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Hellstädt und andere Erzählungen

Louise von François: Hellstädt und andere Erzählungen - Kapitel 40
Quellenangabe
authorLouise von François
titleHellstädt und andere Erzählungen
publisherVerlag von Otto Janke
year1874
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20171120
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Drittes Capitel.
Kein Wunder!

Lieber Leser, ich weiß, was du sagen willst: zwei schauerliche Schicksale gleich in den ersten beiden Capiteln, wo der Held noch nicht einmal zum heiligen Nachtmahl gegangen ist, wenn das so fortgeht bis in sein achtundsiebenzigstes Jahr, wie soll eine zartbesaitete Leserin es ertragen?

Aber es geht nicht so fort, gewiß und wahrhaftig, es geht nicht so fort. Ich gebe die heilige Versicherung: mein seliger Urgroßvater hat ein friedfertiges Leben geführt und mit den schauerlichen Ereignissen sind wir zu Ende.

»Himmel! Das ist ja noch viel miserabeler,« höre ich entgegnen; »zwei spannende Tage am Anfang des Lebens und der Geschichte und hinterdrein etliche sechszig langweilige Jahre! Heißt das anordnen, schreiben, romantisch gliedern? Ja; heißt es nur haushalten, die erste Nutzanwendung, die man doch, wahrlich, aus einer Bürgergeschichte ziehen müßte?

Lieber Leser, ich wiederhole es: ich bin ein Enkel und erzähle, was mein Urgroßvater erlebt hat, sowie es mir kund geworden. Wäre ich ein Dichter, schriebe ich eine Novelle, o, achte mich nicht so gering, ich würde meinen Stoff anders behandelt haben. Glaube mir, so lieb es mir ist, das alte urgroßväterliche Haus am Markt, in welchem ich diese Ereignisse zu Papier bringe, ja, so lieb es mir ist, ich hätte es niederbrennen lassen bis auf den Grund, hätte es wohl gar über mein Herz gebracht, einen oder die andere von meinen seligen Urgroßonkeln oder Tanten unter den rauchenden Trümmern als kleine, nackte Leichen hervorzuziehen; oder lieber noch – denn ich neige im Grunde mehr zum Romantiker, als zum modernen Exactiker – lieber noch wäre ich ein Dichter, würde ich den großen historischen Brand meiner Vaterstadt an das Ende meiner Novelle und um einige Jahre hinausgeschoben haben, wo der Held schon ein Jüngling, nicht erst ein Knabe war. Ich hätte ihn dann gezeichnet, wie er, einem Cherub gleich, anstatt der alten Schösserin, sein blon des Mädchen durch die lodernden Gluthen trägt, und todt neben der Todten niedersinkt. – Ja, ich gestehe noch mehr: Gott mag mir die Sünde vergeben, aber! ich hätte es wahrhaftig geschmackvoller gefunden, wenn mein seliger Vorfahre in jener denkwürdigen Nacht wirklich abgeschieden und nicht wieder aufgewacht wäre, wenngleich ich freilich mich fragen muß: Hätte David Haller wohl der Musterbürger werden können, von welchem noch heute die Alten des Städtchens reden als von einem Ersten und Besten ihres Gleichen, der Ehrenmann, dessen Andenken seinen Urenkel begeistert, allen kritischen Anfechtungen Trotz zu bieten und sein Biograph zu werden, wenn er als vierzehnjähriger Knabe schutz- und hülflos, bettelnd vielleicht, die Trümmer seines Vaterhauses zu verlassen gezwungen war?

Dem sei nun, wie ihm wolle, ich kann's nicht ändern. Meister Andreas Haller hatte wirklich nur vierundzwanzig Stunden in Ohnmacht gelegen, sein Haus stand unversehrt und er schaltete und waltete in demselben noch manches Jahr mit gewohnter Umsicht und Pünktlichkeit.

