Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Friedrich Lienhard >

Heinrich von Ofterdingen

Friedrich Lienhard: Heinrich von Ofterdingen - Kapitel 6
Quellenangabe
pfad/lienhard/ofterdin/ofterdin.xml
typedrama
authorFriedrich Lienhard
booktitleWartburg&
titleHeinrich von Ofterdingen
publisherVerlag von Greiner und Pfeiffer
printrunFünfte Auflage
firstpub1903
year1919
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20121017
projectid5bc0ac2a
Schließen

Navigation:

Vierter Aufzug

Erste Szene

Vor Klingsors Turm

Am geschlossenen Tor ist ein eiserner Türklopfer. Weithin öde Steppe; fern und fahl ein schmales Abendrot. Leiser Windgesang, bedeckter Himmel, ziehendes Gewölk

Diethelm

(hinter der Szene)

Steigt ab, Frau! Klingsors Turm! Die Stallung auf!
Herberg' für matte Rosse! Böser Ritt!

(Tritt auf! reckt sich, wischt das Haar aus der Stirn)

Der Wind läuft über die Heide – mitgeweht
Hat er drei Reiter wie drei dürre Blätter!

(Er will klopfen)

Gotelinde

(hinter der Szene)

Diethelm!

(Tritt auf, noch immer als Knappe)

Diethelm

Was soll's?

Gotelinde

Ich kehre nicht mit ein.

Diethelm

Und unser Herr?

Gotelinde

(zurückschauend)

Schau' hin, welch traurig Reiten!

Diethelm

(gleichfalls zurückschauend)

Ja traurig Reiten! Auf der Mähne den Schopf,
Durch den der Wind weht – wie durch Weidenwipfel.

(Knirschend)

So hätte Hagen von Tronje nie getan!
Der hätte Irmingard am Kranz gepackt
Oder den Knirps, den Ludwig, an den Ohren
Und hätte sie zerschellt an einer Säule –
Unter der Eltern Augen, die so schmachvoll
Die Gastfreundschaft zerschellten!

Gotelinde

Nein, o nein!
Herr Hagen war kein Sänger!

Diethelm

Nur ein Held?
Wollt Ihr das sagen? Soll der Sänger kein Held sein?

Gotelinde

Mein Sänger war ein Held! Denn vor den Frauen
Des Tugendhofs bekannte sich mein Freund
Zu mir! Und das hat ihn zu Fall gebracht.

Diethelm

(düster)

Ja, das hat ihn gefällt. Das list'ge Weib dort,
Die Landgräfin, focht seine Tugend an –
Und niemand sprach mehr von des Liedes Wert.
Und doch – die Strophe steht! Dort steht sie noch,
Aufrecht im Wartburgsaal! Durch Wolframs Plätschern
Ward jene Felsenstrophe nicht gefällt.

Gotelinde

Durch mich ... Ich war's, die ihn zu Fall gebracht ...
Und – jene Frauen sind in Wahrheit besser.

Diethelm

Auch Ihr?! Wankt nun auch Ihr?!

Gotelinde

(ausbrechend)

Wie hab' ich gelitten!
Dies stumpfe Reiten durch die schwarzen Massen
Der Berge und durch allzu grelle Steppe
An meines besiegten Gatten Seite – furchtbar!
Wahrlich, auf diesem Ritt ist viel gebüßt,
Was ich ihm zugefügt, im Sturm der Liebe! ...
Mir sagten fahrende Leute, daß mein Vater
Gestorben sei – ich reite nun nach Hause.
Dort bleib' ich in der Stille. Dort will ich
Die Wartburg-Ernte in die Scheuer schaffen
Und sinnen, was mir fehlt, um so zu werden
Wie dort Frau Mechthild und Frau Landgräfin.

Diethelm

O Hel und Satan! Buße tun auch Ihr?

Gotelinde

(düster-schroff)

Nicht Buße tun! Doch siegen will ich, Diethelm!

Diethelm

Bleib', was du bist, du ungebändigt Weib!
Ich bin wie jener Wald – so will ich bleiben
Und so zerbrechen – wie der Tronjer starb
Und wie der Fiedler Volker, der ein Held war!

Gotelinde

(langsam, fest und deutlich vor sich hin sprechend, ihren Entschluß prägend)

Er hat ein Jahr, sein Wartburglied zu formen.
Wohlan, ich streiche mich aus Heinrichs Leben,
Bis er mit ganzer Kraft den Sang geformt.
Derweil bleib' ich auf meines Vaters Hof
Und schalte dort als Herrin. Zieht er dann
Aufs neu' zur Wartburg, so erwart' ich still
Auf meinem Hof des neuen Kampfes Ausgang.
Siegt er und ruft er mich, so bin ich bei ihm –
Siegt er und ruft mich nicht, so bleib' ich fern –
Stirbt er, so folg' ich ihm zur selben Stunde,
In der die Todesnachricht zu mir kommt.

