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Hellstädt und andere Erzählungen

Louise von François: Hellstädt und andere Erzählungen - Kapitel 25
Quellenangabe
authorLouise von François
titleHellstädt und andere Erzählungen
publisherVerlag von Otto Janke
year1874
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20171120
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Zwölftes Capitel.

Der junge Meister befand sich nach etlichen Wochen in noch trostloserer Verfassung als an dem Tage, da eine liebende Seele ihr Schicksal an das seine band. Ja, ohne die Treue, welche sein Dasein leiblich und geistig fristete, wäre ein Tagedieb seines Standes längst schon den unwiderstehlichen Abhang von Noth zur Schuld hinabgerollt.

Zwar konnte es nicht fehlen, daß die Zeugenschaft solcher Treue, solchen Fleißes, solcher stetigen Geduld eine beschämende Wirkung übte. Scham zeugt Reue, Reue Muth. Auch der Sohn des frommen Schulmeisters, des Weisen seines Daheim, fühlte einen Stachel, um sich aufzuraffen. Aber wohin, wozu? Seiner Schönen Ekel vor Handarbeit, der einzigen ihm vertrauten, hatte ihn angesteckt; wie die Liebe die Hof fahrt, so hatte die Hoffahrt selber die physischen Sinne geätzt. Der Griff der groben Instrumente, der Mißklang von Hobel und Säge erregten ihm eine Gänsehaut; beim bloßen Gedanken an Leim und Firniß wurde ihm übel; sah er sich aber gar in Hemdsärmeln und Schurzfell wie einst, da breitete sich ein schwarzer Flor über seine Augen und er stürmte hinaus in die glänzenden Straßen, sich von dem unheimlichen Spuk zu befreien.

In dieser Stimmung saß er eines Tages, seine alten Zeichenhefte durchblätternd und das Lob überlesend, das seiner geschickten Hand von klein auf zu Theil geworden war. Wie regelrecht Risse und Entwürfe, wie bildsauber Linien und Schnörkel! Vor seinem Ohre klang der Beifall wieder auf, den die leichte Behandlung des Stoffes ihm bei seinen ornamentalen Arbeiten eingetragen hatte. Als Künstler! war er in der Werkstatt von seinem Grafen gepriesen worden, und die Künstler, mit welchen derselbe vertraulich wie mit seines Gleichen verkehrte, hatte er Aristokraten des Geistes genannt. »Künstler werden!« schoß es Gotthold Fromm durch den Kopf. War nicht von mehr als Einem zu lesen, der sich erst spät vom Handwerk zu Kunst- und Herrenleben aufgeschwungen hatte? Vom Koch zum Musiker, vom Schmied zum Maler, ja vom Hirten sogar, dem doch die einfachste mechanische Uebung gebrach. Sollte er, der in der wesentlichsten Vorarbeit bereits seine Fertigkeit bewährt hatte, sollte er nicht zum Bildhauer berufen, auf halbem Weg dem Kunst- und Herrenleben nahe gekommen sein?

Eine Freudengluth auf der Stirn, sprang er auf, kleidete sich mit der gewohnt gewordenen Sorgfalt und eilte, Reitgerte und Augenglas vergessend, seine Hefte unter dem Arm, nach der Wohnung eines namhaften Kunstlehrers der Akademie, dessen Beifall er eines Tages an der Schnakenburg über das zierliche Getäfel just des verhängnißvollen Brautgemachs geerntet hatte.

