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Hellstädt und andere Erzählungen

Louise von François: Hellstädt und andere Erzählungen - Kapitel 37
Quellenangabe
authorLouise von François
titleHellstädt und andere Erzählungen
publisherVerlag von Otto Janke
year1874
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20171120
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Die Geschichte meines Urgroßvaters.

Einleitung.

Wenn ich dir, lieber Leser, die Geschichte des alten Bürgers, meines Urgroßvaters erzähle, so setze beileibe keine tiefsinnige Absicht in mir voraus, keinen großartigen Standpunkt oder kühnen Griff in die Region des Zopfthums; nicht eine spirituelle historische Auffassung, eine vaterländische moralische, wohl gar ästhetische Tendenz. Denke ja nicht etwa an einen Nettelbeck oder Lorenz Stark und Wirth zum goldenen Löwen.

Thu' mir das nicht zu Leide, guter Leser, verdirb mir nicht die Freude an meinem Urgroßvater; lege lieber seine Geschichte aus der Hand, bevor du sie angefangen hast. Willst du mir aber den Gefallen erweisen, sie anzuhören, so siehe von vornherein in mir nichts als einen Enkel, den es glücklich macht, von dem Werthe seiner Ahnen zu plaudern, auch wenn diese Ahnen nur schlichte Bürger eines kleinen Landstädtchens gewesen sind, und von der Geschichte meines Urgroßvaters erwarte nichts als das Leben eines Mannes, der unangefochten bis zum Letzten seinen Zopf im Nacken und seinen Gott im Herzen trug.

Sein Bild hängt noch heute über dem Sopha seiner Enkelin, meiner lieben Mutter. Er mochte etwa fünfzig Jahre zählen, als er, wie jeden Sonntagsmorgen nach der Kirche, am offenen Fenster seiner Ladenstube stehend, die städtische Garnison, zwei Compagnien von Prinz Xaver, zur Wachtparade auf den Markt marschiren sah. Da trat ein junger Mensch an ihn heran, der demüthig seinen Hut abzog und schüchtern fragte: Ob Herr Haller nicht geneigt seien, sich von ihm malen zu lassen? Er betreibe diese Kunst.

Ich habe in meines Vorfahren Leben keinen weiteren Zug aufzuspüren vermocht, welcher Neigung oder Eitelkeit eines Mäcen bekundet haben würde. Heute aber: ein rascher Blick auf den bittstellenden Künstler – und er ward's! Der junge, blasse Mensch sah aus wie guter Leute Kind. Wie sorgfältig gebürstet war sein knapper Rock, aber wie abgetragen und fadenscheinig! Wie blank gewichst glänzten die Stie feln, aber wie bedenklich drohten die Flicken auf den Ballen wieder aufzuplatzen! Und das mitten im Januar! Er mochte wohl der Truppe angehören, die seit voriger Woche, nicht wie in der guten alten Zeit in der Scheune des Gasthofs zum goldenen Scheffel, nein, Gott sei's geklagt! im ehrwürdigen Rathhaussaale ihre Schauspiele zum Besten gab, in dem nämlichen Saale, wo vor dreißig Jahren David Hallers Hochzeitsfest gefeiert worden war.

Ob es nun die Vorstellung dieses Zeitenwandels bewirkte, oder eine noch weheleidigere Erinnerung, kurzum eine jähe Röthe stieg in meines Ahnherrn Gesicht und ein Schatten tiefer Traurigkeit breitete sich über seine sonst so freundlichen Züge. Er winkte den Comödianten in die Ladenstube und ward ohne Handeln mit ihm einig um sein Portrait; gleichviel ob in Wasser oder Oel, aber versteht sich, in natürlicher Couleur und in voller Figur. Zwei Sitzungen und drei Laubthaler Honorar wurden bewilligt, die Ausführung der Muße des Künstlers überlassen.

Vor Ablauf der Woche war das Bild fix und fertig unter Glas und Rahmen, das Honorar erstattet; aber noch selbigen Abends lohnte der großmüthige Bürger extra und heimlich mit einem Paar neuer rindslederner Stiefeln und sechs Ellen vom derbsten, grünen Kalmuk aus seinem Geschäft dem Verfertiger sein wohlgelungenes Stück.

