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Hellstädt und andere Erzählungen

Louise von François: Hellstädt und andere Erzählungen - Kapitel 16
Quellenangabe
authorLouise von François
titleHellstädt und andere Erzählungen
publisherVerlag von Otto Janke
year1874
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20171120
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Zweiter Band.

Die Schnakenburg.

(Fortsetzung.)

 

Drittes Capitel.

Regina hatte, um das Straßengetümmel zu vermeiden, den einsamen Gartensteg eingeschlagen. Sie ging mit fliegenden Schritten, am Ackerpförtchen hielt sie still. Sie athmete auf und schüttelte sich, als ob sie die eingesogenen Lüfte und Düfte aushauchen, jeden Laut, jeden Blick, den sie erduldet, von sich abwedeln möchte. Wie dieses Treiben sie anwiderte! Und doch kannte sie kein anderes, ahnete es kaum und was jenseits ihrer Träume lag, deckte der rauhe Schleier der Noth.

Sie hörte nacheilende Schritte und spürte ohne Umblick, wer der Verfolger war. Sie hätte sich freuen mögen und wäre doch wieder auch gern ihm ausgewichen. Noch wußte sie nicht, was sie wollte und sollte, als Gotthold Fromm bereits an ihrer Seite stand.

Sie waren Heimaths- und Nachbarskinder, Gespielen, Schul- und Gottestischgenossen, das webt ein Band; sie waren jung, schön, eines in des Anderen Augen, beide Waisen, arm, ohne Blutsangehörige, lediglich auf sich selber gestellt: das webt ein starkes Band. Und welches stärkere, als sich geliebt zu wissen ohne Datum, heimlich, innig und treu, einzig von Einem, sie, die Verlassene, die Allen Fremde, von Allen Gemiedene.

Er hatte nach dem Tode seines Vaters das Seminar, dem er kaum sich eingefügt, eigenmächtig aufgegeben, um bei einem Kunsttischler der Residenz in die Lehre zu treten; an jedem hohen Feste aber kehrte er auf einen Tag oder zwei im Heimathsstädtchen ein, dem Namen nach als Gast von Schwester Marie, oder Pflegerin Dorothee, dem Sinne nach um der Geliebten, um ihretwillen. Auch heute war er nur um ihretwillen gekommen; seine Blicke hatten es gesagt ohne Worte. War er dann da, so sahen sie sich wenig; oft nur mit einem Gruß von der Straße hinauf zu ihrer Giebelstube, die er niemals betreten hatte. Dann und wann beredete er sie wohl auch zu einem Gang über Land, in der Schwester Begleitung, einmal sogar zum Tanz; aber nicht wieder, so wenig wie diesen Abend. Ihr Ekel vor dem Treiben ihrer Lebensgenossen war stärker, als die Anziehung seiner Gegenwart. Und gedachte sie denn überhaupt, sich dieser Anziehung zu unterwerfen?!

Er war ein armer, hartarbeitender Gesell, seine Zukunft eine Werkstatt. Hatte sie denn nicht, seitdem sie ihr Dasein spürte, sich aus diesem Getriebe von Wirthschaft und Kundschaft hinausgesehnt? Gesehnt, wenn auch unter Entbehrungen, wenn auch einsam vor wie nach, auf einen Höhenplatz unter ihres Gleichen? Keiner und vor Allem Keine gönnte den schönen Verehrer der spröden Hoffarthei; aber selber der Neid, der Neid mißachteter Lebensgenossen konnte der Beneideten nicht zum Treibstoff werden. Die Jungfrau nickte dem Jüngling zu, die spukende Urahne schüttelte unwillig den Kopf und so wurde auch in dem natürlichsten Verhältniß eine unnatürliche Spannung nicht gelöst.

»Du gehst, Regine?« redete er sie an. »Sie werden Dir's übel nehmen.«

»Mögen sie!« lautete der gleichgültige Bescheid.