Der arme Handwerksmeister! Mit einer Siegermiene war er ausgezogen und kehrte heim wie ein todtgeschossener Mann! Der Professor glich einem jener tapferen Aerzte, die mit dem Messer nicht schonend zu zaudern pflegen. »Sie sind ein geschickter Arbeiter, nicht ein Künstler, werden es nimmermehr werden,« hatte er nach einem Einblick in die Hefte unumwunden gesagt und als der gedemüthigte Strebling auf jene Vorgänger hingewiesen, in welchen der höhere Beruf sich auch erst durch Zufall in vorgerückten, Jahren ausgesprochen habe, ihm erwidert: » Die hatten den Beruf und wußten es nicht; Sie glauben ihn zu haben und haben ihn nicht. Diese Hefte brauchten nicht so säuberlich geschniegelt zu sein, Sudelblätter könnten es sein und doch die Schöpferkraft des Genius verrathen. Jener Schmied schmierte mit Kohle an eine Wand; aber Bilder, das heißt Wesen. Ihre Linien und Rosetten, Ihre Striche und Schnörkel deuten in keiner Ewigkeit auf einen Entwurf. Nach Jahre langer Qual werden Sie es besten Falls zur Nachahmung bringen und selber in dieser nur ein Stümper und Hungerleider bleiben. Arbeiten Sie statt als Handwerker in der Kunst als Künstler im Handwerk und Sie werden mit sich und Andere mit Ihnen zufrieden sein.«

Das war allerdings ein niederschlagender Entscheid, doch aber kein zerschmetternder. Nur ein wuchernder Schößling ward abgeschnitten, nicht ein Lebenstrieb; ein Weg blos versperrt; mancher andere zum Ziel des Herrenthums mochte aufgefunden werden.

An einem der folgenden Morgen schlenderte er neben der Schwester, die sich in ihrem Magazin Arbeit geholt hatte. Die Wachtparade zog auf; für unsere Kleinstädterin ein unerlebtes Schauspiel und ein lautbewundertes. Gotthold hatte ihm oft auf seinen Lungergängen gleichgültig beigewohnt, wie er es denn auch in früherer Zeit wie ein Glück betrachtet hatte, als einziger Sohn einer Wittwe von der Berufung zum Heldendienst befreit worden zu sein. Heute durchzuckte ihn der Anblick wie ein Blitz der Offenbarung. Die rauschende Musik, die im Sonnenschein funkelnden Waffen und Uniformen, die stattlich straffen Gestalten und gleichmäßigen Bewegungen, der Zug der Ehrerbietung von unten nach oben, der Selbstschätzung von oben nach unten fortlaufend wie der elektrische Funken an einem isolirten Draht – hier, wenn irgendwo, war Herrenleben, Herrenleben für Jeden bereit. Er ließ die Schwester den Heimweg allein zurücklegen und weilte in wirbelnden Gedanken bis die Scene ihren Abschluß erreicht hatte. Schon sah er sich im Geiste mit Schärpe und Epauletten und die, welche ihn verschmäht hatte, an seiner Seite erhoben in eine Region, welcher der Zutritt selber zum Königsthrone nicht verschlossen war.

Die Truppen zogen ab mit klingendem Spiel, die Herren Generäle zerstreuten sich. Gotthold's Augen folgten einem nach dem anderen mit zagendem Verlangen; der stolze Schritt und Blick, der kurze Gegengruß, das knappe Wort an die Begegner schreckten ihn ab. Endlich ein Letzter, auch bebändert und besternt, aber in dunklerem Zeug, eine Brille vor den Augen, mit lässigeren Bewegungen und zugänglicheren Mienen, obgleich er Namen und Titel trug so hochklingend wie die der anderen auch.

Gotthold erinnerte sich, ihn unter einer großen Gast-Versammlung auf der Schnakenburg bemerkt und gehört zu haben, daß er dem Ingenieurcorps angehöre, einer Waffengattung, welche zu dem bürgerlichen Gewerbe ja die Brücke bilden sollte. Das war sein Fall, das war sein Mann. Er faßte sich ein Herz, folgte dem bebrillten Helden in angemessener Entfernung und trat, nachdem er das Augenglas eingesteckt, auch die Reitgerte unter dem Rock verborgen hatte – die Sporen ließen sich leider nicht beseitigen, – auf der Rampe seines Hauses mit der Bitte um gütigen Rath an ihn heran.

