Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Louise von François >

Hellstädt und andere Erzählungen

Louise von François: Hellstädt und andere Erzählungen - Kapitel 24
Quellenangabe
authorLouise von François
titleHellstädt und andere Erzählungen
publisherVerlag von Otto Janke
year1874
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20171120
Schließen

Navigation:

Elftes Capitel.

Da das Doppelheldenthum unserer Erzählung unbequeme Rückschritte nicht vermeiden läßt, kehren wir nunmehr zu jenem ersten Welterfolge des Fräulein von Uh zurück und zeigen, wie sie am darauffolgenden Morgen im gräflichen Familiensalon sitzt, die französische Grammatik vor sich aufgeschlagen, deren Studium sie sich seit ihrem Noviziat mit der ihr eignen Zähigkeit hingegeben hat.

Der seligen Generalin war es vor Jahren ein Zeitvertreib gewesen, ihren kleinen Schützling dem Laute nach mit einer Sprache vertraut zu machen, die sie selbst an die verfehlten Auspicien ihrer Jugend erinnerte und zugleich gegen die plebejische Umgebung ihres Alters isolirte; und da uns ein Anmuthendes nicht gar leicht verschwindet, wurden Reginens Ohr und Zunge für den Ausdruck der Alltagsvorkommnisse bald wieder geläufig. Ein mühseliges Ding war es dahingegen, »Auge und Hand mit jenen frühgeübten sprachlichen Organen in Uebereinstimmung zu bringen« – wie Graf Scipio Lesen- und Schreibenlernen bezeichnete – und hatte er täglich Gelegenheit, an den Fortschritten seiner Schülerin das, was Wollen heißt zu bewundern.

Auch ihren bon sens konnte er nur preisen, als sie die gleichzeitige Uebung der englischen Sprache mit Bescheidenheit ablehnte, wenngleich er durch diese Weigerung der Gelegenheit verlustig ging, sich im schweren, überseeischen Habitus darzustellen und sich zunächst auf die zierliche Manier eines Abbé des cidevant beschränken mußte. Unterricht ohne Anschauung sterilisirt: Versinnlichung nach der einen, Durchgeistigung nach der anderen Seite: dieser Methode getreu bildete unser Freund Andere sowohl als sich selbst.

Wenn die gewissenhafte Schülerin heute nun gegen ihre Gewohnheit zerstreut über ihrem selbst auferlegten Pensum erscheint, so möge ihr diese Befangenheit nicht allzu übel ausgelegt werden. Selten gewiß hat ein Erzähler eine schöne Frau weniger schönheitseitel zu schildern gehabt; aber wo wäre die schöne Frau, welche nicht in irgend einer Weise die Schönheit als Staffel zum Glück erkannt und gewürdigt hätte? Und eine Streberin obendrein, die sich zum ersten Male in competentem Kreise der Wirkung ihrer Persönlichkeit bewußt geworden ist? Sie hatte gestern gleichgültig drein geschaut und die Entzückung des Jugendfreundes zu ihren Füßen nicht bemerkt; denn so oft sie ihren Blicken ein Umherschweifen gestattete, richteten sich dieselben weder nach den gemischten unteren Regionen, noch nach den bescheidenen oberen, sondern weilten in der sicheren Breite des eignen Rangs, welcher das fürstliche Centrum umkreiste. Hier mußte sie anerkannt werden, wenn sie sich behaupten wollte; hier war sie anerkannt worden und jetzt grübelte sie auf Kosten des Vokabulariums, welche nächste Sprosse auf ihrer Leiter zu erklimmen sei.

In diesem Sinnen unterbrach sie der alte Mattner, der in sichtbarer Verwirrung den Herrn Lieutenant von Nomennescio bei ihr ankündigte.

»Wird der Frau Chanoinesse gemeldet,« lautete der Bescheid. – Der Diener entfernte sich. Nach wenigen Minuten jedoch öffnete sich die Thür von Neuem und die Dame des Hauses erschien so gebückt, daß ihr Begleiter, in Phantasieuniform, sich schier mit ihrer schlanken Höhe zu messen vermochte. Der Mentor als Lieutenant!

