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Hellstädt und andere Erzählungen

Louise von François: Hellstädt und andere Erzählungen - Kapitel 22
Quellenangabe
authorLouise von François
titleHellstädt und andere Erzählungen
publisherVerlag von Otto Janke
year1874
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20171120
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Neuntes Capitel.

Alle unheimlichen Sorgenvögel, welche der Glanz jenes ersten Welterfolgs aus der Schnakenburg'schen Sommerresidenz verscheuchte, um einem Schwarme schillernder Schmetterlinge den Platz zu räumen, sie alle flüchteten aber nach dem Winterpalast dieser edlen Familie, wo sie in einem an derlei unholde Gäste nicht gewohnten Herzchen ihre Nester zu bauen begannen.

Die dienstwillige Marie hatte einen gar öden und zwecklosen Posten bezogen; das alte Kastellanenspaar im Parterre, Invaliden des Schnakenburg'schen Hausstandes, empfing sie mit freundlichen, aber verwunderten Blicken. Der Mann war blind, die Frau taub; Einer wie die Andere aber fischgesund und weder der Wartung, noch Unterstützung bedürftig. Die Zimmerreihe der Beletage stand gewichst, gewischt, verhangen und umhüllt, so viel die pflichterfüllte Gehülfin sich bemühen mochte, nicht ein Staubkorn oder Spinnweb blieb zu entfernen.

Sie stieg in das Erdgeschoß zurück und bat um etwas zu thun. Zu thun? Curios! die braven Alten hatten selber nichts zu thun.

»Was soll ich hier?« fragte sich Marie oben in ihrer einsamen Mansarde und das erste Ahnen ihrer Verbannung dämmerte in ihr auf. Aber die Ursache dieser Verbannung? Goldmiekchen, so zufrieden aus ihrem bescheidenen Grund, wie hätte sie sich in die Lage eines Emporklimmenden versetzen können, der ist er einmal auf breiter, sicherer Höhe angelangt, wohl sonder Schwindel zurückschauen und dem Nachstrebenden ein rettendes Seil, eine hülfreiche Hand entgegenreichen mag; während des Steigens aber jeden Blick in die Tiefe vermeiden und den Hintermann, der sich an ihn klammern, wohl gar zurückziehen will, unerbittlich in den Abgrund stoßen muß. Die wahre Ursache ihrer Entfernung kam nicht in Miekchens Sinn; nur daran dachte sie, daß sie den Herrn des Hauses wie einen Knaben oder Gecken betrachtet, behandelt, beleidigt und verhöhnt habe, und sie dachte daran mit Pein. Aber alles das war ja vor ihrem Dienstantritt geschehen und der, welcher sich unvermuthet als Gebieter herausgestellt, hatte sie eine Stunde vor ihrer Abreise noch auf das freundlichste begrüßt. Sie war ihm in seiner Morgentoilette, Kaftan und Fez, begegnet, die so und sovielste Maskerade während eines einzigen Tages; sollte es mit dem gutherzigen Herrchen etwa oben unter dem Lockenscheitel nicht ganz richtig sein?

Die Plaudereien des Invalidenpaares waren danach angethan, diesem bänglichen Zweifel Vorschub zu leisten. Die alten Diener pulsirten im Takte ihrer Herren. Alles an ihnen schien Miekchen anders als an anderen Leuten, wie an den Schnakenburgern überhaupt ja alles anders als an anderen Leuten war; selber das Resedastengelchen nicht ausgenommen, das doch wahrlich auch nicht einer Edeldame glich; zum Exempel der seligen Generalin, Rinchen Finnuh's Gönnerin; und einer so armseligen obendrein, dahingegen die Frau Chanoinesse reich wie eine Prinzessin war.

