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Hellstädt und andere Erzählungen

Louise von François: Hellstädt und andere Erzählungen - Kapitel 34
Quellenangabe
authorLouise von François
titleHellstädt und andere Erzählungen
publisherVerlag von Otto Janke
year1874
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20171120
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Zweites Capitel.

Der stillen Feier, welche einige Wochen später Herrn von Randau mit seiner Schwägerin auf deren Gute Schönberg verband, wohnten außer Agathen nur die Söhne des Barons bei, beide mit der Wahl des Vaters von Herzen einverstanden.

Herrmann, der einstige Erbe des von Haus aus nicht beträchtlichen Randau'schen Majorats, hatte vor Kurzem sein militairisches Dienstjahr bei einem Gardereiterregiment zurückgelegt, war Referendar und rechnete, wie er der Mutter lachend gestand, durch die ständische Wahl zum Landrath eines Kreises, in welchem sein Vater bisher gelebt hatte, vor allen anderen Vorzügen dieser Stellung auf die Befreiung vom großen Staatsexamen, auf welches unter anderen Umständen. der strenge Vater gedrungen haben würde. Der junge Herr hielt nicht hinter dem Berge, daß er das Leben cavalièrement auszufüllen verstehe und daß durch ihn das alte Sprüchwort einen neuen Beleg erhalte, das einem Sparer einen Zehrer nachfolgen läßt, damit das Gleichgewicht in der rollenden Welt des Geldes nicht über ein Menschenalter hinaus in Störung gerathe.

Bernhard, der zweite Sohn, ist durch das Lob seiner neuen Mutter bereits zur Genüge gekennzeichnet worden; heute wechselte er mit seiner rosigen Cousine so zärtliche Blicke, führte sie so traulich unter den ersten grünen Sprossen des Parks umher, daß der Uneingeweihte, der von einem Hochzeitsfeste in diesem Gehege gehört, nothwendig dieses Pärchen für das zu Feiernde hätte halten müssen.

Am andern Morgen übersiedelte die Familie nach Schloß Kirchberg, einem erst in späteren Jahren von dem Baron erworbenen Rittersitz, den Constanze noch nicht kannte. Herr von Randau hatte bisher auf einem kleineren, aber wohnlicheren Gute gelebt und dieser Wechsel fast in der letzten Stunde seine Schwägerin befremdet, ohne daß sie einen Einwand dagegen erheben mochte.

Nun betrat sie das alte, weitläufige Bauwerk in wenig anmuthender Gegend. Sie war an die strenge Schlichtheit im Außenleben ihres nunmehrigen Gatten ge gewöhnt, auf den Mangel jeglicher Zierrath vorbereitet; was ihr aber hier entgegentrat, das war Verfall; Verfall in einer Ausdehnung, daß sie beim flüchtigsten Ueberblick sich sagen mußte, hier werden ihre ordnende Hand und die Hülfsmittel ihrer bisherigen Einrichtung nicht hinreichen, um ein einigermaßen behagliches Hauswesen herzustellen.

Als daher nach einem sehr frugalen Mahle die Kinder sich beliebentlich zerstreut hatten und Constanze am Arme ihres Gatten einen Gang durch den verwilderten Garten machte, sagte sie lächelnd: »War Dir« – die Matrone stockte dem Jugendgeliebten gegenüber vor dem vertraulichen Du – »war Dir die Erinnerung an Karolinen zu traurig, lieber Levin, um Melsungen an der Seite ihrer Schwester zu bewohnen und es mit diesem ruinenhaften Aufenthalte zu vertauschen?«

»Im Gegentheil,« antwortete der Baron, »ich hänge am Gewohnten und habe mich daher nur ungern von Melsungen getrennt. Indessen, da ich es einmal an Herrmann verkauft hatte, hielt ich ein Nebeneinanderleben unter einem Dach für unräthlich und da die Bewirthschaftung Randau's weniger wesentlich ist, als die von Kirchheim – –«

»Verzeih', Levin,« unterbrach ihn Constanze, »Du verkauftest Melsungen an wen?«

»An Herrmann, meinen Sohn. Die Landrathsstelle des Kreises ist erledigt. Du weißt, daß die Ansässigkeit mit einem Rittergut zur Wahl obligatorisch ist. Der Candidat der bürgerlichen Partei, der Sohn eines reichgewordenen Müllers, ist ein Büreaukrat von reinstem Wasser und wir Conservativen waren in Verlegenheit um einen Concurrenten. Ich selber bin anderweitig zu beschäftigt, um ihrem Andringen zu genügen. Für einen Anfänger ist das Amt ehren- und aussichtsvoll. So brachte ich das Opfer und verkaufte Melsungen an Herrmann.«

»Verzeih' die Wortkrämerei, Freund, aber Du tratest es ihm ab.«

»Wenn Du willst, ja; aber in der Form eines Kaufes seinerseits, der mir bei einer künftigen Auseinandersetzung Weitläufigkeiten erspart.«

»Und womit bezahlte er den Kauf?«

»Er bezahlte ihn natürlich nicht. Aber wer fragt danach? Der Besitztitel ist einfach auf seinen Namen eingetragen worden. Die Revenüen verbleiben mir. Eine reine Formalität!«

Constanze schwieg tief betroffen. Der Schuld schein fiel ihr wieder ein, der auch einer Formalität zu Gefallen von ihr ausgefertigt und bis jetzt ihr noch nicht zurückgestellt worden war. Sie hatte sich die Erinnerung daran mit Gewalt aus dem Sinn geschlagen; sah aber nun plötzlich klar, welch' ernsthafte Consequenzen derlei trügerische Formalitäten haben könnten. Sie, an Leib und Seele die Frau der reinen Formen, die selbst ihre erste unfreiwillige Ehe zur edlen Form für einen vernünftigen Inhalt zu gestalten gewußt hatte, sie fing am ersten Tage ihrer freiwilligen zweiten Ehe an ein Wort zu hassen, das ihre Zungenspitze bisher vielleicht niemals berührt, dessen Begriff mindestens ihrem Leben fern gelegen hatte. Sie trat mit Mißtrauen in ihre neue, nunmehr unwiderrufliche Bahn und ahnete, daß der erste wirthschaftliche Grundsatz, der der Ordnung, nicht nur als Resultat, sondern als Ursache dieser leidigen Formalitäten in ihrem angewiesenen Wirkungskreise erschüttert sei.

