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Gutenberg > Emile Verhaeren >

Helenas Heimkehr

Emile Verhaeren: Helenas Heimkehr - Kapitel 3
Quellenangabe
typedrama
authorEmile Verhaeren
titleHelenas Heimkehr
booktitleDrei Dramen
publisherInsel-Verlag zu Leipzig
year1914
printrunZweite, durchgesehene Auflage
translatorStefan Zweig
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20130901
projectid1342ce9a
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Erster Akt

Erste Szene

Hirten, Winzer, die Edlen Simonides und Euphoras, später Pollux und Sklaven.

Ein Hirt
So ist es wirklich wahr, sie kehren wieder,
Haben wohl schon der Berge Band durchschnitten,
Die Griechenland mit lichten Wäldern kränzen,
Schon atmen sie in unsrer linden Luft,
Und jeder Schritt aus den Vergangenheiten
Voll Schrecken bringt sie ihrer Heimat näher.

Ein Winzer
Man sagt, des Windes Unrast hätte sie
Bis an Ägyptens Küsten hingeführt,
Und viele Winter jagte sie das Meer.
Man sagt, sie hätten wunderbare Städte
Gesehen, wo auf goldner Stirn die Götter
Das Bild der Sonne und des Mondes tragen.
Wahrhaftig, man berichtet solche Dinge.

Der Hirt
Doch ist man sicher auch, daß sie, die uns
Das Schicksal heimbringt, die von Stadt zu Stadt
Der Jubel führt, wirklich die beiden sind,
Helena und der König Menelaos?

Der Winzer
Es zweifelte dran keiner mehr als Pollux.

Der Hirt
Man zögert und bejaht, glaubt und vermutet.

Simonides
Pollux ist durch die Heimkehr wohl erschreckt?

Euphoras
Denn wärs der König, so ists Pollux nicht mehr.

Simonides
Wie das schon ferne scheint, der Krieg und Troja.
Kampf, Ruhm und Tod, wie alles schon vergessen!

Euphoras
Ja, zwanzig Jahre sind es, daß in Sparta
Uns Pollux meistert, den uns Zeus damals
Zum Herrscher setzte, als sich Menelaos
Auf rauher Flut nach Troja hinbegab.

Der Hirt
Er war ein weiser Herr, gut und gerecht.

Simonides
Er schützte euer Recht, doch nicht das unsre;
Gerechte sind am meisten ungerecht.

Der Hirt
Dank ihm verstummten die Uneinigkeiten,
Man hört nicht mehr von früh bis spät den Zank
Zornig anschwellen und Gewalttat werden.

Simonides
Nur weil wir nachgiebig zu allem schwiegen,
Damit der Krieg, der Troja wild umheulte,
Nicht auch in unsre Städte überspränge.

Euphoras
Doch heute, da die beiden wiederkehren,
Wer wollte da noch Groll und Aufbegehr
Nur einen Augenblick im Herzen dulden?

Ein anderer Edler, der eben eintrat.
Am Strand erzählte mir ein Fischerknecht,
Der als der erste heut das Schiff mit seinen
Rudern und Segeln sah, wie es behend
Gleich einer Riesentaube heimwärts flog,
Das ganze Meer habe von Ost zu West
Von Sonnenfeuer wie umblüht geschienen.
Der König landete zuerst und ließ
Helena noch an Bord zurück. Das aus
Den Dörfern hergeeilte Volk empfing
Ihn erst ungläubgen Rufs, denn keiner konnte
Den König heimgekehrt vom Krieg vermuten.
Doch dann, als einer, seine Augen schauend,
Und an der Stimme ihn erkannte, als
Söhne vom Schiffe aus die Mütter grüßten
Und endlich auch die Königin erschien,
Schön und verträumt, da füllte das bislang
Noch ungewisse Volk in einem Schrei:
Helena! Helena! die Luft mit Jubel an.
Und ihre ungestümen Rufe klangen
Süß und verstärkt in Hellas' Wäldern wieder.
Das Echo, Nymphen, Satyrn und das Meer,
Sie alle wiederholten ihren Namen,
Daß bis zum Abend alle Fluren sangen. –
So sagten alle, die von Argos kamen.

