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Hellstädt und andere Erzählungen

Louise von François: Hellstädt und andere Erzählungen - Kapitel 13
Quellenangabe
authorLouise von François
titleHellstädt und andere Erzählungen
publisherVerlag von Otto Janke
year1874
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20171120
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Zwölftes Capitel.
Entschluß und Schluß.

Die Stunden schlichen; die Familie saß im neuen Hause bei einander. Ein Jeder empfand und mitempfand die Leere, die ein entschwundenes Menschenleben hinterläßt, bevor der Tageslauf in seine Rechte tritt.

Am tiefsten der Sohn, der ihn mehr als Alle vermißte. Ach dieses Suchen und Verlorenfühlen, die Gegenwart entschwunden und die Erinnerung noch nicht reif; dieses Versiechen und Verzagen, dieses planlose Hinschleichen und Schweifen in's Oede; wer erfuhr es nicht, wenn ihm ein Blutband riß? Es duldete Heinrich nicht länger; es war da unten so voll und eng; er stieg hinauf in das Haus, das nun das seine hieß; es war so leer und weit! Er ging auf die Terrasse hinaus und setzte sich auf eine Bank vor der Thür.

Der Himmel war wolkenlos; die Luft lind und erquickend; das neuliche Gewitter hatte wie ein Zauber Grün und Blüthen hervorgelockt; heute erst war seine Heimathsaue schön. Aber sein Herz lachte nicht vor dem lachenden Bilde; er saß in sich versunken; sein jugendliches Wesen schien mit dem Greise in's Grab gelegt.

In dieser Stimmung traf ihn Vetter Stephan. »So recht, mein Sohn!« rief er ihm zu. »In's Freie! Dieser Frühlingsodem labt. Schau' um Dich, Heinrich, alles was Du siehst, ist Dein.«

»Mein!« murmelte Heinrich, ohne aufzublicken.

»Dein!« wiederholte der Alte. »Dein! weise die Tröstung nicht länger zurück, die in dieser kurzen Sylbe liegt.«

Heinrich schwieg verletzt, sein Verwandter schien es nicht zu bemerken. »Die Tröstung der Pflicht,« fuhr er fort. »Auch die Trauer ist nur Genuß. Du hast zu handeln, Heinrich.«

Heinrich entgegnete: »Ich verstehe Dich, Oheim. Ich habe die nächste Pflicht bis heute versäumt; ver gieb es mir. Du hast die Ehre meines Vaters gerettet und ich sagte nicht einmal Dank.«

»Es ist mir heute lieb, daß ich nicht anders gehandelt habe,« versetzte Stephan ruhig, »wenn schon mir der Entschluß schwer genug geworden ist. Meine Tochter war es, die mir zu Gemüthe führte, was ich Hellstädt schuldig geworden sei: der Knabe seine Erziehung; der Mann und sein Kind eine Heimath. Ich wußte, daß Deine Mutter Euerem Ansinnen nicht entsprechen konnte. Du wirst diese Frau erst schätzen lernen, Heinrich, wenn Du selber einmal Kinder hast. So willfahrte ich meiner Charitas unter einer Voraussetzung, die mir gleicherweise durch sie eingegeben wurde.«

»Und welches war diese Voraussetzung, Oheim?«

»Davon später. Zuvor muß ich die Wahl kennen, welche Du in Deiner neuen Lage zu treffen gedenkest.«

»Werde ich eine Wahl haben?« murmelte Heinrich in unüberwindlicher Gleichgültigkeit; setzte aber nach einer Pause hinzu, indem er seinem Verwandten die Hand drückte: »Ich bin bereit, Deinen Rath zu hören und ihm zu folgen, lieber Oheim.«

»Auch heute, auch in dieser Stunde schon, Heinrich?« versetzte Stephan und schwieg darauf, bis der junge Mann, Scheu und Apathie niederkämpfend, die Frage nach den Verhältnissen seines Vaters sich abgewann.

»Die letzten Tage haben sie mir klar gemacht,« antwortete Stephan, entschlossen weder zu zögern, noch zu schonen.

