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Hellstädt und andere Erzählungen

Louise von François: Hellstädt und andere Erzählungen - Kapitel 47
Quellenangabe
authorLouise von François
titleHellstädt und andere Erzählungen
publisherVerlag von Otto Janke
year1874
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20171120
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Zehntes Capitel.
Nur nicht die Eine.

Der Leser kennt hoffentlich nun meinen Urgroßvater schon eben so genau, wie sein Sohn Joseph ihn kannte und weiß, daß durch diesen braven, starken Mann den Bedrängten Hülfe kommen wird. Ich will daher, – obgleich ich's haarklein vermöchte – seine Ueberlegungen und Unterhandlungen nicht einzeln aufführen, nicht die Schritte, die er that, die Opfer, die er brachte, die Gefahren, die er bestand, nur einfach berichten, daß am anderen Morgen eine kleine Flotille von Kähnen, in Stadt und Umgegend geworben, unter seiner Führung in dem unglücklichen Dorfe anlangte. Es war die äußerste Zeit; denn der Mehrzahl der armen Lehmhütten drohte der Einsturz. Er überließ den zur Flucht drängenden Bewohnern sämmtliche Fahrzeuge und ruderte in dem seinen, gelenkt von einem kräftigen Schiffer, die Dorfstraße entlang. Haus für Haus, Scheuer für Scheuer wurde nach den vermißten Kindern geforscht; Niemand hatte sie gesehen, Niemand von ihnen gehört, seitdem sie kurz vor dem Dammbruch im Zwielicht durch das Dorf gegangen waren. Im Wirthshaus auf dem Zornhügel hatte David sie nicht vorgefunden; weder der Eine, noch die Andere waren über Nacht in ihre Heimstätte zurückgekehrt. Hatte die Fluth sie überholt, ehe sie die Höhen erreichten? Sie dem reißenden Strome zugetrieben?

Ja, das war Todesqual, als der unglückliche Vater am letzten Hause vorüberfuhr, jeden Winkel durchsucht, hundertmal mit weitschallender Stimme »Joseph!« gerufen und keine Antwort erhalten hatte. Ja, das war Todesqual, als er: »Verloren, verloren!« schrie und auf den Boden des Fahrzeugs niederstürzte.

Der alte Schiffer weinte; starker Menschen Schmerz wirkt so ergreifend. »Der alte Gott lebt noch,« tröstete er, wie man so eben tröstet, wenn man selber die Hoffnung aufgegeben hat, und er zeigte dabei mit dem Ruder nach dem Gotteshause, dessen Fenster im Strahle der untergehenden Sonne in Gold und Purpur erglänzten.

Den verzweifelnden Mann durchzuckte es wie damals, als er die Pulse seines todten Vaters wieder schlagen fühlte. »Nach der Kirche, Kunz, rudere nach der Kirche!« rief er aus.

»Die Kirche steht unter Wasser,« entgegnete kleinlaut der Schiffer.

»Rudere zu, rudere zu!«

Was war das? Orgelklang? Wie schön leucht't uns der Morgenstern! Davids Leibchoral. »Sie sind's, sie sind's!« Es ist sein Joseph, der die Orgel spielt. »Joseph! Joseph!« ruft er mit freudezitternder Stimme. Das Thurmfensterchen wird aufgerissen. »Magdalene! Magdalene!« Er springt aus dem Kahn, bis über die Knie im Wasser erreicht er das Portal; gegenüber dem Kreuz entblößt er sein Haupt, faltet die Hände und danket Gott.

Das junge Mädchen flog die Treppe herunter und sprachlos vor Seligkeit an seine Brust. Er nahm sie in seine Arme, wie ein Kind und trug sie in den Kahn. Ohne Umstände hatte der alte Schiffer auch den Mosjö Joseph in Beschlag genommen; stumm in der mannigfachsten Aufregung ruderten sie den Höhen zu und erreichten in wenig Minuten das Wirthshaus, vor welchem sie das gestrige leichte Fuhrwerk antrafen.

Da Lenchen leidenschaftlich nach ihrer Mutter verlangte, bestieg David ohne Aufenthalt mit ihr den Wagen, Joseph zog es vor, im Wirthshause zu nächtigen; der Aufregung folgte die Abspannung; er fühlte sich erkältet und müde, wollte allein sein, nichts mehr sehen noch hören, nur ruhen und träumen.

Väterlich und ritterlich sorgte mein Urgroßvater für seinen Schützling. Lenchen mußte ihre Füße in seinen großen Fuchsmuff stecken; er schlug seine weite Wildschur über ihren Leib. Dem armen Kinde kehrten unter dieser Sorge Leben und Laune zurück; ausführlich erzählte sie nun alle Schrecknisse und Todesängste, aus welchen der gute, liebe, beste Herr Haller wie ein Engelsbote sie erlöst hatte. Die Dankbarkeit malte mit starken Farben und sehr in's Detail. Nur seltsam! Fast schien es, als ob Jungfer Lenchen diese haarsträubenden Gefahren mutterseelen allein erduldet habe. So oft der Name ihres Unglücksgefährten wie, von Ohngefähr über ihre Lippen lief, stockte das Wort in ihrem Munde und eine Purpurwelle wogte über das noch immer bläßliche Gesicht. Das Abenddunkel deckte zum Glück die verrätherische Couleur und David Haller wußte den Zartsinn zu schätzen, der einem Vater die nachträgliche Mitleidenschaft um seinen einzigen Sohn zu ersparen suchte.

