit nennen, mit der Art, wie Sie mir sie boten, einen Menschen gerettet. Morgen werde ich ein freier Mann sein; werde fortan streben, mich den Anschauungen meiner Standesgenossen einzufügen, den Forderungen eines Berufes, dem ich nun einmal angehöre, und der so gut wie irgend einer fortbildende Elemente für mich und Andere in sich tragen muß. Damit Sie aber« fuhr er mit einem künstlichen Ansatz zur Heiterkeit fort, »damit Sie aber begreifen, wie ein Mensch meines Schlags, vom Schicksal sichtbarlich nicht auf Daunen gebettet, Einer, der Ihnen zum Handwerker, oder meinethalben zum Volksschullehrer weit eher als zum Lebemann geneigt und geeignet scheinen wird, wie er in einer Lebensstellung die Tausenden genügt, derartiger Verwirrung und Verbitterung anheim fallen konnte, so gewähren Sie mir noch eine Viertelstunde Geduld, und hören, zugleich als einen Rechenschaftsbericht, die Geschichte meiner Schulden, die mit Ihrer herzlichen Aushülfe einen Abschluß finden soll.«

»Aber, bester Stern,« fiel Heinrich ein, »so schließen Sie doch lieber ab mit dieser kleinen Gefälligkeit, die Ihnen jeder Andere mit gleicher Freude erwiesen haben würde. Bei Gott, Sie machen mit Ihren Scrupeln mich schamroth, da ich mich zehnfältig in ähnlicher Lage ohne die mindeste Unruhe befunden habe.«

»Ihre Antecedenzien sind eben andere gewesen, als die meinen, lieber Kamerad,« versetzte Stern, »und aus diesen Antecedenzien, – gönnen Sie mir den Genuß einer ersten Vertraulichkeit im Leben! – aus ihnen soll Ihr freundliches Herz fassen und entschuldigen lernen, wie ein Mensch ohne stützende Hand an dem scheinbar geringfügigsten Anlaß, das heißt an dessen Rückwirkung auf das Gemüth, zu Grunde, ja zu Grunde gehen kann. Also, nicht wahr? ein Weilchen Geduld für die Geschichte von zweihundert Thaler Schulden.«

Heinrich nickte zustimmend, drückte dem Kameraden die Hand und setzte sich, den Paletot fester um sich ziehend, ihm gegenüber vor die Drechselbank. Herr von Stern hob an:

»Schon der Titel wird sie nicht auf die Vermuthung abenteuerlicher Ereignisse, oder romantischer Conflicte führen, Ihnen nur den Blick in ein Geheim- und Stillleben öffnen, wie es Tausende neben uns unbeachtet sich abspinnen sehn. Der gute Mann, der dieses Buch geschrieben,« – er deutete auf den Band des Jean Paul, – »und der mich manchmal getröstet hat, wenn ich mich vergeblich nach einem Menschenherzen sehnte, der gute Mann sagt irgend wo ungefähr: ›Der Mensch schwinge sich, wie die Gemse, über Abgründe von Gipfel zu Gipfel.‹ Viele aber, mein Kamerad, werden ungelenk und stark gefesselt in Abgründen geboren und es gehört schon guter Muth dazu, daß sie Schritt für Schritt empor auf eine mäßig heitere Lebenshöhe dringen. Waren Sie Kadet, Hellstädt?«

»Nein.«

»Ich merkte es Ihnen an. Sie würden sonst auch heimischer gewesen sein in der Proletarierwelt unseres auf glänzende Höhe geschraubten Standes, würden in der Nähe gekannt haben die Söhne pensionirter Subalternofficiere, oder ihrer Wittwen, die – mich sollte wundern, wenn Ihr hoher Chef nicht auch dieses Generalswort gelegentlich citirte, – die Janitscharen unserer Armee genannt worden sind; das heißt von Vater auf Sohn geborene Waffenträger, die ohne engere Heimath, ohne festes Haus, nicht zwischen einem Beruf zu wählen haben, denen jedweder Krieg als Beförderer, oder Befreier willkommen ist. Bei unserer gegenwärtigen Heerverfassung sind diese ›Janitscharen‹ nur ein, wenn auch erheblicher Bruchtheil unseres Officierstandes geblieben; ob in militairischem Betracht zu deren Gewinn wird erst eine Waffenprobe zu entscheiden haben; in bürgerlicher Hinsicht ohne Zweifel.

