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Heinrich von Ofterdingen

Friedrich Lienhard: Heinrich von Ofterdingen - Kapitel 4
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authorFriedrich Lienhard
booktitleWartburg&
titleHeinrich von Ofterdingen
publisherVerlag von Greiner und Pfeiffer
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Zweiter Aufzug

Erste Szene

Eisenach

Platz vor Hellegreves Gasthaus. Tische, Bänke usw. Überall Kränze, Wimpel usw. Munteres Treiben.

Zwei Händler, Erster und Zweiter Bürger, ein Krüppel und Volk.

Krüppel

(ganz verbunden und verwickelt, an zwei Krücken elend daherhumpelnd, bettelt, den Hut in der Rechten und ruft mit durchdringendem Nasalton)

Lobet Gott den Herrn! Ein armer Krüppel, seit Kindesbeinen lahm, taub auf beiden Ohren, blind auf einem Auge –

Erster Bürger

Hat mir dieser sogenannte Krüppel nicht mein Pferd gestohlen? (Steht auf.) Komm doch mal etliche Fuß breit näher, du! (Packt ihn jählings.) Du und kein andrer hast mir mein Pferd gestohlen! (Zu den andern, ihn aber nicht loslassend.) Stiehlt mir dies verwickelte Knochenbündel mein Pferd, derweil ich im Walde saß –

Zweiter Bürger

I, der kann ja kaum gehen!

Erster Bürger

Der? Reicht mir einmal den Stock her.

Krüppel

(wird unruhig)

Herr, laßt los!

Erster Bürger

Reicht mir den Stock, sag' ich!

(Geschieht.)

Krüppel

(hat sich losgerissen, steht kerngesund auf zwei Beinen und fuchtelt mit den Krücken)

Was wollt Ihr mit mir?! Wer hat Euer Pferd gestohlen?!

(Gelächter.)

Zweiter Bürger

Haha! Der gefällt mir! Her an unsern Tisch, du verzauberter Prinz!

Erster Bürger

Glaubt ihr jetzt, daß der ein Pferd stehlen kann? – Wo hast du mein Pferd?

Krüppel

Ihr lustigen Herren, auf Ehr' und Gewissen: Hätt' ich den Gaul noch, euch schenkt' ich ihn mit Vergnügen! Aber drei Buschklepper haben mir ihn abgenommen – jawohl, und mein Brot dazu – und haben mich elend verprügelt, als sie entdeckten, daß ich nicht ganz so gebrechlich sei, wie ich es zum Heile der mitleidigen Menschheit annehme –

Erster Bürger

Flausen!

Krüppel

Bei meiner Ehre! Alle Laster könnt Ihr mir nachreden, aber lügen? Nie!

(Gelächter.)

Hanno Hellegreve

(der Wirt, kommt)

Wollen die Herren Gäste zu Mittag essen? Bemühet euch herein, der Tisch ist gedeckt!

Erster Bürger

(den Krüppel mitführend)

Setzt mir diesen Buckel so lang in den Gänsestall! Der kommt mir nicht aus den Klauen, der Pferdedieb, bis er gebeichtet –

Krüppel

(sich vergeblich wehrend)

Drei fahrende Sänger haben mir ihn abgenommen – ein langer dabei – ein dicker –

Zweiter Bürger

(lachend)

Ein runder! Ein viereckiger!

(Ab mit ihm.)

Erster Händler (mit Bändern, geht vorbei).

Erster Händler

Kauft Bänder, schmucke Bänder!

Zweiter Händler (mit Bildern an Stöcken, im Stil der Manessischen Handschrift gemalt, geht vorbei).

Zweiter Händler

Kauft Sänger, schmucke Sänger! Die Sänger, so morgen auf der Wartburg singen: (deutet mit einem Stock) der Herr Wolfram von Eschenbach – der Herr Walther von der Vogelweide – der Herr Heinrich von Ofterdingen! Hat im Hörselberge gelebt sieben Jahre bei Frau Venussin, so man auch nennt Frau Holle, eine böse Hexe, vor der uns bewahre der heilige Christ! Kauft Sänger, schmucke Sänger!

(Der Dicke und der Lange kommen niedergeschlagen daher, setzen sich an einen Tisch, jeder die Laute auf dem Rücken.)

