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Hellstädt und andere Erzählungen

Louise von François: Hellstädt und andere Erzählungen - Kapitel 20
Quellenangabe
authorLouise von François
titleHellstädt und andere Erzählungen
publisherVerlag von Otto Janke
year1874
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20171120
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Siebentes Capitel.

Halten Sie eint« rief die Chanoinesse. »Halten Sie ein! Einen Augenblick ehe Sie Ja sagen. Denn Sie sagen Ja, ich lese es in ihrem Blick und, und ich danke es Ihnen, denn Er wünscht es; ja, ich danke es Ihnen.«

Sie seufzte unwillkürlich bei diesen Worten, reichte ihrem Gaste aber herzlich die Hand und fuhr nach einer Pause, erröthend ob ihrer Aufregung und mit erzwungenem Lächeln also fort:

»Ich alte Thörin! Sie so zu überfallen, so zu behelligen, armes Kind! Aber, mein leidiger Naturfehler und, diese Nacht, diese bängliche Nacht. Wie ruhig, wie gefaßt Sie dahingegen sind, Fräulein von Uh! ›Einen Onyx am Finger tragen,‹ nennt Er es. Er hat für alles ein Wort, ein Bild, einen Sinn, wie kein anderer Mensch; finden Sie nicht, liebes Kind, wie kein anderer Mensch? Aber eben darum, darum! Ja, bei Gott! der Zauberring, der Muth und Fassung verleiht, er ist in Ihrem Besitz. Ich, in Ihrer Lage, bei Ihrer Jugend, über Nacht in eine so unverständliche, wunderliche Welt versetzt, wie würde ich gezittert, wie viel tausend Thränen würde ich vergossen haben! Denn, daß ich das Mindeste sage: unverständlich, wunderlich müssen wir sammt allen unseren Umgebungen Ihnen ja erschienen sein, liebes Kind. Und doch willigen Sie ohne Besinnen darein, als eine Gleiche mit uns zu leben, gehen dem Unberechenbaren, – unberechenbar auch für mich, Liebe, – mit selbstbewußter Sicherheit entgegen.

»Um es kurz zu machen, Fräulein von Uh,« hob sie nach einer neuen Pause der Besinnung wieder an, »wir werden nicht lange ungestört sein. Er war schon früh am Morgen so unruhig, um Sie also nicht unnütziger Weise zu spannen: Ich bin gekommen, Ihnen Aufschluß darüber zu gehen, wie alles so und nicht anders unter uns geworden ist; alles so anders als bei Anderen, nicht wahr?

»Es ist das erste Mal, daß eine derartige Aussprache meine Lippen berührt. Wem hätte sie Nutzen bringen können? Wir zwei waren Eins; wir verstanden uns. Die Welt da draußen kümmerte uns nicht; auch kannte sie ja unser Schicksal so von Außen her. Nun aber, da ein Drittes in unser Leben treten soll, eine gänzlich Fremde selber von Außen her, ach! nun muß es, muß es sein. Es hängt ja Alles daran, Alles! für Sie liebes Kind, für ihn, für mich: Sein Glück! Und wie ich diese Nacht mich unter heißen Thränen und Gebeten auf diese Aussprache vorzubereiten suchte, da ist es zum ersten Male klar und deutlich wie eine Erleuchtung in mir aufgegangen, daß ich, Liebe; ich, die Ihnen als eine harmlose Nebenperson erschienen sein wird, daß ich mit meinem unglücklichen Gemüthsfehler die Schuld an jenem wunderlichen Scheine trage, der wie ein flimmernder Flor über das Wesen des besten, edelsten Menschen gebreitet ist. Ich allein! Mich müssen Sie daher verstehen lernen und mir verzeihen, wenn ich Ihre Geduld für meine einfache Lebensgeschichte in Anspruch nehme. Es geschieht um – Seinetwillen!«

Sie nöthigte nach dieser Vorbereitung ihren Gast neben sich auf den Sophaplatz, trocknete ihre feuchtschimmernden Augen und begann, nachdem sie, den Kopf in die Hände vergraben, eine Weile gesonnen hatte, ihre Erzählung in folgender Weise:

»Ja, Fräulein von Uh, wie ich Sie bei der Kürze unserer Bekanntschaft zu beurtheilen vermag, oder richtiger, wie Er auf den ersten Blick Sie herausgefunden hat, so haben Natur und Schicksal in Ihnen genau das Widerspiel meines eignen Wesens ausgeprägt. Ist es doch, als ob schon unsere Namen Regina, und Magda es andeuten sollten! Aus beschränkender Dürftigkeit streben Sie, wie wohl manches andere arme, gute Kind, nach einer freien, selbstständigen Existenz; ich fühlte mich von meinem ersten Bewußtsein an, unglücklich, weil mir eine, wenn auch noch so enge, wenn auch dienstbare Abhängigkeit versagt war. Ach, und wie unglücklich!

»Ich war schon in der Wiege verwaist, war einsam, frei und reich. Ein einziges, kaum ein Jahr jüngeres Schwesterchen wurde, weil schwächlicher Anlage, in einem Verwandtenkreise aufgebracht; ich, die Gesunde, blieb unter der sogenannten Zucht einer Gouvernante auf dem ererbten elterlichen Gute zurück, oder machte mit derselben in der Familie flüchtig die Runde. Und wenn es noch eine Gouvernante gewesen wäre! Aber bald waren es ihrer zwei, Aus länderinnen obendrein, die, anstatt meinem leidigen Naturfehler entgegen zu arbeiten, mich wetteifernd verhätschelten und sich wechselseitig verhetzten, verdrängten, Anderen und wieder Anderen Platz machten, so daß ich, bei dem lebhaftesten Bedürfniß, niemals zu einem dauernden Anschluß gelangen konnte. Zum Ueberfluß gewährte ein Stiftskreuz, von einer fürstlichen Pathin eingebunden, kaum daß ich die Kinderschuhe ausgetreten hatte, mir die Stellung einer verheiratheten Frau, ohne mich, es sei denn auf Wochen, einem nothwendigen, gesellschaftlichen Verbande einzureihen.

»So drängte mich denn Alles und Jedes dazu, leider, ohne es mich zu lehren, einen eigenen Willen zu haben, mein eigener Herr zu sein, während ich aus tiefster Seele danach schmachtete, eine Herrschaft über mir zu fühlen und einem Anderen zu Willen leben zu dürfen! Es fehlte mir nicht an Freiern; der Reihe nach wurden aber alle, weil unbegütert und der Speculation auf mein Vermögen verdächtig, von den Vormündern verworfen. Lieber Himmel? Als ob es nicht die nackte Nothwendigkeit wäre, sich im Leben gegenseitig auszugleichen, gegenseitig auszuhelfen! Und für den Gebenden mindestens ein so großes, großes Glück! Wer weiß, ob nicht mancher dieser Armen meiner Schwachheit geschont und mich trotz derselben, wohl gar wegen derselben lieb gehabt haben würde? Die Bedürfnisse des Herzens sind ja so mannichfaltiger Natur.

»Endlich wurde der mir ziemliche Bewerber zugeführt. Zunächst nicht vom eignen Herzen. Daß ich's Ihnen indessen gestehe, bestes Fräulein; in meiner damaligen Verfassung hätte ich auch einem weniger vorzüglichen Manne angehangen, wenn er sich nur nach meiner Weise von mir hätte lieben lassen wollen.

Nun war ich glücklich, nun, da ich in meiner zeitlichen Lage einmal Keinen besitzen durfte, für den ich hätte arbeiten, oder entbehren dürfen, nun besaß ich Einen, dem ich mindestens mich unterwerfen, dem ich dienen, mich ganz zu eigen geben sollte; nun brauchte ich nicht mehr zu wollen, zu befehlen, oder gar abzuschlagen; mußte bitten, danken, gehorchen, ausführen was ein Anderer angab. Meine armselige Naturanlage fand ihr Genügen.