Seine Gesundheit indessen scheint in Folge jenes grausamen Anfalls gelitten zu haben und schreibe ich es diesem Umstande zu, daß er nicht zum vierten Male eine Ehefrau zu Gottes Altar geführt hat, wie dieses vor jener Unheilsnacht seine Absicht gewesen sein soll. Ja, ich habe dringenden Grund zu der Vermuthung, daß die Frau Schösserin die Würdige gewesen ist, auf welche seine Wahl gefallen sein würde und sehe ich mit Bedauern auch in diesem Betracht, welch' ein hübsches Stück romantischer Verwicklung mir durch diese unglückselige Ohnmacht aus dem Garne gegangen ist. Sobald nur einigermaßen ein Steinmetz im Städtchen seine Hände frei hatte, ließ Andreas Haller die Tafel meißeln, deren Gedenkspruch noch heute die Blicke der Vorübergehenden an unsere Thorfahrt lenkt. Der Spruch lautet:

»Gott des Allmächt'gen starke Hand
Bewahrt' dies Haus beim großen Brand,
Als neunundneunzig neben ihm
Verzehrt des Feuers Ungestüm.«

Mein Vorfahre hat diesen Vers selber gedichtet, und da außer demselben keine Probe einer poetischen Ader in seinem Nachlasse, oder in der Erinnerung seiner Zeitgenossen aufgespürt werden konnte, so bin ich zu dem auch für meine eigene Person recht ermuthigenden Schlusse gelangt, daß es durchaus keiner übersprudelnden Gaben bedarf, um, wenn nur irgend die anregende Gelegenheit sich bietet, ein recht erfreuliches Talent an den Tag treten zu sehen.

Die Frau Schösserin und ihre Tochter verließen, sobald eine kleine Wohnung aufgefunden worden war, ihr gegenwärtiges Asyl. Das erheischte der Anstand; alles Entbehrliche aber aus Haus- und Vorrath wurde der armen Wittwe, die Hab und Gut eingebüßt, zur ersten Einrichtung von Meister Andreas zum Geschenk gemacht; das erheischte die Christenpflicht. Sie arbeiteten fleißig. Ja, Christelchens Hände waren so flink und geschickt, daß ihr die ehrenvolle Aufgabe übertragen werden konnte, für die Wohllöbliche Schneiderinnung ein neues Leichentuch, noch prächtiger als das verbrannte, mit frommen Sprüchen und Sinnbildern in Silber zu besticken. Länger als ein Jahr war sie von Sonnenaufgang bis Niedergang mit dieser Arbeit beschäftigt und mußte es ein eigenes Gefühl erwecken, das helle Köpfchen so unverdrossen emsig über dem düsteren Werke ihrer Hände zu erblicken. Natürlich fand sie zu demselben erst ununterbrochene Muße, nachdem sie, gleich unserem David, am Tage Palmarum der Schule entlassen und kirchlich eingesegnet worden war. Die feierliche Handlung gewährte in diesem Jahre eine vorzugsweise Erhebung in Betracht des großen Brandes, welchen der Herr Superintendent zum Hauptgegenstande seiner Rede machen konnte. Auf herzerschütternde Weise erinnerte der fromme Mann daran, daß dieses Feuer ein Vorgeschmack der ewigen Höllenqualen, welche der Sündigen harren, gewesen sei und ein Flammenzeichen unseres Herrgotts zur Reue und Buße über unsere, wie dermalen Sodom und Gomorrha, in ihren Lüsten schier erstickende Stadt. Völlig zerknirscht von dem Eindruck dieser gewaltigen Worte, wie von der Enthüllung so ungeahnter teuflischer Spuren in ihrer nächsten Umgebung legten David und Christelchen Mittwoch Nachmittag ihr reumüthiges Beichtbekenntniß ab, um darauf am grünen Donnerstag, nachdem sie sämmtliche Anverwandten, Pathen, Lehrer und Freunde des Hauses um Vergebung ihrer zahllosen Beleidigungen und Vergehungen angefleht hatten, am ersten Genusse des Leibes von unserem Herrn und Heiland Theil zu nehmen.