Simonides
So ists nicht länger zweifelhaft, daß sie
Es wirklich sind, König und Königin,
Die heut in unsre Heimat wiederkehren.

Euphoras
Sichtlich waren die Götter ihnen hold.
Pollux sandte schon Kastor zur Begrüßung.

Pollux mit einer Reihe Sklaven, die Blumen,
Früchte und Zweige bringen.

Hängt diese Blumen und den Kranz der Winden
An der Terrasse Knauf. Die schweren Rosen
Tropft auf die Schwelle hin. Und hier den Pfahl
Und da die Rampen lang drängt dunklen Efeu!

Zu den Ochsenhirten.

Wählt aus dem Vieh die größten Stiere, um
Mit Gold ihr Horn zu zieren! Sammelt alle
Kräuter von Duft und streut damit die Wege
Und reiht die Kiesel schimmernd auf den Straßen!
Ich will, kein Pfad sei rings in Stadt und Land,
Der heute festlich nicht Helena grüßte.

Ein Bote
Des Volkes Freude hemmt des Königs Ankunft.

Pollux
Doch eilt wohl Kastor ihm voraus zu mir?

Der Bote
Er naht, er hat den Königszug verlassen,
Am Kreuzweg bin ich eben ihm begegnet.

Pollux rasch zu den Hirten.
Reiht längs der Hürden eure Ziegen, Lämmer,
Das ganze Vieh in seinem schweren Vlies,
Damit der König im Vorüberziehen
Voll Staunen seinen neuen Reichtum sehe!

Die Hirten ab.

Die Wiesen sind voll Saft, gefüllt die Scheunen.
Ich schuf für ihn, als wär es für mich selber,
Das ganze Land strotzt heute von Gewinn,
Der Hungersnot gespenstige Gestalt
Irrt nicht mehr über die mißratnen Felder.

Ein Schnitter zu Pollux.
Ob man des Königs Heimkehr auch bejuble,
Ein jeder weiß, wie sehr Ihr stets für uns
Gerecht und weise, gut und treu gewesen.

Pollux
Wollt ihr, wenn ihr es herzlich mit mir meint,
Des baldigst vor der Königin gedenken.

Schweigen.

Und nun feiert des Königs Wiederkehr
Und sie vor allem, feiert Helena!

Die Menge zerstreut sich, Pollux bleibt allein zurück.

Ich neige heute mich dem alten König.
Was tuts? Ich weiß, bald bin ich Spartas Herr.
Die Schwester reiße ich an meine Seite,
Mein Bruder fällt. Mir war das Glück stets freund.
Leicht neigt der Sieg sich einem Kühnen, der
Selbst Listen weiß, und weiß, sie zu vermeiden.
Und was mir Unverhofftes auch begegnet,
Ich machs zum Knecht, der mir die Wege ebnet.

 

Zweite Szene

Elektra eintretend.
Da Helena zurückkehrt, ists an mir,
Von hier zu scheiden. Denn ich fühl in mir
Die finstern Sorgen wieder nächtlich aufstehn,
Neu peitscht der alte Haß in meiner Seele
Die schon erloschnen Gluten zuckend auf.

Pollux
Helena selbst wird deinen Groll beschwichtgen.
Sie haßt dich nicht, und beide werdet ihr
Die Frevel der Vergangenheit vergessen.

Elektra
Ich niemals. Zu versteinert ist mein Herz,
Um Furcht zu fühlen vor Erinnerungen.

Pollux
Das Schicksal wechselt. Laß die Jugend
Dir nicht in Kümmernis vergehn! Vergiß!
Nur Göttern steht es an, nicht zu vergessen.

Elektra
Ich bin, die nichts mehr kennt als Haß und Haß.
Früh sah ich schon den Mord sich in das Kleid
Des Purpurs hüllen, meine Kinderarme
Griffen nur immer überall Verbrechen.
Ich sah das Schicksal der Atriden sich
Erfüllen, das mir früh den Vater raubte,
Blutige Hände drohen rings, die Mutter
Mit roter Wunde und der eigne Bruder
Orest als Mörder in das Dunkel stürzend,
Gehetzt vom Fluche unseres Geschlechts.

