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Hellstädt und andere Erzählungen

Louise von François: Hellstädt und andere Erzählungen - Kapitel 32
Quellenangabe
authorLouise von François
titleHellstädt und andere Erzählungen
publisherVerlag von Otto Janke
year1874
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20171120
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Viertes Capitel.

Vier Stunden waren verflossen seit dieser. Der Doctor hatte mich nicht einmal angeredet, so oft er an dem Küsterstuhle vorübergegangen war. Er pflog lange Unterredungen mit der Schwester. »Heute, gleich heute; wir haben Eile, Deborah!« hatte ich ihn sagen hören. Er schrieb, siegelte! nahm ein frisches Blatt. Die Thür hatte er nicht wieder abgeschlossen; ich durfte ihn beobachten wie sonst. Er schien um fünfzig Jahre verjüngt, ging wie auf Federn mit leichten, elastischen Schritten. Auf seinen Wangen brannte ein Purpurflecken, der fremden Blüthe gleich, die erst in hundert Jahren jählings zum Aufbruch kommt. O, du Kleinod unseres Domes, du Wundermoos aus dem gelobten Land! – alles Sinnliche ist nur Gleichniß des Uebersinnlichen, – ein Morgenthau hat das dürre Moos zur Rose angeschwellt!

Aber auch das Fräulein war in Eifer gerathen. Sie flog Trepp' auf, Trepp' ab, klapperte mit dem Schlüsselbund, öffnete Kisten und Truhen und schleppte, mit der Magd um die Wette, die schweren Linnenbündel, die sie sammt ihren Domarmen in einem halben Jahrhundert zusammengesponnen hatte, vom Boden in das erste Stock. Das gab eine Bescheerung, daß man ein halbes Dutzend Bräute hätte ausstatten können, oben in dem großen Cönakel, der, je nachdem, die beiden Domwohnungen schied oder verband, und dessen Hallen nicht wieder zu einer Festlichkeit – geöffnet worden waren, seitdem Probst Henrici, der Vater, die Verlobung der beiden Dompaare in ihnen gefeiert hatte. Das war ein Leben in der alten, stillen Probstei, als ob ein Sturmwind sich jählings erhoben habe, aber einer, der die schweren Wolken verjagt, die Lüfte rein und die liebe Sonne heiter macht. Erst eine Stunde vor der Trauung kam die alte Dame zur Ruhe und bald darauf trat sie aus ihrem Zimmer in dem kostbaren Anzuge, den sie sich vor etlichen Jahren hatte anfertigen lassen, als Ihro Majestät die Königin unserer Stadt und Kathedrale Hochdero Besuch in Aussicht gestellt hatten. Ihro Majestät haben bis dato diese Verheißung nicht zu erfüllen geruht, aber wie gut war es doch, daß der festliche Anzug fix und fertig lag!

Der schwere schwarze Seidenmoiré floß in einer Schleppe an der stattlichen Gestalt hinab; über dem dunkeln Haare breitete sich das feinste Spitzengewebe; am Halse, und fast bis zum Gürtel niederhangend, prangte das unschätzbare Erbtheil der reichen, seligen Frau Mutter, eine morgenländische, mattweiße Perlenschnur; über dem Herzen aber ruhte das Ordenskreuz, das der Dame für bewiesene vaterländische Tugenden während der Kriegsdrangsale verliehen worden war. Wie sie in diesem Staate, mit majestätischen Schritten an mir vorüberrauschte, erschien sie mir erst recht als das »Domfräulein«, ich erhob und verbeugte mich in ehrfurchtsvoller Bewunderung. Sie aber nickte mir lächelnd zu, als ob sie an sich selber ein Gefallen trüge. In meinem Leben hatte ich die große Deborah nicht so guter Laune gesehen.

»Es ist Zeit, Renatus!« sagte sie, bei ihrem Bruder eintretend.

»Ich bin bereit, Deborah!« antwortete er, indem er sich ohne Säumen von seinem Pulte erhob.

Sie half ihm den langen, seidenen Talar anlegen, den er nur ein einziges Mal getragen hatte, als er vor seinem königlichen Herrn jene denkwürdige Rede hielt, von welcher Höchstderselbe öffentlich bekannte: sie habe ihn erweckt wie eine Prophetenstimme; sie heftete die feinen Bäffchen an seinen Hals und an seine Brust den Ordensstern, der auch nur an jenem Ehrentage an das Licht gezogen worden war. Sie hatte ihm diese Hülfsleistungen beim Ankleiden gelassen und pünktlich jedweden Sonn- und Festtag in fünfzig Jahren erwiesen; heute aber flogen ihre Blicke und Hände, und wie er sie so schmuck und strahlend sich gegenüberstehen sah, da sagte er lächelnd: »Du siehst ja aus wie eine Prinzessin, liebe Schwester!«

»Ich bin auch stolz und froh wie eine Prinzessin, lieber Bruder,« versetzte sie.