Der Dicke

(grimmig und dumpf knurrend, den gleichmütigen Langen mit funkelnden Augen betrachtend)

Du kannst in ganz Thüringen den Boden aufkratzen, wie der Feldhase den Schnee kratzt – du kannst Körner finden, Silber, Gold, Edelstein – aber nicht ein so erzfeiges Subjekt, wie du eins bist! Es ist mir zu viel der Anstrengung, sonst tät' ich jetzt ausspucken!

Der Lange

(gutmütig)

Laß gut sein, Wolf.

Der Dicke

Ich fasse mich an die Stirn, ich lege mir den Finger an die Nasenwurzel (tut es): warum wagt so ein Molch überhaupt zu atmen? Warum verkriechst du dich nicht in einen feuchten Brunnen zu Kressen und Kröten?

Der Lange

Schenk, bring' Wein! – Sonst geht's dir gut, kleiner Kläffer, was?

(Klopft ihm auf die Schulter.)

Der Dicke

I, schau' mir an, du willst von starken Helden staben, du lächerlicher Lappen?!

Der Lange

(schlägt auf den Tisch)

Punktum! Bist du nicht noch schneller gelaufen?! Hast du nicht kürzere Beine?!

Der Dicke

Ich kürzere Beine?! Primo: Schweig, denn da kommen Gäste! Sodann gib mir von dem Brot heraus, das uns der Krüppel geschenkt hat! Zweitens: Der einzige Schuft von uns zweien ist der Diethelm, denn der hat den Gaul, und der ist durchgebrannt!

Burschen sind singend und lachend, mit Bändern und Sträußen geschmückt, herangezogen, Arm in Arm.

Ein Handwerksgesell

(herantretend, während sich die anderen abseits setzen)

Holla, da seid ihr ja auch in Eisenach, ihr Spielleut'!

Der Dicke

(kauend, grimmig)

Natürlich in Eisenach und nicht in Konstantinopel! Red' nicht so dumm! Zahl' uns eine Maß Wein, und wir essen dir dies Brot vor!

Gesell

(lacht)

Lumpenvolk! – Heda, Wein her! Ihr sitzt ja allhie wie verunglückte Kleriker, was? Wo habt ihr euch denn herumgetrieben? Wollt ihr ins Kloster gehen?

(Wein kommt.)

Der Dicke

Noch lange nicht, du Leimsieder! (Trinkt.) Und da ist deine leere Kanne wieder! Jetzt mach', daß du heimkommst!

Gesell

(entrüstet)

I, nicht einen Tropfen mehr?! Das geht doch nicht!

Der Dicke

Nein, das läuft! Die Gurgel hinunter! Apage, Satana!

(Singt)

Nunc est mir wieder wohlum,
Denn vinum erat bonum –

(Dann beide, zur Laute.)

Ecce gratum
Et optatum
Ver reducit gaudia!
Purpuratum
Floret pratum
Sol serenat omnia –

Der Krüppel und die beiden Bürger kommen zurück.

Der Krüppel

(auf den jäh abbrechenden Dicken losfahrend)

Der da! Die da – die da haben mein Pferd geraubt Euer Pferd – unser Pferd! Diese Schnapphähne da!

(Gleichzeitig und durcheinander.)

Der Dicke

Wessen Pferd?

Gesell

Ich ein Pferd?

Der Lange

Dein Pferd?

Der Krüppel

Dieses Herrn Pferd!

Erster Bürger

Mein Pferd!

Erster Händler

Kauft Bänder, schmucke Bänder!

Zweiter Händler

Kauft Sänger, schmucke Sänger!

Gesell

Hahaha! Leute, herbei!! Ein Jahrmarktsspaß!

(Heidenlärm und Lachen.)

Der Lange

(steigt auf einen Stuhl, eine Kanne in der Hand)

Volk von Eisenach! Hört einen lustigen Reim!

(Der Dicke klimpert dazu.)

Daß wir den Gaul gestohlen,
Gestehn wir unverhohlen,
Seht diese Ledersohlen
Und dieses Schuhwerk an!
Wir saßen drauf zu dreien,
Wir brüllten als die Freien
Juchheisa in den Maien!
Heut' – fehlt der dritte Mann!

