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Hellstädt und andere Erzählungen

Louise von François: Hellstädt und andere Erzählungen - Kapitel 43
Quellenangabe
authorLouise von François
titleHellstädt und andere Erzählungen
publisherVerlag von Otto Janke
year1874
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20171120
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Sechstes Capitel.
Von einer braven Frau.

Mit diesem Lebewohl bin ich an einem wichtigen Punkte im Leben meines Helden angekommen; ich sinne und messe und rechne nur immer noch an welchem. Der nachsichtige Leser hat mir zwar zugestanden, keinerlei Kunstansprüche an mich oder meinen Urgroßvater zu machen. Wenn ich aber dieses theueren Mannes Figur auf seinem Bilde, wenn ich seinen gesammten Lebenswandel in Betracht ziehe, so finde ich in Beiden ein so herrliches Ebenmaaß, daß es mir würdig, ja beinahe unerläßlich erscheint, auch seine Geschichte nach einer edlen Regel zu ordnen. Zum Exempel nach der vom goldenen Schnitt, die sich, nach Allem, was ich von ihr verstehe, ausnehmend für ein Bürgerleben zu eignen scheint.

Minor, Major, Summa. Nun, die Summa wäre klar: nämlich das Leben; die beiden Theile, in welche sie zerfällt, sind das ledige Leben und das eheliche. Die Hochzeit ist der goldene Schnitt, der sie scheidet. So weit wäre alles in der Ordnung. Aber nun kommt die Schwierigkeit: Welches soll Major sein vor der Hochzeit, oder nachher? Wenn ich die Ereignisse zusammenzähle und die Aufregungen, welche sie in meinem Urgroßvater hervorgerufen haben: den Brand, die Leiche, das Abendmahl, das Sternschießen et cetera, so müßte vor der Hochzeit Major sein, ich bringe nachher nicht so viele wieder zusammen. Aber für diese Eintheilung will wieder die Zeitrechnung gar nicht stimmen. Der Leser weiß, daß mein Urgroßvater an seinem Hochzeitstage erst achtzehn Jahr alt wurde, und da er ein Alter von achtundsiebenzig erreichte, so blieben mir sechszig für den Minor, das ist höchst unbillig und ohne Kunstgeschmack, namentlich bei einem so thätigen und resoluten Helden, wie dem meinen.

Ich komme aus diesem Labyrinthe nicht heraus: vor der Hochzeit soll nicht Major sein, nach der Hochzeit auch nicht, aber doch die Hochzeit der goldene Schnitt; so bleibt mir nur eine schwache Hoffnung, den Letzteren noch bei einer anderen Gelegen heit anzubringen, welche die herkömmliche Ordnung eines Menschen- und Bürgerlebens nicht wesentlich abändert, in der That aber ein späteres Minor finden läßt, das sich zu dem früheren Major verhält, wie dieses zu der Summa Beider, also stricte nach der Regel. Diese Gelegenheit gegenwärtig näher zu bezeichnen, untersagt mir die Sorge für die Spannung meines geliebten Lesers. Ich habe mein künstlerisches Streben an den Tag gelegt, mit meinem Helden geht es noch immer bergauf, und ich fahre getrost in seiner Geschichte fort.

So begann denn David Haller jenes Wirken und Weben, das nicht nur seiner Familie, nicht nur seiner Stadt, nein seiner ganzen heimathlichen Gegend zu einer Quelle des Segens geworden ist. Er wurde der erste, große Industrielle viele Meilen in der Runde, wurde Landwirth, Fabrikant und Kaufherr und das Alles auf ganz unmerklich sicherem Wege. Organisch, würde man heute sagen, entwickelte sich eines aus dem anderen, aus dem Kleinen das Größere, aus dem Größeren das Große. Kein Zug von den halsbrechenden Spekulationen, welche in unseren Tagen Millionäre zu Bettlern und Bettler zu Millionären machen.

Er fing damit an, das Heirathsgut seiner Frau zur Erweiterung seines Betriebes zu verwenden, kaufte die Wolle von den umliegenden Gütern, ließ sie kämmen, im Winter von den Bauern der Gegend spinnen, in städtischen Werkstätten sie zu Tuchen verarbeiten. Wo Tauben nisten, fliegen Tauben zu. Der erworbene Ueberschuß ward in Grund und Boden angelegt, eine bedeutende Schäferei gegründet, auf diese Weise ein Theil der zu verarbeitenden Wolle selber erzeugt und die Schafzucht veredelt. Mit jedem Jahre wuchsen nach Außen hin Einfluß und Ansehen, nach Innen Wohlstand und Gedeihen des Hauses Haller. Dieses alles steht aber im Gedächtniß der Nachkommen seiner Mitbürger und überdies in unserer städtischen Chronika verzeichnet. Es ist nicht das, über welches ich zu berichten habe.