David Haller hatte einen Sohn, der sich zum Manne gereift fühlte, er selber aber, wir wissen es, war noch nicht vierzig Jahr, das heißt verhältnißmäßig noch ein junger Mann und ein Mann in unverbrauchter Lebensfülle. Es wurde ihm seltsam zu Muthe an dem stillen Abend im engen Raume unter einer wärmenden Hülle mit dem schönen, jugendlichen Geschöpf. Was bedeutete die Unruhe, die ihn ergriff? Was waren das für Träume, die wie alte, längst vergessene Schattenbilder seine Sinne umgaukelten? Warum schauerte er? Warum zitterten die Zügel in seiner Hand? Warum überlief es ihn heiß und kalt? Drohte ihm ein Fieber nach der überstandenen Seelenqual?

Er deutete diese Wallungen nicht und Lenchen ahnete sie nicht einmal; sie plauderte immer munterer, jemehr sie sich ihrem Mutterhause näherten. Das war ein Wiedersehen, ein Empfang! Zu Füßen fiel die gute Christiane dem Manne, der ihr einstmals schon die Mutter und heute wieder ihr liebstes Kind gerettet hatte. Davids innerstes Herz ward gerührt. Ein trauliches Heimwesen, ein sauberes, heiteres Stillleben, ein Bild biederer Genügsamkeit erquickte sein Gemüth. Und wie wohlerzogen, wie rührig und anstellig waren die Kinder, von Lenchen, dem ältesten an, bis hinab zum kleinen fünfjährigen Michel.

Natürlich mußte Kaffee gekocht werden, den werthen Gast zu ehren und zu erwärmen. Hurtig sprang Peter zum Bäcker hinüber, denn möglich war's ja immer, daß er noch etwas Heutiges zum Eintunken übrig hatte; der Paul langte aus dem Eckschränkchen die, guten Meißener Tassen mit der Malerei von »Fels und Vogel« und die messingene Zuckerschachtel, die, funkelte sie gleich wie Gold, er doch verstohlen, mit seinem Rockzipfel noch ein wenig blanker putzte; der kleine Michel aber mahlte die Bohnen und reichte sie der Schwester, die ein schneeweißes Schürzchen vorgebunden, am Ofenloch kniete und ihrem Lebensretter den Labetrunk filtrirte.

Alles in dem engen Wittwenstübchen wehte den reichen David Haller wohlig an; er fühlte sich wie zu Hause. Das heißt nicht in seinem eigenen Hause, das seit Sophiens Tode und Josephs Heimkehr aus einem still-ernsten ein gar ödes, trübseliges Haus geworden war; nein, nein, weit eher, wie in seinem Vaterhause, da, wo er hingehörte von Natur. Es wurde ihm schwer, sich loszureißen. Sie drückten und küßten ihm die Hände; sie liefen und riefen und knixten und winkten ihm nach. Er sprang in den Wagen und jagte davon.

Ja, ja, er jagte. Der maßvolle Bürger, er jagte wie ein Junker. Ihm war, als ob ihm Flügel gewachsen wären. Er hatte diese Empfindung schon einmal gehabt, vor langen, langen Jahren, er konnte sich nur nicht mehr besinnen, wann und wo.

Mitternacht war vorüber, als er zu Hause anlangte. Er war die vorige Nacht nicht zu Bett gekommen; heute legte er sich, aber auch heute konnte er nicht ruhen. Er sprang auf; ging in der dunklen Kammer auf und ab, legte sich dann wieder und fand wieder keine Rast. Fieberte er? Träumte er denn? Aber seine Augen standen ja offen und er hörte den Pendelschlag seiner Uhr. Und dennoch, dennoch umschwebte ihn und umschwebte ihn immer wieder eine liebliche Gestalt, fühlte er einen Hauch, eine Nähe, eine Berührung, einen Schauer vom Kopf zur Zeh', er reckt seine Arme nach ihr aus, da – siehe da jählings scheucht sie ein Schemen! Da steht seine Sophie, weiß wie in ihrer Sterbestunde, mit gebrochenem Blick, und eine Geisterstimme flüstert in sein Ohr: »Nur nicht die Eine! Nur die Eine nicht!« Dann wieder sieht er seinen Joseph, ringend inmitten einer Wogenfluth, seine Arme emporstreckend und schreiend: »Zu Hülfe, Mutter, zu Hülfe!« Und dann wieder schwebte jene Liebliche heran, und wieder der Schemen und die Geisterstimme: »Nur nicht die Eine! Nur die Eine nicht!«