M'amie murmelte eine unverständliche Vorstellung und zog sich nach einer gleicherweise unverständlichen Entschuldigung zurück, während ihre zum ersten Male repräsentirende Stellvertreterin, Hohn wie Widerwillen niederschluckend, den Gast mit einer stummen Handbewegung auf einen Platz nöthigte, in geziemender Entfernung von sich selbst.

Der Pseudoheld führte sich ein mit den steif nachlässigen Manieren und näselnden Abbreviaturen, die jener Zeit »Gardeton« genannt worden sind und vielleicht noch so genannt werden mögen. Er rühmte sich des »Vorzugs« seiner gestrigen Logen-Nachbarschaft mit der Dame; der Eindruck von Schaustellern und Zuschauern wurde als »charme, bijou, deliciös, detestabel« und wie die Gemeinplätze des Jargon weiterhin lauteten, in Betracht gezogen; Anklänge des Sport fehlten nicht, es folgten Einladungen zu einer fête champêtre, zu einer costümirten Quadrille für Königs Geburtstag im Oktober, welche beide selbstverständlich von der werdenden Dame abgelehnt wurden; die Visite endigte mit einem unzweideutigen Angriff im Lieutenantsstil und einem ebenso unzweideutigen échec; worauf der galante Versucher zum Rückzug blies im doppelten Triumphe seiner Niederlage und der gelungenen Rolle, in welcher er sich, der Naturtreue zu Gefallen, gleichsam selber entwürzt hatte.

Wie winden ein Bändchen füllen müssen und eine geschmackvolle Leserin schwerlich anmuthend unterhalten, wollten wir unserem Impressario Scene für Scene in seiner Bildnerrolle folgen, wenngleich wir mit derselben die Periode der glücklichsten Laune in Graf Scipios glücklich gelauntem Leben zu registriren haben würden. Ja, uns fehlt der Maßstab für deren mögliche Steigerung, hätte er nicht a priori seinem Amte am Glücksfeste des Johannistages ein Ziel gesetzt, oder hätte er sein darstellendes Genie in voller Freiheit entfalten dürfen.

Aber die eigne unmittelbare Umgangssphäre war mit jener ersten Attrappe wesentlich abgefertigt, da es ja eitle Mühe gewesen sein würde, an Copien zu erproben, was seit Einführung der Debütantin in die Welt an den Originalen auf das Ueberzeugendste bewiesen ward; dahingegen den Vorführungen aus bescheideneren Lebenskreisen, in deren Contact ein Höherer wohl auch gelegentlich seine Gesellschaftskunst zu bewähren hat, Rinchen Finnuhs Antecedentien eine zarte Berücksichtigung auferlegten. Nachdem der gräfliche Mime als Musterreiter, Monsieur Calicot, als Pachter Feldkümmel, als Wallbaron von Abrahams Stamm, in Abwesenheit der Hausgebieter, mit dem Gesellschaftsfräulein in Unterhandlungen getreten war und dessen geschäftliche Um- und Einsicht angestaunt hatte, sehen wir ihn schweren Herzens einen Riegel vor die sich zudrängenden Volksgestalten schieben und bewundern nur noch aus der Ferne den erfinderischen Wechsel bei einem für gewöhnliche Köpfe so beschränkten Repertoire.

Wenn aber der Chronist vor dem Brillantfeuer des Maëstro verstummt, so wird der Freund um so lauter jene zarte, bescheidene Weise zu rühmen haben, welche den Zögling m'amie's in dem unbewußten Lichte seines wahren Genius erblicken ließ. Wie nahe lag die Versuchung, als bildender Meister Preis und Dank zu fordern, und wie selbstverläugnend war die Beflissenheit, das Ueberlei der Bildungskunst an der Urkraft der Natur zu demonstriren! Welches unermüdliche nicht nur schonende Nachhelfen, sondern instructive Vorbauen in allen conventionellen Benennungen, Bräuchen, Moden, Marotten, »riens«, deren Unkenntniß, oder fälschliche Anwendung in der Gesellschaft mehr als Sünde und Schande mit dem Stigma der Lächerlichkeit behaftet! Jede Scene war gleichsam nur das Facit einer heimlichen Lection, die Probe für das stimmende Exempel.

