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Hellstädt und andere Erzählungen

Louise von François: Hellstädt und andere Erzählungen - Kapitel 38
Quellenangabe
authorLouise von François
titleHellstädt und andere Erzählungen
publisherVerlag von Otto Janke
year1874
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20171120
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Erstes Capitel.
Ein Wunder!

Die alten Geschichten fielen mir heute alle wieder ein, als ich nach langer Abwesenheit von der Heimath über unserm Friedhof ging, der sich so malerisch in einer Schlucht zwischen zwei schützenden Bergen hinanzieht. Die Gräber meiner mütterlichen Familie liegen liebreich gepflegt auf dem höchsten Punkt, von dem weit hinaus man den westlichen Horizont überblickt. Die Sonne sank wie in einem grünen Rahmen und spiegelte ihre letzten Strahlen im still dahin gleitenden Flusse.

Der älteste der alten Leichensteine meiner Ahnen trägt unter der unvermeidlichen Urne seiner Zeit die folgende Inschrift:

»Allhiero ruht in Gott weiland Meister Andreas Haller, Bürger und Tuchmacher hiesigen Orts. Der Herr hatte sein Haus gesegnet. Er überlebte drei Ehefrauen, deren Gebeine an seiner Seite schlummern, und allwelche ihm zweiundzwanzig Kinder gebären, von denenselbigen eilf ihn hienieden beweinen, eilf ihm in das ewige Freudenreich vorangegangen sind.«

Das älteste von diesen eilf überlebenden Kindern war mein Urgroßvater David Fürchtegott Haller. Bei vierzehn Jahren hatte er schon eine Mutter und eine Stiefmutter verloren; von des Vaters allererster Frau lebten gar keine Nachkommen mehr. Ueber seine Kindheit schweigt die Familientradition und reichen die zuverlässigen Nachrichten über ihn nur bis zu der denkwürdigen Sylvesternacht 1758. Er ging dazumal in die Katechismuslehre und sollte an Palmarum zum ersten Genusse des heiligen Mahles zugelassen werden.

Also Sylvesterabend. Meister Andreas hatte mit seinen Eilfen und dem Gesinde den landesüblichen Heringssalat verzehrt, der an keinem heiligen Abend, wie viel weniger am Neujahrsheiligenabend fehlen darf. Denn wer, heute noch wie vor hundert Jahren, am Sylvester nicht Hering und am Gründonnerstag nicht etwas Grünes oder mindestens frischen Honig genossen hat, wie dürfte der die Hoffnung hegen, das Jahr über Glück, will sagen Geld, zu haben? Der Abendsegen war verlesen; nach der alltäglichen Hausordnung würde Jeder sein Kokellämpchen angesteckt haben und zu Bett gegangen sein. Aber Sylvester war ein Ausnahmstag, an welchem Keiner rechtzeitig zur Ruhe wollte und auch die Kleinsten sich nur zögernd entfernten, mit dem Vorbehalt, um Mitternacht wieder aufwachen und mitjubeln zu dürfen.

Meister Andreas setzte sich in den tiefen, ledernen Ohrenstuhl am Fenster, in welchem er sein Mittagsschläfchen zu halten pflegte. Er wußte nicht recht, wie er die drei ungewohnten Stunden hinbringen sollte. Wie sonst an Festtagen zu einem Krug Bier in den Rathskeller gehen, das Haus an dem unruhigen Abend mit Mägden und Kindern allein lassen, wagte er nicht; würde in so feierlichen Entscheidungsstunden auch nicht schicklich befunden worden sein; die guten Freunde aber, die sonst, als seine Hausfrau noch lebte, am Sylvester vorgesprochen waren, um ein Gläschen Punsch auf's neue Jahr zu leeren, sie blieben heuer aus. Warum sie eigentlich nicht kamen, der reiche Gerbermeister Hans Adam Vogel, der ein Wittmann und Keller, der Russe, der gar nicht verheirathet war, die also beide keine Abhaltung haben konnten, weiß ich nicht zu berichten, bemerken aber will ich an dieser paßlichen Stelle, warum Keller, der Kürschner, den Namen der Russe, bekommen hat. Er behauptete nämlich, auf der Wanderschaft bis hinten noch über Moskau hinaus gekommen zu sein und erzählte die wunderlichsten Schnurren von den Menschen und Bären in dieser pelzreichen Gegend. Mochte Dieser und Jener auch viele seiner Eis- und Schneeabenteuer bezweifeln; ein Jeder hörte sie doch gern und Keiner wurde müde, wenn Keller, der Russe, erzählte.