Auch wollte ihr in dieser Stunde kein weiterer Austausch mit dem Gatten gelingen und als derselbe nach einer Weile geschäftlich beansprucht, wie er sich allezeit fühlte, in das Haus zurückkehrte, setzte sie gedankenvoll allein den Weg, der aus dem Garten in den Park führte, fort. Agathe und Bernhard kamen ihr aus demselben entgegen und da es schon zuvor ihre Absicht gewesen war, den Sohn vertraulich zu sprechen, bevor er heute Abend zum Antritt seiner ökonomischen Lehrzeit nach einer großen Domaine abreiste, entfernte sie ihre Nichte mit einem häuslichen Auftrage und schritt an des junges Mannes Arm auf dem einsamen Parkwege vorwärts.

»Ja der mannigfachen Aufregung der letzten Wochen« – so hob sie an – »bist Du mir ein Vertrauen schuldig geblieben, auf welches, wenn noch nicht die eigene neue Mutter, so doch die alte Freundin und Agathens Mutter ein Anrecht zu haben glaubt. Warum hast Du Deinen Beruf gewechselt, Bernhard?«

»Ich habe die Aufforderung zu dieser Erklärung gleichzeitig ersehnt und gefürchtet, meine theuere, verehrte Mutter,« entgegnete Bernhard. »Keiner wird meinen Entschluß verstehen und würdigen, wie Sie – wie Du –« verbesserte er mit innigem Klange. »Ich glaubte durch denselben auf dem nächsten Wege und mit den geringsten Opfern von Seiten des Vaters zur Selbstständigkeit und wirksamem Handeln zu gelangen.«

Er machte eine Pause, da Constanze ihn aber mit einem auffordernden Blicke ansah, fuhr er unerschrocken fort: »Ja, meine Mutter, ich bin zu der Einsicht gelangt, daß ein junger Verwaltungsbeamter oder Richter dem Gedeihen unseres Hauses wenig nützen könnte, während ein tüchtiger Landwirth, überhaupt ein Wirth, diesem Hause noth thäte. Meine Studien würden dem Vater noch viele Jahre lang erhebliche Opfer auferlegt haben – –«

»Scheut Dein Vater diese Opfer,« unterbrach ihn die Baronin, »oder scheust Du sie?«

»Noch scheue nur ich sie,« versetzte der junge Mann, »aber der Vater, fürcht' ich, wird sie scheuen lernen müssen. Wenn ich seinem Vertrauen, vielleicht seiner Voraussicht, durch dieses Geständniß zuvorkomme, so entschuldige es mit meiner Gewöhnung, vor Dir kein Hehl zu haben. Mein Blick in die Zukunft unseres Hauses war voll banger Sorge. Aber ich verlasse es getrost, da ich es unter dem Schutze Deiner großen, ernsten Seele, meine Mutter, geborgen weiß.«

Der Sohn schwieg bewegt und noch schwankte die Baronin, ob sie ohne dem Ansehn des Vaters zu nahe zu treten, ein specielleres Eingehn von ihm for dern dürfe, als Letzterer mit Agathen wieder zu ihnen trat. Das Gespräch nahm eine allgemeine Wendung; ein Zusammensein unter vier Augen wollte sich nicht mehr herbeiführen lassen, da der Vater, geflissentlich oder nicht, sich fortwährend in ihrer Nähe hielt und schon am Abend verließen beide Söhne in verschiedenen Richtungen das Haus.

Frau von Randau ließ es eine ihrer ersten Sorgen sein, ein sonniges Zimmer für ihren Schützling freundlich wie ehedem mit Blumen, Vögeln und den geliebten musikalischen Instrumenten einzurichten; denn das in Worten karge junge Mädchen verstand die Sprache der Töne, die der Mutter eine fremde war, da sie Gedankenanregungen in ihr nicht fand und Gefühlsanregungen niemals gesucht hatte, und so verbrachte Agathe den Frühling, abwechselnd zwischen süßen Träumereien und einer wirthschaftlichen Thätigkeit, für welche, wie in allen Stücken, das Gemüth ihr die Richtung gab. Indem sie mit Eifer und Geschick die Oberaufsicht des Milchkellers und Geflügelhofes übernahm, betheiligte sie sich an einem Beruf, den der geliebte Jugendgespiele für sich erwählt hatte und den sie dereinst an seiner Seite weiter zu spinnen hoffte. Sie bemerkte in diesem selbstbegnügten Sehnen und Wirken die trübe Atmosphäre nicht, die sich von Tage zu Tage über ihrer neuen Heimath verdichtete, die Wolken nicht, welche die vor Kurzem noch so heitere Stirn ihrer Pflegemutter beschatteten und die treue Mutter dankte Gott für jede harmlose Stunde ihres Kindes. Denn dem klaren Blicke dieser Frau konnte es nicht verborgen bleiben, daß sie ihr neues Haus unter dem Drohniß seines Zusammenbruchs betreten habe. Morgen für Morgen wachte sie auf in der Erwartung der Krisis und eines Wortes von ihrem Gatten, das sie aus diesem Schwebezustand heraus zu einem Eingriff berechtigte. Seine Gabe aber war es nicht, ein schweres, vielleicht schuldbewußtes Herz vertraulich zu erschließen und nicht die ihre, mit lindern Tasten solch' ein Herz aus seinen Banden zu befreien. Der Baron war ruhelos beschäftigt, viel außer dem Hause und immer düsterer in dasselbe zurückkehrend. Constanze hatte niemals eine beklemmendere Zeit verlebt als die, welche ihrem zweiten Hochzeitstage folgte.

