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Gutenberg > Friedrich Lienhard >

Heinrich von Ofterdingen

Friedrich Lienhard: Heinrich von Ofterdingen - Kapitel 5
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authorFriedrich Lienhard
booktitleWartburg&
titleHeinrich von Ofterdingen
publisherVerlag von Greiner und Pfeiffer
printrunFünfte Auflage
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Dritter Aufzug

Sängersaal

Festversammlung. Auf dem Thronsessel das Landgrafenpaar, daneben Mechthild. Zu Füßen Mechthilds Irmgard, einen Kranz im Haar. Zu Füßen des Landgrafen ein Knabe (Ludwig). Gefolge, Ritter, Geistliche, Frauen usw. füllen den Saal bis in die Türe. Auf ihren Stühlen sitzen, hinter jedem ein Singknabe mit der Harfe: Ofterdingen, Eschenbach

(Reinmar, Biterolf, Heinrich der Schreiber). In der Sängerlaube steht, vortragend, Walther von der Vogelweide. – Die Harfenbegleitung kann so zurückhaltend wie möglich sein, unter Umständen auch ganz wegfallen.

Walther

... »der Landgraf ist so hochgemut,
Daß er mit stolzen Helden Hab und Gut vertut.
Mir ist sein hoher Adel kund:
Und gält' ein Fuder guten Weines tausend Pfund,
So stünde dennoch keines Ritters Becher leer!«

(Lebhafter Beifall)

Landgraf

Hab' Dank, Herr Walther! – Einen Umtrunk! Knappen,
Laßt mir den Wein statt heller Worte blitzen! –
Und dann, als Schlußgesang so reichen Tages,
Will ich ein Minne-Preislied! Hört den Preis!

(Er flüstert der Landgräfin ein Wort zu)

Landgräfin

(sich erhebend, laut und deutlich)

Wer heut' am schönsten preist die deutsche Frau,
Den ehrt mit Kuß und Krone Gräfin Mechthild.

(Sie deutet mit leiser Handbewegung auf Mechthild.)

Und wer am männlichsten der Minne Kraft
In edle Strophen bannt, erhält den Kranz
Von meines Kindes Irmgard blondem Haupt.

(Freudige Bewegung. Heilrufe. Das Landgrafenpaar kommt zu zwanglosem Umherwandeln herab. Während dieses Umherwandelns heitere, leise Festmusik)

Landgräfin

(Irmgard an der Hand, zu Ofterdingen)

Irmgard ist stolz auf ihr gewichtig Amt.

(Zu Irmgard, die Ofterdingen anstarrt)

Nun, Kind, was wundert dich am fremden Herrn?

Irmgard

(zu Ofterdingen

Warst du im Hörselberg?

(Peinliches Erschrecken und Lächeln der Umstehenden)

Ofterdingen

(gedankenvoll auf Irmgard schauend, gleichmütig in seiner herben Art)

Ich habe Kinder gern, Frau Landgräfin –

Landgräfin

(rasch einfallend, um das Gespräch abzulenken)

Denn sie sind einfach – nicht wahr – und vertrauend.

Ofterdingen

Kinder und unverbrauchtes Volk.

(Neigt sich zu Irmgard und gibt ihr die Hand)

Ja, Fräulein,
Ich war im Hörselberg. Es ist dort finster,
Ich möchte nimmer hinab – bleib' lieber bei Euch.

Irmgard

(treuherzig)

Singe du gut, so geb' ich dir den Kranz.

Landgräfin

Seltsam! Sie ist sonst scheu. – Komm nun, mein Kind!

(Die Gruppe geht nach hinten)

Landgraf

(vorn bei den Sängern, zu denen auch Ofterdingen gleich darauf tritt)

Behagt's euch, Sänger? Freude sei der Krieg,
Dem meine Wartburg heut' den Namen gibt!
Gleich Schmetterling und Schwalbe soll die Laune
Die Luft durchblitzen – deutschem Volk ein Vorbild
Heitrer Geselligkeit, wie auf den Schlössern
Der reizenden Provence! Auch hier ist Schönheit!

(Freudige Zustimmung)

Walther

Ein Kaiserland!

(Ofterdingen horcht auf)

Landgraf

Wie meint Ihr das?

Walther

Von hier aus
Greift man mit rechter und mit linker Hand
Im Geist das ganze Deutschland – –

Landgraf

(nickt lächelnd)

Und viel Sorgen!
Mich nennt man an der Donau »Sängerkaiser« –
Und mancher Spötter greift mich neckisch an: –

(mit plötzlicher Wendung zu Ofterdingen)

Den ärgsten hab' ich heut' zum Untertan –
Nicht wahr, Herr Ofterdingen? Seid bedankt:
Ich nehm's als Ehrentitel willig an.

(Lebhafter Beifall, befreites Lachen)

Der Krüppel, der Dicke, der Lange, Diethelm usw. tauchen im Saal auf

Krüppel

(mit seinem durchdringenden Nasalton, heranhumpelnd)

Lobet Gott den Herrn!

Walther

(lachend)

Posaune des Gerichts!

Landgraf

Ein Mitbewerber!

(Behaglich scherzend)

Lobst du den Herrn, zerbrechliches Gestell,
Und hast so wenig Ursach', Gott zu danken?

(Klopft ihm auf die Schulter)

Dein Glaube stärkt uns! Lob' du herzhaft weiter!