Der junge Meister, wir wissen es schon, war angenehm anzusehen, stattlich gewachsen und gut gekleidet, was ja in allen Ständen aber in keinem mehr als dem plötzlich erkohrenen zur Empfehlung dient; dem autoritätgewohnten Kriegsmanne gegenüber wich das äffische Anhängsel jenem bescheidenen Anstande, den ein würdiges Vaterhaus ihm eingeprägt hatte: so wurde er denn von dem humanen Herrn nach seinem Privatzimmer eingeladen, auf einen Sitzplatz genöthigt und freundlich angehört. Er wünschte auf Avantage, das heißt mit der Aussicht auf die Epauletten, einzutreten, wie es ja jedem Bürger unseres Staates ohne Standesunterschied gestattet ist.

»Wie alt sind Sie, Herr?« unterbrach ihn der General.

»Vierundzwanzig Jahr, Excellenz.«

»Und bereits Meister, demnach tüchtig in Ihrem Gewerbe und wohlversorgt durch dasselbe?«

Diese Fragen durften bejaht, die nachfolgenden, ob er Vermögen besitze und ein Gymnasium besucht habe, mußten verneint werden.

»Was in aller Welt,« so rief darauf die Excellenz, »was in aller Welt kann einen vernünftigen Menschen bewegen, in Zeiten ungestörten Friedens eine gesicherte bürgerliche Stellung gegen einen Schüleranfang zu vertauschen, gegen Jahre harten Dienstzwangs und als nächstes Ziel, im Mannesalter, ein glänzendes Elend, das nur in der ersten Jugend leichten Muthes ertragen wird, das bis zum ergrauenden Haar den natürlichsten und Ihrem Stande gemäßesten Anspruch auf einen eignen Heerd, ja das unbedingte Wahlrecht einer Lebensgenossin von Ihnen ausschließt?«

»Ersparen Sie sich eine Erklärung, die Ihnen vielleicht peinlich werden dürfte, junger Mann,« fuhr die Excellenz, einer gesammelten Erwiderung zuvorkommend, fort mit einer lebhaften Breite, die ein Lieblingsthema bekundete. »Ich habe derlei verlockende Aufwallungen zum Oefteren in Schrift und Wort zu bekämpfen gesucht. Ihr Ursprung liegt in einem richtigen, aber mißverstandenen Prinzip. Keine Stellung im Staatsleben, die höchste selbstredend ausgenommen, soll zu hoch sein, daß der Geringste sie nicht erstreben dürfe. Ich unterschreibe das; das heißt insofern als, wohlgemerkt, Mittel und Fähigkeiten für dieselbe vorhanden sind. Die Berufsstände sollen sich mischen, müssen es. Zugegeben, das erst recht. Stände entarten gleich Geschlechtern und Racen, wenn nicht von Zeit zu Zeit ein frisches Blut in ihre Adern strömt. Der Jäger muß im Verlauf Weber werden und vice versa; das heißt angewendet auf unseren Fall; das System der von Vater auf Sohn vererbten Epauletten muß zum Heil der Gesammtheit wie des Einzelnen, sich ausleben; das im Scherz genannte ›Janitscharenthum‹ unserer Armee muß in bürgerliche Berufsarten und in bürgerliches Behagen eine Ableitung finden. Als Beweis, daß diese meine Ansicht mir nicht blos eine Doctrin, sondern feste Ueberzeugung ist, sei Ihnen gesagt, Herr Fromm, daß zwei meiner Söhne als Handwerkslehrlinge die hiesige Gewerbschule besuchen und daß ich meinem Schöpfer danken will, wenn sie es dereinst wie Sie zu einem Meisterstück und tüchtigen Anfang gebracht haben werden. Ganz in meinem Sinn hat ein Mann vom heroischsten Namensklang in unserer Armee eine Stiftung für junge Edelleute, die sich dem Handwerk widmen, gegründet.

»Der Punkt dahingegen, über welchen ich mit unseren liberalen Theoretikern durchaus nicht übereinstimme, ist die Quelle des ergänzenden Zuflusses für den Officierberuf. Ich sage: weder aus dem Stande der Unterofficiere, noch aus dem der seinem Range entsprechenden, besitzlosen bürgerlichen Klassen soll und darf sich der Ersatz vollziehen. Das erstere hieße ein neues, nur roheres Janitscharenthum vorbereiten und das zweite indirect das nämliche; insofern mit der Mittellosigkeit die Unfreiheit der Bildung. – Ausnahmen des Genius gelten für jede Regel, – von einer Kaste auf die andere gepfropft und eine Berufsart als Nothwendigkeit vererbt werden würde.

