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Hellstädt und andere Erzählungen

Louise von François: Hellstädt und andere Erzählungen - Kapitel 5
Quellenangabe
authorLouise von François
titleHellstädt und andere Erzählungen
publisherVerlag von Otto Janke
year1874
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20171120
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Viertes Capitel.
Reiche Leute.

Die Frau Geheimeräthin Trumpf, deren elegantem Hause die Geschwister nun ihre Schritte zulenkten, war ihrer Zeit zwar nicht, wie ihre Nichte und Pflegetochter, eine vielumhuldigte schöne Oelgräfin, nichtsdestoweniger aber eine vielumfreite schöne Müllerin gewesen, wenn ihre Taille sich auch nicht mit der einer Wespe vergleichen ließ und ihr Mahlschatz kaum so viele Tausende betrug als die Bewerber der späteren Hundert-Tausende in Aussicht hatten. Ein Kaufmann der Nachbarstadt trug ihre volle Hand davon; das Geschäft florirte unter der weiblichen Association; da sein männlicher Träger indessen frühzeitig der Firma entrissen ward, beglückte nach zurückgelegtem Trauerjahr die wohlconditionirte Wittib den Herrn Wasserbauinspektor Trumpf mit ihrer seitdem beträchtlich in's Breite ent wickelten Person und Revenue. Das auch im Wasserbau einig verwachsende Paar rückte in die Residenz und gradatim unvermeidlich in deren Geheimeraths-Quartier empor, mußte sich aber dem Fatum unterwerfen, das seine schönere Hälfte zum zweitenmale zu einem beklagenswerthen Einzelwesen machte. Das Trauerjahr war abgelaufen, der zweite Wittwenstuhl bis dato aber unverrückt und ein drittes Compagniegeschäft noch nicht in Entreprise genommen.

So die Hellstädter Ueberlieferung in Betreff der Jungfer Hanne Rosine Rose, verwittwete Schmalz, zum zweitenmale verwittwete Trumpf. Madame Rosanne Trumpf-Rose machte in den Kreisen ihres residenzlichen Westends gelegentliche Andeutungen, die einen romantischeren Hintergrund ahnen ließen.

Dem sei nun wie ihm wolle, die Frau Geheimeräthin Trumpf war trotz oder wegen ihrer Fülle eine noch immer ansehnliche Dame entre chien er loup – des Lebenstages nämlich. Sie war reich und die kinderlose Beschützerin einer ansehnlicheren und reicheren Bruderstochter, seitdem dieselbe das vornehmste Pensionat der Residenz verlassen hatte. Was Wunder, daß ihr Salon gesucht war; zumal die Tafel neben ihrer geheimeräthlichen Feinheit mit gutbürgerlicher Fülle servirt erschien und notorisch keiner der Gäste jemals nach einem Ball oder Rout mitten in der Nacht noch einen Restaurant bestürmen mußte, um sich nach den überstandenen Vergnügungsstrapatzen materiell zu kräftigen.

An dem Nachmittage nun, wo Freund Heinrich, seiner Sorgen quitt, sich gern entschloß, die Schwester zur Visite der alten Heimathsgenossen zu begleiten, saß die Frau Geheimeräthin in ihrem Sanctuarium, einem wohlverwahrten Gemach, das blos mit ihrem Schlafzimmer in Verbindung stand und außer einem handlichen Schreibtisch, nur mit einer Reihe von Eichenschränken und einer feuerfesten Eisentruhe ausgestattet war. Nur dem erprobten alten Kammerdiener ward der Eintritt in dieses Allerheiligste gestattet. Die Dame saß und schrieb mit großen, sicheren Zügen, indem sie einzelne unartikulirte Laute von sich gab, die zu gleicher Zeit Mißmuth und einen determinirten Entschluß zu bekunden schienen, die aber während des Absandens und Siegelns sich zu folgendem Zwiegespräch verdeutlichten.

