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Hellstädt und andere Erzählungen

Louise von François: Hellstädt und andere Erzählungen - Kapitel 11
Quellenangabe
authorLouise von François
titleHellstädt und andere Erzählungen
publisherVerlag von Otto Janke
year1874
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20171120
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Zehntes Capitel.
Das Unwetter.

Der Tag war sommerwarm gewesen, nur einzelne Wolkenflocken hatten das von Pathe Klaus verkündete erste Gewitter des Jahres zur Nacht, oder am andern Morgen vermuthen lassen. Nun, da die Sonne gesunken war, thürmte sich's jählings von allen Seiten; Heinrich bemerkte es kaum, während er in fieberhafter Unruhe vor dem neuen Hause auf- und niederschritt.

So scheinbar plötzlich aus lachendem Himmel steigen und stürzen auch häufig in unserem menschlichen Schicksal die Wolkenberge auf und zusammen. Eben noch glänzte die Sonne; wir wandelten sorglos, ohne Rückblick, einen blauen Streifen vor uns, den wie für den ganzen Himmel hielten. Jählings weckt uns ein Donnerschlag; erschreckt schauen wir um, Es ist Nacht geworden, schwarze Schichten treiben sich vorwärts, rückwärts, Blitze zucken von allen Seiten; der letzte helle Punkt ist verschwunden; ein hangender Wolkenkegel stürzt seine Schleusen aus. Der ungeahnte Niederschlag befremdet uns und wir bezüchtigen den Erzähler, der ihn in Worten darzustellen versucht, der Uebereilung oder Uebertreibung, wenn langevorbereitete Ereignisse am Ende unvermeidlich zusammen stoßen und Schlag auf Schlag ein zögerndes Verhängniß sich erfüllt.

Frau von Hellstädt mochte kaum das Mühlengut erreicht haben, als ein Wagen schmetternd vor dem neuen Hause hielt und Heinrich sich seinem Vater gegenüber sah.

»Ist Deine Mutter hier?« fragte noch vom Wagen aus hastig der Baron. Erst als der Sohn in wortloser Bestürzung durch ein Neigen des Kopfes die Frage bejahte, stieg er aus und setzte erleichtert hinzu: »Gottlob! so war's kein abweisender Vorwand und ich komme nicht zu spät. Führe mich zu ihr, Heinrich. Aber nein. Erst zu Stephan. Ist er zu Haus?«

Eben sprengte er in den Hof. Während er vom Pferde stieg, traten Vater und Sohn in die Halle, in welcher Charitas bleich vor unbestimmter Sorge den sich drängenden Erscheinungen und Entscheidungen entgegensah. Der Anblick des schönen Mädchens überraschte und erheiterte den alten Herrn.

»Mühmchen Charitas!« rief er, indem er sie herzhaft auf beide Wangen küßte; alle Tausend, solche Rosen pflegten meiner Zeit auf hellstädter Boden nicht zu blühn. Gratulor, gratulor amice!« wendete er sich darauf zu dem herbeitretenden Vetter. »Meiner Treu, das nenn' ich Race!««

Vetter Stephans Stirnrunzeln deuteten an, daß er diese Bemerkungen, wenn überhaupt, so wenigstens in dieser Stunde nicht am Platze finde. Er öffnete schweigend die Thür seines eignen Zimmers, winkte der Tochter zurückzubleiben und trat mit seinen beiden Verwandten ein.

»Wir sind lange nicht bei einander gewesen, Stephan,« so eröffnete der Baron die Unterredung, der sein Sohn mit dem gespanntesten Herzklopfen harrte; »sechszehn Jahr! Dir ist's wohl gegangen; man sieht's Dir an; Du hast Dich, bei Gott! nicht um sechs verändert. Aber von alle dem später; die Zeit drängt. Du weißt, ich merk es schon, Du weißt, was mich so plötzlich zu Dir führt. Du weißt's?«

Stephan Hellstädt neigte stumm den Kopf.

»Um so besser; so spar' ich Worte, verdrießliche Worte,« fuhr Jener fort. »Du wirst mir helfen, nicht wahr?«

»Nein!« antwortete Stephan ruhig.

