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Hellstädt und andere Erzählungen

Louise von François: Hellstädt und andere Erzählungen - Kapitel 33
Quellenangabe
authorLouise von François
titleHellstädt und andere Erzählungen
publisherVerlag von Otto Janke
year1874
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20171120
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Eine Formalität.

Erstes Capitel.

Kurz nach zehn Uhr erhob und empfahl sich im Salon der Frau von Hohenheim ein kleiner Kreis, der sich fast jeden Abend um ihren Theetisch zu versammeln pflegte. Er bestand aus einer einzigen Dame, einer beliebten Schriftstellerin und acht bis zehn Herren: Gelehrten, Beamteten, Militairs, sämmtlich alte Freunde der liebenswürdigen Frau.

Die Einrichtung des Zimmers zeugte von der Wohlhabenheit seiner Bewohnerin und vom besten, wenn auch nicht neuesten Geschmack; es herrschte zwischen Formen und Farben eine wohlthuende Harmonie; nirgend störte ein Ueberflüssiges: kein zweckloses Geräth, keine nichtssagende Decoration, kein unruhiger Vogel; selber die anderwärts im Winter so anheimelnde Füllung der Blumen wurde in diesem Raume nicht vermißt.

In gleich vornehm schlichter Weise war die Besetzung des Theetisches; das reiche Silbergeschirr und sächsische Porzellan; beides nicht aus der gegenwärtigen Generation; ein Korb von Filigran, ein kleines Kunstwerk seiner Art, enthielt südliche wie heimische Früchte des Spätherbsts in einladender Anordnung; nur das Arom des Caravanenthees durchduftete das Zimmer.

Frau von Hohenheim ging mit dem Jahrhundert, wie sie noch heute gelegentlich erwähnt hatte, stand demnach in der ersten Hälfte der Vierzig, wenngleich ihrem Aeußern nach, ihr mehr als zehn Jahre abgerechnet werden konnten. Sie war noch immer eine schöne Frau; groß, von angemessener Fülle und reinem Profil. Die fein und streng geschnittene Linie des Mundes, diese ungetreueste Schönheitslinie im Frauenantlitz, enthüllte im lebhaften Gespräch beide Zahnreihen in tadelloser Weiße. Der Kopf erinnerte an die Gemmen der Römerzeit, daher denn Fräulein Helmerich, die Dame, die sich eben so wortreich empfiehlt, sie »Faustine« zu nennen beliebte, obschon die Baronin für derlei Epitheta so wenig empfänglich war als für Schmeicheleien überhaupt.

Sie trug, dem Winter zum Trotz, ein leichtes weißes Kleid, an Hals und Armen mit einer Spitzen garnirung schließend und über dem schlichtgescheitelten, vollen, schwarzen Haar ein ähnliches Gewebe, das zwischen Haube und Schleier die Mitte hielt. In so klarem, frischen Weiß, doch ohne jeglichen Schmuck, sah man die Baronin zu jeder Tages- und Jahreszeit in ihrem Hause, und so oft sie dasselbe verließ, um gelegentlich das Theater, oder eine Musikaufführung zu besuchen; beide lediglich ihrer Pflegetochter zu Gefallen, denn Frau von Hohenheim persönlich fand wenig Geschmack an dem Durchschnittsschauspiel ihrer Zeit und die Musik hatte sie niemals geliebt.

Diese Pflegetochter, eine zarte, anmuthige Blondine, in der ersten Jugend und der größeren Geselligkeit noch nicht zugeführt, zog sich bald nach den Gästen zurück, nachdem sie der Tante die Hand geküßt und mit leiser, weicher Stimme gute Nacht gewünscht hatte. Die Baronin ging in ihr Kabinet, entließ wie jeden Abend ihre Kammerfrau, ohne deren Dienste beim Auskleiden zu benutzen, und nahm an ihrem Schreibtische Platz, um gewohnterweise noch etliche Nachtstunden mit Lectüre und Correspondenzen hinzubringen. Sie hatte indessen kaum ein neues, vielbesprochenes Geschichtswerk aufgeschlagen, als das Halten eines Wagens vor ihrem Hause, in dem aristokratisch stillen Stadttheile zu so später Stunde nichts Alltägliches, ihre Aufmerksamkeit unterbrach. Ein weißhaariger Diener in Civilkleidung und Schuhen und Strümpfen, ein Kabinetsstück alten Styls, meldete nach wenigen Minuten den Freiherrn von Randau und folgte der späte Gast der Meldung auf dem Fuße, ohne den Bescheid der Dame abzuwarten.

»Ich komme, Sie um ein Nachtquartier zu bitten,« – so führte er sich ein. »Störe ich, liebe Schwägerin?«

»Niemals, Levin,« versetzte Frau von Hohenheim, ihm beide Hände zum Willkomm entgegenstreckend.

Herr von Randau lehnte das angebotene Abendessen ab, da er auch auf Reisen niemals nach Mittag etwas zu genießen pflege; der alte Wagner entfernte sich leise, keines Winkes seiner Herrin bedürfend, um ein Schlafzimmer nach des geehrten Hausgastes einfacher Gewöhnung herzurichten.