Meister Andreas blieb demnach zu Haus und – allein, und da er just nichts Wichtigeres mehr zu thun wußte, gab er seinen Gedanken Audienz und über diesem ungewohnten Zeitvertreib nickte er ein. Eine Weile saßen die beiden ältesten Knaben, ohne sich zu rühren, ihm gegenüber; als es aber auf der Straße immer unruhiger ward, duldete es sie nicht länger im Hause; Sylvester ist ja der Abend der Freiheit! Ganze leise auf den Zehen schlichen sie zur Thür hinaus.

Es war eine bitterkalte Nacht, ein schneidender Ostwind pfiff; der Fluß und selber die Brunnen waren eingefroren, kein Flöckchen wärmenden Schnees deckte Gärten und Felder. Trotzdem aber waren die Straßen belebt; Hökerinnen, die Feuerkieken zwischen den Füßen, hielten Obst und Heringe feil, auf die Gefahr hin, die unabgesetzten Aepfel erfrieren zu sehn; in manchen Häusern wurde der Christbaum wieder angezündet, in allen brannte Licht; man wachte und saß gesellig beieinander.

Von zehn Uhr ab wird's immer reger und lauter; Knaben und ledige Bursche ziehen Straß' auf, Straß' ab, in Erwartung des Stundenschlags, der zwei Jahre trennt. Die Hallerschen Brüder schließen sich ihnen an; das ungewohnte nächtliche Umherstreifen ist ein Plaisir trotz Sturm und Frost. Sie trampeln mit den Füßen und hauchen sich in die Hände. Auch Singen und Juchheien erwärmt das Blut. Je näher die verhängnißvolle Stunde rückt, um so dichter drängt sich der Menschenknäuel nach dem Markt. Die Stadtpfeifer erscheinen auf dem Rathhaussöller. Man öffnet die Fenster, schaut und spannt. Die vorlauten Stimmen, die mit einem Prosit Neujahr! herausplatzen, werden immer häufiger, kaum daß noch Einer sie verhöhnt in der Angst den ersten Glockenschlag zu verpassen.

Da – endlich! – ein einziger, einstimmiger Schrei! Alle Fenster fliegen auf, alle Menschen draußen und drinnen stürzen sich in die Arme. Dann Glockenläuten, vom Thurme Posaunenschall: Herr Gott, dich loben wir.

Schweigend, mit gefaltenen Händen lauscht Alt und Jung dem ersten Vers. Beim zweiten fallen die Stimmen ein und: Herr Gott, dich loben wir! schallt's durch die kalte Nacht aus tausend Menschenherzen. Allmälig verliert sich die Menge, hier und dort noch einen Gruß nach einem hellen Fenster werfend. Auch die Brüder eilen heim; sie hatten drüben an der Ecke gestanden, dort wo die Schösserwittwe wohnte, mit deren Tochter David in die Abendmahlsstunden und Sonntags in das Kirchenexamen ging und als mit dem ersten Glockenschlage das helle Köpfchen sich am Fenster zeigte, da hatte David seine Biberkappe geschwenkt und gerufen: »Prosit Neujahr, liebes Christelchen!« Klappernd vor Frost treten sie nun wieder in das Zimmer, wo der Vater rechtzeitig aus seinem Schlummer erwacht ist, küssen seine Hand, nippen ein Spitzgläschen heißen Punsch auf's neue Jahr und gehn zur Ruh'!

Um ein Uhr ist im Ort kein Laut und Tritt mehr rege; alles liegt im ersten, festen Schlaf und lange bleibt daher ein rothes Flämmchen unbemerkt, das anfänglich schwach, aber immer stärker und breiter aus einem Fenster des Eckhauses züngelt, vor welchem David dem hübschen Kinde ein frohes Neujahr zugerufen hatte. Die Lohe hatte schon weit um sich gegriffen, als des Thürmers erster Feuerschrei erscholl. Und die müden Schläfer sind so schwer zu ermuntern, und der Wind bläst immer schärfer von Morgen her, und alles Wasser ist fest gefroren und auf die Löschanstalten vor hundert Jahren nach denen von heute zu schließen, – o, wie ist es da natürlich, daß eine Stunde später eine unzähmbare Glut die unglückliche Stadt überströmt.

Wie beschriebe ich aber das Entsetzen in dem so nahe bedrohten ururgroßväterlichen Hause? Die Gefahr machte den alten Andreas zum Jüngling. Er schrie und riß seine verblüfften Kinder aus den Betten, trieb und zerrte sie in die Ladenstube, aus deren niederem Fenster äußersten Falls ein Sprung sie retten konnte und stellte den Gottlieb als ihren Wächter an. Nun erst eilte er, um mit David von Hab' und Gut das Werthvollste zu bergen. Aber wo ist David? Niemand hat ihn gesehn. »David, David!« kreischen die Stimmen wirr durch's Haus. Keine Antwort, keine Spur. »David, David!« schreit händeringend der Vater und stürzt vor die Thür.