»Indessen, je mehr ich mich meinem Zukünftigen anzuschmiegen suchte, um so mehr mußte ich bemerken, daß er sich von mir entfernte; Launen, Unruhe, gereizte Stimmungen verdrängten seine sonst so heitere Art; heute wollte er dieses, morgen das Entgegengesetzte: bauen, reisen, sammeln, verschwenden, in der Stadt, auf dem Lande leben. Mir war Alles recht; das Sichfügen däuchte mir so süß. Nach einer unwesentlichen Anordnung, der ich natürlich zugestimmt hatte, sprang er eines Tages auf wie ein Verzweifelnder. ›Daß sie nur ein einziges Mal nein sagen könnte!‹ rief er außer sich, stürzte fort und kehrte nicht wieder.

»Die Verwandten eilten herbei, das Unheil heil zu machen; meine Schwester unter ihnen, die er noch nicht gekannt hatte. Daß ich kurz sei, liebes Kind: sie war das Widerspiel meines Selbst: lebhaft, lustig, launisch, ein Querköpfchen wenn man will; kein Zug von dem unüberwindlichen Naturfehler, der ihn mir entfremdete. Sie neckten sich, stritten und versöhnten sich, rieben und entzündeten sich aneinander, wurden Eins und glücklich; ich aber blieb in dem für ein Familienleben hergerichtetem völligen Hause mehr denn je meine eigne Herrin und allein.

»Gewiß, liebes Fräulein, würde ich mich weit weniger unglücklich gefühlt haben, wenn ich mich der Häuslichkeit meiner Geschwister hätte einfügen dürfen. Einem Leben zu Zweien wäre mein Gemüthsfehler vielleicht nicht zur Last geworden, wenn derselbe an einer Freundin überhaupt ein Fehler ist, wie an einer Hausfrau, oder Mutter. Aber, – o der leidigen Convenienzen, die für die verschiedenartigsten Verfassungen die nämliche Satzung stellen! – aber: unter dem Dache des Mannes leben, der mich verschmäht, der Schwester, die mich beraubt, hätte denn ohne häßliches Mißurtheil ein solches Verlangen auch nur angedeutet werden können? Ich saß allein, wie die verwünschte Prinzeß im Märchenbuche. Dienstboten, denen ich lohnte, Gäste, die ich bewirthete, erwiesene Gefälligkeiten, Wohlthaten, wie man die opferlosen Spenden der Begüterten zu nennen pflegt, alles das half mir nicht. Ich war ja keine von denen, die in äußerer Thätigkeit Beruhigung finden. Ich fühlte mich elend, gründlich elend.

»Indessen nicht lange Zeit. So wunderbar spielen Leid und Freude hienieden in einander, daß man am Ende Einsatz und Treffer kaum noch zu unterscheiden weiß! Es war anno dreizehn; die blutige Befreiung, die so Viele ersehnt hatten, wurde zur That und mein Schwager, schon in Friedenszeiten streitfertiger Natur, wäre trotz seines häuslichen Glücks wohl der Letzte gewesen, still am Heerde zu verweilen. Bei Dennewitz blieb er, nachdem seine Frau schon im Mittsommer mit ihrem Leben das eines Sohnes erkauft hatte. Dieser Sohn ist Er – mein Scipio!

»Das Wesen, dem ich mich hingeben durfte, war endlich gefunden. Ein Kind! Ihr Kind, sein Kind, mein Kind, und welch ein Kind! O, meine Theuere, daß ich seiner Gaben eine hätte, seinen Griffel, seine Farbe, sein Wort, um Ihnen zu schildern, wie Er war, wie schön, wie gut, klares Himmelslicht durch und durch, immerdar fröhlich, von Allen geliebt. Mein Herzeleid schwand vor seinem glücklichen Lächeln wie Thautropfen vor dem Morgenstrahl. Ich durfte ihm Alles gewähren; denn er forderte niemals ein Schädliches und er empfing meine Hingebung, die allseitige Huldigung, unbewußt genoß er seine Schönheit wie ein gebührendes Element, wie Luft und Sonnenschein.«

Das alte Fräulein blickte bei dieser Erinnerung gleichsam verklärt; sie mußte sich mit Gewalt zusammenraffen, um sich von ihr loszureißen. Regine, saß unbeweglich, die ernsten Augen auf die Erzählerin gerichtet.