Er erwiderte nichts; aber er nickte ihr zu, und – ja, ich kann beschwören, daß ich es gesehen mit diesen meinen leiblichen Augen, Renatus Henrici küßte seine Schwester Deborah auf die Stirn!

Eilig, als hätte sie es versäumt, rauschte sie nun die Treppe hinab und hinüber in das Magisterhaus, in das sie seit fünfzig Jahren keinen Fuß gesetzt hatte.

Der Probst trat in das Küstergemach. Er sagte auch jetzt noch kein Wort zu mir; aber im Vorüberstreifen fielen seine Augen auf das noch aufgeschlagene dreizehnte Capitel des ersten Corintherbriefs und dann hinüber auf mich mit einem Blick, – einem Blick, der mich in meinem letzten Stündlein beseligen wird.

Er schritt voran; ich in gebührender Entfernung hinter ihm drein. Die dichtdrängende Menge machte mit ehrerbietigem Neigen vor uns Platz, wie vor einem König und seinem Hof. In der Sakristei senkte er seine Knie auf den Betschemel nieder, wie jedesmal vor der Predigt oder einem feierlichen Act. Aber er betete länger als ein Vaterunser, und er betete auch anders als sonst: mit erhobenem Blick, über der Brust gefaltenen Händen und bebenden Lippen.

Die große Domglocke, Maria gloriosa, hob aus; er richtete sich auf und schritt, von mir gefolgt, zum Altare des hohen Chors.

Die drei Pforten des Letners standen geöffnet; im Mittelschiffe und auf den Emporen drängte sich Kopf bei Kopf. Weißgekleidete Jungfrauen, Rosenkronen im Haar und in der Hand, bildeten eine Kette, den Hauptgang entlang. Rings um den Altarplatz hatten die Würdenträger der Stadt und Umgegend Posto gefaßt; die Behörden, das Offiziercorps in seiner Paradeuniform; selber, – und das schreibe ich nieder, als ein Document gar beherzigenswerther Ein tracht und Ehrerbietung vor unserem Gotteshause und seinem Oberherrn, – selber die Geistlichkeit der katholischen Confession und der Rabbiner der Judengemeinde. Aber Renatus Henrici schien von all dieser Fest- und Herrlichkeit nichts gewahr zu werden. Seine Augen blickten unverwendet nach Oben, als ob er eine himmlische Eingebung empfange.

Nun aber öffnete sich das große Portal; die Glocken schwiegen; die ersten Klänge der Cantate hoben an. Feierlich langsam, von blumenstreuenden Kindern eingeleitet, bewegte sich der Hochzeitszug das Schiff entlang. Voran und Alle überragend das Fräulein Deborah Henrici, dem großen Mittelthurme auf unserem Dome vergleichbar, in seiner majestätischen Erhabenheit. Zu ihrer Rechten die bleiche, schmächtige, noch im Alter schöne Jubelbraut, im silberfarbigen Gewande, den goldenen Kranz über der schneeweißen Haube und dem nicht minder weißen, welligen Haar. Auf den linken Arm des Fräuleins gestützt, der Jubelbräutigam; mehr gebeugt vom Alter, als wir Anderen, seine Zeitgenossen, aber noch immer einen Schimmer der Jugend auf den rosigen Wangen und einen freundlichen Strahl in dem blauen, schwimmenden Auge. Ein goldener Hochzeitsstrauß glänzte an dem schwarzen Talar. Den drei Greisen folgte das bräutliche Enkelpaar, und diesem, je zwei und zwei, die lange Reihe der Amtsbrüder der Ephorie.

Der Zug hatte sich um den Altarplatz geordnet, bis der Gesang verstummte. Nun trat das Jubelpaar vor den priesterlichen Freund; das Fräulein dicht hinter den Beiden, den Blick durchdringend auf den Bruder gegenüber geheftet. Renatus Henrici aber, der Achtzigjährige, hob mit mächtiger Jünglingsstimme jene wunderbare Rede an, die man eines Tages nicht in seinen Sammlungen lesen wird, weil sie, ohne Ausarbeitung, frei aus seiner Seele strömte, mit deren vollständigem Text ich aber meine Schilderung krönen würde, wenn ich mich des Gedächtnisses meiner jungen Jahre noch rühmen dürfte, und wenn der Aufruhr in meinem Gemüth nicht noch den Rest desselben gefangen genommen hätte.