»Und seine Verbindlichkeiten sind – –«

»Umfänglicher noch als ich gefürchtet hatte.«

»So sehe ich keine Wahl, als Deine Zustimmung zur Belastung des Oberhofs zu erbitten.«

»Ich verweigere sie Dir, wie ich sie Deinem Vater verweigert habe.«

»Oder in einen Verkauf des Gutes zu willigen.«

»Ich verweigere auch diesen Dir wie ihm.«

»So bin ich am Ende und ahne nicht, welche Alternative mir noch bleiben könnte.«

»Sie bleibt Dir,« entgegnete Stephan. »So kurzweg schließt man eine Lebensaufgabe nicht ab, mein Sohn. Entweder also kannst Du der väterlichen Erbschaft entsagen –«

»Das heißt Hellstädt den Gläubigern überlassen?« fragte Heinrich.

»Hellstädt ist unveräußerlich und kommt als Nachlaß nicht in Betracht.«

»Da von einem anderweitigen Nachlaß nicht die Rede ist, so heißt es also – Betrug!«

»Keineswegs, wenngleich die Gläubiger um ihre Ansprüche betrogen werden, Du hast die Schulden nicht gemacht, nicht darum gewußt.« –

»Ich habe vierundzwanzig Jahre das Leben getheilt, das diese Schulden bedingte.«

»Jeder Advokat würde diesen Rath Dir geben.«

»Aber nicht Vetter Stephan.«

»Nein. – Nun also das Oder. Du trittst die väterliche Erbschaft an; das heißt in diesem Fall, Du erkennst die Ansprüche der Gläubiger als rechtsverbindlich für Dich selbst; verpachtest den Oberhof, da das Inventarium von dem Pächter gestellt werden muß, zu den mäßigsten Bedingungen, und mit der Aussicht auf eine Ausbeutung, die nur die Gegenwart in Betrachtung zieht; Du verzichtest für ein halbes Menschenalter auf die Revenuen zur Deckung der Schuldmasse, gönnst Advokaten und Gerichten noch circa ein Hundert vom Hundert, richtest Dich mit Deinem Lieutenantsgehalte ein, bis nach meinem Tode der Unterhof an Dich fällt und handelst als adlicher Mann und braver Sohn.«

Heinrich schwieg eine lange Weile. So gleichgültig er bis vor wenig Minuten in seine Zukunft geblickt hatte, unwillkürlich stiegen die Consequenzen solcher Pflichterfüllung als greifbare Gestalten vor seinen Augen auf. Er sah aus dem behaglichen Vaterhause sich versetzt in die Mansarde des armen Janitscharensohnes, fühlte den Mangel, bei glänzendem Schein, in den gewohnten Banden den Bruch mit gewohntem Bedürfen; den Verzicht auf innigeren Anschluß, auf Freude und Freiheit aller Art; vor ihm lag eine aussichtslose Friedenscarriere, oder ein abenteuerndes Kriegerleben in fremdem, halbbarbarischem Dienst. »Und weiter gäbe es keinen Weg?« fragte er endlich beklommen »

»Es giebt noch einen, aber Du mußt ihn selber finden, mein Sohn,« antwortete der Oheim.

Heinrich sprang auf und ging mit hastigen Schritten die Terrasse auf und nieder. Der träge Kummer war plötzlich verschwunden, eine Entscheidung für's Leben ihm harsch vor die Seele gerückt.

Vetter Stephan blieb ruhig sitzen auf der Bank vor der Thür; seine Blicke folgten dem jungen Manne mit einem Ausdruck voll Lust. »Hellstädt wirkt,« sagte er für sich hin, »Hellstädt siegt!«

Wohl eine Stunde mochte der stumme Beobachter so gesessen haben, eine Stunde, die Stephan Hellstädt zu den glücklichsten seines Lebens zählte, bis er den Erben seiner Heimath zu sich zurückkehren sah. »Wohlan denn, Oheim,« sagte Heinrich, »so höre, ob ich Deinen dritten Weg gefunden habe.«