Pollux
Ein Kind warst du, als dieser Krieg entbrannte.
Helena war schon fern und ahnte nicht,
Welch Schicksal sie auf unsre Schultern türmte.
Heut kehrt sie glücklich heim, und freudig soll
Sie die von mir bewahrte Stadt begrüßen.

Elektra
Als ich heut Sparta aus den Morgenröten
Festlich auftauchen sah, die Wächter von
Den Türmen winken und die jungfräuliche
Luft hell befiedert von geschwenkten Zweigen
Und Bogen rings gebaut von Blumenflammen, –
Wie tödlich fühlt ich in der Brust den Stoß.

Pollux
Entsinne dich – die Götter seien Zeugen! –
Mit welchem Eifer, welcher Glut von je
Ich Hüter deiner Sorgen war und wie
Selbst meine Strenge nur – ein Sommerschatten
An deine Kinderstirne zärtlich streifte.
Kehrte der König heut nicht heim, so hätte
Sich unsrer Namen Ruhm zum Bund geeint,
Zum Bund der Herrschaft unsrer beiden Länder.
Dies alles hemmt die Heimkehr Helenas,
Und andern Ratschluß hoff ich von den Göttern.

Elektra
Mit meinem Herzen, das für keinen Mann
Bislange schlug, das einsam und versiegelt
Zum Tode hinsiecht, war dir nichts gewonnen
Als Wildheit, Haß und ein verwüstet Schicksal.

Pollux
Trotzige Jungfrau du, zu düster klingt
Die Rede, um ganz wahr zu sein. Und sie,
Helena, wird mit ruhevoller Güte
Den wilden Aufschwall deines Zornes lindern.

Elektra
Weißt du denn nicht, daß sie, nur sie allein
Den heißen Tod mir in das Herz gegraben?
Nachts, wenn die Furcht ihre verruchte Fackel
Über mein Lager hebt, so ist es sie,
Die mir mein Leben wie ein Brand verzehrt.
Nie war mein Herz so arm, hätte der König
Menelaos sie nicht gefreit, ich horchte
Der elterlichen Stimme noch im Hause,
Ihr Blut benetzte nicht die eigne Schwelle,
Agisthos konnte nie der Mutter nahn –
All diese wilden Bilder meines Blicks
Griffen nicht so in mich mit Furienklauen,
Die Todesangst, die mich verfolgt, die gleiche,
Vor der Orestes sich in Schreien krümmt,
Jagte mich nicht verzweifelt bis zum Wahnsinn!

Pollux
Daß endlich, Kind, dir doch der Friede würde!
Frei ist dein Weg, und nichts verwehr ich dir.
Doch hoffe ich, der König Menelaos
Wird einen Weg zu deinem Herzen finden.
Sprich erst mit ihm, entfliehe eher nicht!

Elektra ab.

 

Dritte Szene

Ein Bote, das Volk, Pollux.

Der Bote
Herr, Kastor wünscht dringend mit Euch zu sprechen.

Pollux, ohne auf ihn zu achten, zu den Sklaven, denen er Weisungen gibt.

Habt ihr den Tempel schon mit Laub geschmückt,
Zu dem sich Menelaos heut begibt?

Zum Diener.

Vergiß den Stirnreif nicht, und nicht die Herme!

Zu andern.

Von allen Brücken laßt die Blumen sich
In des Eurotas Spiegel niederbeugen,
Helena liebte einstens seine Ufer.

Der Bote
Herr, Kastor, der soeben wiederkehrt,
Begehrt Euch zu vertraulichem Gespräch.

Pollux
Was ist schon wieder? Was für Neuigkeiten?

Der Bote
Herr, ich weiß nichts.

Pollux
Ich will ihn hier erwarten.

Der Bote ab.

Was wird er wieder Unerhörtes planen?
Gefährlicher noch scheint er als Orest.

Er denkt abseits nach.

Ein Edler, inmitten der Menge, hinabdeutend.
Seht ihr den Wagen golden und mit Purpur
Die Ebene durchjagen? Menelaos
Zügelt die schwarzen Rosse. Und die Menge
Begrüßt mit Rufen und geschwenkten Zweigen
Jubelnd die heimgekehrte Helena.

Ein anderer Edler
So hell und schön sind beide wie zwei Götter.

Einer aus dem Volk
Hinab zur Stadt, dort sehen wir sie besser!