»Punktum! Das heißt einen Trumpf drauf setzen! Verrückte Zumuthung, bombensichere sechsprocentige Documente gegen so halsbrecherischen Schwin del zu riskiren! Sie werden bald genug an Ihre scrupulöse »schwesterliche Freundin« glauben lernen,Sie himmelstürmender Mosjö! Sind Sie darum eines Müllers Sohn gewesen, um sich die erste Müllerregel aus dem Sinn zu schlagen? Der Strom fällt schneller als er steigt, eingedämmt zu rechter Zeit! Wer zuletzt lacht, lacht am Besten. Jetzt lachen Sie, daß Sie aber zuletzt nicht lachen werden, das sagt mir mein guter, alter Bauernkrips, der mich bis dato bei keinem Treibwasser im Stiche gelassen hat.«

Nach diesem Monolog brachte die Dame ihre Papiere sorgsam wieder unter Verschluß und trug das Sendschreiben zur augenblicklichen Bestellung in das Domestikenzimmer. Die Flurschelle ertönte; Mattner, der Kammerdiener, warf einen Blick durch das Lugefensterchen, öffnete dann und kehrte zurück mit einem kostbaren Kamelienstrauß »aus den Treibhäusern des Herrn Baron von Speck.«

»An mich?« fragte die Gebieterin, indem sie beide Hände nach dem Strauße ausstreckte.

»An Fräulein Bertchen,« versetzte der Kammerdiener.

Die Dame zuckte spöttisch die Achseln und ging in ihr Sanctuarium zurück. Sie öffnete einen der Schränke, in welchem ein Berg von Leinenzeug von blendender Weiße, durch rothe Bänderchen abgetheilt, in übersichtlicher Ordnung geschichtet lag; nachdem sie ein Damastgedeck ausgewählt, trug sie es in das anstoßende Schlafzimmer, das nach der anderen Seite mit dem Boudoir und den Gesellschaftsräumen, rückwärts dahingegen mit den Wirthschaftslocalien in Verbindung stand; für die Metamorphosen der Hanne, Rosine und Rosanne ein praktisch bequemes Terrain.

Zur Stunde nun war es noch immer Jungfer Hanne Rosine, die mit souverainer Sicherheit das Scepter führte.

»Kommen zufällig Gäste, Mattnerchen, so weißt Du Bescheid,« sagte sie, indem sie ihrem alten Factotum das blitzblanke Gedeck übergab und ihm dabei zutraulich auf die Schulter klopfte.

Auch Ehren-Mattner war ein Hellstädter Kind und hatte vom kleinen barfüßigen Gänsejungen, durch diverse Knechtsgestalten in Kittel und Flaus, bis zum exquisiten Kammerdiener in schwarzem Leibrock und weißer Cravatte, seidenen Strümpfen und Schnallenschuhen eine in ihrer Art kaum minder notable Carriere gemacht als seine huldreiche Gebieterin. Er nickte verständnißvoll schmunzelnd mit dem Kopfe und folgte der Dame, die mit der Bemerkung: »Nun nur noch das Eingemachte,« ihre Speisekammer betrat. Sie sonderte etliche Büchschen und Fläschchen aus einer langen appetitlichen Reihe, wischte im Fluge ein paar Staubkörnchen ab, schloß dann wieder und mit einem raschen Blicke ihre Küche überschauend, herrschte sie ihre vielgerühmte Köchin an: »Wie? Was? Ein prasselndes Heerdfeuer eine Stunde nach dem Abspülen und für den Abend kalte Küche? Da soll ja gleich – –! Man sieht, wie ich mich, um fünf Silbergroschen zu ersparen, schinde und plage, und wende ich den Rücken, richtet man mich mit der unsinnigsten Vergeudung zu Grunde!«

Ein keineswegs respectvolles Gelächter, das die Küchenmatadorin statt einer Entschuldigung vernehmen ließ, schien ihre Gebieterin nicht zu irritiren. »In Zukunft,« begnügte sie sich hinzuzufügen, »wird gleich nach dem Abspülen das Feuer gelöscht. Ich werde mich davon zu überzeugen wissen. Punktum!«

Ein rasches Klingeln unterbrach die häusliche Inspection.