»Du hast ihn gefunden,« rief der Alte, »denn Deine Wangen sind geröthet und Deine Blicke leuchten! Aber laß hören, mein Sohn!«

Heinrich sprach: »Der alte Treuwalter von Hellstädt nimmt noch einmal das Schicksal von Hellstädt in seine Hand; er nimmt den unerfahrenen Erben in seine Lehre und erzieht sich einen Nacharbeiter, nicht mit seiner Kraft, aber will's Gott! mit seinem Willen und mit seiner Treue. Des Meisters Einsicht regelt die peinvollen Maßnahmen des Augenblicks; er spricht den Lehrling los, sobald er ihn geschickt erachtet hat, als selbstständiger Wirth zu schalten, mit dem Ertrage der Gegenwart die Pflichten der Vergangenheit zu tilgen und den Segen der Zukunft vorzubereiten. Vetter Stephan, bin ich auf der Spur zu Deinem Weg?«

In Stephan Hellstädts großen, blauen Augen schimmerte eine Thräne. »Charitas!« rief er seiner Tochter zu, welche eben die Terrasse heran kam, um nach der traurigen Umwälzung die Herberge ihrer Gäste neu zu ordnen. »Charitas, mein Kind, welches war die Voraussetzung, unter welcher Du mich neulich Abend bestimmtest, mit Deinem Sparpfennig für Hellstädt einzutreten?«

»Es war keine Voraussetzung, Vater,« versetzte Charitas. »Nur eine Hoffnung und ein Wunsch.«

»Gleichviel! nenne jetzt Vetter Heinrich diesen Wunsch, meine Tochter.«

»Daß er mit uns in der Heimath und für die Heimath leben möge,« sagte Charitas.

»Er will's, Charitas, er will's!« rief der Vater. »Also von nun ab: mitsammen für Hellstädt!« Er streckte die Rechte aus, in welche Heinrich bekräftigend die seine legte. »Schlage durch, Charitas. Mitsammen für Hellstädt! Auch Du, Kind, wirst helfen müssen.«

»Keinem lieber!« sagte Charitas herzlich und ging in's Haus.

»Nun aber gleich an's Werk!« rief Vetter Stephan in Jünglingseifer. »Den Accord mit den Gläubigern festgesetzt.«

»Den Accord, Oheim?« fragte Heinrich stutzend.

»Den rechtlichen Leuten ihr Recht, – aber deren sind wenige; – den Wucherern, und ihrer sind viele –«

»Auch die Wucherer vertrauten meinem Vater.«

»Wuchern und vertrauen? In Hellstädt spricht man nicht in Antithesen, Freund,« entgegnete der Alte lachend.

»Bei alledem, Oheim, um meiner –«

»Deine Ehre soll nicht zu kurz kommen, junger Herr. Ueberlaß mir den Rummel; wer ein Bauer wird, muß processiren lernen. Auch die Schurken werden an die Reihe kommen, aber sie beschließen sie.«

»Und Vetter Stephan hebe sie an.«

»Keine Sorge, Freund, Vetter Stephan wird einen Hellstädt nicht den Kürzeren ziehen lassen.«

Damit stieg er rasch die Terrasse hinunter. Heinrich blieb auf der Bank vor seinem Hause allein. Sein Kopf sank auf die Brust herab, sein Gesicht war in den Händen vergraben. So hatte er denn fallen lassen das bunte, leichte, heitere Gewand, in welchem bis heute sein Dasein geprangt; er hatte sie fallen lassen die sorglosen Genossen, die Feste und Spiele; die ehrenreichen Träume, die Lockungen der Schönheit, des Glanzes und Rausches, den Zauber der Jugend! Kaum fünf Tage und alles das wogte und funkelte vor ihm, als ob es nimmer erlöschen sollte und heute lag es verschüttet in eines Greises Grab.

Lange saß er so versunken in dieses Nachwehn des Kampfes. Er wußte nicht wie lange. Als er endlich aufblickte, stand Charitas vor ihm und die Landschaft zitterte im Abendgold. Ein sanfter Glanz war über das schöne Mädchenbild gegossen.

