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Hellstädt und andere Erzählungen

Louise von François: Hellstädt und andere Erzählungen - Kapitel 15
Quellenangabe
authorLouise von François
titleHellstädt und andere Erzählungen
publisherVerlag von Otto Janke
year1874
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20171120
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Zweites Capitel.

Regina von Uh, die Letzte eines ahnenreiches Geschlechts, die verwaiste Tochter eines Militairs und Beamten, warum lautete diese Erklärung der ehrlichen Marie Willig doch wie ein Scherz, oder gar wie eine Lüge? Hatte sie ihre Kameradin jemals scherzen hören? Hätte sie ihr eine Unwahrheit zutrauen dürfen? Nur eine Uebertreibung? Nimmer.

Die Vorführung einer festlichen Scene, kaum eine Woche von dem heutigen Maientage zurückdatirend, wird genügen, den Leser über diesen Zwiespalt aufzuklären und ihn in dem bisherigen Lebenskreise unserer beiden Heldinnen bekannt zu machen. Denn mit zwei Heldinnen statt der üblichen einen werden wir uns zu beschäftigen haben, wenn das Plus auch kunstmäßig als ein Minus erachtet werden sollte.

Poltern! Eine wohllöbliche Ortspolizei tractirt den lustigen, alten, deutschen Brauch quasi als Krawall. Wird sie aber die halbe Stadt in Buße nehmen wollen und, wer weiß, die Frau Bürgermeisterin an der Spitze? Und wenn auch? Was Alle büßen, büßt Einer mit. Gepoltert wird doch!

Haus bei Haus liegen seit Morgens Töpfe und Tiegel, Schüsseln und Kruken aus dem Scherbenwinkel hervorgesucht; manches noch brauchbare Stück, je wuchtiger um so dienlicher, ist von dem Küchenbrette ausgesondert. Hinter allen Thüren lauscht ein ungeduldiges Gesicht: da der Lehrbursche, dort die Magd, am Fenster die Madame; selber der ehrsame Hausherr kehrt ein Stündchen früher von der Kegelbahn zurück, den leeren Krug statt des gefüllten in die Hand zu nehmen.

Haben denn Maientage allezeit sich endlos wie der heutige hingezogen? Will kein Wölkchen über die zierliche Mondsichel schleichen? Ein Wölkchen, das Regen bedeutet und Segen der Braut, zwar nicht in den Kranz, in den hat es schon einmal geregnet, in die ehrbare Wittwenhaube jedoch, der ja wohl auch noch ein Segenströpfchen zu Gute kommt. Blick für Blick ist nach einem stattlichen Hause gerichtet, dessen breite Gartenflucht sich hinterwärts in ein zugehöriges Ackerstück verläuft; nach dem blanksten Hause im Städtchen, das doch ein gar blankes Städtchen ist, wie manche, die gelassene Hantierungen treiben und an welchen die Dampfrosse meilenfern vorüber brausen.

Nein, Nacht wird's heute nicht. Voran denn im Zwielicht. Ein donnernder Krach! Schallendes Gelächter! Das alte Geschirr ist aufgebraucht; von morgen ab wird in neuen Schüsseln angerichtet. Das Feuer eröffnet, geht's Schlag auf Schlag, Tracht auf Tracht. Kein Fest ohne Knall. Böller oder Töpfe, jedem sein Scherz!

So draußen. Drinnen aber, wir sagten es ja schon, ist es kein Kranzfest, das vorgefeiert wird. Noch eine freie Nacht und die wohlconditionirte verwittwete Frau Meisterin hat ihren Werkführer, den »Pariser«, zum Mitregenten, nicht wesentlich ihrer Person, die ist Nebensache vor der Hand, aber ihres Putzkästchens von Haus und ihres weitangebrachten Schuhgeschäfts erhoben. Darum strahlt auch ein Siegerglanz über den rundlichen Wangen des angehenden Bürgers und Meisters, während auf den noch rundlicheren und reiferen der Braut der Alltagsausdruck des Behagens, nur eine unmerklich höhere Schattirung angenommen hat.

Die große Werkstube im unteren Geschoß ist ihres Geräths entleert; die hohen Glasschränke längs der Wände, welche den Schuhvorrath aller Größen und Güten bergen, zieren den Raum statt ihn zu sperren; ein würziger Lederduft mischt sich mit dem warmen Brodem der vielgestaltigen Kuchen, die vorläufig als Ornament, auf der weißgedeckten Mitteltafel prangen, während in einem Eckwinkel ein Tischchen schier unter der Last der so nützlichen als angenehmen Festgaben zu brechen droht. Wer kein Geschenk zu bringen hat, bringt seinen Witz. Gereimt oder ungereimt werden Rührung und Jocus nicht gespart, Thränendrüsen und Lachmuskeln nicht geschont. Unter der Thür zeigen sich bereits die beiden Stadtpfeifer, die nach dem Schmaus zum Tanze aufspielen sollen; die jungen Hausgesellen und ihre Collegen harren trippelnd des ersten, lustigen Bogenstrichs.

