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Hellstädt und andere Erzählungen

Louise von François: Hellstädt und andere Erzählungen - Kapitel 28
Quellenangabe
authorLouise von François
titleHellstädt und andere Erzählungen
publisherVerlag von Otto Janke
year1874
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20171120
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Fünfzehntes Capitel.

So wären wir, die wir im Geleite zweier dienstsuchenden Heldinnen ausgezogen sind, mit einer Doppelhochzeit am Schlusse unserer Maienfahrt angelangt. Ein Schluß, der Wahrheit und der Natur entsprechend, wie wir hoffen und der poetischen Gerechtigkeit nicht minder. Jeder empfing ungefähr was er bedurfte, und wo das ein Dämpfer war, die Zuchtruthe, wenn auch vergoldet, wie sich gebührt.

An dem Tage, an welchem unser zweites Paar heil und froh seinen bescheidenen Heerd gegründet hatte, wurde die Gräfin Schnakenburg, von ihrer Hochzeitsreise heimgekehrt, den königlichen Majestäten vorgestellt und allseitig der natürliche Anstand bewundert, mit welchem sie das Unnatürliche, – nicht blos die lange Schleppe, – zu tragen wußte. Wohl hatte man ihren dunklen Ausschlupf aufgespürt, aber man vergaß ihn, weil sie ihn selbst vergessen zu haben schien und durch keinen Rückblick, keinen Rückfall daran erinnerte, daß sie zu ihrer gesellschaftlichen Höhe, sei es als heimlich empfundenes Correctiv, sei es durch ein Launenspiel erhoben war.

»Die Tochter setzt das Geschäft des Vaters fort, nur den Artikel hat sie gewechselt; er hütete ein Thor, sie hütet einen Thoren,« mit diesem Calembourg aus hohem Munde trug man sich in der Residenz, bis der Name des schnakischen Grafen Titeln und Würden des Grafen Schnakenburg gebührendlich zu weichen begann.

In dieser allseitigen Entwicklung finden wir nur Eine, unsere alte gütige m'amie, die seit jener ahnungsvollen Maiennacht nimmer wieder zu frischem Leben zu erblühen vermochte Die incorrecte Welt, welche ihr leidiger Naturfehler heraufbeschworen hatte, siechte dahin und sie ihr nach. »Ich schicke Dir einen Engel, mein Scipio,« hauchte sie mit brechendem Auge ihrem fassungslosen Liebling zu.

Ihr letztes Wort, und ihre letzte – Lüge! Denn der Engel ist ferngeblieben, so vertrauungsvoll unser Freund sich seines Erscheinens getröstet hat und so inniglich er sich seit diesem herbsten Verluste nach einem anderen kindlichen Herzen sehnt; nicht etwa, wie Spötter beargwöhnen mögen, um pädagogische Scenen auszuführen, nein, nein, aus tiefstem Vatergrunde sehnt. Er schaut in jedes Kinderauge, er streichelt jede Kinderhand, seine Taschen sind mit Zuckerbrod für seine Lieblinge angefüllt. »Gutmann, der Kinderfreund« heißt heute der schnakische Graf in Stadt und Land.

Jahre waren vergangen, als an einem Sommernachmittage das unerlebte Schauspiel eines vierspännigen Reisewagens nicht blos die Jugend unseres Heimathstädtchens in Aufregung versetzte. Der Wagen hielt vor dem Thore, das einst Vater Finnuh bewacht hatte, die Reisenden stiegen aus, um in die nahe Friedhofspforte einzutreten. Sie weilten ein Vaterunserlang vor dem Marmordenkmal, das über den Hügeln Reginalds und Christinens von Uh jüngst errichtet worden war, vor einem ähnlichen, das einen vornehmen Gönnernamen trug, dann schritten sie langsam zurück; die Dame in ihrer völligen Schöne einem goldenen Juniustage zu vergleichen, von keinem Mangel oder Makel sichtbarlich bedrückt; an ihrem Arme ein kleiner ergrauter Herr in schlichtem Reisekleide, ohne den wallenden Lockenscheitel seines Einst.