»Reut es Dich, Heinrich?« fragte sie sanft.

Er schüttelte den Kopf.

»So sei nicht traurig darum, Lieber,« fuhr sie fort; »es lebt sich gut unter den Menschen, die schon an unseren Vätern gehangen haben.«

Sie legte nach diesen Worten einen vertrockneten Blumenstrauß in seine Hand. »Ich fand ihn beim Aufräumen,« sagte sie leise mit niedergeschlagenen Augen.«

»Liberte!« rief Heinrich dunkelerröthend.

»Sie ist hier zum Abschied. Nur noch diese Stunde. Sie trägt auch um einen Vater Herzeleid, Heinrich,« flüsterte Charitas und stieg rasch die Terrassen hinab.

»Liberte!« murmelte Heinrich, jetzt wieder allein. Er betrachtete den welken Strauß, das Zeugniß seiner letzten Freuden. Däuchten es ihm doch Jahre, daß jene Stunde hinter ihm lag. Ein leiser Duft drang aus den vertrockneten Blättern; ein Erinnern und Mahnen. Jetzt erst erkannte er die verhüllte Gestalt, welche heute unfern von seines Vaters Grabe sein umflortes Auge achtlos übersehen hatte. Scham und Vorwurf schwellten sein Herz. Sie war hier, sie war so unglücklich wie er selbst und er hatte, seit er sie im Glück verlassen, nicht mit einem einzigen Gedanken an sie zurückgedacht.

Mit raschen Schritten ging er auf dem nächsten Wege hinter den Gärten dem Mühlengute zu. Die Sonne war gesunken. Liberte im Reisekleide stand im Hofe, mit Ungeduld das Bespannen eines Korbwägelchens betreibend. Als sie Heinrich kommen sah, machte sie eine hastige Bewegung dem Hause zu; doch besann sie sich, ging ihm entgegen und reichte ihm die Hand. Das frische Roth war auf ihren Wangen und der Blitz in ihren Augen erloschen; aber die Haltung aufrecht, der Blick sicher und das Spiel der Lippen entschlossen wie in guten Tagen.

»Ich wollte Abschied nehmen von der Heimat,« redete sie ihn an, »auch von Ihnen, Hellstädt, von allem Vergangenen. Es wurde mir zu viel. Ich muß haushalten mit meinem Muth. Nun dachte ich zu gehen unbemerkt, wie ich gekommen war. Aber Charitas fand mich, die keinen Unglücklichen übersieht; sie schickt mir den Freund und ich danke es Ihnen und ihr.«

»Gehen Sie zu Ihrer Tante, Liberte?« fragte Heinrich, indem er mit ihr den Weg nach dem Mühlgarten einschlug

»Nein,« antwortete Liberte.

»So denken Sie nach Hellstädt zurückzukehren?«

»Auch das nicht. Nach einem tiefen Fall erheben wir uns am sichersten in veränderter Scene.«

»Ich wage es auf das Gegentheil: ich klammere mich an die Heimat, Liberte.«

»Sie thun recht daran, Hellstädt,« versetzte sie nach einer Pause. »Sie richten sich empor auf festem Grund, in dem Erbe Ihrer Väter. Ich wäre eine Herabgekommene, eine Ausgestoßene. So resignirt bin ich nicht.«

Heinrich ging ein paar Schritte schweigend an ihrer Seite; dann blieb er stehen, ergriff ihre Hand und sprach mit bewegter Stimme: »Wir haben ein Haus miteinander gebaut, liebe Liberte; war es auch nur eine Stunde lang, ein Traum, ein Luftschloß vielleicht. Wir fühlten uns frei und es heimelte uns an. Nur das Gleiche verbindet sich zum Glück, sagten Sie dazumal, der heitere Bau ist über Nacht zusammengestürzt, wir fühlen uns nicht mehr frei, nicht mehr froh: schwere Erinnerungen, eine ernste Zukunft bedrängen uns: aber wir sind wieder einander gleich. Sollten wir in bösen Tagen uns nicht halten, was wir in guten ersehnten?«

