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Hellstädt und andere Erzählungen

Louise von François: Hellstädt und andere Erzählungen - Kapitel 21
Quellenangabe
authorLouise von François
titleHellstädt und andere Erzählungen
publisherVerlag von Otto Janke
year1874
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20171120
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Achtes Capitel.

Man nahm Platz am Frühstückstisch. Graf Scipio zeigte sich als Meister und heimlicher Lehrmeister gentiler Kaffee- und Theebereitung. Er röstete Brodschnitte und siedete Eier über der Spiritusflamme; sprang in geistreichen Sätzen von touristischen Erinnerungen zu chemischen Analysen und physiologischen Appercüs, in welchen Speise und Trank den gelegentlichen Ausgangspunkt bildeten, um unvermeidlich auf den Schwerpunkt der eignen interessanten Person zurückzufallen. (Beiläufig, als Beweis der Zehrkraft der Fantasie, auch einer quantitativ vielbedürftigen Person.)

Ein kleiner Zwischenfall endete diese gemüthliche Einleitung, so, daß sie als eröffnende Scene betrachtet werden durfte. Der servirende alte Hausdiener, der wie seine Gebieterin seit gestern Nachmittag merklich kopfhängerisch einhergeschritten war, stieß mit der silbernen Platte in den Spiegel, dem gegenüber, seiner Gewohnheit gemäß, der Junge Herr Platz genommen hatte. Glas wie Geräth klirrten in Scherben zu Boden.

»Tölpel!« fuhr der junge Herr auf, in künstlichem Zorn, an dem Zufall, – wenn es Zufall war! – die vornehme Onyxtugend seiner Zöglingin erprobend

Fräulein von Dienstungen war ob dieses ersten Scheltwortes ihres Herzverwandten mehr bestürzt, als ihr ungeschicktes Faktotum selbst; sie suchte auf das liebkeichste zu trösten. »Wie Du erschrocken bist, Mattnerchen,« sagte sie. »Da trink ein Glas Wein. Gut, daß es so gekommen ist; der Spiegel war längst schon blind. Lieber Himmel, zu zittern um das elende Glas!«

Die Mitregentin auf Probe hatte während dessen ohne Zeichen weder der Theilnahme, noch des Verdrusses sich erhoben, um Tropfen und Brocken leichthin von ihrem Kleide zu schütteln. Nun gab sie schweigend einen Wink, die Scherben zu entfernen und verließ mit ihrer Wirthin das Zimmer. Der Mentor warf einen triumphirenden Blick auf die Preisrichterin.

Man begab sich nach den Gemächern der Chanoinesse. – »Mein Neffe,« hob diese nicht ohne Befangenheit an, indem sie ihren Arm in den der Gesellschafterin legte, »mein Neffe hat diese Nacht beim Blättern in der Familienchronik eine Verwandtschaft der Dienstungen und von Uh herausgefunden. Etwas entfernt, nicht wahr, lieber Scipio? Aber das gilt ja gleichviel. Sie sind mein Nichtchen, liebes Fräulein, und werden mir die Freiheit alter Tanten nicht übel deuten.« –

Sie öffnete bei diesen Worten ein Cabinet in welchem zwischen Blumengruppen anmuthig vertheilt, die vollständige Aussteuer einer jungen Weltdame, vom Juwelengeschmeide und indischen Shawl, bis zur Stecknadel und Schleife hinab, ausgebreitet lag. Mehr als ein Sendbote mochte seit gestern Nachmittag in die Magazine der Residenz gesprengt sein, um die Fülle dieser Aufträge in Zauberschnelle zu ermöglichen; wenn nicht etwa, – wie wir uns zu muthmaßen erlauben, – mit einem gewissen Tantenplane zusammenhängend, ein bereitgehaltenes Trousseau nur eine veränderte Adresse bekommen haben sollte.

Haben wir nun wiederholt unsere Heldin Regine als frei von begehrlicher Eitelkeit gerühmt, so würden wir ihr jetzt schmeicheln mit der Behauptung, daß sie bei der Schau dieser ungeträumten Herrlichkeiten nicht einen angenehmen Schauer ihren Leib überrieseln fühlte. Auf der Schwelle ihrer neuen Welt mit dieser freundlichen Darbietung überrascht, war ihre erste Regung, auf die großmüthige Geberin zuzustürzen und ihr in heller Mädchenfreude zu danken.