»Du wirst es, Du kannst es, wie Du es schon manchmal gekonnt, gethan. Ich weiß, was Du sagen willst. Aber nur keine Moral ich bitte Dich!« – –

»Ich habe Dich niemals damit behelligt,« versetzte Stephan.

»Kein Mensch hat ein Recht, mir Vorwürfe zu machen, – außer Heinrich,« unterbrach ihn der Aeltere indem er hastig seinen Sohn umarmte. »Armer Junge, armer Heinz! Aber nicht wahr, Du, Du – –«

»Vater!« stammelte Heinrich verwirrt.

»Thu's um seinetwillen, Stephan, um seinetwillen,« drängte der Baron. »Der Wechsel ist diesen Abend fällig.«

»Der Wechsel auf Rose?« fragte Stephan.

»Rose hat ihn an einen Lederhändler abgetreten. Speck heißt er, ein Jude, wenn es einen giebt! Ich hoffte ihn noch in Hellstädt zu treffen, stieß aber auf ihn beim Kreuzen der Züge in Dingsda auf dem Perron. Der Mensch ist unerbittlich. Ein Haftbefehl kann schon telegraphisch auf dem Wege sein.«

»Du denkst ziemlich spät an ein Arrangement.«

»Ließ sich diese Wendung voraussehn? Ich hoffte bis zum Letzten auf eine Prolongation. Rose hat mich niemals gedrängt. Aber wozu der Worte. Schaffe Geld noch in dieser Stunde, Stephan, oder – –«

Stephan zuckte schweigend die Achseln.

»Du kannst's, Freund. Du hast Geld, hast Credit. Zehntausend Thaler, aber augenblicklich. Ich gebe Dir Sicherheit.«

»Mit was?« fragte Stephan höhnisch.

»Mit was Du willst, mit – –«

»Mit den auf Jahre im Voraus bezogenen Pachtgeldern etwa? Mit dem verpfändeten Inventar,« entgegnete Stephan und setzte darauf, zu Heinrich gewendet, hinzu: »Es ist nicht meine Schuld, junger Mann, wenn die Auskunft, die ich Dir heute Morgen verweigerte, Dir jetzt so grausam aufgedrungen wird.«

Heinrich stand vernichtet; der Vater hatte einen Gang durch das Zimmer gemacht.

»Ich gebe Dir Hypothek auf den Oberhof,« sagte er darauf.

»Mit welchem Rechte?« fragte Stephan.«

»Heinrich willigt ein, nicht wahr, Heinrich, Du thust's? Er ist majorenn ist der einzige Lehnsverwandte – –«

»Nicht der einzige,« unterbrach ihn Stephan. »Noch lebe ich und ich verweigere die Belastung, wie ich sie schon mehrmals verweigert habe. Hellstädt ist Majorat. Ich habe keine Recht über fremdes Eigenthum zu verfügen.«

»Pedant!« murmelte der Baron. Stephan: fuhr fort:

»Mit welcher Stirn sollte ich Deinen übrigen Gläubigern ein gleiches Ansinnen verweigern, nachdem ich selber mich sicher gestellt?«

»Das gehört nicht zur Sache. Hilf mir heute –«

»Um morgen das nämliche Spiel von Neuem anzufangen? Nimmermehr!«

»Sei vernünftig,«Vetter, sei barmherzig, der Augenblick drängt – –«

»Ganz ähnliche Argumente hat mir in dieser Nacht der Müller Rose vorgetragen, ich wies sie ab.«

»Er ist ein Fremder! Aber ich, Dein Blut! Willst Du einen Hellstädt in den Schuldthurm führen sehen? Noch haben wir ja dieses nichtswürdige Gesetz. Oder weißt Du einen anderen Ausweg?«

»Ich weiß keinen«

»Keinen? Und Du sagst nein?«

»Schaffe die Summe, Oheim,« flehte Heinrich mit bebender Stimme. »Ich bürge Dir mit meinem Wort, mit meinem Ehrenwort – –«

»Wofür, junger Mann?« fragte Stephan schneidend.

