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Hellstädt und andere Erzählungen

Louise von François: Hellstädt und andere Erzählungen - Kapitel 46
Quellenangabe
authorLouise von François
titleHellstädt und andere Erzählungen
publisherVerlag von Otto Janke
year1874
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20171120
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Neuntes Capitel.
Zu Hülfe!

Am Sonntag früh waren Vater und Sohn in einem leichten Einspänner, ihrem eigenen Geschirr, auf dem Wege nach Bielitz, das angenehm in der Aue, von eichenbewaldeten Höhen umhegt, gelegen war. Warum die ersten Anbauer das Dorf und manche seines Gleichen nicht von vornherein auf jenen Höhen angelegt haben, sich lieber den alljährigen Ueberschwemmungen aussetzten und mit der Zeit durch einen mühsamen Dammbau vor denselben schützten, das würde durch Vernunftsgründe nicht erweislich sein. Genug: das Dorf stand, wo es stand.

Auch heute war der Fluß, vom anhaltenden Regen geschwellt, aus seinen Ufern getreten und hatte nur hart am Berge einen allenfalls passirbaren Fahrweg übrig gelassen. Schwierig und langweilig genug ging's bei alledem vorwärts und obgleich meine Vorfahren bei guter Zeit aufgebrochen waren, sie langten vor dem Hochzeitshause erst an, als der Zug, zum Kirchgange geordnet, bereits unter dem Scheunthore stand. Voran die Musik, dann Pastor und Schulmeister mit dem Brautpaar, darauf die lange Reihe der Gäste, je zwei und zwei, ein Männlein und ein Weiblein. Man wartete nur noch auf die beiden vornehmen Stadtbürger.

Sie stiegen hastig aus und eilten auf zwei Frauenzimmer zu, welche man ihnen als Partnerinnen übrig gelassen zu haben schien. Joseph reichte der Zurückstehenden die Hand; David, allezeit höflich, verbeugte sich gegen die Vordere, während er halbabgewendet den Hut gegen den Brautvater schwenkte, der im Drang der nachfolgenden Bewirthung, so wenig wie die Brautmutter an der Kirchenfeierlichkeit Theil nehmen konnte. Flöten und Geigen stimmten ein zum Dessauer Marsch, der Zug setzte sich in Bewegung; Haller und Sohn mit ihren Partnerinnen fügten sich in die Reihe.

Noch hatte David nicht Zeit gehabt, sich sein Frauenzimmer zu betrachten, als dasselbe die Unterhaltung eröffnete. »Sie kennen mich wohl gar nicht wieder, Herr Haller?« fragte halbschüchtern eine herzliche Stimme.

Wie ein Blitz fuhr's meinem Urgroßvater in die Glieder. »Christelchen! Meister Kellerin! wollte ich sagen!«

Zwanzig Jahre hatten sie sich nicht gesehen und jetzt blickten sie sich in die Augen verwundert, ja schier erschrocken, wie vor einer Traumgestalt. Waren sie's denn wirklich? Waren sie Andere, neue Menschen geworden, wie das in zwanzig Jahren im Grunde ja in der Ordnung ist?

David, o David freilich, wenn Christiane vor ihm erschrak, so geschah's, weil er seit zwanzig Jahren der nämliche geblieben war; breiter allerdings, aber darum nur stattlicher, kaum merkbar gealtert. Ein schöner Mann jetzt erst recht; weit und breit fand man nicht seines Gleichen. Es war der alte Jugendfreund, der Christelchen gegenüber stand. Was aber die Jugendfreundin anbelangt, ei nun ja, auch sie erkannte Einer wieder. Ihr Augenpaar schaute noch immer so freundlich drein, ihre Wangen glänzten weiß und sogar noch etwas röther, wie zu der Zeit, da Keller, der Russe, bei ihrem Anblick ausgerufen hatte: »Bei Gott, ein Mädchen zum Anbeißen!« Selber der schwarze Gros de Tours rauschte noch wie am Tage der Einsegnung. Aber allerdings ihre Taille war nicht mehr so schlank wie dazumal; keineswegs zum Umspannen; die rundliche Fülle gab ihr etwas Mütterliches, eine Würde, an die sich der Jugendfreund erst gewöhnen mußte und die ihn beim ersten Anblick schreckartig überraschen mochte.