Er ging eine Weile schweigend an ihrer Seite; dann sagte er gepreßt: »Gesteh's nur, liebe Regine, mir gesteh's, der Schlag trifft Dich härter als Eine. Welche von Allen hätte nicht einen Unterschlupf? Du, arme Seele, hast keinen Menschen, keinen.«

»Ich würde von Niemand eine Wohlthat annehmen,« unterbrach sie ihn und ihre Stimme klang herbe bei den Worten, »von Niemand, ja von Niemand!«

»Nicht eine Wohlthat,« entgegnete er sanft; »aber wenn Du einlenktest, ganz leise, Liebe; die Dorothee bewilligte Dir Arbeit beim Einfassen auch außer ihrem Haus. Ein gutes Wort wirkt viel bei ihr. Ich gäbe es, Regine, ich, nicht Du.«

»Keine Sylbe, Gotthold; hörst Du, keine Sylbe!« rief das Mädchen mit ungewohnter Heftigkeit »Und wenn sie mir die Arbeit entgegenbrächte, ich schlüge sie aus.«

Er blickte bestürzt. »Hast Du anderwärts Beschäftigung gefunden?« fragte er kleinlaut nach einer Stille.

»Nein, auch keine gesucht.«

»Aber wo denkst Du zu bleiben, Regine? Was zu thun?«

Ein bitterer Hohn kräuselte die feinen Lippen und ein schneidendes kurzes Lachen preßte sich mit der Antwort zwischen ihnen hervor.

»Dienen, dienen gehen, wie Deine Meisterin verlangt.«

»Dienen, dienen gehen, Du Regine, Du?« rief er athemlos.

»Eine Magd, warum nicht?« versetzte sie.

Er stand wie erstarrt. Ueberraschung, Zweifel, Erbarmen – und ein Hoffnungsstrahl zuckten jach durch sein Gemüth. Er ahnete den Wermuth, den sie hinunterpreßte; sein Herz hämmerte schier hörbar; alles drängte zu dem entscheidenden Wurf, auf den er sein Lebensglück gesetzt hatte.

Und so hob er denn, nachdem er eine neue Weile schweigend an ihrer Seite gegangen war, seine Mittheilung an; anfänglich schüchtern, halb verworren, wie immer in ihrer Nähe, aber je mehr und, mehr mit munterem Vertrauen. Erst gegen Abend eingetroffen, mußte er am Morgen schon wieder fort. Er hatte keine Zeit zu verlieren und es war ja auch frohe Botschaft, die er verkünden sollte.

Daß es sich zum Guten mit ihm gewendet habe, weithin zum Guten, viel früher als er vermuthet; daß er nicht mehr Geselle heiße, daß sein Meisterstück in Wahrheit eines gewesen, daß man ihn losgesprochen. Nun freilich galt es einen Anfang; aber auch da ein Treffer in der Noth. Ein reicher Gutsbesitzer, der reichste in der Provinz, freigebig wie ein Fürst, hatte ihn in Arbeit genommen; feine, kunstvolle Arbeit, wie er sie liebte, auf Jahr und Tag hinaus. Eine stille Werkstatt mitten in einem Paradies, Lohn über Verdienst. Lob und Beifall in den Kauf. »Regine, ich habe eine Glücksnummer gezogen!« rief er zum Schluß.«

»Das freut mich,« versetzte Regine kühl.

»Und warum es mich so freut,« fuhr der junge Mann mit vor Bewegung zitternder Stimme fort, »so im Herzensgrunde freut, just heute so freut, Regine, ich dachte zu schweigen, bis ich mein Ziel erreicht, aber da es nun so gekommen und dann, Du mußt es ja wissen, Regine, lange, lange wissen.« –

Er griff nach ihrer Hand und preßte sie an sein Herz. Noch nie hatte sie ihm ihre Hand gelassen; bei jenem einzigen Tanze selber die seine kaum berührt; und die ruhige Hand beim Willkommen und Abschied hatte bis heute seine Zunge gebannt. Jetzt aber hielt er sie und sie entzog sie ihm nicht. Ja, laut auf hätte er jubeln mögen, als er eine Bewegung, ganz leise, wie das Klopfen einer Ader, durch seine Glieder zucken fühlte. »Regine, liebe; liebe Regine!« rief er freudestrahlend.