In dieser Spannung war der Frühling zu Ende gegangen, als eines Abends Herr von Randau nach mehrtägiger Abwesenheit zu ungewohnt später Stunde in seiner Gattin Zimmer trat. Seine Anstrengung, eine überwältigende Unruhe niederzukämpfen, konnte ihr nicht entgehen. Er nahm den Sophaplatz an ihrer Seite, faßte ihre Hand und sagte mit gezwungenem Lächeln: »Ich möchte ein Geschäft mit Dir machen, Liebe.«

»Ich bin bereit dazu, Freund,« erwiderte sie, ihn aufmunternd anblickend, aber schlagenden Herzens.

»Du äußertest vor einiger Zeit die Absicht, Schönberg zu verkaufen. Es bietet sich jetzt die günstigste Gelegenheit dazu. Der Verkauf wäre mir wünschenswerth; Dir würde er vortheilhaft sein.«

»Ei nun, den Vortheil mögest Du so lebhaft nicht betonen, Levin, insofern, wie es damals mein Plan war, Du selber der Käufer bist im Namen Deiner Mündel Agathe.«

»Das Geschäft würde allerdings Agathen zu Gute kommen, wenn auch erst aus zweiter Hand,« meinte Herr von Randau, durch jenen Einwand merklich aus der Fassung gebracht. »Höre mich ruhig an, Constanze.«

»Ich höre,« sagte sie ernst.

»Graf Löbichau, wennschon seit Jahr und Tag meiner Vormundschaft entlassen, handelt bei der Verwaltung seines bedeutenden Besitzthums noch immer gern nach meiner Einsicht und so hat er auch jetzt den Gedanken von mir aufgenommen, ein beträchtliches, während seiner Minderjährigkeit erspartes Kapital unter den für uns günstigsten Bedingungen in der Erwerbung von Schönberg anzulegen, um seinen Gütercomplex in dortiger Gegend abzurunden.«

»Das wäre schon gut, Levin,« entgegnete die Baronin nach einer Pause, in welcher sie die Fortsetzung seiner Rede zu erwarten schien. – »Auch würde ich für meinen Theil nicht allzuviel gegen den Verkauf des Gutes einzuwenden haben, sobald derselbe ernstlich in Deinem Interesse liegen sollte. Nur sehe ich nicht ein, wie nach unserem früheren Uebereinkommen dieses Geschäft mit Agathens Vortheil in Verbindung steht.«

»Der Graf hat sich bei mir um Agathens Hand beworben,« erklärte Herr von Randau zögernd, setzte aber dann mit gemachter Entschlossenheit hinzu: »Und es ist mein fester Wille, daß diese Partie zu Standes kommt.«

»Ich glaubte diese Angelegenheit zwischen uns abgethan, Levin,« erwiderte die Baronin kühl, »und ich begreife nicht, mit welchem Rechte und in wessen Interesse Du eine so peremptorische Forderung stellen magst.«

»Mit dem Rechte des Vormunds und Deines Gatten, Constanze, und im Interesse des Ansehns meines eigenen Credits. Agathe trägt meinen Namen; die Verbindung mit dem Grafen ist in Betracht seines Charakters, wie seiner gesellschaftlichen Stellung die ehrenvollste, die sie schließen kann; sie wird ihre thörichte Jugendschwärmerei überwinden und mir ihr Glück danken lernen.«

»Und wenn Du recht hättest, mein Freund,« versetzte Constanze, »wenn Agathe sich schließlich mit ihrem Geschick aussöhnte, so haben wir kein Recht, eigenmächtig und eigennützig ihr dasselbe aufzudringen. Agathe ist nicht unser Kind, das sich für unser Wohlbefinden opfern müßte. Sie ist uns anvertraut zum Schutz und der Himmel, der ihr früh den Segen der Elternliebe entzog, hat ihr dafür auch früh die Selbstbestimmung ihres Lebenswegs gewährt. Aber Du wirst ungeduldig, Levin und doch sind in Deiner Forderung noch Lücken, welche erst Dein vollständiges Vertrauen ausgefüllt haben muß, ehe ich näher auf dieselbe eingehen kann.«

Herr von Randau runzelte die Stirn bei diesem ungewohnten hartnäckigen Widerstand; seine Glieder zuckten; es tobte ein Sturm in seiner Brust, der von Moment zu Moment sich zu entladen drohte. Seine Gattin schien es nicht zu bemerken. – »Inwiefern hängt Dein Credit mit dieser Verbindung zusammen, Levin?« fragte sie unerschütterlich.

»Insofern,« rief er, alle Schranken brechend, indem er von seinem Platze in die Höhe sprang, »insofern, als ich ohne diese Verbindung ruinirt bin, als ohne des Grafen stützende Hand mein Haus binnen weniger Tage zusammenbricht!«

Er sank nach diesen Worten wie vernichtet auf seinen Sitz zurück; seine Frau stand hochaufgerichtet ihm gegenüber.