Sie betraten die Kirche, ohne weiter ein Wort mit einander gewechselt zu haben. Die Mannspersonen stellten sich rechts vom Altar, die Frauenzimmer links; die Traurede hob an. Aber mein Urgroßvater war nicht so andächtig, wie bei heiligen Handlungen sonst; die Aufregung überwältigte ihn. Warum eigentlich? begriff er selber nicht. Es war ihm ja doch keineswegs eine Neuigkeit, daß die Meister Kellerin in den Wittwenstand getreten war. Er hatte es noch bei Lebzeiten seiner Sophie in Erfahrung gebracht und den herzlichen, ja leidenschaftlichen Antheil, den die Selige an diesem Schicksal genommen, aufrichtig bewundert. Sie war leichenblaß, zitternd und sogar ein paar Tage lang bettlägerig darüber geworden, und das nach zwanzig Jahren, daß sie die flüchtige Bekanntin nicht mit Augen gesehen. Freilich, sie hatte ein gutes Herz, seine Sophie, und der ihr die Neuigkeit brachte, hatte hinzugefügt, daß Keller seine Familie in dürftigen Umständen zurückgelassen habe. Er wäre, wie alle Welt prophezeiht, an seiner Braunkohlenspeculation zu Grunde gegangen, und seiner Wittwe bleibe nichts übrig, als in die Stadt zurückzuziehen und durch irgend ein kleines Geschäft die Erziehung ihrer vier Unmündigen möglich zu machen. Alles das hatte David Haller seit dreiviertel Jahren gewußt.

Auch das hätte er sich allenfalls denken können, daß er seine Jugendfreundin hier unten in Bielitz zu Mieke Bullens Hochzeit vorfinden werde: ihr Wohnort lag nur ein Wegstündchen fern auf den Höhen, die Bielitzer Schulmeisterin war David als eine Keller'sche Anverwandte bekannt, und derlei Freudenfeste werden, zumal von Wittwen, ja immer gern mitgenommen. Nein, alles das war's nicht, was meinen Urgroßvater dermaßen außer Fassung setzte. Nicht in Christianens Person und Schicksal, in seinem eigenen Gemüth mußte die befremdliche Wandlung vorgegangen sein. »War sie es denn nur?« fragte er sich immer von Neuem. Ihn däuchte, es hätte eine Andere sein müssen, deren Augenstrahl und Händedruck ihm dereinst das Innerste erschüttert hatten, deren Wieder sehen er so ängstlich geflohen. Weit eher ihre Nachbarin, das junge Frauenzimmer, das sein Joseph geführt hatte und das jetzt neben der Kellerin ihm gegenüber stand. Er konnte seine Augen gar nicht von dem herrlichen Geschöpf verwenden. Wer mochte es nur sein? Wie kam es hierher?

Noch war er nicht in's Klare gekommen über sich und Sie und jene Dritte, als der Zug sich in voriger Ordnung wieder in Bewegung setzte.

Als sie über den Gottesacker gingen, sagte die Wittwe: »Ich muß mich sputen, heim zu kommen; meine Jungen sind ohne Aufsicht; ich hatte nur mein Lenchen glücklich zu dem Feste herunter bringen wollen – – –«

»Lenchen? Ihre Jungfer Tochter?« unterbrach sie David Haller und wurde feuerroth.

»Ja, Herr Haller, meine Aelteste. Sehen Sie dort das kleine Ding, das der junge Stadtbürger führt.«

»Der junge Bürger ist mein Sohn, Meister Kellerin, mein einziger Sohn!«

So standen die alten Freunde denn Hand in Hand und schauten mit großen Augen Eines auf des Anderen Kind. Das also war sein Sohn! Ach, wie wenig glich der blasse, trübselige junge Mensch dem blühenden Sternkönig vor zwanzig Jahren! Das also war ihre Tochter! Ei, wie viel stattlicher, wie viel schöner war sie als die Mutter, da sie in ihrem Alter stand. Wenn selber ein alter Liebhaber dieses Einsehen hat, da muß es ja wohl wahr sein, guter Leser.

Und freilich war's wahr! Kein kleines Ding, hoch und schlank gewachsen wie eine Tanne, mit großen funkelndem schwarzen Augen und purpurnen Lippen, die Haut ein wenig dunkel, aber rosig durchglüht, zeichnete sie sich vor allen Frauenzimmern aus, deren David sich erinnerte; und dieses rasche, lebendige Wesen! Wie munter sie mit seinem Joseph plauderte, wie herzhaft sie lachte! Vater und Sohn schaueten und horchten wie verzaubert.

»Nun, wie gefällt Ihnen meine Lene, Herr Haller?« fragte die Wittwe, als Eltern und Kinder aufeinander stießen.