Ueber der zarteren Hälfte der Gäste, der, welche sonst vorzugsweise einen solchen Festtag zu feiern versteht, lagert dahingegen eine unwetterkündende Wolke. Eines neben die andere gereiht, sitzen die Gehülfinnen des Geschäfts geputzt und aufgewichst, bebändert und bekräuselt vom Scheitel zur Zeh, die Gesichterchen aber halb sorglich, halb ärgerlich nach einem teppichverhüllten Kasten im Eckfenster gerichtet, aus welchem wie im Mährchen, ein unheimlicher Störenfried zu spuken scheint.

Nur eine einzige hat sich die Lust nicht vergällen lassen; die Kleine, welche häuslich gekleidet und fröhlich schäfternd im Dienste der Wirthin hin und wiederläuft. So apfelroth glänzen ihre Grübchenwangen und so goldbraun strahlt das Augenpaar, als gälte es die Feier des eignen Polterfestes. Sie scheint Kindesrechte und Pflichten im Hause zu üben; alles wendet sich an sie. »Miekchen dies, Miekchen das!« schallt es hinüber und herüber. »Goldmädchen« hier, »Goldtochter« dort, ruft die Meisterin sie an, und jeder flink und froh geleistete Dienst wird mit einem Kopfnicken, oder zärtlichen Backenklaps von ihr gelohnt. Des Miekchens Blicke aber ruhen nach jeder Mühe, wie zur Erholung, einen Athemzug lang auf dem fremden, schmucken Gesellen, der unerwartet beim Feste eingetroffen ist und hinter dem Stuhle einer Anderen, der Ersten oder Letzten in der Reihe, wie gebannt steht.

Diese Andere aber welch ein Widerspiel der hellen, behenden Marie! Und von ihr nicht allein; auch aus dem Kranze der Uebrigen hebt sie sich hervor wie, ei nun, wie etwa ein Reh, das sich unter eine Lämmerheerde, oder wie ein schwarzer Schwan, der sich in einen Gänschenschwarm verirrte, so schlank und dunkel und still. Sie zischelt mit keiner Nachbarin; ja, sie hat keine Nachbarin, wenn Miekchen nicht in Ruhepausen auf den leeren Platz an ihrer Seite flüchtet; sie lacht bei keinem Scherz; bei gefühlvollen Anspielungen füllen sich ihre Augen ebenso wenig, als sie auf den dämonischen Kasten in der Ecke gerichtet sind. Ein Ausdruck von Unlust, von Zwang oder Pein ist in ihren Zügen gleichsam eingefroren; die feinen Lippen pressen sich schweigsam über einander; sie bewegt sich wenig, mit natürlicher Ruhe; giebt sie auf eine Frage Bescheid, so geschieht es wie um Gotteswillen, mit gedämpfter Stimme und reinem Laut, frei von dem unverwüstlichen Tonfall ihres Daheim. Nur wenn der schöne Gesell hinter ihrem Stuhl sich strahlenden Auges zu ihr niederbeugt, fliegt es einem Lächeln ähnlich über ihr Angesicht, ohne daß aber auch dann der innerliche Zwang sich zu lösen scheint. Es treibt sie etwas und etwas Anderes hält sie zurück; sie möchte, sie sollte vielleicht, und sie kann es nicht.

Auch in der Wahl des Anzugs unterscheidet sie sich von den Genossinnen; in dem glattgewundenen Haar, dem feinen Stoff des dunklen, dicht am Halse schließenden Wollenkleids; in dem einzigen Schmuck einer purpurnen Kamelienblüthe im Gürtel. Sie allein in der Gesellschaft trägt Handschuhe und von so trefflicher Sorte, daß die zartgegliederten Finger, die schlanken Nägel, das feine, runde Handgelenk wie unter einem Wachsguß zu erkennen sind. Ist sie schön? Für den Kreis, in den sie gestellt ist, keineswegs. Der schlanke Kopf mit dem anschmiegenden kleinen Ohr, den leise geschwungenen Nasenflügeln und halbbedeckten Augen, das bleichbräunliche Colorit gleichen dem eingeborenen Typus zu wenig, um als Reize gewürdigt zu werden. Der drallen, handfesten, Meisterin scheint sie sogar ein Dorn im Auge zu sein, und nur der fremde Gesell bekundet mit jedem Blick einen außerheimischen Geschmack. Sie selber äußert durch keine Miene weder ein Wohlgefallen, noch ein Mißtrauen gegen ihre Person. Sie ist, wie sie ist. Ja, die Gleichgültigkeit dieser Lebensgenossen mag ihr weit eher zur Befriedigung, als zur Kränkung gereichen.