Ich gehörte seit Generationen in ihre Reihe. Mein Vater, ein blutarmer Lieutenant, hatte aus jener Tändelei, welche in der langen Friedensepoche ein Zeitvertreib der meisten Offiziere geworden war, ein gleichfalls blutarmes Fräulein auch aus einer Janitscharen-Familie geheirathet, eine königliche Unterstützung von dreihundert Thalern die Partie ermöglicht. Viele Familien des gebildeten Bürgerstandes, leben noch heute bei gesteigerten Bedürfnissen und gesunkenem Geldwerth zufrieden von der Summe dieses Einkommens; meine Großeltern waren mit monatlich dreizehn Thalern Lieutenantsgehalt, die Mutter Commißhemden nähend, der Vater in seinen Freistunden ein Pachtgärtchen bestellend, Gemüse und Obst eintrocknend, vergnügte Leute gewesen. Auch meine Eltern genossen froh des Tages, so lange der kommende nicht drängte. Der kommende Tag, das hieß aber zunächst: die Kinder. Ich, das älteste und der einzige Junge; zum Glück gesund und kräftig, der Sprosse erster Liebe; nach mir eine Reihe von Mädchen, alle Jahre dürftiger und schwächer.

Kinder, so heißt es, sind die Freuden, die Stützen der Ehe; der Bauer, die arme Tagelöhnerin begrüßen ihr Neugeborenes als Gehülfen und Versorger in alten Tagen. O, daß ich als Bauer, oder Tagelöhner geboren worden wäre! Aber zurück die thörigten Wünsche, die meine Jugend verbittert haben. Ich will sein, ganz sein, was ich geworden bin und nicht mehr ändern kann zu sein!

Mit uns Kindern erlosch im Hause Behagen, Freiheit, heiterer Schein; Verdruß und Noth, Lärm und Mangel zogen dafür ein. Die Mutter wurde kränklich reizbar; der Vater, verstimmt, suchte nach Außen Zerstreuung; wir Kinder schlichen einher gebeugten Haupts und kranken Herzens bevor wir unser Leid nur zu begreifen vermochten. ›Nichts als Plage mit den Kindern!‹ oder: ›alle Lust vergällt durch die Kinder!‹ ja sogar: ›kein größeres Unglück als Kinder!‹ Dieser tägliche Refrain, oft wohl unbedacht hingesprochen, ist der Widerhall aus einer Zeit, die man als einen Paradieseszustand bezeichnet hat. Sie sehen mich betroffen an, lieber Hellstädt? O, glauben Sie nicht, daß ich die endlosen Opfer verkenne, die dieser Zeit gebracht worden sind. Aber ich war ein Kind, das in der Liebe das Opfer nicht begreift, sich nur immer fort sehnt nach einem zärtlichen Wort und Blick, nach einer Liebkosung schmachtet wie nach einem berechtigten Element und bleibt es ihm ungewährt, – verkümmert.«

»Ich war ferne davon, Sie zu tadeln, lieber Stern,« versetzte Hellstädt »Im Gegentheil läßt der Contrast mit meiner eigenen, durch die heiterste Liebe eines Vaters belebten Jugend mir Ihr Mißgeschick doppelt fühlbar machen. Gewiß, gewiß, keine spätere Entsagung, kein Opfer des gereiften Lebens wiegt den unbewußten Eindruck stolzer Freude auf, mit welcher unser kindliches Dasein empfunden wird. Was ich Ihnen allenfalls einwenden möchte, ist, daß Sie mir mit Unrecht unseren Stand für derartige Mißverhältnisse verantwortlich zu machen scheinen. Mag in kriegerischen Zeiten die Familie ein Onus für den Soldaten sein; im Friedensstand, der uns leider ja zum Normalstand geworden ist, habe ich sehr be glückende häusliche Verhältnisse unter Kameraden kennen lernen.«