»Fahre fort, Levin,« sprach sie mit eiserner Ruhe, »keine Schwäche, keine Schonung jetzt gegen Dich und mich.«

»Ich bin ein Bettler ohne diese Hülfe,« ächzte er, als wäre seine Kehle zugeschnürt, »ein entehrter Betrüger. Jetzt wähle, Weib, zwischen der Grille eines Kindes und der Ehre und dem Leben Deines Gatten.«

»Du übertreibst, Freund,« versetzte Constanze. »Der Besitzer eines unbelastbaren Majorats wird niemals ein Bettler.«

»Aber ein infamer Bankerotteur! Meinst Du, daß der befreite Edelmann den Schurken nach dem Gesetz überleben würde?«

»Spare diese feigen Drohungen, Levin,« sagte Constanze eiseskalt, »sammle Dich und bekenne mir ohne Hinterhalt, wie die Angelegenheiten eines Mannes stehen, der noch zur Stunde als einer der reichsten und angesehensten im weiten Umkreis geschätzt wird. Ich kann und will bis jetzt nicht glauben, daß Ehre und Ehrlichkeit auf dem Spiele stehen.«

Aber der unglückliche Mann vermochte keine gefaßte Darstellung; knapp und knirschend beantwortete er die Fragen, mit welchen seine Frau gleich Dolchstößen ihm das Herz zerriß.

»Deine Güter, die Herrschaft, welche wir bewohnen, Levin?«

»Sind überschuldet, verpfändet, können jede Stunde aufhören, mein eigen zu sein.«

Auf eine Reihe ähnlich lautender Fragen erfolgte ein nicht weniger trostloser Bescheid. Endlich:

»Die Revenüen von Melsungen, welche Herrmann Dir schuldet?«

Es war wie ein Gifttropfen, den sie mit diesen Worten in seine Brust gespritzt hatte; er fuhr in die Höhe, riß ein Papier aus seiner Tasche, warf es auf den Tisch und schrie mit dem Ausdruck eines Wahnwitzigen: »Lies, lies, heillose Fragerin!«

Herrmann hatte das Gut hinter des Vaters Rücken verkauft und mit dem Erlös seine Spielschulden bezahlt; er war nicht zum Landrath gewählt worden.

»Du wirst den Verkauf annulliren können,« sagte Constanze.

»Und meinen Namen an den Pranger stellen? Herrmann ist der Erbe des Majorats, er wird länger leben als ich. Es waren Ehrenschulden. Der Kauf muß Geltung haben.«

»So bleiben Dir die Einkünfte von Randau und die meinigen, mit denen Du Deine Verpflichtungen allmälig decken kannst.«

Aber auch diesen langwierigen Befreiungsweg sah sie versperrt. Ein bedeutender Wechsel, welchen der Baron für einen insolventen Geschäftsfreund acceptirt, wurde in den nächsten Wochen fällig. Die Katastrophe stand vor der Thür; nur der Verkauf von Schönberg konnte sie verzögern und vielleicht unbemerkt vorüberführen.

»Noch eine Frage, die letzte, Levin,« sagte Con stanze mit feierlichem Ernst: »Agathens Erbtheil, das Dir auf Deine Verantwortung anvertraut worden ist, ist es gedeckt?«

Herr von Randau schwieg mit gesenktem Blick. Seine Gattin stand ihm gegenüber einer Leiche gleich. »Es ist verloren!« murmelte sie, und die Hände vor das Gesicht geschlagen; blieb sie eine lange Weile wie erstarrt. Auch der Baron regte sich nicht; kein Athemhauch ging durch den Raum.

»Ich werde Schönberg nicht verkaufen,« sagte endlich Constanze mit fester Stimme.

»Weib ohne Herz!« schrie der unglückliche Mann und stürzte aus dem Zimmer.

»Weib ohne Herz!« lallte seine Gattin ihm nach, in ihre Knie zusammenbrechend.

Als aber der Morgen zu grauen begann, raffte sie sich auf, stieg in des Barons Kabinet im oberen Stock und verbrachte mehrere Stunden mit ihm in mündlichen und schriftlichen Darlegungen, denen er sich halbgebrochen fast wie einem richterlichen Inquisitorium unterwarf. Die letzte mögliche Rettung lag ja in der Hand dieser Frau. Das Ergebniß ihrer Untersuchung soll hier in der Kürze zusammengestellt werden.

Levin von Randau war der vermögende Mann niemals gewesen, für den er gehalten sein wollte und für den er gehalten worden ist. Sein Vater hatte ihm außer dem mäßigen Majoratsgute Randau nur die Baarmittel hinterlassen, die dem Werthe des von seinem Bruder auf Agathen übergegangenen Schönberg annähernd gleich kamen. Sein Streben richtete sich nun darauf durch Speculationen im Ankauf von Gütern, verlockt durch deren seit dem Kriege und der neuen agrarischen Gesetzgebung noch wenig gehobenen Bodenwerth, sein Ansehn in die Höhe zu treiben und das zu werden, für das er von Haus aus nur galt.

Er war eine zugleich leidenschaftliche und zäh enthaltsame Natur, zum Soldaten geboren, wie er sich denn auch, fast noch ein Knabe, in den Befreiungskriegen die höchsten Ehrenzeichen der Tapferkeit erworben hatte. Die Respectabilität seines Wesens entsprang seinem innersten Bedürfen; sie war keineswegs eine Maske, wie so Viele, die ihm lange Zeit unbedingt vertraut hatten, behaupteten, als sein jäher Zusammenbruch die heimathliche Provinz so unaussprechlich überraschte.

Man hätte nun meinen sollen, daß bei solch' innerlichem Fundament, unter den günstigsten Con juncturen das Streben nach äußerer Erweiterung gelingen mußte. Was demselben indessen beharrlich zuwider wirkte, war seine durchweg edelmännische Art und Bildung bei Unternehmungen, deren Erfolge seiner Zeit noch nicht auf kecken Wagnissen, sondern auf bürgerlich stetigem Ordnungssinn beruhten. Seine Entwürfe waren die der Leidenschaft und Laune; der treibende Stolz hinderte den freien Blick über Zweck und Mittel. Er trachtete danach, als großer Grundherr dazustehn mit feudaler Gewalt über Gebiet und Haus; aber ihm fehlten Vorsicht wie Geduld, es langsam und mühsam zu werden. Er wollte es sein bald, rasch, augenblicklich sein, darum mußte er zunächst es scheinen.