Der Baron nahm an der Seite seiner Verwandtin Platz. Er zählte vielleicht nur wenige Jahre mehr als sie, sah jedoch um so viel älter aus als sie jugendlicher erschien. Groß und hager, sonngebräunt und das spärliche, dunkle Haar vorzeitig mit weißen Fäden gemischt, konnte eine gleichmäßig graue Kleidung von Kopf zu Fuß die Erscheinung nicht sonderlich heben. Bei alledem zog er die Aufmerksamkeit an; Niemand würde das frühe Altern auf Rechnung eines übereilten Lebensgenusses geschrieben haben; Jeder spürte dahingegen eine heimliche Rastlosigkeit, eine gedämpfte Leidenschaft, die in eigenthümlicher Weise mit seiner strengen Lebensform und der Knappheit seiner Mittheilungen contrastirte. Ein Blick seiner tiefliegenden, glänzenden Augen, ein Runzeln der hochgewölbten, nach den Schläfen hin eingeengten Stirn genügte, um erkennen zu lassen, daß dieser Mann gewohnt war, ohne Widerspruch zu gebieten und ohne Einspruch geehrt zu werden.

»Ich komme von der Wollmesse in B.,« sagte er, »und da ich auf verschiedenen Gütern seitab Geschäfte hatte, bin ich mit eignen Pferden gereist. Entschuldigen Sie daher die Verspätung, Constanze.«

Frau von Hohenheim hatte ihn lange aufmerksam und mit einer weichen Rührung betrachtet, die ihrem Ausdruck sonst fremd war.

»Sie haben sich sehr verändert, Levin,« äußerte sie nach einer beiderseitigen Stille. – »Ihre Züge bekunden, wie tief meine gute Schwester von ihrem Gatten betrauert wird.« –

»Sie ist im Frieden!« entgegnete Herr von Randau mit gesenktem Blick. »Ich beklage Karolinen nicht, aber ich entbehre sie.«

Wieder saßen Beide eine Weile gedankenstill; dann hob der Baron von Neuem an: »Diese Erinnerung leitet mich ohne weitere Vorbereitung in den Zweck meines Kommens. Als wir jung waren, Constanze, trennte uns das Schicksal, – vielleicht zu unserem Glück. Sollte es uns jetzt nicht zusammenführen, um Hand in Hand den Berg des Lebens hinabzusteigen?«

Da die Dame keine Antwort gab, fuhr Herr von Randau nach einer Pause fort, indem er ihre Hand ergriff und mit Wärme drückte.

»Ich bin sehr einsam, Constanze; ich habe viele Sorgen. Ist der Gedanke unserer Vereinigung Ihnen niemals gekommen in diesem Jahre seit Karolinens Tod?«

»Er ist mir gekommen,« antwortete Frau von Hohenheim ruhig, doch mit bewegtem Klang; »er ist mir gekommen, so oft das Bild meiner lieben Schwester; so oft die Träume der Jugend an meiner Seele vorüberzogen. Sie wissen es, Levin, daß Sie der einzige Mann gewesen sind, dem eine Neigung des Herzens mich verbunden hat, daß Sie der einzige geblieben sind, unter dessen geistige Oberhoheit ich mich in veränderter Lage unveränderlich zu stellen vermochte. Aber Sie sagen es ja selbst, mein Freund, daß das Schicksal uns zu unserem Glück getrennt haben mag. Wir Beide haben früh genug eingesehen, daß es nicht väterliche Willkür war, die dem jungen Mädchen eine Convenienzheirath aufnöthigte, sondern richtiges Ermessen unserer wechselseitigen Natur. Sie sind später sehr glücklich durch meine Schwester geworden; Sie würden es mit mir nicht gewesen sein, denn mir gebricht der schmiegsame Sinn, der Männern Ihrer Art Bedürfniß ist.«

»Ich widerspreche Ihnen nicht in dem, was die Vergangenheit betrifft, Constanze,« entgegnete der Baron. »Aber in veränderten Lebensstufen macht ein verändertes Bedürfen sich geltend. Der junge herrische Soldat brauchte eine sänftigende Seele; der alternde Familienvater, der Mann der Geschäfte, der Sorgen, sehnt sich nach einer klugen, theilnehmenden, ernsten Freundin wie Sie.«

»Sie betonen schon zum zweiten Male das Wort ›Sorge‹ in eigenthümlicher Weise,« wendete Frau von Hohenheim ein. »Ich verstehe Sie nicht, mein Freund. Trauer ist ja nicht Sorge, und welche Sorge drückt den reichsten, den geehrtesten Mann meiner hei mathlichen Gegend, den Vormund und Beistand der Verlassenen, den Rather und Helfer in jeder Schwierigkeit?« –

»Eben diese mannichfaltig verwickelten Beziehungen bringen Unmuth und Sorge über mich,« versetzte der Baron; »vor Allem aber meine Söhne. Ich suche ihnen eine Mutter, Constanze.«

Frau von Hohenheim lächelte. »Ich sollte meinen, daß Sie ihnen eher Frauen zu suchen hätten, Freund. – Was könnte eine Stiefmutter den Erwachsenen, dem Hause Entlassenen noch gewähren?«