»Die kleine Hellstädt und ein Offizier,« raunte das Factotum vom Lugefensterchen her der Dame zu. Ein Blick des Einverständnisses wurde rasch gewechselt. Die Dame flog mit einer bei ihrem Gewichte staunenswerthen Behendigkeit in ihr Schlafgemach, verschloß ihr Schlüsselbund, stülpte ein Kopfzeug aus, tauchte die Hände in ein parfümirtes Lavoir, löste die breite weiße Leinenschürze über der bauschigen Seidenrobe und schlüpfte nach einem befriedigenden Blick in ihre Psyche in das nach modischem Geschmack mit allerlei Ueberflüssigkeiten gefüllte Boudoir; unter dem Schatten eines Palmbaumes streckte sie sich nachlässig in eine Chaiselongue, sie ergriff, gleichviel ob verkehrt, das erste beste Buch aus der ungeordneten Sammlung auf dem teppichbehangenen Tische und blickte erwartungsvoll darüber hinweg nach den Falten der Portiere.

Die Metamorphose in die Rosanna war fix und fertig, als nach der Meldung des Kammerdieners und einer gnädigen, Einlaß gewährenden Handbewegung der Dame, Fräulein und Herr von Hellstädt das Zimmer betraten und Jene mit einem huldvollen »Willkommen« sich aus ihrer träumerischen Haltung erhob.

Ob die unschuldige Therese den stattlichen Umriß der Dame durch das Lugefensterchen aufgefangen hatte, oder ob sie, nach mütterlichem Beispiel, des Glaubens war, daß eine Hausfrau durch jeden Besuch in be anspruchenden Geschäften unterbrochen werde, genug, sie führte sich mit der bescheidenen Frage ein:

»Wir stören doch nicht, liebe Frau Geheimeräthin?«

»Stören – mich? – in was?« – lispelte die Dame mit zerstreut herablassendem Lächeln.

»In Ihrer Lectüre, gnädige Frau,« sagte Heinrich gleichfalls lächelnd.

»Nur mein Morgen ist ernsten Studien gewidmet,« versetzte die Rosanna. »Zwischen Siesta und Theestunde blos ein leichtes passe-temps. Sie kennen diese charmanten Ausführungen, Herr von Hellstädt? Die Rittersitze unserer Adelsgeschlechter. Ich hoffe in der Fortsetzung mich auch an dem Oberhof von Hellstädt zu erfreuen.«

»Wenn meine Knabenerinnerungen nicht trügen, gnädige Frau,« sagte Heinrich lachend, indem er das reichgebundene Bilderwerk in die Hand nahm, – »so möchte der kaum nach dem Entstehen verfallende Schnörkelbau von Hellstädt, in ziemlich nüchterner Landschaft, wenig malerische Reize bieten.«

»Sie irren, Baron! – Die Terrassen, die alten Burgtrümmer im Hintergrunde, nichts Ehrwürdigeres als diese architectonischen Familientraditionen! Man lebt Jahrhunderte nach auch bei nur flüchtiger Betrachtung. Wäre unser Adolar uns nicht so früh entrissen worden, würde mein seliger Gatte die Stammburg der Trumpfs – – Aber nehmen Sie dort den rothen Folioband zur Hand, liebes Fräulein,« – wendete sie sich an Theresen, die über des Bruders Schulter in das hübsche Bilderbuch geblickt hatte, jetzt aber bei Erwähnung der Stammburg der Trumpf mit verwunderten Augen in Dame Rosanna's röthliches Antlitz starrte.

»The beauties of english aristocracy« – fuhr – diese fort, – »werden Sie vermuthlich mehr interessiren als diese Architecturen. Feine, adlige Köpfe, wie sie unseren germanischen Geschlechtern seltener eigen sind als den normännisch gemischten und die durch plebeje Verbindungen leider immer mehr trivialisirt werden. Die Racenzüge der Trumpf – –«

Die Portiere rauschte bei diesem letzten Worte auseinander und die junge üppig schlanke Oelgräfin in das Gemach, das für den Umfang zweier bauschigen Roben nicht räumlich genügend, unter Vortritt der Dame des Hauses mit dem Salon vertauscht wurde.