(Zu einem Beamten, der sie hinausweisen will)

Laß sie vorerst! Die Burg sei heute offen!
Und ob mir selbst ein gutgelaunter Schütze
Den Mantel streife – hat nichts auf sich! Glück zu!
Nur laßt mir Anmut walten und das Maß!

Walther

Mein Fürst, das hat sich jeder still gelobt.

(Gehen nach hinten)

Die Landgräfin und Wolfram von Eschenbach kommen mit Mechthild

Landgräfin

Schaust du noch immer Schatten, Träumerin,
Kassandra Mechthild?

Wolfram

(zu Mechthild)

Ei, goldhaar'ge Fee,
Hat Euch ein schwarzer Traum verstört?

Landgräfin

(zu Wolfram)

Ihr seid
Erschlagen, Eschenbach, durch Ofterdingen!
Jawohl – so träumte sie – mit eines Waldschmieds
Geschwungnem Hammer!

Wolfram

(lächelnd)

Fast ein Heldentraum!
Wie kommt er in Frau Mechthilds Harfenseele?

Mechthild

(immerzu unruhig, reizbar)

Vielleicht – ich weiß nicht – weil ich milder Wörtlein
So recht aus Herzensgrunde satt bin!

Wolfram

(tritt erstaunt zurück und wird ernst)

Landgräfin

(gleichfalls erstaunt)

Nun?

(Zu Wolfram)

Habt Ihr den Klang gehört? Scharf wie ein Schwertschlag!

Mechthild

Vergebt!
Mir bangt vor heute ...

Wolfram

(sehr ernst)

Galt der Schwertschlag mir?
Nun wohl, den Ton vernimmt ein Mann
Nur einmal aus so liebem Mund – nie wieder!
Mein Werben war Euch lästig. Dank der Lehre!
Ihr sollt Euch nie mehr über mich beklagen.

Landgräfin

Ei, wunderlicher »Sängerkrieg«!

Mechthild

Verzeiht mir!

(Gibt Wolfram beide Hände, eilt tief aufseufzend mit Irmgard und andern Kindern nach hinten)

Landgräfin

(ihr kopfschüttelnd nachsehend)

Was ist das, Wolfram?

Wolfram

Man sagt, sie ward beim Waldgebet geängstet –

Landgräfin

Durch wen?

Wolfram

(achselzuckend ausweichend)

Vergebt –

(Gehen nach hinten)

Der Landgraf kommt in verbindlichem Gespräch mit dem finster schweigenden Ofterdingen

Landgraf

Zürnt Ihr, Herr Ofterdingen? Habt Ihr mir
Den Scherz verargt? Wie, oder reizen Euch
So wenig unsrer vielbegehrten Frauen
Gereckte Neugierköpfchen? Warum schweigt Ihr?
Es scheint von Klingsors magischer Umleuchtung
Ein Schimmer abgefallen auf den Dichter,
Und fast gefährlich naht Frau Holles Gast –
Jedoch, er schweigt! Seid Ihr verzagt? Wovor?

(Nach hinten)

Dankwart (die als Knappe verkleidete Gotelinde) und Diethelm

Diethelm

Sie halten hier auf der Burg einen zahmen Löwen: dort führt ihn der Landgraf am Halfter.

Dankwart

Diethelm!

Diethelm

Nun, weiblicher Bub?

Dankwart

Er ist hier unter verkappte Feinde geraten. Sie lachen ihn aus.

Diethelm

Weiß ich, Jungfrau!

Dankwart

Wir sind die halbe Nacht nicht vom Pferd gekommen. Er hat geweint vor Wut, daß er sich in so ungleichen Kampf einließ! Und doch ist er zu stolz, zurückzutreten.

Diethelm

Wart' ab, Dankwart!

(Gehen nach hinten)

Ofterdingen und Mechthild kommen.

Mechthild

Nur hastig dies: Ich habe Grund, zu zürnen,
Das wißt Ihr! Dennoch bitt' ich gern: Vergebt mir!
Weit kommt Ihr her zum Kampf, Ihr seid sehr unfroh,
Mein Wort hat Euch beschwert – mir tut Ihr leid –

Ofterdingen

(kalt)

Mitleids bedarf ich nicht.

Mechthild

Euch fehlt ein Ton –

Ofterdingen

Ich hab' dafür den andern Ton.

Wolfram tritt mit einigen Herren hinzu.

Wolfram

(kühl, zu Mechthild)

Ich merke,
Ihr tut ihm zur Besänftigung Euren Traum kund?
Seid heiter, holde Frau! Seht, friedlich steht
Der Mörder neben dem Ermordeten.

Ofterdingen

Nicht ganz so friedlich.

Wolfram

(kühl)

Nun, Herr? – Wir sind Gäste.
Wir sind als Ritterschaft der hohen Kunst
Geachtet auf der Burg, gleichviel wie drunten
Die Wege laufen mögen. Was vermißt Ihr?

Ofterdingen

Mir fehlt – das hab' ich dieser Frau bekannt
Der Herrenton des Hofes. Gut, er fehle!
Doch Euch fehlt andres!

Wolfram

(immer gemessen und kühl)

Wem?

Ofterdingen

Euch allen hier!

Wolfram

Und welcher Ton fehlt uns?

Ofterdingen

Die Leidenschaft!