Ja, bis auf die Genüsse der Tafel hinab! O, weiser Menschenkenner! Als ob es nicht wahrlich eine Kunst wäre, über Nacht von Klos und Rüben auf Trüffeln und Austern überzuspringen. Die Handgriffe des Salatmengens, des Zerlegens seltener Früchte würden freilich auch für eine Zofenhand eine Kleinigkeit gewesen sein, und vielleicht war der Eifer etwas übertrieben, der den Mentor stachelte, sich im culinarischen Gebiete als einen größeren Schüler des großen Béchamel zu zeigen. Auch fand die Elevin es weder für ihre gegenwärtige noch eventuell künftige Stellung erforderlich, es dem weißgeschürzten und gemützten gräflichen Lehrherrn vor der Spiritusflamme und selber vor dem Heerdfeuer in Bereitung eines Maccaroni à l'italien, eines steak à l'anglais, eines französischen Soufflé gleich zu thun; aber sie überbot den Lehrherrn im natürlichen Geschmack an dem Feinsten und Pikantesten aller Zonen, was die gräf liche Tafel zu Vorschein brachte. Kein Atom, kein haut goût widerstand ihrem kleinstädtischen Gaumen; sie aß wie ein Vogel, aber sie aß Forellen und Becassinen wie alte Bekannte.

Und so bekundete sie auch einen angeboren edlen Sinn, als sie zur Mitwahl bei der Neueinrichtung einer Reihe von Damenzimmern auf der Burg, – ihr Zweck blieb vor der Hand verhüllt, – berufen ward. Die kindliche Matrone hatte ihre im Uebrigen äußerst schmucklosen Privatgemächer in einen Trödelmarkt kleiner, spielerischer Andenken aus allen Stufenjahren ihres Lebens umgewandelt, und ihr »bedürfnißloser« Pflegesohn das charakterisirende Detail für seine diversen Stimmungsräume aus aller Welt Enden zusammengetragen. Fräulein von Uh dahingegen verschmähte jeden zwecklosen Tändelschmuck, wählte Vasen, Pendülen und gebotene Ornamente nach einer ernsten, fast strengen Form und die Farben so wenig in die Augen springend und monoton,daß bei aller Bewunderung ihrer classischen Harmonie, der gräfliche Decorateur nicht unterlassen konnte, hier und dort eine erheiternde Nüance einzuflechten.

Dem entsprechend aber jegliche Erscheinungsform. Fräulein von Uh hatte die Gabe, nicht die Kunst, sich gut zu kleiden; wenig, aber nur das Treffende zu sagen, ruhig nur das Angemessene zu thun. Alles, was ihrer Individualität sich nicht einte, so nützlich und anmuthend es sich darstellen mochte, wies sie mit Entschiedenheit von sich und gelangte auf diese Weise zu einer vornehmen Abrundung, wie sie in den versatilen Bestrebungen der Gegenwart zu einer Seltenheit geworden ist.

Als der amtliche Perfector mit dem Habitus eines Stallmeisters sie zu einem Cursus der Reitkunst und des Wagenlenkens aufforderte, lehnte sie die Uebungen als für die Bildung einer deutschen Dame zweifelhaft, oder mindestens überflüssig ab. Ein ander Mal, wo der Bildner vor ihr erschien als armer Poet von heute, – das heißt nicht unbehandschuht, in schäbigem Rock und Parapluie, wie er zu Väterzeiten auf der Bühne so reichliche Thränen hervorgelockt hat, – aber doch mit einer Subscriptionsliste und der Bitte um ihre Gönnerschaft vor ihr erschien, da erklärte sie ohne Scheu, für lyrische Productionen keinen Sinn zu haben und verwies den Dichter in kurzen höflichen Worten an den kunstverständigen und einflußreichen Mäcen Grafen Scipio von Schnakenburg.

Wieder ein anderes Mal, als »Lord Chesterfield wider Willen« sich unter der Rubrik eines Meisters vom corps de ballet zum Unterricht in der modernen Tanzkunst bei Fräulein von Uh einführte, erklärte sie, daß sie den Gesellschaftstanz nicht liebe und niemals zu üben gedenke, unterwarf sich jedoch, um dem choreographischen Künstler den Verzicht auf diese Lieblingspartie zu ersparen, einer bildenden Vorschule im alten Stil. M'amie am Flügel leistete das Erdenkliche in obligaten musikalischen Erinnerungen und der behende Balletmeister in Escarpins und Atlasschuhen, den bunten Shawl in der Hand, wurde durch den Anblick der Stellungen, Biegungen, Verneigungen und Verschlingungen, Portebras und Entrechats, Gesten und Mimen seines Spiegelbildes dergestalt hingerissen, daß er die säumigen und in der That incorrecten Nachahmungen seines Vis-à-vis übersah, und den Entschluß faßte, sich ehestens in dieser noch nicht vorgeführten plastischen Fertigkeit einem festlichen Publikum zu produciren.

