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Hellstädt und andere Erzählungen

Louise von François: Hellstädt und andere Erzählungen - Kapitel 18
Quellenangabe
authorLouise von François
titleHellstädt und andere Erzählungen
publisherVerlag von Otto Janke
year1874
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20171120
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Fünftes Capitel.

Der Schäfer hatte sich zum Ritter umgewandelt. Im Scharlachkleid, mit dem achtzackigen weißen Kreuz an Hals und Brust, Spitzenmanschetten und Juwelenknöpfen, den leichten Claquehut unter dem Arm, das goldige Haar frischgelockt auf die Schultern niederwallend, so trat er mit der Verbeugung eines grand seigneur der Gruppe gegenüber.

Dicht vor derselben entglitt das duftende Taschentuch seiner Hand; die Matrone bückte sich und hatte es aufgehoben, ehe die herbeispringende neue Zofe es erreichte. Regine war gleichgültig darüber hinweggeschritten. Hätte sie sich dienstfertig herabgelassen, wer weiß, ob der Scharlachritter mit einem triumphirenden Lächeln, das wie: »Race, m'amie!« auszulegen war, ihr den Arm geboten und sie nach den inneren Gemächern geführt haben würde, deren Flügelthüren ein betreßter Heyduck auseinanderschlug.

Während nun Marie Willig, ohne Scheu vor den kürzlich noch so bedrohenden Eisenhelden, jubelnd die Halle durchflog, um dem brüderlichen Freunde ihren aufsteigenden Stern zu verkünden, erreichte der Ritter mit seinen beiden Damen den Ahnensaal. Hier erst präsentirte er die Matrone als seine hochverehrte Tante, Chanoinesse, Freiin Magda von Dienstungen und sich selber als Graf Scipio von Schnakenburg dem Fräulein von Uh, das seine Haltung vollständig wiedergefunden hatte.

Regine sah, daß es nicht um einen demüthigenden Miethsgroschen sich handeln werde und meisterte mit einer Selbstbeherrschung, die sie der Herrschaft über Andere fähig und würdig machte, den Ausdruck der Erwartung in ihrem Behaben. Sicher und ruhig wie sie sich niemals in der Nähe ihrer armen Arbeitsgenossinnen gefühlt hatte, nahm sie an der Seite der vornehmen Dame Platz; kein staunender Blick fiel auf die goldumrahmten, ritterlichen Zeugen längs der Wände; sie schien, ja fast schien sie sich selbst, unter Ahnenbildern groß gewachsen.

Sie trug ihr Taufzeugniß und ein ihren frommen, ehrbaren Wandel beglaubigendes Zeugniß des heimischen Seelsorgers in der Tasche und erwartete nicht ohne Beklemmung über ihre Vergangenheit befragt zu werden. Aber kein neugieriges Forschen wurde nur andeutend laut. Die alte Dame, die von ihrer eben angeworbenen Zofe das Genügende erfahren haben mochte, saß bleich und schweigend mit gefalteten Händen und der galante Ritter bedurfte keines Zeugnisses, außer dem seiner Intuition. Er nahm dem Sopha, beiläufig auch dem Spiegel, gegenüber Platz und ergriff ohne Zögern das Wort.

»Meine verehrte Pflegemutter,« so äußerte er in geläufiger, je mehr und mehr sich steigernder Rede, »meine verehrte Pflegemutter, nicht minder als ich selbst, hat längere Zeit schon das Bedürfniß einer gleichgestellten Theilnehmerin der Ordnung und Repräsentation meines, – ihres – Hauses gehegt. Ich bin unvermählt, Gnädigste, und ohne weibliche, überhaupt ohne Angehörige, mit Ausnahme dieser Vortrefflichen. Das glücklichste Ungefähr, wenn ich es nicht Schickung nennen soll, führt uns die Vielgesuchte entgegen; lassen Sie mich bekennen, dem Traumbilde entsprechend, das mir, uns vorschwebt, und wunderbar! just in dem Augenblicke des Begegnens vorgeschwebt hat. Ich er innere mich nicht, mich in dem Schlusse von dem Aeußeren auf das Innere eines Menschen getäuscht zu haben. Sage, habe ich mich jemals darin getäuscht, m'amie?«

»Ich weiß nicht, ich erinnere mich nicht,« stammelte die Matrone,. »ach nein, lieber Scipio, Du hast Dich niemals getäuscht.«