Der aber hat die Mähre!
Der reitet kreuz und quere,
O, daß ich bei ihm wäre!

(Zum ersten Bürger.)

Willst du ihn fangen: Lauf! (Trinkt)
Noch einmal, Bruder: Sauf! (Reicht's dem Dicken.)
Und nunmehr – hängt uns auf!

(Springt herab. Sie packen ihn; Lachen, Lärmen.)

Zweiter Händler

Sänger, schmucke Sänger!

Zweiter Bürger

(lachend.)

Armselige, ausgehungerte und alleweil lustige Schelme! Füttert sie heraus und laßt sie laufen! Das hat weder vor Galgen noch vor Kirche Respekt!

(Singt, einen Krug erfassend)

Ahî, nun kommet uns die Zeit,
Der kleinen Vögelein Gesang –

(Gesang am Nachbartisch)

Vor dem Wald in einem Tal, Tandaradei,
Sang so süß die Nachtigall –

(Es geht einen Augenblick ein allgemeines, chorartig abgestimmtes Singen über die Bühne.) Im Hintergrunde kommen Diethelm (gut gekleidet) und Gotelinde (als Knappe), je ein Pferd führend, und zwar Diethelm den fraglichen Gaul.

Diethelm

(gutgelaunt, brüllend)

Ein Heldenlied! Ein Stabreimlied aus den Zeiten der Drachen! Heisa, Schuster und Schneider von Eisenach! – Feister Wirt Hanno Hellegreve, heraus aus deiner Sparbüchse! Stallung für mein Pferd!

Krüppel

(herbeistürzend)

Dein Pferd, du Strauchdieb, dein Pferd?!

Dicker

(desgleichen)

Roßdieb! Willst du ehrliche Leute an den Galgen bringen?

Erster Bürger

(desgleichen)

Ich hab' mein Rößlein wieder!

Diethelm

Bin ich in ein Volk von Narren geraten? Was liebkost ihr denn alle mein Pferd? Es ist Eigentum des Herrn Heinrich von Ofterdingen, denn ich bin dessen Knecht!

Erster Bürger

Mir ist's gestohlen worden!

Diethelm

Hättet Ihr aufgepaßt, junger Mann, so hätte man Euch nicht bestohlen! In den Stall damit, Dankwart!

(Gotelinde ab mit den Pferden.)

Krüppel

(fuchtelnd)

Holt den Büttel! Holt den Büttel!

Diethelm

(in gleichem Ton)

Hängt den Krüppel! Hängt den Krüppel! – Eisenacher, tanzen bei euch die Affen ohne Seil auf den Gassen herum? – Mann, wegen Eurer Schindmähre verständigen wir uns. Jetzt lad' ich euch alle miteinander zum Freitrunk ein. Denn ich bin wieder zu Hause! Das Sängerfest muß begossen werden! Der Wirt muß geschröpft werden! Es soll kein Mensch nüchtern von diesem Platz weichen – nicht einmal ich! Mein Herr ist auf den Eisenacher Montsalwatsch geritten und macht der schönen Frau Mechthild den Hof. Und morgen singen wir da oben, daß meine neuen Schnabelschuhe platzen vor Begeisterung!

Der Wirt kommt.

Wirt

Was für ein Berserker macht denn da Lärm? Ihr wollt Freitrunk für all die Gäste? Und wer bezahlt's denn?

Diethelm

Du! Freu dich, Mann: du!

Wirt

Knechte, werft mir den Spaßmacher hinaus!

Diethelm

Männer, bildet einen Zaun! Erst will ich diesem Gastwirt Hanno Hellegreve aus Eisenach seine sämtlichen Sünden aufzählen! Du Brudermörder, du Erbschleicher, du Weinpantscher –

Wirt

(in die Hände schlagend) Gottesmutter Maria! Halt ein! Ich erkenne dich! Du bist mein Bruder Diethelm!

Diethelm

Aha, Leute, aha?! (Stürzt ihm in die Arme) Sei mir geküßt, mein Bruder Hanno! Hab' dich lange nicht gesehen! Aber es geht dir gut, seh' ich! Mir auch! – Leute, nun bechert miteinander! Die Zech' ist in Ordnung!