Der scenische Theil des Festes war auf der Gipfelhöhe zum Abschluß gelangt, als der »Groitscher«, ein neckischer Obergesell, gravitätisch auf einem Beine stelzend und mit der Zunge rasselnd, aus dem Schnabel des prophetischen Hochzeitsvogels das Carmen entrollt hatte, das als Band um ein Wickelpüppchen geschlungen war; ein Scherz, der an keinem Polterabend seine Wirkung verfehlt. Tusch der Fiedler unter der Thür; endloses Gekrach auf der Straße; ein Sonnenstrahl über dem verdrossensten Mienenspiel! Nur die Besondere auf dem Eckplatze läßt die Mundwinkel, wie im Ekel, so tief niedersinken, daß die nämliche Wittwe, die es bemerkte, ihrer Galle Luft machte mit einem lange schon drohenden Augenblitz.

»Du drüben, Finnuhn,« ruft sie giftig, »Du brauchst nicht inwendig auszuspucken bei einem honetten Väterschwank, wenn er auch heute nicht gerade an seinem Platze ist.«

Ohne eine Silbe zu erwidern, ohne das leiseste Zeichen von Beleidigung oder Scham blickte das Mädchen vor sich nieder. Die Meisterin aber kehrte sich mit einem freundschaftlichen Rippenstoß lachend zu dem letzten Acteur: »Nichts für ungut, Groitscher, aber Euer Gutfreund kommt um eine Mandel Jahre zu spät. Alles zu seiner Zeit, hat mein Brodherr, der Schulmeister gesagt. Für die Wickeldocke ist gesorgt. Gelt, Fritzemann?« fragte sie, indem sie rechts und links einen Taps auf die Pausbacken ihres halbwüchsigen Sprößlings spielen ließ.«

Ueberhaupt entfalteten die Hände der bräutlichen Frau eine ihrem Mundwerk entsprechende Rührigkeit. Fuchtelnd und tätschelnd auf lebenden, wie leblosen Gegenständen, enthüllten sich ihre Stimmungen in den ausdrucksvollsten Uebergängen.

»Nun aber nehmt Platz und laßt's Euch schmecken,« rief sie in die Runde. »Das liebe Gut ist dafür da.«

Der lautschallenden Einladung wurde mit Feuereifer Folge geleistet. Im Nu standen die Bänke vor die Tafel gerückt; die Gäste machten bunte Reihe. Die Braut am oberen Ende hinter der Kaffeekanne, der Bräutigam am unteren hinter der Punschterrine, versahen das Schenkenamt; Miekchen und Fritzemann mit den Lehrjungen um die Wette, machten unermüdlich im Bedienen und Nöthigen, die Runde Die Kuchen berge verschwanden im Handumdrehen; immer neue Trachten mußten zugeführt werden. Der heimliche Verdruß hatte dem Appetite der Schönen keinen Abbruch gethan, der gestillte Appetit aber neuen Nähr- und Gährstoff für den heimlichen Verdruß gezeitigt.

Nur die stille »Finnuhn«, die nach einem sehnsüchtigen Blick auf die Thür, halb wiederwillig, kaum die Stuhlkante berührend, an der Seite des fremden Gesellen Platz genommen hatte, kostete wenig anderes als das Glas frischen Wassers, das sie sich mit einem knappen Wort von jenem erbeten hatte, und ließ die zornigen Pfeile unbeachtet, welche die Hausfrau ob dieser neuen Beleidigung zu ihr hinüberschoß.

Der Pflicht des Einschenkens und Nöthigens war genug gethan; die Braut ließ sich zu eigner Herzstärkung an der Seite des glücklichen Parisers nieder. Die flatternden, rothen Haubenbänder wurden zurückgeworfen, die Zipfel der weißen Leinenschürze dem Bruststück des blauen Kattunüberocks vorgesteckt; ein Flötzgebirge aller Kuchensorten lag hinter der Kaffeetasse aufgeschichtet. Der Bräutigam schenkte ein: Der Augenblick, in welchem die langverhaltene Mine platzen sollte, war gekommen.

»– Es ist aber doch ein Unrecht –!« brummte die größte und keckste der Gesellschaft mit einem bösen Blick auf den Kasten im Winkel.