»Acht Jahre,« so fuhr dieselbe fort, »acht Jahre vergingen ungetrübt in solch köstlichem Glück. Acht Jahre habe ich gelebt, was mir leben heißt; ohne Kampf und Drang, jedes Sehnen gestillt. Acht Jahre! Es muß wohl zu viel gewesen sein für ein Menschentheil, denn das Schicksal rächte sich. Ach, daß es mich gebrochen hätte, mich allein!

»Man hatte bisher von keiner Seite einen Anspruch an meinen Pflegling erhoben. Ich Thörin lebte so hin, als ob es ewig in dieser Weise währen dürfe. Nun aber stellten unerwartet die Vormünder sich ein, mit der Forderung, daß im beginnenden neunten Jahre seine Erziehung einer fernen Kostschule übergeben werde. Und es war der Vorabend von seinem neunten Geburtstage, dem Johannistag! Man hatte den Termin so knapp gestellt, hinter meinem Rücken jegliche Einleitung getroffen, um meinen Widerspruch abzukürzen Lieber Himmel! als ob ich widersprochen haben würde, hätte ich selber einen stichhaltigen Einwurf gefunden! Ich kämpfte nicht um mein Glück, aber leben, fern von ihm, ihn leben wissen fern von mir, – die bloße Vorstellung warf mich zu Boden.

»Am Morgen des Johannistages, der ein Segensfest heißt und mir achtmal ein Segensfest gewesen war, lag ich im Fieber; zum erstenmal im Leben krank, zum erstenmale das Kind außer meiner Obhut; Wärterin und Lehrer durch meine stete Gegenwart lässig gewöhnt: – also geschah's! Der Wagen, der entsetzliche Wagen! Erlassen Sie mir's, Liebe. Mitten durch meine Fantasieen zuckte der mörderische Schrei; nach mehr denn dreißig Jahren zuckt heute noch durch meine Träume jener mörderische Schrei!«

Die Matrone zitterte wie Birkenlaub; kalte Schweißtropfen rannen von ihrer Stirn auf die Zuhörerin nieder, die sich gebeugt hatte, um die Lippen auf die bebende, welke Hand drücken. Nach einem ächzenden Athemzug fuhr Fräulein von Dienstungen fort:

»Monate lang habe ich gerast, – ich, meine Gute, ich! – getobt, gewüthet im Wahne, daß man mir mein Kind geraubt. Endlich hatte ich es wieder; unbestritten mein, lebend, gesund sogar, – aber einen Krüppel. Mein Seraph ein Krüppel! – Wie ich's ertrug? fragen Sie, wie ich es überwand? Ach, weil er selber seine Schmerzen vergessen hatte, weil er sich heil und froh fühlte wie zuvor, seine Mißgestalt nicht ahnete; weil ich deutlich den Lebenszweck spürte, das grausame Licht seinem Auge fern zu halten.

»Freilich mußte es mit der Zeit ihm tagen. Was sein Spiegelbild unerklärt gelassen hatte, erklärte das Zerrbild des Mitleids, als Er auf die Dauer vor größerer Gemeinschaft nicht gehütet werden konnte. Und seine glückliche Natur siegte auch jetzt; er erfuhr sein Gebrechen; aber er täuschte sich über seine Bedeutung, da er sich der Unwandelbarkeit des einzigen Herzens, auf das er gestellt war, sicher sah, meine Bewunderung, meine Huldigung, täglich, stündlich, jeden Augenblick inne ward. Der Unglückliche bedurfte zwiefältig einer blinden Liebe und eine zwiefältig blinde Liebe wurde ihm zu Theil. Nicht mehr der Preis der körperlichen Schönheit ergötzte sein Gemüth, aber der der seelischen, des Genius, der den Leib verklärt, dessen, was mehr als Schönheit ist; die ohnehin schon rege Fantasie wurde ausgerufen gegen die eisige, nüchterne Vernunft, dem Dichtersinn ein Gegenstand gewiesen in dem eignen innerlichen Selbst.«