Ach, da bogen sie hinter den Hecken in die Straße, standen plötzlich dem Lahmeichen und seiner Führerin gegenüber und die kostbare Hand riß sich, wie im Schreck über ihre Verirrung, aus der seinen.

Das Lahmeichen weinte noch immer, sie hatte von Natur hart an's Wasser gebaut und außer der gutmüthigen Marie, ringsumher die Freunde mit ihren Thränen fortgespült. Denn Klage, als tägliches Brod, verstimmt gleichwie Landregen und nebelndes Wolkengrau. Ein jaches Unwetter und dann wieder Sonnenschein, das schafft zuthätige Herzen.

Das Kreuz war freilich schwer für ein armes Kind, ach allzu schwer. Das Stocken des gewohnten Erwerbs bei dem krüppelhaften Körper und der hinfälligen alten Mutter; obendrein der grausame Hauswirth, der wegen des rückständigen Zinses binnen einer Woche gekündigt hatte, ohne daß bis heute ein Unterkommen gefunden war. In diesen und ähnlichen Klageliedern hatte die Arme sich während des Weges das Herz zu erleichtern gesucht.

Auch als jetzt die beiden Paare aufeinandergestoßen waren, blieb die Unterhaltung in dem auf geworfenen Gleis. Die Brodlosigkeit so vieler Kameradinnen, die Noth um einen Platz in solcher Uebereil und so drängte der Augenblick zu einem Vorschlage, der seit Reginens unerwartet ausgesprochener Dienstwilligkeit in ihres Freundes Kopfe rumorte. Freilich half er nur Einer; galt auch nur Einer; schwerlich aber würde er den Muth gehabt haben, ihn dieser Einen im Besonderen anzutragen.

In dem Schlosse, das ihm selber so ergiebige Beschäftigung gewährte, war der Posten einer Kammerjungfer zu besetzen; der Dienst Kinderspiel, die Behandlung mütterlich. Menschenfreundlich und demüthig, wie ein Resedablümchen, nannte der junge Meister die vornehme Dame.

»Die Gemahlin des Grafen?« fragte Regine scheinbar gleichgültig.

Der Befragte lachte hell auf. »Seine Frau? der eine Frau? Bewahre mich. Seine Verwandte und Pflegemutter ist's.«

Regine unterdrückte die Neugier nach dem Grunde des Gelächters, das ihre Frage hervorgerufen, ihr Freund aber hatte, so unbetheiligt sie gestellt war, den zündenden Funken herausgespürt; um das Eisen zu schmieden, so lange es glühte, malte er Vortheile, wie Reize seines neuen Aufenthaltes mit den lebhaftesten Farben aus, selbstverständlich hervorhebend, »was für ihn und seines Gleichen das Bedeutungsvollste darin war. Das herrschaftliche Treiben im Schloß, die prächtigen Gartenanlagen wurden daher nur beiläufig als Erholung und Augenweide erwähnt; während das kleine Musterdorf mit behaglicher Breite geschildert ward. Eine Colonie reihte sich daran für die Invaliden des gräflichen Dienstes, wie für Handwerker aller Art, welche das Schloß beschäftigte. Der junge Meister freute sich auf ein Heimwesen, das auch er nach einer Probezeit sich in derselben werde gründen dürfen; mit Bezug und gelegentlichem Absatz von und nach der kaum eine Stunde fernen Residenz, mit guten Freunden zu Nachbarn, der herablassendsten Herrschaft, immer etwas Neuem, Curiosem im Schloß, wie hätte man sich's köstlicher träumen können. Endlich aber im Kreise zum Ausgangspunkt zurückkehrend, kam auch der vorgeschlagene Jungfernposten wieder an die Reihe: die gute Behandlung, reichliche Kost, fünfzig Thaler Lohn. –

»Fünfzig Thaler Lohn!« schrie das Lahmeichen auf, einer Verschmachtenden ähnlich, der man durch ein unübersteigliches Gitter die Früchte des Paradieses gezeigt hat. »Fünfzig Thaler Lohn und die Geschenke in solchem großen Haus! Weihnachten, Trinkgelder,« die abgesetzten Kleider der Herrschaft! o Gott, o Gott!«