Wolfram

Mir schien bislang die Leidenschaft ein Mißton.

Ofterdingen

Der harte Ton des Todes fehlt Euch, Herr!

Wolfram

Ich lebe todbereit und im Gebet.

Ofterdingen

(mit wachsender Ungeduld)

Der Ton des Untergangs – versteht mich wohl –
In den man schweigend, gleich den Nibelungen,
So schreitet wie zum Richtblock eherne Männer!

Mechthild

Gestattet, werte Kämpfer: Noch ist Frieden!
Zwar ahn' ich, was Ihr meint. Doch achtet Ihr
So klein das Wort? Das Wort ist Euer Werkzeug.

Ofterdingen

Ich achte hoch mein Werkzeug. Doch ich achte
Nur solches Wort, das wahr und unvermischt
Aufsprudelt aus des Herzens heißem Blut.
So ist das Wort geladen mit der Kraft
Des ganzen Mannes. (Zu Wolfram) Euer Wort entspringt
Umsicht'gem Denken, Euer Wort sitzt hier! (Stirn.)
Doch meine Worte haben hier den Sitz. (Herz.)

Landgraf

Nun, Wolfram, habt Ihr unserm Donaugast
Das Blut erhitzt?

Walther

Rühmt man das edle Maß?

Ofterdingen

(in dem es gärt)

Ja, Herr, das rühmt man hier! Das edle Maß!
Tarnkappe edler Mittelmäßigkeit!
Vergebt: der schönen Mittelmäßigkeit,
Der tugendsamen Mittelmäßigkeit,
Die hold verhüllt die mangelnde Begier –
So recht das Wartburgwort! Das rühmt man hier!

(Bewegung. Lachen. Man strömt zusammen)

Walther

(frisch)

Herold, zum Kampf geblasen! Harfe vor
Und Singeknab'!

Landgraf

(lachend)

Walther, der Ritter neckt Euch!

Wolfram

Doch nicht gar neckisch klang sein Ton.

Walther

Weh jedem,
Der nicht mit Anmut Wort und Antwort ziert!

Landgraf

(bedeutsam)

Ich traue jedem höchste Sitte zu.

(Ruft laut)

Dem Sieger Kuß und Krone von Frau Mechthild!

(Heilrufe, Alles im nunmehr dichtgefüllten Saale nimmt die Plätze ein. Die leise Tanzmusik schweigt)

Landgraf

(behaglich)

Also ein neuer Feind! Der vielverfemte
Heinrich von Ofterdingen! Nun, was tat Euch,
Herr von der Donau, unser Wartburgwort:
Das »edle Maß«? – Ich bin kein Strophenkünstler,
Bin Landes- und Gerichtsherr; vielerlei
Verschiedne Wünsche flattern aus den Tälern
Herauf und heischen klaren Kopf und warmes Herz –
Weh mir, wär' nicht das Maß mein Losungswort!

Ofterdingen

(den andern gegenüber, hinter ihm im Volk Diethelm)

Fragt einen Kriegsmann im Gebrüll der Schlacht,
Fragt einen Jüngling, den das Weib berauscht,
Fragt einen Sturmwald, fragt das große Meer,
Fragt, was Ihr wollt, wo erstgeborne Tat
Jemals gezeugt ward durch ein schwächlich »Maß«!

Landgraf

(lächelnd zu den Umstehenden)

Den Hohenstaufen-Adler hör' ich rauschen!

Ofterdingen

Vergebt – ich fürchte sehr, zur Unzeit ruft Ihr
Den breiten Schatten Barbarossas an!
Wenn der hier einrauscht, sprengt er Eure Mauern!
Den Hohenstaufen-Adler hört Ihr rauschen,
Der hoch und stolz zur nahen Sonne fliegt?
Da habt Ihr fein Gehör, das muß ich sagen,
Denn nicht in Eurer Nähe rauscht der Adler!

Landgraf

(lacht)

Der Österreicher wird mir keck! – Nun, Wolfram?

Wolfram

(zu Ofterdingen)

Saß Euer Hohenstaufen-Adler jemals fest?
Im Sonnenrauschflug hat er weder Heim noch Nest!
Er fliegt und fliegt, hängt an des Himmels letztem Rand,
Bald über Rom, bald über Palästinas Strand.
Phantast'schen Fernen bringt er irre Grüße
Und läßt im Stich das feste deutsche Land!
Kurz, Euer Vogel Greif hat – keine Füße!

(Beifall)

Ofterdingen

(schärfer)

Wer sagt mir das? Der Pilger nach dem Gral?
Der Dichter eines wirren Parzival?
Ihr, dessen Phantasie in Welschland läuft,
Zu Pelraper, in der Bretonen Land,
Bei Frau Kondwiramur, auf Montsalvatsch,
Bei Trevrizent, Amfortas, Gamuret –
O weh, ich kann nicht weiter sprechen:
Im Kampf mit Wolframs welschem Namenschwall –
Wird mir die Zunge brechen!

(Diethelm und wenige lachen)

Walther

(scharf herüberrufend)

Heil Euch, wenn Ihr ein Lied gleich »Parzival«
Gedichtet hättet, statt derweil zu zechen!

(Gelächter)

Landgraf

(stimmt in das Lachen ein)

Das traf! Das war ein scharfes Worteblitzen!

