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Hellstädt und andere Erzählungen

Louise von François: Hellstädt und andere Erzählungen - Kapitel 30
Quellenangabe
authorLouise von François
titleHellstädt und andere Erzählungen
publisherVerlag von Otto Janke
year1874
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20171120
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Zweites Capitel.

Nein, der Mann war zu groß, um nach dem Maße gewöhnlicher Menschen gemessen zu werden. Er wußte das auch und darum wollte es mich schier bänglich wie ein Zeichen heranschleichender Altersschwäche bedünken, daß ich ihn heute Morgen, als er aus der engen dunklen Schlafzelle zwischen den beiden von ihm bewohnten Zimmern trat, nicht wie alle Tage in die nach dem Dome belegene Studierstube und alsobald auf das mächtige, mit Büchern und Scripturen beladene Pult, sondern auf das nach dem Garten führende Fenster des Frühstücksgemachs zuschreiten und in die aufsteigende Sonne blicken sah.

Ich sah ihn, sage ich; denn ich saß schon eine gute Weile in dem sogenannten Küsterzimmer, nach welchem beide Thüren der pröbstlichen Gemächer Tag und Nacht geöffnet stehen, und harrte der Anweisungen, die er mir in der Frühe entgegen zu nehmen geboten hatte. Keine seiner ungewohnten Bewegungen entging mir daher. Er öffnete ein Schößchen, sog mit einem tiefen Athemzuge – wenn's nicht etwa ein Seufzer gewesen ist, – die würzigen Düfte ein, die aus dem Magistergarten herüberdrangen, und stand darauf wohl zehn Minuten lang regungslos in den goldenen Morgenhimmel versunken, so als ob er ein seltenes, zwiefältig zu enträthselndes Palympsestos vor Augen habe, dergleichen Pergamente er höher als alle andere Handschriften in Ehren hält.

Solchergestalt in Betrachtungen vertieft, stand er noch am Fenster, als seine Schwester, »das Domfräulein«, wie sie von aller Welt genannt wird, nachdem sie drei Mal leise an die Thür geklopft hatte, in das Zimmer trat.

Sie neigte tief, aber schweigend zum Gruße das Haupt, ließ einen verwunderten Blick auf den Bruder am Fenster streifen, setzte das Kaffeegeschirr, das sie im Arme trug, auf den Tisch, schenkte eine Tasse ein und stellte den Rest, welcher in langsamen Zügen geschlürft den ganzen Vormittag vorzuhalten pflegte, auf der Kohlenpfanne warm. Sie war im Begriff, sich leise, wie sie gekommen, wieder zu entfernen, als der Probst, ohne seinen Platz zu verlassen, sich mit der bedeutsamen Frage an sie wendete:

»Träumst Du zu Zeiten, Deborah?«

»Zu Zeiten, Renatus,« antwortete das Fräulein mit großen befremdeten Augen.

»Ich niemals, – aber diese Nacht,« sagte er und blickte wieder hinaus in die Sonne.

Sie wollte sich zum zweiten Male entfernen; zum zweiten Male hielt ein Laut aus seinem Munde sie fest.

»Fünfzig Jahre, Deborah!« murmelte er, in Erinnerungen verloren.

»Fünfzig Jahre, Renatus!« wiederholte das Fräulein, indem sie mit langsamen Schritten sich seinem Platze näherte.

»Mir ist, als wäre es gestern gewesen, Deborah.«

»Mir ist es alle Tage seitdem wie gestern gewesen, Renatus.«

»Die Sonne scheint klar wie damals, der Himmel ist blau und die Koppe unverhüllt.«

»Der Flieder blüht spät wie damals, da die Rosen bereits im Aufbrechen sind.«

»Ein halbes Jahrhundert, Deborah!«

»Ein halbes Jahrhundert, Renatus!«

Es folgte eine Pause. Die beiden hohen Gestalten standen neben einander, regungslos, als wären sie von Stein.

»Deborah!« hob endlich der Bruder wieder an, »Deborah, die Zeit ist unmerklich gekommen, und Ordnung nütze auch in geringfügigen Dingen. Deborah, morgen mache ich mein Testament.«

»Ich mache es mit Dir, Renatus.«

»Genau weiß ich es nicht, aber – fünfzig Jahre! – es summt sich zusammen; dreißig Tausend müssen es sein.«

»Bei mir ist es mehr. Und außerdem: fünfzig Jahre! es spinnt und webt sich zusammen: jeden Jahrgang ein Gedeck und ebenso viel Stück Leinwand sind es, Renatus.«

»Wir haben keine Kinder, Deborah.«

Das Fräulein senkte die Augen zu Boden.

»Keine Blutsverwandten, keine Freunde, Deborah.«

Das Fräulein seufzte.

»Sterbe ich vor Dir, Deborah – –«

»Gott verhüt' es, Renatus.«

»So genießest Du bis an Dein Ende, was ich verlasse. Aber unser Erbe – –«

»Unser Erbe –«

»Ist der Dom.«

»Der Dom!«

Du lieber Himmel, dachte ich in meinen Gedanken, was soll der Dom mit dem schönen Leinen und Drell? Und selber, was soll der Dom mit den Henrici'schen Erb-Thalern, er, der schon so viele ungenutzt in seinem Gotteskasten liegen hat? Mit diesen Gedanken aber jagte der alte, immer neue Aufruhr mir durch Kopf und Herz.