(Gesang, lärmendes Auf-den-Tisch-Schlagen usw.; der Wirt kratzt hinter den Ohren, Schenkburschen laufen, die Händler rufen.)

Ofterdingen kommt, man sieht im Hintergrunde sein Pferd vorüberführen

Ofterdingen

(packt in mutwilliger Laune den Krüppel und setzt ihn auf den Tisch, mitten unter die umfallenden Becher und aufspringenden Zecher)

Heilo! Andere Luft!

Die Gäste

Ihr werft ja den Wein um! – Fangt, schnappt, schlürft!

Diethelm

(lacht)

Dies ist Herr Heinrich von Ofterdingen, so bei Frau Venussin siebzehn Jahre gehaust –

Krüppel

(auf dem Tisch, wütend zu Ofterdingen)

Herr, wie könnt Ihr Euch unterstehen, mich auf den Tisch zu setzen?!

Ofterdingen

(trocken)

Diethelm, setz' ihn unter den Tisch!

Diethelm

(spuckt in die Hände)

Krüppel

Wag's und rühr' mich an! Ich geh' von selber! (Klettert herunter.) Aber Ihr spendet mir eine Kanne Wein für den Spaß!

(Setzt sich unter den Tisch; sie schöpfen Wasser in einen Napf, halten's ihm hin und foppen ihn.)

Ofterdingen

(vorn, zu Diethelm)

Diethelm, ich war auf der Burg! – Diethelm, dein Lied von Hagen ist gut, dein Tronjer hat Mark! Aber – ich kann dein Lied nicht brauchen. Dein Lied ist ein Fels – und Felsen wirft man nicht in so schmucken Saal! – Ich habe Frau Mechthild gesehen – ich weiß von heut' ab, was Reinheit ist. So rührend hilflos, verstehst du, Diethelm, so wehrlos, so mit Kinderaugen bittend: »Tut mir nichts!« – wie ein Kind: »Ihr großen Menschen, tut mir nichts!« – – Kinder haben mich immer entwaffnet. Es ist ein Kind, diese Mechthild – genug! Gebt Wein!

(Trinkt.)

Diethelm

(verdrossen)

Ich geb' Euch guten Rat, Herr: Singt morgen im Sängerkrieg ein Gebet! Frau Mechthild, das blonde Kind, mag Euch das Preisgebet beibringen; sie betet jeden Morgen in der Messe und jeden Abend am Steinkreuz!

Ofterdingen

Am Steinkreuz? Wo ist das?

(Sie sprechen miteinander.)

Zweiter Bürger

(zu den anderen)

Laßt uns kurzweg fragen!

Erster Bürger

Er wird wohl gleich! Ein so vornehmer Herr!

Zweiter Bürger

So kommt nur! (Sie nähern sich Ofterdingen.) Wie wär's, Herr: Wollt Ihr nicht einmal diesen Eisenachern zeigen, wie man an der Donau singt, spielt und tanzt? Ihr seid ja berühmt darin!

Ofterdingen

(zerstreut)

Wie? – Gern, Freunde, wenn ich bei Laune bin. Heut' bin ich nicht bei Laune. Man will morgen auf der Wartburg feinere Klänge von Ofterdingen, ich muß mich des derben Tons entwöhnen. – Aber spielt und tanzt nur! – Ist dies unser ehrenwerter Gastwirt?

Hanno Hellegreve ist herangetreten

Diethelm

Es war einmal ein Halunk, eine Truhe fauler Dünste, der hat seinem Bruder die Braut abspenstig gemacht, derweil sich der Bruder im Kreuzzug Achsel und Auge krummschlagen ließ. Der Halunk steht hier (schlägt den Wirt auf die Schulter) – die Braut geht dort – hat auch zugenommen – und den brautlosen, heimatlosen, glücklosen, krummgeschlagenen Bruder Diethelm kennt jeder Bauer und Kaplan, vor dessen Küche mein Lied um trocken Brot bettelt.

Ofterdingen

(ernst)

Bitter wahr! Die Starken und Verwegnen, die Helden ziehen hinaus und tun ungedankt die Arbeit. Aber das da bleibt zu Haus und setzt Fett an... Volk, ich bin dein manchmal gründlich satt!