In ursprünglicher Vollendung dahingegen zeigte sich die Dame auf Probe, während einer Hofpräsentation, die sie angethan mit einer Courrobe m'amie's gegen das Ende ihrer Lehrzeit zu bestehen hatte. Schon beim Eintritt vermochte der dienstthuende Ceremonien meister, Graf von Schnakenburg, seine Bewunderung nicht zurückzuhalten. Der natürliche Anstand, mit welchem sie »das Unnatürliche« – so nannte er die Schleppe, – zu tragen verstand, die Verneigung vor Ihro Majestät, Frau m'amie, der frontale Rückschritt ohne Fehltritt gemahnten ihn an die Marquisen des großen französischen Königreichs. Als aber im Verlauf die Oberhofmeisterin, Frau m'amie, die Präsentation an Seine Majestät, König Scipio, vollzog, da offenbarte sich in dem Frage- und Antwortspiel zwischen der höchsten und hohen Person jener grandiose Stil, nach welchem, ohne jegliche moderne Geisthascherei und bei allem feudalen Selbstbewußtsein, der Vasall seine heiligsten Gefühle im Sonnenstrahl der Majestät emportreiben sieht.

Einen vollen Tag hindurch, nachdem Manteau und Hermelin bescheiden wieder im Kasten ruhten, lebte und webte der freisinnige Pair in den Traditionen einer Epoche, in der die Ehrfurcht vor dem letzten, ja vor einem verirrten Tropfen königlichen Bluts eine Religion adliger Seelen war; und hatte er in den Unterhaltungen, die solcher Stimmung entsprossen, die Genugthuung zu bemerken, daß die Letzte der Uh die göttliche Ordnung der Unterordnung im staatlichen Leben mit der Rechtgläubigkeit eines Haller und de Maistre vertrat. Die Waise des Militairs und Beamten, die sich nie mit einer Kammerverhandlung, geschweige denn einem Gesellschaftsvertrag befaßt hatte, war Legitimistin von Geblüt und Herzensgrund, wie sie denn auch, – um mit der höchsten Empfindung abzuschließen, – ohne jeglichen Zug mystischer Exaltation, aber mit peinlichster Gewissenhaftigkeit, sich den Satzungen der Kirche unterwarf.

»Vollkommen correct!« erklärte Graf Scipio. »Der Mann muß in's Freie, das Weib in eine Schranke streben auf jedem Gebiet.«

»Keine vollendetere Repräsentantin eines großen Hauses,« so würde demnach ihr Lehrbrief von dem Examinator auszustellen gewesen sein und die erkohrene Preisrichterin Unterschrift wie Insiegel nicht haben versagen dürfen.

»Und Regina die Rechte,« sagte denn auch die gütige m'amie, die seit jener thränenreichen Maiennacht so bleich und leise bebend einher gewandelt war, in der Ahnung ihrer Jenseitnähe und im Zweifel an der Erfüllung ihrer irdischen Mission. Höher denn je schätzte sie jetzt die Menschen, die nicht mit ihrem leidigen Naturfehler begabt waren; schätzte sie um so höher, als es ihr auch jetzt noch nicht gelingen wollte, gewisse Exemplare derselben recht von Herzen liebhaben zu können, das heißt, nach des jungen Meisters Auslegung, sich in ihrer Nähe wohl zu fühlen.