»Aber auch was das Aeußere betrifft, – sein Kopf blieb ja so schön, finden Sie nicht, liebes Fräulein, sein Kopf ist schön; Alles was drinnen blitzt und sprudelt, strahlt das Auge zurück, alle Liebe zum Großen, zum Reizenden, zum Besonderen? Ist es denn nicht natürlich, in sich selber zu suchen und zu finden, was uns an Anderen entzückt? Er hatte Talent zu Allem, Lust zu Allem und jeglicher Gabe, jeglicher Neigung geschah ihr Genügen. Keiner dachte mehr daran, ihn meiner Leitung zu entziehen; selber als die körperliche Pflege überflüssig, die Hoffnung auf orthopädische Hülfe geschwunden war, wurde eine schulgerechte Erziehung nicht gefordert; man gestattete dem Krüppel die launenhafte Entwicklung eines Einzelnwesens.

»Ob es Thorheit war, ob Frevel, daß auch ich, ich zuerst sie ihm gestattete?« fragte die alte Dame nach einer gedankenvollen Pause mit trübem Blick. »Ach, war es denn Plan und Ueberlegung? Konnte ich denn meiner Natur nach anders, als ihn durch Einbildung glücklich werden lassen, da er durch Ausbildung, oder nennen wir es Wahrheit, unglücklich hätte werden müssen? Er war hochgeboren, war reich, seine Stellung in der Welt gesichert, die Macht ihm verliehen, seine Stimmungen zu verwirklichen. Und recht besehen, giebt es denn eine beglückendere Art des Glücks als das der Fantasie? Ist das, was wir in Wahrheit besitzen, mehr werth als das, was wir zu besitzen wähnen? Macht Weisheit fröhlicher als Glaube?

»Ich weiß es nicht,« erklärte die greife Fragerin nach einer neuen Pause mit einem Blick gen Himmel. »Aber Er ist gut und glücklich gewesen bis heute und der da droben würde Ihn ja nicht in meine schwache Hand gelegt, Ihn durch sein Mißgeschick darin festgehalten haben, hätte er für Seine innere Zucht und für Sein äußeres Wohl eine kräftigere geschickt erachtet.«

Der krähende Fistelsang einer italienischen Barcarole drang nach diesen Worten von der Terrasse herauf. Die alte Dame schnellte in die Höhe als werde sie gerufen. »Er erwartet mich,« sagte sie. »Aber hören Sie, bestes Fräulein; so liebenswürdig ist er, selber seine Ungeduld wird Gesang. Jede Stimmung, die Andere böse oder häßlich erscheinen läßt, verklärt sich zur Schönheit, zum Wohllaut in seinem Gemüth. Das Rad, das entsetzliche Rad, ist unter seinem Herzen weggegangen Was Neid, Zorn, Tücke, Rache, ja was Leidenschaft ist, er begreift es nicht einmal. Oder richtiger: er begreift's mit dem Verstand; aber nur das Gute erfährt er in sich selbst und nur das Beste setzt er in Anderen und daher auch in sich selbst voraus. – Ich komme; mein Scipio, ich komme! – Was sollte ich auch weiter hinzufügen, liebes Fräulein? Denken Sie drüber nach, denken Sie es aus. Ich werde Ihn hinzuhalten, Ihn auf Ihre Weigerung vorzubereiten suchen. Sie sind verständig, sind besonnen, weit Ihren Jahren voraus. Glauben Sie Ihre Sinnesart den harrenden Prüfungen nicht gewachsen, so überlassen Sie mir die Sorge für eine Stellung, die Ihnen angemessener sein würde.«