»Ach, ein Unglück!« winselte eine Kleine, die in Betracht eines angeborenen Hinkebeins das »Lahmeichen« hieß und im ärmlichen Kleidchen am äußersten Ende an Marie Willig's Seite Platz gefunden hatte.

»– Ein Unrecht, ein Unglück –!« wiederholte es im Chor. »Ein Malefiz, ein Malheur!«

Gewitterschwüle Pause, bis die Herrin des Zauberkastens ihre hochfeuerige Nase aus der Kaffeetasse erhoben und mit einem energischen Schluck das Zuckerbröckchen zwischen ihren Lippen beseitigt hatte. Dann ein Blitzflackern in die Runde; ein Donnerschlag mit beiden Fäusten auf den Tisch. »Ein Unrecht nennt Ihr's, ein Malefiz? Ei, Ihr Wetterkröten!«

Aber lassen wir das Zorngeköch brausen und schäumen, die Grundsuppe blieb: »Ohne Steppmaschine kein Fortkommen mehr im Schuhgeschäft.« Der Pariser, welcher jeden Satz seiner Zukünftigen durch einen zustimmenden Gestus begleitet hatte, erlaubte sich mit der Bemerkung für sie einzutreten, daß seine werthgeschätzte Frau Meisterin anderen Concurrenten nur das Prävenire gespielt habe, daß alle Chancen der Neuerung sich jedoch auf ihrer Seite befänden, da seine Wenigkeit, mit Bescheidenheit zu vermelden, draußen in Paris in der Hantierung der Maschine coulant geworden sei, in welche die Anderen sich erst nach schwerem Lehrgeld einzuexerciren haben würden.

,Nun, da habt Ihr's, da habt Ihr's, wie es schmeckt und riecht,« resumirte die Meisterin »Ich schaffe das Ding an für theures Geld; ich spanne mich in's Ehejoch mit Einem, der's zu regieren versteht, anstatt von vornherein die Bude nur gleich zuzuschließen und Gesellen und Einfaßmädchen mit den Stepperinnen zum Tempel hinauszujagen: und zum Dank für Unkosten und Plack ein Zetergeschrei über das Malefiz.«

Der Bräutigam erstarb schier in unterwürfiger Anerkennung des Opfers, dessen seine Person gewürdigt worden war; die Genossenschaft schwieg in Ermangelung triftiger Einwände; die Wittwe aber fuhr nach einer kräftigenden Labung, von der Noth zur Tugend ihres Gegenstandes übergehend, also fort:

»Was aber das Malheur anbelangt, so hält es noch weniger Stich, als Eure Dummheit von dem Malefiz. Contrare! ein Segen ist's, im richtigen Lichte besehen. Ein Segen, der dem Hauswesen und dem Geblüt und der Nachkommenschaft zu Gute kommt. In Gold sollte der Landesvater den Erfinder fassen lassen. Ich sage: wenn erst in jeder Branche so ein künstliches Rad- und Nadelwerk schnurrt, dann werden wir auch wieder rothbäckige Ehefrauen erleben, die mit der Muttermilch nicht zu geizen brauchen. Ein Artikel, der bei der Stubenhockerei alleweile schmählich rar geworden ist.«

»Und in der Zeit werden wir jetzigen Hungers gestorben sein. – Was sollen wir anfangen? – Womit sollen wir uns hinbringen?« spotteten und jammerten die Mädchen im Chor.

Die würdige Frau war nicht um eine Antwort verlegen. »Dienen sollt Ihr, Trinen,« eiferte sie, »dienen! Kindsmädchen, Hausmädchen, Köchinnen, kurz und bündig: Mägde sollt Ihr werden. Alle Hagel, so lange die Weltmaschine im Schwunge geht, wird einem rechtschaffenen Dienstboten kein Räderkasten in's Handwerk pfuschen.«

»Dienen, Dienstbote!« höhnte achselzuckend die dicke Karline, während die Augen der Anderen in verwandten Stimmungen Ecken und Winkel suchten und nur die dunkle Finnuhn regungslos ins Leere starrte.