Wo aber hätte sie Eine auffinden dürfen weniger mit diesem leidigen Naturfehler, mit irgend einer Schwachheit behaftet als die Letzte der Uh? Wer würde es besser verstehen lernen als sie, ohne Härte, aber unerbittlich, kraft ihres Herrinnenrechts Untergebene in Zucht und Ordnung zu halten? Wer wie sie, sonder Widerspruch, durch das bloße Gewicht eines regelmäßigen Sinnes, gegen extravagirende Gelüste einen Damm zu ziehen? Wer, frei von Kargheit, oder Kleinlichkeit, im Mein und Dein ein Gleichmaß zu bewahren und den Wohlstand zu schützen, der einem alten Namen als unerläßliche Unterlage dienen muß? Zumal wenn ein gewisser »Tantenplan« in Erfüllung gehen und dieser Name sich auf eine sprossende Familie verbreiten sollte. Wer endlich in den widerwärtigen Möglichkeiten des Lebens und der Zeit so unerschütterlich fest zu stehen, Mannesmuth mit weiblicher Geduld zu einen?

»Regina die Rechte!« lautete, Hand über Herz, von Abend zu Abend m'amie's Erwägungsschluß; die Erinnerung an die gemüthlose Verbannung ihrer Jugendfreunde verwandelte sich unter Seufzen in die Erkenntniß einer zweckgemäßen Nothwendigkeit, das Erscheinen des Findlings in der Muschelgrotte wurde demüthig als eine Fügung der Vorsehung zur Correctur eigener Mißgriffe verehrt. »Regina die Rechte!« sagte m'amie, nicht blos als Echo ihrem Herzenssohne nach.

Und die Rechte selber? Ei nun, welcher Abiturient, wenn er Frage auf Frage gelöst hat, wenn ein Lächeln des Examinators ihn vor der Antwort ermuthigte, nach der Antwort belohnte, welcher Abiturient wäre dann über den Ausfall der Prüfung in Zweifel gewesen? Regine wußte, daß sie die ihre bestanden hatte. Wenige Tage noch und die Bedingung wie Gegenbedingung durfte gestellt, die Punktation konnte abgeschlossen werden. Durfte, konnte – mußte keineswegs. Die Laune des Werbers mochte sich verflogen haben, jach wie sie aufgeflogen war, mochte verfliegen von Termin zu Termin, ein Neues das Gewohntgewordene verdrängen. Dann aber ging sie von hinnen arm und niedrig wie sie gekommen war, nur verwöhnt wie sie es nicht gewesen, das Dach- und Werkstubenleben nur noch gründlicher verleidet, nur der wenigen Freunde verlustig, deren Stütze sie einem Nebelbilde geopfert hatte.

Aber gesetzt: die Verheißung wurde inne gehalten, die in Gastrollen Erprobte als Gesellschaftsmitglied engagirt! Wie widerte sie schon dieses Wort, dieser Begriff! So steigen unsere Ansprüche mit unserer Sphäre; das Loos, das ihr vor wenig Wochen als hohe Ehre, als ungeträumtes Glück vorgeleuchtet, es dünkte sie heute eine Erniedrigung. Hatte sie darum dieses elende Marionettenspiel ertragen, sie, der alles Spielen und Scheinen ein Gräuel war? Darum jede Wallung berechtigten Stolzes gegenüber den Einfällen eines narrenhaften Prästigiators unterdrückt, den lächerlichen Schein auf sich selber übertragen sehen, sie die Lächerlichkeit haßte als die schwerste Sünde gegen sich selbst? Und alles das um für Lohn und Brod, eine Magd höheren Stils, in Dienst genommen zu werden? Ein Tändelzeug, ein Fangball in der Hand eines Kindes sie, die sich lebenslang nach einem unerschütterlichen Untergrund gesehnt!

Und wenn sie sich allenfalls die Macht zutrauen durfte, sich ohne Demüthigung in der Stimmung des eitlen Gebieters und seines schwächlichen alter ego zu behaupten, – wer bürgte ihr dafür, daß nicht bald eine Andere die Herrschaft über sie theilen werde? Eine mit gleichen Rechten wie jene Ersten; aber naturverwandt der Gesellschafterin, die als Herrin nimmer eine Mitregentschaft geduldet haben würde.

Reginens ganzes Wesen bäumte sich bei dem Gedanken an eine junge Gebieterin in dem Dominium, das sie sich, wie die Felsenburg der Urahne, als sichere Heimath zu betrachten gewöhnt hatte, an eine Trägerin des Namens, dessen Klang ihr Ohr verlockte wie Sirenensang. Sie selber mußte diese Eine sein, oder von der Bühne scheiden und wäre es zurück in ihre arme Giebelkammer. Eine Mittelstellung gab es für sie jetzt so wenig mehr wie, – man gestatte im Sinne dieser Stolzen den stolzen Vergleich, – so wenig für ein königliches Geblüt, das eher Kohl in einer Einöde pflanzen als von dem unbeschränkten Throne auf den Präsidentenstuhl einer Republik hinuntersteigen wird.

