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Hellstädt und andere Erzählungen

Louise von François: Hellstädt und andere Erzählungen - Kapitel 17
Quellenangabe
authorLouise von François
titleHellstädt und andere Erzählungen
publisherVerlag von Otto Janke
year1874
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20171120
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Viertes Capitel.

Ja, sie hatte um Lohn unter Handwerkern gearbeitet, aber sie nannte sich Regina von Uh; ihre Mutter war eine Magd gewesen, aber ihre Großmutter, Gräfin vielleicht; ein Unteroffizier ist Militair und ein Thorwart Beamter sonder Spaß noch Lüge, und auf dem Grabmonumente Reginalds von Uh würde eine Freiherrnkrone haben prangen dürfen, hätte auf der Welt ein Mensch daran gedacht, dem Vater Finnuh ein Monument über seinem Rasenhügel zu errichten.

Diese Thatsachen waren Goldmiekchen klar geworden, während sie den Schloßpfad hinter der schweigmüthigen Gefährtin zurücklegte, selber schweigmüthig und unüberwindlich betrübt, wenn sie den plötzlich wieder aufgelebten Ahnenglanz mit dem brüderlichen Freunde in Zusammenhang brachte; betrübt, sie wußte im Grunde nicht warum.

Und wie frohgesprächig war ihr der Tag verlaufen von dem Augenblicke an, da sie unter dem wechselseitigen Verwunderungsrufe: »Du Regine,« »Du Marie,« mit der Kameradin in der »langen Gelegenheit« ihres Heimstädtchens zusammentraf! In mißmüthigem Brüten, bei verriegelter Zimmerthür mit der Existenz hinter dem Kamelienstrauch abschließend, war Regine willentlich den wiederholten Besuchen der einzigen Freundin, die sich im Sinne und in der That um sie kümmerte, ausgewichen. Keine wußte um der Anderen Vorhaben, bis bittere Nothwendigkeit hier und heitere Liebe dort, beide zu der ersten Reise ihres Lebens auf die nämliche Straße führte.

Dieses überraschende Zusammentreffen aber stumpfte in dem kindlichen Herzen den Stachel der Trennung ab; es eröffnete die Reihe des thränentrocknenden Neuen, das sich Schritt um Schritt entwickelte. Die Mahnstimmen der Vergangenheit verhallten während der langsamen Wagenfahrt unter Fragen knapp beantwortet und Mittheilungen gleichgültig angehört; später im wunderhaften Fluge des Dampfwagens und seiner wechselnden Gesellschaft; als aber auf dem letzten Haltepunkte vor der Residenz der Seitenpfad nach dem Schloße zu Fuße eingeschlagen wurde, da erwachte jene fröhliche Wanderlust, welche unsere vorwärts schnellende Zeit bald nur noch dem Namen nach kennen wird.

Der Weg durch ein sandreiches Feld- und Haiderevier war an und für sich gewiß nicht reizend zu schätzen; aber der Mai hatte ihm seine farbigsten Gewänder übergestreift und der Himmel lächelte. Saftgrüne Saaten, Lupinen, Lein und Klee in buntblühendem Wechsel, würzige Harzdüfte, Lerchengesang, Sonnengold und Sommerluft, dazu der seltene Genuß freier Bewegung, Schritt für Schritt einem geliebten Menschen entgegen: was Wunder, wenn die Kleine im leichtgeschürzten Alltagskleidchen, trotz Deckelkorbs und Taubenkäfigs fröhlich wie eine Bachstelze trippelte, mit den Lerchen um die Wette ihre Stimme erschallen ließ und die Zukunft des Dienens in dem warmen Lichte betrachtete, das die Gegend übergoldete.

Als sie nun aber gar jene schöne, kunstvolle Gartenwelt betrat, da hätte sie ihre fünf Sinne verfünffachen mögen und als sie endlich, das Herz gefüllt von den im Fluge erspähten Wunderdingen, mit dem brüderlichen Gruße in die Grotte zurückkehrte, da er reichte, durch die Begegnung des ihre Pläne so rasch fördernden Paares, die Reihe der Seltsamkeiten ihren Gipfel. Welcher Gattung es wohl angehören mochte? Daß ein großer Herr, freiwillig oder unfreiwillig, die Figur eines Laubfröschchens spielen könne, kam ihr so wenig in den Sinn, als daß die Dame, welche in diesem Feenreiche regierte, eine Schürze tragen und im Spazieren einen Strickstrumpf hantiren werde. Die widersprechendsten Vermuthungen kreuzten sich in ihr, bis das adlige Auftreten ihrer Begleiterin den Gedanken plötzlich eine bängliche, rückwärts und vorwärts spürende Richtung gab.