Fräulein Liberte hatte den Lieutenant munter be grüßt, ihre Gespielin nach einem etwas abfälligen Blick auf ihre Toilette, herzlich umarmt.

»Sie müssen den Abend bei uns bleiben,« rief sie, Theresen ohne Umstände das graue Felbelhütchen abnehmend. »Ah, Papas neuer Shawl! Genau das Muster von dem, den ich mir vor drei Jahren aus Paris mitbrachte!«

»O, Ihr Herr Vater, der köstliche Greis!« – unterbrach die Tante die tactlose Offenherzigkeit. – »Vom Scheitel zur Sohle ein Cavalier! Die Seele wird mir weit, so oft ich unter unseren büreaukratischen Salonsfiguranten die hohe Gestalt mit dem ehrwürdigen weißen Lockenhaupte und dem weißen Ritterkreuze auf der Brust hervorleuchten sehe. Ein seltenes Urbild reinen Adels! Aber ich vereinige meine Wünsche mit dem meiner Nichte. Wir geben die Oper auf und unsere lieben Heimathsfreunde gewähren uns einen traulichen Abend.«

»Die Mutter würde sich ängstigen, wenn ich so lange bliebe,« wendete Therese ein.

»Auch ich beklage, für den Abend versagt zu sein,« sagte Heinrich, an den die einladenden Blicke der Damen vorzugsweise gerichtet schienen.

»Bis zur Opernstunde denn,« entschied die Geheimeräthin, indem sie den Sophaplatz einnahm und die Anderen sich um sie gruppirten.

»Sie betrachten dieses Wappen, Herr von Hellstädt,« – nahm sie darauf das Wort, da Heinrich, bei aller Wohlerzogenheit nicht ohne merkliches Erstaunen auf Polstern, Teppichen, Vasen, auf dem trophäenartig ausgespannten Kaminschirm, in die Rahmen der Spiegel und Bilder geschnitzt, gestickt, gewebt, gemalt, das nämliche heraldische Embleme eines an einem Baume in die Höhe kletternden Bären mit der obligaten Freiherrnkrone darüber prangen sah. – »Es ist das Ritterzeichen der Trumpf, welches die Vorfahren meines seligen Gatten in kleinlicher, Gott weiß! sträflicher Geringschätzung haben ruhen lassen. Wir finden Spuren der Trumpf schon in der Cheruskerzeit; der Eichbaum deutet auf den alten, germanischen Stamm. Der Tod überraschte leider meinen Gemahl, bevor er die Versündigung seiner Väter wieder gut zu machen vermochte. Er ehrte die Institution des Adels, wie ich selbst sie ehre; eine conservative Ader zieht sich durch meine ganze Natur. Wäre mein Adolar mir nicht so früh entrissen worden, um die Reihe der Trumpf für immer zu schließen – –«

»Adolar, Freiherr von Trumpf!« rief Liberte mit spöttisch gekräuselten Lippen. Die Rosanna erhob sich plötzlich, eine höhere Schattirung auf den Wangen. »Einen Moment,« sagte sie, »ein Billet an die Gräfin Horn Bock, das ich versäumt« – damit schwebte sie so leichtfüßig als möglich in das Boudoir und wohl möglich, darüber hinaus in das Bereich der Hanne Rosine.

Ein goldhelles Lachen Fräulein Libertens folgte ihr. »Die brave Tante!« rief sie aus. »Ich möchte wohl wissen, in welcher Himmelsgegend sie die Stammburg der Trumpf restaurirt haben würde, wenn ihr Adolar die Reihe des ritterlichen Geschlechts nicht geschlossen hätte. Er ist nämlich netto drei Stunden alt geworden und hat die Nothtaufe erhalten, auf daß in der neuerbauten Erbgruft der Trumpf unter dem Wappenschilde des cheruskischen Bären, auf dem gothischen Marmorkreuz der Name Adolar in goldenen Lettern prangen durfte.«

Theresens Augen hingen ängstlich gespannt an den Lippen der Spötterin; Heinrich dahingegen stimmte belustigt in ihre Laune ein. Denn keinen Gemüthsfehler entschuldigt ein junger Mann an einem schönen Mädchen bereitwilliger als einen Funken sogar boshaften Uebermuths.