Diethelm

(zu Ofterdingen)

Merkt Ihr, daß Ihr hier Tanzbär seid?!

Ofterdingen

(sieht sich um, merkt, daß er vereinzelt ist)

Ein Worteblitzen? Nur ein Worteblitzen?
Und alle wider mich? ... Mein Herr und Landgraf,
Beschämt seh' ich, daß ich mich locken ließ
Zum Tändelkampf, den meine Seele haßt.
Vergebt, ich ziehe schweigend mich zurück.

Landgraf

Hoho, bequeme Flucht, Herr Hohenstaufe!
Ist Euer Schwert nur an der Donau scharf?

Ofterdingen

In Eurem Saal steh' ich als fremde Welt!

Landgraf

Heraus mit Eurer Welt! Wir sind hier Freunde,
Einig in Liebe zu der hohen Kunst!

Ofterdingen

Ich bitte, schont mein Blut! Denn wir sind Feinde!

Landgraf

(beginnt unwillig zu werden)

Ihr seid mein Gast! Wozu seid Ihr gekommen?

Ofterdingen

Nun – wie der Fuchs zur Falle! hergelockt –

Landgraf

(heftiger)

Was, hergelockt? Wer hat Euch hergelockt?!
Ihr habt in schnöden Liedern mich verspottet,
Als sei ich doppelzüngig, heute Welf
Und morgen wieder Staufe – spitzer Sänger,
Ich bot Euch dennoch Frieden, rief Euch her,
Als Mann zu Mann – und nun, was grollt Ihr noch?!

(Schlägt auf den Schenkel)

Was habt Ihr wider mich? Heraus damit!
Sonst nenn' ich Euch vor allem Volke feig!

(Bewegung)

Ofterdingen

(sich jäh aufreckend, stark)

Heraus denn. Schwert! Ihr wollt es, Landgraf Hermann!
Das hab' ich wider Euch: Die Hohenstaufen
Verbluten sich im kaiserlichen Kampfe,
Die Welt zu bändigen dem deutschen Geist.
Mit ganzer Seele bin ich Hohenstaufe,
Mit ganzer Seele lieb' ich Deutschlands Pracht
Und alles, was da frei und markig macht!
Ihr aber tändelt an geziertem Orte
In Gaukelspiel und Minnelächelsang –
Ihr seid ein Feldherr über schöne Worte!
Ihr lauscht zwar, Landgraf, was der Staufe spricht,
Klug aber brecht Ihr mit dem Welfen nicht,
Klug zwischen beiden wählt Ihr schlauen Gang
Und rühmt das laue Maß als feinste Sitte,
Nicht heiß, nicht kalt – kurz: Kaiserlein der Mitte!

(Große Bewegung)

Hei, Heinrich von Ofterdingen spielt Tanz und Ridewanz!
Die Wirkung liebt mein Spruchlied mehr als den Kuß und Kranz!
Ihr seid des Fürsten würdig, Sängerlein!
Auch Ihr girrt sanft und süß von Maß und Sitte
Und schleicht Euch dennoch – maßvoll, wortefein –
Um jede Frau mit feig verhülltem Schritte
Und schmeichelt Euch mit Worte-Wollust ein,
Nicht heiß, nicht kalt – kurz: Sängerlein der Mitte!

(Große Unruhe. Es blitzt)
Landgraf

Bauer! Himmel und Hölle –! Jenen Blitz,
Der da vom Hörselberg herüberflammt,
Reiß' ich herab, wenn du nicht schweigst! Du selbst
Bist feig, der im Vertrauen auf das Gastrecht
Den Gastherrn schmäht! Ging's hier um Tod und Leben,
Du Tapfrer, wagtest du so dreiste Schmähung?!

Ofterdingen

Laßt's gehn um Tod und Leben!

Landgraf

Hütet Euch!

Ofterdingen

Wovor?

Landgraf

Ich greife zu! Ich mache Ernst!

Ofterdingen

Macht Ernst, Kaiser der Mitte!

Landgraf

(springt auf, laut)

Ruft den Henker!

(Aufschrei der Frauen, Bewegung. Dann lange Stille. Ein Beamter ist hinausgegangen)

Landgraf

Und jetzt! Was sagt Herr Heinrich von Ofterdingen?
Ihr geht mir nicht aus diesem Saal! – Burgwart,
Besetzt den Eingang! – Nunmehr fass' ich Euch!

Ofterdingen

(ist einen Schritt zurückgetreten, faßt sich sofort, kalt)

Stellt einen Eurer Sänger mir entgegen,
So kämpfen wir auf Leben oder Tod!

Wolfram tritt vor

Wolfram

Mir, Herr, der ich des Streites Anfang war,
Geziemt der Gegenkampf.

Landgraf

Es gilt den Kopf!

Wolfram

Ihr tragt dafür Verantwortung, Herr Landgraf:
Gelt' es den Kopf!

Landgraf

Seid Ihr zum Schwur bereit?

Wolfram

Nochmals: Ihr, Herr, habt die Verantwortung.
Ich bin bereit.

Walther

(zornig)

Ist dies denn Tollheit?! Herr!
Ist dies das edle »Maß«, das Ihr gerühmt? –
Herbei, ihr Gaukler und Jongleure, Narren
Vaganten und Goliarden, hier herein!
Dies ist ja Narrenspiel! Der Landgraf neckt uns!