Und der Schein gelang ihm ohne Affectation, denn er hatte sich seine Naturbestimmung gleichsam als Rolle auferlegt und glaubte allen Ernstes, ein Don Quixote seiner Art, an ihre Realität. Zu jeder Zeit hat der speculative Landwirth zur Hälfte Kaufmann sein müssen; in dem unseren waltete nicht eine kaufmännische Ader. Generosität wechselte mit Knauserei, die Scheu für unadelig behutsam zu gelten, mit der, sich einen Mißgriff einzugestehen; seine persönliche Bedürfnißlosigkeit vermochte nicht, ein Gleich gewicht zwischen Temperament und Streben herzustellen. Was half es ihm, zwischen getünchten Wänden zu sitzen, Wasser statt Wein zu trinken und thalerweise zu sparen, wo er bei der lückenhaftesten Buchführung, bei der Verblendung seines Ueberblicks um Tausende, ja um Zehntausende verkümmert und betrogen ward?

Einem Menschen dieses Schlags kann aber auch das Glück nicht hold sein, jene Gunst des Augenblicks, die je nachdem der Vorsehung oder dem Zufall zu Gute geschrieben wird, da sie doch in der Ueberzahl mit der Individualität in berechenbarer Wechselwirkung steht. Unsere Sprache schon giebt ja dem Worte Geschick einen bedeutsamen Doppelsinn. Erfolg und Segen fehlten dem leidenschaftlichen Streber; die Conjunctur wurde seine Feindin, das Mißlingen heftete sich an seine Fersen. Er vermochte es nicht, die umfänglichen Ländereien, die er zumeist noch im verwilderten Kriegszustande an sich gebracht hatte, einträglich zu heben, nicht sie von ihrer Schuldenlast zu befreien; je mehr der Hypothekenwerth stieg, mußte er darauf sinnen, auch seinen Credit zu steigern.

Seltsam aber: mit seinen Mißerfolgen im Erwerb wuchs sein Erfolg im Vertrauen. Seine Verschlossen heit, die bei ihm Naturanlage, nicht wie gewöhnlich bei Schuldenmachern der Vorläufer der Lüge war, sein reines Familienverhältniß, die stoische Lebensweise und Uneigennützigkeit, mit welcher er die lastvollsten Aemter von Corporationen wie Einzelnen sich aufbürden ließ, leisteten dem Glauben an ihn Vorschub. Er ward mit Curatorien und Depositen aller Art überhäuft und eine Zuversicht gleich der, welche sein Bruder in ihn setzte, als er ihm das Erbtheil seines Kindes zu uneingeschränkter Verfügung überantwortete, wurde ihm mannigfach auch von Fernstehenden entgegengebracht. Er benutzte diesen Credit, um die Ausfälle seiner Einnahmen zu decken und behalf sich mit cavalièrer Oberflächlichkeit an Stelle der strengen Form mit dieser und jener Formalität.

Nichts lag ihm dabei ferner als eine unredliche Absicht oder nur Voraussicht; er hielt sich bis zum Letzten für das, was er schien, und hoffte die sich häufenden Schwierigkeiten durch günstige Conjuncturen und persönliche Sparsamkeit zu beseitigen. Einstweilen machte er, wie der Volksmund es nennt, ein Loch auf und das andere zu. Schon der Verkauf von Schönberg an seine Schwägerin war ein solcher Nothbehelf; mit Recht dahingegen ist dieser hochsinnigen Frau, als sie bei dem empfindlichsten Punkte ihrer Erörterung anlangte, mit Recht ist ihr kein Augenblick des Argwohns gekommen, daß sein Werben um ihre Hand aus cynisch eigennütziger Berechnung erfolgt sein könne. Ein Hülfsbedürfniß war's, aber ein innerliches, das ihn ihr zuführte, zugeführt haben würde, auch wenn sie mit keinem Rittergut für ihn einzustehen vermocht hätte.

Seine Lage wurde erst haltungslos, als Herrmanns leichtsinniger Handel in Bezug auf das abgetretene Melsungen fast gleichzeitig zusammentraf mit dem Fallissement seines Geschäftsführers, eines vielbesprochenen Notars, der seinem Leben freiwillig ein Ende machte, wenig Tage nachdem Herr von Randau für ihn das mehrerwähnte Accept auf den Salomon'schen Wechsel geleistet hatte, mit jenem ungerechtfertigten Vertrauen, das ihm zu gewissen Personen ebenso geläufig war als ungerechtfertigtes Mißtrauen gegen andere. Nun erst sah er klar, sah sich gefangen in einem Netze, aus dem es keine Ausflucht gab als die der Schande, oder der Preisgabe seiner nächsten Menschen. Vermochte er den Wechsel nicht einzulösen, so war ein öffentlicher Zusammenbruch unvermeidlich. Nur durch die Kaufsumme ihres Gutes konnte seine Frau das Aeußerste von ihm abwenden.