»Ich täusche mich heute am wenigsten,« fuhr der Herr mit einer chevaleresken, im Spiegel erhaschten Neigung fort. »Das Siegel der Hoheit leuchtet auf Ihrer Stirn; der Zauberring der Gelassenheit an Ihrer Hand. Gnädigste, Sie sind zur Herrschaft, zur Organisation prädestinirt. Prädestinirt, wenn auch das Schicksal, wie es leider häufig seine Tücke ist, wenn auch das Schicksal seiner erstgeborenen Schwester, der Natur, mißgünstig zuwiderstrebte. Heil nun dem armen Sterblichen, dessen volles Streben der göttlichen Natur gewidmet ist: fördernd, umwandelnd, ihre Gaben künstlerisch verklärend, – Heil! rufe ich, wenn es ihm gelänge, auch bei dieser köstlichen Darbietung seiner Herrin zu dem bedrohten Rechte zu verhelfen; den Liebling, den sie so verschwenderisch ausgestattet hat, dem inneren Sinne gemäß, – und das heißt ja wohl Glück! – nach Außen hin zu stellen: hoch über die Menge, Wenige neben sich; noch Wenigere über sich. Wollten Sie in meine Wünsche einklingen, Gnädigste, – ich für mein Theil bin meines Horoskops gewiß.«

Fräulein von Uh saß regungslos stumm; der gräfliche Physiognomiker pausirte einen Augenblick und räusperte sich so, als ob er eine Verlegenheit zu bannen, oder eine Wendung zu suchen habe. Nachdem er sie gefunden, fuhr er, seiner alten Freundin, dann aber auch seinem Spiegelbilde, zulächelnd fort:

»Indessen, ich stehe in diesem Falle nicht als Mann für mich allein und, Frauen probiren gern. Sei's einen Kleider- sei's einen Menschenstoff; nur das Erprobte gilt ihnen für ächt. Kein Vorwurf das, m'amie,« setzte er hastig hinzu, indem er die Hand der alten Freundin an die Lippen zog. »Mit dem Schilde der Vorsicht deckt Ihr ja Euch und uns! Auch im gegenwärtigen Falle besteht dieser fürsorgliche Frauensinn zu Recht; unsere gesellschaftlichen Conventionen, Brauch, Decorum, Narrenmoden selber, die der Weise verachtet und von denen er sich dennoch nicht ausschließen darf, lebt er inmitten einer Narrenwelt, mit einem Worte: die Form des Umgangs, man hat sie eine Kunst, wohl gar eine Wissenschaft genannt. Bah! Es waren Exoteriker, die es thaten: Aber praktische Uebung, Routine erfordert sie allerdings. Und einer solchen Uebung ersuche ich Sie, Fräulein von Uh, im Namen dieser Theueren,« er küßte von Neuem der alten Dame Hand, »sich als der wertheste Gast dieses Hauses für eine kurze Probezeit zu unterwerfen; ersuche Sie, den gläubigen Anwalt des Natürlichen als Lehrer einer Afterkunst sich gefallen zu lassen. Je gründlicher Dieses Beschämung, um so höher Jenes Triumph. Er feiert ihn a priori; er weiß vor dem Beweise. Der Zögling des größten Gesellschaftskünstlers, sein leiblicher Sohn, blieb ein Tölpel; die Letzte der Uh, nur von dem Genius der Natur in stiller Einsamkeit gebildet, wird für die Verschwendung aller Umgangstractate ein redendes Beispiel sein. Leuchtet dieser mein Vorschlag einer practischen Uebungszeit Ihnen ein, Gnädigste so soll von heute ab – –«

»Nicht von heute ab,« unterbrach die Chanoinesse den je mehr und mehr begeisterten Erguß. Später, lieber Scipio, morgen. Eine Nacht zum mindesten sei dem Fräulein gegönnt, um Deinen, unseren überraschenden Antrag zu prüfen und sich mit ihrem Gott zu berathen.«

M'amie erröthete ob der Kühnheit dieses vielleicht ersten Widerspruchs im Leben; Fräulein von Uh saß unveränderlich stumm; auch der Graf schwieg eine Minute lang. Die Meldung residenzlicher Gäste entschied zu Gunsten des Aufschubs. Regine erhob und verneigte sich mit dem Ausdruck ehrfürchtiger Zustimmung vor der alten Dame, die ihren Besuchern entgegenging. Graf Scipio bot der schönen Fremden den Arm, »zur flüchtigen Kenntnißnahme wenigstens der äußeren Umrisse des einem holden Regimente vorbereiteten Gebiets.«

Regine schwieg noch immer; sie würde geschwiegen haben, auch wenn sie ein schickliches Wort zu sagen gewußt, oder die Beredtsamkeit ihres Cicerone ihr Zeit zu demselben gelassen hätte. »Zuwarten und schweigen« mahnte der heimliche Mentor in ihrer Brust.