Eine unbescheidene Frage in der That. Sie gefiel meinem Urgroßvater ausnehmend; aber das konnte er doch nicht sagen. Er wurde roth und machte eine stumme Verbeugung.

Das junge Mädchen hatte aber kaum seinen Namen gehört, als sie fröhlich in die Hände klatschend auf ihn zusprang und rief:

»Nein, das ist aber merkwürdig! Accurat so wie Sie habe ich mir den schönen Herrn Haller ausgemalt, von dem mein Mütterchen immer so viel Liebes erzählt hat.«

Mein Urgroßvater erröthete und verbeugte sich schon wieder. Gleich darauf wendete er sich an Joseph mit der Frage: »Soll ich das Anspannen bestellen, mein Sohn?«

»Jetzt schon?« entgegnete Joseph gedehnt.

»Um so besser, wenn Du zu bleiben Lust hast,« sagte der Vater. »Freund Kilian würde es so wie so übel vermerkt haben, wollten wir seinen Schmaus verschmähen.«

»Ich aber lasse mein Lenchen unter gutem Schutze zurück,« meinte die Wittwe. »Die Nacht über bleibt sie bei der Muhme in der Schule. Guten Appetit, Herr Haller und viel Plaisir.«

Durfte David die alte Freundin den weiten Weg allein zurücklegen lassen? Wäre es nicht freundlich und schicklich gewesen, sie in seiner Kutsche nach Hause zu geleiten? Er schwankte – blickte – ohne Zweifel nur der übernommenen Schützerpflichten halber von der Mutter auf die Tochter und von der Tochter auf die Mutter und entschied sich endlich zu dem Auskunftsmittel, die Wittwe zwar in seinem Fuhrwerk, aber durch einen von Bullens Knechten fahren zu lassen. In zwei Stunden konnte das Geschirr zurück sein und er mit Joseph noch vor Dunkelwerden den Heimweg antreten.«

Als er die Wittwe zum Wagen führte, bemerkte er, daß das Wasser bedenklich im Steigen sei. Er fragte nach rechts und links, ob der Damm sich auch zum Widerstande hoch und fest genug erweisen werde? »Ja, wenn's der Frühlingsstrom wäre, könnt' es was auf sich haben!« meinte man. »Herbstfluthen dahingegen machen blinden Lärm.«

Bei alledem schien unter dem Rauschen und Brausen die Hochzeitsfreude doch einigermaßen zu Wasser zu werden; die Gesichter wurden immer länger und man hörte von Zeit zu Zeit einen Engel durch die Versammlung fliegen. Selber in der Scheune, wo die niederen Gäste, sammt Knechten und Mägden mit Bier und Schnaps freigehalten wurden, ist es, soviel mir bewußt, zu keiner Thätlichkeit gekommen. Dem schönen Feste war ein Dämpfer aufgedrückt und nur Vater und Mutter Bullen keine Spur von Sorge anzumerken, so völlig gingen sie auf im Eifer ihrer splendiden Bewirthung, im unermüdlichen Zerlegen von Braten und Kuchen, im Umherreichen immer frisch gefüllter Schüsseln. Gekocht war schmackhaft und würzhaft, Muskate, Saffran und sogar Cartamum an keinem Gerichte gespart; auch machte der Wein an der Herrentafel Vater Bullens eignem Berggewächs alle Ehre.

Herr Haller senior hatte natürlich den Respectsplatz obenan neben der Frau Pastorin, einer recht angenehm unterhaltenden Siebzigerin, leider ein wenig taub. Ihr Nachbar war indessen gegen seine Mode zerstreut; selbstverständlich nur des Wassers wegen; nebenbei hätte er aber doch auch gern gewußt, ob sein Sohn, der in der ausgeräumten Schlafkammer Platz gefunden hatte, bei guter Laune sei? ob das schöne Lenchen an seiner Seite sitze und wie er sich mit ihr unterhalte?