Aber: die Komödie hatte begonnen. Jeder ersten Regung mußte mißtraut werden; das geringste Zuviel, – kaum jemals ein Zuwenig, – konnte ein Scheitern bedeuten. Hoch zu Rosse also und felsenfest!

Sie dankte demnach in einfach würdigen Worten, – wie die Schweigmüthige, Ungeübte sie fand, würde sie sich selber schwer haben klar machen können; uns hat Freund Scipio die Deutung ihres Zustandes, als den visionairen des Berufenen, aus dem Munde genommen, – sie dankte also der edlen Dame für das ungeahnete Glück einer verwandtschaftlichen Aner kennung; bat aber von diesen reichen Schmuckgegenständen nur denjenigen Gebrauch machen zu dürfen, welcher ihrer bisherigen und voraussichtlich auch künftigen bescheidenen Lebensstellung entsprechend gefunden werden müsse.

»Die Ehre unter dem Dache der Frau Chanoinesse von Dienstungen zu weilen und unter ihrem Schutze aufzutreten, wird auch in den Augen der Welt den modischen Zierrath für mich entbehrlich machen.«

Mit diesen Worten schloß sie, indem sie der alten Dame in der ehrerbietigen Weise, die ihr durch das Zusammenleben mit ihrer einstigen Gönnerin geläufig geworden war, die Hand küßte.

Der erfinderische Mentor hatte in gegenwärtigem Falle nicht eine Prüfungsscene, die weitläufige alte Anverwandte ehrlichen Herzens eine Christbescheerung auszuführen gedacht. Die stolz bescheidene Ablehnung schnitt m'amie durch die Seele. Indessen der Onkelmann lächelte im Hochgefühl einer unübertrefflichen Niederlage, und so lächelte sie mit, indem sie dem neuentdeckten Nichtchen die verschmähten Prachtgeschenke in Kästen und Schachteln zurücklegen half.

Ohne Zweifel würde Graf Scipio kaum minder sieghaft gelächelt und die Reize einer unerkünstelten Seele, die Desinvoltura, den Aplomb, den Rassezug einer vornehmen Natur auch bewundert haben, wenn seine Schülerin in fröhlicher Dankbarkeit gejauchzt; gesprungen, in die Hände geklatscht und ihrer neuen Familie wechselseitig um den Hals gefallen wäre. Da sie im Augenblicke aber alles das nicht that, was er selbst, oder m'amie an ihrer Stelle gethan haben würde, fand er, daß die Schülerin sich selber übertroffen und das Zeugniß einer correcten »eitellosen« – (ein Lieblingswort von Graf Scipios Erfindung) – Gemüthsart abgelegt habe, wie es von einer Stammverwandten der Schnakenburger nicht correcter und eitelloser erwartet werden durfte,

So würde die Debütantin denn wohlzufrieden mit ihrem Entree haben sein dürfen, hätte demselben nicht unaufschieblich eine Aktion folgen müssen, zu welcher sie selber das Stichwort zu geben hatte. Ja, gewiß war es ein stechendes Wort, rückstechend ins eigene Herz, mit dem sie jetzt sehr bleich, sehr knapp, nahezu barsch um die Entfernung der Bediensteten bat, die sie in ihrer früheren Stellung im Hause hatten auftreten sehen; ja, diese Entfernung als Bedingniß der ihr zugedachten Stellung forderte.

Die Chanoinesse schwieg sichtlich verwirrt; Graf Scipio aber äußerte nach kurzem Säumen, daß des Fräuleins taktvolles Begehren unschwer auszuführen sein würde. Von den höheren Domestiken, welchen die neue Verwandte bisher begegnet sei, oder denen sie künftighin begegnen werde, sei bei Mattner, wie bei etlichen anderen alten Familiendienern unbedingteste Discretion vorauszusetzen; er bürge für sie; dahingegen es sich in Betreff einiger jüngeren günstig genug füge, daß ein bereits eingeleiteter Wechsel nur um etliche Wochen verfrüht zu werden brauche; wieder Andere nach entfernten Gütern zu dislociren seien, – so daß dann in der Kürze der gesammte Hausstand unter des Fräuleins Mitwahl erneuert werden könne.