Eine Blutwoge überströmte Libertens Gesicht, sie blickte zu Boden und rang nach Athem. Dann aber schüttelte sie den Kopf und sagte entschieden: »Nein, Hellstädt, wir sollen es nicht.«

»Auch ich trete als Neuling mit unerprobten Kräften in ein schweres Tagewerk,« wendete Heinrich ein, Liberte aber unterbrach ihn mit fliegender Rede:

»Es ist nicht das, nicht das allein. Sie werden lernen und überwinden. Sie gehen an's Werk mit reinem Herzen. Nicht ich. Blicken Sie mich nicht so betroffen an, Hellstädt. Nicht ich! O, Tage, wie die durchlebten, reifen unser Erkennen, wie die trockene, tropische Sonne eine heilsam bittere Frucht. Ich bin eine Thörin gewesen, aber ich habe niemals getäuscht; mich nicht und auch keinen Anderen. Ich würde Sie nicht täuschen, Hellstädt, und gälte es mein Glück und gälte es mein Leben. Nicht die Noth der Gegenwart, eine einzige böse Stunde ist es, die uns trennt, aber trennt für immer.«

Der junge Mann blickte ihr mit sprachloser Verwunderung in's Gesicht. Sie fuhr fort mit noch tieferem Ernste als bisher: »Antworten Sie mir, Hellstädt: wenn Sie an jenem Abend, als Sie noch sich reich und unabhängig wähnten, den Sturz meines Vaters erfahren hätten, würden Sie, selber in dem Falle, daß nur mein glückliches äußeres Lebensloos Ihren Blick auf mich gelenkt hätte, würden Sie die Hoffnungen verrathen haben, die Sie in mir angeregt?«

»Halten Sie mich für einen Ehrlosen, Liberte?«

»Ich halte Sie für einen Ehrenmann Hellstädt, und darum eben kann ich die Ihre nicht werden; denn ich, ich war solch eine Ehrlose, welche die Hoffnungen verrieth, die sie angeregt hatte. In jener Nacht, wo ich selber mich noch frei und glücklich wähnte, erfuhr ich das Schicksal, das Ihrer harrte. Und ich hatte nicht den Muth, es zu theilen, nicht das Herz, einem Manne als einem von mir Abhängigen anzugehören. Sie schlagen die Augen nieder, Hellstädt? Ich bin noch nicht zu Ende. Als mich wenige Stunden später die erste Ahnung auch meiner veränderten Lage überkam, da begünstigte ich plötzlich den Mann, den ich bis dahin wie einen Narren verlacht hatte, ich lockte ihn an mich und suchte ihn rasch zu binden. Er verschwand mit meinem Glanz und ich stand allein in der Nacht und sah auf einmal hell und ohne Blendung. Ich sage es ohne Erröthen, Hellstädt, denn wir werden uns im Leben kaum jemals wiedersehen: Ich habe nie einen Mann werth gehalten so wie Sie; aber die Freiheit und die Freude hielt ich werther. Nein, ich bin nicht mehr Ihres Gleichen und kann nie mehr die Ihrige werden«

Sie machte eine Pause; Heinrich blickte zu Boden; er fand kein Wort, ihrer Anklage zu entgegnen. Sie wendete sich nach dem Hofe zurück und fuhr beruhigter fort: »Ich kann aber auch das Asyl nicht annehmen, das mir Charitas in ihrem Hause, unter Ihren Augen, Hellstädt, angeboten hat und ich mag nicht unter denen meiner Tante als Abhängige leben, dort wo ich nur freies, heiteres Genügen gekannt habe. Mein Bruder ist auf dem Wege nach Paris, in fester Zuversicht, als Sänger Glück zu machen; gelingt es meinem Vater, wie er hofft, sich in Amerika aufzurichten, folge ich ihm später dorthin, – vielleicht, ich weiß es nicht. Zunächst noch in dieser Nacht, gehe ich nach England, wo die Vorsteherin eines deutschen Instituts eine Musiklehrerin sucht. Es ist,« setzte Liberte mit einem Anflug ihres alten anmuthigen Lächelns hinzu, »es ist dieselbe Gouvernante, von der ich, als wir zum erstenmale auf den Trumpf'schen Wappenpolstern nebeneinander saßen, Hellstädt, Ihnen erzählte, daß sie uns Pensionairinnen in Camelot und Kattun den Adel der Armuth documentirt habe.«