Arme Regine! Keiner fühlt den eiskalten Schauder, der während dieser Entzückung Deinen Leib überrieselt; Keiner gewahrt Dein Erbleichen. Der ehrliche Bursche sollte seine Mine verpuffen sehen, ohne nur zu ahnen, wodurch er sie überladen hatte; ohne aber auch darauf zu achten, daß die Augen einer Anderen begierig funkelten und daß während des nachfolgenden kurzen Hin- und Widerredens eine Andere mit einer Spannung zitterte, die sie bis zu dieser Stunde niemals empfunden hatte. Kein Wunder freilich, daß das Bruderauge blöde ist, wenn das Liebstenauge vom Schimmer der Hoffnung geblendet wird.

»Das wäre ein Posten wie gemacht für Sie, liebe Finnuh,« sagte seufzend die Lahme.

Die Finnuh schwieg. Ein Krampf schnürte ihre Brust zusammen

»Ja, für Dich, Rinchen,« bestätigte Marie, indem sie das eigne Verlangen dem wohlgeahneten ihres Gotthold unterordnete; und als die Andere auch jetzt keine Antwort gab, setzte sie nach einer gespannten Pause hinzu: »Du müßtest Dich rasch entscheiden, Liebe, denn Gotthold reist schon am Morgen zurück. Wünschest Du den Platz auf seinem Grafenschlosse, Regine?«

»Nein!« stieß die Bedrängte kurz und heftig hervor.

»Nicht? Ueberlege Dir's wohl, wirklich nicht?«

»Nein, nein!«

»Nein, nein!« murmelte der bestürzte Freund ihr nach.

»Nun, dann ich, Gotthold!« flüsterte ihm die Schwester in's Ohr, ehe sie dem Lahmeichen nach in die geöffnete Hausthür sprang.

Wie gleichgültig prallte dieser feurige Entschluß an dem Herzen des Werbers ab! Vielleicht daß er ihn nicht einmal vernommen hatte. In seinem Ohr surrte jenes unerwartet harte Nein und sein Auge starrte auf die Schöne mit der Uhumiene. Verwirrt setzte er, wieder allein, den Weg an ihrer Seite fort.

Sie ging schweigend mit hastigen Schritten; die rothe Blüthe entglitt ihrem Gürtel; er hob sie auf und wollte sie auf seine Brust verlegen.

»Ein Gedenkzeichen dieses Abends!« flüsterte er.

Im Nu war sie seiner Hand entrissen. Sie standen vor dem Hause mit dem weitschauenden weißen Giebel.

Er faßte nach ihrer Hand. »Geh noch ein Endchen mit mir, Liebe, dort auf die Wiese hinaus,« flehte er.

Sie entriß ihm die Hand und öffnete die Thür.

»Regine,« rief er außer sich, »ich kann so nicht von Dir scheiden. Nur ein Wort, liebe Regine«

»Gute Nacht!« wiederholte sie und schloß die Thür.

Da stand der arme Narr und starrte wie gebannt hinauf zu dem weißen Giebel. Das Fenster stand offen; der rothblühende Kamelienstrauch dahinter. »Reginens Wahrzeichen«, wie er ihn einst im Scherz genannt hatte. Er starrte und starrte. Eine halbwelke Blüthe fiel zu seinen Füßen nieder. Hatte ein Windzug sie abgeschüttelt? War es die, welche heut' Abend am Busen seiner Schönen verblüht? Er nahm sie als Zeichen der Versöhnung, küßte sie, barg sie auf seinem Herzen und spähte noch eine lange Weile nach dem Giebelfenster: keine Regine ließ sich sehen.

Zum Tode betrübt wandte er sich endlich die Straße zurück. So kalt, so fremd sollte der Tag ver laufen, auf den er eine langgesparte Hoffnung gesetzt hatte! Ohne jenen leisen Druck der Hand, ohne die welke Blüthe auf seiner Brust wäre er verzweifelt.