»Rath, Einfluß, Vermittlung einer geistvollen, tüchtigen Frau,« antwortete Herr von Randau mit großer Zuversicht »Seit Karolinens Tode fühle ich, daß in meinem väterlichen Verhältniß etwas schief ist. Die Milchbärte entziehen sich meinem Vertrauen wie meiner Autorität; bevor sie auf eignen Füßen stehen, gehen sie ihre eignen Wege; Herrmann mißbraucht meinen Credit, ist leichtsinnig, träge, übermüthig, verschwenderisch – –«

»Oder Sie sind zu strenge, Freund,« fiel die Dame ein. »Habe ich doch dieses Resultat Ihrer Erziehung mitunter gefürchtet. Ihre unerschütterliche ablehnende Autorität, wie meiner Schwester nach beiden Seiten hin weiche Fügsamkeit bewirkten ein System des Bemäntelns, Umgehens, Verheimlichens, welches in Willkür und Unwahrheit auszuarten drohte. In keinem Verhältniß sind der Einklang des Willens und die absoluteste Lauterkeit der Mittel so unerläßlich wie in dem der Erziehung. Rechnen Sie hierzu das angeborene und anerzogene Bewußtsein der Unabhängigkeit, welche der Reichthum verleiht und Sie werden Herrmanns Ausschreitungen erklärlich finden, lieber Levin.«

Herr von Randau hatte diese moralisch pädagogische Erörterung, wenngleich sie schwerlich nach seinem Geschmack sein mochte, ohne Zeichen der Ungeduld angehört und erwiderte darauf mit an ihm ungewöhnlicher Nachgiebigkeit: »Ich habe meinen Söhnen das Beispiel strenger Enthaltsamkeit gegeben; sie sind durch keinerlei Luxus verwöhnt worden. Die altväterische Einfachheit meiner Hausordnung ist fast sprüchwörtlich geworden. Sie müssen die zweite Hälfte Ihres Vorwurfs zurücknehmen, Constanze, wenn ich mir auch in einer Zeit, die jegliche Autorität aufzulösen trachtet, die erste Hälfte gefallen lassen muß.«

»Ich kann Ihnen beide nicht ersparen, Freund,« wendete Frau von Hohenheim ein. »Die spartanische Strenge Ihrer Lebensweise, bei der Anerkanntheit Ihres großen Vermögens, mußte urtheilslosen Kindern für eine Grille gelten. Sie kauften Güter über Güter, reihten Besitz an Besitz, ohne Ihrem Haushalt einen Zuwachs von Behäbigkeit zu gönnen, ohne aber auch Ihre Zurückhaltung über Ihre wirthschaftlichen Grundsätze zu brechen. Ihr Wille sollte Gesetz sein, Ihr Beispiel in blindem Glauben Nachahmung finden. Die der Jugend natürlichen Gelüste stellten sich dieser Beschränkung gegenüber; sie hielt für erlaubt, was keine Nothwendigkeit verbot und gewährte sich verstohlen und eigenmächtig, was sie nicht offen zu fordern oder zu erreichen Muth und Geschick besaß.«

»Und wenn Sie Recht hätten, Constanze,« versetzte der Baron, »wenn Sie Ursache und Wirkung zutreffend abgemessen hätten, um so bereitwilliger sollten Sie sein, mir und meinen Kindern, den Kindern Karolinens, zu Hülfe zu kommen. Gilt es als Axiom, daß die beste Frau die ist, welche Söhnen den Vater zu ersetzen weiß, nun so sind Sie eine solche Frau und es war ein Mißgriff der Natur, die Ihnen den Segen eigner Kinder versagte.«

»Ich will diese Ihre Wendung nicht als Schmeichelei hinnehmen, Freund,« erwiderte Frau von Hohenheim nachdenklich; – »will dieselbe nicht unbedingt ver werfen. Möglich, daß die Nothwendigkeit für Andere einzutreten, meine Energie zu männlicher Einsicht und Ausdauer hätte stählen können, während sie in einem bequem beschaulichen Dasein zu verkommen, ja wohl gar schädlich zu wirken scheint. Denn glauben Sie nicht, Levin, daß ich Sie richten und mich selber freisprechen will. Wir Menschen handeln mit bestem Willen doch immer nur in den Schranken unserer Beanlagung. So hätte ich Söhnen vielleicht den Vater zu ersetzen vermocht; der Waise aber, die mir als Tochter an's Herz gelegt wurde, verstand ich nicht eine Mutter zu werden. Agathe liebt mich nicht, Levin.«

»Constanze!« rief Herr von Randau unwillig.

»Mißdeuten Sie meine Worte nicht, Freund. Das Kind ehrt mich, es vertraut mir, es würde von Keinem lieber Unterweisung, in der Noth von Keinem lieber Hülfe empfangen.«

»Und was mehr?« fiel der Baron ungeduldig ein.