»Auch ich, Hellstädt, ja vorzugsweise glückliche,« sagte Stern. »In den Ständen, wo die Frau des Mannes Gehülfin ist, erschöpft das Tagewerk die Kräfte; auch die geistigen Arbeiter jeder Art kehren abgespannt in ihre Häuslichkeit zurück; was sie zunächst von ihr beanspruchen, ist Ruhe. Der Offizier dahin gegen bei nur halb ausfüllender Thätigkeit sucht und findet Anregung und Befriedigung im Umgang mit seiner Gattin, in der Erziehung seiner kleinen Welt, in einer Geselligkeit, die durch wohlthätige Formen gebunden wird. Ich wollte demnach keineswegs unseren Stand an sich für die frühen Störungen meiner Entwicklung verantwortlich machen; ihr Grund lag in gemüthlichen Verfassungen, deren Specificirung Sie mir erlassen mögen. Was ich darüber hinaus behaupten will, ist die zehnfältige Gefahr der Armuth in einem Beruf, dessen corporativer Ehrenpunkt alle überschüssige Leistungskraft gebunden hält; – gebunden halten muß, – ich will es fortan einsehn, mein Kamerad! Daß ich daher den Staat mit der unsere Unfreiheit am grellsten constatirenden Forderung eines beträchtlichen Vermögensnachweises bei Militair verheirathungen durchaus im Rechte halte und daß auch ohne diese gesetzliche Forderung ich für meine Person mir lieber das begehrliche Herz zerquetschen, als eine Familie auf unharmonischer Grundlage aufrichten, mit schlichten Worten ausgedrückt, ein armes Mädchen heirathen würde, bedarf keiner Versicherung.«

»Beileibe kein armes!« unterbrach Heinrich lachend den Eifer des Kameraden. »Aber, Sie scheinen mir zum Hausvater angelegt, lieber Stern, – darum je eher, je lieber ein reiches.«

»Auch das nicht,« versetzte Stern, – »vorausgesetzt, daß mir eckigem, armem Teufel eine so gute Gelegenheit sich böt'. Ist mir bisher der Druck einsamer Armuth lästig gewesen, der behaglicher Abhängigkeit würde mir unerträglich sein. Ich werde niemals heirathen.«

»Wie schwerfällig Sie alle Verhältnisse auffassen, stolzer Mensch!« entgegnete Heinrich. »Niemals hätte ich daran gedacht, mich abhängig zu machen, wenn ich, versteht sich nicht ohne Neigung, ein reiches Mädchen geheirathet hätte.«

»Weil Sie selber reich sind, Hellstädt.«

»Auch wenn ich's nicht wäre, meine ich. Man liebt sich, man freut sich des Daseins. Geld ist ein Mittel dazu, das Einer dem Anderen arglos bietet, Einer vom Anderen neidlos empfängt. Nicht mehr, nicht« weniger.«

»Ich bleibe dabei, wären Sie arm gewesen, wie ich, würden Sie sein Gewicht schwerer empfinden. Anders die Schule, anders der Schüler.«

»Umgedreht, Stern: anders der Schüler, anders die Schule.«

»Sei's darum. Aber lassen Sie mich zu der meinen zurückkehren Ihr Resultat liegt zu Tage. Nicht blos das kommende Leben, auch das endende war es, das meine Eltern in ihrem Traume von Glück nicht erwogen hatten, ja das Einer von ihnen nicht erwog, als er an die Stelle des Glücks die Verzweiflung treten sah. Der Tod in seiner schreckbarsten Gestalt, der des Vaters, des Versorgers, der seinen Posten verließ, ehe Gott ihn rief. Richtet nicht! heißt es; richtet nicht, was niemals das Herz begreifen wird und niemals die Vernunft. Richtet nicht«

Der Erzähler schwieg, von Schaudern durchschüttelt; auch den Hörer überrieselte es. Nach einer langen Stille fuhr Stern fort: »Selber der dürftige Wittwenpfennig war durch diese That der Familie verwirkt. Wie wir fortan existirten von hundert Thalern Pension meiner Großmutter und einem alljährig mühsam erbettelten königlichen Gnadengeschenk: sieben Menschen, alle zum Erwerb unfähig, alt, kränkelnd, oder Kinder, – Gottlob, daß ich selber noch ein Kind war und über den allgemeinen Eindruck hinaus, es nicht zu verstehen brauchte, noch heute es nicht verstehe. Nur einzelne Schattenbilder aus jener Zeit sind starr in mein Gedächtniß eingegraben.