»Verzeihen Sie, Herr von Hellstädt,« fuhr Liberte darauf ernsthafter fort, indem sie aus dem Strauße des Baron Speck nachlässig Blume um Blume zerzupfte. »Verzeihen Sie, Sie sind von Adel und ich weiß nicht, wie ich empfinden würde, wenn ich eine Reihe ritterlicher Ahnen und Burg und Oberhof von Hellstädt hinter mir stehen sähe. So aber, ein Kind dieses Tages und in einer Mühle geboren, verdrießt mich die Narrethei meiner Tante und ich bin stolz darauf, daß mein Vater durch seinen Geist, denn Speculation ist ja Geist! alle gesellschaftlichen Schranken für mich niedergerissen hat und ich würde – –«

»Einem erlauchten Bewerber den Rücken weisen, – um consequent zu sein,« neckte Heinrich.

»Im Gegentheil! Was ginge der Edelmann mich an, wenn mir der Mann gefiele? Die Freiheit aller Bewegungen ist ja unser unschätzbarer Gewinn!«

»Auch nach unten hin, schöne Freiheitsrose? – Papa's Impromptu, Sie erinnern sich! – oder suchen Sie Ihre Gleichen nur – –«

» Neben mir,« versetzte Liberte, mit dem leichten, hoffärtigen Kräusel der Lippen, das ihr, sie mochte es wohl wissen, so anmuthig ließ.

»Das heißt also unter den Reichen?« wendete Therese schüchtern ein. »Du kannst Dir wohl gar nicht denken, daß man arm sein kann, Liberte?«

»Nicht denken, was ich bei jedem Schritte mit Schauder vor Augen sehe?«

»Aber edel dabei sein und auch glücklich, Liberte?«

»Edel, warum nicht? Sogar vornehm. Die erste Gouvernante unseres Instituts war eine Generalstochter und hatte den Anstand einer Oberhofmeisterin. Sie schlug die Atlasrobe aus, die wir Pensionairinnen, leidlich tactlos! ihr als Angebinde zusammencollectirt hatten, und imponirte uns in Camelot und Kattun. Aber glücklich, glücklich? – gewiß nicht! Glücklich heißt frei sein und frei heut zu Tage reich. Die Armuth hat als Nothbehelf des Glückes bestenfalls die Arbeit und die heutigen Damen meines Schlags haben nicht mehr arbeiten gelernt, höchstens sich beschäftigen. Meine romantische Tante ist in diesem Punkte weniger aristokratisch als ich constituirt. Trieb und Lust zur Arbeit sind ihr geblieben wie der rüstigsten Bauerfrau. Der Stammburg der Trumpf zu Gefallen verleugnet sie nur ihre Natur und macht sich lächerlich. Aber à propos Tante Rosanna! Sie hält es für comme il faut, mit dem ersten Lerchensang aus der Stadt zu flüchten und da der alte Stammsitz der Trumpf leider zu ihrer Aufnahme nicht bereit steht, die Badesaison aber noch nicht eröffnet ist, nimmt sie mit der neuen Mühle von Hellstädt fürlieb und ist entschlossen in den nächsten Tagen dahin aufzubrechen. Fast hat es den Anschein, als ob sie auch noch weniger romantische Beweggründe hegte. Geschäfte vielleicht; sie treibt gewaltig. Was kümmert's mich? Müßte ich nur nicht mit. Der März auf dem Lande ist schlechthin unausstehlich. Als Winter zu warm und hell; als Sommer zu kalt und dunkel. Ohne Gesellschaft hält man's nicht aus.«