In den ungezählten Lebensstunden, die ich harrend auf dem Küsterstuhle in stiller Betrachtung des gottseligen Fleißes dieses Mannes hingebracht und mich in die Zellen der gelehrten Benedictiner, die einstmals in diesen Räumen geheimst, zurückversetzt, da hatte sich in meinem inwendigen Menschen die Ueberzeugung ausgebildet, wenngleich ich schwarz auf weiß sie leider nicht darzuthun vermag, die Ueberzeugung, daß das Domgeschlecht der Henrici von einem jener Mönche seinen Ursprung leite, einem Pater Henricus etwa, dem der große Doctor Luther mit dem Exempel der Ehelichkeit das klösterliche Gelübde sprengen ließ. Und nun nagte es an meiner Seele wie ein Wurm, dieses gesegnete Exempel an einem Henrici zu Schanden werden und den letzten seines Namens der Grube entgegenfahren zu sehen, gleichsam wieder als einen Mönch.

Ehe ich nun aber zu beschreiben versuche, was mich bei seinen Worten heute Morgen stärker als jemals erschütterte, möge es mir, ohne Unbescheidenheit, vergönnt sein, in die Schilderung meiner hohen Vorgesetzten ein Wörtchen über meine eigene Wenigkeit einzuweben, insofern selbige nämlich das Verhältniß zu jenen hochverehrten Personen berührt.

Keine schreiendere Ungerechtigkeit und keine empörendere Zügellosigkeit der Presse, als die Schablone, nach welcher in spaßhaften Historien, in schnurrigen Mährlein und selber in gereimten Versen – die ich aber als ungereimte tractire – das Amt meiner Collegen, der Kirchner und Küster, gleich einem Schmarotzerdienst, die Zunft in ihrer Gesammtheit – Ausnahmen lasse ich gelten – als eine von Schlemmern und Hansnarren verspottet wird; in ihrer geistlichen Art etwa den Barbieren und Schneidern an die Seite zu stellen, die unter den bürgerlichen Handtierungen sammt und sonders wie Hasenfüße und windbeutelige Possenreißer abconterfeit werden, da ich doch manchen beherzten und gesetzten Mann unter denen ihres Zeichens kennengelernt habe. Wahrlich, es ist kein Kunststück von diesen Herren Historienschreibern, derlei abgedroschene Allotria immer von Neuem wieder aufzuwärmen, und gedenke ich vor meinem Abscheiden zur Rechtfertigung meiner Standeswürde mit einem Schriftstück vor das Publikum zu treten, auf welches ich mir zum Voraus erlaube, die Blicke aller Wahrheitsfreunde hinzulenken; ein Schriftstück, dem ich die kraftvollsten Stunden meines Lebens zugewendet und das, ich hoffe es, das Gedächtniß der alten Domküsterei, nachdem diese längst dem Erdboden gleich sein wird, frisch und lebendig erhalten, den erloschenen Namen »Gutedel«, wenn auch in bescheidener Entfernung von dem der Henrici, – aber nicht ohne Ehre für unsern Dom dessen Schriftstellern beigesellen wird.

An dieser Stelle nur eine Frage im Allgemeinen:

»Man gönnt einem Fürsten viele Kammerherren, einem Feldherrn viele Adjutanten und einem Kirchenoberhaupte will man einen einzigen Küster verkümmern?«

Und eine zweite im Besonderen:

»Ein Parasit und Faullenzer, ein Hansnarr nach der scribentischen Schablone, würde ein solcher sich eines Verhältnisses rühmen dürfen wie Zebedäus Gutedel sich des seinen zu einem Borsdorf und Henrici?«

Denn das zu dem heutigen Jubilar und seiner werthen Familie kann ich, ohne Schmeichelei schlecht hin ein gemüthliches nennen. Gehöre ich nicht zu ihnen wie der letzte Ring einer Kette? Bin ich um ein Haar breit weniger als Hausfreund? Werde ich nicht in Freud und Leid zu Rathe gezogen? Erhalte ich nicht mein Theil von allen Wünschen und Sorgen, wie von allen Leckerbissen, die der Haushalt mit sich bringt: im November von der Schlachtschüssel, zum heiligen Christ meinen Wecken, am grünen Donnerstag eine Honigscheibe aus dem Bienenhause? Wann klingen im Magisterantheil der alten Probstei die Gläser zu einem Profit oder Memento aneinander, daß Zebedäus Gutedels Freuden- und Thränenkelch sich nicht mit dem ihren mischt?

Weit verschieden dahingegen der Standpunkt des Henricischen Geschwisterpaares gegenüber meiner bescheidenen Person. Ich kann ihn nicht anders als einen erhabenen bezeichnen und nicht ein einziges Mal in so und so viel Jahren bin ich vor das Angesicht meines höchsten Oberhauptes mit einer anderen Empfindung getreten als der, die mir in den hohen, grauen Hallen unseres Domes wie ein Schauer der Feierlichkeit vom Wirbel zur Zehe rieselt.

Gleichwohl habe ich mich just von diesem außerordentlichen Herrn der ehrendsten Beweise der Gewogen heit zu rühmen gehabt. Erst durch seine Verwendung ist die Domküsterei zu den Erträgen gelangt, welche sie heute zu einem beneidenswerthen Posten macht. – Aus seinem eignen Säckel hat er dereinst meine Mutter, als Küsterwittwe, meinen blindgeborenen Bruder und Manchen aus meiner Frauen Sippschaft reichlich unterstützt; und das ohne vorausgegangene Bitte, ohne Frage nach der Verwendung, mit sichtbarlicher Scheu vor dem Hab' Dank. Renatus Henrici ist großartig im Geldpunkte, wie in jeglichem anderen; wie hätte ohne das sein Vermögen auch nicht weit die dreißig Tausend übersteigen sollen, deren er vorhin erwähnte? Denn, mit Ausnahme seiner Bibliothek, bedarf er für die eigne Person so wenig als ein Klosterbruder; er war ein Erbsohn von Mutterseite und die Oberdomstelle trägt, schlecht gerechnet, an die drei Tausend im Jahre; die sogenannten Stolagebühren noch gar nicht einbegriffen, die er jederzeit in die Domkasse fließen läßt.