»Nein, aus den Schichten des wohlhäbigen Mittelstandes, der bis dahin das Hauptcontingent unserer Landwehrofficiere gebildet hat, möge sich in Zukunft auch das des stehenden Heeres in seinen Führern zusammensetzen, und er wird es, sobald eines Tages ein großer Krieg, – ich sehe ihn kommen, wenn auch nicht unter dem gegenwärtigen Regiment, – die Jugend unseres Volks, sei es im Stachel der Noth, sei es im Rausche des Siegs unter die Fahnen treiben wird. Der militairische Vorrang muß daher als Lockung geschützt werden und die der Verweichlichung des bürgerlichen Wohllebens entgegenarbeitende Disciplin wird im wahrhaftesten Sinne der Segen sein, der aus dieser Quelle strömt.

»Um aber auf Aspiranten in Ihrer Lage, junger Freund, zurückzukommen, das heißt solche, die ohne Zuschuß, bei kargem Lohn eine geschraubte Stellung zu behaupten haben, was hülfe Ihnen, beispielshalber, das Zutrittsrecht zur höchsten und allerhöchsten Gesellschaft, wenn Sie die Lackstiefeln und Glacéhandschuh, buchstäblich, lieber Herr, nicht blos figürlich, – wenn sie also die Ausstaffirung nicht erübrigen können, ohne welche sie in diesen Kreisen eine lächerliche Rolle spielen? Es geht nicht, sage ich Ihnen, oder es geht schief.

»Kehren Sie daher in Ihre Werkstatt zurück, Meister Fromm; gegen rohe Elemente haben Sie sich in der Kaserne zu wahren so gut wie dort, so gut wie in jedem Verband. Diese Elemente zu heben, Sitte und Ton seiner Lebensgenossen zu verfeinern, das ist die rechte Weise, die Stände zu amalgamiren, die niedrigsten dem höchsten gradatim zu einen. Alles andere wird jemehr und mehr Vorurtheil. Wenn Sie dereinst vom besitzlosen Handwerker zum besitzenden Großbürger gestiegen sind, dann lassen Sie Ihre Söhne, sollten sie danach Verlangen tragen, die Epauletten in's Augen fassen. Hat dieser mein ehrlicher Rath Sie aber nicht überzeugt, nun meinethalben, so setzen Sie sich auf die Schulbank, bärtiger Herr, und wenn Sie Ihren Cicero absolvirt haben, dann in Jahren, melden Sie sich wieder bei mir oder meinem Nachfolger im Amt und Meister Fromm soll zu einem Portépée im Ingenieurcorps empfohlen werden.«

Eine lange, aber gewiß eine vernünftige Rede, die der liberalen Excellenz vom Geniefach! Ebenso vernünftig als die barsche Abfertigung des Kunstprofessors und der armen Arbeiterin beharrlich fleißiges Vorbild. Wann aber hätte das laue Tropfbad der Vernunft einen Fieberhitzigen curirt? Eine Douche, einen Eisklumpen auf Kopf und Herz und es wird sich erweisen, ob er genesen, oder zu Grunde gehen soll.

So von allen Seiten von seinem Zielpunkte auf den Ausgangspunkt zurückgedrängt, der Kräfte für den ersteren baar und die für den letzteren gelähmt, verwirrte sich der Unglückliche in ein wüstes Treiben, über das wir schonend einen Schleier breiten wollen, weil wir einen Schutzengel an seiner Seite sehen, dessen Thränen uns rühren.