»Daß sie Dir, lebe ich, nicht verloren sein soll.«

»Du weißt nicht, was Du sprichst, oder Du hast mich bis jetzt nicht verstanden,« fiel Jener ein. »So wiederhole ich denn – –«

»Keine Erörterungen jetzt, ich beschwöre Dich, Stephan,« unterbrach ihn der Baron. »Ich habe nur wenige Viertelstunden – –«

»Und ich brauche nur wenige Minuten und spreche nicht zu Dir, sondern zu Deinem Sohn,« versetzte Stephan mit Ruhe. »Dein Vater, wisse es also, Heinrich, Dein Vater hat Schulden, weit mehr Schulden als die Einkünfte beider Güter in einem Jahrzehend decken würden. Auf den nächsten Termin der Pachtgelder des Oberhofs ist Beschlag gelegt; ein neuer Pächter noch nicht gefunden. Das Inventarium, so weit es Deinem Vater gehört, ist verpfändet bis auf die letzte Kuh, den letzten Pflug. Eine Belastung der Grundstücke verweigere ich unwiderruflich. Kannst Du da eine Ausflucht finden, junger Mann?«

»Keine als durch Deine Großmuth, Oheim,« sagte Heinrich, seine Hand ergreifend.

»Ich bin kein reicher Mann,« versetzte Stephan weicher als bisher. »Was neben den Pachtgeldern erübrigt werden konnte, ist auf Herstellung des Oberhofs verwendet worden. Die sparsamen Ueberschüsse des Unterhofs sind das Erbtheil meiner Tochter. Soll ich mein einziges Kind berauben, um einen –«

»Ich habe den Ausweg, Stephan!« rief der Baron, der während jener harten Anklage mit heftigen Schritten im Zimmer auf- und abgegangen war. »Ich verkaufe Dir den Oberhof!«

»Um mit dem Kaufschilling Deine Schulden zu bezahlen, oder auch nicht zu bezahlen und nach meinem Tode das Majorat an Dich, oder Deinen Sohn zurückfallen zu sehn,« entgegnete Stephan mit Hohn.

»Seit wann hast Du das Recht, mich für einen Schurken zu halten,« brauste der alte Baron auf. »Du stellst Deinen eigenen Preis, allodificirst das Gut, übernimmst meine Schulden, zahlst mir den Ueberrest heraus und uns Allen ist geholfen.«

»Und was sagt Dein Sohn zu diesem väterlichen Vorschlag?« fragte Hellstädt, seinen jungen Verwandten mit scharfem Blick fixirend.

Heinrich senkte den Kopf und sagte leise: »Ich willige in Alles, was meinen Vater retten kann.«

»Auch in die Veräußerung eines Besitzes, der niemals frei Dein eigen, der nur Deiner Treue anvertraut sein wird, Heinrich?«

»Ich sehe keine Wahl; ich bin der Letzte, der Jüngste, ich willige ein.«

»Gottlob denn, daß ich noch lebe, und diesen Treubruch hindern kann!« rief Stephan Hellstädt aus. »Deine Söhne, Heinrich, sollen mich eines Tages nicht anklagen, wenn sie als Bettler oder Glücksritter das Erbe ihrer Väter von einer fremden Hand zur anderen gehen sehn.«

»Noch habe ich für Nachkommen keine Verantwortung,« versetzte Heinrich gezwungen lächelnd. »Ich bin allein und des Glaubens, daß auch ohne befestigten Sitz ein Hellstädt nicht ein Bettler, oder Glücksritter zu werden braucht.«

»Mag es sein,« erwiderte Stephan. »Aber ich habe kein Recht, einen Hellstädt dieser Chance auszusetzen –«

»Was Du Deinem Standesbegriffe abzwingst, Oheim, kommt Deinem Vatersinne zu Gute. Deine Tochter – –«

»Meine Tochter,« so schnitt Stephan ihm die Rede ab, »meine Tochter soll nur rechtlich erworbenes Gut von ihrem Vater erben. Kein Wort weiter, Heinrich. Ich kaufe den Oberhof nicht und willige nun und nimmer in eine Veräußerung, oder Entwerthung durch irgend welche Last.«

»Grausamer Pedant!« schrie der Baron, aus dem Zimmer stürzend. »Noch eine Hoffnung, die äußerste: zu Deiner Mutter, Heinrich.«

In der Halle stand Charitas mit Thränen in den Augen. Sie hatte die letzten Worte ihres Verwandten gehört, drückte dem an ihr vorübereilenden Heinrich die Hand und ging dann rasch entschlossen in ihres Vaters Zimmer.