So raisonnirte Marie Willig, während sie von Feierabend zu Feierabend die Lösung des Räthsels durch den Bruder erwartete. Die Zeit wurde ihr sterbenslang; sie mußte sich zu einer Näherei für den eignen Bedarf entschließen. Bisher hatte sie nur das Nothwendige, zur Ordnung gehörige gern für sich selbst geschafft. Sie war ja nicht in der Lage junger Mädchen, die mit Lust eine Aussteuer vorbereiten; sie werde niemals in dieser Lage sein, niemals! seufzte sie. Sollte sie sich wohl fühlen, mußte ihre Handregung einem Anderen dienen; zuerst ihren Pflegeeltern, dann der Meisterin, dem Bruder, diesem und jenem Befreundeten Jetzt, zum ersten Male bei einer fremden, gütigen Frau um Lohn um Brod, wurde das nutzlose Verschlendern ihr zum schwersten Dienst.

Sie hätte sich nun in der großen, schönen Stadt umsehen können; aber wenn ihr die alten Leute auch nicht die haarsträubendsten Gefahren für ein junges, unerfahrenes Mädchen in ihren Straßen vorredeten, würde sie das Haus nicht verlassen haben, aus Furcht einen Sendboten aus der Burg zu versäumen; wohl gar den verheißenen Besuch ihrer Dame, oder den ersehnten Bruder Gotthold. Tag um Tag schlich hin, kein Sendbote stellte sich ein, keine Dame, kein Gotthold; das Herz wurde ihr schwer zum Zerspringen.

Der Blick ihres Dachstübchens fiel auf einen Hof, von Ställen und Wirthschaftsgebäuden umgeben; der Hof war sauber und breit, sauberer und breiter als der Marktplatz des Heimathstädtchens, aber seelenstill; nicht ein Menschentritt, nicht ein Menschengesicht rings umher; Miekchen schwindelte, wenn sie in die leere Tiefe hinunterschaute. Das stauende Blut in Bewegung zu bringen, rannte sie durch die herrschaftliche Zimmerreihe; Prunkgemächer eines wie das andere, mit Bildwerk geziert, funkelnd in Gold und Farbenspiel; der große Rathhaussaal zu Hause, in welchem die Honoratioren ihre Schmäuse feierten, hätten sich schämen müssen vor dieser Herrlichkeit; selber ihre Kirche hatte nicht so hohe Fenster, wie hier der Mittelsaal. Aber was helfen einem Menschen Prunkgemächer, in welchen keine Menschen sind? Das arme Miekchen überlief eine Gänsehaut vor dem hundertfältigen Wiederstrahl ihres eigenen einzigen Spiegelbildes. Hätte sie mindestens nicht ihren Taubenbauer auf der Burg zurückgelassen! Eine Katze, ja, wahrhaftig, ein Mäuschen wäre ihr willkommen gewesen.

Marie Willig war keine selbstgenügende Natur wie Regine von Uh, die vor der Zeit, daß ihr Stern sie in die Wassergrotte der Schnakenburg leitete, ihre Ansprüche in solcher einsamen stillen Mansarde, bei unbemerkter Arbeit befriedigt gesehen haben würde. Der liebreichen Marie wäre der hülfloseste, ärmste Mensch, ein kranker, ja ein böser Mensch lieber gewesen, als keiner. Den hülflosen hätte sie stützen, müssen, den kranken pflegen, den bösen, will's Gott, besser machen. Aber was schafft Einer mit sich ganz allein?

Sie hielt es oben nicht aus, saß von früh bis in die Nacht unten bei dem Blinden und der Tauben, die ihrer nicht bedurften, stichelte und guckte zur Erholung auf die Straße hinaus, die eine lange, breite, vornehme Straße war, aber bei Sommerszeit Gras zwischen ihren Pflastersteinen treiben und nur selten eine glänzende Equipage vor einem ihrer Paläste halten sah. Nirgend ein Laden, eine Werkstatt, ein Schenkhaus, oder Ruhewinkel, kein Karten, kein Mädchen am Born, kein Kreisel oder Ball spielendes Kind; nichts von daheim, nichts von Ihresgleichen. Miekchen fröstelte, der Maiensonne zum Hohn, wenn sie die geradlinige, unübersehliche, blendende, menschenöde Flucht entlang schaute; sie zog den Kopf zurück und horchte auf die alten Schnakenburg'schen Ge schichten des Blinden und der Tauben, um nur wieder etwas Lebendiges zu spüren