Diethelm

(läßt sich begeistert auf ein Knie nieder)

Frau Brunhild, Sigurds Gattin! Nehmt vorlieb
Mit eines Gnomen schlechter Huldigung!

(Er küßt ihr die Hand)

Gotelinde

(hinter die Szene schauend, erregt)

Da steigt er ab – und horch, er spricht mit sich!

Ofterdingen tritt auf, tief-düster, ganz in Gedanken, innerlich arbeitend.

Ofterdingen

(zu Diethelm)

Durch wessen Schuld ward Siegfried erschlagen von Hagens Hand?
Diethelm, das muß ich wissen!

Diethelm

Durch Brunhild von Isenland.

Ofterdingen

Wie kam die Nordlandstochter in der Burgunden Bann?

Diethelm

Durch König Gunthers Brautfahrt.

Ofterdingen

(in wachsender Erkenntnis und verhaltener Glut)

Sie zankten um den stärksten Mann?
Wohl! Siegfrieds Weib hieß Kriemhild – und wohnten beide am Rhein –
Und von den Königinnen wollte jede größer sein –
Wohl, wohl! Und stark war Hagen – doch stärker der Drachenheld –
So ward aus Neid und Minne Siegfried im Odenwald gefällt!

Diethelm

(den Kopf wiegend)

Aber Frau Kriemhild lebte –

Ofterdingen

(ebenfalls ganz in die Dichtung verloren)

Sie ritt denselben Ritt
Wie wir ins Land der Donau –

Diethelm

(nickend)

Und nahm die Rache mit.

Ofterdingen

Und wurde Etzels Gattin – und lockte die Mörder her –

Diethelm

(wild einfallend)

Da fielen alle Burgunden! Und also endet die wilde Mär!

Ofterdingen

(abschließend, mit entschlossenem Nicken)

Das Lied! (Schaut wie erwachend um sich.)

Wohlan, so sind wir fast am Ziel! –
Was gibt's, Got'linde?

Gotelinde

Herr, ich freue mich,
Daß du zum ersten Male wieder sprichst.

Ofterdingen

War ich so stumm?

Diethelm

Ich zählte Eure Worte
Von jener Burg bis jetzt – nicht zwanzig Worte!

Ofterdingen

(beißt in die Lippen)

Ja, ja, die Burg dort! – Wohl, schon gut! – Mich dünkt,
Ich hätt' so laut gebrüllt auf diesem Ritt –
Kein Büffelhorn dröhnt lauter als mein Herz!
Doch still nun! Schätze soll man schweigend graben.
Ich starb auf jener Wartburg – nun laßt sehen,
Ob ich bei Klingsor wieder auferstehe!

(Er pocht an das Tor)

Meister und Magier Klingsor, tu' uns auf!

(Gotelinde kniet vor ihm, legt die Arme um seine Hüften und schmiegt den Kopf an)

Was tust du, Gotelind'?

Gotelinde

Dir Abschied sag' ich.
Du bist uns neu geboren, denn du sprichst.
Es wogt in dir, es steigt herauf und atmet –
Glückauf zum Wort! Einmal ward mein Begleiten
Auf jene Burg dein Unheil – heute nicht!
Freiwillig scheid' ich heut'!

Ofterdingen

Wohin?

Gotelinde

Nach Hause.
Mein Vater starb – als Herrin kehr' ich heim.

Ofterdingen

(düster und besinnlich)

Und du tust recht daran, mich zu verlassen.
Denn ich bin anders, bin sehr ernst – ich stehe
In Todes Bann. Laß mich, du blühend Leben!

Gotelinde

(springt auf, bewegt)

O nein! Erst recht den Todgebannten lieb' ich
Als meinen Treugemahl! Doch einsam schaffe!
Schaffe da drin mit Klingsor – siege, mein Held!
Sei glücklich dann und streich' mich aus! Denn ich,
Ich war es, die dich dort in Schande brachte,
Und ich verdiene, daß ich einsam sei!

Ofterdingen

(legt den Arm um ihre Schulter, ernst)

Vielmehr hast du mir großen Dienst getan:
Denn ich, in dir Kriemhild und Brunhild schauend,
Besiegte jene Tugendfrau im Saal –

(Einen Augenblick aufknirschend)

Besiegte, sag' ich! Denn auch ich hab' recht!

(Wieder ruhig)

Doch reite, Tapfre, reite du dahin!
Mir ist nicht bang um dich – in dir ist Kraft!
Bete für mich zu unsren alten Göttern!
Und leb' ich übers Jahr, so kehre wieder!