Ein Chaos wirbelte in des jungen Mannes Hirn. Er dachte nicht daran, was hier recht, was unrecht; er fühlte nur, daß Hülfe Noth sei, schleunige Hülfe, Hülfe um jeden Preis. Er war aufgeregter als der alte Herr, der an kritische Lagen gewöhnt auch jetzt, da er noch nicht den letzten Ausschlupf abgeschnitten sah, einen Funken seines gewohnten Humors sich regen fühlte. »O; über diese vernünftigen Thoren!« rief er aus, als er neben dem Sohne den Weg zum Mühlengute einschlug. »Du hast Ursach, scheel auf mich zu sehen, armer Heinz, armer Heinz! Aber um Alles in der Welt, werde mir kein Philosoph wie dieser Stephan ist. Was hat man vom Leben, wenn man nicht angenehm lebt? Und sie vergällen sich die kurze Spanne mit ihrer leidigen, überschwänglichen Moral. Um der Enkel willen, – ich gönne sie Dir, Heinz, und mögest Du Freude an ihnen erleben bis zu Deinem Ende wie ich an Dir! – aber noch sind sie ja nicht da; – um der Enkel willen, die noch nicht da sind, läßt er einen alten Mann, der morgen in die Grube sinken, kann, in den Schuldthurm werfen und brüstet sich: es geschieht ihm recht! Pfui über die Philister, pfui über die philosophischen Narren, mit ihrem ewigen Du sollst und mußt!«

Das Gewitter hing dunkel über ihren Häuptern; rings am Horizont zuckten die Blitze, noch aber war die Luft still und schwül. Dem alten Herrn, an seinen lässigen Promenadenschritt gewöhnt, tropfte die Stirn, sei's von der raschen Bewegung, sei's von heimlicher Angst. Dennoch überbot des Sohnes Qual seine eigne. Je näher sie dem Mühlengute kamen, desto stärker klopfte sein Herz, desto schärfer tauchten die herben Züge der Mutter vor ihm auf, desto schneidender hörte er das eisige »Nein!« in seinen Ohren wieder klingen, das ihm vor wenig Tagen die erste kleine Bitte verweigert hatte.

Auf dem Hofe standen Arbeiter, Diener und Nachbarn in lebhaften Gruppen beieinander. Ein dumpfes Gerücht von des reichen Müllers Fall hatte sich im Dorfe verbreitet, zuerst als Herr von Speck am Morgen sich auffällig schnöde von der Familie verabschiedete, dann immer deutlicher, immer lauter, als auf ein eintreffendes Telegramm, die Geheimräthin pupurroth, ihre Nichte leichenbleich und zitternd das Gut verließen. Zweifel, Bestürzung, Schadenfreude, ja Wuth standen auf den Gesichtern geschrieben. Mancher Fluch wurde geknirscht, manche Hand war geballt.

Heinrich bat den Vater, einen Augenblick am Fuße der Treppe zu ruhn, während er die Mutter auf seine Ankunft vorbereite. Mit fliegender Hand öffnete er die Thür des Familienzimmers und ach! wie herzensfreudig würde er zu anderer Stunde auf das Bild geblickt haben, dem er plötzlich gegenüber trat.