Desselbigen gleichen hat der Probst Henrici mit eigner Hand meinen Ehebund eingesegnet, meine Kindlein getauft und sie zu Grabe geleitet, als Gott, der Herr, sie mir wieder nahm. Der Fall ist nicht vorgekommen, daß ich mich erinnere, aber hätte ich Rath gesucht für meinen Geist, ich würde mich an den Doctor gewendet haben; suchte ich Trost für mein Gemüth, und es geschah des Oefteren, ging ich hinüber in das Magisterhaus. Ueber alle und jede Wohlthat jedoch muß ich mich rühmen der stillschweigenden Zeugenschaft an allen Arbeiten und Handlungen des ehrwürdigen Mannes; des stolzen Bewußtseins, niemals durch ein Zeichen der Verheimlichung oder des Mißtrauens von ihm gekränkt worden zu sein. Und wäre es mitten in der Nacht gewesen, ich durfte unangemeldet bei ihm eintreten; ich trug seinen Hausschlüssel in meiner Tasche und wartete im bequemen Küsterstuhle des allezeit für mich offnen Vorgemachs den Augenblick seiner Muße, für mein Anliegen ab. Ich gehörte eben zum Dom; ich war ein Erbe von Väterseite an selbigem so gut als er selbst; wer den Diener beleidigte, hätte den Herrn beleidigt; gleichwie Einer, der etwa die Sakristei verunreinigt oder den Klingelbeutel bestohlen, das Heiligthum der Kirche selber geschändet hat. Und so kann ich denn dreist behaupten, daß ich nie mit einem Menschen wie mit diesem mich gleicherweise in Fleisch und Bein verwachsen, so zu sagen eines Leibes und eines Geistes empfunden habe, wenn ich mich auch unter keinen Umständen unterfangen haben würde, meine Stimme zu einem Einspruche zu erheben, Rath oder Widerrath aufkommen zu lassen, selbst wenn ich dann und wann nicht gleichen Sinnes mit dem gestrengen Herrn des Domes zu sein vermochte.

Wie ich ihn aber anjetzo vor dem Fenster stehen; und ungeblendet, gleich dem Aar, in die glänzende Morgensonne schauen sah, wie ich ihn seines letzten Willens und des fühllosen Erben von Stein erwähnen hörte, da trat von Neuem und ätzender denn je, die Zukunft vor meine jammervolle Seele, wo dieser uralte, kräftige Stamm, im Schatten des Domes aufgewachsen, verdorren und spurlos verschwinden, wo diese Wohnstätten, Zeugen so langbewährter geistlicher Tugend, der Erde gleich sein sollten. Und nicht ein Name übrig, der aus dem neuen Regiment in das alte zurückdeutete; kein Faden, kein Klang, der das Werdende mit dem Abgeschiedenen verband! Sei es um die Gutedel und um die Küsterei; es kann Kletterpflanzen verschiedentlichen Namens geben. Sei es um die Borsdorf: sie waren ein neues Reis, nur durch Ehelichkeit der alten Eiche aufgepfropft; aber die Henrici, die Pröbste! die Wurzel und die Krone dieser Eiche zu gleicher Zeit, auch sie, auch sie! Unwillkürlich faltete ich meine Hände und flehte, – flehte um ein Wunder!

Die heißen Tropfen schwammen in meinen Augen, und als ich sie hinunterpressen wollte, um nicht mit den Spuren unliebsamer Weichlichkeit vor meinem Herrn zu erscheinen, da schnürte sich mir die Gurgel zusammen, ein Schlucken ergriff mich, ein Hüsteln und dieses Geräusch weckte den Doctor aus seiner Contemplation.

»Der Küster!« sagte er, sich besinnend.

Das Wort war mir ein Befehl; ich trat in das Frühstückszimmer und unter die Augen des gewaltigen Mannes.

Hätte ich seit den mehr als siebenzig Jahren, daß ich in unserer Domschule neben Renatus Henrici mensa decliniren gelernt, oder auf dem Domhofe Ball und Kreisel mit ihm gespielt, – wiewohl letzteres häufiger mit Christian Borsdorf, dem Dritten im Bunde der Domknaben, denn jener war allezeit mehr ein Schul- als Spielkamerad, hätte seit diesen mehr als siebenzig Jahren ich Renatus Henrici heute zum ersten Male wiedergesehen, wahrlich! auf den ersten Blick würde ich in dem Greise den Knaben wiedererkannt haben, so wenig oder so naturmäßig hatte er sich verändert, und so unauslöschlich prägte seine Erscheinung sich dem menschlichen Gedächtnisse ein.

Er war schon damals um Kopfeshöhe größer als wir Anderen seines Alters; Fleisch besaß er so wenig als heute an seinem Körper, aber wie heute noch eine eherne Musculatur und eine steilrechte Haltung, welche die Last der Jahre nicht um eine Linie gekrümmt hat. Seine mächtig geschwungene Nase gleicht der des Königs der Lüfte und der Herrscherglanz in dem weitgeöffneten, dunkeln Auge, die hochgewölbte, über der Nasenwurzel dicht verwachsene Braue, die gemahnen mich jedesmal an das Bildniß von Gott, dem Herrn, im jüngsten Gericht über dem Hauptaltar in unserem Dom. (Wer möchte denn auch beweisen, daß nicht ein Henrici dem alten Maler als Modell zu diesem Meisterstück gesessen hat?!) Sein rabenschwarzes Haar, nur mit wenigen hellen Fäden untermischt, strebt über der breiten, gewaltigen Stirn in die Höhe, gleich einem Wald, und setzt seinem Längenmaße noch ein Beträchtliches zu. Selten röthete auch im Knabenalter ein Blutstropfen die gelbbleichen Wangen und das blendende Gebiß zeigt sich dieses Tages noch unerschüttert zwischen dem schmalen, schwachgefärbten Lippensaum. Eine Fürsten- und Heldengestalt, dieser Mann!