Gotelinde

Nein, stirbst du übers Jahr, so kehr' ich wieder
Und sterbe mit! – O Diethelm, bleib' ihm treu!

(Rasch ab)

Diethelm

(mit Behagen ihr nachschauend)

Hussa, und fort wie Steppenwind!

Ofterdingen

(Ihr gleichfalls nachschauend)

Mich reut nicht,
Was ich um sie im Sängersaal gelitten.

(Wendet sich zum Turmtor und pocht)

Gralsucher pocht am Tor ... Klingsor, tu' auf!

(Das Tor tut sich auf: sie treten ein)

(Zwischenvorhang)

Zweite Szene

Zimmer auf der Wartburg

Blauer Sommertag

Mechthild sitzt im Fenster und läßt einen Schleier flattern. Die Landgräfin tritt ein

Landgräfin

Im Fenster sitzt Frau Sehnsucht! Wen begrüßt sie?

Mechthild

Ich seh' dem Schleier zu: er ringelt sich
Und fliegt im Wind, der um die Wartburg fließt ...
Schau', wie ein Täubchen ist er, will davon,
Hat Flügel, aber wagt sich nicht hinunter –

(Läßt ihn los)

Fliege! O fliege! Mach' dich frei! – Da fliegt er!

Landgräfin

(ernst)

Mechthild!

Mechthild

(ohne sie anzusehen)

Weißt du, die Finger schmerzten mich
Vom Sticken, schau', ich hab' mich arg zerstochen ...

Landgräfin

(sie an den Schultern fassend und ansehend, ruhig-ernst)

Mechthild, du fliehst vor mir. Mein Schwesterchen:
Hast du vergessen, wie du mir im Walde
Den Schwesterkuß errötend wiedergabst,
Den ich dir bot, du weltverlassen Kind?
Wir saßen scherzend in den Heidelbeeren
Und fütterten uns neckisch aus der Hand.
Hast du vergessen, wie du jeden zarten,
Leis-leisen Wunsch mir ehdem anvertraut?
Was ist dir, Waldgefährtin? Was verbirgst du?

Mechthild

(mit gesenktem Kopf, leise)

Mußt mich nicht fragen, traute Schwester Sophie ...
Ich bin nicht gut ... Mich drückt ein schwer Geheimnis,
Das darf ich keinem sagen –

Landgräfin

Auch nicht mir?

Mechthild

Frag' nicht, ich bitte herzlich, frag' mich nicht!

Landgräfin

(setzt sich, zieht sie zu sich, Mechthild sitzt auf dem Boden)

Ein Heil'ges ist der Schlaf. Nur kurz und scheu,
Von später Arbeit durch dein Zimmer schreitend,
Hab' ich Frau Mechthilds heil'gen Schlaf belauscht.
Die kleine Ampel warf nur schmalen Schein
Auf ein verweint Gesichtchen, Tränen saßen
Neugierig auf den Lippen – und die Lippen
Bewegten sich und flüsterten im Traum –

Mechthild

(hastig)

Nein, nein! Hab' ich geredet? Hörtest du –?

Landgräfin

Sag' mir dein Leid! Dich quält ein tiefes Leid.
Willst du in harter Einsamkeit ertrotzen
Die Kraft verschwiegnen Duldens, die nur Männern
Von auserlesnem Geist zuteil ward? – Mechthild!

Mechthild

(umschlingt ihren Hals, weinend)

Alles will ich dir sagen! Habe Dank,
Daß du durch Liebe mich zum Sprechen zwingst!
Es tut so weh! Doch darfst du's keinem sagen!
Auch nicht dem guten Herrn! Es wär' mir Schande!
Nicht wahr? Und nun hör' zu – und habe Langmut –
Es wird dich sehr bekümmern – habe Langmut!

(Ruhiger)

Sieh, lang begriff ich's nicht. Seit jenem Festtag
War mir so heimwehsüß, als wär' mein Liebstes
Davongewandert, weit, weit übers Feld.
Weiß nicht, wohin! Nur immer mußt' ich stehn
Und nach den letzten blassen Höhen sehn.
Und mußte denken, daß – weit irgendwo
Jetzt einer weint vor Zorn und Scham und Weh
Ob einer Schmach, fast unerträglich hart,
Und mußte denken, daß die Schuld'ge ich sei.
Nur ich! Denn jener Sänger warb um mich
Am Waldkreuz, in der Nacht vor jenem Feste,
Doch ich war herb zu ihm, ich reizte ihn,
Ich trieb ihn zu so widerspenst'gem Trotzlied,
Ich bin es, die den Henker rief – ich habe
Das ganze Leid verschuldet, ich allein!