»Und was mehr?« fuhr die Dame gelassen fort, »alles das ist ja nicht Liebe, nicht Kindesliebe bei sechszehn Jahren. Die Kleine fühlt sich nicht leicht und frei mir gegenüber; das Herz geht ihr nicht auf, wenn sie in meiner Nähe ist und wäre sie Jahre lang von mir fern, sie würde kein Verlangen nach mir empfinden. Und doch ist das Wesen dieses Kindes nur zärtliche Hingebung; was nicht zu seinem Gemüthe spricht, lebt ihm nicht. Sie gleicht ihrem Vater, Ihrem weichen, träumerischen Bruder, Levin; sie gleicht auch Karolinen und Sie mögen daher begreifen, wie unheimisch ihre Kindheit verfließen mußte, im ausschließlichen Hingewiesensein auf eine Natur, die der ihrigen so völlig heterogen ist.«

»Grausame Hellsicht!« spottete der Baron; die Dame aber widersprach ihm mit der ihr eigenen ernsthaften Gründlichkeit:

»Ich preise diese Hellsicht, Freund. Würde ich der Pflicht, welche das seltenste Vertrauen eines Freundes mir auferlegte, in ausgiebigerem Maße gerecht geworden, würde das Verhältniß der Waise zu mir, das meine zu dem der Waise ein leidlicheres gewesen sein, hätte ich, wie sie selbst, den Widerspruch unserer Grundnaturen nur dumpf empfunden, ihr heimliches Entbehren nicht klar erkannt und durch Erziehung und Fürsorge, so weit ich vermochte, dieses Entbehren ausgeglichen? – Indessen, um auf Gegenwärtigeres zu kommen, – denn die Erziehung ist ja vollendet und die Fürsorge werde ich ja auch über kurz oder lang auf Andere zu übertragen haben, – so sehe ich es nicht ungern, daß Agathen das großstädtische Leben wenig zusagt und sie sich herzlich nach dem Lande zurücksehnt, auf welchem sie vom ersten Wachtelschlag bis zum Spätherbst sich immer so wohlbefand, ehe die Rücksicht für ihre Ausbildung mich auch während des Sommers in der Stadt zu bleiben nöthigte. Meine Interessen gehen in dieser Beziehung mit des Kindes Wünschen Hand in Hand.«

»Ihre Interessen, wie verstehe ich das?« fragte Herr von Randau, aufmerksamer auf diesen kurzen Schlußsatz, als auf die vorhergehende Auseinandersetzung.

»So buchstäblich als möglich, Freund,« antwortete Frau von Hohenheim. »Das Leben in der großen Stadt wird mir zu theuer. Denn just in dem Stücke, für welches Sie mir immer ein besonderes Geschick zugetraut haben, in der Verwaltung meines Vermögens, bin ich nachlässig gewesen, da kein stärkerer Impuls, als der des persönlichen Vortheils mich zur Umsicht trieb. Als ich Ihnen, oder eigentlicher Agathen, Schönberg auf Ihren Wunsch abkaufte, um Sie der Vermittlung und Zweifelhaftigkeit des Erfolgs beim Ablösungs- und Separationsgeschäfte zu über heben, da rühmten Sie mir die bisherige Rentabilität des Gutes. Unter meiner bequemen Oberaufsicht hat es nicht so viel eingetragen, als ich verbrauchte. Ich habe kürzlich ein ansehnliches Kapital darauf einschreiben lassen, bin aber – blicken Sie nicht so erschreckt, Sie guter Wirth und Freund, durch den Rest seines Werths und das Hohenheim'sche Leibgedinge für meine persönlichen Bedürfnisse bis zum Ueberfluß gedeckt. War Sparsamkeit in meiner Lage doch keine Pflicht! Ich stehe allein; Agathe ist wohlhabend, vielleicht reich, da ihr Vermögen unter Ihrer weisen Verwaltung sich nahezu verdoppelt haben kann. Sie, lieber Schwager geltend für einen Krösus. Warum hätte ich mir das Behagen der Sorglosigkeit versagen sollen und einen Theil meines Ueberflusses nicht schon bei Lebzeiten denen zufließen lassen, denen er nach meinem Tode doch zu Gute gekommen sein würde?«

Um Herrn von Randau's festgeschlossene, schmale Lippen spielte ein seltsamer Zug, sei es von Verlegenheit, von Pein oder Ironie. Seine Blicke wurzelten am Boden, auch dann noch, als er nach einer kurzen Stille mit gedämpfter Stimme fragte: »Wie viel beträgt Ihr aufgenommenes Kapital?«

»Dreißigtausend Thaler,« antwortete seine Schwä gerin ruhig. »Für sechszigtausend habe ich das Gut von Ihnen erstanden; meine Liebhaberei, es zu melioriren, haben Sie oft belächelt, Freund, und mag ich derselben hier und dort auf eine für meine Lebensdauer wenig gewinnbringende Weise gefröhnt haben, so ist das Gut dadurch im Werthe doch so gestiegen, daß Salomon, mein Banquier und nunmehriger Hypothekengläubiger, mir wiederholt achtzigtausend dafür geboten hat und wäre es mir käuflich, vielleicht hunderttausend dafür geben würde, denn er brennt auf diesen Besitz. Sie sehen demnach, daß ich keine Noth zu leiden habe, Levin; und wenn ich erst wieder den größten Theil des Jahres auf dem Lande leben und nach Agathens Verheirathung meinen wirthschaftlichen Angelegenheiten größere Aufmerksamkeit zuwenden werde –«

»Nach Agathens Verheirathung, was meinen Sie damit, Constanze?«

»Nichts Ihnen Unverständliches hoffe ich, Freund. Ich habe Ihnen brieflich manche Andeutung über die Neigung unserer Kinder gegeben und wenn Sie vorhin nicht zum Besten von Ihren Söhnen sprachen, mit Bernhard, Ihrem Jüngsten, durfte ich stillschwei gend eine Ausnahme machen. Er ist unter meinen Augen aufgewachsen und ich stehe für seinen Charakter ein.«