Der Graf führte sie innerhalb des Schlosses den Rundgang, den sie vorhin von Außen gewandelt war; in jedem der reich, und einzeln betrachtet, styl- wie sinnvoll ausgestatteten Räume wurden Entstehung, Bestimmung, oder eigenthümliche Besonderheiten angedeutet; niemals jedoch ohne Zusammenhang mit der Person des Schöpfers und Erklärers. In nachlässigster Art, so, als ob sich das Wunderbarste von selbst ergäbe; in der zartfühlendsten, die nicht den leisesten Zweifel des Verständnisses zu hegen schien, empfand Scipio von Schnakenburg, der schönen Novize gegenüber, sich gleich einem Proteus, aus dessen Schöpferseele die vielgestaltige Form sich entwickelt, wie die Schale um den Kern, wie die Koralle um das Insect.

»In dieser Halle sind meine historischen Werke entstanden,« warf er hin, als sie durch Ahnen- und Waffensaal die Wölbungen der reichen Bibliothek betraten. »Der Zeitvertreib genealogischer Sammlungen; die Monographieen über unsere nordischen Domcapitel. Mir gemäßeren Sinnes: die Geschichte des Dramas, Norwegens Verfassung und mehrere. Gegenwärtig beschäftigt mich die Lösung der ländlich socialen Frage, die ich mit Macht in unsere nächste Zukunft dringen sehe; doch kann sie nicht im Büchersaale gelöst werden, nur Auge in Auge der hartringenden Welt; ich habe mir daher im Pächterhause ein Studierzimmer eingerichtet, von dem sich der Wirthschaftshof übersehen läßt.«

»Hier male ich,« sagte er, von der weinumrankten Arkade des spanischen Flügels einlenkend, nach einer mit Gerüsten, Staffeleien und halbfertigen Bildern gefüllten Zimmerreihe. Und weiterhin: »Hier ist meine Werkstatt, wenn mich der Genius monumentaler Formen treibt.«

Die Wanderin blickte in ein wirres Durcheinander von Instrumenten, Gestellen, Gestalten, Klumpen alles möglichen Knetmaterials und es begann vor ihren Augen zu schwirren, als sie auf all diesen rohen Entwürfen, wie vorhin aus Staffeln und Wänden, wie früher auf den Ornamenten von Park und Burg, in jedem erdenkbaren Ausdruck: düster, tändelnd, heroisch, sinnend, die nämlichen Züge hervortreten sah, welche Schritt für Schritt, aus den selber für so reich ausgestattete Räume überreichlichen, venetianischen Gläsern ihr entgegen lächelten.

»Sie blicken bedenklich, Gnädigste,« rief Graf Scipio. »Sie zweifeln. Ein Dilettant, ein Pfuscher! Meinen Sie?«

Aber keine Miene verrieth dieses Meinen; und daß der Findling der Grotte mit so ruhigem, sich allmälig erweiterndem Auge diese unverständliche Welt betrachtete, das machte den Menschenkenner an ihrer Seite, der bei ähnlichen Rundgängen wohl manches höhnende Lächeln erspäht haben mochte, das eben machte ihn so glücklich, machte ihren Sieg im Voraus gewiß. Er impfte auf das schlafende Auge wie der Gärtner, wenn er die kräftigsten Triebe erzielen will. Er war ein Magus, dessen Stab, die jungfräuliche Stirn berührend, eine selbsterzeugte Feenwelt vor ihr erschließt; ja, er war ein Gott, mehr als Morpheus, der nur im Traume seine Bilder enthüllt: er enthüllte einer Erwachenden das Wunder einer Menschenseele.