Anders Regine. Sonder Kampf noch Abschiedsgruß, als ein Fremdling war sie aus der Heimath gewichen, hatte mit der Vergangenheit abgeschlossen, nachdem sie im Abenddämmer den rothen Kamelienstrauch zum Absterben in das Grab ihrer Gönnerin gesenkt, einen kurzen Augenblick vor den Hügeln der Eltern geweilt hatte. Die Welt lag ihr offen; gleichgültig das Wo; um so beklemmender das Wie der Stellung, die sie erarbeiten sollte. Düster, schweigend, achtlos gegen das Geplauder der ihr aufgedrungenen Begleiterin, gegen die Genossenschaft ihrer bescheidenen Wagenklasse und die wechselnde Scenerie; ermüdet von ungewohnter Bewegung, belästigt durch Hitze und Staub, das dunkle Festtagskleid verdrossen aber sorgsam in den Händen tragend, fühlte sie nur immer und immer wieder die Zweifel über jenes Wie, einem Maulwurf gleich, in ihrem Hirne wühlen.

Keine minder abenteuernde Natur als die letzte der Uh! Stetig auf einem Punkt gleich der Urahne auf der Felsenburg! Die Felsenburg war verschwunden; der kalte Finger der Noth wies auf die Mansarde. Beschäftigung in einem Nähgeschäft, mehr erwartete sie nicht; nur still, verborgen und darum in einer großen Stadt, in deren Gewühl ein armes Wesen unbeachtet verkümmern darf. Vielleicht, daß heimlich auch des Jugendfreundes Nähe sie dorthin lockte; vielleicht, daß sie in manchem Augenblick bereute, seinen Plan von vornherein so schnöde abgewiesen zu haben; ja, wäre sie nicht unerwartet mit einer bereits empfohlenen Dienstcandidatin zusammengetroffen, immerhin möglich, daß ihr Biograph, ihrem Leben und Leiden den Titel: »Die Freiin als Zofe«, hinlänglich zeitgemäß, hätte vorsetzen dürfen. Wie dem aber auch sei, es wurde Goldmiekchen nicht schwer, die spröde Kameradin zu einem Umweg nach dem Grafenschlosse zu bereden und als Rathsuchende den Liebenden einen bedeutsamen Schritt entgegen zu führen.

Ein Weg, den Bach entlang, leitet sie nach der Wassergrotte; hier will die Ermüdete die Botschaft der voraneilenden Begleiterin erwarten. Sie ist allein, erquickende Stille und Frische umfangen sie; sie löst die schweren Flechten, die brennende Fußbekleidung; kühlt in den plätschernden Wellchen die heißen Glieder, dehnt sich, legt sich, fühlt es wie einen Schleier auf sich niedersinken. Die Lider, die manche bange Nacht sich kaum geschlossen haben, fallen zu; sie träumt. Wovon? Sie weiß es nicht, aber ein nie empfundenes Behagen erfüllt sie beim Erwachen; in die gebührende Atmosphäre versetzt, hat unbewußt das innere Instrument sich rein gestimmt.

Und in diesem heimlichen Wohlgefühl wird ihr, wie durch Zauber, mit unverkennbaren Zeichen der Huldigung die Aussicht auf eine Herrlichkeit eröffnet, an welche ihre kühnsten Luftschlösser, die stolzesten Erinnerungen ihrer Gönnerin, nicht annähernd gereicht haben; sie sieht sich wie selbstverständlich als Gleiche unter die Edelsten aufgenommen; der Stempel der Hoheit auf ihrer Stirn hat dem innerlichen Rechte die äußerliche Geltung erwirkt. Die Offenbarung des Berufenen ist über sie gekommen; sie ahnt noch Höheres, ja das Höchste. Herz und Pulse schlagen laut; eine fiebernde Erregung spannt und treibt die Nerven; sie ist zum ersten Male in Wahrheit Regina von Uh.

So schreitet sie gehobenen Hauptes voran der Gefährtin, der sie achtlos das leichte Reisegepäck überläßt; die zur Arbeit, vielleicht zum Dienen ausgezogen ist, nimmt unwillkürlich die Dienste derer an, die sie bereits nicht mehr als ihres Gleichen achtet.