Die arme Marie mußte Tag und Nacht die Hände regen, um ganz allein die Tagesbedürfnisse für sich und ihn zu bestreiten. Im Umsehen hatte sich ihre kleine Sparbüchse in eitlen Deckungen erschöpft. Darlehn nannte er sie und forderte sie nicht ohne Erröthen. Wohin stürzte er aber, in der Leidenschaft, dieses sich täglich wiederholende letzte Darlehn von sich abzuwälzen? Zum Erwerb an der Hobelbank etwa? In den Schmachtwinkel am Seeufer wie in der ersten tollen Zeit? Ach nein, kein thätiger, kein auch nur leidender Widerstand! War er mit einem redlichen Vorsatz aus den Augen des braven Mädchens gegangen, so that er kaum hundert Schritte und ein Höllennetz hatte ihn eingefangen, und er saß in Kneipen und Höhlen und kehrte heim, immer leerer die Hand, immer schwerer das Herz, wüster der Kopf, bleich wie ein Gespenst.

Die Krisis konnte nicht zögern. Noch war er ja kein Herr mit nachhaltigem Kredit. »Haft Du Geld, Marie?« schrie der Verzweifelnde, indem er bei grauendem Morgen, gesträubten Haares und stieren Auges die Thür ihres Kämmerchens aufriß. Der letzte Thaler, Uhr und Ring, selber das neue Herrenkleid waren verspielt; Schuldklagen drängten sich; ein Haftbefehl drohte.

Marie blickte wie vernichtet. Der liebste Mensch, ihres Wohlthäters Sohn, auf dem Wege zum Thurm und in ihrer Hand nur noch wenige Groschen für das tägliche Brod! Sie zog das Andenken der guten Dame aus dem Kasten; eine Thräne fiel darauf nieder. Aber – was nützte diese Kleinigkeit; weit, weit mehr, Hunderte mußten es sein. Sie legte Uhr und Kettchen wieder bei Seite und saß eine lange Stille unbeweglich mit gefaltenen Händen.

Endlich sprang sie auf, ergriff seine Hand, lächelte, – die ächte, rechte Goldmarie! – und rief: »Ich hab's, ich hab's! Sei getrost, mein Gotthold, ich schaff's! Nein, nein, blicke nicht so scheu, Lieber; nicht auf dem Schlosse, daheim, daheim! Heute noch reise ich. Geh, Bruder, verpfände die Uhr; in zwei, drei Tagen löse ich sie ein. Nur zu einem Zehrpfennig auf die Reise. Ich hab's ja, Gotthold! Was soll mir das Haus? Haben's meine Eltern erworben, daß ich's in Ehren halten müßte? Was frag ich nach der alten, geizigen Muhme, durch die es auf uns kam, und die sich bei Lebzeiten nicht so viel um mich gekümmert hat? Hab' ich Erben, denen ich's nach Recht und Pflicht erhalten müßte? Keinen Menschen außer Dich, Bruder, keinen Menschen auf der Welt. Ich verkauf's. – Nein, nein! Sei doch ruhig, Gotthold, ich verkauf' es nicht. Die Dorothee giebt mir Geld gegen Pfand. Sie hat immer baar, und mir hilft sie gern. Sie weiß auch Bescheid, wie man's macht. – Du schämst Dich, Gotthold? Pfui, schäme Dich dieser Scham! Habe ich mich der Gutthat geschämt, die mich zu Deiner Schwester machte? Damals nahm ich mit Freuden, heute geb' ich mit Freuden. Und was geb' ich denn, Lieber? Ich leihe Dir ja nur; bei Heller und Pfennig zahlst Du's mir zurück. Ich brauch's ja nicht zur Zeit; ich verdiene ja was ich brauche. – Warum weinst Du denn, Gotthold? Weil ich arbeiten muß? Als wenn ich nicht arbeiten müßte und wär' ich ein Millionair! – Wenn ich nicht mehr arbeiten kann, meinst Du? – Wahrhaftig, Du steckst mich an, nun flenne ich mit! – wenn ich alt und krank werden sollte? Ei, lache doch, Gotthold, sieh mich doch an, Gotthold! Ich bin ja gesund wie ein Fisch und noch lange, lange nicht alt. Und wenn ich krank würde, Gotthold, habe ich denn nicht einen Bruder? Wird er nicht arbeiten, für mich mit, wenn ich's einmal nicht vermag? Er kann ja arbeiten, sobald er will. Und er wird wieder wollen, er wird; und von ihm nehme ich alles mit Freuden, alles ohne Scham.«

Mit diesem Troste zog das gute Kind gen daheim. Wie viel froheren Herzens würde es gezogen sein, wenn er mitgezogen wäre auf Nimmerwiederkehr. Aber so stark war er nicht. Sie mußte zurückkommen zu ihm in die Unglücksstadt. Erst gegen Ende des Monats waren die Wechsel fällig, drohte der Thurm und in drei Tagen, am Johannisabend, dachte sie mit voller Tasche wieder bei ihm zu sein.