»Gieb mir die Liebe, mein Gott,« so betete er zum Eingang, – und ich wußte nun schon, welches Register er aufgezogen; – »gieb mir die Liebe und lege deinen heiligen Geist auf meine Lippen; Denn, wenn ich mit Menschen- und mit Engelzungen redete und hätte der Liebe nicht, so wäre ich ein tönendes Erz und eine klingende Schelle.«

Darauf der Bibeltext. Nichts von Heirathen und Nichtheirathen; nichts von Gut- oder Besserthun. Kein Wort von damals; ein neuer Text, ein frischer Spruch, ein heutiger Morgensegen! »Bis hierher und nicht weiter; hier sollen sich brechen deine stolzen Wellen!«

Und diesen Wall und Damm, den der Herr gegen die Wogen des Menschenlebens gesetzt hat, den nannte er das Herz.

»Reißt diesen Fels aus seinem Grunde,« so rief er, »und ihr habt die Fluth, die alles Göttliche zerstört, und euch bleibt die Wüste, in welcher alle Pflanzung erstirbt. Dann werdet ihr sehen, wie das Verwandte auseinanderstrebt, das, was in einander wirken sollte, die Gemeinschaft flieht; sehen, wie die natürliche Ordnung sich löst, der Diener zum Herrscher, der Herrscher zum Dränger wird; Maß und Einklang im Toben der Willkür untergehn. Denkt euch die Menschheit ohne Liebe, – aber wer denket das Chaos? Und wer schaudert nicht bei der Vorstellung, oder vor der Erinnerung, wie ein größeres der menschlichen Gebilde sich für einen Zeitmoment aus der ewigen Ordnung löst und erst nach blutigen Kämpfen durch eine eiserne Faust in ein Gesetz zurückgebannet wird?

Sehet aber, und sehet mit Schaudern auch den einzelnen Menschen, wenn er sich lieblos aus dem Zusammenhange seiner Brüder löst. Denn der vereinzelte Selbstling, der sich stark dünket, und so schwach, – frei und in Wahrheit ein Sklave ist, der lieblose Selbstling, und hätte er niemals erweislich eine Sünde begangen, er ist ärger als der erwiesene Sünder, der mit Inbrunst ein einziges Menschenherz an dem seinen gehegt; und der Selbstling frevelt, wenn er sagt, er sei ein Christ. ›Wer seinen Bruder nicht liebt, den er sieht, wie will er Gott lieben, den er nicht sieht?‹ spricht der Herr; und Er entsühnt das sündige Weib mit den Worten: ›Du hast viel geliebt, Dir wird viel vergeben werden.‹ Gott gab sich einen Sohn und er gab ihn uns: die Liebe, die höchste unter den dreieinigen Gotteskräften, – das ist die Summa des Christenthums.

Der Mensch aber, der sich lieblos vereinzelt, er liebt nicht Gott, sondern einen Götzen. Und er stellt den Götzen hoch auf einen Altar; und der Götze ist er selbst. Der Quell seiner Offenbarung ist afterweiser Stolz und das Feld seiner Arbeit hat eine felsige Rinde und eine Decke von Asche, in welcher die zarten Keime des Gemüthes ersterben.

Meine Brüder, die ihr hierhergekommen seid, um mit uns, den Greisen, den Rathschluß langmüthig erhaltender Barmherzigkeit zu einem heiligenden Zwecke zu verehren; meine Brüder, wäre Einer unter uns, welchen diese meine Rede trifft, der seinen Mitmenschen den Rücken kehrt, oder sich hoffährtig über seines Gleichen erhebt; der nach keinem Freunde begehrt und dem Feinde die Hand der Versöhnung verweigert, wäre ein solcher unter uns, der fühle in dieser Stunde seine Zwietracht mit Gott; er schlage an seine Brust und sage: ›Herr, sei mir Sünder gnädig!‹ dann aber, und wäre es in der letzten Stunde, dann öffne er seine Arme und wende das Antlitz nach den Hütten seiner Brüder.«

Der Redner machte eine Pause. Er hatte gethan nach seinen Worten: – an seine Brust geschlagen wie der Zöllner, und dann die Arme ausgebreitet, als ob er ein lange versäumtes Geschlecht an sein Herz zu drücken begehre. Durch die Gemeine ging kein Athemzug. Renatus Henrici aber fuhr fort, den Blick voll strahlender Heiterkeit auf das Jubelpaar gerichtet!