Die Parkpfade sind durch Wegweiser bezeichnet. »Nach dem Freundesthale« lautet der, welchen sie, ohne zu wählen, eingeschlagen hat. Die Stunde bis zur verhängnißvollen Entscheidung muß hingebracht werden, gleichgültig wo.

»Ein Gottesacker und wie schön!« mit diesem Ausruf der Ueberraschung unterbrach Marie Willig das beiderseitige Schweigen.

Regine erhob den sinnenden Blick und sah sich am Ausgang einer fast nächtigen Allee in ein umwalltes kleines Gehege versetzt, das auch sie für keine andere als die letzte Erdenstätte nehmen konnte.

Auf sammetweichem Rasenboden, unter ein heimischen wie fremden Baum- und Strauchgruppen, hier unter ernstem Lorbeer, dort unter knospenden Rosen, von Weinlaub umrankt, von Myrthen umschattet, von den lieblichsten Düften umweht, reihte sich ein Kreis weißer Marmorbüsten um eine, die auf leiser Höhe, unter dem mächtigsten Eichenbaume des Parks, sie alle überragte.

Regine würde auch an diesem ernsthaften Platze achtlos vor-übergegangen sein, wenn nicht ein Aufschrei ihrer Begleiterin sie zurückgeführt hätte. Nun sieht sie, was sie stutzen macht: der Kopf in der Mitte ist unverkennbar der des wunderlichen kleinen Mannes in der Muschelgrotte, und auf der Rückseite des Sockels steht in gemeißelten Lettern der Name: Scipio von Schnakenburg

Mit jäh gewecktem Interesse liest sie nun die Aufschrift, die sie nicht mehr für ein Epitaphium hält:

»Die meines Geistes sind, die will ich Freunde nennen,

Ob Zeit, ob Maaß und Raum die Geistvereinten trennen«

Ein Rundgang führt sie darauf von Bild zu Bild im Freundeskreise. Die Namen der Mehrzahl und zwar zumeist solche, deren Postamente künstlerische Attribute zieren, sind der Kleinstädterin freilich unbekannt; dazwischen aber ragen, durch kriegerische und fürst liche Embleme ausgezeichnet, auch andere, die aus alter und neuer Zeit einen heroischen Klang im Volke gewonnen haben und wieder andere, die bei gelegentlichen Vorlesungen am Krankenbette der Gönnerin, als Denker und Dichter unter den ersten aller Nationen genannt worden sind. Alles in Allem: die Beschauerin begreift, daß der Edle von Schnakenburg sich wacker zu stellen gewußt habe.

Was aber am Bedeutsamsten ihr in die Augen springt, das ist ein Zug auch leiblicher Verwandtschaft zwischen dem Lockenhaupte in der Mitte und dem Chor der Geistesfreunde rings umher. Ob Diadem oder Lorbeerkranz, modische Frisur, Perrücke, oder selber eine Glatze hier einen jugendlichen, dort einen greisen, apfel- oder birnenförmig, gewölbt, platt, eckig zulaufenden Scheitel krönen, realistisch oder idealistisch dargestellt, unverkennbar waltet darunter, so zu sagen, ein air de famille. Ja, im Verlauf des Weges lugt aus allen Bildwerken von Stein und Metall, aus wasserspeienden Mohren- und Türkenköpfen, blumentragenden Caryatiden, unter goldglänzenden Löwenmähnen und vielzackigen Hirschgeweihen sogar, lugt der nämliche Schnakenburg'sche Zug aus den Büschen hervor.

Dieser spukende Zug aber wird der empfänglich Aufgeregten zu einem leitenden Faden und so, das traumhafte Sinnen von den Lichtblitzen einer immer deutlicher aufspringenden Erkenntniß durchzuckt, geht sie schweigend, doch sicheren Schrittes, ihrem Ziele entgegen.