(Er treibt buntscheckig Gauklervolk heran). Der »Dicke« und »Lange« stellen sich hin und singen krampfhaft zur Laute:

Ecce gratum
Et optatum
Ver reducit gaudia!
Purpuratum
Floret pratum
Sol serenat omnia
!

(Die Festgäste besprechen sich in erregten Gruppen. Gaukler werfen Kugeln und fangen sie auf. Der Krüppel kommt mit seinem nasalen »Lobet Gott, den Herrn« und wirft die Krücken hin, springt darunter und fängt auf)

Krüppel

(zum finster sitzenden Landgrafen)

Herr Landgraf, wenn's Euch Freude macht und tröstet:
Bin gar kein Krüppel! Darum lob' ich Gott!

(Der Henker tritt ein. Er bleibt in seinem roten Mantel an der Türe stehen. Alles wird stumm; die Gaukler schleichen hinaus. Der Beamte verbeugt sich vor dem Landgrafen und tritt zurück. Es ist im Saal Totenstille)

Landgräfin

(leise, aber in jedem Wort verständlich, den Arm um des Landgrafen Nacken legend)

Geliebter Gatte, sag's nun deinem Festvolk,
Daß dies nur Scherz war. Sieh, der Übermut
Des Sängers ist gedämpft. Uns aber schaudert –

Irmgard

(kommt zur Landgräfin, ängstlich nach dem Henker schauend)

Was will der Mann?

Landgräfin

(hastig zu Irmgard)

Kind, lauf zu jenem Sänger,
Bitt ihn, mein Kind, er solle deinem Vater
Ein Wörtchen bloß: »Urfehde« sagen, bitt ihn!
Er darf als Gast nicht seinen Wirt beleid'gen –
O Gott, dein Vater kaut so bös am Bart,
Es ist Gefahr für jenen Sänger – sag's ihm!

Irmgard

(kommt ängstlich durch den Saal getrippelt, den Finger im Mund, bald nach dem Henker, bald nach der Mutter, bald nach Ofterdingen schauend)

Die Mutter sagt –

Ofterdingen

(sie ruhig umdrehend und zurückschiebend)

Ich hört' es schon, mein Kind. –

(Kalt und stolz)

Ein Wort zuvor! Unsicher war ich bislang,
Ob Landgraf Hermann, unsern Mut zu prüfen,
Den Mann dort mit dem roten Mantel rief.
Doch aus der Landgräfin erblichner Farbe
Erseh' ich Euren Ernst. – Thüringer Löwe:
Könnt Ihr vor Gott, des Warnwort unsichtbar
An Eurem Thron steht, könnt Ihr vor dem Lande,
Des Waldung ernst in Eure Fenster rauscht,
Verantwortung erstatten solcher Zorntat –
So sei's! Ich freilich könnte meine Harfe
Barsch um die Achsel werfen und mich weigern
Solch unerhörten Wettgesanges – meint Ihr?
Meint Ihr, Ihr Herrn und Frauen?

(Er nimmt die Harfe vom Rücken und gibt sie Diethelm; dieser zieht sich zurück und begleitet später unsichtbar Ofterdingens Lied. [Doch kann die melodramatische Harfenbegleitung auch fortfallen]).

Landgraf

Singt, Wolfram!

Wolfram von Eschenbach

(tritt in die Mitte, verneigt sich; man sieht, wie schwer ihm sein Auftrag wird. Er stützt sich vorerst noch auf die Harfe)

Mein edler Herr – sehr leicht scheint heut' mein Sieg –
Denn Euer Zorn und hundert Flammen-Augen
Verdammen jenen, eh' er noch begonnen.
Wer in dem Saal hier weiß nicht oder glaubt nicht,
Wie sehr ich meinen besten Fürsten liebe? –
Stumm bleiben alle. Jeder kennt mein Herz.
Drum sing' ich, wie mich mein Gewissen zwingt.

(Gibt die Harfe an einen Knaben, der unsichtbar begleitet – was auch wegbleiben kann – schaut kurz und sinnend zu Boden und spricht dann in getragenem Ton)

Wolframs Lied

Dröhnt in der Ruhl die Runde noch
Und singt der Schmied zur Stunde noch
Sein Zornlied: »Landgraf, werde hart!«?
Mich laßt mit Harfenschwingen
Ein besser Wörtlein singen,
Dein Herz dir zu bezwingen!
Gott geb' ein gut Gelingen
Jedwedem Schlag und Streich:
Landgraf, werde weich!

Ich bin ein Schmied wie der im Tal:
Ein Strophenschmied im Sängersaal,
An Kunst und Kraft dem Waldschmied gleich.
Ich weiß, wie man zum Manne wird,
Weiß, wie der Speer im Schilde schwirrt,
Wie Eisen auf dem Panzer klirrt –
Und dennoch ruf' ich unbeirrt,
Und seist du gleich vom Grimme bleich:
Landgraf, werde weich!