Meister Andreas hatte seine gebrechliche Natur richtig abgeschätzt; ehe das Jahr zu Ende ging, starb er, und diesmal, ohne hienieden wieder aufzuwachen. Wie er es angeordnet, wurde seine Familie nun die seines Sohnes und David Haller löste sein Jünglingswort als ein Mann. Er erzog seine Geschwister zu einem tüchtigen bürgerlichen Leben, die Brüder zu einem Gewerbe, je nach Neigung und Fähigkeit, die Töchter zu sittsamen, fleißigen Hausfrauen. Sobald die Ersteren selbstständig wurden, die Letzteren heiratheten, und im Laufe der Zeit thaten sie es alle, zahlte und stattete er sie aus nicht nach ihrem Anspruche an das kleine väterliche Erbe, sondern nach der großmüthigen Fürsorge des brüderlichen Vormunds und blieb auch in Zukunft ihr Rather und Helfer in jeglicher Noth.

Aber Christiane, was wurde aus ihr? War der gewissenhafte Mann in dem zartesten Punkt so fühllos? Dachte er in seinem Schaffen und Wirken nie mehr an das selige und an das traurige Lebewohl von dem lieben, blauäugigen Kinde? Theurer Leser, wenn ich wahrhaftiglich berichten soll, so kann ich Dir diese Frage nicht beantworten. Keine Seele hat meinem Urgroßvater eine derartige Erinnerung angemerkt und in der That hat er auch sehr wenig Zeit für Erinnerungen gehabt. Ueberdies sah er Christelchen nicht wieder und was das Sehen bei derartigen Stimmungen auf sich hat, das ist ja eine allbekannte Sache. Kurzum, lieber Leser, ich weiß es nicht.

Nachholen aber will ich an dieser Stelle, was ich an der rechten zu erzählen vergessen habe: nämlich, daß die kleine Löfflerin am zweiten Tage der Hochzeit beim Tanzfeste nicht erschien. Sie habe sich gestern beim Schmause den Magen verdorben, meinte die Frau Schösserin, die sich durch dieses Unwohlsein ihres Töchterchens nicht abhalten ließ, bis nach dem Großvater wacker beim Tanzen auszuhalten. Denn bei derlei Gelegenheiten machte Alles seinen Sprung, Jung wie Alt, was nur Beine hatte und sie noch rühren konnte.

Indessen verbreitete sich schon an jenem Abend unter der Hochzeitsgesellschaft eine schier unglaubliche Munkelei. Es sollte gestern bei Tafel richtig geworden sein zwischen der kleinen Löfflerin und ihrem Tischnachbar Keller, dem Russen. Die Meister Andreas und Hans Adam schüttelten die Köpfe, ließen auch ein warnendes Wörtchen gegen die Mutter Schösserin verlauten. Der Keller, meinten sie, sei trotz seiner grauen Haare ein Larifari, der nichts als Raupen im Kopfe habe und seine Torfgrubenspekulation, die breche ihm bei guter Zeit den Hals; denn welcher Mensch mit gesunden fünf Sinnen werde sich seine Oefen durch schwarze, stinkende Erde verschmieren lassen, wenn ihm das schönste Buchenholz in Fülle zu Gebote stehe?

Die Frau Schösserin mußte diesen Einwänden Beifall geben; mit dem Rumor hatte es aber dennoch seine Richtigkeit. Der alte Hagestolz hatte wirklich gestern beim ersten Spitzgläschen nach der Suppe Feuer gefangen und Sonderling, wie er nun einmal war, gegen allen Brauch und Anstand, ohne jegliche Präliminarien und Mittelspersonen seiner hübschen Nachbarin schon beim Braten einen Antrag gemacht; ja, mehr noch! – so ansteckend wirkt die erste Licenz, – noch beim Kuchen des jungen Mädchens Jawort aus ihrem eigenen Munde erhalten.