Wie oft hatte sie in den wenigen Tagen das Schicksal jenes unglückseligen Johannismorgens wiederholen hören, wie oft in Gedanken das entsetzliche Rad über den schönen Knabenleib rollen sehen! Sie wußte jeden Trank zu nennen, welchen die damals noch offenohrige Dienerin ihrer hirnkranken Dame eingerührt hatte, jedes Pflaster, das der damals noch helläugige Diener seinem gequetschten Junker aufgelegt. Und nun all das Ungereimte, das, dieser Schauerscene entspringend, dem alten Paare die allernatürlichste Folge schien. Für diese Greise war ihr junger Herr ein Held; Schnakenburg der Erste und Letzte in der Welt. »Der letzte Schnakenburg!« ach, ihre tägliche Klage.

»Daß er sich doch endlich für eine Gemahlin entschließen wollte!« seufzte die taube Frau.

»Vermählen wollte!« stöhnte der blinde Mann.

»Heirathen der, der?« fuhr Marie unter Lachen und Grauen dazwischen.

Die alten Leute faßten ihre Verwunderung nicht. Sie hatten in der Dienstbarkeit eines halben Jahr hunderts das natürliche Gefühl ihres Standes eingebüßt, dem körperliche Kraft und Wohlgestalt als erste eheliche Forderung gilt. Marie Willig sah in dem Krüppel einen Menschen; doppelt einen Menschen, weil er der Hülfe bedürftig war. Nimmer aber einen Mann. Und einen Mann obendrein, mit dem es im Oberstübchen nicht ganz richtig schien! Gäbe es ein Mädchen auf der Welt, das sich einen Krüppel und Narren zum Herrn setzen würde?

Die beiden Greise dahingegen verehrten in dem Narren ein Genie und in dem Krüppel den vornehmsten und reichsten Cavalier des Landes. Sie würden ihn als solchen verehrt haben, auch wenn er in seiner gegenwärtigen Mißgestalt und nicht im Lichte seiner Knabenschöne in ihren Augen weiter gelebt hätte. Sämmtliche Heirathscandidatinnen des hohen Adels lauerten auf ihren jungen Herrn; keine war gut genug für ihren jungen Herrn; auch wußten sie von keiner, nach welcher ihr junger Herr bis dahin ausgeschaut habe. Keusch wie Joseph war ihr junger Herr; das Geschlecht der Schnakenburg ging zu Grabe mit ihrem jungen Herrn.

»Nun, wer weiß?« tröstete die taube Frau, als sie den ständigen Zug dieses Kummers wieder einmal recht tief und dunkel unter den blöden Augen geschrieben sah. »Wer weiß, Alterchen? Es soll sich ja Eine gefunden haben, die ihm gefällt, der Kutscher erzählte es ja neulich, und auch der Koch, eine Fremde, eine Verwandte – – .« Sie stockte und schlug sich erschrocken auf den vorlauten Mund. Zu spät! Wie eine Rakete war es vor Marie Willigs Augen in die Höhe gestiegen.

Eine Erörterung mußte indessen unterbleiben, denn im Moment dieses verrätherischen Wortes hörte der blinde Mann und sah die taube Frau, das entsetzte Miekchen aber hörte und sah eine Miethsdroschke vorfahren und die Frau Chanoinesse aussteigen, welche sich dieses bescheidenen Vehikels mit Vorliebe bediente, um Diener wie Gespann ihres eigenen Hausstandes zu schonen.