(Weint)

Landgräfin

Du sprichst von Ofterdingen?

Mechthild

Ofterdingen!
Nun weißt du's, ja! An ihn nur muß ich denken
Und höre seine Stimme Tag und Nacht!
O Schwesterherz, wenn so die Liebe tut,
So hab' ich lieb, lieb, lieb den wilden Sänger!

Landgräfin

Unselig Kind!

Mechthild

(leidenschaftlich)

Das wenigstens gebt zu:
Er ist ein Mann! Nein, mehr: Der ist ein Sturmwind!
Ganz anders als dies Völklein um uns her,
Herr Wolfram, Walther, Biterolf, der Kanzler,
Die müssen stumm sein, wenn so starker Erzklang
Aufsteigt aus Rheinstrom-Tiefen! Glaube mir:
Er haßt nur, weil er ungewöhnlich liebt!

Landgräfin

Was ist dir, Mechthild?

Mechthild

O vergib, vergib!
Ich hab' ihn gar nicht lieb, ich hass' ihn ja!
Ich hass' ihn, weil er tausend Mägdlein küßte,
Derweil ich hier saß und von Liebe träumte!
O meine Freundin, wie hab' ich gebetet,
Daß Gott dies Kranksein von der Seele nehme!
»Wisch' aus in mir der Mannesstimme Klang,
Durch deren Trotz ein heimlich Herzweh bebt!
Wisch' aus, o Gott, den Drang, der meine Träume
Und Tagsgedanken nur zu ihm, zu ihm treibt –
Wisch' das doch aus, o Gott! Ich hass' ihn ja!
Er hat ja so viel Leid der Burg gebracht!«
So bat ich Gott – – doch Gott hat nicht gehört!

Landgräfin

Du ganz verstörtes Kind! Ist das noch Mechthild?
O du mein pochend Herzchen – werde ruhig!
Hat er sich so gerächt, der schlimme Sänger?
Von uns besiegt, warf er den letzten Pfeil
In dich, du Süßeste der Süßen – und zog hin?!

Mechthild

(hastig)

Weiß man von ihm? Ihr sagt, er sei verschollen?

Landgräfin

Niemand, soweit man auch die Gäste fragt,
Die Einkehr halten – niemand weiß von ihm.

Mechthild

Er gab sein Wort – er muß ja wiederkommen!

Landgräfin

Und wird wohl wiederkommen, dünkt mich,
Falls er am Leben ist. Der Tag ist nahe.

Mechthild

Falls er am Leben ist! O lieber Mann,
Falls du da draußen Kampf und Sterben suchst,
Betäubt vom Zorn, daß wir dich so mißhandelt:
Kehr' um, bring' unserm Haus die Ehre wieder
Und mir den Frieden! Hör's in deiner Ferne,
Wie dich mein Herz ruft! Liebster, kehre wieder!
Und singe, Held, und siege – und geh hin!

Landgräfin

Doch dir – was frommt dir seine Wiederkehr?
Wir wollen, wie man's einst zur Heidenzeit
Von Schildjungfrau'n gesagt, gewappnet sein
Dem Leid, das dich betroffen. Wollen kämpfen!
Denn Frauengüte, sei sie noch so tief,
Ist wertlos, wenn nicht edler Frauenstolz
Sie schützend an der Hand nimmt, wie ein Ritter,
Der seine Schwester durch die Wildnis leitet.
So lehrt' ich dich. Mach' deiner Meistrin Ehre!

Mechthild

»Sei stark und still und stolz« – dies ist dein Stabreim!
So hast du mich gelehrt, ja, tapfre Schwester,
Die du so königlich im Saal gestanden!
»Sei stark und still und stolz« – so lebst du selber,
Und ich versuche, so zu sein wie du!
Mir ist nun leichter ... Schwester nahm mir ab
Mein Qualgeheimnis – und kein dritter soll,
Am wenigsten er selbst, davon erfahren!
Denn trät' er hier herein als Sankt Georg,
So blank geputzt, durch Reue ganz erneut,
Und bäte sanft: »Frau Mechthild, seid mein Weib« –
Niemals! Ich risse mein Gewand zurück
Und lief' hinaus – und weinte nächtelang.

Der Landgraf tritt ein

Landgraf

(ernst, Mechthilds Schleier in der Hand)

Darf ich herein? Und stör' ich euer Plaudern?
Vom Fenster lachten eure lichten Kleider
Herunter in mein Dunkel.

Landgräfin

Komm nur, Hermann.

Landgraf

(zu Mechthild, ihr den Schleier zurückgebend)

Den solltet Ihr, mit säuberlicher Sorgfalt,
In einem Schrein bewahren – er ist heilig.