»O, wie gern würde ich Winters und Sommers auf dem Lande leben!« sagte Therese seufzend. »Schon als Kind beneidete ich Charitas, wenn ich sie, manchmal gar barfüßig, Pathe Klausens Gänse vom Anger heim treiben sah. Ich hätte's ihr gern nachgethan. Aber die Mutter meinte, ich würde eines Tages schwerlich Heerden zu hüten, oder einen Hof zu verwalten haben. Ich gehöre in's Haus und müsse im Hause heranwachsen. Dann zogen wir in die Stadt und ich bin nun schon zwölf Jahre nicht mehr in Hellstädt gewesen und habe Charitas nicht wiedergesehen Wie sie wohl geworden sein mag in der langen Zeit?«

»Sie ist geworden, was ihr Name sagt,« antworte Liberte gesetzteren Tones als bisher. »Eine kleine Heilige, wenn man sich eine Heilige so gesund und praktisch vorstellen könnte, wie die Charitas vom Unterhof. Still und gut will sie gar nichts sein und ist viel, sogar gebildet durch den Vater, in dem ja ebenso viel vom Pädagogen als vom Edelmann und Bauer verborgen liegt. Viel mehr habe ich freilich gelernt, aber sie lernte das Wenige besser, sie lernte es mit dem Herzen.«

»Ist sie schön geworden?« fragte Therese, und Heinrich, zwischen Scherz und Ernst getheilt, setzte hinzu: »›Mit breiter Taille und rothen Händen‹ schilderten sie heute Mittag Papas Hellstädter Nachbarn.«

Liberte erwiderte: »Nun ja, ihre Taille mag breiter und ihre Hände mögen röther sein als die unseren, Therese; auch fehlt ihr ein Etwas, ohne welches wir Weltkinder uns die Schönheit einmal nicht denken können. Aber schön ist sie doch. Frage meinen Bruder, der sich pikirt ein Künstler zu sein, welcher Art ihre Schönheit ist. Doch – ein köstlicher Einfall! – sieh sie Dir selber wieder an, geh mit mir nach Hellstädt, Therese!«

»Ach, wie gern! Aber die Mutter –!«

»Bah! Du bittest sie.«

»Die Mutter läßt sich niemals erbitten.«

»Du mußt's nur richtig anfangen, Kind. Bitten heißt schmeichelnd trotzen. Ich stehe Dir bei, und wenn Dein Herr Bruder sich mit uns verbündet – –«

»Werden wir dennoch nichts ausrichten. Die Mutter hat Gründe für alles, was sie thut und läßt.«

»Geht's nicht in Güte, geht's mit Sturm. Ein Angriff muß jedenfalls versucht werden. So leichten Kaufes gebe ich eine hübsche Idee nicht auf.«

Die Frau Geheimeräthin trat wieder ein, einen frischen Duft von Es-bouquet um sich verbreitend, den ihre Eingeweihten zu deuten wußten. Sie unterstützte Bertha's Plan – Bertha klang romantischer als Liberte! – mit so viel Wärme, als sie eine Frau von Distinction sich gestatten darf, verhieß, ehestens als Bittstellerin bei Frau von Hellstädt vorzufahren und gab genügend zu verstehen, daß die Begleitung des Bruders den schwesterlichen Besuch um hundert Procent erhöhen werde.

»Habe ich mich doch längst gewundert, Herr von Hellstädt, – in den Jahren Ihres Herrn Vaters wird man unbeweglicher, – aber daß auch Sie die Wiege Ihrer Ahnen so vollständig ignoriren und dem Einfluß bäuerlicher Verwandten freie Hand lassen –«

»Halt da, ma tante!« unterbrach sie Liberte, »an den Stephans rühre mir nicht, das sind ganze Menschen«

»Wer bestreitet das, Bertha?« versetzte Frau Rosanna, »aber wer wird es auch bestreiten, daß ihre Lebensart das Ansehn eines ritterlichen Geschlechts in den Augen seiner Hintersassen und Lehnsleute bedenklich untergräbt?«

»Die Nachbarn und Einwohner von Hellstädt würden Sie eines empfindlichen Anachronismus zeihen, gnädige Frau,« entgegnete Heinrich lachend, »seitdem auch die letzte Lohnfuhre, der letzte Zinshahn mit schwerem Gelde von ihnen abgelöst worden sind.«

»Leider!« sagte die Dame der Trumpf mit einem Seufzer.