»Ein Pfuscher!« wiederholte er mit steigendem Affect; »ein Narr wohl gar! Nein, schöne Regine, Sie denken es nicht. Ich lese es in dem stillen Feuer dieser Kinderaugen. Sie ahnen den Focus des heimlichen Geisterheerdes, auch wenn seine Ausstrahlungen Sie verwirren. Das Kind, und höher noch das Weib, hat den Lichtblick des Unbegreiflichen. Der Mann nur, wenn er ein Dichter ist. Ich bin ein Dichter, Regina. Mein ganzes Leben ist ein Gedicht. Ja, ich wäre ein Pfuscher, triebe ich das, was mich treibt, in fortlaufender Zeit; forschte ich diese Stunde in Editionen und Palimpsesten; wäre die nächste Landwirth oder Staatsmann, erholte mich darauf bei Palette und Meißel, um den Tag wohl gar als Conservator und Höfling abzuschließen. Aber was ich bin, bin ich ganz.«

Sie betraten während dieser Worte den Moscheenpavillon, welcher den spanischen Flügel mit dem Schlosse verband. Denn »das Schloß,« so nannte man speciell den südlichen Schnörkelbau gegenüber »der Burg«; die Flanken »Alhambra« und »Tusculum«.

»Ein architectonisches Gedenkblatt meiner morgenländischen Streifereien,« schaltete der Enthusiast seines Ich an dieser Stelle ein. »Hier weile ich, so oft ich die Wiegengesänge der Menschheit meiner nordischen Heimath zu verdolmetschen suche. Lächeln Sie immerhin, Verehrteste, wenn ich Ihnen eines Morgens in Kaftan und Turban mit dem Tschibukrohr – ich rauche sonst nie – gegenübertreten sollte.«

Und wie nun die Füße auf marmornem Getäfel zwischen den Spiegelwänden der Rococogalerien dahinglitten, so glitt auch der Fluß der Rede in der Spiegelung eines unbewußten Schnörkelbaus voran.

»Ja, was ich bin, bin ich durchaus; zwingend, unwiderstehlich von innen nach außen, Monate, Jahrelang und urplötzlich ein Anderer. Ich entschlummere als Forscher und erwache als Tourist. Nun treibt's mich unaufhaltsam nach einem vorausgeschauten Ziel. Heute bequem, betrachtsam, im eignen Gefährt; morgen mit Kittel und Ränzel des Wanderburschen; ein anderes Mal lenkend neben dem brausenden Tender; oder dem Bootsmann ein aufmerkender Gesell. Ich fahre in Schachte und mache Wolkenreisen im auf steigenden Ballon. Nur so sieht man die Welt: das Große, das Kleine, das All.«

»So jählings wie hinaus, treibt es mich wieder heim. Nun bin ich Cultivator, Administrator; gegenwärtig zum Beispiel bin ich, Jäger? Nein, die Pioniere der Civilisation vertilgen nicht Hasen und Hühner; aber Forstmann; Fabrikant, Kaufmann sogar. Wer widerstände der Strömung seiner Zeit? Kein geheimer Revisor macht genauere Monita, wären auch Jahre verflossen, in denen ich den Zahlenmarkt nahezu vergaß. Ich will das allerdings; aber wollte ich nicht, ich müßte es. Nennen Sie diesen Zwang: Magnetismus; diese Versatilität: ein Prisma, ein Spectrum der Seele. Mir sind die Freiheit; und es ist doch nur der nämliche Focus, in welchem aus- und einströmend sich die Welt verklärt; die Doppelnaturen des Helden und Dichters in einander fallen.«

»Das Reich des schönen Scheins löst das der Realitäten ab. Nun zieht's mich zu Pinsel und Meißel. Eine Fülle der Gestalten, der Entwürfe! Strebsame Jünger führen sie aus. Wie hätte ich Zeit dazu?Und jene Anderen, arme, arme brave Kinder, denen sie Mittel des Lebens, des nackten, gemeinen Daseins werden! Ich bin reich, Gnä digste. Nicht mein Verdienst. Auch lege ich wenig Werth darauf. Meine Bedürfnisse sind null und richesse oblige! das heißt: hindert. Die Schranke der Noth ist der Kugellauf für das Geschoß des Genius. ›Graf Schnakenburg der reiche Sonderling‹ heißt es heute. ›Schnakenburg, der Gelehrte, der Künstler, der Mechaniker‹ würde es heißen, wenn ich in einer Hütte geboren wäre. Ich fördere, kaufe, gebe an; meine Excerpte, meine Pläne wandern in fremde Hand. Der, dem der Gedanke entsprungen, wird über dem Executor vergessen; kaum der Mäcen noch gerühmt. Was thut's? ›Sic vos non vobis!‹ sagt der Unsterblichen Einer, in deren Kreise ich mir jetzt und einst eine Ruhestatt gegründet habe. Unsere machfertige Zeit bedarf der heimlichen Schöpfer und es ist ein schöner Sinn in der Sage von jenem König, der nach dem Gewicht seiner eigenen Schwere das Gold des Almosens spendete.«