Er rieb sich ob dieses kinderleichten Arrangements vergnügt die Hände und war im Begriff, es unverzüglich ins Werk zu setzen, als Regine ihn mit dem von ihm übersehenen Kernpunkt ihrer Forderung, mit dem Namen ihrer Landsmännin Marie Willig zurückrief.

Die Chanoinesse verfärbte sich; auch ihr Pflegesohn stutzte. Doch faßte er sich schnell genug, erklärte auch diesen Schritt, dessen Schwere er zu würdigen wisse, für geboten und zweifelte nicht, daß durch seine mütterliche Freundin für das gute Kind eine seinen Wünschen gemäße Schadloshaltung aufzufinden sein werde. Er blickte bei diesen Worten zutraulich bittend zu der alten Dame hinüber, die denn auch stumm das Köpfchen neigte, wie ein armes Opferlamm unter dem Beil.

»Und unverzüglich, Herz-m'amie!« drängte er. M'amie nickte wieder.

»In unserem Stadthause etwa, bis zum Winter ein schickliches Unterkommen gefunden sein wird?« M'amie nickte zum dritten Male und wendete sich zögernd nach der Thür.«

Graf Scipio lachte befriedigt. »So bleibt sie bis auf Weiteres die Unsere,« rief er aus, »und wird es nicht übel nehmen, wenn der junge, hübsche Meister ihr in seinen Feierstunden die Zeit vertreiben hilft.«

»Der junge Meister!« Unser frohmüthiger Patron, der keinen Rückblick zu scheuen hatte, er ahnete nicht, daß dieses Wort in Rinchen Finnuh's Seele bohrte wie ein zweischneidiges Schwert; er berechnete nicht, daß der Nebelflecken auch dieser Erinnerung vor der Sonnennähe Regina's von Uh verschwinden müsse; daß sie in der Lage des Eroberers, des Emporkömm lings war, der Freund wie Feind auf seiner Bahn nicht schonen darf. Der Name ihres Landsmanns »Gotthold Fromm«, der sich kräftig über die bebenden Lippen rang, stempelte die Prätendentin zu einer Heldin.

Aber dieses Heldenthum überstieg die Fassung der mit einem so leidigen Naturfehler begabten, ein wenig entfernten Anverwandten, die unter hervorbrechenden Thränen hastig das Zimmer verließ.

»Die Jugendfreunde, die sie so herzlich lieben, – um uns Fremden willen!« schluchzte sie, als der nacheilende Graf sie im Vorzimmer, den Kopf gegen die Wand gelehnt, antraf.

»Freunde sind Gleichgesinnte, Ungleichgeartete sind Fremde!« gegenredete er, ohne sich selber durch dieses Axiom zu beruhigen.

»Sie hat kein Herz!« rief die Matrone mit einer Leidenschaft, die ihr Zögling zum ersten Male an ihr kennen lernte. »Scipio, sie hat kein Herz!« – »Sie hat einen großen Sinn,« lautete die schüchterne Vertheidigung.

Die alte Dame suchte sich zu fassen, trocknete ihre Augen, faßte seine beiden Hände und flehte in tiefster Bewegung: »Täusche Dich nicht, übereile Dich nicht, mein liebes, liebes Kind!« –

Das liebe, alte Kind gelobte die gewissenhafteste Prüfung und legte die einstige Entscheidung in das gütigste Herz. Er streichelte die blassen Wangen, küßte die zitternden Lippen und kehrte endlich mit ernsthafterer Miene, denn wohl je, zu der starksinnigen Schönen zurück.

Sie saß in der Fensternische, mit der Rechten den Rand der Brüstung umklammernd, marmorbleich, die feinen Lippen übereinandergepreßt, die dunklen, regelmäßigen Contouren scharf gegen das grelle Morgenlicht abgezeichnet. »Antike Formen!« murmelte der eintretende Aesthetiker; und »ein antiker Charakter!« setzte der Geistesfreund des Aeschylos hinzu.