Die Großmutter hatte seit der Heirath der einzigen Tochter zu unserem Haushalt gehört. Sie mochte in jungen Tagen es besser gewohnt gewesen sein; aber sie wußte sich zu schicken, lachte gern und faßte eine Freude, wo sie sich eben fassen ließ. Das letzte Fünkchen Heiterkeit, wenn auch oft genug Widerspruch entzündend, flammte aus ihr. Selber in den Tagen der bittersten Noth war jener glückliche Leichtsinn ihr treu geblieben Sie hatte fortwährend kleine Gelüste und simulirte auf Wege, sich und uns einen versagten Genuß zu erwirken, bettelte nach oben, borgte nach unten hin, nahm es in irgend welcher Weise mit einem Scrupel nicht genau. Eines Tages hatte sie vergeblich in ihrer Dose nach einer Prise und in ihrem Beutel nach einem Sechser zu frischer Füllung gesucht. Endlich rief sie mir munter zu: ›Spring hin über in den Laden, mein Jungchen, und hole mir ein Loth.‹ Ich bat um Geld. ›Geld habe ich nicht,‹ erwiderte sie lachend, ›aber Du kneifst die Hand zu, siehst Du, so, als ob Du ein Stück drin fest hieltest und hast Du die Tüte, rennst Du hurtig davon und bringst sie herüber.‹ Ich mochte kaum sechs Jahr alt sein und wußte noch von keinem siebenten Gebot, aber ich spürte so etwas von Dieberei. Indessen da die alte Frau immer inständiger bat, versicherte, daß sie morgen das Geld haben und hinübertragen werde, führte ich das kleine Schelmenstück aus, dessen Bewußtsein meine übrige Kindheit wie ein Brandmal versengte, ja heute im Mannesalter noch mich oftmals die Augen niederzuschlagen zwingt.«

Hellstädt fühlte sich in jener krampfhaften Stimmung, die zwischen Lachen und Schaudern die Mitte hält. Er fand keine schickliche Gegenrede; auch schien der Kamerad sie nicht zu erwarten. »Das erste Jahrzehend,« fuhr derselbe fort, »schlich unter so kopfhängerischen Eindrücken hin. Ich erhielt eine Freistelle im Corps; die mütterliche Sorge war eines Lebens ledig. ›Warum sind es nicht lauter Knaben!‹, klagte sie beim Abschied, mit einem Blick auf die vier armen Schwesterchen. Nichts konnte gerechtfertigter sein. Wie viel schwerer als Söhne ringen in unserer Lage und bei unserer Erziehung arme Töchter sich durch's Leben! Aber ich war noch immer ein Kind, ein ungerechtes, weil unverstehendes Kind; ich fühlte nur, daß mein Scheiden als eine Wohlthat empfunden ward, daß Keiner nach mir bangte, Keiner mich lieb hatte auf der weiten Welt.