Ich habe mich vergeblich bemüht, etwas Näheres, oder eigentlich Ferneres über diesen doppelter Kunst beflissenen Jüngling in Erfahrung zu bringen; er würde eine interessante Staffage für mein Stillleben abgegeben haben. Denn obgleich ich fast zweifle – ich bin kein Kenner – ob das werthe Familienbild einem Kunstwerk entspreche, da es in ein paar Tagen gefertigt worden ist und im Grunde doch nur drei Laubthaler gekostet hat (Stiefeln und Kalmuk waren ja Geschenk!), so lasse ich mir es nicht nehmen, daß der blasse, junge Mensch ein großer Künstler gewesen oder geworden ist, denn das Bild leibt und lebt.

Gerade so habe ich meinen Urgroßvater fast dreißig Jahre später noch gekannt; gerade so sorgfältig aus der Stirn gestrichen und im Haarbeutel zusammengefaßt das starke nunmehr auch ohne Puder schneeweiße Haar; genau nach dem nämlichen Schnitt der grüne Pattenrock und die saffrangelbe Weste über dem rundlichen Leib; dieselben feingefältelten Busenstreifen, das in den Zipfeln gestickte Halstuch, die goldenen Schnallen an der schwarzen Manchesterhose; die weiß seidenen Strümpfe und blanken Schuhe und vor allem dasselbe schöne, volle, ja rosige Gesicht mit dem seelenfreundlichen Blick, gerade so stand er an dem nämlichen halbrunden Fenster seiner Ladenstube und sah die Compagnieen allerdings eines anderen Regiments als des Xaver auf die Wachtparade ziehen, wenn Sonntags früh meine Mutter und ich über den Marktplatz kamen, um seine Mittagsgäste zu sein.

Der alte Herr hatte, so viel ich weiß, eine einzige Liebhaberei: das waren Uhren. Von jeder Leipziger Messe brachte er eine Uhr, in jeder Auction forschte er nach einer Uhr. Ein Stück Culturgeschichte des achtzehnten Jahrhunderts hätte ich an den Uhren über und auf dem Schreibpult meines Urgroßvaters studiren können, wenn ich bei seiner Lebzeit nicht noch ein gar zu einfältiges Menschenkind gewesen wäre. Da standen und hingen sie nun alle nach der Größe gereiht und waren also gestellt, daß eine zu schlagen immer anfing, wenn die andere aufgehört hatte. Das Bimmeln war mein Gaudium, Nummer Eins aber, nach der Rathhausuhr uns gegenüber gerichtet, der Regulator des Hauses.

Sobald die zwölfte Stunde ausgehoben hatte, stellten wir Vier uns hinter unsere Stühle. Der Urgroßvater nämlich, die Großmutter, die Wittwe seines einzigen Sohnes; deren einzige Tochter, meine Mutter und ich, wieder ein einziges Kind. (Obgleich es in diese Geschichte just nicht gehört, will ich beiläufig bemerken, daß der, welchem der fünfte Platz an dem Familientische gebührt haben würde, mein Vater, zur Zeit dieser Erinnerungen beim Kleist'schen Besatzungscorps in Frankreich stand und von da ab verschiedentlich das Quartier wechselte, bis er als Landwehrmajor dauernd in meine mütterliche Heimathsstadt versetzt wurde. Was aber die ledigen Gehülfen des Geschäfts und des Gesindes anbetrifft, die beide an Werkeltagen am Herrentische Theil nahmen, so tafelten die ersteren sonntägig nach Belieben außerhalb des Hauses, die letzteren unter sich in der eigentlichen Eßstube, die nach dem Hofe hinaus gelegen war. Um der gebührlichen Abwartung dieses Leutetisches willen war der der Familie auch von der elften Stunde in die zwölfte hinausgerückt.)

Also wir standen mit gefalteten Händen hinter unseren Stühlen; der Großvater betete laut, dann verneigten wir uns gegeneinander, setzten uns und das Mahl begann. Auf zinnernem Geräth nichts als Suppe und Braten; nur an hohen Feiertagen, in clusive der Geburtsfeste der Familie, der noch Lebenden und der Todten, eine Schüssel mehr: gewöhnlich polnischer Karpfen. Aber wie delicat war alles zubereitet! es zerging Einem auf der Zunge. Ach, diese Gänse! Sie wurden auf dem Hofe gezogen; nicht etwa genudelt, das heißt unmenschlich gemartert, nein sattsam gefüttert, ganz nach ihrem gänslichen Belieben. Und dieses Füllsel von Beifuß und Borsdorfer Aepfeln! Kein Enkel ißt wieder solchen Gänsebraten; schon um sein Andenken auf die Nachwelt zu bringen, hätte ich die Geschichte meines Urgroßvaters und seines Hauses schreiben müssen.