»Aber auch ruhen will der Geist; ruhend, spielend empfangen.« Mit diesen Worten deutete der genialische Herr auf ein Cabinet, gefüllt mit Uhren aller Größen und Arten, welche durch einen Federdruck beim Eintritt gleichzeitig ihren Schlag oder ihre Melodie an stimmten. »Die Werke in diesen Gehäusen habe ich sämmtlich zerlegt und zum Theil eigenhändig wieder zusammengesetzt, zum Theil durch Andere wieder zusammensetzen lassen. Es geschah zur Zeit, da in der Stille das Epos ›Moses‹ in mir geboren ward. Es ist noch unedirt; der Entwurf dem Dichter« – Graf Scipio nannte einen Namen, der nicht blos seiner gegenwärtigen Zuhörerin unbekannt geklungen haben würde – »zur Ausführung überlassen. Er wird den Preis davon haben, sic vos non vobis, er sei ihm gegönnt!«

Dem Uhrenkabinet folgte eines mit Schmetterlingen, welche Schnakenburg, der Naturforscher, in diversen Himmelsstrichen, zum Theil eigenhändig gefangen, erzogen, geordnet, katalogisirt hatte; ein anderes, gleichen Ursprungs, voll ausgestopfter Vögel; daran stieß ein Sommerhaus für lebendige Cacadus, Dompfaffen, Papageien und Consorten.

»Hier lerne ich Conversation,« sagte Graf Scipio mit einem attischen Lächeln. »Und hier studire ich Physiognomik,« setzte er hinzu, als der Schluß der langen Rococotour sie durch einen Saal führte, der rings mit Scenen aus dem Affenleben von gräflicher Künstlerhand decorirt, auch etlichen lebenden inter essanten Exemplaren dieses »das Ebenbild Gottes vordeutenden Geschlechts« zur Heimstätte eingerichtet worden, und, für die Mehrzahl der Schnakenburg'schen Besucher das ergötzlichste Schauspiel, nächst dem Schloßherrn war.

Ein schwarzer Flor breitete sich über Reginen's Augen; sie sank erschöpft auf einen Stuhl. »Bin ich,« so dachte sie, »bin ich in ein Tollhaus gerathen, in welchem ein einziger Besessener ungehindert sein Wesen treiben darf?«

Und wenngleich wir Graf Schnakenburg's Commentare zu seinen Schöpfungen nur im Bruchstück wiedergegeben haben, mancher unserer Leser wird die nämliche Frage stellen; wird die Phantasie des Erzählers einer Wahngeburt bezüchtigen. Aber Scipio von Schnakenburg, wir haben ihn nicht erfunden, wir haben ihn gekannt. Ja, sinnt zurück, hättet Ihr ihn nicht selbst gekannt, oder einen seiner Brüder? Hieß er auch nicht Graf und Millionair, war er ein trauriger Narr statt eines glücklichen, oder wäre es nicht ein verkrüppelter Zwergenleib gewesen, den er mit dem Königsmantel seiner Phantasieen verhüllte.

Ja, wir haben ihn gekannt, wir haben ihn leiben und leben sehen, seine Hand gedrückt und ihn Freund genannt, wie er, unzerstörbar hoffnungsvoll, Einfälle mit Leistungen verwechselnd, gleich Einem, der am Morgen auf thauigem Wiesengrunde wandelt, sich weidete an der Aureole seines Schattenbildes, die kein Anderer sah wie er selbst; wie er in Intervallen ein vernünftiger Kopf, allezeit das großmüthigste Herz und zwischen Natur und Narrethei, mehr als wir ihm nachzusprechen vermögen, wirklich geistreich war.

»Sie sind erschöpft, armes Kind,« sagte er, indem er mitleidig ein Aetherfläschchen hervorzog und es Reginen reichte. »Schwindelt mir doch selber, wenn ich die Wandlungen, deren der Menschengeist fähig ist, im Zusammenhang überdenke.«

Aber unsere Dame in spe erfreute sich der Nerven der Urahne auf der Felsenburg; sie erholte sich ohne Aether und folgte rüstigen Schrittes ihrem Führer durch den Kiosk, ohne sich durch den Schnakenburg'schen Spuk in den opiumschlaffen Mandarinenhäuptern behelligen zu lassen.