Im Fensterbogen stand die Mutter mit einem Lächeln voll Heiterkeit und Glück, wie er es noch nicht auf ihrem Angesicht gekannt hatte; Stern und Therese beugten sich selig strahlenden Auges auf ihre Hände. »Bruder!« riefen Beide aus einem Munde, indem sie ihm entgegeneilten. »Bruder!« wiederholte der Freund und stürzte unter Thränen in seine Arme. Frau von Hellstädt aber sagte mit freundlichem Scherz:

»Heute wirst Du mit mir zufrieden sein, mein Sohn. Ich habe ausgeführt was Du eingefädelt hast; gebe es Gott, zu ihrer beider Glück. Aber nun eilt, Kinder. Das Gewitter droht loszubrechen.«

Heinrich rang vergebens nach einem Wort. Stumm drückte er der Mutter Hand an sein Herz.

»Was ist Dir, Heinrich?« fragte Frau von Hellstädt betroffen. »Du blickst verstört, Du bist überwältigt, aber nicht vor Freude.«

»Vor Qual, Mutter, vor Angst und Qual,« preßte Heinrich hervor. »Der Vater – –«

»O, Gott, Dein Vater!« unterbrach ihn Stern, von Zweifeln beklemmt, die sein junges Glück bedrohten.

»Er ist hier, Mutter, hier um Dich zu sprechen,« sagte Heinrich.

»Hier, um mich zu sprechen?« wiederholte sie. Dann, nach einem Moment des Besinnens, setzte sie, hinzu: »So gehen wir zu ihm, Kinder. Mag er selber Ihre Zweifel widerlegen, lieber Stern. Kommt!«

In diesem Augenblicke öffnete der Baron die Thür. »Sei milde, Mutter!« flüsterte Heinrich, ehe die Thür sich schloß.

Herr von Hellstädt schritt mit unbefangener Artigkeit auf seine Gattin zu; nur sie selbst und der Sohn bemerkten, daß seine Schritte strauchelten und seine Lippen bebten. Er küßte ihre Hand und sagte lächelnd:« »Du hast mich Dir nachgezogen, liebe Marianne. Ich hoffte im Eiltrain, Dich schon auf dem Wege zu überholen, fand in der Stadt aber Aufenthalt.«

In Frau von Hellstädt's Zügen kämpfte der Widerspruch der jüngsten weichen Stimmung mit einem schneidenden Hohn. Doch drängte sie die Bitterkeit, die auf ihren Lippen schwebte zurück und sagte gehalten: »Wenn meine Besorgnisse bei der unerwarteten Kunde der Roseschen Katastrophe sich vor einer ruhigen Prüfung als müßig erwiesen, so bin ich in anderer Weise doch zu einem frohen Abschluß rechtzeitig hier eingetroffen. Ich habe unseres Sohnes Freunde, dem Hauptmann von Stern, Theresens Hand zugesagt, in der Voraussetzung, daß ihr Vater keinen Einwand gegen ihre Wahl erheben würde.«

»Mein lieber Vater!« flüsterte Therese, sich über, seine Hand beugend.

»Herr Baron!« stammelte Stern, der seinen künftigen Schwiegervater zum ersten Male mit Augen sah, wie denn auch der alte Herr keine Sterbensahnung von der Existenz dieses plötzlichen Eidams gehabt hatte. »Die Besonnenheit und mütterliche Sorgfalt meiner theueren Marianne bürgen mir für die Trefflichkeit ihrer Wahl,« sagte er so freundlich und eilfertig als möglich. »Seid meiner aufrichtigen Zustimmung versichert, lieben Kinder. Gott behüte Dich, Therese, und auch Sie lieber – Stern, heißen Sie nicht so?«

Er umarmte die Eine und den Anderen, das verächtliche Zucken seiner Gattin bemerkte, oder beachtete er nicht. – »Sie sehen, daß ich Ihnen die väterliche Gefälligkeit kaum genug gerühmt habe,« sagte diese zu dem Hauptmann gewendet. Nach einer kleinen Pause jedoch setzte sie mit herzlichem Ernste hinzu: »Ich aber wiederhole Ihnen lieber Stern, daß mir für meine Tochter der höchste Anspruch und der theuerste Wunsch erfüllt sind, indem ich sie dem Schutze eines Mannes übergebe, der stark und lauter aus einem schweren Lebenskampfe hervorgegangen ist.«