Die Jahre, die nun kamen, hätten glückliche für mich sein dürfen. Was man auch gegen diese kindlichen Drillanstalten einwenden möge, nicht nur väterlich, nein mütterlich wurde für uns gesorgt. Ich hatte von allem Nothwendigen und Nützlichen die Fülle: Pflege, Ordnung, Unterricht, gewissenhafte Führer, eine große Gemeinschaft, Sang und Spiel. Dennoch wurde ich nicht froh; die Erinnerung an mein elendes Daheim, ja so seltsam es klingen mag, die Sehnsucht nach ihm vergiftete mir jede Freude. Ihre Wiege, Hellstädt, wird unter einem lachenden Himmel gestanden, ein frohes Stufenjahr Ihnen das andere verdrängt haben. Sie werden es daher kaum fassen, wie der Arme zehnfältig an dem dunklen Ausgangspunkte seines Lebens hängt, wie nach dem dürftigsten Winkel das Heimweh am mächtigsten zurück zieht. Ich lernte, ich gehorchte, ich erhielt keine Strafe, kaum einen Verweis. Aber meine spröde, ungelenke Art, mein finsteres Brüten schreckte Lehrer und junge Gesellen von mir ab. Der freie Sonntag ist die Wonne eines Cadetten. Jeder ankert nach einer gastlichen Familie, in die er als ›Hausfreundchen‹ einkehren darf. ›Das Cadettenfieber‹ heißen die unvermeidlichen kleinen Feiertagsgäste und die guten Frauen, die ihre Langeweile geduldig über sich ergehen lassen, heißen Cadettenmütter. Ich habe kein solches Freudenfest gehabt; Niemand empfahl mich und ich selbst mich am wenigsten. Ich blieb allein. Die Bestellung eines Gartenbeetchens und diese Drechselbank, die ein scheidender Kamerad mir überließ, haben mir in diesen einsamen Feierstunden die Lust an ländlichen und handwerksmäßigen Beschäftigungen eingeflößt.

Und endlich der Ferienjubel! Wie da monatelang Tage, ja Stunden gezählt, notirt und täglich, zuletzt stündlich durchstrichen werden, bis es heißt nach Hause! Ich bin in sieben Jahren nicht zu Hause gewesen. Ich würde zur großen Sommervacanz einen Freipaß erhalten haben, aber ein vierwöchentlicher Zehrer war eine Last, die der arme mütterliche Haushalt nicht ertrug. Selber Briefe erhielt ich selten, da mit Zeit und Porto gegeizt werden mußte und nie erbrach ich ohne Herzklopfen das Siegel, denn es war fast immer eine Trauerpost, welche die wenigen Zeilen enthielten. Die Großmutter und drei Schwestern starben während meines Ferneseins und als ich bei siebenzehn Jahren mit dem Offizierspatent entlassen wurde, wußte ich nur noch die Mutter und älteste Schwester am Leben.

Kein stolzerer Tag in dem stolzesten Menschenlauf, Sie wissen es, Hellstädt, als der, an welchem solch ein bartloses Bürschchen zum ersten Male die Epauletten trägt! Ich schlich an diesem Tage gedrückt zur Post, denn ich hatte statt des Glückwunsches einen Seufzerbrief erhalten und nicht einmal von der Mutter eigner Hand. Meine Neigung würde mich dem Geniefache zugetrieben haben, da es jedoch einen dreijährigen Aufwand in der Hauptstadt heischte, wurde ich Infanterist und einer von dem mütterlichen Wohnorte weit entfernten Garnison zugetheilt. Jahre gingen hin, bevor ich der Regimentskasse den Vorschuß für meine Equipirung zurückerstattet und das Geld zur Reise in die Heimath erspart hatte. –

Das zehrende Sehnen elf langer Jahre sollte endlich gestillt werden, ich sollte die unglücklichen Menschen wiedersehen, in deren Zusammenhang mich die Natur gefügt hatte. Mein Koffer stand gepackt; am andern Morgen wollte ich reisen. Ich konnte nicht ruhen, das Herz klopfte, daß ich's hörte. O wunderbarer, unbegreiflicher Trieb des Bluts! Alle verjährten Trauerschleier senkten sich, ungeahnete Hoffnungen sproßten; ich fragte mich, war denn auch wirklich alles so düster, als du's bis heute gewähnt? Hat deine kindische Phantasie nicht übertrieben? Die Todesschatten selber waren wie gescheucht. Ich sah, die ich liebte, vereint, frisch, jung und fast froh.