Und wahrlich! wie ein Fürst und Held nimmt er sich auch aus drüben in der Bilderreihe der Pröbste zwischen den Spitzbogen des hohen Chors. Alle überragt er. Der schwarze Talar und die Bäffchen dünken Einem nur zur Verhüllung über eine Ritterrüstung geworfen: die leiseste Bewegung, und Schwert wie Harnisch leuchten hervor.

Und ein Held, ein Fürst, das scheint er nicht nur, nein, das ist dieser Mann. Ein Fürst und Held im Geist! Denn Einer, der seit Menschengedenken kein Zeichen von Schwachheit, von Sehnsucht oder Verlangen kund gethan; Einer, der niemals sichtbarlich Freude oder Leid von einem andern Menschen empfangen; der niemals zeitliche Noth und Sorge, getragen; der niemals zagend an einem Kranken- oder Sterbebette gesessen, ja, nicht einen einzigen Tag selber auf dem Krankenbette gelegen; Einer, der keines Menschen Hand gedrückt und geflehet hat: »sei mein Freund!«; der niemals vor einem Menschenauge gezittert, geseufzt, geklagt, oder eine Thräne geweint; der von jeglichem Gottes- und Menschenwerk nur einen Andachtstempel und die Geistesfrüchte der Vor- und Mitwelt in sein Leben aufgenommen, – ist der nicht ein Anderer als die unruhigen Tausende rings um ihn her? Ist er nicht geboren, über sie zu herrschen? Ist er nicht ein Held und Ueberwinder? Er hätte auf einem Throne stehen sollen! Und wahrlich! wie auf einem Throne steht er auch: einsam, unerreichbar über der niederen Welt; sei es vor dem Pult in seiner stillen Klause; sei es auf der Kanzel mit dem markerschütternden Wort, oder am Altar mit dem erhobenen Kelch des Sacraments; sei es am Rande des Grabes, wenn er das Vergängliche verschütten sieht und den Segen über das Unvergängliche spendet.

»Küster, Du schwärmst!« höre ich kopfschüttelnd den Nachgeborenen sagen, dem diese Blätter in die Hände fallen werden. »Dein Held und Herr ist eine Ausgeburt Deiner müßigen Stunden drüben im Küsterstuhle der grauen Probstei. Hat Renatus Henrici denn nicht Vater und Mutter gehabt wie andere Erdensöhne? Hat er nicht dieses Tages noch eine Schwester? Hat er nicht einen Amtsbruder, der sein Jugendfreund gewesen, und dessen Ehefrau unter seinem Dache herangewachsen ist?«

Auf diese Fragen antwortete ich wie folgt: »Ja, natürlich hat er eine Mutter gehabt, aber sie verloren, ehe ein Kind diesen Verlust ermißt; er hat einen Vater gehabt, aber ihn hinscheiden sehen als müden Greis. Ja, er hat noch heute eine Schwester, die sein Ebenbild ist und gleichsam sein Wiederhall: lang, hager, kühn von Nase, schwarz von Haar, gelb von Farbe, gesund und ungebeugt wie er; einsam und karg von Worten wie er; strickend und spinnend, wenn er liest und schreibt; lebend für seine Ehre, wie er für des Domes Ehre; Geist von seinem Geist und Bein von seinem Bein. Er hat auch einen Jugendfreund und eine Jugendfreundin gehabt, – aber dennoch, oder eben darum ist Renatus Henrici das geworden, was er ist und was ich von ihm behauptet.

»Zebedäus!« rief der Probst, als ich in die Studierstube trat; und weil er nicht wie gewöhnlich vor seinem Pulte saß, sondern, sich vom Fenster abwendend, die Hände auf dem Rücken, im Zimmer hin- und wiederschritt, traf mich ein Strahl aus seinem Feuerauge.

»Was ist Ihm, Zebedäus?« fragte er. »Hat Er geweint?«

»Zu Befehl, Hochwürden, ich habe geweint,« stammelte ich verwirrt ob einer Aufmerksamkeit, die weder mir, noch wohl einem Andern je im Leben von ihm zu Theil geworden war.

»Warum hat Er geweint, Zebedäus?«

»Hochwürden, – dieser Tag, – und was ich eben vernommen – –«

»Daß ich von meinem Tode gesprochen habe? Hat Er mich für unsterblich gehalten, alter Mann?«

»Beileibe nicht darum. Wer wäre reifer, als Hochwürden, für das ewige Freudenreich!«

»So ist es wohl gar mein Testament, das Ihn kleinmüthig macht?«

»Auch das nicht, Hochwürden. Selber ein Jüngling thut wohl, sein Haus zu bestellen.«

»Nun, warum weint Er denn, Zebedäus?«

»Ich weine von wegen des Erben, Hochwürden.«

»Wüßte er einen würdigeren Erben, als unseren Dom?«

Eine nie gekannte Muthigkeit kam über mich. Ganz gewiß die Wirkung meines inbrünstigen Gebetes von vorhin. »Aber der Dom ist von Stein,« so wagte ich mich heraus. »Er fühlt die Wohlthat nicht und er bedarf sie nicht, Hochwürden Der Dank Ihrer Erben erquickt die Wohlthäter im Jenseits.«

Er runzelte die Stirn und beschleunigte seine Schritte Eine lange Weile sprach er kein Wort. Endlich aber begann er von Neuem und, wie mir schien, mit einem weichmüthigen Klang.