(Spiel und Tanz beginnt. Zu Dankwart, der kommt)

Ei, Goteli – Dankwart, schmuck siehst du aus! Halt zum Abend die Rosse bereit. Ich will die feindliche Burg umreiten... Freunde, Freunde, weiß nicht, wie das morgen werden soll!

(Ab ins Haus)

Krüppel

(am Tor, zurückschimpfend)

Ihr liederlich, lasterhaft Lumpenvolk! Wie könnt ihr einem Christenmenschen Wasser vorsetzen?! (Da sie aufspringen, schreit er mit Kraft:) Lobet Gott den Herrn!

(Humpelt äußerst geschwind davon

(Zwischenvorhang)

Zweite Szene

Waldlichtung unweit der Wartburg (Osten), deren stattliche Breite (Sängersaal) in die beginnende Mondnacht ragt. Ferne Musik aus dem erleuchteten Saal

An einem Steinkreuz kniet Mechthild betend.

Mechthild

Mit leisen Worten komm' ich – leis genug,
Durch Nachtigallenlaut und Abendhauch
Dir meiner Brust geheimes Weh zu klagen.
Nicht tief genug ist mir das tiefste Leid,
Nicht heiß genug ist mir der Menschen Minne,
Nicht zart genug sogar der Schwester Ohr –
Ich bin hier fremd, o ruf mich heim zu dir!
Soll ich denn heucheln, soll ihr Treiben loben
Und Beifall lächeln, wenn vor wilder Not
Die wogend volle Brust das Mieder sprengt
Im Ungestüm nach einer großen Minne,
Gewaltig wie die deine, reinste Jungfrau,
Die du dem Heiligsten das Leben gabst?!
Ach, nur zum Schein hat mich die strenge Sitte
Gebändigt – doch mein Sündenherz stöhnt auf
In irren Worten heimlichen Begehrens!
O ruf mich heim ins Land der ew'gen Liebe,
Ich bin hier fremd! O Jungfrau, ruf mich heim!

(Sie weint)

Ofterdingen tritt ruhig aus dem Gebüsch und steht schweigend. Sie springt auf. – Kleine Pause

Ofterdingen

(äußerlich sehr ruhig und tiefernst, spricht leise und zart)

Vergebt ... Es kam ein Weinen durch den Wald,
Als hätte sich ein müdes Kind verlaufen ...

Mechthild

(die erschrocken war, mit stolzer Haltung, die Tapfere spielend)

Ihr seht jetzt, daß Ihr irrt. Was weilt Ihr noch?

Ofterdingen

(äußerlich sehr gemessen)

Der rohe Lärm der Schenke scheuchte mich
In Eure heil'ge Stille, sanfte Frau.
Ich trete ein zu dem Marienbildnis,
Das dort in Stein und hier lebendig steht,
Und neige mich mit »Ave, seid gegrüßt!«

Mechthild

An dieser Stätte pfleg' ich stille Andacht.

Ofterdingen

Der Ort ist heilig –

Mechthild

Ja, der Ort ist heilig.
Mein greiser Gatte starb hier, den sein Pferd
Auf einer Jagd an diesen Stein geworfen.
Ihr steht auf seinem Blutfleck. Hättet Ihr
Die Augen, in die andre Welt zu schauen:
Ihr schautet seinen Geist am Kreuze stehn.
Wir sind zu dreien hier. Das, Herr, bedenkt!

Ofterdingen

Ich achte diesen Ort – ich achte Euch –

Mechthild

Und tretet ein, als wär' ich eine Magd,
Zu der man scherzend an den Brunnen tritt?

Ofterdingen

Ich trete ein zur schönsten Edelfrau –

Mechthild

Wo ist der Page, der Euch angemeldet?

Ofterdingen

Ich könnte sagen, wenn ich tändeln wollte:
Der Page war ein Blick, den ich entsandt,
Als ich im Wartburgsaale vor Euch stand.
Doch sag' ich nur: Ich sah Euch hieher wandeln,
Als ich die Burg umritt – und bin nun hier,
Denn Euer Weinen tat mir innig weh.

Mechthild

Ich muß Euch herzlich bitten: Geht!