(In erzählendem Ton [mit ruhig-gleichmäßigen Akkorden] zur ganzen Versammlung)

Laßt euch ein Märlein melden
Aus der Bretonen Land:
Von Parzival, dem Helden,
Wie der die Gralburg fand.
In grüner Zauberschale
Lag lichte Gotteskraft –
Habt ihr gehört vom Grale
Und seiner Wunder-Eigenschaft?
Den könnt ihr nicht ergraben
Wie Gold in Strom und Schacht:
Die Tauben Gottes haben
Ihn aus dem Himmel gebracht.
Der Fremdling sah ihn scheinen
Im feierlichen Saal,
Er sah die Ritter weinen
Ob ihres Königs Qual:
Und er, der auf der Heide
Den wilden Schwan gejagt,
Er stand im Waffenkleide
Und hat kein einzig Wort gefragt.
Hätt' er gefragt, aus Mitleid, gütegroß
»Amfortas, sprich, wie helf' ich deiner Pein?«
Hätt' er gehaucht ein Schattenwörtchen bloß:
Das Königtum des heil'gen Grals – war sein!

Weiter meldet die Sage
Wie es Karfreitag war.
Da kam aus heiligem Hage
Ein Läuten wunderklar.
Betaute Äste schwangen
Einander Perlen zu,
Die Eiskristalle sprangen
Und hatten Kleid und Schuh.
Es ging ein Sprechen und Singen
Von herzensheimlichen Dingen
Durch klingenden Märchenhain.
Es stand am Glockenstrange
Ein Klausner mit Gesange
Und läutete Karfreitag ein.
Nur Parzival mit starrem Waffenklange
Ritt in den Melodienwald hinein.
Bis ihm der Waldmönch mild und klar
Des Tags Bedeutung legte dar.
Da flossen des Helden Härten,
Wie rings das Eis zerfloß,
Aus halb verdorrten Gerten
Holdselig Blühen schoß.
Sein Wille, rein und leuchtend,
Hob sich zu Gott empor,
Zwei Tränen traten feuchtend
Vor seiner Augen Tor.
»Wohl mir, ich hab' erlesen,
Was mir das Höchste ist:
Bin nur ein Ritter gewesen,
Heut' aber ward ich Mensch und Christ

So ward von Finsternissen
Ein edler Pilgrim frei.
Wer aber – wollt Ihr wissen –
Stand ihm in aller Drangsal bei?
Vernehmt: solch Lichtvertrauen
Gab ihm die Treue nur!
Er liebte von allen Frauen
Nur Frau Kondwiramur.
Die war sein Weib, vergleichbar
Den besten hier im Saal –
O Frauen, unerreichbar
Dem neuen Parzival!
Ob mir der Kranz beschieden
Und ob ich glücklos sei –
Euch Frauen umatme der Frieden
Und euch der ewige Mai!
Ihr seid das leicht zerbrochne Glas,
Darin des Grales Kleinod ruht –
Euch schau' ich an

(Schaut Frau Mechthild an)

Und preise noch in Henkers Bann,
Als dieser Erde höchstes Gut:
Die reine Frau

(Den Landgrafen anschauend)

– den milden Mann
Das edle Maß!

(In ruhigem Gesprächston)

Dies, Herr und Landgraf, ist mein Sang:
Es ist mein Lied vom heil'gen Gral.

Nun folge du Karfreitags Klang –
Oder folge dem Schmied im Tal!

(Verneigt sich, tritt zurück; Bewegung und gedämpfter Beifall.)

Ofterdingen

(tritt vor. Der Beifall bricht jäh ab. Er hebt düster und langsam an, aber immer wachsend)

Ofterdingens Lied

Mir summt ein dumpfes Läuten aus einem tiefen Strom.
Dies Läuten frommt mir besser als Läuten aus dem Dom.
Stromwasser sind die Glöckner, die schlagen grollend an:
Und in des Rheines Grunde das Rheingold hebt zu klirren an!

Da steigt von alten Sagen empor verschollner Sang.
Den Wichteln und den Zwergen wird auf den Schätzen bang.
Das Gold der Grüfte regt sich, Könige treten zutag –
An deutschen Helden freut sich, wer sich in Deutschland freuen mag!

(Hochaufgerichtet)

Wolfram, verirrter Sänger, wo suchest du den Gral?
In welschen Aventüren, im kranken Rittersaal!
Du hängest Kuttenlappen deinem Knaben um!
Das Gold der deutschen Tiefe ist deinen Ohren taub und stumm!

Laß deine Tugend-Dame Kondwiramur daheim!
Hast du von Kriemhild vernommen den deutschen Spielmannsreim?
Die war voll »edlen Maßes« und hatte zücht'gen Sinn –
Und dennoch ward Frau Kriemhild am Etzelhof zur Teufelin!

Wie Hel stand dort Frau Kriemhild in der Burgunden Tod.
Erschlagen ihre Sippe, Gunther und Gerenôt,
Giselher, der junge – ganz Burgund entlaubt –
Nur Hagen noch in Ketten, dem schlug sie selber ab das Haupt!

Und stand im Blutgewande, Siegfrieds Schwert in der Hand,
Schaute mit funkelnden Augen über das rauchende Land,
Bis mit ergrimmter Waffe Hildebrand sprang hinzu –
Ein Schlag! – nun erst hat Kriemhild samt ihrem heißen Herzen Ruh'!

Das war ein Weib, Herr Wolfram! Lobt Ihr, so lobt mir das!
Sprecht mir von Gudruns Trotzen, sprecht mir von Brunhilds Haß!
Und fügt hinzu: Die waren echter Tugend voll!
Die wußten, wie man treu sei, die wußten, wie man hassen soll!