In wenigen Wochen waren sie Mann und Frau. Daß sie keine Hochzeit ausrichtete, konnte man der armen Wittwe allerdings nicht für ungut nehmen; daß aber eines Vormittags gleich nach dem dritten Aufgebote das Brautpaar, blos von der Mutter begleitet, über Land fuhr, um sich in einer elenden Dorfkirche still und verstohlen zusammengeben zu lassen, wie arme Sünder, machte natürlich viel Rederei. Sie schienen sich indessen wenig darum zu kümmern, zumal sie bald darauf die Stadt für immer verließen. Keller hängte die Kürschnerei an den Nagel und zog einige Stunden seitab in einen Flecken nahe den Feldern, unter welchen er die verdächtigen Braunkohlenlager erwittert hatte. Die Schösserin folgte ihren Kindern nach; bald waren alle Drei im Städtchen so gut wie vergessen und will's Gott! mitsammen glücklich geworden.

Und endlich Sophie, die ältere, ernste, unschöne Sophie, ward denn auch sie nun glücklich? Konnte, lernte ihr junger schöner Mann sie lieben? Ja, mein guter Leser, wenn ich nur wüßte, was du unter »lieben« verstündest? Im Bürgerstande vor hundert Jahren fühlten die Menschen, welche ein Ehepaar werden wollten, sich beileibe nicht von einer geheimnißvollen Naturgewalt, die man späterhin »Liebe« nannte, zu einander getrieben, ohne daß sie eigentlich gewußt hätten, warum. Man liebte sich, weil man sich kannte, nicht, weil man sich nicht kannte; die Liebe war ein Akt des Charakters und eine Wirkung der Gewohnheit; man wollte einen Zweck, nicht eine Person. Darum gab es auch so wenig unglückliche Ehen in jener Zeit.

Ich weiß recht wohl, welche erhabenen Gefühle jene ehrbaren verdrängt haben; ich weiß, daß auch diese erhabenen Gefühle wieder ein überwundener Standpunkt geworden sind, daß wir, als freie Menschen, zwar die Liebe in allen ihren Stadien zu zergliedern, vielleicht auch zu durchlaufen vermögen, aber nur selten noch aus Liebe in den Ehestand treten, sondern entweder aus greifbareren Gründen, oder gar nicht: alles dies weiß ich und noch Manches nebenbei, sogar aus Erfahrung über diesen delicaten Punkt; ob aber mein Urgroßvater meine Urgroßmutter wirklich geliebt hat, in irgend einem neueren Sinne geliebt, das weiß ich wahrhaftig doch wieder einmal nicht.

So viel steht indessen fest: David Hallers Hausstand wurde das Muster der Stadt. Niemals fand selber die Frau Postmeisterin einen Makel: keine Laune der Frau, keine Ausschreitung des Mannes, keinen Hader unter Arbeitern und Gesinde. Alles ging seinen leisen, aber sicheren Schritt. Man sah Frau Sophie fast niemals außer ihrem Hause, selber nicht regelmäßig in der Kirche. Sie kränkelte und lebte vorzugsweise in ihrem Zimmer im oberen Stock, von welchem aus sie das große Hauswesen führte, ordnete und anleitete, was ihre heranwachsenden Schwägerinnen als thätige Schaffnerinnen ausführten. Es blieb ihr dabei noch immer manche stille Stunde, um sie, freilich ganz gegen die Gewohnheiten ihres Standes, bei einem Buche zu verbringen, mit welchem ein Bruder ihrer seligen Mutter, ein Studirter und Professor an der Thomasschule in Leipzig, ihr gelegentlich ein Präsent zu machen pflegte, so daß sie nach und nach eine gar artige, kleine Sammlung besaß. Auch ihrer Musik war sie treu geblieben, nur daß sie jetzt nicht mehr, wie als Mädchen, am späten Abend ihre Lieder sang, sondern in der Dämmerstunde, ehe ihr David kam.

Ach, warum kam er doch immer so spät und blieb so kurze Zeit, der geliebte Mann? So oft Sophie seinen Tritt zur gewohnten Stunde hörte, wurde sie roth bis unter die Spitzen der Haube und das bis zu ihrem Ende, niemals ist sein Kommen oder Gehen ihr gleichgültig geworden. Ja, fast will mich bedünken, ihre Liebe habe einen volleren Pulsschlag gehabt, als jenen ehrbar behaglichen, eheständischen Takt, dessen ich oben erwähnte!