Die Meisterin aber wetterte Hagel und Sturm. »Schämt Euch, Ihr Großbrode!« rief sie. »Bettelstolz, unter der Blume zu reden, Bettelstolz, nennt man das. Und Du, Finnuhn, streich Deine Uhumienen ein! Was ist Deine Mutter besseres gewesen, als eine Magd? Was sind die Mütter von Euch Gelbschnäbeln sammt und sonders gewesen, als ehrbare Dienstboten, die im fremden Hauswesen erlernt haben, was sie im eignen angebracht? Und ich, ich,« sie klatschte auf die Körperfülle, welche die steife, weiße Leinenschürze bedeckte, »ich, wie ich geh' und steh', eine Frau bei der Stadt, eigen Haus und Feld und ein Geschäft, das über die See hinüberreicht und das, ging Noth an Mann, noch ein Dutzend versorgen könnte neben der einzigen Pflanze,« Fritzemann's Flachskopf wurde mütterlich gerüttelt, »der zu Liebe ich meinen Werkführer zum Meister erhebe,« der Pariser erwiderte einen schmeichlerischen Rippenstoß mit einer dankbaren Verbeugung; »denn was die eigne Person anbelangt, mit der Erklärung,« eine kräftige Berührung der Schulter des Altgesellen begleitete dieselbe, »mit der Erklärung diene ich Euch, Groitscher, von wegen Eures Gutfreunds in der Ecke dort, also was die eigne Person anbelangt, die hätte sich zur Ruhe setzen und die Hände im Schooß ihre Tage beschließen können; so weit wären wir, Gott sei Dank! Aber von wegen des Fritzemann, bis der in die Jahre kommt, mußte das Geschäft seinen Fortgang nehmen und ohne einen dauerhaftigen Werkführer hatte das seinen Haken.«

Der Fritzemann wurde noch einmal handgreiflich auf das mütterliche Opfer aufmerksam gemacht; während der erkorene Meister in schicklicher Unterwürfigkeit schier zu Boden sank. Die Meisterin schüttelte die Brosamen von der Schürze und kehrte von der Abschweifung zu ihrem Ausgangspunkte zurück.

»Also, Ihr Mädchen, seht mich an, so wie ich geh' und steh' würde mein Seliger mich genommen haben, wenn ich ein blasses, geschnörkeltes Steppmamsellchen gewesen wäre, oder eine vom Handschuhfach, oder meinetwegen vom Rauchwerk, die anderer Orten im Flore sind? Oder gar so ein Ausschuß von einer Fabriktrine, die Gott, verzeih mir die Sünde! mit dem Lüdrian von Mannsvolk um die Wette, Cigarren dreht? Ja, Prosit! Mein Seliger wußte, wo Barthel Most holt. Nach einer Dienstmagd langte er; nach einer Magd, die ihre Zeit in einem rechtschaffenen Hause ausgehalten hatte. Und wer in des Schulmeisters Hause, gelt Gottholdchen, gelt Marie? Wer in Eurem Vaterhause seine Probe bestanden, na, Eigenlob und so weiter, Silentium! hat mein Brodherr, der Schulmeister gesagt. Und der Schulmeister der hatte so Worte, die auf alle Gelegenheiten passen wie das Evangelium. Item, eine Magd bin ich gewesen; nichts mehr, nichts weniger; eine richtige Magd! Und mein Fritzemann, wenn er in die Jahre kommt und an's Eigene denkt, merk's Fritzemann! auf die Batzen bestehe ich nicht, dafür ist gesorgt, Gott sei Dank wiewohl ich sie als angenehme Zubuße nicht verschmähen will! Bewahre mich, bewahre mich! Eine Bürgerstochter mit vollen Kisten und Kasten, merk's Fritzemann! Besser ist besser!«

Die Hände der feurigen Frau flogen nur so rechts und links. Sie stürzte eine Labung hinunter, welche der galante Bräutigam ihr im Unterschälchen kühl geblasen hatte und fuhr, ohne aus dem Flusse zu kommen, in ihrer denkwürdigen Meisterrede fort:

»Je dennoch hängt er, der Fritzemann nämlich, hängt er sein Herz an ein rechtschaffenes Dienstmädchen, na, kommt Zeit, kommt Rath! hat mein Brodherr, der Schulmeister gesagt. Contrare, ein Steppmädchen oder Einfaßmädchen, oder eine Schneider- und Putz mamsell, die wollt' ich fenstern! Rund heraus: Unter Hunderten Eurer Sorte und von der Besten obendrein, ist nicht das Zeug für eine einzige richtige Bürger- und Professionistenfrau. Denn ein Einfaß, eine Steppnaht an einem Schuh, den ein Anderer zugeschnitten, ein Dritter vorgerichtet hat und der Vierte besohlt; geschickt und fleißig sein, seine Stunden inne halten ohne aufzugucken, allenfalls auch was Ganzes zu Wege bringen, ein Kleid, oder einen Hut: richtige alte Jungfern schafft's meinetwegen, aber für eine Haushaltung, da schafft's noch lange nicht. Und feine Streichelfingerchen haben, in müßigen Gedanken die Dame spielen, merks Finnuhn! nach Sonnenuntergang durch die Gassen schleichen, nicht blos um sich die lahmen Füße auszutreten, und den krummen Buckel einmal grade zu richten, merk's Karline! einen Sonntag wie alle ausgewichst zu Tanze ziehen und das Restchen Lunge vollends fortzuwirbeln, na, das, das schafft's erst recht nicht.