Es wird bei dieser Gelegenheit kaum zu übergehen sein, daß und warum Christelchen an diesem hochwichtigen Tage weniger gesammelt und mehr mit sich selber beschäftigt erschienen ist, als man es dem frommen Kinde nach der Zerknirschung des letzten Palmsonntags hätte zutrauen sollen. Man will beobachtet haben, daß sie zwei Mal mit sichtlichem Wohlgefallen über ihr schwarzes Gros de Tours-Kleid gestrichen sei und den scharfen, rauschenden Ton bemerklich gemacht habe, welcher durch diese Bewegung entstand.

Ach, schon Jahr und Tag hatte die arme Schösserwittwe zur Beschaffung eines würdigen Anzugs für ihre Tochter gearbeitet und gespart und nun war der sauer erworbene Schatz mit allen anderen Habseligkeiten ein Raub der Flammen geworden. Gewiß, ein Hartes für die vortreffliche Frau, sich ihre Tochter, so guter Leute Kind, an ihrem Ehrentage in einem Kleide von Serge einhergehend vorzustellen, und die Serge obendrein geborgt, auch hatte sie allen Ernstes darüber nachgesonnen, die heilige Handlung um ein Jahr hinauszuschieben. Aber, abgesehen davon, daß es gegen alles Herkommen gewesen sein würde, ein Kind länger als vierzehn Jahre ohne die Erneuerung seines christlichen Taufbundes zu belassen, welche Aussicht konnte die Verarmte haben, binnen Jahr und Tag eine so schwere Anschaffung zu bestreiten? Man mußte sich Gottes unerforschlichem Rathschlusse auch in diesem Stücke fügen und die Schmach auf sich nehmen; aber die Prüfung war hart für ein Mutterherz. –

Der letzte Stich am schwarzen Sergekleide war eben gethan, da – da kommt eines Abends von Leipzig die gelbe Kutsche (sie hatte sich heute des schlechten Weges halber um ein Stündchen verspätet, gewöhnlich fuhr sie recht gut die Meile in vier Stunden). Die gelbe Kutsche bringt einen Brief an »die Wohl-, Ehr-, Sitt- und Tugendbelobte Jungfer, Jungfer Löfflerin, anbei ein Paquet in Wachsleinwand«.

Der Postillon zeigt dem Schirrmeister an, daß ein Paquet an Löfflers Christelchen in der Schoßkelle liege; der Schirrmeister theilt den curiosen Fall dem Postschreiber mit, der Postschreiber drückt seine höchste Verwunderung gegen den Postmeister aus. Die Frau Postmeisterin hält sich während des Pferdewechsels gewöhnlich in der Nähe ihres Ehegatten auf, denn, da sie keine Kinder, wohl aber eine hülfreiche Seele besitzt, unterstützt sie ihren Herrn in seinem Geschäft und sieht die Briefe und Paquete durch, welche auf der Station liegen bleiben. So geräth denn auch diese Sendung in ihre Hände, und welchen Eindruck sie hervorbringt, nun, das läßt sich vorstellen, wenn man erwägt, daß weder die Frau Schösserin noch ihre Tochter jemals einen Brief erhalten, oder abgesendet haben. Und nun gar ein Paquet! Von wem mag es nur sein? Was mag es enthalten? Sie untersucht den Umschlag: Wachsleinwand. Sie führt ihn zur Nase: Wachsleinwand. Sie bohrt mit dem Finger hinein; die Wachsleinwand giebt nach, also nichts Festes, aller Wahrscheinlichkeit nach Zeug. Sie reibt mit der Hand, horcht dicht am Ohr; ein eigenthümlich scharfer Ton – am Ende gar Seidenzeug! Sollte es möglich sein, Seidenzeug! Sie hält den Brief gegen das Licht, aber das Papier ist zu dick, kein Buchstabe durchzulesen. Die Frau Postmeisterin hat immer so viel Mitleiden für die arme Schösserwittwe gehegt, ihr freundschaftliches Gemüth läßt ihr keine Ruhe, sie erklärt ihrem Eheherrn: Da der Briefträger schon Feierabend gemacht habe, wolle sie selber das Paquet noch fix hinüber besorgen, man könne doch nicht wissen, was es enthalte.

