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Hellstädt und andere Erzählungen

Louise von François: Hellstädt und andere Erzählungen - Kapitel 39
Quellenangabe
authorLouise von François
titleHellstädt und andere Erzählungen
publisherVerlag von Otto Janke
year1874
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20171120
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Zweites Capitel.
Noch ein Wunder!

Ein wahres Glück, daß die Frau Schösserin und Christelchen im Hause waren! Sie vergaßen ihre eigne Noth über der fremden und hatten alle Hände zu rühren, um das Hauswesen nur einigermaßen in Rand und Band zu halten. Der arme David fand keinen ruhigen Augenblick für seinen Schmerz. Was lastete nicht alles auf dem guten Jungen, was sollte er nicht alles bedenken und beschaffen!

Nur allein das Begräbniß! Er hatte bei der Bestattung der Stiefmutter gesehn, hatte es oftmals aus des lieben Seligen Munde gehört, wie sehr derselbe auf Anstand und Würde, ja auf ein gewisses Gepränge bei derlei Feierlichkeiten hielt. Nun aber in dieser allgemeinen Bestürzung: zeigten Prediger und Küster, und Kirchenvoigt und Leichenbitter und Todten gräber und der Tischler, – wegen des Sarges, – und der Zinngießer, – wegen der Handhaben des Sarges, – und der Cantor, – wegen der Currende und der Thürmer wegen des Läutens, und der Stadtpfeifer, – wegen der Trauermusik, zeigten sie nur ein Fünkchen Bereitwilligkeit für den armen, zitternden Knaben? Und nun gar vollends das gute Leichentuch, das mit der silbernen Stickerei und den Fransen, das der wohllöblichen Schneiderinnung dreihundert Thaler anzuschaffen gekostet, dafür alljährlich aber auch an dreißig Thaler Leihgeld von den Honoratiores eingetragen hatte, war das gute Leichentuch nicht mit der Wohnung des Altmeisters verbrannt? Und der Rathskellerwirth, er, der immer so stolz gewesen war, die Bewirthung der Leidtragenden zu übernehmen und zu allseitiger Zufriedenheit auszuführen, hatte er nicht den Kopf geschüttelt, ihm den Rücken zugekehrt und schier verächtlich ausgerufen: »Aber, Davidchen, um Jesu Christi willen, ich frage Dich, wer soll denn nachfolgen? Es wäre ja Schade um's liebe Gut, schaffte ich's an.«

Es war Abends gegen zehn, als der arme, müdegehetzte Knabe nach Hause zurückkehrte Die Schösserin, die Kinder, das Gesinde, alles schlief, oder rang mit dem Schlafe. Der Leichnam war unten in der Ladenstube liegen geblieben; da ruhte er, auf ein Brett gebunden und mit einem weißen Laken zugedeckt auf dem Canapé, das mit schwarzem Leder bezogen war; aber Niemand erzeigte dem Seligen den Liebesdienst der letzten Wacht. Wer hätte auch Kraft und Muth dazu gefühlt nach den beiden grauenvollen Nächten?

So matt er war, so eindringlich die Frau Schösserin abmahnte und sagte: »Es kann Dein Tod sein, Davidchen, und Deinem Vater hilft's ja nichts, der wacht ja doch nicht wieder auf;« der treue David entschloß sich ohne Besinnen zu dieser Pflicht; er nahm ein Licht und ging hinunter. Ihn fror, ihn schauderte, seine Zähne schlugen aneinander, die Knie schlotterten; wankend erreichte er einen Stuhl; der Kopf sank kraftlos auf den Tisch.

In dieser äußersten Erschöpfung hatte er regungslos gelegen lange, er wußte nicht wie lange. Jählings schreckt er auf. Er spürt Geräusch, leise ganz leise. Sind das nicht Tritte? klopft es nicht? geht nicht die Thür? hört er nicht seinen Namen »David« flüsternd und bebend wie Geisterhauch? Heiland der Welt, wie fliegen seine Glieder; wie hämmert sein Herz, wie tropft der eiskalte Schweiß von seiner Stirn! Er will den Kopf in die Höh' recken, will um sich blicken. Die Blicke sind wie gelähmt, der Nacken wie umklammert von einer ehernen Faust.

In dieser Folterqual kommt es über ihn wie eine Eingebung. »Vater, in Deine Hände befehl' ich meinen Geist,« betet er; ob er's laut gebetet, weiß ich nicht; aber er betet's im Herzen und – wundervolles Wort! Kaum ist es verhallt, so richtet sich der Nacken in die Höh', der Kopf wendet sich nach der Thür und – was erblicken seine Augen? Ein Gespenst?

Ach nein, just das Gegentheil von einem Gespenst, ein liebes, rundes Kindergesicht, wenn auch die Bäckchen kreideweiß gefärbt sind, und Hände und Füße zittern wie dürres Laub. Christelchen, ein klapperndes Kaffeegeschirr im Arm, steht wie eingewurzelt unter der Thür.

»Ich habe Dir was Warmes gekocht, Davidchen,« hauchte sie kaum vernehmlich, ohne sich zu nähern. »Komm' doch her und hol's. Du bist ja noch nüchtern, armer Junge!«

»Ja, wie verschmachtet!« versetzte David, »mir ist als stürbe ich auch.«

»Trink ein Schälchen,« nöthigte die Kleine. »Aber schwarz, David; es sind keine Möhren drin.«

Er nahm das Brett aus ihrer Hand, trug es auf den Tisch, schenkte ein und stürzte eine Tasse hinunter. Das ungewohnte, heiße, starke Gebräu wirkte gleich einem Zaubertrank; in der nächsten Minute fühlte sich David so kräftig und rege wie je.