»Er hat auch keine Kinder, Zebedäus.«

»Ich bin nur ein geringer Mann, Hochwürden,« versetzte ich. »Ich heiße Gutedel, nicht Henrici. Sie starben bald nach der Geburt. Es waren ihrer acht; aber ein Wiegenkind gleicht dem andern; ihr Bild ist mir entschwunden. Beschleicht mich zu Zeiten die Wehmuth, tröste ich mich mit denen, die niemals einen Leibessegen empfunden haben.«

»Nun, sieht Er, Zebedäus,« entgegnete milde der Probst, »ich tröste mich mit denen, die ihn wieder verloren. Alles Fleisch ist wie Gras und verweht wie die Blumen des Feldes. Aber ein Bau wie dieser predigt vielen Geschlechtern. Noch in Trümmern wird er dereinst, wie selber die Tempel der Heidenwelt es thun, an die Ewigkeit mahnen. Unser Erbe, Alter, sei der Dom!«

Ich meinte, einen schwachen Seufzer zu vernehmen, einen Seufzer aus dieser Brust! Ein Geist alter Stunden schien aus einem Winkel hervorzuschleichen und an seine Seele zu klopfen. Mein Muth wuchs.

»Das sei ferne!« so fuhr ich kühnlich heraus, »Jehova hat dem frommen Patriarchen einen Samen erweckt, da er höher betagt war als Hochwürden.«

Renatus Henrici lächelte; ja, er lachte beinahe laut.

»Er faselt!« sagte er, gegen das Domfräulein gewendet, das beistimmend mit dem Kopfe nickte. »Er faselt, Deborah!«

Aber über mich war eine Verwegenheit gekommen, die mich pflichtschuldigen Respect und lange Gewohnheit vergessen hieß. »Hochwürden!« rief ich aus; »Hochwürden, Gott der Herr zeugt in dem Menschen nicht nur durch das Blut! Er zeugt auch durch das Herz!«

»Was will Er damit sagen?« fragte der große Mann, der Alles wußte, die Augen verwundert auf mich Unwissenden gerichtet.

»Ich will damit sagen,« antwortete ich unerschrocken, »ich will damit sagen, Hochwürden, daß es auch Kinder giebt durch Wahl; Namen, die man überträgt; Erben, nicht nach weltlichem Gesetz, aber nach freier Neigung des Gemüthes. Und wenn ein Fremder gefunden würde, werth, der Sohn eines Henrici zu sein, an seinem Beispiele sich emporzuranken, seines Geistes in seinem Heiligthume weiterzuwirken, und der leiblich kinderlose Greis wollte zu ihm sagen: ›Trage Du meinen Namen, sei Du mein Sohn und Erbe!‹ so wäre es schier so gut, als wenn er seinem eigenen Stamme entsprossen und dem Dome wäre ein Henrici neugeboren, wie dem Abraham ein Israel!«

Der Doctor war während meiner Rede noch bleicher geworden, seine Augen bohrten gleich einem Stahl in die meinigen. »Spricht Er von einer Person oder setzt Er nur einen Fall?« fragte er scharf, aber ruhig.

Ich muß es Tollkühnheit nennen; aber: »Ich sprach von einer Person,« sagte ich zuversichtlich und nannte darauf einen Namen, – einen Namen – –

Ich kann einen heiligen Eid darauf ablegen, daß ich niemals vor gegenwärtiger Stunde diesen Anschlag gehegt; daß ich lediglich wie durch höhere Eingebung diese Rede gehalten, diesen Namen aufgerufen habe. Und kaum war er meinen Lippen entschlüpft, so überfiel mich auch ein Zittern und Zagen, als ob ich auf die Knie sinken und um Vergebung für meinen Frevel hätte flehen müssen. Denn, wiewohl ich aus mancher Erfahrung das Eiferartige in meines Herrn Gemüthe hatte kennen lernen: diese Wirkung hatte ich nicht erwartet.

»Schweige Er!« herrschte er mit einer Donnerstimme und der Blitz seiner Augen traf mich wie ein Strahl der Vernichtung.

Seine Wangen waren aschfarben geworden, die Brust keuchte nach Athem; ich sah einen Schlagfluß heranziehen mit der Empfindung eines Parriciden. Deborah stand wie eine Säule starr und steif. Die furchtbarste Pause meines Lebens!

Aber nur wenige Minuten und er hatte sich gefaßt. Er schritt in die Studierstube; wir hinter ihm drein. Er setzte sich auf den alten Lederstuhl vor dem Pult, blätterte in den aufgeschlagenen Scripturen – und sagte darauf gelassen wie alle Tage:

»Er kommt wegen der Lieder, Zebedäus.«

Ich neigte bejahend das Haupt, denn meine Zunge war noch starr.

»Hat Er sich besonnen?«

Ich schüttelte.

Er wendete sich an das Fräulein. »Erinnerst Du Dich der Lieder, Deborah, die wir heute vor fünfzig Jahren während der Trauung gesungen haben?«

Das Fräulein blickte beschämt ob ihrer Vergeßlichkeit zu Boden. »Der Lieder? der Lieder, Renatus?« stammelte sie, »des Textes wohl, es war –«

»Ich weiß ihn,« unterbrach er sie. »Auch giebt es nur einen für einen Diener am Amt. Er muß es heute wieder sein.«

»Curioser Text für die goldene Trauung!« rumorte es heimlich in mir, meiner Bestürzung zum Trotz. »Wer heirathet, thut gut; wer nicht heirathet, besser.«

Bei der grünen Hochzeit hatte ich das Nämliche gedacht.