Die Wittwe und ihre Tochter waren, wenn möglich, noch mehr erstaunt als ihre Gönnerin, ja beinah erschrocken. Sie wollten eine Namensverwechslung voraussehen, aber das »Jungfer Löfflerin« war deutlich zu lesen und keine Löfflerin weiter im Ort. So griffen sie denn zu mit zitternden Händen und öffneten die Mutter das Paquet und die Tochter den Brief. Da dieselbe noch in die Schule ging, wäre sie mit dem Lesen von Geschriebenem wohl fertig geworden, aber sie vermochte es vor Schluchzen nicht, die Frau Postmeisterin mußte ihr das Blatt aus der Hand nehmen und fortfahren.

Ja unverhofft kommt oft! Christelchens Gevatterin, in Leipzig verheirathet, durch die Nachricht, von dem großen Brande in ihrer Vaterstadt aufgerüttelt, erinnert sich zum ersten Male im Leben der übernommenen Christenpflichten und macht ihrem Pathchen das heilige Nachtmahlskleid zum Präsent.

Die drei Frauen waren anfänglich sprachlos; dann aber lösten sich Herzen und Zungen: Welch' ein Stoff! Und wie reichlich! Man hätte zweimal Rock und Kontusche daraus schneiden können! Nein diese Seide! Die stand von selber wie ein Brett und rauschte wie ein Gießbach! Solches Zeug war natürlich nur in Leipzig zu kriegen; das konnte im Leben nicht verwüstet werden, nein, in Ewigkeit nicht! Wie viel mochte nur die Elle gekostet haben?

Ich bin außer Stande, diese letztere Frage zu beantworten, daß aber die guten Frauen in ihrer Herzensfreude übertrieben, das kann ich bezeugen. Der Stoff war zu verwüsten, ich selber habe die letzten Flicken davon als Futter in meinem ersten Schulrocke aufgetragen. Wenn ich mich aber über diesen, dem Leser vielleicht geringfügig dünkenden Zwischenfall etwas umständlich ausgelassen habe, so geschah es, weil er als ein neuer Beleg gelten kann für die wunderbare Weltordnung, die aus dem größten Unsegen einen immer noch größeren Segen sich entwickeln läßt. Die Waise des seligen Schössers würde ohne den Brand allerdings standesgemäß in Seide am Tische des Herrn erschienen sein; aber doch nur in leichtem Tafft. Der Tafft mußte erst verbrennen, das Stadium der Serge in Demuth überwunden werden, auf daß sie, die Waise nämlich, in schier unverwüstlichem Gros de Tours zu Gottes Ehre erscheinen durfte.

Nach dieser zweifelsohne dem frommen Sinne meines Urgroßvaters entsprechenden Auslegung, kehre ich zu ihm selber zurück, wie er, unberührt von dem Dämon der Weltlust, der seine junge Freundin kitzelte, in ungestörtem Ernst das gnadenreiche Sakrament empfing. War er von Natur schon gesetzt und tüchtig, niemals zerstreut und allezeit bei der Sache, so hatten die jüngst erlebten gewaltigen Eindrücke ihn nur noch völliger gereift. Und so gelobte er sich denn heute im innersten Herzen, ein Christ zu sein und zu bleiben. Ein Christ, das hieß nach der bürgerlich protestantischen Auffassung jener Tage: tugendhaft sein und Gottes Willen thun und ich glaube, wenige Menschen haben sich im Leben so Wort gehalten als dieser gute Knabe.

Er wurde nun dem Namen nach erst der Lehrling, dann der Geselle seines Vaters, in der That aber sein Gehülfe und seine rechte Hand. Das Geschäft nahm einen blühenden Aufschwung, seitdem Auge, Hand und Kopf dieses besonnen thätigen, klugen Jünglings sich demselben widmeten. Er war am Ersten und Letzten wach im Hause; nie sah man ihn müßig, nie ermüdet, aber auch niemals aufgeregt und übereilt. Bei sechszehn Jahren zeigte er in Arbeit, Erholung und Ruhe ein Maaßhalten, das man Weisheit nennen dürfte, wenn ein so großes Wort sich für einen so jungen Menschen schicken wollte. Daher ward er denn auch von den Vätern der Stadt als. Muster gepriesen, und von den Arbeitern und Dienern seines Vaters recht von Herzen geliebt. Es schaffte sich lustig unter seinen Augen, pflegten sie zu sagen; denn er verstand es, selber, wenn er Schweres von ihnen forderte, sie guter Dinge zu erhalten durch einen Zug von Humor, ein »Späßchen«, wie man es nannte, das gelegentlich in unveränderter Gestalt; wiederkehrte und wozu die Neigung, trotz aller großbürgerlichen Würde, ihm bis in das späteste Alter treu verblieb.