Eine bänglich feierliche Stille folgte diesen Worten; Frau von Hellstädt unterbrach sie, mit der erneuten Mahnung, nach Vetter Stephans Hause aufzubrechen Ihr Gemahl durfte nicht zögern. »Einen Augenblick noch, theure Marianne,« sagte er nach einem tiefen Athemzug, »die drängendste Nothwendigkeit – –«

Ein gewaltiger Donnerschlag unterbrach seine Rede. Jetzt riß ein Windstoß das Fenster auf und mit schrillem Pfiff drang ein eisiger Luftstrom in das Zimmer. Frau von Hellstädt blickte sich am Himmel um, schloß das Fenster und sprach: »Wir müssen das Gewitter abwarten. Zünde dort das Licht auf der Konsole an, Therese. Setzen wir uns.«

Sie nahm Platz auf dem Sopha, zog gelassen ihr Strickzeug aus dem Reisebeutel und begann mit gewohntem Fleiß die Hände zu regen. Ihr Gemahl war während dessen unruhig im Zimmer auf- und abgeschnitten. Nun setzte er sich an ihre Seite und sagte, indem er vergebens ihre Hand zu erfassen suchte: »Höre mich an, liebe Marianne.« –

»Ich höre,« versetzte sie.«

»Ich suche Hülfe bei Dir, dringende Hülfe. Sei großmüthig, wie« »

Herr von Stern wollte sich nach dieser Einleitung aus dem Zimmer entfernen. Die Mutter rief ihn zurück. »Bleiben Sie, Stern. Sie gehören zu uns; wir werden fortan keine Geheimnisse vor einander haben.«

So drückte sich denn der gute Hauptmann in die dunkelste Zimmerecke; Therese, in ängstlicher Ahnung, schmiegte sich dicht an seine Seite. Heinrich, bleich wie ein Schatten, näherte sich der Mutter und faßte bittend nach ihrer Hand. Der Baron hob zum dritten Male an: »Rose's Fall hat auch mich in unvorhergesehene Verlegenheiten gestürzt. Ich brauche Geld; heute noch in dieser Stunde, – oder ich bin verloren.«

Die Baronin sah mit unerschütterlicher Gleichgültigkeit vor sich nieder, Heinrich fühlte seine letzte, schwache Hoffnung schwinden.

»Du hast ein Capital auf den Rose'schen Grundstücken stehen,« fuhr der Baron hastig fort; »Marianne, Du mußt es mir überlassen.«

»Sprechen Sie im Ernst, Hellstädt?« fragte seine Gattin eiseskalt.

»In der bittersten Verzweiflung der Seele. Es ist mein letzter Schritt. Glaube es mir, Marianne, wär's nicht der letzte, ich hätte das Opfer Dir nicht zugemuthet. Löse ich den Wechsel nicht in dieser Nacht, bin ich morgen ein Gefangener.«

Ein Schrei entrang sich Theresens Brust, Heinrich wand die Hände; die Mutter zuckte schweigend die Achseln.

»Sei barmherzig Marianne,« flehte der Baron. »Tritt das Dokument an Stephan ab, er zahlt die Summe und ich bin gerettet.«

»Das Kapital gehört nicht mir, Sie wissen es, Hellstädt,« versetzte die Baronin ruhig.

»Es gehört Dir, Marianne!«

»Es ist das Heirathsgut meiner Tochter, ihr erst in dieser Stunde von mir zugesagt. Mir ist zu diesem Zwecke das alleinige Verfügungsrecht von Ihnen zugestanden; nicht etwa durch ein Versprechen, das sich allenfalls widerrufen ließe, sondern durch ein gerichtlich bindendes Dokument.«

»Ich bürge Dir und Theresen für die gewissenhafteste Rückerstattung.«

»Mit was bürgen Sie?«

»Mit dem gesammten Werthe von Hellstädt.«

»Ihr Vetter Stephan möge Ihrer Tochter den Werth dieser Bürgschaft auseinandersetzen. Mir ersparen Sie die Mühe.«

»Heinrich wird und kann – –«

»Heinrich kann so wenig als Sie selbst Ihre Gläubiger befriedigen. Die jüngste Forderung würde die letzte sein, die einen Anspruch erwirkte. Sagen Sie kein Wort weiter, Hellstädt, ich willige nun und nimmer in Ihr Gesuch.«

»Lieber in meine Schmach und Haft, Marianne«?«

»Ich habe sie nicht verschuldet und weiß sie nicht zu hindern.