Goldmiekchen dahingegen, wenngleich himmelweit von dem Gedanken entfernt, daß selber der vornehmste Herr sich bei lebendigem Leibe ein Denk- oder Grabmal errichten könne, war durch die Aehnlichkeit ihres Begegnens mit dem weißen Spitzkopfe auf dem Gottesacker in eine bängliche Unruhe versetzt worden, der ihre bisherigen Bedenken rasch verscheuchte. Hatte das hochstrebende Gesellschaftsfräulein die Handhabe einer Schwäche ausgespürt, so mußte die bescheidene Dienstcandidatin sich des gröblichsten Uebermuths bezüchtigen. Ein naher Angehöriger des hier im Bilde Verewigten war von ihr verlacht und beleidigt worden; ein Bruder, ein Sohn des gegenwärtigen Besitzers wohl gar, jedenfalls ein hoher Herr. Ihre Aussichten sanken so tief als die ihrer Kameradin sich hoben Bei alledem aber konnte sie sich den Widerspruch nicht reimen,durch ihren Ausfall bei dem wunderlichen kleinen Herrn und der strickenden Dame statt des Unwillens nur freundlichen Antheil und eine Einladung nach dem Schlosse erweckt zu haben. Zwischen Angst und Trost bereitete sich das gute Kind auf ein Strafgericht und demüthige Abbitte vor.

Ihre Verwirrung sollte jedoch den Gipfel erreichen, als sie, vor der Eingangshalle der Burg angelangt, das Auge zu einer Schilderei erhob und mit einem Schrei des Entsetzens den erfaßten Glockenzug fallen ließ, um, wie ein schämiges Kind, das Gesicht mit beiden Händen zu bedecken. Die seltsamlich verschnörkelte Tafel über der Pforte wurde in Genossenschaft eines auf den Hinterbeinen tanzenden Bären von einem Riesen gehalten, der wie der Stammvater im Paradiese, mit nichts Umständlicherem als einem Laubgürtel bekleidet, noch einmal die Züge ihres Grottenbegegners, nur in's Wilde übertragen, zurückstrahlte. Das arme Miekchen fühlte sich wie von einem Hexennetz umsponnen und das um so bänglicher, als sie ihre spröde Gefährtin das Aergerniß sonder Scham noch Scheu betrachten sah.

Aber nicht blos ohne Scham und Scheu, mit Verständniß und Wohlgefallen betrachtete Regine das gekrönte Schnakenburg'sche Wappenschild und seine Halter; sie hatte gravirt und gestickt manches ver wandte Kunstgebilde in der Umgebung ihrer Gönnerin kennen gelernt, auch heraldische Unterweisungen aus ihrem Munde vernommen; hinreichend, um die Embleme der Ahnen richtiger als die der Geistverwandten im Freundesthale ausdeuten zu können; sie würde jedoch, zur Beruhigung ihrer kleinbürgerlichen Begleiterin, sich kaum mit einer Erklärung befaßt haben, auch wenn das Herz ihr nicht vor Ungeduld gezittert hätte. So zog sie an Jener Statt nur die Klingel, drängte sie vorwärts und sah sie, der Weisung des Pförtners folgend, in der tiefen, halbdunklen Halle verschwinden.

Die arme Kleine schüttelte sich vor dem unheimlichen Spielwerk der Waffen und Rüstungen längs der Bogenwände; mit einem Schauder fühlte sie hinter den leeren Augenhöhlen des geharnischten Eisenriesen die Blicke des beleidigten Zwerges auf sich niederlugen: »Ach,« dachte sie, »wie seelensgut müßte eine Herrschaft sein, wenn ich ihr mit Freuden in einem solchen Hauswesen diesen sollte!« Seufzend stieg sie die Wendeltreppe hinan.

Regine machte während dessen einen Rundgang um das Schloß, das so weitläufig und buntförmig es sich darstellt, nur eine kurze, keineswegs erinnerungs reiche Geschichte hinter sich hatte. Der älteste Theil, die Südfront, ist ein Schnörkelbau des vorigen Jahrhunderts; die östlichen und westlichen Flügel wurden im Villenstyl ausgeführt; jener, vom Vater des gegenwärtigen Besitzers im italienischen; der andere, durch den jungen Grafen selber, als er von seiner iberischen Reise heimkehrte, im maurischen Geschmack. Neuerdings wurden diese Flügel den beiden Frontbauten durch Galerieen und Eckpavillons verbunden, von welchen der erste eine Pagode bildet, mit sonnbeschirmten Mandarinen zwischen den Pfeilerpalmen; der andere einen griechischen Tempel hinter säulengetragenem Portikus; der dritte eine goldig gekuppelte Moschee; der vierte ein schwer zu classificirendes Thurmgehäus, möglich, daß es an die Pyramiden Aegyptens erinnern sollte. Am Ausgang der Avenue ragt das römische Siegesthor; die umgebenden Gärten blühen und duften in stylentsprechenden Pflanzungen.