»Bekämpfen Sie die Neigung der Kinder, liebe Schwägerin, sie läßt sich nicht realisiren.«

»Warum nicht? frage ich so kurz und bündig, wie Sie diese unerwartete Forderung stellen.«

»Bernhard ist ein Knabe – –«

»Er ist im einundzwanzigsten Jahr, Agathe im siebenzehnten. Die Kinder werden gern auf die Erfüllung ihrer Wünsche warten, wenn sie nur wissen, daß diese Wünsche gestattet sind.«

»Bernhard hat, als jüngerer Sohn, wenig Aussichten – –«

»Ihre Güter, mit Ausnahme Randau's, sind nicht Majorat; wie auch immer Ihre gesellschaftlichen Ueberzeugungen sein mögen, Levin, Sie werden in heutiger Zeit und bei Herrmanns leichtem Wesen dieses Majorat zu seinen Gunsten nicht so weit vergrößern, daß der jüngere Sohn empfindlich dadurch beeinträchtigt würde; wenn aber ja, so ist Agathe vermögend und auch ich bin es ja noch.«

»Es bietet sich für Agathe eine treffliche Partie, der Sie das Kind geneigt machen müssen, Constanze. Mein bisheriger Mündel, Graf Löbichau, scheint eine ernstliche Neigung für sie gefaßt zu haben«

»Ich weiß es, Freund. Aber Agathe theilt diese Neigung nicht und eine Ehe ohne Herzenseinklang würde für sie einem halben Tode gleich kommen, zumal dieselbe den Kampf gegen ein Gefühl in sich schlösse, des ich ungehindert sich entwickeln sah, ja geflissentlich genährt habe.«

»Kinderei!« meinte achselzuckend Herr von Randau; »Haben Sie nicht den nämlichen Prozeß durchgemacht, ohne daß es für Sie ein halber Tod gewesen wäre?«

»Ich habe es« – versetzte Frau von Hohenheim – »aber nicht Alle kämpfen mit gleichen Waffen und ist es nicht das natürlichste Verlangen, unseren Schutzbefohlenen die Hindernisse der eigenen Entwicklung aus dem Wege zu räumen?«

Herr von Randau hatte augenscheinlich nicht auf diesen Einwand gehört, so sehr war er mit seinen Ideen beschäftigt »Diese Partie muß zu Stande kommen!« rief er jetzt.

»Muß! Warum?«

»Weil, – weil ich sie will!«

Das wäre nur ein halber Grund und daher keiner, Freund,« entgegnete Frau von Hohenheim lächelnd, »denn ich will sie nicht.«

»Constanze!« fuhr der Baron auf; besann sich jedoch rasch, strich mit der Hand über die Stirn und bat, gleichfalls lächelnd, seine Freundin um Verzeihung.

Sie faßte seine Hand und entgegnete mit bedeutungsvollem Ernst:

»Sie sind an Widerspruch nicht gewöhnt, ich nicht an Nachgiebigkeit, wo es sich um eine Pflicht handelt. Ich habe deren nicht viele; um so beharrlicher bin ich in den wenigen. Lassen Sie sich aber diesen kleinen Zusammenstoß als Warnung dienen in Bezug auf das Projekt, das Sie vorhin äußerten. Ich wiederhole Ihnen: Ich bin keine Karoline.«

»Und ich wiederhole Ihnen, ich will, ich wünsche keine Karoline. Sie ist mir unersetzlich und soll es bleiben. Ihnen darf ich das sagen, Constanze. Ich sehne mich nach einer festen, standhaften Gefährtin für einen immerhin mühsamen Lebensniedergang und eben die gegenwärtige kleine Begegnung hat mir gezeigt, was ich an Ihnen besitzen würde. Schlagen Sie ein, Theuerste. Nehmen Sie den alten Zögling an. Er verspricht Ihnen Gelehrigkeit. Die Heirath der Kleinen wollen wir einstweilen dahingestellt sein lassen.«

»Nicht so, mein Freund, wir wollen gleich heute zum Abschluß bringen, was unvermeidlich neue Mißstimmung zwischen uns erwecken würde. Nichts stört ein Zusammenleben so gründlich, wie eine Verschleppung zuwiderlaufender Interessen. Ich kenne Agathens Herz. Ihr Glück ist meine erste, heiligste, ja bis jetzt meine einzige Lebensaufgabe. Es war ein Akt seltensten Vertrauens, als Ihr Bruder die Erziehung des einzigen Kindes und volle mütterliche Gewalt über dasselbe, ohne Einspruch welcherseits, in meine Hand legte. Darum dürfte auch nicht der theuerste, nicht der geehrteste Mensch mir an dieses Vermächtniß tasten gegen meine Ueberzeugung. Uebergab er mit gleicher Uneingeschränktheit die Verwaltung seiner Hinterlassenschaft dem Bewährtesten und Einsichtigsten seiner Freunde, Ihnen Levin, so mögen Sie selbstverständlichst mit diesem Treugut nach Ihrem Ermessen schalten. Mir überlassen Sie die Beurtheilung eines jungen weiblichen Gemüths und die Sorge für sein Glück.«

»Sei es darum,« sagte Herr von Randau, die Hand der Dame drückend.«

»Und Bernhard?« fragte Frau von Hohenheim.