Dessenunerachtet wollte der Uebergang in ein unterhaltendes Gebiet nicht allzubald gelingen. Die Ansprüche der Dame auf Probe waren vernünftig und schicklich; um ihnen aber zu genügen, mußte einem braven Arbeiter das Wort gebrochen, mußten einem Begünstigten gepflegte Aussichten zerstört, zum ersten Male wissentlich einem Menschen wehe gethan werden.

Eines schwere Aufgabe für den Herzverwandten m'amie's! Unruhig rannte er aus einem Zimmer in das andere, setzte zehnmal an, in die Werkstatt des jungen Meisters hinabzusteigen und kehrte zehnmal wieder um. Was sollte er ihm sagen? »Die Wahrheit,« würde Regine von Uh geantwortet haben; »Eine Unwahrheit,« Magda von Dienstungen; zwar nicht dem Wortlaute, aber doch dem Stirne nach.

Das Leben Scipio von Schnakenburgs war aber nicht danach angethan, um bewußte Lügen, selber aus Milde oder Noth, auf seinen Lippen zu pflegen; und seinem Grundwesen nach, – glaube man uns! – würde unser phantasieenpflegender Freund, das Hätschelkind der Laune, nicht um den Preis einer Antinousgestalt Nein statt Ja gesagt haben, wenn der innerliche Regulator Ja statt Nein dictirte. Scipio von Schnakenburg wußte nicht, was lügen war.

Und nun zum ersten Male Aug' in Auge, Wort um Wort, grausam oder heuchlerisch einem Anderen gegenüberzutreten, nein, er vermochte es nicht. Aber schriftlich, mit gefügiger Feder die Wahrheit verkleiden, übergolden, – vielleicht, es galt einen Versuch. So setzte er sich denn an den Schreibtisch m'amie's, experimentirte in diplomatischen Wendungen und von Satz zu Satz sich an den classischen Con touren in der Fensternische inspirirend, machte er die Erfahrung, daß auch das ungesuchte Glück, – Blick, Blitz, Offenbarung, – zu Zeiten gar verdrießliche Schatten werfe.

Während dessen hatte seine alte Freundin, mühsam gefaßt, den Befehl des Anspannens gegeben und war in die Mansarden hinaufgestiegen. Unbemerkt stand sie eine Weile unter der Thür, die neugeworbene Dienerin beobachtend, welche, auf den ersten Blick ihr Herz ebenso angezogen hatte, als ihre aufgenöthigte Verwandtin es abgestoßen.

Wie sauber und heimlich die Kleine ihr Zimmerchen in der Schnelle eingerichtet hatte; wie froh trällernd sie neben ihren Turteltauben am offenen Fenster bei ihrer Handarbeit saß, in Pausen mit einem tiefen Athemzuge die Duftströme in sich sog, die aus den blühenden Gärten in die Höhe stiegen! Und dieses bescheidene Behagen sollte, kaum gekannt, dem lieben Kinde um jenes seltsamen Etwas willen, das er »Correctheit« nannte, entzogen werden.

Der einsichtige Leser, hätten wir es ihm auch nicht bereits verrathen, würde ohne Mühe zu dem Schlusse gelangt sein, daß eine, mit einem so leidigen Naturfehler Behaftete wie m'amie, zumal wenn ihr die Aufgabe geworden ist, einen Seraphim mit geknicktem Flügelpaar zum Aufschwung fähig zu erhalten, hinlänglich Neigung und Erfahrung für das Kunststück besaß, über welchem ihr Zögling als ein ein Stümper klaubte. M'amie verstand sich auf Lügen; auf gefällige, schonende, entschuldigende, tröstende Lügen zwar nur, stammelnd und erröthend vorgebracht, aber bei alledem Lügen. Genau genommen log m'amie Wort um Wort, wenn Lügen nämlich auch bedeuten soll: unrichtig auslegen, was man richtig erkannte, richtig erkennen konnte.

Das ehrliche Goldmiekchen glaubte daher ohne Arg an die Erforderlichkeit ihrer Dienstleistungen im Schnakenburg'schen Winterpalais in der Stadt; sie fragte nicht, auch nicht sich selbst, nach den Umständen, welche ihre unverzügliche Uebersiedelung erheischten, sondern rüstete sich nur eilig, den Wünschen ihrer Herrin nachzukommen. Zwar wollte es sie befremden, daß dieselbe ihr keine genauere Weisung als die Unterstützung des alten Kastellanenpaars anzugeben wußte; indessen: »vielleicht daß Eines krank ist und der Wartung bedarf,« dachte sie und freute sich auf den Dienst, den sie zu leisten hatte.