»Sehet dahingegen jenen Anderen, der liebend in der ewigen Ordnung verharrt. Unmerklich lösen sich alle natürliche und göttliche Räthsel vor seinem Gemüth. Der tödtende Winterfrost entweicht, ein milder Dunstkreis breitet sich über die schaffende Erde; gierig saugt der Boden des Himmels Erquickungen in sich; Pflanzungen erblühen, süße Düfte steigen in die Höhe; seine Werkstatt wird ein Garten, sein Haus eine Heimath; Hand an Hand reiht sich zur Kette, die aus der vergangenen in die zukünftige Ewigkeit leitet.

Und so habt Ihr Euch geliebt, meine Freunde; so liebet Euch weiter von Kind auf Kindeskind. Duldet Euch, traget Euch, helfet Euch untereinander; bauet weiter an dem Walle, vor welchem die stolzen Gewässer sich brechen, bis er hinauf in den Himmel ragt. Mischt ein Staubkorn der Erde sich in den reinen Mörtel, scheidet es nicht aus, daß es einzeln, die Lüfte trübend verfliege; es bindet sich dennoch zum Kitt, bildet sich zur Schicht, auf welcher die Saaten der Zukunft treiben. Denn nur die Liebe bringt Frucht und Fülle und Frieden und ewige Seligkeit.

Diese Liebe aber, die trägt und duldet, die das Ungleiche ebnet und das Gleiche verbindet; die Liebe, die nicht eifert und sich nicht bläht, an der die Wogen des Menschenstolzes sich brechen, die Liebe, die stärker als der Tod und des Gesetzes Erfüllung ist, diese Liebe bewähre sich für und für auch an diesem hehren Gotteshause. Sein verfallendes Gewand wird neu werden. Sei es einträchtig gewirkt in dem Geiste, den eine neue Zeit aus sich herausgeboren hat. Auch die Zeit fließt aus Gott. Jüngere Diener, Männer dieser Zeit, werden nach uns, den Greisen, das ewige Evangelium in seinen Hallen predigen, die heiligenden Gnadenmittel spenden, bald, vielleicht morgen schon. Lenke dann die Liebe ihre Zungen, öffne ihre Arme, regiere ihre Geister zu dessen Herrlichkeit, der die Liebe schuf; das heißt, der sie ausströmte aus sich, einströmte in uns, daß wir Seine Kinder heißen sollten. Amen.«

Er schwieg. Durch die Tausende, die seine Rede gehört hatten, ging es wie Waldesbeben im Abendhauch. Da war wohl Keiner, der nicht ahnete, was ihre Bedeutung war. Drei aber unter ihnen: die Schwester, die Jubelbraut und ich, der Diener, wir wußten, daß wir nicht nur einen erweckenden Aufruf vernommen; nicht nur das Zeugniß einer späten, letzten Erfahrung der Seele, sondern eine öffentliche Beichte und Buße zur Sühne eines achtzigjährigen, verfehlten Lebens.

Aber noch einmal öffnete er seinen Mund und sprach: »Und wie ich diesen Ehebund eingesegnet habe vor einem halben Jahrhundert für das zeitliche Leben, und heute zum zweiten Male segne für die Ewigkeit, nach der kurzen Brautnacht des Todes; und weil ich nicht weiß, ob die Hand des Greises priesterlich das Band wird knüpfen dürfen, das die Enkel verbinden soll, wie es die Ahnen verbunden hat, so tritt vor mich in dieser Stunde, Du junges Paar, daß ich den Segen über Dein Verlöbniß spreche, als ein Vater und Freund.«

Tiefbewegt traten Renatus und Deborah, die Enkel, vor den Altarplatz und beugten ihre Knie; die Jubeleltern hinter ihnen. Renatus Henrici aber legte seine Hände auf beider Paare Haupt und sagte nichts weiter als: »Liebet Euch, meine Kinder, so wird Gott Euch lieben.«

Er schritt uns voran ins die Sakristei. Einer um das Andere, die alte, wie die junge Braut, der alte, wie der junge Bräutigam, lagen sie dort an dem Herzen des greisen Geschwisterpaares. Wie er aber seinen Pathen Renatus in den Armen hielt, da fragte er feierlich: »Renatus, willst Du fortan meinen ganzen Namen tragen? Willst Du auch mein Gehülfe im Amt, willst Du mein Sohn und dereinst mein Erbe sein?«

Erschüttert sank der Jüngling zu seinen Füßen; er aber hob ihn auf, legte seine Hand in die der weinenden Braut und wankte leise nach der Thür.

»Hab' ich es recht gemacht, Freund Zebedäus?« flüsterte er mir zu mit einem Händedruck und dem freundlichsten Lächeln, das ich jemals auf seinen Lippen wahrgenommen habe.

Ich aber faltete die Hände und betete: »Herr, nun lässest Du Deinen Diener in Frieden fahren, denn meine Augen haben Deinen Sohn in seinem ewigen Erbe gesehen.«

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