In dieser Erwartung, in der letzten Stunde ereilte mich ein Brief. Der Schwester Hand und – wieder ein schwarzes Siegel! Wieder der Tod, der Mutter Tod, der unglücklichen Mutter! Ich war verwaist! Gott erspare Ihnen noch lange, Hellstädt, daß Sie erfahren, was Verwaist sein heißt. Rathlos, schutzlos, hülflos, was bedeutet das Alles gegen verwaist? Verwaist! Der Faden durchrissen, der uns an eine ewige Vergangenheit knüpft, ehe ein anderer mit der Zukunft angesponnen ist. Verwaist!«

Heinrich griff schweigend nach der Hand des Kameraden, der ihm so düster und rauhkantig und doch so kinderherzig zart gegenüber saß. Es dauerte eine Weile, bis er sich gefaßt hatte, dann eilte er in einem mühsam erkämpften leichteren Tone zum Schluß.

»Mein Koffer wurde wieder ausgepackt, mein Reisegeld verwendet, die verlassene, einzige Schwester zu mir zu führen. Ich zog mich von jedem Verkehr und selber vom Kameradentische zurück. Sie theilte mein Zimmer, besorgte unseren kleinen Haushalt, erwarb noch ein Weniges mit ihren fleißigen Händen. Sie war ein herziges, früh vom Schicksal zerquetschtes Kind, welches das Leben um etliche Jahre länger als die Schwestern fristete und endlich dem nämlichen zehrenden Keime erlag. Ein Kranken- und Sterbebett, ein Grab, ein Lieutenantsgehalt, – da haben Sie die Geschichte von noch zweihundert Thalern Schulden.«

Während Heinrich der Fügung nachdachte, welche eine gute, gleichfalls ein verkümmerndes Dasein führende Schwester unbewußt zur Helferin dieses braven Bruders machte, hatte derselbe sich gesammelt und brachte seine Mittheilung ruhig zu Ende.

»Meine Verbindlichkeiten würden sich indessen ohne Ungelegenheiten vollends abgewickelt haben, wenn ich in meiner früheren Garnison hätte bleiben können. Die plötzliche Versetzung in ein Garderegiment der Hauptstadt – Gott weiß, wem ich die Ehre zu danken habe! – ein Jahrhundert früher hätte ich meine eilf Zoll in Anschlag gebracht, heute kann ich nur auf eine Verwechslung, oder einen Schreibfehler schließen, – nun diese Versetzung mit ihrer Neueinrichtung, brachte eine Stockung in meine Abschlagszahlungen, brachte Mahnungen und Klagen bis vor meine neuen Vorgesetzten. Meine unüberwindlich scheue, störrige Art, die ärmliche Ausstaffirung, die Fremdheit großstädtischer Zustände, meine freiwillige und unfreiwillige Zurückgezogenheit – ich wäre unterlegen! Ein gutes Herz in der letzten Stunde, und ich bin gerettet; in mehr als einem Sinne gerettet, – ich will es sein.«

Der Kamerad hatte geendet; Hellstädt erhob sich in so ernster Stimmung, wie er sie noch in seinem Leben nicht gehegt. »Sie haben mir,« sagte er, »durch Ihr Vertrauen das Edelste geboten, was ein Mensch dem anderen zu bieten hat und mich mehr verpflichtet als Sie glauben, mehr vielleicht als ich selber in diesem Augenblicke klar zu überschauen vermag. Ich habe bis heute sorglos mit dem Leben gespielt. Ihre Bekanntschaft, gelegentliche Verknüpfungen, die ich nicht für bloßen Zufall halten will, dürften einen Wendepunkt auch in meinen äußeren Beziehungen vorbereitet haben. Unter allen Umständen aber, Stern: war es mir gegönnt, Ihnen einen kleinen Dienst zu er weisen, so werden Sie sich das Verdienst anzurechnen haben, daß ich von nun an weniger oberflächlich an Menschen und Zuständen vorüberstreife. Und so hoffe ich denn, lieber Stern, daß diese anspruchslose Fügung ein dauerhaftes Band zwischen uns angeknüpft hat, daß wir nicht nur gute Kameraden bleiben, sondern Freunde werden mögen.«

»Ich habe noch niemals einen Freund gehabt,« entgegnete Herr von Stern mit tiefem Klang, indem er beide Hände des jüngeren Mannes fest in den Seinen hielt, »rechnen Sie auf mich bis zu meinem letzten Lebenshauche.«

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