Ein Peitschenschlag im Hofe gab das Zeichen, daß der Moment der Abreise gekommen sei; Liberte schreckte leise zusammen, Heinrich ergriff ihre Hände. Sie standen sich eine Minute schweigend gegenüber; beider Augen waren mit Thränen gefüllt.

»Der Mann aber,« sagte Liberte abschließend mit tiefem Seelenklang, »der Mann, welchen nicht eine Pflicht, nicht die Sehnsucht der Liebe zu der Verlassenen trieb, – keine Täuschung, Freund, in dieser Stunde! – Der eine feine Regung der Ehre und des Mitleids verbindlich achtete für ein ganzes Leben, Sie, Hellstädt, werden auf der Bahn des Gewissens Ihr eignes Herz erkennen lernen und das andere, das Sie beglückt. Die schon dem Knaben sich zugewendet hatte, die Allen wohl thut, Jeden tröstet, immer liebt, die Ihres Gleichen ist, Heinrich, glücklich aus sich heraus wie Sie es sind und bleiben werden, das Ihnen von Gott bestimmte Weib ist Charitas!«

»Charitas!« rief Heinrich und es war als ob ein Nebel vor seinen Augen sänke. Liberte hatte rasch ihre Hände aus den seinen gelöst und war in den Wagen gestiegen. Sie hüllte sich dicht in den Schleier und drückte sich in eine Ecke; die Pferde zogen an, sie war seinen Augen verschwunden – für immer.

* * *

Ein Jahr ist abgelaufen seit dem Wettersturm, dessen erste Wolken wir zusammenziehen sahen, bis sie sich als ein Drohniß über Hellstädt entluden. Wiederum braust der Bach, geschwellt von den Winterwassern der Berge, die Aue hat sich grün gefärbt und die Blüthenknospen sprengen ihre Hülle. Es weht und duftet wie Auferstehung über der Heimatsflur.

Und wiederum ist es ein Fest, zu dem wir unsere Schritte lenken; nicht mit Sang und Klang wie damals, aber auch heute wird der Tisch gerückt in ein neues Haus, und ein Ostermahl wird gehalten.

Wir folgen diesmal dem Wege, den Freund Stern von seiner Anstalt genommen hat, und betreten daher unser Hellstädt an der Stelle, an welcher wir vor einem Jahre Abschied von ihm genommen haben. Auf dem Mühlenhofe herrscht reges Leben wie einst; wir fragen um und hören, daß es wirklich nach seines Herrn letztem Project Gemeindegut, und ein rentables Gut, geworden ist, nur daß der Kaufschilling von jenem Herrn nicht über den Ocean geschmuggelt wurde, sondern als kümmerliche Abfindung seinen Rapsconcurrenten, bis Amsterdam hinunter, verblieben ist. Wenn einem Hellstädter Gerüchte Glauben beigemessen werden darf, so thut es der alte Müller in der neuen Welt mit altem, neuem Glücksspiel dem verwegensten Yankee voran. Mehr als Gerücht aber mag es sein, daß Signor Agostino Rosaro wirklich eine Goldmine in seiner Kehle entdeckt, bis jetzt aber wenig Neigung bezeigt hat, sie in Barren umzusetzen, sondern in funkelnder Lust und in funkelndem Wein den schönen Schein weit umher sich ergießen läßt.