»Gottlob!« dagegen die schöne Oelgräfin mit einem boshaften Lächeln. »Auch die Müller von Hellstädt sind erst seit der Zeit freie Leute geworden.«

Die Frau Geheimräthin biß sich ärgerlich auf die Lippen; erwiderte jedoch nichts, sondern zog die Klingel und befahl dem eintretenden Diener, einen Imbiß zu besorgen. Nach kurzer Weile servirte Ehren-Mattner auf silberner Platte die bereits geschilderte duftige Collation.

»Wie köstlich dieser Phirsich!« rief Therese bewundernd. »Frisch wie vom Baume gepflückt! Haben Sie sie selbst eingemacht, Frau Geheimräthin?«

»Ich?« fragte die Rosanna mit unnachahmlicher Dehnung.

»In unserem kleinen Haushalt kommen zwar derlei Feinheiten nicht vor,« fuhr Therese harmlos fort, »Papa aber liebt Eingemachtes, und hätte ich das Recept, würde ich ihm zu seinem Geburtstage im Herbst mit einer so vorzüglichen Sorte gern eine Freude machen.«

»Ich werde meine Köchin beauftragen,« versetzte die Geheimräthin. »Ich selber verstehe mich wenig auf Küchenangelegenheiten.«

»Ich desto mehr!« sagte Liberte lachend. »Du sollst das Recept haben, Therese, und ein Dutzend andere obendrein, wenn Du beherzt und geschickt zu unserem Hellstädter Plänchen die Hand bieten willst.«

Eine frische Tenorstimme ließ sich in diesem Augenblicke im Vorzimmer vernehmen, und Herr Gustav Rose betrat, sans façon eine Opernarie trällernd, den wappenprangenden Salon seiner Tante, just nicht von deren wohlwollendsten Blicken willkommen geheißen. Sein Anzug war lässiger, die Cravatte bunter, Haar- und Bartwuchs länger als sie in diesen Räumen die Regel waren. Er warf sich auf den bequemsten Fauteuil, kreuzte die Beine und war bald im Zuge, die Gesellschaft von Concerten, Schauspielern, Tänzerinnen, am ausgiebigsten aber von den Proben einer neuen Oper zu unterhalten, für deren Heldenrolle ein parteienspaltender Sänger des Auslandes berufen worden war. Die ansprechendsten Arien des Tonwerks wurden am Flügel zum Besten gegeben, das Libretto recitirt und als es nicht gelingen wollte, die Touren einer eingeflochtenen Maskenquadrille anschaulich zu machen, nahm der geniale junge Herr die Schwester bei der Hand und führte mit ihr, die Tanzweise trällernd, auf dem gestickten Fell des cheruskischen Bären die kunstvollsten Pas und Verschlingungen vor. Athemlos sank er dann auf seinen Sessel zurück und stürzte ein Paar Gläser Sherry hinunter, die er sich ohne Umstände statt des »widerlichen Genäsches« bei Mattner bestellt hatte und sprang darauf mit frisch gekräftigten Lungen zur Schil derung einer nächtlichen Tafelrunde über, welche nach der gestrigen Hauptprobe Künstler und Kunstfreunde bis zum Hahnenschrei vereinigt gehalten haben sollte.

»Auch Künstlerinnen und Kunstfreundinnen?« fragte Liberte.

»Kein Fest ohne die Schönen!« lachte er.

Die Frau Geheimräthin seufzte voll Schmerz. »Wirst Du Dich denn niemals aus diesen zweideutigen Regionen erheben lernen, Gustav?« klagte sie. »Die edelsten Häuser, die würdigste Laufbahn stehen Dir geöffnet. Dein armer, armer Vater!«

»Arm? Wie so? Seit wann?« fragte der junge Herr.