Ja, für den rechten Weg war er zu schwach; aber er fühlte sich zerknirscht, den Herzensgrund aufgewühlt. Er wollte wieder arbeiten wie zuvor; alles einbringen, alles ersetzen und so ging er, als er die Schwester an den Bahnhof begleitet hatte, nicht heimwärts zurück, sondern schlug die Richtung des Meisterhauses ein, um in dessen Werkstatt Beschäftigung zu suchen. Er hatte sein Ziel halbwegs erreicht, als er auf einen Trupp alter Kameraden stieß, die mit ihrem Arbeitszeug nach der Schnakenburg gingen, um das Johannisfest vorzurichten. Großartiger und herrschaftlicher denn jemals sollte es heuer gefeiert werden. So viel Buden und Lauben, Tanz- und Spielplätze waren noch kein Jahr aufzuschlagen gewesen. Illumination und Feuerwerk standen bevor. Eine Heimlichkeit steckte noch dahinter; von einer Verlobung munkelte man. Ein fremdes Fräulein, arm wie eine Kirchenmaus und nicht viel mehr als eine Kammerjungfer, habe es dem Grafen angethan; schnakischer sei der schnakische Graf noch zu keiner Zeit umgesprungen.

Narrenwind! Dahin wie Rauch blies er die braven Gedanken; schnürender denn je ward das arme Hirn in das Netz der stolzen Sirene verstrickt! Also doch die Verlobung, an die er bis heute nicht hatte glauben wollen, an die er heute noch nicht zu glauben vermochte. Seine eine, einzige Schöne hingegeben einem Anderen für ewig! Und wäre es Herz um Herz, – so viel wahre Liebe war dem armen Liebebethörten geblieben, – wäre es Herz um Herz, – aber – – Er stockte vor dem aufschießenden Märchenbild; purpurroth und jählings leichenweiß kehrte er den Kameraden den Rücken und stürmte voran. Wohin?

»Wohin, ach wohin?« fragte händeringend die gute Marie, als sie in Begleitung ihrer Freundin Dorothee am Johannisnachmittag vor dem Vorstadtshause hielt und die Kunde vernahm, daß ihr Bruder seitdem er jenen Morgen mit ihr nach dem Bahnhofe gegangen war, keinen Fuß über seine Schwelle zurückgesetzt habe. »Wohin, ach wohin?«

Die Eheliebste des glücklichen Parisers hatte den Rest ihrer Flitterwochen dran gegeben, um dem Sohne ihres seligen Brodherrn in seinen Leibes- und Geistesnöthen persönlich beizuspringen, da die Behandlungsweise ihrer Goldtochter sie mit den stärksten Zweifeln erfüllte. »Denn,« so hatte sie noch vor einer Viertelstunde bei der Einfahrt in die Residenz demonstrirt, »denn wenn einer die Maulsperre hat, da hilft kein Syrup und kein Streichelfinger; nur ein resoluter Faustschlag, Backpfeife ohne Blume zu reden, bringt's wieder in's richtige Schick!«

Kein Zweifel nun, daß es der Kernfrau Dorothee zu solch einem Meisterschlage in allen Fingerspitzen zuckte. Da sie aber nicht nur Hand und Herz, sondern auch den Kopf auf dem rechten Flecke trug, so ermaß sie den Abstand einer alten Kindsmagd zu weit, und den Arm einer guten Freundin zu kurz für eine wirksame Procedur. »Die den Gaffer verrückt hat, die kann ihn auch wieder in's Gelenke rücken. Die allein, und die soll's!« rief sie entschlossen. »Fort, zu dem Narrenfeste!«

Und der Wagen schlug den Weg nach der Schnakenburg ein.

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