Wie glücklich war sie, wenn ihr David Abends einmal nicht gar zu ermüdet bei ihr weilte, wenn er ein Stündchen mit ihr plauderte und nicht nur von der Wirthschaft; oder gar, wenn er sie bat, ihm etwas zu singen oder vorzulesen! Sie wählte dann immer ein Stück von seinem Gellert, dem Dichter, den er schätzte und liebte wie keinen sonst. Ja, noch als Greis habe ich ihn mit Thränen der Rührung: »Wie groß ist des Allmächt'gen Güte,« und mit Thränen des Vergnügens die Geschichte »vom Hute« und »vom grünen Esel« recitiren hören.

Nur in einem einzigen Punkte stimmte mein Urgroßvater nicht mit seinem Dichterliebling überein, das war dessen Spott über die Weiber und Scheu gegen die Ehe. Nein, David Haller schloß keinen Abend seine Augen, ohne Gott recht von Herzen für eine so tugendhafte und kluge Ehefrau wie seine Sophie war gedankt zu haben.

Ehe es wieder Johanni wurde, gebar sie ihm einen Sohn. Sie war schwer krank, so daß der alte Hans Adam einen berühmten Professor aus Leipzig holen mußte, um ihr wieder aufzuhelfen. Der Professor verordnete der zarten Frau in Zukunft Stille im Hause und Bewegung im Freien: eine curiose Vorschrift für eine Bürgersfrau jener Zeit, wo just das Gegentheil in der Ordnung war. Aber in diesem wohlgeregelten Hauswesen konnte auch solch' eine Vorschrift durchgeführt werden, ohne eine Störung hervorzubringen.

Der Knabe blieb ihr einziges Kind. Sie, nannten ihn Joseph. Der Vater dachte dabei an den from men biblischen Namensahn, der Mutter schwebte noch außerdem ein neueres Bild vor der Seele: die schöne, edle deutsche Kaiserin mit ihrem Erstgeborenen auf dem Arme, umringt von einem Volke, das ihre Anmuth und Hoheit wie ihr Unglück todesmuthig begeisterte. Sophiens Sohn sollte Joseph heißen, wie einst sein Kaiser heißen würde!

Ich will bei dieser Gelegenheit nicht unerwähnt lassen, daß meine mütterlichen Ahnen dem kühnen, philosophischen König, welchem Europa eben im Begriffe war, den Namen des Großen beizulegen, recht von Herzen abhold waren, ja fast ihn verachteten. Freilich zum Abholdsein hatten sie Grund; denn was mußten ihr Land, ihre Gegend und selber die Stadt nicht alles durch ihn leiden! Was aber die Geringschätzung anbelangt, so war allerdings einer seiner glänzendsten Siege in unserer Nachbarschaft erfochten worden, ist aber der Glückliche denn auch immer der Gerechte? Hatten nicht feige, übermüthige Verbündete das deutsche Heer in ihr Verderben gezogen? Hatte man irgend etwas Majestätisches oder Heldenartiges in der dürftigen, gebeugten Figur des Siegers zu erkennen vermocht, als er im abgetragenen Mantel, mit kothigen Reiterstiefeln vor und nach der Bataille unsere Stadt passirte? Mußte man es nicht höchst unköniglich, ja höchst unanständig finden, was er zu der gnädigen Frau, der Gemahlin des reichsten Gutsbesitzers unserer Pflege, gesagt hatte, als er nach jener Schlacht auf ihrem Schlosse übernachtete? Der Gutsherr war kurfürstlich königlicher Kammerherr und da er den Zorn des übermüthigen Triumphators fürchtete, hielt er sich während dessen Anwesenheit verborgen, wie man munkelte im Schafstall. Seine Gemahlin dahingegen, ihr siebenjähriges Söhnchen in kurfürstlicher Fähnrichsuniform an der Hand, war couragirt genug, den königlichen Gast an der Pforte ihres Schlosses zu empfangen und mit würdevollem Anstand die Abwesenheit ihres Gemahls zu entschuldigen. Der hohe Herr geruhten sich längere Zeit mit der schönen, klugen Dame zu unterhalten und ihr beim Abschiede die Hand reichend zu sagen: »Ein Glück, Madame, für Ihr Haus und Ihren Sohn, daß Sie die Hosen angezogen haben statt Ihres Gemahls.«

Die Hosen! Man wollte es anfänglich in der Bürgerschaft nicht glauben, daß Er »Hosen« gesagt und noch obendrein zu einer Dame von Adel, einer geborenen Gräfin. Es wurde aber von Ohrenzeugen versichert und mein Urgroßvater hatte einen Grund mehr, an dem Helden des Tages zu zweifeln und seinen Kurfürsten zu verehren, dessen Lippen ein solcher Ausdruck nimmermehr verunziert haben würde.

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