»Die Lieder, Deborah?« fragte der Probst von Neuem.

Sie schüttelte händeringend den Kopf.

»Es ist gut, ich weiß sie zu finden. Sie werden bei der Rede verzeichnet stehen.«

Damit öffnete er ein verborgenes Fach in seinem Pult und zog ein versiegeltes Couvert hervor, das er einen Augenblick zögernd zwischen seinen Fingern hielt. Mir war, als sähe ich es wie einen Schatten über seine Züge laufen, ehe er hastig und heftig das Siegel erbrach, einen kleinen, rostigen Schlüssel hervorzog und ihn in einen zweiten heimlichen Kasten steckte.

Eine herrische Handbewegung hieß uns das Zimmer verlassen. Wir flohen.

»Die Thüre zu!« schrie er mir nach.

Ich schloß sie leise und tief beschämt. Seit sechszig Jahren die erste Kränkung des Mißtrauens! Das Fräulein schleuderte einen durchbohrenden Blick auf mich herab, indem sie mit großen Schritten den Raum bis zu ihrem eigenen Zimmer zurücklegte. Die Aehnlich keit mit ihrem brüderlichen Vorbilde war mir noch keiner Zeit so aufgefallen.

Ich stand athemlos vor der geschlossenen Thür; rathlos, was mit mir selber zu beginnen. Ich kam mir vor, wie Adam, den der Engel aus dem Paradiese vertrieben hat. Drinnen hörte ich das Klappern und Rasseln des Schlüssels im Pultfach, dann des Herrn heftige Schritte im Zimmer auf und ab. Von Neuem Drehen und Rütteln. Endlich, endlich – den Ruf: »Zebedäus!«

Eilenden, bebenden Fußes trat ich ein. Der Probst stand in vergeblicher Bemühung vor dem Kasten, der, in fünfzig Jahren ungeöffnet, verquollen und dessen Schloß eingerostet war. »Vermag Er's?« fragte er ungeduldig.

»Versuchen – Hochwürden, –« stotterte ich; flog in des Fräuleins Gemach; erbat mir ein wenig Oel und Seife und huschte, mit beiden versehen, in das Studierzimmer zurück, gefolgt von der Dame, die gewohnt war, ihrem Bruder jede häusliche Dienstleistung eigenhändig zu gewähren.

Meine Versuche währten eine Weile. Ich fürchtete, den Bart abzubrechen und den gereizten Herrn noch mehr aufzubringen. Seine Unruhe verwirrte mich, die Hände zitterten immer heftiger.

»Laß Er's!« rief der Probst zu wiederholten Malen; aber so oft ich inne hielt, erwachte die Begierde von Neuem und er befahl: »Fahr' Er fort!« Endlich bewegte sich der Schlüssel. Ein Ruck aus Leibeskräften – der Kasten fuhr heraus und polterte auf die Platte des Pultes. Ich selber war auf den Herrenstuhl zurückgetaumelt. Indem ich mich hastig erhob, offenbarte ein einziger Blick mir den ausgestreuten Inhalt: vergilbte Papiere, einen goldnen Fingerreif, eine rothe verblaßte Busenschleife und ein kleines weibliches Portrait, – ach, ich erinnerte mich seiner nur allzuwohl!

In diesem Augenblicke drangen aus dem Nachbargarten die Töne einer feierlichen Morgenmusik. Posaunen und Menschenstimmen schallten zu uns herauf: »Herr Gott, Dich loben wir!«

Der Doctor winkte wie vorhin, aber sanfter, mit der Hand. Das Fräulein und ich verließen das Zimmer. Diesmal schloß ich ohne Geheiß die Thür.

Ich trat an das Fenster des Vorgemachs, öffnete ein Schößchen und schaute über die gemauerte Scheide wand hinweg auf die Erholungsstätten der beiden Domfamilien. Ein gewaltiger Unterschied auch hier!

Zu meinen Füßen ein Streifen Land, so etwa, wie ich mir einen Urwald vorgestellt habe. Nächtiger Schatten, wildwuchernde Pflanzung zu beiden Seiten des einzigen geebneten Pfads zwischen den riesigen Ulmen, die sich am Ende zu einer Laube erweitern. Nie hat seit einem halben Jahrhundert ein Mensch in dieser Laube geruht; die steinernen Tische und Bänke sind dunkel bemoost; schmarotzender Teufelszwirn, das verrottete Pfahlwerk überwuchernd, hat fast den Eingang versperrt. Der Rasen neben dem Ulmengange ist niemals von einer Sichel berührt worden; mannshoch schießt er empor, verwelkt in Winterszeit und schießt von Neuem mit frischem Trieb. Hin und wieder hat sich eine Malve oder Königskerze aus alter Zeit zwischen den unbeschnittenen, struppigen Hecken von Bux und Taxus neu bestockt; dunkler Epheu umrankt das Gemäuer; Spatzen, Dohlen, Fledermäuse, Käuzlein sogar, nisten in seinen Ritzen und scheuchen die fröhlichen Singvögel hinüber in den blühenden Magistergarten, wo liebreiche Hände ihnen Körner und Brosamen streuen. Dieser Nachbargarten, im Gegensatz, wie emsig und sauber gepflegt. Zu beiden Seiten des Fruchtbaumganges die Gemüsebeete mit Blumenstreifen eingesäumt; Narcissen und Goldlack ihre Düfte streuend, künftighin von dem Flore des Sommers und Herbsts abgelöst; die mittägige Flucht des Hauses mit Rebgeländen, die schattigen Seitenmauern mit Beersträuchen bezogen, und die Laube am Schluß, von blühendem Flieder und Geisblatt überrankt, nach der Gartenseite lustig geöffnet, mit reinlichen Sitzplätzen gefüllt; die Bienen schwärmend aus ihrem Stock, die Tauben flatternd aus ihrem Schlag; Meise und Goldammer zwitschernd in Baum und Zaun.