Constanze hatte alle Fassung aufgeboten, um bis auf den letzten Grund der Verwicklung zu dringen. Nun aber am Schluß der qualvollen Erörterung kam sie auf die Frage zurück, in welcher der Schwerpunkt ihrer Entscheidung lag. Die Frage: »Und die Sicherstellung von Agathens Erbtheil, Levin?«

»Wird nicht gefordert werden, sobald kein Mißtrauen gegen meine Zahlungsfähigkeit rege wird. Heirathet Agathe den Grafen, so steht ihrer baldigen Mündigsprechung kein Hinderniß im Wege; ich verständige mich mit ihrem Mann und – und –«

»Und betrügst die Waise um ihr Vatererbe, wie Du sie um ihr Herzensglück betrogen haben wirst.«

»Auch Du verlässest mich, Constanze!« ächzte der unglückliche Mann, seine Hände ringend; »auch Du!«

»Ich wiederhole Dir,« versetzte sie unbewegt, »unwiderruflich erkläre ich Dir, daß ich in den Verkauf von Schönberg nun und nimmer willigen werde, insofern ich die Kaufsumme nicht als Agathens Eigenthum vor dem Pupillengericht deponiren kann. Seien die Folgen dieser Entschließung welche sie mögen, ich verlasse Dich durch dieselbe nicht, sondern stehe Dir bei in Deiner nächsten und heiligsten Pflicht. Deine Verbindlichkeit gegen dieses Kind ist keine gewöhnliche Schuld, wie sie im Handel und Wandel des Alltagslebens uns aufgenöthigt werden mag. Es wäre der schnödeste Treubruch, alle Ehrlichkeit der Seele hörte auf, wenn Du Deine sogenannte Ehre unversehrt aus der Brandung rettetest, der Du Dich muthwillig zugetrieben hast und als Opfer ein schuldloses Kind in die Wellen stießest, das der Glaube des liebreichsten Menschen, Deines einzigen Bruders, Dir zum Schutze überantwortet hat. Nun und nimmer werde ich Theilnehmerin einer, einer – erspare mir die Bezeichnung Levin – zu der ich schon einmal in gewissenloser Schwäche die Hand geboten habe. Jene Schuldverschreibung, die Du mir damals binnen weniger Tage zurückzustellen verhießest, wo ist sie, Levin?«

Der Baron gab keine Antwort; nur stöhnende Athemzüge bekundeten das Ringen von Wuth und Verzweiflung in seiner Brust. Mit den härtesten Worten sprach seine Gattin aus, was er sich von Tag zu Tage tröstlich verhüllt und beschönigt hatte. Er hätte ihr mit Gewalt die Lippen schließen mögen.

»Den Schein,« wiederholte sie, »meinen Schein, ich fordere ihn zurück.«

So sollte denn in grellster Erscheinung das Wort sich bethätigen, das sie vor wenig Monaten dem Jugend freunde warnend entgegengehalten hatte, das Wort: »Ich bin keine Karoline, Levin.«

Wie würde die milde, liebreiche Schwester an ihrer Stelle sich gewunden haben in der Mitqual um den theueren Mann, wie würde sie nur seinen Unstern, nicht seine Verschuldung gesehn, wie freudig das Letzte geopfert haben, um ihn zu trösten, zu erlösen, in welch weiten Abstand würden die Interessen aller Anderen im Vergleich zu den seinen getreten sein! Die gewissensstrenge Constanze sah in diesem Moment nicht die Leiden, nur die Schuld ihres nächsten Menschen und diese Schuld mit Empörung. Auch sie scheute kein Opfer, um für ihn einzutreten, auch sie war bereit, das Letzte für ihn hinzugeben; aber sie that es um der Gerechtigkeit, nicht um der Liebe willen, aus Pflicht gegen Andere mehr als gegen ihn.

Als es ihr jetzt klar ward, daß ihre fälschliche Verschreibung nicht wieder in des Barons Hand zurückgekehrt war, sondern zunächst zwar noch, neben verschiedenen gleich werthlosen Documenten, bei dem mißtrauisch gewordenen Vormundschaftsgerichte deponirt lag, bereits aber gegen eine andere Forderung von ihrem Manne als Pfand in Aussicht gestellt worden war, da stand Constanze eine lange Weile wie ver nichtet. Sie sah den Plan der Rettung, den sie rasch und muthig entworfen hatte, unausführbar geworden, sah die Kette, sei es des Verrathes, sei es der Schmach, mit einem letzten Ringe geschlossen. Ward sie genöthigt die scheinbare Schuld anzuerkennen und zu tilgen, so reichte der Werth ihres bereits anderweitig belasteten Besitzthums längst nicht mehr hin, das Guthaben der Waise zu decken; kam es dann, wie kaum mehr zu vermeiden, zum gerichtlichen Einschreiten, so gingen sämmtliche Hypotheken- und Wechselschulden jenem Guthaben, für welches eine so mangelhafte Bürgschaft gefordert und eine noch mangelhaftere geleistet worden war, voran; die Erledigung des Concurses zog sich in unberechenbare Ferne; die Kosten verschlangen was durch rasches Einschreiten allenfalls noch zu retten gewesen wäre; die heiligste Forderung wurde zu Schanden an den Folgen einer – Formalität.

Diesen verhängnißvollen Zusammenhang überblickte Constanze in einer schrecklichen Minute gleichzeitig mit dem anderen, hinter welchem unausweichlich das Gespenst der Schande lauerte. Ein sinnverwirrendes Entweder – Oder! Ihre Glieder zitterten, kalter Schweiß bedeckte ihre Stirn. – »Wer ist es, gegen den Du Dich auf meine Kosten verpflichtest hast?« fragte sie nach einer langen Stille.

Und da hörte sie denn denselben Namen, der ihr schon vorhin als Inhaber des Wechsels bedrohlich geklungen hatte; den des Banquiers, der solch ein dringendes Verlangen nach ihrem Besitzthum trug. Er hatte den Wechsel für etliche Wochen prolongirt in der Erwartung, durch diese zweite Forderung an die Besitzerin seinem Ziele einen erheblichen Schritt näher gebracht zu werden und Frau von Randau sah ein, daß sie von diesem Gläubiger keine Stundung zu gewärtigen habe.