(Er schaut sich kurz um, sucht die ängstlich ihn anschauende Gotelinde und fährt im Feuer fort)

Mir lief eine wilde Jungfrau durch wilde Wälder nach,
Mit wunden Sohlen lief sie, trug herbes Angemach,
Hat kein' andre Tugend, liebt mich ohn' alle Scheu –
Der sing' ich dieses Preislied, der bin ich bis zum Tode treu!

(Gotelinde fliegt an seinen Hals, ihre Haare flattern herunter. Große Bewegung im ganzen Saal)

Ofterdingen

Wein' nicht um mich, meine tapfre Gotelind',
Dich hab' ich lieb, nicht jene schönen Frauen!

(Laut in die Unruhe)

Frau Mechthild irrt sich! Jede andre Frau
In diesem Saale irrt sich, wenn ihr wähnt,
Daß ich auf Euch, gleich diesem Parzival,
Ein Preislied singe! Nein, dem Saal zum Trotz
Besing' ich diesen Knappen, der von Liebe
Und ihrer heldenschönen Leidenschaft
Mehr weiß, als jede Kemenatenfrau!
Den Schiedsspruch fäll' ich selbst: Ruft jenen Mann!
Ich bin in Eurem Haß, ich hab' euch wissend
Und eure Frauen willentlich beleidigt –
Drum fort mit mir! Und lullt euch fürder ein
In Wolframs und in Walthers Schmeichelsingsang –

(Nimmt die Harfe von Diethelm)

Mir ist der Saal zu enge, zu eng ist mir die Welt,
Die Welt, der nur ein schlaffer Minnetand gefällt!
Drum will ich lachend folgen jenem verhüllten Mann!
Heil dir, du stärkster Fiedler, nun stimme du dein Schlußlied an!

(Stürmische Erregung. Er lacht laut und trotzig, gibt die Harfe Gotelinde, die von einigen Leuten zurückgerissen und hinausgeführt wird)

Stimmen

(von allen Seiten)

Macht End', Herr Landgraf! Den Henker! Heil Wolfram!
Wolfram, gebt Antwort!

Landgräfin

(eine Stufe herabtretend)

Ruhe, ihr Herren! Eine Frau gibt Antwort!

(Es wird ruhiger. Sie schaut Ofterdingen an)

Unsel'ger Mann! Von trunkner Sinnenkraft,
Von unerfüllter und getäuschter Liebe
Hör' ich ein schmerzvoll und verzerrtes Lied.
Von Kriemhild, der man ihren Gatten nahm,
Von Brunhilds Haß, von Gudruns Stolz und Gram
Und von Burgunds hoffärtigem Geschlecht –
Das wißt Ihr stark zu singen, der Ihr selber
Friedlos die Welt durchirrt, Frau Holles Knecht!
Ich aber preise nun, was Ihr verschweigt:
Die Liebe, die sich in Erfüllung zeigt!

(Legt die Hand auf des Gatten Schulter, der am Thron steht; die Kinder schmiegen sich an beide an)

Hier steht mein Gatte, hier sind unsre Kinder,
Hier unsre Edelfrau'n, hier Volk und Herren:
Ich frag' Euch, Sänger, kennt Ihr, was Ihr schmäht?
Habt Ihr gezählt, wie oft ich mit dem Gatten
In Sorgen reite durch dies Waldgebirge,
Durch dieses Volk, das unser Tagwerk ist?
Habt Ihr bedacht, wie oft wir betend stehn,
Thüringen als ein Sonntagsland zu sehn,
Voll offner Freude, voll geheimer Macht –
Heilloser Schmäher, habt Ihr dies bedacht?!

(Bewegung)

Ich aber, Sänger, danke Gott dafür,
Daß Kriemhilds Herzleid mir erspart geblieben.
Weiß ich drum weniger, was Liebe sei?
Die Flamme, die in ungezählter Lohe
Sich dort verzehrte, leuchtet als ein Gral
Mitten im Herzen mancher tapfren Frau,
Und hilft uns kämpfen – denn wir alle kämpfen!
Wir alle kämpfen! Und gestattet mir,
Ritter von Ofterdingen, daß ich Kriemhild,
Und was da sonst in Königstrotz geliebt,
Zwar achte, wie sich's ziemt – doch ebenbürtig
Mich ihnen dünke, Königin wie sie!
Das widerlegt mir, Heinrich von Ofterdingen!

(Großer Beifall)

Ofterdingen

(hat mehrmals erstaunt aufgeschaut, fängt düster an, redet sich bald wieder in Trotz)

Schlecht steht dem Gaste, wider Euch zu sprechen.
Doch sag' ich, Fürstin: Hättet Ihr erlebt,
Wie Menschen sich berauscht an Menschenblut,
Wie Völker sanken, wie die Unschuld fiel,
Wie Unrecht breit gedieh und Tugend umkam –
Ihr wogtet nicht, an Glücksbestand zu glauben,
Ihr trautet nicht dem bestgebauten Herde,
Ihr ahntet in der hellen Knospenpracht
Bereits den Wurm – und in der Wartburg-Lust
Das Wartburg-Leid voraus! Drum acht' ich solche,
Die todgemäß und stolz und trotzig leben,
Und muß mißachten jeden, der mit Worten
Verhüllen will des Lebens Haß und Not!
Nichts ist das Leben, alles ist der Tod!