Mechthild

Ich ließ ihn spielend aus dem Fenster fliegen –

Landgraf

Ein »Zufall« also? Nun, in ernster Zeit
Vernimmt man auch im Kleinen Gottes Sprache.
Hört an und urteilt! Euer Landgraf ging
Auf jener Lichtung, sah nach Eisenach,
Sah einen Richtplatz in der Sonne liegen
Und dachte eines gottverfluchten Festtags,
Dem bald ein zweiter folgt. Seitdem ist Schatten
Auf meiner Burg. Mein Wort darf ich nicht brechen,
Und dennoch – – unumwunden sag' ich's euch:
Die Seele sträubt sich mir, mein Wort zu halten!

Landgräfin

Schatten, wahrhaftig! Die zergeht in Tränen,
Du senkst den Bart und wirst mir gar noch kleinlaut –
Soll ich zum Schmied von Ruhla senden, Landgraf?

Landgraf

Pah, kleinlaut! Wer?! Dürft' ich ihn kurzweg packen,
Es wär' mir keines halben Wortes wert!
Besonders nicht vor Frauen! Oder wär's
Ein ritterlich Turnier, säß' ich im Sattel,
Den Helm geschlossen, Lanze fest im Arm,
Umpanzert rings, die Zügel fest gestrafft,
Und prallte nun mit breiter Leibeswucht
Den andern an – der wär' mir rasch besorgt!
Doch dies entwirrt sich schwerer ... Jeder Köhler
Erzählt von meinem Henkerfest, die Kinder
Drohen einander: »Wart', der Henker kommt!«
Schmach ist mir's, daß der Mann im roten Mantel,
Auswurf der Menschheit, die beschnittnen Ohren
Und seine Galgenfratze in den Saal trug!
Schmach ist mir das und tut mir bitter leid!

Landgräfin

Nicht schönrer Wohlklang rührt mich, als wenn du,
Du sonst so Starker, männlich mir bekennst:
Ich hab' gefehlt. (Küßt ihn.) Nimm uns als Beicht'ger an:
Du hast's bekannt – damit sei's abgetan!
Die beste Reue ist die beßre Tat!

Landgraf

Und wenn er nun nicht kommt?! Wenn er mit Hohn
Sein Wort bricht, weil es ihm erzwungen sei?
So bin ich ein Gespött dem ganzen Lande!
Und wenn er kommt: Will er in einem Jahr
Ein Lied ersinnen, Parzival vergleichbar?
Will er mit Worten Wolfram widerstehen? ...
Wenn ich mit Ehren aus dem Handel komme,
Und wenn mir rein bleibt meine klare Burg:
So will ich dort, wo jetzt der Richtplatz steht,
Ein Kloster bauen! Dies gelobt' ich Gott.
Und – hört und staunt! – indes ich also ging
Und Gott um Zeichen bat, daß mein Gelübde
Ihm angenehm sei, flog aus reinem Himmel
Die Taube Gottes, schwebte weiß und langsam
Und ließ sich leicht von meinen Händen fangen:
In mein Gelübde flog – Frau Mechthilds Schleier.

(Hält ihn dar, Mechthild nimmt ihn tief überrascht)

Landgräfin

Wahrhaftig seltsam! Wir verglichen ihn
Hier oben schon mit einer weißen Taube
Und ahnten nicht, was drunten du gelobt!

Mechthild

(mit leuchtenden Augen, den Schleier in der Hand)

Ja, das ist Gottes Stimme! Euch und mir!
Nun wird dies Herzeleid zum Segen werden!
Mein ist dies Täubchen, das Euch Gott gesandt –
Und drum gewährt mir eine rasche Bitte!
Das Kloster, das Ihr bauen wollt, es soll
Ein Frauenkloster sein! Um Frauen ward
Im Saal gekämpft, an Frauen-Reinheit glaubt
Der eine nicht, der diese Burg betrübt,
Farbe der Reinheit hat der weiße Schleier,
In Schleiern geht die Nonne – tausend Zeichen
Deuten, daß Gott ein Frauenkloster will!

Landgräfin

Mechthild, ich ahne –! Kind, verlaß uns nicht!

(Zum Landgrafen, rascher)

Ich billige und ehre dein Gelübde,
Doch will ich nicht, daß ihre Seele flüchte
Aus unsrer Freudenburg ins dumpfe Kloster!
Ei, Sankt Apollo – könnt' ich wie ein Mann
Loswettern! Was für Sünderangesichter
Entstellen diese schönheitshelle Höhe?!

Ein Page mit einem Brief erscheint. Der Landgraf geht hin. Sie spricht weiter.

Verzärtelt hab' ich dich, mein Schattenpflänzchen,
Jawohl, ich schelte mich! Gebet ist freilich
Ein edles Werk – doch Tapfersein ist besser!