Joseph saß allerdings an ihrer Seite und so wenig er selber unterhielt, so unterhielt er sich doch ausnehmend gut. Als dreijähriger Hausgenosse eines gelehrten Junggesellen, befand er sich zum ersten Male in der Nähe eines jungen weiblichen Wesens, und war doch durch die Vertrautheit mit seiner Mutter an weibliche Empfänglichkeit und Auffassungsweise gewöhnt. Ein Menschenkenner von heute würde ihn selber vielleicht eine weibliche Natur genannt haben oder eine frauenhafte. Schon sein seliger Großvater, Meister Hans Adam, der allezeit den Nagel auf den Kopf traf, pflegte zu sagen: »Fiekchen, an Deinem Jungen ist ein Mädchen verdorben.«

Da begann denn nun heute ein ganz neues, seltsames Etwas sich in dem Jüngling zu regen; ein Etwas, das er sich selber nicht hätte deuten können, das er zu deuten aber auch nicht verlangte. Er hörte kaum, was das muntere Kind an seiner Seite plauderte, welche merkwürdige Eindrücke sie so in Verwunderung setzten, welche wichtigen Erlebnisse sie mit so unschuldiger Lust berichtete. Auf ihre Ansprachen antwortete er halb wie im Traum.

»Sie sind wohl krank, Mosjö Haller?« fragte sie endlich verwundert.

»O nein! wohl wie noch nie!« antwortete er.

»Aber warum starren Sie mich denn so groß an?«

»Weil Sie so schön sind, Magdalene.«

Lenchen wollte sich todt lachen. Sie war freilich sehr schön; aber wußte sie's denn? Hatte sie sich jemals um Schön- oder Häßlichsein bekümmert? Die Tochter Kellers, des Sonderlings, war überhaupt mehr wie ein Landmädchen, als eine Bürgertochter aufgewachsen; hätte sie sonst, ohne sich im Geringsten beleidigt zu fühlen, es blos lächerlich finden können, daß ihr junger Bekannter von einer Stunde ihr sein Wohlgefallen so unverblümt ausdrückte und sie sogar schlechtweg bei ihrem Taufnamen nannte, statt Jungfer Kellerin, wie sich geziemte?

Lenchen aß mit dem besten Appetit; zumal von dem saftigen Fladen aus Malz und Mohn. »Nehmen Sie doch auch ein Häppchen,« nöthigte sie ihren Nachbar.

»Ich danke Ihnen,« antwortete er ablehnend.

»Kosten Sie doch nur einmal.«

»Ich danke Ihnen.«

»Essen Sie denn immer so wie ein Vogel?«

»Ich weiß es nicht«

»Sie wissen's nicht? Haben Sie denn gar keine Leibgerichte?«

»Nein.«

»Sind Sie aber ein curioser Mensch, Mosjö Haller! Darum sehn Sie auch so blaß und spärlich aus. Ich wollte Sie schon ein bischen auffüttern, wenn ich Ihre Frau wäre!«

»Meine Frau, Sie, Magdalene!« rief Joseph wie electrisirt.

»Ich meinte nur so von wegen der Küche,« versetzte sie unbefangen, indem sie ein Stück Kuchen zum Mitnachhausenehmen in einen Papierbogen wickelte.

Tumult vor dem Hause und jacher Aufbruch in der Nebenstube machte dem interessanten Gespräch ein Ende. Die Fluth drohte den Damm an einer Stelle zu durchbrechen, deren Ausbesserung auf die müßige Winterzeit verschoben worden war. Mit Herbstwassern hatte es ja niemalen viel auf sich gehabt. Und nun doch! Die Männer stürzten nach der gefährdeten Stelle; David Haller voran, die Seele Aller, die benommen von Schreck und hochzeitlichem Trunk, Hand an's Werk zu legen hatten.

Auch Joseph und Magdalene folgten dem Schwarm. Das Mädchen war wie im Fieber. Wäre sie nicht zurückgestoßen worden, sie hätte selber mit Sand und Steine zum Erhöhen und Befestigen zugetragen. Nun rannte sie wenigstens von Haus zu Haus, zog Ochsen und Pferde aus den Ställen, half beim Anspannen und rief wie Davids Echo den Arbeitern zu nach Schaufeln und Schippen, und Karten voll Dünger und Lehm. Die Schulmeisterin, die ihr begegnete, sagte: »Du machst ja Alles der Quere, Lene, und verdirbst Dir nur Dein gutes Kleid. Geh' doch nach Hause!«

Aber hört sie wohl? Sie schürzt sich bis über die Knöchel, läuft hin und wieder wie ein Wiesel, schreit, sie weiß selber nicht wonach und wozu. »So rühren Sie sich doch auch, Mosjö Haller,« ermunterte sie Joseph. »Sehn Sie doch nur den Herrn Vater und stehn nicht so steif wie eine Statua!«

»Was soll ich denn thun?« fragte Joseph verwirrt.