Die Musikanten hatten auf der Straße hinter der Laube Posto gefaßt; vor derselben, vom Hause her, regte sich frohe Geschäftigkeit. Die Magd, im Sonntagsputz, kam klappernd mit dem Kaffeegeschirr; die Enkelin und selber der junge, geistliche Enkel brachten blumengeschmückte Kuchenkörbe. Und als sich die kleine Deborah – so will ich sie zur Unterscheidung von dem großen Domfräulein heißen, – so flink und zierlich daherschweben sah, im weißen Kleid und grünen Taftschürzchen, einen frischen Maiblumenstrauß vor der Brust, so schlank und doch rundlich, so freudenhell, da stand mir jene Andere leibhaftig wieder vorgezaubert, deren Bildniß vorhin im alten Pult, – – aber halt!

Das waren die nämlichen hellgelben Haarzöpfe, das eirunde, blüthenreine Angesicht umrahmend, das nämliche Erdbeermündchen, dieselben sanften und doch klugen, goldbraunen Aurikelaugen. Hurtig breitete sie das weiße Tuch über den Gartentisch, ordnete Tassen und Kannen, schmückte die Plätze des Jubelpaares mit festlichen Gewinden, und nachdem Alles bereit, legte sie mit einem herzinnigen Aufblick ihre Hand in die ihres Vetters Renatus, dessen Züge und Habitus mich gleicherweise, wie niemals zuvor, an die des Großvaters in seiner Jugendzeit gemahnten.

So, Hand in Hand, flogen sie nun dem Jubelpaare entgegen, das vom Hause her langsam auf die Laube zugeschritten kam. Der Choral verstummte; die Posaunen schwiegen; wohltönende Männerstimmen hoben, ohne Begleitung, eine weltliche, aber nicht minder bewegliche Weise an. In diesem Augenblicke standen die Jungen den Alten gegenüber, beugten sich über ihre Hände und zogen sie an ihre Lippen; die Alten aber drückten die Kinder wechselseitig an ihre Herzen unter strömenden Thränen. Die Kluft eines halben Jahrhunderts schien ausgefüllt; ihre eigne Jugend wieder aufgewacht in dem lieblichen Paare.

Ich zog mein Sacktuch hervor, um meine überlaufenden Augen zu trocknen, und erst bei dieser Bewegung wurde ich gewahr, daß das Domfräulein hinter mir gestanden und, so gut wie ich selbst, Zeuge des rührenden Auftritts gewesen war. Sie sah weiß aus wie eine Wand. Ich entfernte mich eilfertig, unter tiefer Verbeugung; in meinem Herzen brannte die Frage, ob am Nebenfenster wohl auch der Bruder, und mit welchen Gefühlen, das Bild im Magistergarten überschaut habe?

Ich hatte in meinem Hause ein festliches Carmen, gebunden in Goldpapier, zur Feier dieses Tages bereit liegen; mit wenigen Strichen war die Ode, in der ich vor fünfzig Jahren, wo ich ein geläufigerer Dichterling als heute war, die grüne Liebeshochzeit besungen, schicklich für die goldne Jubelhochzeit umgewandelt worden. Desgleichen harrte ein Paar Mundtassen der Ueberreichung, von ähnlicher Form wie die meines ersten Hochzeitsangebindes; nur daß an Stelle der blühenden Rosen und Vergißmeinnicht ein goldnes Gewinde das feine Meißener Porzellan überrankte.

Aber selber der Katzensprung nach der Küsterei währte mir zu lange für mein bewegtes Gemüth.« Sonder Carmen noch Tassen stürzte ich hinüber zu den Glücklichen in dem Magistergarten.

Die Musikanten hatten sich zurückgezogen; die Familie saß um den Frühstückstisch in der blühenden Laube. Der Morgenthau glitzerte gleich Freudenthränen auf Blume und Blatt; es duftete wie Weihrauch in dem kleinen Gehege. Meine Zähren rannen unaufhaltsam, meine Füße schwankten.

Und jetzt werden die gütigen Menschen meiner gewahr; das Jubelpaar schreitet mir entgegen. »Alter, treuer Freund!« sagt die Matrone und faßt meine beiden Hände. Der Greis sinkt an mein Herz: »Alter, braver Gutedel!« ruft er aus.

Ach, wie soll ich es denn nur beschreiben, was noch in der Erinnerung meine Brust zu zerspringen schwellt?

Ja, wohl ist es groß, an seinem Oberherrn in schweigender Ehrfurcht in die Höhe zu blicken; aber weinend seinen Vorgesetzten am Busen zu halten als einen Freund, – diese, diese Wonne! – – Und ich, der ich fünfzig Jahre lang, in erquickendem Wechsel, beide dieser Seligkeiten gekostet habe, – – wahrlich, wahrlich, es hat niemals einen Glücklicheren meines Amtes gegeben!