»Ich werde meine Schuldverpflichtung nicht anerkennen,« sagte sie, nachdem sie sich den Niederschlag auch ihrer letzten Hoffnung klar gemacht hatte.

»Deine Handschrift ableugnen, Constanze»!« rief der Baron.

»Meine Handschrift gelten lassen, aber die Unwahrheit des Inhalts eingestehn.«

»Und wer wird Dir Glauben schenken? Dir meiner Frau? Heute, oder damals wirst Du meine Mitschuldige gewesen sein, wirst wie mich zum Betrüger, so Dich zur Betrügerin stempeln.«

Constanze schauderte. Unausweichlich griff das Gespenst mit mörderischen Armen nach ihr aus, mit dem Ausdruck des Wahnsinns starrte sie in das Leere. Ihr Gatte fühlte in diesen Minuten ihre Qual schneidender als die eigne. »Unglückliches Weib!« rief er erschüttert »Daß ich diesen Ausgang geahnt und Dich nicht in mein Verhängniß gerissen hätte! Aber, so wahr Gott mir helfe! Hier giebt es keine Wahl. Du würdest Deine Aussage beschwören müssen.«

»So werde ich sie beschwören,« sagte sie mit der Kälte eines verzweifelten Entschlusses, indem sie ihres Gatten Zimmer verließ.

Nun aber, allein mit sich selbst, folgte der Kälte die Fiebergluth und es gingen Stunden dahin in einem Kampfe, wie ihn nur wenige Frauen bestanden haben werden. Eine Betrügerin, eine Meineidige in den Augen der Welt, sie die so zuversichtlich Reinheit und Treue auf das Panier ihres Lebens geschrieben hatte! Gebrandmarkt, geächtet von Allen, verdammt, gehaßt von dem Einen, dessen Rettung in ihre Hand gelegt war und den sie mit sich in den Pfuhl der Schande zog. Den Kopf in die Hände vergraben, lag sie auf ihren Knieen und zerwühlte ihr Hirn grübelnd und prüfend, wählend und verwerfend, entschlossen und verzagt.

Sie rief mit gewaltsamer Anstrengung vergangene Zeiten zurück, um die Nothwendigkeiten der Gegenwart im gebührenden Zusammenhange zu erfassen. Sie sah im Geiste den Jugendfreund, wie er das zarte, schon mutterlose Kind in ihre Arme legte und den brechenden Blick auf den Bruder geheftet, im Sterben noch lallte: »Wachet über sie!« Sie hörte, gegenüber der todten Gestalt ihren stummen Schwur, die Wacht über dieses Kind zu ihrer ersten Lebenspflicht zu machen und durfte sich eingestehn, daß bis heute sie dieser Pflicht genug gethan habe.

Ja, tiefer und tiefer tastend bis auf den innersten Grund, stieß sie auch heute als Gattin des schuldbeladenen Mannes, auf keine nähere Pflicht als die der solidarischen Treue gegen jene älteste, die er und sie übernommen hatten. Ihre erste Regung hatte sie auf diese Treue hingewiesen und Constanze war eine von den Naturen, die ersten Regungen trauen dürfen. In diesen bittersten Lebensstunden wurde ihre erste Regung nun zum Entschluß und es zog in ihre Seele eine Kraft, die der des Märtyrers verwandt war. Als die Morgensonne schon hoch am Himmel stand, erhob sie sich von ihren Knien mit dem Gelöbniß, unbeirrt durch die Versuchungen von Herz und Welt der Bahn zu folgen, welche das Gewissen ihr vorschrieb.

Wenige Monate waren vergangen, seit sie die Waise aus ihren Träumen geweckt hatte, um ihr die Wandlung ihres eignen Lebens zu verkünden. Sie hatte es damals in seltsamer Beklommenheit gethan. Heute ging sie den nämlichen Weg mit getrostem Muth; wie der Schiffer die anvertraute Barke im Hafen birgt, bevor der Sturm hereinbricht, der sie zu verschlingen droht.

Wieder trat sie in ein Gemach, das die Morgensonne vergoldete, die Vögelchen flatterten in grünumrankten Käfigen, der Flügel stand geöffnet, an welchem die Waise ihr Abendlied gesungen hatte und sie lag schlummernd im weiß verhüllten Bett.

Und wieder blickte Constanze mit tiefer Rührung eine lange Weile auf das friedliche Bild. Dann sagte sie still für sich:

»Ich habe dieses Kind nicht für einen schweren Lebenskampf gestählt; mein ist's, seine Sache zu führen, bis es den sicheren Schützer gefunden hat.«

Wie zu einem Akte der Weihe beugte sie sich heute nieder und küßte die umlockte schmale Stirn. Agathe fuhr erschreckt in die Höhe.

»Bleibe liegen, mein, Kind,« sagte Frau von Randau; »aber suche Dich zu ermuntern. Ich habe Dir ein ernstes Anliegen vorzutragen.«

»Ist es ein Unglück, Tante? Du siehst blaß aus, ja verstört. Hat – Bernhard – –« rief das junge Mädchen, als ob es nur den einzigen Menschen gäbe, den eine Gefahr bedrohen könne.