Jüngsten Datums, kaum vollendet, das Quadrat gegen Norden abschließend, präsentirt sich die Parkfront der Burg; mit ihren unregelmäßigen Geschossen, Wendeltreppen, Erkern und Altanen, mit ihrer niederen Halle im Souterrain der breiten Terrasse; eine, wenn auch da und dort willkürlich abschweifende, mittel alterlich englische Nachahmung, wie sie in der stylarmen Epoche, nicht immer zur Bequemlichkeit der Insassen, Mode geworden war.

So viel oder so wenig über das im Lande vielbesprochene, betrachtete, belachte, in seinen Einzelheiten bewunderte herrensitzliche Conglomerat der Schnakenburg. Wir haben nur zu bemerken, daß unsere kleinstädtische Heldin, weit davon entfernt, ihren Geschmack oder Ungeschmack zu begreifen, den allgemeinen Eindruck mit richtiger Ahnung empfand und daß während des Beschauens, ohne Erklärung des Wie und Warum, das Wesen des Erbauers und Verwandlers zu einem immer deutlicheren Bilde ineinander schoß. Als sie ihren Wandelgang vollendet hatte, wußte sie weit klarer, als da sie ihn angetreten, wie sie dem Manne zu begegnen habe, in dessen Hand ihr Schicksal ruhte. Der leitende Faden war ein lenkender geworden; sie fühlte sich fester, ruhiger, stolzer denn zuvor.

Kaum hatte sie die Hallenpforte wieder erreicht, als ihr Marie mit freudeglänzenden Backen und blitzenden Augen entgegengesprungen kam, um sie in das obere Geschoß zu der harrenden Herrin zu geleiten. Im Fluge wurden die merkwürdigsten Erlebnisse verkündet. Die Schloßdame war keine andere als die strickende Matrone; der Schloßherr kein anderer als der kleine Spaßvogel in der Muschelgrotte; zur Stunde aber nicht mehr grün wie ein Laubfröschchen, sondern roth wie ein gesottener Krebs. Und weder er noch sie waren beleidigt oder zürnend; nein, großmüthig beide und menschenfreundlich wie die Engel. Man hatte ihr den Dienst zugesprochen; sie hieß von heute ab Kammerjungfer; doch nicht zum Ankleiden und Haarmachen, das sie ja im Grunde noch gar nicht verstehe, die alte Dame aber auch ohne Hülfe, mit eignen Händen zu besorgen pflege. Zu welchem Dienste eigentlich? Das war Miekchen selber noch nicht klar; keinenfalls zu einer schweren Lehrzeit, wie Meisterin Dorothee sie anempfohlen hatte; und dafür fünfzig Thaler Lohn; Geschenke und Trinkgelder ungerechnet.

Lohn und Geschenke! Wie ein eisiges Bad überstürzten diese Worte die hoffnungsstolze Träumerin. Wenn man ihr ähnliche Anerbietungen stellen sollte? Und warum nicht sollte? War sie zu einer anderen, wenn auch eine Stufe höheren, Stellung als der des Dienens um Lohn und Brod in diese Räume beschieden worden? Sie fühlte ihren Muth jählings gebrochen und folgte der Führerin bebenden Schrittes, mit der Hand die steinerne Ballustrade der Wendeltreppe umklammernd.

Auf der Höhe derselben trat ihnen die Matrone der Grotte entgegen, festmäßig umgekleidet, ein Ordenskreuz lugend hinter den Falten des Spitzenüberwurfs, aber das Haupt noch schüchterner gesenkt und bleicher, trübeblickender als vorhin.

»Wir haben den Miethsgroschen vergessen, liebes Kind,« sagte sie, indem sie ein Goldstück in die Hand der ob dieser neuen Großmuth bestürzten Marie gleiten ließ. Dann aber wendete sie sich hastig zu Reginen, welche das freundliche Wort gleich einem Messerstich durchzuckt hatte. Sie ergriff ihre Hand mit niedergeschlagenen Augen; die schmächtige Gestalt überlief ein Frösteln, ihre Lippen bebten; noch aber war das Wort, daß ihr das Herz bedrückte, nicht ausgesprochen, als eine Thür des Hintergrundes sich öffnete und ihr früherer Begleiter im Vestibül erschien.

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