Die alte Dame machte eine Pause, während welcher sie der jüngeren mit ängstlicher Spannung in die Augen sah; als diese aber unerbittlich schwieg, ergriff sie ihre beiden Hände und führte nach einem tiefen Seufzer ihre bewegliche Ansprache zu Ende. »Willigen Sie aber in die Probezeit und ihre – Folgen, o, meine Liebe, er ist glücklich gewesen bis heute und – lebte ich so lange als er lebt – – Thörin die ich gewesen, den natürlichen Lauf so wenig in Betracht zu ziehen! Seit diesem Morgen aber, ja, erst seit diesem Morgen, da sehe ich mein Haar wie über Nacht ergraut, fühle mein Mark gebrochen. Und darum trieb es mich zu Ihnen, und darum frage ich Sie, ob Sie Ihm neben mir, nach mir eine Freun din, eine Schwester werden wollen, werden können. Ach, theures Mädchen wie würde ich Sie segnen, wie gern würde ich scheiden, wenn Sie es wollten, wenn Sie es könnten, so wie ich's meine, so daß Er mich nicht vermißt. Versagt Ihnen das Herz, so scheiden Sie, scheiden Sie bald, in der Stunde, da ich noch bei Ihm bin.

»Willigen Sie aber darein, mit Ihm zu leben, o, so leben Sie auch für Ihn, in Ihm; entgelten Sie Ihm nicht, was meine Schwachheit an Ihm gesündigt hat; verachten Sie das Lächeln der Welt und hegen Sie das glückliche auf Seinen Lippen, lassen Sie ihn nicht arm und elend werden, – wenn ich nicht mehr bin.«

Thränen erstickten der Guten Stimme; sie preßte das Tuch vor das Gesicht und stürzte aus dem Zimmer. Regine stand eine Weile regungslos wie aus Stein geformt, dann wendete sie halb mechanisch den Blick nach dem Fenster.

Sie sah auf der Terrasse die Matrone ihren Liebling erreichen; sah, wie sie ihren Arm um seinen Nacken legte, seine Locken streichelte, seine Aufmerksamkeit nach diesem und jenem Außendinge lenkte, kurzum, sich geberdete, wie eine zärtliche Mutter, die ihrem Kinde den unvermeidlichen bitteren Trank mit Honig versüßt.

»– Sie will, daß ich gehe,« sagte Regine zu sich selbst. »Sie fürchtet mich. War das die Vorbereitung für eine Stellung, die jeden Augenblick gekündigt, jeden Augenblick geräumt werden kann? Wirbt man so eine Gesellschafterin?«

Ein Purpurwolke flog über ihr Gesicht, indem sie die Folgerung dieser Vordersätze ausdachte; dann aber trat sie, entschlossen zum Schreibtisch, setzte rasch ihren Namen unter das Billet, schloß es und, zu stolz, die erbetene Selbstprüfung zu heucheln, schellte sie und übergab es dem eintretenden Diener zur Bestellung an die Frau Chanoinesse. Wenige Minuten später folgte sie der Einladung in das Frühstückszimmer, in welchem sie von ihren Wirthen empfangen wurde.

»– Sie sollen mir eine liebe Freundin sein, –« sagte Fräulein von Dienstungen, sie umarmend.

Graf Scipio dankte ihr in geläufiger Rede für die Einwilligung in ein Noviziat, das zur Freiheit des Weltlebens führen solle. »Nur wenige Wochen vom Mai zur Sonnenhöhe,« setzte er mit einem vielstrahlenden Lächeln hinzu: »Die Prüfung schließe, be deutungsvoll schließe sie, mit dem Tage, der mir das Leben eröffnet hat, der mir ein neues Leben eröffnen soll.«

Die Schloßuhr hob bei diesen Worten aus. »Neun Uhr!« rief der Graf mit einem Blick, der das Mysterium der Zahl ergründet zu haben schien. »Drei und dreißig Tage noch – –« Sein Auge fiel auf der mütterlichen Freundin bleiche, leise zitternde Gestalt und im Moment schlug das Pathos in eine erheiternde, ja ausgelassene Laune um.

»Die Glocke erschallt!« rief er aus. »Der Vorhang geht auf. Des Mentors Beschämung, oder Lord Chesterfield contra Dame Natur. Frau m'amie auf dem Richterstuhl. Attention, die Komödie beginnt!«

Er lachte hell auf, schlug ein Entrechat wie ein Kind, das ein noch nie dagewesenes Spielwerk ersonnen hat. Die alte Dame accompagnirte lächelnd, wenn auch unter Thränen. Fräulein von Uh blickte drein mit ruhiger Fassung.

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