Als ihr aber ihr Jahreslohn, sammt einem reich lichen Kostgeld im Voraus eingehändigt ward, »da man doch nicht sicher auf die Zukunft bauen könne;« als die gütige Dame, auffällig erschüttert, »da sie just nichts Ansprechenderes bei der Hand hätte,« ihr die eigne Uhr am feinen Goldkettchen, »zum Andenken,« umhängte, da durchzuckte zugleich mit der Freude ein bängliches Ahnen der Scheidenden Brust. Aber die Freude überwog. Munter wie ein Reh sprang sie die Treppe hinab, nickte noch einmal nach dem Fenster, aus welchem ihre Dame ein: »Ich komme bald, auf Wiedersehen!« hinunterrief und bestieg, halb benommen von der Ehre, die herrschaftliche Equipage, deren schwellende Polster sie kaum zu berühren wagte.

Flugesschnell durch das Hofthor biegend traf ihr Auge die Gestalt des Bruders, der, ohne sie zu bemerken, schwankend, bleich, wie zerschmettert, – , ach sie ahnete ja den Grund! – dem Schlosse zuschritt. Jetzt erst fiel ihr ein, daß das stolze Gefährt, sie der Nähe des liebsten Menschen entrücke und Ehre wie Freude sanken in den Born. Indessen mochte der städtische Dienst nur von kurzer Dauer sein und das Wegstündchen nach der Residenz war für einen rüstigen Burschen nach dem Feierabend ja ein Katzensprung. Marie betraute den Kutscher mit schwesterlichen Grüßen und Einladungen, und so, zwischen Hoffen und Bangen, rollte sie, die sich je mehr und mehr belebende Straße entlang.

Während dieser Zeit lag ihre Gebieterin unter krampfhaftem Schluchzen, den Kopf zwischen ihre Bettkissen begraben und der romantische Bewunderer der classischen Contouren zwischen den Fensterbogen nagte noch immer an der Feder, um das weder classische noch romantische Dilemma zwischen Schicklichkeit und Redlichkeit zum Abschluß zu bringen.

Endlich, endlich war das Sendschreiben couvertirt, welches den jungen Meister von dem dringenden augenblicklichen Bedürfniß seiner kunstfertigen Hand im städtischen Hause unterrichtete; eine Reihe wichtiger Aufträge war extemporirt, für die Zukunft die bereitwilligste Förderung wiederholt worden. Der Schreiber athmete hoch auf mit dem heimlichen Gelöbniß, diese erste sophistische Accomodation die letzte sein zu lassen. Er sprang in die Höhe, dem Diener zur Besorgung des Briefes zu schellen, prallte jedoch erschrocken zurück, als im nämlichen Augenblicke sein Adressat in das Zimmer trat, unangemeldet und ungestüm wie Einer, der sich nicht abweisen lassen will; kecken Hauptes, aber weiß wie eine Wand.

Der muthige Anlauf erlahmte indessen jählings vor dem unerwarteten Gegenüber des dunklen Bildes in der Fensternische; Wort und Schritt gebannt, stand der junge Meister wie erstarrt; der reiche Herr zerknitterte verlegen das Blatt in seiner Hand und nur die, welche Einen wie den Anderen dergestalt aus dem Tacte gebracht, hatte den ihren nicht verloren. Fräulein von Uh erhob und entfernte sich mit dem Ausdruck einer unberufenen geschäftlichen Zeugin.

Eine Minute lang standen die beiden ungleichartigen Bewerber sich noch schweigend gegenüber; dann raffte der jüngere sich zusammen, riß mit Gewalt den Blick von der Thür, hinter welcher das Traumbild seiner Hoffnungen entschwunden war und bat seinen Auftraggeber unumwunden, wenn auch mit bebenden Lippen, um die Lösung ihres Uebereinkommens von gegenwärtiger Stunde ab.