»Wie das gut thut!« sagte er, indem er dem lieben Mädchen dankbar die Hand reichte. »Aber Du zitterst, Du bist wie Eis, Du fürchtest Dich wohl, Christelchen?«

Sie nickte und blickte scheu nach dem Canapé. Nach einem Weilchen jedoch sagte sie: »Seit Du aber mit mir redest, Davidchen, ist mir ganz getrost geworden; gieb mir nur Deine Hand, dann fürcht' ich mich gar nicht mehr.«

Sie schlüpfte bei diesen Worten aus ihren Pantöffelchen und schlich an Davids Hand zum Tisch, schenkte ihm eine zweite Tasse ein, nippte, auf sein Nöthigen, ein Paar Schlucke aus derselben und fühlte sich so gestärkt wie er selbst. Nun ging sie zum Ofen, fachte das Feuer an und stellte die Kanne in der Röhre warm, alles ganz allein und beherzt, aber ganz behutsam und sachte, daß der Todte nicht dadurch gestört werde. Und als sie es ihrem jungen Freunde auf diese Weise zu seinem schweren Dienst behaglich gemacht hatte, nahm sie seine Hand und ließ sich von ihm über den Flur bis zur Treppenthür geleiten.

»Du hast mir eine große Güte gethan, Christelchen,« sagte David gerührt, »ich werd' es Dir niemals vergessen.«

»Ach, ich weiß ja,« antwortete sie und ein Thränenstrom überfluthete ihre Wangen, »ich weiß ja, wie es einem armen Kinde zu Muthe ist, dem der Vater auf dem Leichenbett liegt. Und ich habe doch noch meine gute Mutter, die Du mir aus dem Feuer gerettet hast, David, aber Ihr armen Waisen seid ganz allein auf der weiten Welt.«

Sie sprang die Treppe hinauf und er ging wieder hinein zu seinem Todten. Verwaist, allein, ganz allein auf der weiten Welt, er und die zehn kleinen Geschwister! Der Gedanke wurde ihm zum ersten Male klar in seiner vollen Bedeutung. Keinen Menschen, keinen nahen Verwandten, der für die armen Kinder Sorge trug, und die allgemeine Noth in der Stadt, welche die Noth des Einzelnen so wenig in Betracht kommen ließ! Er hatte den Vater mit der Stiefmutter öfters darüber reden hören, daß der Erwerb wohl' allenfalls hinreiche, um die starke Familie zu ernähren, daß aber an Zurücklegen wenig zu denken sei; was sollte aus den hülflosen Kleinen werden? Der Gedanke vernichtete ihn fast.

Er trat zu der Leiche und schlug das Tuch zurück; da lag er, der theuere Mann, der Versorger Aller, fast unverändert, aber so kalt, so steif! Er warf sich über ihn und umklammerte ihn mit seinen Armen; seine Thränen fielen in Strömen auf das weiße Todtenangesicht.

»Erwache Vater, erwache!« schluchzte er, seine Hände ringend. »Vater im Himmel, Mutter im Himmel, laßt euere armen Kinder nicht ganz allein auf der Welt!«

Alles Grauen war von ihm gewichen; er fühlte gar nicht mehr die Nähe einer Leiche, er fühlte nur seine ungeheuere Qual. Lange lag er unbeweglich über den Todten gebeugt. Er hörte den Glockenschlag Zwei. Auf der Straße war es ruhig geworden; die unglücklichen Menschen hatten endlich auch Schlummer und Obdach suchen müssen; man hörte nur die Tritte der Wächter, die neben den glimmenden, rauchenden Trümmern auf- und niederschritten.

Plötzlich war es dem Kuchen, als fühle er die Hände des Vaters sich leise beleben, – aber es ist wohl die Wärme der eigenen Hand, die sich der todten mitgetheilt hat. Jesus Christus, was ist das? Färben sich nicht ein wenig die fahlen Wangen? Oder sollte es eine Flamme von den Brandstätten drüben sein, welche auflodernd diesen röthlichen Schimmer werfen? Aber jetzt – eine Regung der Fingerspitzen, ein leiser Pulsschlag – darf er es glauben? Und warum nicht glauben? Hat nicht Gott, der Herr; erst gestern Abend ein Wunder an diesem Hause gethan? Er löst die Schnüre von dem steifen Brett, reibt die Schläfen, die Hände, das Herz des theueren Manns; er zieht seine Lippen auseinander und flößt ein Paar Tropfen heißen Kaffee's in seinen Mund, er hörte sie gleiten, nicht rollen, noch etliche, noch etliche; er legt sein Ohr an des Vaters Mund, seine Hand ihm an's Herz; ja, das war Athem und Pulsschlag, keine Täuschung der Sinne! Er richtet den noch immer ungefügigen Körper in die Höhe, giebt ihm eine sitzende Stellung, noch einmal wirft er sich unter heftigem Schluchzen an seine Brust:

»Lebst Du, Vater?« ruft er, »ach lebe, lebe!«

Der alte Mann schlägt die Augen auf, blickt verwundert in des aufgeregten Knaben Gesicht und fragt mit schwacher Stimme:

»Brennt's noch, David? Warum schreist Du so, mein Sohn?«

»Ach! Ach! Herr Vater,« stammelte der Knabe, »ich dachte, – ich dachte, Sie wären gestorben!«

»So würde ich anjetzo die Freuden des Paradieses schmecken,»entgegnete gelassen Andreas Haller.

*

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