Contrare, bei einer Magd, da heißt's die Augen offen, die Hände überall zu haben und Kopf und Herz an dem richtigen Flecke. Immer Allegro! Den Schlaf aus den Lidern! Vom Boden zum Keller, treppauf, treppab wie ein Wetter! Alleweile gescheitert, in der nächsten Stunde gewaschen. Da schreit das Kind und muß umgewickelt werden. Da ruft die Frau und will den Topf über Feuer haben. Da gilt's helfen und fertig bringen nicht blos einen Schuh, oder sonst ein Habit, aber Alles und Jedes, was All und Jeder, jung oder alt, hoch oder gering, gesund oder krank zu seiner Nothdurft verlangt. Da giebt es keine regelmäßige Feierstunde und selten einen Tanz; aber dann einen aus Herzensgrunde. Da giebt's rothe Backen und einen gesunden Appetit; da schläft sich's ohne Gebresten und wacht sich's ohne Träumerei. Die treuen Mägde sind die Rekruten für uns Handwerkerfrauen und nicht die Mamsellen, die ein Kasten, wie der dort, ersetzen kann. Die treuen Mägde, dabei bleibe ich. Sela!«

»Man sollte es drucken lassen und unter Glas und Rahmen fassen,« murmelte der Pariser, während die Rednerin durch einen herzhaften Zug aus seinem Glase neue Kräfte in sich sog.

Die aber, denen die Ansprache gegolten hatte, schienen nicht gleicher Weise von ihrem Inhalt erbaut. Je schärfer die harrende Mühsal in die Augen sprang, um so finsterer zogen sich die Brauen zusammen. Das Lahmeichen weinte, Marie Willig blickte gedanken voll in ihren Schooß; die stille Finnuhn saß unbeweglich, nur noch einen Schatten bleicher denn zuvor.

»Aber die Mannspersonen denken nicht wie die Frau Meisterin,« ließ sich nach einer Pause eine Schöne vernehmen, welche die keimenden Silberfäden des Scheitels hinter einem Schleifenwalde verbarg. »Ein anständiger Bürgersohn schämt sich heut zu Tage eine Jungfrau aus dienstbaren Verhältnissen zum Altare zu führen.«

»Und die Liedertafel hat expreß einen Artikel aufgesetzt, keine Dienstmädchen zu ihren Tanzkränzchen einzuladen,« fügte die Karline hinzu.

»Weil heutigen Tages die Mägde danach sind,« eiferte die Advokatin der Dienstbarkeit, »Faullenzerinnen, Rumtreiberinnen. Weil, wer für Matz sich giebt, für Matz genossen wird. Weil nur die schlechteste Sorte noch Dienste nimmt und selber die Beste mit sauerem Gesicht ihr Amt versieht. Eine andere Herrschaft jedes Quatember. Kein Brod weiß und kein Lohn hoch genug; Sonntag für Sonntag ein Plaisir. Hier zu Lande sogar und gradatim desto toller. Amerikanisch wird's titulirt. Erzähle mal, Gottholdchen, von der Narrethei, der Du Winters in Deiner Hauptstadt beigewohnt hast.«

Der Sohn des seligen Brodherrn, welchem für jede Gelegenheit das zutreffende Wort nicht gemangelt hatte, unser schmucker fremder Gesell zögerte nicht, dem diese Einladung begleitenden wohlwollenden Backenstreiche Folge zu leisten. In behaglicher Breite, mit nachgeahmten Stimmen, Gesten und Manieren, trug er die Schnurre eines Ballfestes vor, auf welchem in elegantem Miethslocale und im abgesetzten Staate, wie unter Titulaturen, Würden und Pseudoordenssternen ihrer respectiven Herrschaften, Jungfern und Lakaien sich in äffischer Weise erlustigt hatten. Seine Erlaucht, der regierende Graf So und So, bietet der edlen Baronesse So und So die Fingerspitzen zur eröffnenden Polonaise; Seine Hochwürden, der Herr General-Superintendent, hüpft den Schottischen im Arme Ihrer Excellenz der Frau Hofmarschallin; die reiche Banquierswittwe aber beißt sich vor Aerger die Lippen wund und kehrt dem hochadeligen Garde-Lieutenant, der sie schlechthin als Madame engagirt hat, den Rücken, um holdselig lächelnd, als »gnädigste Frau«, den bürgerlichen Herrn Geheimen Ober-Regierungsrath mit der Zusage ihrer Tischnachbarschaft zu beglücken.