»Du kannst hier gar nichts thun, mein Sohn,« sagte hinzutretend der Vater. »Was geschehen kann, ordne ich an. Geh' in's Dorf und sorge, daß alles Bewegliche auf die Böden geräumt und das Vieh auf die Höhen getrieben werde. Die armen Leute haben den Kopf verloren und bei einem Dammbruch steht sogar das liebe Leben in Gefahr. Entferne vor allen die Kinder, hörst Du, Joseph, die Kinder. Sobald Du aber die nothwendigsten Einleitungen getroffen, hast, so eile fortzukommen. Nimm auch die Jungfer Kellerin mit, die in der Schule nicht sicher ist. Im Wirthshause auf dem Zornhügel wollen wir uns treffen und den rückkehrenden Wagen erwarten.

Der Vater eilte zu den Dammarbeitern zurück und der Sohn ging in's Dorf, seinen Auftrag auszuführen. Aber wie ungeschickt stellte er sich dabei an! Wie verhallte seine Stimme, wie falsch berechnete er Raum und Zeit, wie schlecht verstand er es, den schreienden, händeringenden Weibern Muth und Besonnenheit einzuflößen!

Desto flinker mein Lenchen! Die war an ihrem Platze, nun da sie wußte, was das Gebotene war. Trepp' auf, Trepp' ab, hui, wie ein Wetter! Ueberall selber angefaßt, die Kinder aus den Wiegen, das Vieh aus den Ställen und hinaus auf die Berge; Betten und Kleidungsstücke oben auf die Böden, von Haus zu Haus, gefolgt von Joseph wie von ihrem Schatten!

Mehr als einmal mahnte er: »Denken Sie an den Heimweg, Magdalene! es dunkelt, die Fluth kann jeden Augenblick über uns kommen!«

Immer aber hatte sie nur noch dies zu thun, jenes zu sagen, zu guter Letzt nur noch im Schulhause – ihre Saloppe zu holen.

Endlich brachen sie auf. Die Sonne war unter; das letzte Haus lag hinter ihnen, die Kirche nahe; sie hatten den nächsten Weg über den Gottesacker eingeschlagen, um die Höhen zu erreichen.

Da, jählings, ein Rauschen und Brausen von allen Seiten. Ehe sie es fassen, umfluthet sie der Strom. Die Kirchthür steht offen. Hinein! der Strom ihnen nach. Im Nu ist der Boden bis zum Altarplatz überschwemmt.

Sie flüchten auf die Treppe, die innerhalb zum Chor und weiter hinauf in den Thurm führt; am Fensterchen spähen sie hinaus in die Gegend. So weit im Dämmerschein die Blicke noch tragen, eine glitzernde Woge; der Damm durchrissen, die niedrigen Häuser bis zum Giebel unter Wasser; keine Menschenseele zu erspähn, zu errufen, zu erreichen; nur aus der Ferne wildes Gekreisch und Gebrüll. Und die Fluth unheimlich hoch und immer höher am Kirchboden schwellend; auf dem Todtenhof draußen alle Leichensteine überspült, die Holzkreuze geknickt und im Strudel umhergetrieben, und die beiden fremden Menschenkinder allein, hülflos allein wie in einem weiten, kalten, dunklen Grabe!

Ach, wie zittert und schauert die arme Magdalene! Die Zähne klappern gegeneinander wie im Fieberfrost, irdisches und überirdisches Grauen schüttelt den schönen Leib; Erstarren und Verhungern und Ertrinken und Erschlagenwerden und gespenstisches Wimmeln der Gebeine, die ringsum aus ihren Gruben gespült werden: ein Schreckniß jagt das andere, eine Todesangst die andere. Muth und Leben sind dahin; sie wirft sich auf den Boden, ächzt und schluchzt, schreit und betet kraus durcheinander alle Liederverse und Katechismussprüche, die sie in der Schule gelernt hat. Ist das das nämliche Mädchen, das am Mittag so munter plauderte und noch vor einer Stunde so tapfer und hülfelustig ihre Glieder regte?

Ist das aber auch der nämliche Jüngling, der vorhin so rathlos und hülflos im Gedränge stand? Hatten sie die Geister verwechselt? Alles was den ihren niederdrückte: Ort, Stunde, Verlassenheit, Gefahr, hob den seinen über alle Aengste hinaus; ein unnennbares Etwas electrisirte ihn zu einer Wärme und Freudigkeit, daß die schöne Mitverlassene mitten unter Schluchzen und Beten die Bemerkung nicht unterdrücken konnte: »Barmherziger Heiland! Mosjö Haller, Sie sind ja wie ausgetauscht! Ich glaube, das Elend macht Ihnen Spaß. und Sie freuen sich, daß wir sterben müssen!«

»Sterben in Deinen Armen, Magdalene!« rief« er aus.