Landgräfin

(sofort einfallend)

Nichts ist das Leben, alles ist der Tod!
Heil uns! Warum so düster? Ist Euch bange
Vor jenen Hallen, die der Tod uns aufschließt?
Wer Wolframs Gral wahrhaft im Herzen trägt,
Der weiß, bei Gott, bis in des Herzens Grund,
Daß unser Leben nichts ist – weiß aber auch,
Daß unser Leben ewig ist, wenn wir's
Mit Weisheit und mit Liebe jubelnd füllen!
Dies ist der Sinn des Grals, betörter Mann!
Was neidet Ihr die welsche Aventüre?
Gralkönig kann ein jeder werden, hier,
Mitten in Deutschland, wenn sein Wille rein ist!
Schmach über Euch, Herr Ritter, daß ein Weib
Vom Thron herab den Gral Euch deuten muß!

(Großer Beifall)

Landgraf

(drückt der Gräfin stumm die Hand; sie setzt sich)

Zu Ende das Turnier! Die Fürstin selbst
Sang aus der Fülle ihres reinen Wertes
Ein Ehrenlied auf die geschmähte Frau.
Ich breche nicht mein Wort. Bekennt Ihr Euch
Rechtlich besiegt vor diesem ganzen Saal?

(Ofterdingen schweigt)

So sei das Fest Gerichtstag! Als Gerichtsherr
Steh' ich allhier und muß erkennen: – Schuldig!

(Der Henker beginnt sich ein wenig zu nähern)

Habt Ihr noch Wunsch und Auftrag?

Ofterdingen

Edle Frau,
Ich möchte wissen – sagen müßt Ihr noch,
Was Euch das Leben so zum Sonntag macht –

Landgraf

Die Sach' ist abgetan!

Ofterdingen

(In Erregung)

Nein! Sie ist nicht!

(Schaut in die unruhig und feindlich werdende Versammlung; reißt das Schwert heraus
und weicht zurück. Wild)

Ich hoffe, das ist Spiel – auch ich hab' recht!
Schmach über Euch, wenn Ihr das Gastrecht schändet!
Und ich ersuch' Euch, Landgraf, laßt mir Zeit!

Diethelm

(sich schützend vor ihn stellend, wild)

Gebt mir Euer Schwert, Herr! Ich schlag' Euch eine Gasse!

(Wachsender Tumult; viele Frauen eilen hinaus; auch die Kinder sind hinausgebracht worden)

Ofterdingen

(mit dem Schwert stehend)

Ruf deine Leute – es gibt Blut!

Mechthild

(weinend vor Angst)

Herr Landgraf!

Walther

(springt vor ihn hin, ruft zum Landgrafen)

Ich steh' für ihn! Die Sänger bitten dich:
Ist dies ein Spiel – so ende dieses Spiel!

Landgräfin

(hinuntereilend, gegen die Menge, vor Ofterdingen tretend)

Zurück von ihm!

Landgraf

(zugleich)

Die Schwerter in die Scheide!

Ofterdingen

(vor den die Landgräfin den Mantel hält, indes er zitternd vor Erregung und Zorn in die weichende, ruhiger werdende Menge starrt)

Ich will nicht sterben, Frau! Auch ich hab' recht!

Landgräfin

(kommt und führt ihn, der nach rückwärts geht, immer in die Feinde starrend und das Schwert in der Hand, zum Landgrafen)

Du hast das Recht zu richten, und in Demut
Beugt sich die Gattin. Aber wenn ich denn
Gesiegt, so laß mir auch das Recht der Gnade.
Ich bitte – nicht um Aufhebung, jedoch
Um Aufschub! Andre mögen Richter sein!

(Sie kniet. Mechthild desgleichen. Ofterdingen steckt langsam das Schwert ein)

Landgraf

(nach kurzer Pause finster zu Ofterdingen) .

Ich hätte Grund und Macht, Euch eigenhändig
Dem dort in sein geschliffen Schwert zu führen.
Denn in Euch träf' ich tausend, das beachtet,
Die so wie Ihr mit losen Liedern umziehn
Und mich verräterisch und untreu nennen!
Doch für Euch bittet dieser Frauen Hoheit.
Und Maß geziemt uns. Nicht vergebens sang
Wolfram sein mahnend Lied vom heil'gen Gral.

(Zu Walther hinüber)

Doch war das auch kein Spiel, mein heitrer Walther!

(Zu Ofterdingen)

Der Landgraf gibt Euch Aufschub. Doch Ihr schwört mir,

(Henker ab)

Daß Ihr nach Jahresfrist, auf Tag und Stunde,
An diese Stätte wiederkehrt. Herr Klingsor
Soll Euch begleiten und soll Richter sein.

(Deutlich)

Gelingt's Euch, daß Ihr einen Sang mir bringt,
Vergleichbar Wolframs Lied von Parzival,
Und uns zu sagen zwingt: Auch Ihr habt recht –
So sollt Ihr schadlos dann entlassen sein.
Gebt Euer Ritterwort! Ihr kehrt zurück?

Ofterdingen

(legt die Handflächen aneinander, gibt sie in des Landgrafen Hände, verneigt sich und geht auf eine entlassende Bewegung des Landgrafen gebeugt und düster davon, gefolgt von Diethelm)

Landgraf

(kurz und kalt)

Ihr Herr'n und Frau'n, habt Dank! Das Fest ist aus.

(Vorhang)

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