Alle ab.

 

Vierte Szene

Kastor und Pollux.

Kastor eintretend.

Von einem Festeszuge kehr ich heim
Und sah doch nichts als unsrer Schwester Schönheit –
Beglückt, und doch, und doch mit welchem Zorn,
Mit welchem aufgewühlten Grimm im Herzen.

Pollux
Was ist geschehn? Hat etwa Menelaos
In dir mein königliches Amt geschmäht?

Kastor
Oh, sie zu schaun im Sonnenstrahl, die goldnen
Schultern vom Lichte strahlend angeflammt,
Sie, Hellas' Stolz, Helena, sie, o sie!
Und dann zu denken, diese Blicke, diese
Leuchtenden Hände, Arme, diese heißen
Und weißen Brüste, wie aus Glut gemeißelt,
Dies alles treibt, ein herrenloses Wrack,
In eines Greises kraftlos öde Arme.

Pollux
Wie du hab ich es ungern stets gesehn,
Daß Helena verkauft wie eine Sklavin
Dem König zufiel und ihm so verblieben.

Kastor
Was stürmte ich nicht damals in den Sturz
Von Trojas Türmen, als die schweren Blöcke
Die Schreie und die Krieger niederschlugen,
Und riß Helena nicht, als alles Wirrnis
Rings war von Tod und Brand, in meine Arme,
Trug sie die waldversteckten Wege nicht,
Auf denen Äneas entfloh, mit mir!

Pollux ein wenig höhnisch.
Die Götter hätten dich wohl unterstützt.

Kastor
Was folgte ich ihr nicht? Mit tausend Funken
Zuckt das Bedauern glühend in mir auf.
Was Hunger, Durst und Haß, hätte ich nur
In meinen Armen Helena hinüber
Zu fremdem Strand, in fremdes Land getragen,
Um fern der Heimat, fern der Welt den wilden
Rausch meiner großen Liebe auszuleben.

Pollux
Die Himmel hätten mit der Furien Rache
Euch überall verfolgt, allorts erreicht.
Wenn Zeus dein Vater ist, so hätte er
Gewußt, des Blutbands Frevel zu bestrafen.

Kastor
Ein Sterblicher bin ich, des Tyndar Sohn,
Und meine Liebe ist vor Zeus gerecht.
Und dann, wer ich auch sei und ob dereinst
Am Firmament ein goldner Platz mir winkt,
Wär ich ein Gott, ich wäre nur mehr Mann,
Stärker zu lieben, stärker auch zu hassen.
Ich fühle Helena als Schwester nicht,
Sie ist die Frau, die Völker trunken macht,
Die Herrscherin der fernen Flammenstädte,
Die Königin der Leidenschaften, die
Ich bis zum Wahnsinn liebe, deren Glut
Mich so ansprüht, daß ich bis tief ins Mark
Versengt mich fühle und verbrannt. Wer so
Nicht fühlen kann, der kann es niemals fassen,
Daß schon mein Herz sich aufbäumt, wenn sie mir
Nur naht, nur ihre Hände meine streifen,
Ihr Auge sich vor meinem senkt und fliehend
Ihr Atem meine heißen Lippen streift. –
Du fühlst es nicht, du wirst es nie verstehen.

Pollux
Ich weiß wohl, daß sie schön ist, doch ich weiß,
Daß Menelaos sie für sich behält.

Kastor
Der Welt gehört sie, ehe einem andern!
Ein Siegespreis darf solche Schönheit nur
Von Königsschlachten sein, die ganze Völker
Zum Schauer aller Himmel kämpfen. Sie
Ist dem zu eigen, der sie raubt, der sie
Besitzt und zu bewahren weiß, und sei
Es vor der Götter Gier, die heimlich oft
Die Irdischen umlauern. Menelaos
Ist morsch und bald vom Alter hingestreckt.

Pollux
Allein er lebt!

Kastor
Er schleppt sich hin, als Greis
Hinstolpernd in das ihm gewisse Grab.

Pollux
Allein er lebt!

Kastor
Was starb er nicht damals,
Als Ilions Flammen in die fürchterliche
Nacht des Gemetzels fielen?

Pollux
Doch er lebt, er lebt!