Und wie nun auch das jugendliche Enkelpaar mir entgegenflatterte, nicht nur geschwisterliche, nein, – ich ahnete es ja längst! – nein, bräutliche Liebe in Wort und Blick; wie sie mich Zitternden unter die Arme faßten, mich zum Kaffeetische führten, und mich bedienten, als wäre ich einer der Ihren; wie die holdselige Deborah mir die Wangen streichelte, mich ihr, Gutedelchen nannte und mir die braunen, knusperigen Randstückchen des selbstgebackenen Rosinenkuchens zuschob, die ich so vorzugsweise liebe; wie sie dazwischen immer ihrem Renatus so seelenvergnügt in die treuen, blauen Augen blickte, dann wieder den Großeltern Hand und Lippen küßte und es aus jedem an sich unbedeutenden Worte herausklang: »sind wir nicht die allerglücklichsten Kinder? und hättet Ihr Alten an Eurem Ehren- und Jubeltage wohl größere Freude erleben können als durch uns?« da, da schwoll mir das Herz immer höher und weiter, und ich fühlte, daß ich meine leiblichen Kindlein, wenn Gott, der Herr, sie mir gnädig erhalten, nicht zärtlicher darin hätte bergen können als dieses gesegnete Liebespaar.

Nachdem wir uns hinlänglich an Speise und Trank gelabt hatten, wurde die Stimmung gelassener und nunmehr die Verlobung der Enkel, wie deren Aussicht für die Zukunft, gründlich hin und wieder besprochen. Ich erfuhr auf diese Weise, daß der junge Hülfsprediger am gestrigen Tage von einem adligen Kirchenpatron, der sein Universitätsfreund gewesen war, den Antrag einer Pfarrstelle in einer ablegenen Provinz erhalten habe und daß die Sicherheit eines heimathlichen Nestes, verbunden mit der Jubelstimmung der Vorfeier, die langgehegten Herzenswünsche zur Aussprache gebracht.

Die Stelle war bescheiden, würde jedoch unter anderen Verhältnissen für einen jungen Anfänger immerhin ein Treffer zu nennen gewesen sein. Hatte der Großvater denn aber nicht den Plan, sich emeritiren zu lassen und die langgehegte heimliche Hoffnung, den Enkel in seine Stelle rücken zu sehen? Hieß es nicht den letzten erwärmenden Sonnenstrahl aus dem Leben des alten Paares verweisen, wenn sie sich in weiter Ferne und berechenbar auf Nimmerwiedersehen von den geliebten Kindern trennen mußten? Annehmen und scheiden, oder ablehnen und aufs Ungewisse hoffen, die Frage war ein bitterer Tropfen in unserem Freudenkelche.

»Ach!« so dachte ich wehmüthig in meinen Gedanken; »ach, wenn ich doch nur auf eine einzige Stunde der Probst, Doctor Renatus Henrici wäre! Denn was kostete es mich dann mehr, als ein Schreiben an meinen allergnädigsten Landesherrn, der sich mir, – nämlich dem Probst, – von Jugend ab huldreich, ja schier unterwürfig erzeigt hat, gleichwie ein Sohn und Lehrling im Geist; was, sage ich, kostete es mich weiter, als eine bittende Darstellung, und das Amt am Dom hätte keinen anderen Erben als den würdigen Großsohn meines alten Freundes und Confraters Borsdorf.

Meine Gedanken hatten sich in der Stille mit denen des guten Magisters begegnet.«

– »Ja, wenn – Er – zu einer Fürsprache zu bewegen wäre!« – sagte er, mit der Hand auf das Nachbarhaus deutend, nach einem tiefen Seufzer.

Ich antwortete mit einem noch tieferen. Der Auftritt, dessen Zeuge ich vor kaum einer Stunde gewesen war, benahm mir jegliche Hoffnung.

»Wir haben kein Recht, mein Christian, eine Bitte zu wagen,« sagte die Matrone leise, mit gesenktem Blick.

»Nein, wir haben kein Recht!« seufzte der Greis. Und auch ich schüttelte den Kopf.

Der junge Herr Renatus aber erhob sich und sprach aus warmer Seele: »Und warum hätten wir kein Recht, liebe Großeltern, eine Bitte, eine Frage mindestens an den strengen alten Mann zu wagen? Was könnte mich abhalten, noch in dieser Stunde vor ihn zu treten und zu sagen: Sie waren der Jugendfreund meines Großvaters, der Bruder und Wohlthäter seiner Gattin – –«

»Um des Heilands willen, nicht diese Erinnerung, mein Sohn!« riefen beide Alte aus einem Munde.«

»Nicht diese Erinnerung!« wiederholte ich.

Doch der feurige Jüngling ließ sich nicht irre machen. »Sie kennen mich,« fuhr er lebhaft fort; »Sie haben meine selige Mutter und mich selbst mit beiden gnadenreichen Sacramenten in den Bund der Christenheit eingeführt; Ihnen zu Ehren trage ich den Namen Renatus. Ich bin unter Ihren Augen aufgewachsen; Sie haben meine Zeugnisse geprüft, meinen Wandel beobachtet. Sie wissen, in welchem Sinne ich seit Jahresfrist meinem Großvater ein Gehülfe gewesen bin, Gottes Wort von der Kanzel verkündet, die Pflichten christlicher Seelsorge in der Gemeinde, geübt habe. Achten Sie mich fähig und würdig, an meines Großvaters Statt, unter Ihnen, neben Ihnen das Amt an diesem hehren Gotteshause dauernd zu verwalten? mich an Ihrem Beispiele weiter zu bilden und mit meinen Gaben vor Gott wie Menschen zu bestehen? Wenn Sie aber dieser Aufgabe mich fähig und würdig achten, wollen Sie dieses Anerkenntniß laut werden lassen, daß ich mein inneres wie mein äußeres Lebensloos auf Ihr Zeugniß zu gründen im Stande sei?«

 

Fortsetzung im dritten Bande.

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