Mitten im Vortrage stockte der geläufige Farceur; ein finsterer Blick seiner schweigsamen Nachbarin hatte ihn getroffen. Die übrige Gesellschaft aber jubelte hell auf, Mancher der widerwilligen Dienstexpectantinnen war die bittere Pille der Unterwürfigkeit durch die Aussicht so vornehmer Spiele überzuckert worden. Galt es einmal ein Sclavenleben, nur in der Hauptstadt sollte es gesucht werden, wo die harte Kette wenigstens übergoldet war.

Die Besonnenen fühlten sich freilich nicht so leichthin getröstet, und nachdem das Gelächter sich beschwichtigt hatte, hob da und dort die Litanei von Neuem wieder an. »Ein Leben voll Plack und das Ende vom Lied der Spittel!« lautete der Refrain, dessen unwiderleglichen zweiten Hälfte gegenüber die Advokatin des Mägdethums kleinlaut die Segel zu streichen begann. Als nun aber, durch ihre Schwäche ermuthigt, der murrende Chor weiterhin argumentirte:

»Buckeln und unterducken, sich schuhriegeln und über die Achsel bekieken lassen; niemals sein eigner Herr sein, niemals seinen eignen Willen haben,« da gewann die würdige Frau jach wieder Oberwasser. Sie sprang in die Höh und stampfte mit dem Stuhlbein auf den Boden, daß Kannen und Tassen gegen einander klappten.

»Da, da sitzt der Knoten,« wetterte sie, »und das ist die Krone von Bleichsucht, und Putzsucht, und Schwindsucht, und häuslichem Nichtsnutz! Der Hoffarthei schwillt der Kamm! Die Zucht kommt abhanden über der einsamen Büffelei; der richtige Gehorsam und das richtige Commando. Denn wer nicht pariren gelernt hat, lernt auch nicht regieren und seitdem es so erbärmliche Dienstmägde giebt, giebt es auch solche Rangen von Gassenbrut. Dienen muß Jedwede und Jedweder auf der Welt; auch der Höchste; das ganze Leben ist ein Dienst, hat mein Brodherr, der Schulmeister, gesagt. Die willig dienen sind die Glücklichen, und wer im Guten nicht dient, verfällt dem Bösen, oder der Narrethei!«

Mit dieser moralischen Schlußanwendung hielt die Frau Meisterin die Kritik der Steppmaschine für erledigt, und da gleichzeitig die eßbaren Stoffe auf der Tafel erledigt waren, rückte sie ihren Stuhl, wischte sich mit der Schürze den Mund und wünschte gesegnete Mahlzeit die Reihe entlang.

Marie Willig nahte sich ihr mit einem Händedruck und den Worten: »Du hast mir zu Herzen gesprochen, liebe Dorothee!«

Ein Schwall des Widerspruchs von allen Seiten folgte dieser Zustimmung:

»Die hat gut reden,« hieß es; » die mit dem eignen Haus. Der Glücksvogel, dem Erbschaft und Kindsrechte nur so im Schlafe zugefallen sind; die braucht nicht zu dienen, Goldmarie, der kleine Millionair!«

Nun aber die Donnerrede, die dieses Höhnen hervorrief!

»Nein, die braucht nicht zu dienen,« schrie die Wirthin mit bisher kaum angedeuteter Lungenkraft, indem sie ihrem erröthenden Liebling beide Wangen streichelte; »die braucht nicht zu dienen, aber die dient. Die braucht's nicht zu lernen, denn die versteht's. Die dient allerorten und allerzeit; nicht aus Noth, nicht um Lohn und Brod, die dient um Gotteswillen. Das ist die Rechte; das ist eine Magd. Marie, das heißt Weib; Weib, das heißt dienen, hat ihr Pathe, mein Brodherr, gesagt, als er der armen Waise den Namen eingebunden hat; und hätte sie eine Million statt der elenden Hütte, die Ihr ein Haus nennt, Neidhammel, die Ihr seid, Miekchen Willig, die Goldseele, sie diente doch!«

Die Kameradschaft schwieg, im Grunde mit aufrichtiger Zustimmung. Der Bräutigam aber eifersüchtig angestachelt, ob dieses Preises aus hohem Munde, nahte sich mit der Betheuerung, daß auch er sich's zu Pflicht und Ehre rechnen werde, lebenslang der gehorsame Diener seiner werthgeschätzten Frau Meisterin zu sein. Der Groitscher klappte neckisch mit dem riesigen Pantoffel, der neben dem Gutfreund auf dem Gabentischchen parodirte; alles lachte überlaut, die Braut am lautesten. Die Fiedler stimmten ihre Geigen und während die Lehrlinge die Tafel in den Hausflur rückten, Miekchen die Brosamen zusammen kehrte, reihten sich die Paare zum ersehnten Tanz.