Kastor
Welch ein Gedanke! Was ist einem Greis
Tod oder Leben?

Pollux
Wer sich wirklich stark fühlt,
Der geht den Weg gradaus nach seinem Willen.
Dein Glück steht hier am Spiel. Und du mußt wissen ...

Kastor
Ich weiß, ich weiß. Jetzt ist mir alles klar!
Pflicht ist vielleicht, was ich zu tuen scheute,
Denn wer, wer rettet Helena aus diesen
Wie Ketten kalten Armen, die die Brust
Und die verschloßne Scham ohnmächtig gürten;
Tu ich es nicht? Denn solche Liebe ist
Schmach vor den Himmeln, mehr noch als Verbrechen!
Helena muß wie Schmutz auf ihrer Haut
Des Greises kränkliche Umarmung fühlen.
Die schauervollen Nächte, sie verlangen
Für ihre Schrecken, ihre Qual den Tod.

Pollux
Wie du doch furchtbar wirst in deinem Zorn!

Kastor ohne zu hören.
Rache muß als Gerechtigkeit hier walten!
Ich wähle meine Stunde, und ich werde
Nicht zittern, wenn ihn diese Hand erschlägt.

Ab.

Pollux
Geh nur, renn in dein Schicksal, geh, du Tor!
Du weißt ja nicht, wie gut mir deine Liebe
Und deine Absicht für die eigne dient.

 

Fünfte Szene

Pollux, Elektra, Helena, Menelaos, das Volk.

Pollux zu den Mädchen.
Hieher die Rosen, hieher auf die Schwelle,
Damit die schönen Augen Helenas
Ausruhend auf den goldnen Blüten weilen.
Die ganze Menge drängt nach vorne, die Mädchen
streuen Rosen.

Ein Greis
Wie alt doch Menelaos ward, sein Bart
Ward weiß um das zerfaltete Gesicht.

Ein Hirt
Wie kannst du, Greis, da Helena vor dir
Vorübergeht, den König noch betrachten?

Ein Jüngling zum Hirten.
Mein Vater, der sie kannte, mußte weinen,
Sooft er uns von ihrer Schönheit sprach.
Sein ganzes Leben war bestrahlt vom Bild
Der Wundervollen, die uns heute naht,
Und noch im Sterben sprach er ihren Namen.

Ein Edler
Noch keine Frau betörte so viel Männer.

Ein Jüngling
Nur kniend soll man ihren Namen nennen!

Ein anderer
Ein Augenaufschlag, und wer sie gesehn,
Ward Held und fürchtet Tod und Not nicht mehr!

Der Hirte
Kommt! Kommt! Hinab! Die schwarzen Rosse halten!

Eine junge Frau
Den Purpur trägt sie auf den Schultern, den
Ihr Menelaos einst zum Willkomm bot.

Eine andere Frau die Kinder nach vorne schiebend.
Die Kinder, laßt die Kinder vor, damit
Sie sich entsinnen, sie gesehn zu haben!

Die Menge weicht vor Menelaos und Helena zurück, die die Treppe emporsteigen.

Pollux zu Menelaos.
Der Tag ist da, Herr, den mein Wunsch ersehnte;
Nach zwanzig Jahren Krieg kehrt endlich Ihr,
König und Königin, in unsre Heimat.
Gern leg ich meine Herrscherwürde nieder
Und werde wieder Diener wie dereinst.
Mögen die Götter meine Hände würdigen,
Zwei treue Stützen deines Throns zu sein.

Man bringt die Königszeichen.

Das Zepter, hier das Band, empfangt sie wieder!

Ein Edler auf Pollux deutend zu Menelaos.
Und mich laßt zeugen, König Menelaos,
Daß seiner Sorge in den zwanzig Jahren
Weder dein Garten noch dein Schloß entging,
Noch dein Besitz in Stadt, in Feld und Wäldern.
Sein Rat war sicher, richtig seine Pläne,
Nie trotzte er dem sichern Widerstand;
Den Streit des Landes wußte er zu schlichten,
Fünf Brücken dankt ihm nun der Eurotas.
Rechtlich und gut war er als Landesherr. –
Doch heute wollen wir nur deiner denken,
Der du als Sieger mit Helena nahst.