Wir tranken auch Wein, alten guten Rheinwein; jeder sein Glas und der Urgroßvater zwei; nie mehr und nie weniger. Sobald der Braten aufgetragen war, stand der alte Herr auf, zog das schwarze Käppchen von seinem weißen Haar, klingte an den grünen Römer und sprach mit lauter Stimme: »Seiner Kurf … hm, hm! Seiner Majestät dem König!« Unsere Stadt gehörte nämlich zu denen, welche kürzlich nach dem Frieden einem gewissen Kurfürsten genommen und einem gewissen König abgetreten worden waren. Schon hatte sich die Jugend an den letzteren und an den Staat; welchen er repräsentirte, an geschlossen; die Alten aber, und mein Urgroßvater unter ihnen, hingen vor wie nach an Dem, der ihr guter Kurfürst geblieben, auch nachdem er dem Namen nach ein König geworden war, dessen Haar sich mit dem ihren gebleicht und der so Vieles erduldet und verloren hatte. Sein Leben lang hatte David Haller mit jedem ersten Tropfen, der seine Lippen benetzte, die Gesundheit Seiner Kurfürstlichen Gnaden getrunken; nun wurde es ihm herzlich sauer zu sagen: Seiner Majestät dem König! Aber: »alle Obrigkeit ist von Gott«, darum schluckte David Haller die alte Liebe hinunter und that seine Schuldigkeit in diesem wie in jeglichem Stücke.

Die Tafel war aufgehoben, die Danksagung laut vom Urgroßvater gesprochen; wir wünschten uns eine gesegnete Mahlzeit. Die Großmutter, selber schon nahe den Sechszigern, knixte bis zur Erde und küßte dem Herrn Vater ehrerbietig die Hand.Wie aber die Zeiten sich geändert hatten, das sah man wieder einmal deutlich an dem Mahlzeitsgruße meiner lieben Mutter. Die schlanke, holdselige Frau mit den sanften, schwarzen Augen umarmte den Greis und sagte lächelnd: »Wohl bekomm's Ihnen, Väterchen!« Und gar ich, ich nannte ihn Du und Papa; kletterte auf seinen Schooß, zupfte ihn am Haarbeutel und leckte ein Stückchen Zucker, das er in seine Kaffeetasse getaucht hatte.

Der Urgroßvater trank nämlich Sonntags seinen Kaffee schwarz und gleich nach dem Essen wegen des Wachbleibens in der Nachmittagskirche. Zwar war es nichts Auffälliges, im großen Bürgerstuhle neben der Kanzel ein Weilchen einzunicken; die Mehrzahl der würdigen Herren ruhte während der Predigt auf der harten Bank so sanft als ohne Predigt daheim im gepolsterten Ohrenstuhl. Meinem Urgroßvater aber entging keine Silbe von dem göttlichen Wort; sein frommer Wille und der Kaffee hielten ihn rege.

Bei aller Andacht indessen möchte dieser nachmittägige Kirchgang wesentlich als pflichtschuldiger Akt des Bürgers und Rathsherrn, guten Beispiels halber, zu betrachten sein; Herzens halber war er schon einmal im Gotteshause gewesen; früh um fünf in den Metten. Denn nur ein einziges Mal seit seinen Mannesjahren, an einem bitterbösen Lebenstage, hat David Haller diese morgendliche Betstunde versäumt und alles, was der bedrängte Mensch mit seinem Gewissen und mit seinem Herrgott abzumachen hatte, das machte er ab in dieser stillen Feier.