(Mit wieder durchbrechender Güte)

Habt Ihr
Besondre Sorge: Redet – doch dann geht!

Ofterdingen

Besondre Sorge? Ja, sei's denn bekannt!

(Er sinnt einen Augenblick. Die ferne Festmusik schweigt, nur eine einzelne Harfe ist während des Folgenden noch vernehmbar)

Ein Ungewisses Suchen treibt mich her,
Mir selbst befremdlich ... Tast' ich nun nach Worten,
Warum ich schamhaft just zu Euch geflüchtet,
So fürcht' ich, daß Ihr's als ein Werben faßt –
Doch ist's kein Werben, glaubt mir, hohe Frau!
Ich möchte mehr noch, mehr von Eurem Wesen
Recht rasch noch lernen vor dem Sängerkrieg.
Denn ein Ton fehlt mir, und der Ton seid Ihr.

Mechthild

Verargt mir's nicht – ich –

Ofterdingen

Ihr versteht mich nicht.
O, recken möcht' ich mich, vom Blütenbaum
Des Sternenhimmels Bilder mir zu pflücken!
Seht, als mich Walther rief, da sprach er viel,
Wie hier ein heil'ger Hain sei, drin die Worte
In Samt und Seide gingen, Sonntagsworte.
Ich kannte bisher nur den derben Werktag.
Bis ich die Wartburg sah, die frohen Menschen,
Die Edelfrauen – und darunter Euch.

(Mechthild will gehen)

Geht nicht, ich bitt' Euch! Diese Worte sollen
Kein plump vertraulich Werben sein – ich schwöre!
Zerreißt nicht meine sehnlichen Gedanken,
Die ihre Fäden um die Wartburg spinnen ...
Ich werd' mich morgen meiner vielen Gegner
Sehr mühsam wehren, denn ich habe mich
Mit keinem Hauch bereitet, gut zu singen:
Ich bin in meinem Ton verwirrt – durch Euch!

Mechthild

Durch mich?

(Will gehen)

Ofterdingen

Ermeßt doch, Frau, daß vierzig Jahre
Bettelnd vor Euren zwanzig Lenzen stehn!
Ihr seid mir nur – versteht das! – ein Beweis nur,
Daß Wartburg-Art mehr sei als Tändelei.
Und dies verwirrt mich.

Mechthild

Sehr viel anders seid Ihr,
Als man Euch malt – Ihr seid mir unbegreiflich –

Ofterdingen

Gern tauscht' ich meinen Namen. Denn bis jetzt
Wuchs in mir nur die eine zähe Kraft
Trotzigen Weltbegehrens. Die zerrinnt jetzt.
Es will ein Neues werden. Wenn sie morgen
Wildwasser von mir heischen: Seht, so rauscht
Statt dessen, allen zur Verwunderung,
Aus meiner Seele klarer, milder Wein,
Wie aus dem Brunnen eines Königsfestes.

Mechthild

Und Euer Dorflied singt Ihr nicht? Was singt Ihr?

Ofterdingen

Ich singe, wie sich Schönheit mit höchster Tugend eint
In einer, die wie Frührot aus trüben Wolken scheint,
Die, wie der Mond, voranzieht der lichten Sternenschar –
Euch, Königin der Wartburg, bring' ich mein Preislied morgen dar!

Mechthild

Der Ton mag schön sein –

Ofterdingen

(sofort beleidigt)

Er gefällt Euch nicht?

Mechthild

Wie sollt' er nicht! Nur mein' ich – Ihr kommt weit her,
Ihr lebt in einer rauhen, wilden Welt –
Die Leute sagen's – zu bedenken wär's,
Ob Ihr nicht leichter über andre siegt,
Wenn Ihr aus eigner Welt den eignen Ton singt –

Ofterdingen

(düster)

Mit kurzem Wort: Spiel' deinen Dorftanz weiter!
Pack' dich aus unsrem höfischen Ton! Du kannst nichts!