Ein Mädchen zu Helena.
Unsere Mütter sprachen oft des Abends
Von Eurer Schönheit. Und dann sagten sie:
Ihr werdet nie sehn, was wir schauen durften,
Asien ist fern, und Helena in Troja.
Nun kehrst du heim, o Königin, und wir
Sehen die Schönheit, die die Mütter priesen,
Hinschreiten, lächeln, ihre goldnen Blicke
Auf Spartas stolzem Boden freundlich ruhn.
Nun ist der Wunsch erfüllt, nun sind es wir,
Die unsern Töchtern einst erzählen werden,
Wie unsre Mütter es des Abends taten.

Sie gibt Helena die Blumen. Menelaos in der Mitte der Szene.

Menelaos
Was gilt mir nun noch all das dunkle Schicksal,
Des Meeres Zorn, der unsre Schiffe peitschte,
Und jener Krieg, da Sparta mich begrüßt
Und Helena an meiner Seite weilt.
Schon macht mir Alter das Erinnern schwer,
So will ich gütig sein, will das Vergangne
Der bessern Zukunft dankbar unterordnen.
Wo Stärke mangelt, muß die Güte thronen,
Und ich vertraue euch und allen Göttern.

An Pollux.

Pollux, den Zeus, als ich zum Kriege zog,
An meine Stelle wies, ich danke dir,
Daß du mir Sparta zwanzig Jahre lang
Getreu gewahrt. Ich sah die Herde zu
Der Tränke eilen, meine Lämmer an
Der Berge Hang, und überall, wohin
In meinen Wäldern und gepflügten Feldern
Ich bückte, sah ich Ordnung, reife Kraft
Und spürte deine sichre Herrscherhand.
Dank dir! Du hast es meisterlich verstanden,
Den Frieden dieses Landes zu behüten.

Zur Menge.

Und Winzer, Bauern, Schnitter, Hirten, ihr
Habt überall mit Fleiß und Redlichkeit
Den Überfluß im Land verbreitet, habt
Indes die Erde dort mit Blut sich düngte
Und dunkler Mord nur unser Herz besorgte,
Die Früchte, Blumen und die vollen Reben
Gehütet und, obgleich ein jeder nur
Für sich zu sorgen schien, dem Staat gedient.
Besser und reicher ward die Scholle, Sparta
Trägt schönre Frucht als je. Der alte Streit
In euren Reihen schwand, und die ihr einst
Wie Wölfe euch zerfleischtet, weiß ich nun
Glücklich und treu. Wie froh macht ihr mein Herz,
Das aller Stürme müde, sich nur sehnt,
Im Hafen dieses Hauses auszuruhn.

Menelaos schreitet mit Helena die Reihen entlang. Die Menge schließt einen Kreis um die Schwelle des Palastes. In diesem Augenblick erscheint Elektra hinter der Menge. Sie schleppt sich gegen ihr eigenes Widerstreben nach vorne.

Elektra von links

Seht sie nicht an, ihr Augen, seht nicht hin!
Sie ist der Mord, der wieder heimgekehrt.
Noch keiner sieht ihn, aber ich, ich ahne,
Wie er schon heimlich um die Mauern streift.
Seht sie nicht an, ihr Augen, seht nicht hin,
Ich will nicht, nein, ich will, ich will es nicht!

Während sie es sagt, wenden sich langsam ihre Augen doch gegen Helena, die vorüberschreitet, ohne sie zu bemerken.

O wie sie schön noch ist und königlich,
Wie ruhig doch, wie unbesorgt ihr Schritt!
O Schönheit, die du uns Verhängnis warst,
Wie strahlend fühl ich dich, fühle dich mit
Seltsamer Kraft bis in mein Herz eindringen
Und mich Unwillige zu Füßen zwingen!

Helena ist an der Schwelle des Palastes angelangt. Im Augenblick, wo sie die Stufen emporsteigt, ruft

Elektra voll Angst wie wahnsinnig.

Helena! Helena! Helena!

Die Menge wiederholt tausendstimmig den Schrei, aber in wildem Enthusiasmus, so daß die Angst Elektras sich im Überschwang der andern verliert. Helena und Menelaos wenden sich grüßend zurück und treten dann in den Palast.

 

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