Ihn überholte die Schwester, die wie ein Pfeil aus dem Nebengäßchen geschossen kam. Es schienen ihr Flügel gewachsen. In blitzartiger Eingebung hatte sie zwei bedrängte Herzen von schlummerscheuchenden Sorgen befreit, für die erste wahrhaftige Gutthat ihres Lebens ein Opfer eingesetzt. Und war es denn wirklich ein Opfer, nicht vielmehr eine Freude, ihr Stübchen im eigenen Haus und ihren Arbeitsvorzug im Geschäft der Meisterin einer unglücklichen Kameradin abzutreten, die eine Mutter zu ernähren hatte, sich selber aber im Dienen in heilsamer Unterwerfung zu üben; ein Stückchen fremde Welt kennen zu lernen und statt der vielen, lieben Freunde, die sie verließ, einen einzigen, aber den liebsten, jeden Tag vor Augen zu haben.

Alles das sprudelte das gute Kind freudezitternd hervor, als es Hand in Hand mit dem Bruder nach dem Hochzeitshause zurückging. Freilich hörte er Anfangs nur mit halbem Ohr, blickte noch oft nach dem weißen Giebel zurück und seine Einwendungen klangen schier wie aus einer Fibel. Indessen sammelte er sich doch Wort um Wort. Zur Noth haben ist gut, aber über Noth haben ist besser und war es nicht die Geliebte, wem, gleich der Schwester, hätte er die vortheilhafte Stellung im Grafenschlosse gönnen sollen? Wem, wenn nicht seiner Schönen, lieber in die Augen blicken; als diesem guten herzlichen Geschöpf?

So trafen sie denn ihre Verabredungen und trennten sich in der Nähe des Hochzeitshauses. Er hätte im Grunde noch ein Paar Stunden verziehen dürfen; er tanzte gern und unter Heimathsfreunden zweimal gern. Aber ein Alp drückte auf seine Brust, heute konnte er nicht tanzen. Er sparte daher die morgendliche Omnibusfahrt und ging bis zum Bahnanschluß zu Fuße seinem Ziel entgegen.

Während dieser stillen, nächtlichen Wanderung klärten sich denn nun auch die Gedanken. Regine hatte recht; sie war keine von denen, für die ein Dienst sich geschickt hätte, auch der beste nicht; sie war keine, die einen Dienst annehmen durfte, außer von ihm. Konnte er ihr nicht lohnende Arbeit aus der Residenz verschaffen? Erwarb er nicht jetzt schon mehr als Einer für sich allein bedarf? Er sah sie geborgen vor Noth im hohen Giebelstübchen hinter dem Wahrzeichen des Kamelienstrauchs und entwarf in Gedanken, ja selbst mit lauter Stimme den ersten Liebesbrief, in welchem er, glücklicher als im mündlichen Vortrag, sein Herz zu entlasten gedachte.

Auch Marie kehrte nicht zum Polterfeste zurück, um tanzend daran Theil zu nehmen; nur daß zur morgenden Feier das Haus der mütterlichen Freundin in Ordnung stehe. Und unter der ordnenden Hand ordnete sich auch der jähe Entschluß mit seiner ersten hellen Freude und seinem nachschleichenden Weh zu einem vernünftigen Plan. Als schon die Morgensonne hoch am Himmel stand, verließ sie nach den letzten Gästen das Haus, fütterte ihre Turteltauben, begoß die duftenden Federnelken auf ihrem Fensterbrett, legte sich dann und schlief ein nach glücklicher Kinder Art.

Weit den peinvollsten Kampf unter den Dreien, bestand die kalte, dunkle Regine. Ihr Bett blieb unberührt; mit rastlosen Schritten ging sie die enge Giebelstube auf und nieder. Das junge Mondlicht versilberte das einzige Lebendige in ihrer Umgebung, den rothblühenden Kamelienstrauch, dem sie am Abend eine Blüthe zu ihrem Schmucke geraubt hatte.

Sie pflegte den Stock in der Erinnerung an eine vornehme Frau, zu Vater Finnuh's Zeiten ihre Hausgenossin und ihre Gönnerin. Wittwennoth hatte sie in die Abgeschiedenheit unseres Landstädtchens gescheucht, dessen einzige »Dame« sie bis heute geblieben ist. Freilich nur im Gedächtniß des ähnlich gearteten Kindes, das sie mit der letzten unerstorbenen Ader ihres Herzens an sich zog.