Es fand jene unvorsichtige Offenbarung nämlich statt am Spätnachmittag, welcher der bereits erwähnten, erfolgreichen Theatervorstellung voranging. Fräulein Dienstungen hatte, um ihrer städtischen Besorgungen willen, den Wagenplatz neben ihrer jungen Verwandtin aufgegeben und diese allein, das heißt, Graf Scipio als Cavalier zur Seite ihres Wagenschlags, die erste Spazierfahrt im Park zurücklegen lassen.

Graf Scipio liebte es, sich in equestrischen Künsten, wie im edelsten Racegezücht auf der städtischen Promenade hervorzuthun; und wenn ein jugendlicher Schwarm Roß und Reiter umringte, der Ruf: »der schnakische Graf!« den Wandelgang der Spazierenden hemmte, nahm er es huldreich für eitel Bewunderung.

Der schnakische Graf war seit länger denn zwanzig Jahren eine immer neue Lieblingsfigur des residenzlichen Publikums und – allerdings weniger in gleicher Reihe als nach unten hin hoch geschätzt, um seiner Splendidität und guten Laune willen; vor Allem jedoch wenn er in einer kecken oder gecken Wandlung von seinen Irrfahrten zurückkehrend, ein Schaustück gratis zum Besten gab.

Von Osten kommend hatte man ihn würdevoll auf einem Dromedar den heimischen Wüstensand, von Norden kommend pfeilgeschwind mit einem Rennthiergespann die Schneebahn durchstreichen sehen. Er war im Ballon in die Wolken gestiegen. Eröffnete der schnakische Graf den Zug, athmeten Regatten und Corsofahrten einen lebenskräftigen Humor; fehlte er, erstickten sie schier unter Staub und Wolkengrau. Die Johannisfeier auf der Schnakenburg war zu einem residenzlichen Volksfeste geworden; Jung wie Alt hielt sich berechtigt, von Zeit zu Zeit ein noch niemals dagewesenes Stücklein von dem gräflichen Tausendsassa zu erwarten. Aus der Ferne betrachtet ergötzten seine Schwenkungen die Menge; während für den Einzelnen, in unmittelbarer Nähe es des leidigen Naturfehlers einer m'amie bedürfen mochte, um es nicht langweilig oder lästig zu finden, wenn die Originalität darin gesucht wird, alltäglich mit etwas Besonderem aufzuwarten, da sie in Wahrheit doch darin besteht, ungesucht in besonderer Weise das Alltägliche zu thun.

Jahr und Tag nun bereits, daß unser Gras patriarchalisch als Burgherr geheimst und das Correctiv des »Tantenplanes« sich seiner Phantasie eingeschmeichelt hatte, war dem Publikum der liebgewordene Schnakenburg'sche Stoff durch wenig mehr als seine freisinnigen Pairsreden geboten worden. Heute zum ersten Male schien er den Deckel seines Schatzkästchens wieder geöffnet zu haben. Die ihr Gnadenbrod erorgelnden Invaliden, die beim Nahen des großmüthigen Beschützers in gewohntem Vertrauen ihre Register zogen, wurden mit doppelter Freigebigkeit belohnt; der Inhalt einer Zuckerbude erkauft, um sie von den umringenden Bambinos stürmen zu lassen. Alle Blicke folgten denen, welche unter der wallenden, goldenen Lockenmähne zu der weißen verschleierten Begleiterin in der offenen Kalesche hinüberschweiften. Noch niemals hatte man den schnakischen Grafen in einer weiblichen Zusammenstellung, mit Ausnahme der der bescheidenen Frau Chanoinesse, bewundern dürfen; man rechnete daher auf irgend eine Seltsamkeit, eine Zuleika, ein Pomare, autochton oder nachgeahmt. Da man hinter dem Schleier aber nur ein unbekanntes Landeskind von ausnehmender Schöne zu erspähen vermochte, war man indeß nicht verlegen auch dieses zu einem Gegenstand der Laune auszubeuten. Im Nu lief es durch die Reihen von Mund zu Mund: »Der schnakische Graf und seine Braut!«

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