»Ach, mit dem armen Menschen ist's auch nicht mehr richtig,« dachte sie, und blickte ihn scheu von der Seite an, während er sie vom Boden in die Höhe zog.

Es war Nacht geworden; draußen heulte der Wind und jagte zertheilte Wolken über die halbvolle Scheibe des Monds; jachwechselnd drang ein bläulicher Schimmer bis in die düstersten Winkel des Kirchenschiffs. Die Altarkerzen, die nach der Trauung zu löschen vergessen worden waren, flackerten unstät hin und wieder; das hohe schwarze Kreuz in ihrer Mitte warf einen langen Schatten auf den glitzernden Wasserspiegel. Die Glocken der benachbarten Kirchspiele läuteten Sturm, verzweifelnde Stimmen schrieen fernhin um Hülfe, und statt der Antwort gurgelte hämisch das entfesselte Element.

Joseph ließ die jammernde Magdalene auf einen Absatz der Chortreppe nieder, hüllte sie in seinen Mantel und umfaßte ihre eisig starren Hände. Die seinen glühten und seine Pulse flogen. Sie drückte die Augen zu vor dem grausigen Kirchenbild zu ihren Füßen und wurde allmälig ruhiger. So oft aber die Thurmglocke die Stunde anschlug, schreckte sie in die Höhe, sank auf die Knie und betete laut für Mutter und Brüder, für Mosjö Josephs und ihr eignes junges Leben; für die unglücklichen Ueberschwemmten und für die himm lischen Geister, deren Gebeine in ihrer Grabesruhe so grausam gestört worden waren. Einmal fragte sie ihren Unglücksgefährten: »Sind Sie denn gar nicht in Angst um Ihren lieben Vater, Mosjö Haller?«

»Mein Vater ist ein besonnener und ein tüchtiger Mann,« antwortete Joseph. »Er geräth nicht leicht in eine Gefahr, oder er weiß ihrer Herr zu werden. Er wird auch uns zu Hülfe kommen, liebe Magdalene.«

So suchte er sie zu beruhigen, und es gelang ihm; ihre Klagen verstummten allmälig. Er selber bedurfte keiner Beruhigung; er fühlte sich frei und lebensfreudig wie seit vielen Monden nicht; er athmete gleich einem Erlösten, dem eine eiserne Klammer von Herz und Haupt gefallen ist. Die entzündete Phantasie trieb ihn über seine Umgebung hinaus in verschleierte Gebiete; Worte strömten von seinen Lippen, wie er keine je gesprochen, noch in seiner Seele geahnt hatte. O, hörtest Du ihn, Sophie? Auch von Dir redete er, der Heißgeliebten, Heißbeweinten. Sein Herz klopfte, seine Thränen flossen. In unsagbarem Sehnen schlang er den Arm um des schönen Mädchens Leib.

Magdalene war still geworden unter seiner Rede; nur dann und wann schluchzte die Stimme noch auf wie die eines unter Thränen entschlummernden Kindes; ihr Kopf sank auf seine Schulter hinab – ihn schauerte, sein Athem stockte. »O Magdalene, Magdalene!« flüsterte er, »sie hat mich allein gelassen, ganz allein auf der Welt. Liebe Du mich, wie sie mich liebte.«

Sie gab keinen Laut. Er hörte ihren gleichmäßigen Athemhauch – sie schlief!

Was in ihm vorging in der dunklen Nacht, das schöne schlummernde Mädchen an seinem Herzen, wenn ich's zu sagen wüßte, ich möchte es nicht sagen, lieber Leser. Er fühlte, daß er ein Knabe gewesen und ein Mann geworden war. Leise berührten seine Lippen das dichte Haar auf ihrer Stirn, ganz leise, um sie nicht zu erwecken; er regte sich nicht, er hielt den Athem an sich und hätte den lauten Schlag seiner Pulse hemmen mögen, nur um still, ganz still die unausdenkbare Seligkeit ihrer Nähe zu empfinden. Die Stunden schwanden, ohne daß er sie ermaß. Draußen noch immer Sturm und jammernder Hülferuf; noch immer das Rauschen und Brausen der Fluth. Drinnen immer länger, immer dunkler das Kreuz auf der spiegelnden Fluth und er mit der Geliebten allein wie in der Allkraft heiligem bergendem Schoß!

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