»Bernhard?« entgegnete der Baron, von dem eigentlichen Sinn der Frage ablenkend, »ja so! Sie wissen wohl noch nicht, daß Bernhard nach diesem Semester die Universität zu verlassen und eine andere als die Beamtencarrière einzuschlagen gedenkt?«

»Warum das?« fragte Frau von Hohenheim betroffen.

»Kaum weiß ich's selbst. Ein plötzlicher Entschluß, den er mir erst gestern schriftlich mitgetheilt hat. Ich liebe es nicht, mich mit irgendwem, also auch mit meinen Kindern in Controversen einzulassen, so lange deren Absicht meiner Einsicht nicht allzu schroff widerspricht.«

»Bernhard ist eine ernste Natur,« sagte die Baronin nachdenklich; »er handelt nicht planlos. Will er Soldat werden?«

»Nein, Landwirth.«

»Vielleicht hat er nicht unrecht und kommt durch diesen Entschluß einem Lieblingsplan von mir entgegen, den ich längst mit Ihnen zu besprechen wünschte, Levin. Es thäte mir leid, wenn Schönberg bei meinem Leben, oder mindestens nach meinem Tode in fremde Hände kommen sollte. Ihr Bruder liebte das Gut und hat oftmals den Wunsch ausgesprochen, es seiner Familie erhalten zu sehen. Nur in diesem Sinne habe ich es damals von Ihnen erstanden und jeden späteren Wiederverkauf abgelehnt. Legen Sie jetzt, wo alle geschäftliche Verwicklungen beseitigt sind, Agathens Vermögen von Neuem darin an; der gewissenhafte Vormund soll einen billigen Handel mit mir machen. Würde Bernhard dann, dem gestrengen Papa zum Trotz, dennoch mein Schwiegersohn, so kehrte auf diese Weise die angenehme Besitzung an den Stamm zurück, von dem sie ausgegangen ist.«

Herr von Randau unterdrückte einen Widerspruch, der auf seinen Lippen zu schweben schien, erhob sich darauf und sagte: »Wir werden Zeit haben, diesen Plan näher zu besprechen. Für heute gute Nacht, Constanze.« Und ihre Hand an seine Lippen ziehend, setzte er leise hinzu: »Mit welcher Entscheidung entlassen Sie den Bittenden?«

»Gönnen Sie auch dieser Entscheidung Zeit zu ihrer Reife,« versetzte die-Baronin; er aber entgegnete:

»Zögern Sie nicht, Theuerste. Naturen wie die Ihre erfassen rasch und sicher das Nothwendige.«

»Sie schmeicheln der Freundin der Nothwendigkeiten,« entgegnete Constanze, indem sie lächelnd seine Hand drückte, »weil Sie wissen, wie glücklich es sie machen würde, ihre Zustimmung als ein Bedingniß des Wohlbefindens für ihren theuersten Freund zu erkennen.«

Herr von Randau küßte ihr noch einmal die Hand mit einer Rührung, welche sie umso freudiger bewegte, als sie ihr an dem zurückhaltenden Manne fremd war. Dann ging er zur Thür; kehrte aber nach kurzem Zaudern noch einmal um und sagte mit leichtem Ton, dessen Erkünstelung bei der Natur des Freundes und seiner kaum überwundenen Bewegung der klugen Frau gewiß nicht entgangen wäre, hätte sie sich nicht in einem ungewohnten Zustande der Aufregung befunden.

»Noch eine Bitte, Liebe. Sie würden mir verdrießliche Weitläufigkeiten ersparen, wenn Sie mich für etliche Tage als Ihren Gläubiger gelten lassen, deutlicher ausgedrückt mir eine Schuldverschreibung ausstellen wollten, eine einfache Handschrift, die – –«

Frau von Hohenheim sah ihn schweigend mit großen Augen an. Hastig fuhr er fort:

»Nichts als eine Formalität! Sie wissen, das Testament meines Bruders, das mir, als befreitem Vormund, bei Anlegung und Verwaltung von Agathens Vermögen, auf mein Risico hin, freien Spielraum läßt, fordert dem leidigen Schematismus des Landesgesetzes zu Gefallen eine jährliche Rechnungslegung vor dem Pupillengericht. Hypothekendokumente, Staatspapiere, irgend welche Werthzeichen, die einfachsten Handverschreibungen gelten gleichviel. Eine reine Formalität! Das Gericht hat bisher von derselben abstrahirt; selbst als ich meines Bruders Gut an Sie, – Constanze verkaufte, hat es nicht gefragt, wie und wo ich die Kaufgelder untergebracht habe. Ein neuer Decernent scheint sich indessen mit einem besonderen Eifer wichtig machen zu wollen. Das gerichtliche Rescript, dem ich nicht opponiren kann und natürlich auch nicht will, ist, während ich auf der Wollmesse war, zu Hause eingetroffen und mir nachgeschickt worden. Man hat den Termin kurz anberaumt; ich führe die erforderlichen Papiere selbstverständlich nicht bei mir, machte die Sache aber gern persönlich ab, da ich bis morgen Mittag hier zu bleiben gedenke. Sie ersparen mir demnach Hin- und Herschreibereien und weitläufigen büreaukratischen Trödel, wenn Sie mir für etliche Tage mit einer Obligation aushelfen.«