»Seit sein einziger Sohn – –«

»Der einzige, Gottlob! Wären unserer ein Dutzend, würden wir uns anders haben ducken müssen. Er erwirbt und ich genieße. Was wäre natürlicher, ma tante?«

»Ihm nachzuahmen, mon neveu.«

»Meine Nächte schlaflos in martervollen Berechnungen, die thaufrischen Morgen im Gewühl der Börse, oder zwischen Rädern und Tonnen hinzubringen?«

»Unter Deines Gleichen als ein Gentleman zu leben.«

»Als ein Philister oder Narr! Schönen Dank, ma tante. Geld ist Schein und Kunst ist schöner Schein.«

»Ja, der zweite verschlingt, was der erste errungen hat.«

»Ei nun, ich rechne auf einen nicht leicht verschlingbaren Kern. Schlimmsten Falls – – Wißt Ihr, was aus mir geworden wäre, wenn –«

»Wenn Du arm wärst, Du, Gustav?« spottete Liberte.

»Wenn ich, statt zu spielen, mich hätte anstrengen müssen, allerdings –«

»Ein Geschäftsmann, Du?«

»Ein Gentleman, Du?«

»Ein Künstler ich! – Signor Rosario, der erste Operntenor der Welt!«

»Barmherziger Heiland! ein Komödiant!« hauchte die Mutter Adolars von Trumpf, mit einem Versuch von Sterbensmattigkeit.

»Ein rentables Geschäft, mit dem Du Dich ausgesöhnt haben würdest, Tantchen,« versetzte lachend der Künstler in spe. »Kein kostbareres Metall heut zu Tage, als das in einer Kehle verborgen liegt. Dank der liebewerthen Natur, die meinige birgt eine reichkörnige Ader, und Dank den Dukaten, die Papa aus seinem Rübsamen gepreßt, sind die Körner rund und klar zu Tage gefördert. Komme es wie's will, ich habe meine Schätze nur in Betrieb zu setzen und ich bleibe, oder werde ein glücklicher Mann!«

Es entstand eine Pause. Der Blick der Frau Geheimräthin ruhte mißmuthig auf der Pendule; dann zog sie die Klingel und der Diener brachte die verschleierten Lampen. Die Geschwister fühlten, daß der Moment des Empfehlens gekommen sei. Sie dankten für die Plätze, welche ihnen die Dame, schnell wieder erheitert, in ihrer sie zur Oper führenden Equipage anbot und schlugen zu Fuße den Weg nach der Vorstadt ein.

»Mir schwirrt und schwindelt der Kopf,« sagte Therese, nachdem sie eine Weile schweigend neben einander gegangen waren. »Sind alle reiche Leute so, oder ähnlich wie diese, lieber Heinrich?«

»Viele Reichgewordene sollen es sein.«

»Und die an den Besitz Gewöhnten, sind sie weniger leichtfertig und närrisch?«

Er blieb die Antwort schuldig. War er nicht selber an den Besitz gewöhnt? war es der Vater nicht, ein großer Kreis von Lebensgenossen? Dennoch, oder eben darum, hätte er nicht ohne Vorbehalt die Frage bejahen mögen. »Du wünschest die Reise nach Hellstädt, Schwesterchen?« fragte er ablenkend.

»Fast ist der Plan mir leid geworden,« antwortete sie. »Ich verstehe diese Menschen so wenig, selber Liberten nicht, die es ehrlich meint. Und doch wieder: die Reise, der Frühling, unser Hellstädt, die liebe Charitas – das lockt.«

Sie plauderte von ihren Kindheitserinnerungen, bis sie vor dem Gärtnerhause angekommen waren. Er versprach morgen mit ihr vereint einen Anlauf an das mütterliche Herz zu unternehmen, dankte ihr noch einmal für ihre Hülfe und während sie im Flure verschwand, wendete er sich der Wohnung des Kameraden zu.«

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