»Ich weiß von Bernhard nur was uns Freude machen darf,« entgegnete Frau von Randau. »Aber banne den Gedanken an ihn in dieser Stunde und höre aufmerksam auf das, was ich an seines Vaters Statt Dir zu sagen habe.«

»Ach, wie Du mich ängstigst, Tante, mit diesem seltsamen Blick und Ton,« rief Agathe. »Aber sprich nur, sprich, mir zittert das Herz!«

Constanze hob an: »Graf Löbichau hat um Deine Hand geworben, Agathe; der Onkel wünscht diese Heirath und rechnet auf Deine Einwilligung.«

Agathe war bleich geworden. »Nein, nein,« rief sie. »Es ist nicht möglich. Nein, nein!«

»Nicht so hastig, Kind, ein reiches und würdiges Loos von Dir zu weisen,« versetzte Frau von Randau. »Der Graf ist ein trefflicher, junger Mann, er liebt Dich, Agathe – –«

»Aber ich hasse ihn, Tante.«

»Du hassest ihn, kleine Thörin? Möglich, daß er Dir bis jetzt gleichgültig ist. Aber das Bewußtsein seines Werths, Pflicht, Dankbarkeit und Gewöhnung werden diese Lücke eines Tages füllen.«

»Niemals, niemals!« schluchzte Agathe; und als ob sie erst in dieser Herzensnoth inne werde, welchen Schutz sie an der Frau ihr gegenüber besitze, schlang sie die Arme um ihren Hals und rief in leidenschaftlicher Steigerung: »Mutter, Mutter, Du weißt es ja, niemals, niemals! Du kannst es nicht dulden, Du lässest mich nicht aufgeopfert werden, Du, Du wirst mich schützen.«

Constanze unterbrach sie, indem sie die Aufgeregte in die Kissen zurückdrückte und mit Ruhe sagte: »Höre mich erst zu Ende, Agathe. Dem Onkel ist diese Verbindung von höchster Wichtigkeit; vertraue mir, wenn ich Dir heute noch die Gründe verschweige, aus welchen sein eignes Schicksal mit dem Deinen verflochten ist. Du würdest dem Bruder Deines seligen Vaters schweres Herzeleid ersparen, wenn Du willig aus seiner Hand ein Loos annähmest, das er in der Ueberzeugung Deines Glücks für Dich vorbereitet hat.«

»Ich kann nicht, ich kann nicht, Mutter!« rief das junge Mädchen unter strömenden Thränen, sprang aus dem Bette, fiel vor Constanzen nieder und umklammerte ihre Knie. »Ich wollte für den Onkel sterben, aber den Grafen heirathen kann ich nicht. Bernhard, Bernhard!« hauchte sie darauf, indem sie das Gesicht im Schoße der Mutter verbarg, »Bernhard!«

»Wäre Bernhard bei uns, Agathe,« versetzte Frau von Randau, »er würde sicher dem Schritte nicht widersprechen, den sein Vater so dringend wünscht. Er selbst hat in kindlicher Selbstverläugnung einen Beruf erwählt, in dem er, wie die Angelegenheiten unseres Hauses sich gefügt haben, vielleicht niemals zum eignen Herrn werden wird. Es steht auch ihm ein harter Kampf mit dem Leben bevor – –«

»Und ich sollte diesen Kampf nicht theilen?« rief Agathe mit hochrothen Wangen; »ich sollte ihm fehlen wenn er Sorgen hat? Nein, das kannst Du, das kannst Du nicht wollen, Du gute, theuere Mutter. Du liebst ihn, Du liebst mich. Du wirst uns nicht verlassen. Ich bin ja in Deine Hand gelegt als Dein Kind; ach, hilf mir treu sein und ihn glücklich machen!«

Constanze schwieg bewegt. Sie hob das schluchzende Mädchen vom Boden auf, strich ihm sanft über die Wangen und sagte nach einer langen Stille: »Ich dringe nicht auf eine rasche Entscheidung; Du sollst Ruhe zur Prüfung haben. Hier im Hause aber würdest Du diese Ruhe gegenwärtig nicht finden und ich bitte Dich daher, es auf einige Zeit zu verlassen.«

»Warum willst Du mich von Dir weisen, meine liebe Tante?« versetzte Agathe, indem sie Constanzens Hand an ihr Herz drückte. »Ach, was ist denn nur so plötzlich geschehen? Warum darf ich nicht wissen, was Euch Allen Kummer macht?«

»Geh', mein Kind,« entgegnete die Baronin sanft, »geh' und vertraue mir. Deine Gegenwart würde mich im Augenblick hindern. Dringe nicht weiter in mich. Es wird eine Zeit kommen, vielleicht bald, in der ich mir wieder eine Freude gönnen darf. Dann werde ich Dich zurückrufen. Ordne jetzt schnell Deine Sachen. Unsere gute Helmerich schrieb mir gestern; sie ist unwohl und voller Sehnsucht nach Dir und mir. Geh' für einige Wochen zu ihr, pflege sie, erheitere sie. Um mich sei außer Sorgen; ich schreibe Dir bald; auch begleite ich Dich bis zur Station und unser treuer Wagner sorgt auf der Reise für Dich. Beeilen wir uns, so kannst Du noch den Mittagszug benutzen und vor Abend bei unserer Freundin sein.«

»Mein Gott, was soll ich thun?« rief Agathe händeringend. »Ich muß Dir ja gehorchen. Aber ich bin unglücklich, ach, so unglücklich! Laß mich bei Dir, laß mich bei Dir, Tante.«

Die Baronin machte eine abwehrende Bewegung.

»Darf ich dem Onkel nicht Lebewohl sagen?« fragte Agathe weinend.

»Ich hoffe es,« antwortete Frau von Randau. »Aber beeile Dich. In einer Stunde müssen wir auf dem Wege sein.«

Und in einer Stunde waren sie auf dem Wege, ohne daß Agathe den Oheim, der mit dem Frühsten ausgeritten war, wiedergesehen hätte. Am Bahnhofe der nächsten Stadt trennte sich Constanze von ihr mit einer Ruhe, die auch dem jungen Mädchen die erforderliche Fassung wiedergab. Sobald der Zug ihren Augen entschwunden war, ging Frau von Randau zu Herrn Bartels, dem Justitiarius von Kirchheim und einem bewährten Rechtsanwalt, mit dem sie eine lange Unterredung hatte.

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