»Marianne!« flehte der Baron.

»Mutter!« flehte Heinrich.«

»Mutter!« flehte auch Therese, die aus ihrer Ecke vorgeschlichen kam. »Hilf ihm, hilf ihm, Mutter!«

»Um den Preis Deines Glücks, Therese?«

»Wir werden warten, liebe Mutter, nicht wahr, Conrad, wir warten.«

»Hellstädt!« murmelte die Baronin, mit tödtlicher Ironie. »Hellstädt, beneidenswerther alter Mann! Das Kind, nach dem er niemals gefragt, opfert ihm ohne Bedenken das erste, das einzige Glück ihres Lebens, den Nothpfennig den die Mutter, Gott weiß unter welchen Kämpfen, ihr gerettet hat. Aber gleich viel! dankt mir's, oder dankt mirs nicht, ich beharre in meiner Pflicht.«

»Grausames Weib!« knirschte der Baron und stürzte nach der Thür. Die Kinder eilten ihm nach; sie umschlangen ihn und hielten ihn fest. Seine Gattin saß unbeweglich. Auf der Schwelle kehrte er um; er konnte die letztmögliche Hülfe noch nicht fallen lassen »Marianne!« rief er, »die Unehre träfe auch sie, unsere Kinder – –«

Frau von Hellstädt seufzte, aber sie rührte sich nicht.

»Treibe mich nicht zum Aeußersten, Marianne. Es ist eine schwere Verantwortung um ein Menschenleben!«

Die Kinder schrien auf, indem sie die Mutter umklammerten; sie lachte nur, ja sie lachte.

»Es ist nicht die erste feige Drohung, der ich Trotz geboten habe,« sagte sie. »Das Leben schmeckt süß selbst auf der Bodenneige und finstere Entschlüsse führt keiner auf der Zungenspitze.«

»Entsetzlich!« rief Heinrich, ihre Hand von sich schleudernd; auch Therese riß sich von ihr los, um schaudernd das Gesicht an ihres Verlobten Brust zu bergen. Der Baron zögerte noch immer. Frau von Hellstädt erhob sich.

»Es scheint, hier bin ich die Gerichtete,« sagte sie. »So sei es denn; ich verantworte mich. Höret es, meine Kinder, was ich bis heute verschwiegen habe; hören Sie es Stern, bevor Sie unauflöslich der Unsere werden; hören Sie noch einmal, zum letztenmale, Hellstädt, die Erfahrungen, unter welchen eine Mutter selber die Liebe ihrer Kinder ihrem Gewissen opfern mußte.«

Sie hielt einen Augenblick inne; es lag ein Ueberwältigendes in der eisernen Beherrschung der sich emporringenden Laute, in der Marmorkälte der Züge. Selber ihr Gatte wagte in diesen äußersten Minuten keinen Widerspruch; die Kinder standen athemlos an ihrem Platze wie eingewurzelt. Frau von Hellstädt hob an:

»Ich war jung und vertrauend wie Du, Therese; ich war unabhängig und reich; arglos legte ich mein mütterliches Erbtheil in die Hände des Mannes, dem ich liebend angehörte. Eines Tages ward ich inne, daß es vergeudet war. Die Vorgänge, welche allmälig mein Mißtrauen weckten: der häufige Mangel des Unentbehrlichen bei der Fülle des Ueberflüssigen, die Nothbehelfe und Kunstgriffe der Deckung, die Scene, welche den letzten Schleier riß, übergehe ich, wenn schon erst sie der Thatsache ihren Stempel geben würden. Genug, daß der Bruch der äußeren Gemeinschaft unvermeidlich wurde, nachdem das Vertrauen des Herzens gebrochen war. Dieser Bruch, Heinrich, kostete Dich eine Mutter, welche Du niemals vermißtest; er kostete meiner Tochter einen Vater, dessen heitere Nachsicht sie immer entbehrte, denn ihre Mutter hatte Weibesliebe gegen männliche Pflichten eingetauscht. Ein treuer Verwandter behütete das Familienerbe des Sohnes; eine bescheidene väterliche Hinterlassenschaft meiner Tochter zu schützen, wurde meine Aufgabe, unter Kämpfen, für welche die eigene Wohlfahrt mir nicht der Mühe werth gedäucht haben würde. Ein mäßiges, mir aus den Einkünften von Hellstädt stipulirtes Jahrgeld habe ich niemals freiwillig erhalten und bald genug aufgegeben So erzog ich denn meine Tochter nicht nach den Ansprüchen ihres Standes, nicht einmal nach den Möglichkeiten der Gegenwart, aber gemäß den Entsagungen, welche ihre Zukunft voraussehen ließ. Sie war keine Natur, um ohne Stütze den Kampf mit dem Leben aufzunehmen; sie sollte durch Gewöhnung in hartem Boden Wurzel geschlagen haben, wenn eines Tages die Hand der Mutter nicht mehr zur Abwehr für sie gerüstet war; ich opferte die Freuden ihrer Jugend, – sie arbeitete um Lohn, um den Werth des Eigenthums, nicht blos als eines Mittels zum Genusse kennen zu lernen. Ging ich zu weit in trotziger Sorge, so möge sie und möge Gott es mir vergeben. Sie aber, Hellstädt, habe ich über die nacktesten Thatsachen hinaus eine Sylbe zu viel behauptet, so widerlegen Sie es hier, hier vor unseren Kindern, deren Andenken uns eines Tages gerechter richten wird als heute. Und nun, in der nämlichen Stunde, wo ich beruhigt für's Leben, das Schicksal meines vaterlosen Kindes in die Hände eines braven Mannes gelegt hatte, in der nämlichen Stunde fordert man von mir, den bescheidenen Heerd der Zukunft einer Vergangenheit aufzuopfern, welche zwanzig Jahre herbsten Elends für mich in sich schließt. Wenn Sie ein Gewissen haben, Hellstädt, wenn Sie ein Herz haben, nur noch eine Ader voll Vaterblut, so fragen Sie sich, wie ich diesen Raub verantworten könnte?«

»Marianne!« schluchzte der alte Mann, indem er erschüttert zu den Füßen seiner Anklägerin niederstürzte.

Auch die Kinder umklammerten ihre Kniee; Stern vergrub das Gesicht in seine Hände vor diesem unlösbaren Conflict. In diesem Augenblicke wurde die Thür aufgerissen. Mit keuchender Stimme schrie noch auf der Schwelle der Fabrikinspector in das Zimmer: »Eine Deputation des Kreisgerichts ist eingetroffen, um – –«

Der alte Mann am Boden zuckte zusammen wie unter einem elektrischen Schlag, er schnellte in die Höhe und pfeilgeschwind durch die Thür. Mit verwunderten Blicken vollendete der Inspector hastig die Mittheilung, in welcher der Anblick der seltsamen Gruppe ihn unterbrochen hatte: »um Beschlaglegung und Siegelung hier im Hause vorzunehmen.« Er eilte wieder hinaus; Heinrich mit ihm, dem Vater nach. Therese fiel fast sinnlos in ihres Verlobten Arme.

»Führen Sie die Arme zu Charitas, Stern,« sagte Frau von Hellstädt, »verlassen Sie sie nicht und sparen Sie ihr, ich beschwöre Sie, mein Sohn, sparen Sie ihr dereinst das Schicksal ihrer Mutter.«

»Der Vater! wo ist der Vater?« rief Therese, aus ihrer Betäubung auffahrend und stürzte aus der Thür. Stern folgte ihr. Frau von Hellstädt war allein.

»Allein!« murmelte sie; »allein!« Ein paar Sekunden lang stand sie regungslos; dann packte sie ihre Sachen zusammen, kleidete sich an, löschte die Kerze und folgte den Anderen.

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