Auch sein Aeußeres entwickelte sich früh und vortheilhaft. Im siebenzehnten Jahre war er schon vollständig erwachsen und begann »auszulegen«, das heißt stark zu werden. Er war groß und regelmäßig gebaut, hatte ein schön geschnittenes, offenes, blühendes Gesicht mit blauen Augen so freundlich ernsthaft, wie sein ganzes Wesen; er hielt sich kerzengerade, bewegte sich gemessen, ja etwas feierlich, wie es einem Bürgersohne ziemte und kleidete sich immer mit der ausgesuchtesten Sauberkeit. Wenn er Sonntags früh zur Kirche ging im zeisiggrünen, goldgeknöpften Manchesterrock, mit schneeweißen Strümpfen und Schnallenschuhen, das sorgfältig gepuderte Haar auf dem Rücken zusammengebunden in den längsten und stärksten Zopf der ganzen Gemeinde, so konnte das Auge nicht anders als mit Wohlgefallen auf ihm weilen und man mußte dreist erklären, daß er unter sämmtlichen Bürgersöhnen nicht seines Gleichen habe.

Da er noch nicht Meister war und kein Recht auf einen Sitz im großen Bürgerstuhl neben seinem Vater besaß, nahm er seinen Platz auf dem Chor. Zufällig saß gerade unter ihm im Schiff die Jungfer Löfflerin und konnte er es gar nicht vermeiden, so oft die Gemeinde sich erhob, ihr helles Köpfchen und den zierlichen Wuchs, freilich nur von hinten, vor Augen zu haben und zu sehen, wie ehrfürchtig tief sie sich neigte, sobald von Altar oder Kanzel der Name unseres Herrn und Heilands verkündigt ward. Auch ihre helle, frische, von der Katechismuslehre her wohl bekannte Stimme glaubte er beim Singen zu unterscheiden und im Herausgehen traf es sich immer ganz von selbst, daß sie unter der Pforte aufeinander stießen. Er zog seinen dreikrämpigen, goldgebordeten Hut und sagte sich verbeugend:

»Gehorsamer Diener, Jungfer Löfflerin!«

Sie machte einen Knix und erwiderte:

»Gehorsame Dienerin, Mosjö Haller!«

Und Beide setzten ihren Weg nach Hause fort.

Die Frau Postmeisterin will bemerkt haben, daß bei diesen zufälligen Begegnungen die beiden Abend mahlskinder jedesmal purpurroth geworden seien bis unter den Puder. Aber die Frau Postmeisterin sah zu Zeiten ein wenig zu viel. Ich schreibe nicht gern Böses von Todten, aber, wahrhaftig, ich stehe dafür ein, daß sie geradezu gelogen hat, wenn sie bis an ihr Lebensende behauptete, daß am zweiten Osterfeiertage Anno Zweiundsechszig in der Frühkirche der Mosjö Haller ganz verstohlen ein Blümelein Vergißmeinnicht der Jungfer Löfflerin auf ihr Gesangbuch hinabgeworfen, daß die Löfflerin über und über wie ein Scharlach geworden sei und das Blatt umgewendet habe, lange ehe die Seite zu Ende gesungen war. Das blaue Blümchen ist allerdings auf das Buch des jungen Mädchens hinuntergefallen und konnte bis zu ihrem Tode an derselben Stelle von »Jesus meine Zuversicht« gefunden werden; aber kein Zug in David Hallers Leben berechtigt zu der leichtfertigen Voraussetzung, daß es nicht zufällig seinem Knopfloch entglitten sei, dahinein er es gesteckt hatte, als er es, das erste des Jahres, am Morgen im väterlichen Garten fand.

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