Landgraf

(zurückkommend, mit dem geöffneten Brief, in einiger Erregung)

Von Klingsor!

(Liest langsam, deutlich)

»Auf Tag und Stunde sind wir auf der Wartburg:
Klingsor von Ungarland mit Ofterdingen!«

Landgräfin

Er kommt! Und wie und wo?

Mechthild

Er kommt!

Landgraf

(sehr ernst)

Er kommt! ... Ob er besteht, weiß Gott allein.
Sprecht nicht vom Kloster! Noch steht dort der Richtplatz.

(Zwischenvorhang)

Dritte Szene

Klingsors Turm

Ofterdingen geht langsam, diktierend, auf und ab. Diethelm sitzt schreibend, mit Rohrfeder. Viele Pergamente liegen umher.

Ofterdingen

(diktierend, ernst, langsam und deutlich)

... »Ich kann euch nicht bescheiden, was weiter da geschah.
Viel Ritter und viel Frauen man da in Tränen sah.
Dazu viel edle Knechte. All ihre Freunde tot!
Hier hat die Mär' ein Ende. Das ist der Nibelungen Not.«

(Lange Pause. Er steht am Kaminsims und hat das Gesicht auf die Arme gelegt)

Diethelm

(macht einen Schlußpunkt, atmet auf, zerbricht ruhig die Rohrfeder, wirft die Stücke fort und steht auf. Beide sind sehr ernst. Er starrt, die Hände auf die Tischkante gestemmt, das Manuskript an; endlich beginnt er dumpf und tiefbewegt)

Ich lebe noch – – und diese sind dahin ...
So tapfre, starke, gutgewachsne Männer!
Die Erde zitterte, wenn solch ein Recke
Mit Eberhelm und Schild und Goldgelock
Wuchtig sich wiegend aus dem Burgtor trat!
Und alle tot! (Weint.) Ein Krüppel steht am Grab
Und wischt sein einzig Auge! ... Größre Ehre
Ward keinem Sterblichen zuteil: ich durfte
In ehernem Versmaß schreiben, wie sie starben!
Und größre Schande hat kein Mensch erfahren:
Ich Krüppel lebe – diese da – sind tot!

(Geht weinend hinaus. Pause)

Klingsor tritt ein

Klingsor

(an der Tür stehend)

In das Kamin dort warf mein Freund, der Bischof,
Sein ungeschickt lateinisch Heldenlied.
Vom Bischof unerlöst, in diesen Räumen,
Blieben des Lieds gespenstische Gestalten.
Du hast sie nun entzaubert in das Wort.

(Geht zu Ofterdingen, langsam und ernst, legt ihm die Hand auf die Schulter)

Von Diethelm hör' ich, daß dein Werk zu Ende.
Laß mich den ersten sein, der Glückwunsch bringt.
Ich weiß nicht, wie dein Lied ist; doch ich weiß
Und sah es an, wie du dies Jahr bestanden.
Du hast es gut bestanden – und ich gebe
Dir einen Ehrentitel: Klingsors Sohn.
Dies ist – gleichviel, was uns die Wartburg bringe –
Das Höchste, was dir Klingsor geben kann.

Ofterdingen

(legt die Arme um Klingsors Hals, stöhnt auf, legt den Kopf an seine Schulter)

Hagen ist tot! Tot die Burgunder! alle!
Die schöne Kriemhild tot, Siegfried gerächt –
Und nun ist alle Welt mir stumm und kalt! ...
Klingsor, wie ist mir weh, wie ist mir weh!
Wer einmal solche Helden sterben sah,
Der muß mißachten, was die Erde bietet:
Ruhm, Ehre, Minne, schön Gewand und Goldkranz!
O, daß ich je so gierig leben konnte!

(Geht schwer und langsam an den Tisch)

Diethelm hat weinen können – mich zermalmt es!
Der Tod zog ein in deinen Geisterturm!
Ich schaue mit der Norne düstren Augen
Leben und Tod und Leben – wieder Tod
Und wieder Leben – all das rollt um mich,
Wie Sterne rollen – ich hab' mich verloren!
Ruft mich zurück! Ich weiß nicht, wo ich bin!

(Steht wieder und umschlingt Klingsors Hals)

Klingsor

Nimm dies als Dinge der Natur. Dies Jahr,
Vom Angedenken jener Schmach durchpulst –
War dir ein einz'ger straffer Arbeitstag.
Den Felsblock eines irrtumschweren Lebens
Hast du mit besten Kräften umgewälzt,
Ein Schwert zu finden, das darunter lag.
Du hast das Schwert! Nun fällst du matt ins Gras,
An allen Muskeln zitternd. Doch du hast es!