Zwar vor dem Opfer, das dieser Krone gebracht werden mußte, grauste ihr heute noch wie in der Minute, da sie beide zum ersten Mal geahnet hatte; ja mehr denn damals, weil klar bewußt. Aber welche Natur, der ihren gleich geartet, hätte die Bahn gescheut, wenn das Ziel dem innerlichsten Sinne vor geschwebt. Welcher Nerv, welche Muskel sich nicht gespannt, um zu erobern, zu überwinden? Nur diese Bahn finden, nur sie sich öffnen sehen, deren Fährte – schier im Sande erloschen war.

Denn seit sie ihre Lehrzeit angetreten hatte, zeugte keine Miene, kein Blick ihres lauten Bewunderns von der minniglichen Fiber eines Begehrenden; es schreckte sie weder, noch ermuthigte sie die leiseste Wallung jener ähnlich, welche sie auf der Schwelle des Brautgemachs ihrer Sinne beraubt hatte. Hatte sie damals phantasirt? War jene Fiber nur in eingebildeter Laune entzündet worden? War sie überhaupt in diesem Manne nicht entzündlich, vom Rausche eines Faschingsschwanks verdrängt, durch Berechnung erdrückt worden? Oder war sie nur zur Ruhe gelullt, um gelegentlich als Brillantfeuer in die Höhe zu sprühen?

Je näher die Entscheidung rückte, um so bänglicher wälzten sich diese Zweifel in ihrem Hirne auf und nieder. Ihr war wohl in dem kühlen Elemente der Anerkennung; sie hätte sich für's Leben darein tauchen mögen, wenn das Ziel sich in demselben – schwimmend erreichen ließe. Ja, sehr wahrscheinlich sogar, daß in einer wärmeren Temperatur der vielgerühmte Onyxstein sich während ihrer Probzeit aus seiner Fassung gelöst haben würde. Um es mit dürren Worten auszusprechen: Regine wollte nicht geliebt sein, wo sie nicht wieder liebte, nicht zuerst geliebt hatte; also jetzt von keinem Menschen mehr; am wenigsten von diesem Mann. Ihr widerstand nicht nur, nein, ihr gebrach die Kunst, durch buhlerischen Schein ein unbefriedigbares Verlangen hervorzulocken und da, wie sie glaubte, auf dieses Verlangen allein sich die ersehnte Lebensstellung gründen ließ, rang sie in einem Zwiespalt innerlicher Nothwendigkeiten, dessen Entscheidung schließlich einer Menschen- oder Zufallslaune überlassen blieb.

Ihre äußere Erscheinung verrieth, bei aller Gebundenheit der Form, die Symptome dieses innerlichen Ringens. Das ehedem halbmüde Auge erweiterte sich mit seelischem Strahl; auf den bleichen Wangen flog eine durchsichtige Röthe hin und wieder; Gang und Bewegungen zeugten von elastischer Spannung. Sie war schöner denn je, ja erst jetzt war sie schön und sollte der, an dessen Augenstrahl ihr Schicksal hing, die Magie nicht zu deuten wissen, welche die schlummernde Nixe geweckt hatte?

So sehen wir denn eine wie die andere unserer beiden zum Dienen ausgezogenen Heldinnen auf wunder liche Weise in den Dienst eines Herrn gebannt, den zur Vernunft zu bringen, ihre Aufgabe ist, und selber wenn sie ihr Ziel verfehlen sollten, sehen wir sie im Grunde richtig gestellt, da ihre eingeborensten Fähigkeiten sich bei dieser Aufgabe entwickeln. Auch zwei der in Mitleidenschaft gezogenen Acteurs sind je nach ihrer freud- oder leidseligen Gemüthsart in angemessener Thätigkeit, und nur der Dritte, der, welcher in seiner bescheidenen Tüchtigkeit am wenigsten bestimmt schien, seinen Schwerpunkt zu verlieren, er wird in unsteten Außenkreisen nahezu hoffnungslos noch immer umhergetrieben.

*

 << Kapitel 23  Kapitel 25 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.