»Einer Obligation über wie viel?«

»Ueber zehn – nein besser über zwanzigtausend Thaler.«

»Die Summe reicht aber für Ihren Zweck nicht hin.«

»Bei Weitem nicht. Ich habe jedoch vom Meßgeschäft her flüssige Gelder und zufällig noch etliche andere Dokumente bei mir, so daß mir nur noch diese circa zwanzigtausend Thaler fehlen, um die Angelegenheit zu erledigen.«

»In allen diesen Werthzeichen ist aber, wenn ich Sie recht verstand, Agathens Vermögen nicht angelegt,« wendete Frau von Hohenheim zaudernd ein.

»Keineswegs,« erwiderte der Baron.

»Die Rechnungslegung demnach fingirt.«

»Sagte ich Ihnen nicht, es handele sich um eine Formalität? Um einen Beleg meiner eventuellen Solvenz? Daß Sie mit Ihrer scheinbaren Aushülfe keine Gefahr laufen – –«

»Es ist nicht das, was mich beirrt,« unterbrach ihn die Baronin. »Sind Sie es doch, der sie von mir fordert. Allein ich wünschte, ich könnte Ihnen auf reellere Weise dienen; – ich thue es ungern, Levin.«

»So unterlassen Sie es,« erwiderte er und wendete sich zum Gehen.

Sie folgte ihm bis zur Thür. »Ich scheine Ihnen ungefällig,« sagte sie, »wohl gar – –«

»Mißtrauisch?« unterbrach er sie, indem er stolz den Kopf zurückwarf; »nein, nicht mißtrauisch, nur weibisch kleinlich, wie ich Sie nicht vermuthet habe, Constanze. Doch lassen wir die Sache. Ich will Ihr Gewissen nicht beschweren, um mir einen Weg zum Banquier zu ersparen. Schlafen Sie wohl.«

»Bleiben Sie, Freund!« rief Constanze, indem sie hastig an ihrem Schreibtische Platz nahm. »Ich könnte ein Langes und Breites mit Ihnen darüber rechten, daß es in gewissem Sinne keine Kleinlichkeit giebt, aber Sie lieben die Controversen nicht,« setzte sie lächelnd hinzu, indem sie mit raschen Zügen die erforderlichen Worte schrieb und untersiegelte.

»Hier ist die Verschreibung.«

Herr von Randau faßte hastig nach dem Blatt, um es in seiner Brusttasche zu bergen. Ein Aufblitzen freudiger Genugthuung entging der Freundin; im Gegentheil: die Wärme, mit welcher er ihr noch einmal die Hand drückte, sein herzliches: »Ich danke Ihnen,« thaten ihr wohl, und als er jetzt rasch das Zimmer verließ, sagte sie zu sich selbst:

»Daß doch die edelsten Männer geschmeichelt sind, wenn eine Frau ihnen zu Liebe ein Zugeständniß macht just in dem Punkte, in welchem sie allen Anderen gegenüber nicht untadelig genug erfunden werden kann! O, über die Eitelkeit der Starken!«

Das Gespräch der beiden Verwandten, das hier, so breit es sich darstellen mag, doch nur im Abriß mitgetheilt worden ist, hatte sich tief in die Nacht hineingezogen. Aber Frau von Hohenheim dachte nicht daran, sich niederzulegen. Sie ging in ihrem Zimmer auf und ab, mit einer Unruhe, welche der sonst so gesammelten, sich selbst besitzenden Frau eine seit ihrer Jugendzeit nicht mehr gekannte war. So sollte sie denn noch einmal an einer Grenze stehen, da sie sich doch gewöhnt hatte, ihren Lebensabend sanft absenkend, ohne Schranken sich auszudenken. Früh verwittwet und in einer gesicherten Unabhängigkeit, die sie sich, nach ihres Vaters Willen, durch eine Couvenienzheirath mit einem würdigen, älteren Gatten erworben und beharrlich verschmäht hatte, in einer zweiten Ehe preis zu geben, sollte sie spät noch in den aller nächsten Zusammenhang treten und einen bedeutenden Beruf übernehmen. Sie hatte und kannte in sich die Anlagen einer pflichtgemäß handelnden weit mehr als einer genießenden Natur, ihre bisherige Aufgabe, Agathens Erziehung, war nahezu abgeschlossen, sie stand allein, und verhehlte sich nicht, daß sie kaum eine Wahl habe, als das Loos des Mannes zu theilen, dem sie mit der einzigen leidenschaftlichen Regung ihrer Jugend angehört und späterhin, so weit es ihre selbstständige Art zuließ, sich mit ernster Freundschaft unterstellt hatte; auch war sie ja durch seinen Antrag kaum überrascht worden und die Wärme, mit welcher er ihr Miteinanderleben als Bedingung seines Wohlbefindens forderte, hatte ihr wohl gethan. Woher nun plötzlich, bei voller Klarheit über das, was sie aufzugeben haben werde, die Zweifel über den Erfolg? Sie fühlte sich gleichsam den Puls und fand ihn herabgestimmt, fühlte ihren Athem beklemmt, ein so zu sagen geistiges Frösteln machte sie schauern. Sie wägte und erwog, sann vorwärts und zurück.