Ofterdingen

(am Tische stehend, mit jäh und voll ausbrechender Lebenskraft)

Ich hab' es! Und nun sag' ich dir ein Wort:
Ich kehre nicht zur Wartburg! Nein! Ich nicht!

Mit solchem Lied einziehn vor ihren Richtspruch?
Noch einmal ihres Henkers Lederkappe,
Noch einmal jene Hundemeute sehn,
Die mich umstellt wie ein gehetztes Tier?!
Und gar noch betteln: »Nehmt dies gnädig an!«
Mit solchem Lied?! Und solchen Helden?! Betteln?!
Nein! Nein, nein – zehnmal nein! Ich gehe nicht!

Klingsor

(ruhig)

Der Landgraf ist berichtet, daß wir kommen.

Ofterdingen

Käm' ich, so rief' ich noch viel dröhnender
Mit Hagens Schildklang in die Geckensippe:
»Dies Lied ist nicht vergleichbar Parzival!
Denn es ist größer! Die das Lied gesungen,
Das Spielmannsvolk, die rauhen Rheingoldwächter,
Mehr noch, die es gelebt – sind solcher Größe,
Daß ihr euch beugen sollt, ihr Schöngewänder,
Beugen, bis auf die Spitzen eures Schuhwerks!
Das Schicksal selbst tritt ein, Frau Landgräfin!
Und ruft Ihr noch so wackre Reden in den Saal:
Schicksal zerschmettert Euch samt Eurem heil'gen Gral!«'

(Geht erregt hin und her)

Klingsor

(kopfschüttelnd, sehr ruhig)

Ich fürchte, Freund, du hast noch nicht bestanden.

Ofterdingen

Bestanden oder nicht! Ich habe recht!
Mag mich die Landgräfin zu Boden reden,
Und mögen ihre Dichter Engel sein: –
Recht hab' ich doch! Recht hat die Leidenschaft,
Der Trotz des Widerstands in letzter Not,
Das stumme Zähneknirschen noch im eignen Tod –
Was wissen sie davon in ihrer Tändelei?!
Ich habe recht – und ob ein Henkerschwert das Ende sei!

Klingsor

Ich hab' zu früh gelobt. Noch ist's kein Sieg.
Willst du mir abermals ein Unheld werden,
Ehrgierig einst und ehrverachtend jetzt?

Ofterdingen

Sie können mich nicht ehren auf der Wartburg!

Klingsor

(stärker)

Du aber sollst dich ehren! Bitterkeit
War niemals Heldentum! Der Held ist dankbar,
Ist hell und frei, weil seines Gottes froh!
Er geht vorüber, wo kein Leben winkt,
Zugreifend ist er, wo er edles Ringen
Zu fördern weiß, kraftvoll die Sonne suchend
Und tätig, daß auch andre lichtwärts wachsen!
Ob Christ, ob Heide – so will ich dich sehn!

Ofterdingen

(ihn umarmend, hell und stark)

Gut sprichst du, reifer Vater, teurer Klingsor!
Ich hab' mein Heldenlied! Die Welt ist Licht!
Mitten in all mein töricht Hassen stürmt
Jählings ein Schwall so überwilder Freude,
Daß ich zerschmettern möchte Bank und Tisch,
Wie Hagen dieses Hunnenvolk zerbläute,
Daß ich mit Sturmwindskräften brüllen möchte:
»Hoioh, ihr Menschlein, kümmerlich Geschlecht,
Dies Heldenlied beweist: auch ich hab' recht!«

Klingsor

Das klingt mir besser! Mußt du dich entlasten,
So lach' dich frei mit hellem Götterlachen!
Wer seinen Schmerz – den du dir selbst geschaffen,
Durch eigene Verfehlung! – so verwandelt,
Daß er ein glockenklares Lachen wird:
Heil ihm! Der hat errungen, was du blind
Im Sängersaal bekämpft: den heiligen Gral!
Gralsritter bist auch du! Sei mir gegrüßt!

(Schüttelt ihm die Hand)

Ofterdingen

(sehr betroffen, blitzartig erkennend)

Dies wär' der Gral?! ...

(Pause. Dann, sich aufrüttelnd)

Mag sein. Es ist getan!
Ich hab' mein Lied! Was geht mich Wolfram an?

Klingsor

So lieb' ich dich, so blank, so hartgemut! –

(Geht nach der Tür, schaut hinaus, kehrt wieder zurück)

Nun noch eins: von der Donau kam ein Bote
Aus einem Bauernhof ... Dort harrt ein Weib.
Got'linde –

Ofterdingen

(in frischer Bewegung hin und her wandernd)

Bleib mit Frauen fort! Hier ist
Der Turm der Arbeit! Weiter nichts!