Und siehe, da drängt der brave, starke Junge sich durch das Gewühl. Er trägt die halbtodte Schösserin auf seinen Armen wie ein Kind; und schleppt ihr kleines Christelchen, an seinem Rockschoß geklammert, hinter drein. Sein erster Gedanke ist die Gefahr der unglücklichen Frauen gewesen, in deren Hause das Feuer ausgekommen ist. Ohne Bedenken stürmt er hinüber, und findet die Wittwe, wohl den Flammen entronnen, aber von Entsetzen gelähmt, von Rauch halb erstickt auf den Fliesen des Flurs liegend, in Gefahr, todt getreten, oder von den zusammenstürzenden Balken erschlagen zu werden; neben ihr steht das jammernde Kind, das sich vergeblich bemüht, sie aufzurichten. In diesem äußersten Augenblicke erscheint der Knabe wie ein rettender Engel; er trägt die Wittwe in das bis jetzt verschonte väterliche Haus, legt sie auf das Himmelbett in der schon erwähnten dunklen Kammer und eilt hinaus seinem Vater beizustehn.

Fast vierundzwanzig Stunden saßen die zehn armen Kinder ohne ihre nächsten Beschützer wiederzusehn. Soweit ihre Blicke reichten, Markt und Straßen ein Feuermeer! Sie sahen die Sonne nicht auf- und nicht untergehn, nur Flammen, Flammen, Flammen; sie hörten keinen Stundenschlag, kein frommes Festgeläut, nur Sturm, Sturm, Sturm. Sie drängten ihre Köpfchen gegen die Scheiben; die Scheiben waren sengend heiß, aber nicht eine war geborsten; die Kleinen saßen wie in einer Arche inmitten des tobenden Elements.

Wie das zugegangen ist? Ganz naturgemäß ohne Zweifel. Keinem Menschen würde hundert Jahre später der erklärlichste Grund für die Rettung just dieses einzigen Hauses gemangelt haben. Der alte Haller fand keinen natürlichen Grund, aber er suchte auch keinen: er sah und glaubte Gottes Wunder.

Die alte Schwarzwälder Uhr hatte eben wieder Mitternacht geschlagen, als er mit David zu seinem zitternden Häuflein zurückkehrte. »Der Herr hat Großes an uns gethan,« rief er ihnen entgegen. »Preiset ihn, danket ihm, meine Kinder!«

Sie sanken auf ihre Knie; der Greis voran. Sein Kopf neigte sich auf den Stuhl am Fenster, in welchem er gestern den Jahreswechsel erwartet hatte. Regungslos lag er eine lange Weile; eines der Kinder nach dem anderen erhob sich und schielte lautlos zu dem Vater hinüber; sie glaubten ihn vor Erschöpfung eingeschlafen.

David wollte sich entfernen, um sich noch einmal den Löschenden auf der Straße zuzugesellen. Der Wind hatte sich gelegt, dem Umsichgreifen des Brandes war zunächst Einhalt gethan; aber die Gluth noch keineswegs gedämpft; ein jacher Windstoß konnte sie von Neuem verbreiten. Draußen welch sinnbetäubendes Gekreisch und Gewirr, und hier im Zimmer alles so feierlich still und geborgen.

Er stand schon unter der Thür, als sein Blick noch einmal auf den Vater fiel. Die steif gestreckten Glieder und die Blässe der Wangen befremdeten ihn. Er umfaßte ihn, um ihm eine bequemere Lage auf dem Canapé zu geben; der Vater regte sich nicht; David rüttelte ihn, er rief ihm in's Ohr; keine Antwort, kein Lebenszeichen! Die Haut war wie Eis, das Auge gebrochen, die Stirn voll kalter Tropfen, der Athem still. »Todt!« schrie David; »todt!« wiederhallten die Kinder im Chor.

David stürzte nach einem Arzt. Wo aber in dem Wirrsal einen finden? Stundenlang irrte er umher und kehrte endlich zurück mit dem ersten besten Feldscheer, der ihm in den Weg gelaufen war. Der Feldscheer beleuchtete den Körper von allen Seiten, begoß ihn mit kaltem Wasser, hielt ihm einen brennenden Schwefelfaden unter die Nase, legte ein Federchen auf die Lippen, – keine Regung, kein Hauch! Meister Andreas Haller war todt. Schreck und Angst hätten ihm das Herz abgedrückt, erklärte der Feldscheer.

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