Der begleitende Diener beschied den Wagen zur Weiterfahrt nach dem entgegengesetzten Thor. Das Paar bog zu Fuße in die Vorstadtsstraße ein; die Dame erst nach kurzem, sichtbarlichem Kampfe. Widerstand ihr, wie es fast schien, das Zusammentreffen mit der hochfeurigen Frau, die mit untergestemmten Armen und langen kräftigen Schlagworten das Fuhrwerk musterte? Gab sie einer heimlichen Lockung nach? Wir wissen nur: sie ging. Stumm, als eine Fremde, sonder Gruß noch Gegengruß schritt sie durch die Gassen und noch ruhte ihr Blick gedankenvoll auf einem ragenden weißen Giebel, als der ihres Begleiters durch ein frohlebendiges Bild gefesselt ward.

Da liegt ein Häuschen, bis unter das Storchnest auf dem Dachfirst von einem fruchtreichen Birnenbaum überkleidet; die Thür einer Werkstatt ist nach der Straße geöffnet, ein heiteres Abendgold breitet sich über die Scene. Vor der Thür sitzt, die Krücke neben sich ein Wesen, in welchem wir das Lahmeichen wieder erkennen, wenngleich seine Backen sich gefüllt haben und es unter hellem Lachen ein ungeschicktes Dirnchen die ersten Nadeln regieren lehrt. Ihr gegen über aber auf der anderen Seite steht eine behäbige junge Frau, die eine Wiege mit Firniß überstreicht und das darin untergebrachte Wickelkind von Zeit zu Zeit mit dem Fuße zur Ruhe schaukelt; ein Paar pausbäckige Buben spielen in der Werkstatt mit selbst geschaffenem Zeug. Die Schaar hantierender Gehülfen bekundet einen reichlichen Verkehr; der Raum bis tief in den Hof zurück, ist gefüllt mit einfachem, wie kunstvollem Geräth; im Hintergrunde steht ein Sarg; und um dieses Abbild eines Menschenlebens vom Eingang zum Ausgang voll zu machen, sehen wir in der Mitte den Meister, einen kräftigen Mann, wie er sich in emsiger Freudigkeit auf die Schnitzbank niederbeugt.

Zu diesem Manne fliegt, kaum daß er ihn wahrgenommen hat, Scipio von Schnakenburg mit dem auflodernden Feuer seiner vergangenen Zeit heran, umhalst ihn, drückt seine Hände, nennt ihn seinen Retter, seinen Freund. Gräfin Regina steht ihm gegenüber unter der Thür. Sie erbleicht, sie schlägt die Augen nieder, – er nicht; sie findet kein einziges armes Wort; mit heiterer Ruhe erwidert er Gruß um Gruß. Die Kinder drängen sich in rasch erspürter Kameradschaft um den kleinen Herrn. Er herzt sie, leert seine Taschen für sie, tanzt einen Ringelrund, jubelt wett mit ihnen, selber ein Kind. »Eins, zwei, drei, vier, wie die Orgelpfeifen!«

»Zwillinge wohl gar!« ruft er, nachdem er Athem geschöpft hat. »Und ich – keines!« setzt er nach einer wehmüthigen Pause hinzu, indem er des Mannes beide Hände ergreift. »Geben Sie mir eines, mein Meister, einen Knaben, den ältesten, oder diesen da, gleichviel; aber einen, einen, Freund. Ich will ihn erziehen und hegen, er soll meinen Namen tragen, soll mein Sohn und Erbe sein.«

»Vater!« rief die Frau in Seelenangst, indem sie sich bückte und eines nach dem anderen die Kleinen an sich heran zog, wie eine Henne, die ihre Brut unter ihre Flügel sammelt.

Der Vater lächelte ihr beruhigend zu, erhob sie vom Boden und dankte, ihre Hand in der seinen, mit bescheidener Würde.

»Man soll eines Kindes Wiege nicht verrücken,« sagte er. »Die Natur möchte sich rächen. Gott segne Ihr warmes Herz, Herr Graf. Aber lassen Sie diese Kleinen gedeihen, wo ihre Eltern gediehen sind, bis sie selbst die Bahn zu ihrem Glück erkannt haben.«

So schieden sie. Gotthold Fromm hielt sein weinendes Weib lange und fest an seine Brust gedrückt, während Graf und Gräfin Schnakenburg schweigend dem Vehikel nachgingen, das sie dieser Friedensscene rasch entführen sollte.

*

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