Aus den Metten ging es dann regelmäßig, ob's regnete, oder ob die Sonne schien, im Winter noch bei Sternenschein auf den Gottesacker, zu welchem der Schlüssel in der Tasche des Sonntagsrocks seinen Platz hatte. Dort ruhte er eine gute Weile zwischen den Gräbern seiner Vorangegangenen auf einer Bank, an deren Stelle er einmal versenkt sein wollte und versenkt worden ist. Bevor aber um acht seine Schwiegertochter mit dem Hausgesinde zum großen Morgengottesdienste aufbrach, da saß er schon wieder gelassen und freundlich wie alle Tage vor seinem Pult in der Ladenstube, der einzigen, in welcher ich ihn jemals gesehen habe. In einem Alcoven, richtiger: in einer anstoßenden kalten, stockdunkeln Kammer schlief er. Heut zu Tage würde man es für den hellen Tod eines Menschen halten, in solchem luft- und lichtlosen Raume aus- und einzuathmen: David Haller, dem nie in seinem Leben ein Finger weh gethan hat, ist nahezu achtzig Jahr darin geworden.

Seine Schwiegertochter wohnte im oberen Stock, neben der guten Stube, die meiner Zeit nur noch geöffnet ward, um gelüftet und gereinigt zu werden. Früherhin hatte alljährig an dem Tage, an welchem der Hausherr Bürger und Meister geworden war, für städtische Honoratioren und werthe Freunde ein Tractamentin dieser guten Stube stattgefunden und David Haller bei dieser Gelegenheit gezeigt, daß er zu leben verstehe und einen würdigen Aufwand nicht scheue. Die Hausfrau, die natürlich in Küche und Keller alle Hände voll zu thun hatte, erschien erst, wenn der Kaffee gereicht ward, die Gäste zu begrüßen und für die Ehre zu danken, die ihrem armen Hause erzeigt worden sei.

Wie gesagt, zu meiner Zeit hatten diese Festlichkeiten aufgehört; ich weiß nicht, ob in Folge der beiden großen Sterbefälle in der Familie, oder des königlich Werdens, das einen Wechsel in den Beamtenverhältnissen mit sich gebracht hatte. Die gute Stube blieb unbenutzt.

Nach dem Tode ihres Schwiegervaters und bis zum eigenen lebte die Großmutter weiter in dem alten Hause, das nun mein elterliches geworden war, eine rührige, muntere Matrone, auch dann noch, als der Körper schon recht gebrechlich und das Ingenium zum Fassen und Behalten merklich schwach geworden war. Ihr fehlte der große Haushalt; es fehlten die alten Genossen und Zeiten. Wenn ich, gegen Abend aus der Schule kommend, sie in ihrem Zimmer besuchte, rief sie mir einmal wie das andere entgegen:

»Ich sitze hier wie auf einer wüsten Insel. Erzähle mir was Neues, mein Lämmchen.«

»Es passirt gar nichts Neues, Großmutter,« erwiderte ich.

»Nun denn was Altes, Sohnemann.«

»Ich bin noch so jung, ich weiß gar nichts Altes, Großmutter.«

»So erfinde was, mein Junge, lüge was; die Zeit wird mir gräßlich lang.«

»Erfinden kann ich nichts und lügen darf ich nicht. Aber weißt Du, Großmutter, erzähle Du mir was vom seligen Urgroßvater; das hör' ich so gern.«

Und gleich war sie im Zuge. Stundenlang hörte ich die alten oft gehörten Geschichten von Neuem mit an. Oftmals mochte ich wohl an etwas Anderes dabei denken; unwillkürlich aber prägten sie mir sich ein, so, als hätt' ich mit dem alten Mann, der mir ein liebes Bild hinterlassen hatte, Stück für Stück erlebt. Die Großmutter erzählte nämlich allezeit nur gern von ihrem Schwiegervater; die Erinnerung an seinen Sohn machte sie traurig. Den hatte sie wohl geliebt, aber jenen hatte sie verstanden; darum wurde sie immer wieder jung, wenn sie an ihn zurück dachte.

Die alte Frau hatte eine Redensart, mit der sie ihr Temperament bezeichnete. »Ich, wie ein Wetter!« hieß es Satz um Satz. »Ich, wie ein Wetter, zum Bette heraus! Ich, wie ein Wetter, die Treppe hinunter oder den Boden hinaus!« und so weiter.

Ihr Schwiegervater wird diese Redensart im Leben niemals angewendet haben, und sie würde auf ihn niemals anwendbar gewesen sein.

»Ich, wie eine Uhr,« hätte der von sich sagen dürfen, wenn er selber nicht der Meister gewesen wäre, der streng nach seinem Gewissen und nach feines Gottes Gebot den Gang dieser Uhr und ihren Schlag gerichtet hätte.

*

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