Er riß sich endlich mit Gewalt aus dieser halbwachen Behelligung heraus, stand wieder auf, zündete Licht, trank ein Glas Wasser, dessen Kühlung er für gewöhnlich weder liebte noch bedurfte und setzte sich in seiner Ladenstube an's Fenster. »Was ist mir? Wie ist mir?« fragte er sich laut. »Was bedeutet das mit der Einen? Wer ist die Eine?«

Er hatte bis heute nicht mit der flüchtigsten Wallung an eine Andere gedacht, als seine eine, einzige, selige Sophie; so oft er aber sich deren angstvolles Abschiedswort vergegenwärtigte, hatte er auch keine andere Bedeutung in demselben weder gesucht noch gefunden, als eine unbestimmte mütterliche Sorge um Josephs Sohnesrecht und Wohl; und Gott war ja sein Zeuge, wie fest es in seinem Gewissen stand, treu seinem Verspruch, Josephs Wohlbefinden höher als das eigene zu halten. Woher nun auf einmal diese bänglichen Traumgesichte?

Der Morgen graute und er war noch zu keinem zufriedenstellenden Abschlusse gekommen. Er bestellte das Anspannen und schlug die Straße nach dem Zornhügel ein, um seinen Sohn heimzuholen. Der scharfe Morgenwind kühlte seine Stirn; er athmete freier. Als er den Berg jenseit der Vorstadt hinanfuhr, sagte er ruhig zu sich selbst: »Was hab' ich mit der Einen oder der Anderen zu schaffen, was mich um sie zu grämen? Steht meine verklärte Sophie nicht am Throne ihres Herrn und fleht, daß der mir in's Herz giebt, was meinem Sohne und mir selber nütze ist?«

Indessen: Gedanken und Mücken wird man nicht los. Man jagt sie fort, aber sie kommen immer wieder und stechen immer ärger. So ging es meinem Urgroßvater heute mit der Einen. Es gelang ihm nicht, sie sich aus dem Sinne zu schlagen. Warum sollte er es aber auch? Er fühlte sich jetzt fieberlos und klar im Kopf. Besser die Frage gründlich zu erörtern und ein für allemal abzuthun, als sich immer von Neuem von der Einen umschwärmen und quälen zu lassen. Also: Wer war die Eine?

Ganz unzweifelhaft keine seiner städtischen Bekanntschaften; aus welchen Gründen keine, das weiß ich selber zwar so genau als mein Urgroßvater es in jener Morgenstunde wußte, dem Leser möchte es zu erfahren aber vielleicht überflüssig dünken. Item Keine aus unserem Ort. Das Herz des gründlichen Mannes hatte während der bisherigen Untersuchung ganz gelassen pulsirt. Nun, da er sich in der Gegend umschaute, begann es zu klopfen. Sollte – konnte die Eine Kellers Lenchen sein. Aber nicht doch, o nicht doch, nein! Niemals hatte seine Sophie sie gesehen, schwerlich um ihre Existenz gewußt. Und wenn auch gewußt, was hätte sie gegen das unschuldige Kind einzuwenden vermocht? Hatte sie nicht selber nach einem schönen, liebenswerthen, und zumal nach einem jungen Weibe als ihrer Stellvertreterin ausgeschaut? Nein, Christelchens Tochter war – Christelchen, – halt! Sollte er nicht hier auf der richtigen Fährte sein? Lenchen, so viel stand fest, war die Eine nicht, aber Lenchens Mutter, Christiane, ja freilich, sie konnte, ja, sie mußte die Eine sein. Es war ihm dazumal nicht weiter aufgefallen, aber jetzt fiel es ihm ein, wie verlegen, ja verstimmt seine Selige allezeit geworden, so oft die Rede auf die Tochter der Schösserin gekommen war. Und letztlich die gewaltige Aufregung bei der Nachricht von Kellers Tode! Warum eigentlich dieser Widerwille, diese Aufregung? Eifersüchtelnde Erinnerungen, – seine ernste, fromme Sophie? Furcht, die feine, leise Zucht ihres Hauses unter ungefügigeren Händen ausarten, ihren Sohn mit einer ungleichartigen Persönlichkeit in ein schiefes Verhältniß gerathen zu sehen? Angst, daß unter der Sorge für die Kinder der Wittwe die für den vielbedürftigen eigenen Sohn sich abschwächen, in der erwachenden Jugendliebe die Liebe zu Joseph und das Bild seiner Mutter erblassen werde?

Welches nun aber auch die unergründlichen Gedanken meiner Urgroßmutter gewesen sein mochten, über zwei Punkte war es ihrem Wittwer plötzlich wie Schuppen von den Augen gefallen. Erstens: daß die Eine, vor welcher der lieben Seligen in ihrer Sterbestunde gegraut hatte, zuverlässig Kellers Tochter nicht; zum Zweiten aber, daß Kellers Wittwe diese Eine aller Wahrscheinlichkeit gemäß gewesen war; und seelenberuhigt fuhr er in den Flecken der Wittwe ein.

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