Keiner außer Reginen kannte und liebte die stolze ärmliche Matrone. Die kleine Waise der Magd aber streifte in ihrer Nähe die scheue Hülfe ab; dort athmete sie erlöst von dem heimlichen Zwange des Vaters, der sonder Scham noch Reue das Andenken seiner Ahnen und das Ziel der Epauletten verleugnet hatte, um der Gespons einer Köchin und bei Bierkrug und Knasterpfeife, zwischen Handwerkern und Krämern ein Gleicher unter Gleichen, der alte ehrliche Finnuh zu werden.

Unwillkürlich bildeten Auge, Ohr und Zunge des Kindes sich nach dem Muster der vornehmen Frau; unangefochten von dem Hohne ihrer zahlreichen Lebensgenossen, schritt und hantirte sie, kleidete sich und redete wie die Einzige, welche ihrem inneren Sinne entsprach; unaufhaltsam lebte sie in deren Geiste aus sich heraus und in sich hinein, auch als Jene längst schon der nur von dem Mädchen gepflegte grüne Hügel bedeckte, als das Mädchen vaterlos, gänzlich vereinsamt, in niemals wechselnder, stiller Tagarbeit den Kampf um des Leibes Nothdurft bestand. Der Keim der Urahne schoß in ihr auf; das leibhaftige Schauen und Tasten des ihr Gemäßen, erzog sie zu einem fertigen Wesen. Eine Magd wie ihre Mutter, eine zufriedene Dienerin wie Marie Willig würde Rinchen Finnuh niemals geworden sein, auch wenn ihr die vornehme Frau nicht begegnet wäre; da sie ihr begegnete, wurde sie Regina von Uh.

Um unserer wenig geliebten und vielleicht wenig liebenswerthen Heldin durch ein Gleichniß Gerechtigkeit widerfahren zu lassen: sie ähnelte der Alpenpflanze, die als Samenkorn vom Föhn auf das Feld des Thales hinabgeweht, der auch der Felßbrocken nachgetrieben worden war, darauf sie Wurzel schlagen durfte und die sich nun heimlich ewig in die Höh' der reinen, kalten, nie geschauten Heimath sehnt.

Keine Stepperin arbeitete zuverlässiger als Finnuh's Regine; nicht aus Lust, oder um Lob und erhöhten Lohn; aber weil der unentbehrliche Lohn durch keine Nachsicht zur Wohlthat werden durfte. Vom Morgengrauen bis zur sinkenden Nacht saß sie hinter dem Wahrzeichen des Kamelienbaums, dem zu Gunsten sie Winters manches Holzscheit opferte, das sie dem eignen Behagen abgedarbt haben würde. Die steifen, dunklen, glänzenden Blätter, die feurigen duftlosen Blüthen erzählten ihr nicht etwa Märchen aus einem eingebildeten Reich, nur Alltagsgeschichten jener wirklichen Welt, in der sie sich als Bürgerin fühlte, ohne mehr als eine Emigrantin derselben gekannt zu haben. Vorgänge, Schicksale, Freuden und Leiden, von denen, die sie stündlich vor Augen sah, nur durch die Weise unterschieden, mit der sie äußerlich aufgenommen, durch Zeichen und Laute dargethan wurden. Und wie sie jetzt mit starken Schritten den Raum durchmaß, da waren es wieder diese mondbeglänzten Purpurblüthen, welche blitzartig die Nacht ihrer Gegenwart durchzuckten. Des jungen Meisters langgeahnete Liebe, die momentane Wallung ihm entgegen; das niedrige Loos, das er, die Zumuthung nicht einmal ahnend, ihr vorgeführt hatte; Dienstschaft, Kundschaft, Wirthschaft, die handwerksmäßigen Reden und Schwänke dieses Abends neben dem aus der Ferne leuchtenden Herrenschloß, vor- und rückdrängende Noth, Sehnsucht und Ekel, das wogte und wirbelte, siedete und rieselte wie Fieberschauer in ihrem Hirn. Sie fand keinen Schlummer.

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