»Eine sich aufschließende Welt!« erklärte Graf Scipio mit einem ironischen Lächeln. »Ich sah sie nicht selbst, will sagen: im Original. Indessen auch in der Völkernatur giebt es nur scheinbare Sprünge und, ich bin Pair unseres Vaterlandes, Gnädigste. Passons!«

Der reizendste Theil des weitläufigen Bauwerks ist das Tusculum mit seiner blumenumrankten Loggia, dem säulengetragenen Concertsaal in der Mitte und den Pergolen des »Frascatischen Gartens« zu seinen Füßen. »Sie sind musikalisch, Fräulein von Uh?« fragte der Graf.«

»Ich liebe die Musik,« antwortete Regine; das erste Wort, das sie sprach und schier eine Lüge. Denn außer der klappernden Orgel in ihrer Kirche hatte sie keine Musik gehört, als die Leierkasten des Jahrmarkts und die unharmonischen Tanzweisen des Stadtpfeifers in ihrem Daheim; beide ohne Entzücken.

»Wie alle schönen Seelen!« ergänzte ihr Bewunderer, nicht ohne obligate Verbeugung und Spiegelblick. »Sie werden gelegentlich in diesen Räumen das Beste hören, was unsere Hauptstadt zu bieten vermag. Ich habe mancherlei componirt: Kirchliches zumeist, bei heiteren Anlässen aber auch Tänze. Ich singe gern und spiele die Harfe; mein eigner David, wenn zu Zeiten der Saul sich in mir regt. Selten, Verehrteste. Ich bin kein Melancholikus von Natur. Indessen: ›wann wäre ein erhabener Gedanke der Seele entsprungen, ohne daß die Schwermuth in seiner Nachbarschaft lauerte?‹ hat ein Dichter gesagt, der sich selbstgefällig in düstere Falten zu drapiren pflegte. Die Natur hat ihm einen kleinen Makel angeheftet; einen mißgestalteten Fuß, der seine Achillesferse ward. Eitel, Eitel! Wissen Sie, was eitel sein heißt, schöne Dame?«

Die schöne Dame blieb die Antwort schuldig, wenngleich sie die Frage hätte bejahen dürfen. Sie wußte, was eitel sein heißt; wiewohl – oder – weil? sie selber nicht eitel war.

Etliche Stufen führten von der Loggia des Tusculums auf den Söller jenes erwähnten vorspringenden Phantasiethurms, von dem die Schnakenburg'sche Flagge niederwehte. Der Graf deutete auf die Thür eines Gemachs, aus dessen Fenstern man nach zwei Seiten die Fronten von Burg und Tusculum überschauen konnte.

»Hier endet meine Führerschaft,« sagte er. »Meine eignen Zimmer liegen zur Linken des Ahnensaals. Das heißt zur Zeit, wo ich lediglich Burgherr bin. In anderen Stimmungen, ich sagte es wohl schon, wechsle ich die Umgebung, die Lebensart, ja die Kleidung selbst. Es scheint dies ein Spiel: Aber wessen Schifflein förderte es nicht, wenn Wind und Woge aus einer Richtung treiben? Mais trève de confessions! Unsere Gegend bietet keinen lieblicheren Blick als den aus diesem Zimmer. Ich habe es das Brautgemach genannt; zunächst um eines Bildes willen, des einzigen Ornaments, das es enthält. Ich entwarf es; eine Vision darf ich es nennen; der gerühmteste Portraitist der Gegenwart führte es aus. Nicht völlig meinem Ideale entsprechend, aber, sein Meisterwerk Weihen Sie, schöne Regine, die stille Klause ein, die noch nie eines Gastes Fuß berührte; ruhen Sie darin, träumen Sie und erwachen im Vollgefühl der Herrschaft über alles, was Sie von dem Meinen gesehen, und nicht gesehen haben.«

»Regina, Regentin!« rief er darauf mit flammendem Augenstrahl und so viel Leidenschaft, als die Imagination aufzubieten vermag, indem er ihre beiden Hände ergriff und an seine Lippen drückte. »Regina, Regentin!« – –

Regine entriß ihm die Hand und eilte bebenden Fußes in das Gemach, das sie hinter sich schloß, verschloß sogar. Die Fassung hatte sie verlassen, ihre Sinne schwanden. Scipio von Schnakenburg ent fernte sich mit dem Entzücken des Zauberers, der die Wirkung des eingeflößten Trankes wahrgenommen hat. Gehobenen Hauptes und geflügelten Schrittes, eine Glorie auf der Stirn, halb Cäsar, halb Romeo, eilte er seinem eignen Zimmer zu.

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