Wie es aber den besonnensten Menschen begegnet, daß sie absichtlich oder nicht, einen unscheinbaren Punkt als Quell aller Trübung in ihrem Wesen und Treiben übersehen, so geschah es auch heute dieser scharfblicken den Frau, indem sie sich nicht eingestehen mochte, daß ihr quälender Unmuth seinen Grund vorwaltend in jener Schuldverschreibung habe, zu der sie sich gegen ihre Einsicht hatte verlocken lassen. Sie sagte sich, was gesagt werden konnte; daß diese Handlung im Vergleich zu der Neuerung und Steigerung ihrer Existenz eine geringfügige sei, daß sie keinerlei sittliche Folgen haben könne, daß in einem undenkbaren äußersten Falle die Schuld von ihr nur anerkannt und der materielle Verlust getragen zu werden brauche: die Verstimmung blieb. Es war ihr, als ob das reine Gewand, in das sie ihr Leben gehüllt, einen ersten Flecken erhalten und seinen Werth verloren habe; das Bild des Mannes, der ihr diese Scheinhandlung auferlegt hatte, stand nicht mehr makellos ihr gegenüber, sie empfand die Schmach einer ersten, wenn auch uneigennützigen Lüge. Alles das undeutlich wie allemal, wenn bei einer Frau ein Prinzip mit dem Einfluß einer Persönlichkeit im Streite liegt, aber in dieser Verworrenheit doppelt empfindlich für ihr stolzes, sonst so ruhiges Herz.

Der Morgen dämmerte, als sie noch in ihrem gestrigen Anzug in das Zimmer ihrer Pflegetochter trat, die nach zärtlicher junger Mädchen Art gern tief in den Tag hinein schlummerte und träumte; auch erwachte Agathe nicht, als jene die Gardine zurück zuschlug, sich leise auf ihrem Bettrande niederließ und lange Zeit mit einer ungewohnten Rührung auf die weiche, zarte Gestalt, die friedlichen Züge der Schlafenden niederblickte. Sie hätte ihre Lippen auf die schmale Kinderstirn drücken mögen, doch hielt sie diese Regung mütterlicher Sinnlichkeit, wie sie es nannte, zurück, da sie ihrem bisherigen Verhältniß nicht angemessen war und das junge Mädchen befremdet haben würde. Nur die Hand legte sie ihm auf das Haupt und indem sie die hervordringenden Locken unter das Nachthäubchen strich, sagte sie zu der Erwachenden: »Ich wecke Dich frühzeitig, Kind. Der Onkel ist angekommen.«

»Allein?« fragte Agathe aufspringend und dunkel erröthend, als ob sie mit dem Worte ein tiefes Geheimniß verrathen habe.

»Allein,« antwortete die Tante, die ihre Verlegenheit nicht zu bemerken schien. »Er hat Geschäfte in der Stadt und weilt nur wenige Stunden. Du würdest ihn nach dem Frühstück nicht mehr sehen können. Beeile Dich also, Liebe.«

Agathe war im Begriff, der Kammerfrau zur Hülfe beim Ankleiden zu schellen, als ihre Pflegemutter die schon ausgestreckte Hand zurückhielt und fest in der ihren umschloß. Nach einer Pause der Verlegenheit, welche die angehende Matrone mit halbem Lächeln bewältigte, sagte sie: »Zögere noch einen Moment, mein Kind; ich habe eine Frage des Vertrauens an Dich zu richten.«

Agathe erglühte in Purpur und senkte zwischen Angst und Spannung ihre Augen zu Boden. Frau von Hohenheim fuhr fort:

»Der Mann meiner geliebten Schwester fühlt sich nach ihrem Verlust einsam und freundesbedürftig; er wünscht in ein noch näheres Verhältniß zu uns – zu mir – zu treten. Würde es, Dir leicht werden, Agathe, unter seinen Augen zu leben und in einem noch innigeren Sinne als bisher Dich seine Angehörige zu fühlen?«

Agathe war gewohnt, in ihrem Vormund nicht nur ihren nächsten Verwandten, den Stellvertreter ihres ungekannten Vaters zu verehren, sie liebte ihn auch als Bernhards Vater. Mit dem raschen Blick des Herzens sah sie sich ihm jetzt um einen bedeutsamen Schritt näher geführt und warf sich unter strömenden Thränen an ihrer Wohlthäterin Brust. »Mut ter!« rief sie zum ersten Male im Leben, »meine Mutter!«

Constanze fühlte das Zugeständniß, das in diesem Ruf der Waise lag und es entschied ihr letztes Schwanken. Feuchten Auges drückte sie den Mund auf ihres Pfleglings Stirn, klingelte dann der Dienerin und verließ rasch das kleine Gemach, das die ersten Strahlen der Wintersonne vergoldeten. Blumen blühten darin, Vögelchen flatterten in grünumrankten Volièren, es fehlte ihm keine Zierrath einer heiter behüteten Jugend. Constanze entfernte sich mit dem stillen Gelöbniß, dem anvertrauten Kinde nichts von seinem Schmuck, keine seiner Freuden verkümmern zu lassen, welche Wandlungen auch immer ihr eigenes Leben erfahren sollte.

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