So war denn unser Graf der peinlichen Initiative enthoben und hatte die mühsam zu Papier gebrachten Anträge nicht als ein Entschädigender, sondern großmüthig als Gewährender zu stellen. Einen wie den andern wies Gotthold Fromm von sich; je feuriger gestellt um so kühler. Als der bisher so dankbar, bescheidene Meister nun aber auch die reichliche Vorschußsumme für einen eignen Betrieb unwillig ablehnte, bei jedem Zukunftsplane mit zuckender Wimper den Kopf schüttelte, da durchschaute das Herz, das so gerecht und menschenfreundlich unter der mißgestalteten Hülle schlug, mit aufrichtigem Antheil den Kampf dieses jungen Lebens und hätte es nicht bereits eben so tief das Grundelement eines anderen Lebens durchschaut, der Präceptor der Gesellschaftskunst, – trauen wir es ihm immerhin zu! – er würde gleich in der ersten Stunde seines Amtes sich in einen gefälligen Liebesprokurator umgewandelt und an Stelle seines Bildungsprogramms eine idyllische Hochzeitsscene entworfen haben. Ja, nicht unmöglich, daß es den freisinnigen Pair heimlich gelüstete, einen nie dagewesenen Zug adliger Liberalität in die Familienchronik der Schnakenburg-Dienstungen einzutragen.

Aber der großmüthige Schnakenburg war auch hinlänglich Menschenkenner, um in der Letzten der Uh bereits Eine verspürt zu haben, die niemals in einer Hütte würde Hütten haben bauen lernen. Er entließ seinen jungen Meister mit einem warmen, stummen Händedruck.

So war die kritische Nothwendigkeit denn überwunden; die Bühne für eine würdige Entfaltung rein gefegt. Nur die unbefangene Stimmung wollte selber dem dirigirenden Maëstro nicht wiederkehren, heute nicht und in den folgenden Tagen auch noch nicht. Wer möchte daran zweifeln, daß die Lichtfunken des Genius den Nebel durchzucken und schließlich verscheuchen werden? Zunächst aber blieb der Debütantin, deren innerlicher Kampf, jetzt wie später, beileibe nicht nach dem Maaße ihrer äußeren Haltung bemessen werden soll, zunächst blieb ihr die Muße, sich in einer leidlich ruhigen Gegenwart für ihre Rolle vorzubereiten. Nur leise, Schritt für Schritt ging der Erzieher vom Lector und Conversator zum Lehrer und praktischen Erprober über; allein nach jedem bewährenden Versuch erhellte sich die Scene, wurde die correcte Sinnesart deutlicher erkannt und geschätzt, siegten die stylvollen Contouren über die styllosen Seufzer m'amie's.

Die letzte Zurückhaltung aber schwand, als nach Ablauf einer Woche, während des ersten Theaterbesuches in der Residenz alle Blicke sich auf die schöne Fremde in der Schnakenburg'schen Loge richteten; als diese Fremde im einfachen weißen Kleide, ohne Schmuck in dem reichen Knoten des bläulich schwarzen Haars, die tadellose Wellenlinie des Nackens und der Arme zum erstenmal im Leben entblößt, als sie mit dem vornehmsten Gleichmuth ihren Triumph, nicht beachtend, in sinnender Aufmerksamkeit den trivialen Glanz der Ausstattung von den Schönheiten der Aufführung zu sondern wußte; – ein Sieg im Siege für den vorbereitenden Instructor! – Als aber endlich ein Bekanntenschwarm aufrichtig und unaufrichtig, spottend, neidend, in eine verhüllte Vergangenheit zurücktastend, in die Zukunft vorausneckend, den Entdecker und Eigner dieses köstlichen Kleinods beglückwünschte, – da war der Taumel verhaltener Laune nicht länger zu bändigen; ein buntflackerndes Feuerwerk sprühte in die Höhe, die Comödie florirte auf der Schnakenburg.

Und das Kind der Natur fiel nicht ein einziges Mal aus seiner adligen Anstandsrolle, Lord Chesterfield strich vor dem naturgläubigen Schnakenburg die Segel und die Preisrichterin wider Willen konnte nicht umhin, Bravo zu rufen – ohne Lüge.

*

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