Als solide Thatsache dahingegen gebührt der Erwähnung, daß die edle Dame Rosanna, da es ihr bis dahin nicht gelungen ist, der Stammburg der Trumpf auf die Spur zu kommen, sich entschlossen hat, den Wittwenstuhl zum zweiten Male zu verrücken und mit ihrem romantischen Gemüth und vor brüderlichen Eingriffen gesicherten Capital in ein drittes Compagniegeschäft zu treten. Die großgesinnte Frau ist mit diesem Schritte eine hohe Stufe der höchsten näher gerückt, da ja der Stammbaum des Baron Edmund von Speck weit hinter den cheruskischen Wäldern zwischen Salems Palmen und den Cedern des Libanon seine Wurzeln schlägt.

Eine andere, wenn auch weniger glänzende Thatsache ist es, daß die schöne Liberte bis heute verschmäht hat, ihrem Vater über das Meer zu folgen, aber mit gewissenhaftem Eifer in ihren Musik- und Sprachstunden fortfährt, sich in die Freiheit einer würdigen Armuth einzuleben. Ein Brief, den ihre Freundin Charitas heute erhalten, bezeugt, daß sie in der schweren Kunst schon gute Fortschritte gemacht hat.

Wie wir nun aber vom äußersten Ende weiter schreiten durch die Dorfgasse, in welcher ein mehr als festtägiges Leben wogt, da hören wir zu unserer Freude, daß der junge Erbe sein Probejahr unter Meister Stephans Leitung glücklich bestanden hat und daß heute der Tag ist, der die Wandlung des sorglosen Lebemannes in einen Wirth und Treuwalter von Hellstädt krönt.

Die Kirchpforte steht geöffnet, wir treten ein und schauen uns gegenüber zwei bräutliche Paare, die eben gelobt haben, sich treu zu lieben, bis Gott sie scheidet: der zum Director berufene Hauptmann von Stern und die sanfte Therese; Heinrich von Hellstädt und Charitas, seine helfende, tröstende, seine einzige erste Liebe – wie er sagt. Die gesammte Gemeinde von Hellstädt zieht mit uns hinter den glücklichen Paaren nach dem neuen Hause zurück; Vater Stephan sieht sich wie ein Sieger am Ziele alles Strebens und Pathe Klaus stelzt mit blank geputztem Ehrenkreuz auf dem nagelneuen Gemeindepelz und bietet sich an als Gevatter bei dem ersten Erben von Hellstädt.

Das sind die Blüthen und Früchte, welche die Sonnenwende eines Jahres in Hellstädter Herzen getrieben hat; selber auf den lange bleichen Wangen der Wittwe schimmert ein hoffnungsfrohes Roth und die Freudenthräne in ihrem Auge ersetzt das seltene Lächeln der schmalen Lippen.

Der Wagen steht geschirrt, welcher den uniformirten Waisenvater und sein liebreiches Waisenmütterchen in ihre neue Welt führen soll; Stern tritt Abschied nehmend vor den Freund und legt den Beutel in seine Hand, in welchem er bei Beginn unserer Erzählung das rettende Darlehn empfangen hatte. »Auch diese Schuld sei heute getilgt,« sagt er, während Heinrich lächelnd den Beutel in der Schwester Reisetasche schiebt. »Glaubst Du, daß sie es nicht längst schon weiß?« ruft Stern. »Auch Deine Mutter wußte es, daß sie dem Schuldner des Sohnes ihre Tochter verlobte.«

»Therese wußte es?« versetzte Heinrich lachend. »Nun, Freund, so nimm Dich in Acht vor dieser Heimlicherin von Frau. Denn Du, ihr Eheherr, weißt heute noch nicht, daß die Schwester es war, die mit ihrem Sparpfennig es dem Bruder möglich machte, einem braven Kameraden Wort zu halten.«

»Therese, mein guter Engel!« rief Stern, sein erröthendes Weibchen umarmend.

»Und so hat sich denn,« fuhr Heinrich scherzend fort, »aus dem Sparbeutel, der unsere Freundschaft einleitete, ein goldnes Fädchen nach dem anderen zu einer dauerhaften Kette ineinander gedreht und der Ursprung all unserer Zufriedenheit, der ist im Grunde kein anderer als die Sorge um zweihundert Thaler Schulden.«

»Es ist der Segen eines guten Herzens und der Heimath von Hellstädt,« sagte Stern.

*

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