Klingsor

(ruhig)

Ich sage:
Got'linde schaltet dort allein, als Herrin,
Beherrscht ihr Ingesind' – und hält ihr Herz
Und ihre Kammer offen nur für Einen.
Was sagt der Eine?

Ofterdingen

(ist ernst geworden, träumerisch)

Gotelinde! Traum
Aus schwersten Sonnwendtagen an der Wartburg!
Sie war es, deren unschmiegsame Kraft
Mein ganz Erinnern strotzend füllte, als ich
Von Brunhilds Panzerleib die Strophen schrieb.
O Gotelinde! ... Und nun herrschest du
Als Königin von Isenland! Ich höre
Die Schlüssel klirren, seh', wie sie den Kopf wirft,
Darum die Strähnen rundgebunden sind
Wie eine Krone – und ihr leichter Schritt –
Doch tritt sie fest auf, tritt die Schuhe krumm,
Ich hab' sie oft geneckt. O Treugesell! ...

(Sinnt)

Drei Frauen traten in den Wartburgtagen
Verwirrend in mein Leben – und ein Kind:
Dies Kind, Klein-Irmgard, möcht' ich wiedersehn.
Ich merke nun, Herrn Hermann mild zu stimmen,
Ließ Mutter Landgräfin ihr Kind im Saal ...

(Sehr zart)

Ich stieß es fort ... das war nicht ritterlich ...
Sie lief mit Tränen wieder zu der Mutter ...
Daß ich der kleinen Irmgard weh getan,
Dünkt mich die schlechteste von meinen Taten ...

(Sinnt. Dann:)

Als Gotelind' am Turmtor Abschied nahm,
War ihr Gesicht sehr zart, sehr kindlich zart ...
Sie kniete vor mir, und ich mußte mich
Zu ihr herniederbeugen – wie zu Irmgard,
Und wie man sich zu kleinen Blumen beugt.
Und einmal, an der Wartburg, sagte sie:
»Hab' lieb, die dich so liebt! Und ehre mich!«
Verstehst du? – nicht zerrupfen, nicht zerbrechen
Im Sturm der Lust – doch ehren – ehrend lieben! ...
Vielleicht hat Wolfram recht: – 's ist eine zarte
Irmgard in jeder Frau – – das muß man ehren ...

Klingsor

Sag's ihr!

(Hat die Tür geöffnet: Gotelinde tritt ein in edlem Frauengewand, als Herrin, und bleibt
an der Tür stehen)

Zwei Tage hielt ich sie verborgen!

Gotelinde und Ofterdingen sehen sich überrascht und schweigend an.

Gotelinde

(nach kleiner Pause, innig, aber gehalten)

Wie bleich und edel stehst du, trauter Freund!

Ofterdingen

Und du, Freundin, wie luftgebräunt, wie schön!

Gotelinde

(einen Schritt nähertretend)

Doch um so stolzer dieser stolze Zug
Um diesen Mund, nach dem ich Sehnsucht trage –
Darf ich, mein Herr und Gatte?

Ofterdingen

Fragt mein Weib,
Mein sonst so ungestümes Donauweib?

Gotelinde fliegt mit einem Ruck, in alter stürmischer Art, an seine Brust; sie küssen sich

O Gotelinde! – Du berauschend Blut,
Einbrausend wieder in den Mann, der fast
In Pergament verdorrt – ich hab' mein Lied!

Klingsor

Zu einem Lied, gequadert wie ein Burgbau,
Hast du dich hier gestrafft. Des Mannes Ernst
Und reife Ruhe wurden dein Gewinn.
Das halte fest! Und dieses treue Weib!

Ofterdingen

Kann ich denn seßhaft sein?

Gotelinde

(einen Schritt zurücktretend, ernst und innig)

Nicht dich zu holen
Bin ich gekommen, denn dir ist's vielleicht
Natur, in einem fremden Wald zu sterben.
Vielleicht auch nicht. Ich weiß nicht. Alle Zukunft
Ist uns verdeckt vom Schatten jener Burg,
Worauf dein Ritterwort gefangen sitzt.
Das mußt du lösen! Dann – tu, wie du willst!
Komm zu mir in die Enge – oder ziehe
Ins Ungewisse – oder nimm mich mit –
Tu, wie du willst! Mit Lachen oder Weinen
Bin ich gehorsam, denn ich hab' dich lieb!

(Umarmung)

Ofterdingen

Du hast mich lieb! O Treue! Tronjer-Treue!

Klingsor

Dein Ritterwort! Willst du's befreien?

(Hält ihm die Hand hin)

Ofterdingen

(frisch einschlagend)

Ja!
Wir brechen morgen nach der Wartburg auf!

(Vorhang)

 << Kapitel 5  Kapitel 7 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.