Das Lahmeichen empfahl sich thränenden Auges, nachdem es heute zu guter Letzt noch für genossene Wohlthat gedankt hatte. Die Wirthin nöthigte zum Bleiben, die arme Kleine aber schüttelte laut schluchzend den Kopf und hinkte nach der Thür.

Gotthold Fromm that einen Schritt ihr zu folgen, mit einem Blick auf seine Schöne aber zuckte er zurück und bevor er noch zwischen doppelten Ritterpflichten eine Wahl getroffen, hatte Marie Willig die Freundin unter den Arm gefaßt und war mit ihr verschwunden.

Das Brautpaar trat an die Spitze des Reigens, um, wie diese Nacht, so fürs Leben wechsellos auch beim Tanze mit einander auszuharren; daß unsere Wittmeisterin nicht unterhandeln ließ mit der ehemännischen Pflicht, eine Hausfrau flott zu erhalten, lange nachdem das ledige Mannsvolk sie außer Cours gesetzt hatte, wird einer besonderen Erwähnung kaum bedürfen.

Auch Gotthold nahte sich Reginen mit der Aufforderung. Sie schüttelte abweisend den Kopf und entfernte sich sonder Dank noch Abschied. Ein just nicht gastfreundlicher Blick der Wirthin begleitete sie; ihr Sprößling aber, unter der offnen Thür lehnend, trällerte ohne Scheu:

»Au, Dorothee verlaß mich nicht,

Wenn mich die Pauvreté anficht.«

Mosjö Fritzemann wußte gar wohl, daß er in seinem Sang den Stolz der Armuth verhöhnte, wenn er einem unverständlichen Fremdworte auch den gewichtigen Mutternamen unterschob; ein Denkzettel rechts und links, daß jach die Backen schwollen und eine Wasserfluth den Augen entstürzte, konnte dem vorlauten Männchen daher nur von Nutzen sein. Nicht die handfertige Frau Mama, sein guter Freund aus der Residenz war es, dem er die Lection zu danken hatte, ehe derselbe, eine Zornesader auf der Stirn, der beleidigten Schönen nachstürzte.

Wiederum schallendes Gelächter wie aus einem Mund. Frau Dorothee aber öffnete ihre Gallenschleuse für diesen Abend zum letzten Mal: »Es muttert sich in dem Buben!« rief sie aus. »Die schwarze Hoffarthei ist mir ein Operment. Was ist ihr Vater besseres gewesen als ein Hungerleider von Sergeant, der bei Jena ausgekniffen ist, eine Küchenmagd gefreit und seinem Schöpfer gedankt hat, den Ruheposten hier am Thore wegzuschnappen. Dumm genug war er dazu, aber doch klug genug, den Junker Habenichts unter der Hand in einen ehrlichen Finnuh umzuwandeln. Dahingegen die Regine, Gott steh' mir bei! In der Creatur ist die Urahne wieder aufgewacht. Nicht für tausend Thaler, nein meiner Treu, nicht für tausend baare Thaler gäbe sie das kleine v. vor ihrem großen U! Aber nur Geduld: das Weh wird nicht auf sich warten lassen! Denn der Liebesteufel, und der Raseteufel, und der Lustteufel, wenn die sich mit ihren Sparren in einem Hirne festgehakt, man hat Exempel, daß sie sich wieder verzogen haben. Aber der Hochmuthsteufel, der bricht Einem das Genick, oder man stirbt mit ihm an Altersschwäche. Die Regel gilt im Narrenspittel und außerhalb, hat mein Brodherr, der Schulmeister, gesagt.«

Die Musik stimmte an; das Brautpaar eröffnete die Reihe. Schuhe und Stiefletten wackelten in den Schränken unter den wuchtigen Sätzen der Meisterin; der Pariser wiegte sich in den Hüften als ein Stutzer, der seinem Namen Ehre machte. Die jugendlichen Paare wirbelten hinterdrein; Sorgen und Nöthe schwanden vor dem ersten Geigenstrich. Dienen gehn in's fremde, volle Haus, Herr sein im eignen leeren Kämmerlein: die Frage wurde für eine lustige Nacht vertagt. Draußen aber krachten die Freudensalven. Dem Prinzen seine Böller, dem Volke seine Scherben, jedwedem sein Polterscherz!

 

Fortsetzung im zweiten Bande.

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