Mechthild

O Ritter –! Da Ihr sorgend zu mir kam't,
So mein' ich nur und rate gern das eine:
Singt, was Ihr seid! Singt Euren eignen Ton!
Wie Wolfram seinen Ton singt – oder Walther –

Ofterdingen

(kann sich nicht mehr beherrschen)

Wolfram liebt Euch! Ich sah's mit raschem Blick!
Und Ihr liebt Wolfram! Und Herr Wolfram wird –
Das weiß ich – morgen siegen!

Mechthild

(in Angst)

Frauen! Knappe!

(Ab. Der ferne Harfenklang bricht ab.)

Ofterdingen

(allein, in großer Erregung)

Verspielt! ... Frau Holles Gast, geh heim! ... Denn diese Liebt Wolfram von Eschenbach, den Tugendsinger, Den zieren Ritter, der mit welschen Wörtlein Sein Lied durchflickt! Doch mich verachtet sie!

(Zum Marienbild)

Jungfrau aus Stein, da jene mich nicht hört,
Hör' du mich an! Ich will nicht mehr mein Dorflied!
Ich will nicht in der wilden Schenke sitzen!
Ich will hinauf zu jenen reinen Frauen!
Ich will! Ich will! Und wär's der Turm von Akkon!
Ich stürme dich, du Turm von Akkon – Wartburg!

Gotelinde, als Knappe, kommt von links. Zugleich tritt Wolfram erregt, mit gezogenem
Schwert, von rechts auf die Bühne

Wolfram

Ihr seid es, der die edle Frau verstört?!

Ofterdingen

(gleichfalls das Schwert ziehend)

Ihr seid es, der so spät den Platz umstreicht?!

Wolfram

(nach kurzer Pause)

Wir sind hier Gäste. Morgen steh' ich Euch
Mit scharf geschliffnem Wort. – Auf Wiedersehn!

(Ab)
Ofterdingen

(dumpf, steckt langsam das Schwert ein)

Geh fort zu Diethelm, Dankwart!

Gotelinde

(hart)

Dankwart ist
Nicht hier – ich bin dein Weib – ich bin nicht Dankwart.

Ofterdingen

Du wolltest mir gehorsam sein, Gotelinde!

Gotelinde

Ich bin gehorsam. Denn ich sehe zu –
Und weine gar nicht – sehe zu, wie sich
Mein Gatte, der mit heißem Treueschwur
Sich mir vermählt hat, einer Burgfrau naht,
Sofort am ersten Tag – und mein mißachtet!

Ofterdingen

Nicht dein mißachtet – nein –

Gotelinde

Ich ginge gleichwohl,
Doch Diethelm hat im Rausch geschwatzt: Ich mußte
Des Stallknechts mich erwehren –

Ofterdingen

(in heftigem Ausbruch)

Des Stallknechts! Trotzknechte, Säufer und Würfelspieler – die sind mein Umgang! Mit solcherlei Volk sitz' ich an Feuer und Schanktisch und verlerne die Sprache der Höhe und muß dem ritterlichen Wolfram weichen! So verzerr' ich meine Kunst! So verderb' ich mein Bild! Und diese da oben wissen nur von mir und erzählen sich neugierdumm und verächtlich, daß ich im Tann gehaust bei Frau Holle! O, du hättest sehen sollen, wie sie ihre Schleppen an sich zogen, als ich eintrat! Und jetzt – hier – eben jetzt meines Lebens verworrenste Tat! O, wenn das ruchbar wird! Morgen will ich singen vor Fürsten und Herren – und hier überfall' ich am Abend zuvor die feinste der Edelfrauen! – Den Stallknecht werd' ich zu Brocken zermalmen!

Gotelinde

Den Fant hab' ich mir selber geduckt! Ich hab' ihn an eine Krippe gebunden. Da steht er noch!

Ofterdingen

(umarmt sie stürmisch)

Ha, brav so, du Tapfre! An eine Krippe gebunden? Brav, meine Schildjungfrau, das traf mich gut! Meinst du denn, daß ich treulos dein vergessen, als ich hier nach Schönworten suchte? Nein, nein, nein, nicht Frau Mechthilds Minne galt meine suchende Pilgerfahrt an dies Steinkreuz! Ich habe sehnende Minne, wahrlich ja, aber meine unerreichbar holde Edelmagd und Königsfrau ist dort! In Stein verzaubert! Ihr Name ist Wartburg! – O Holdin, Erdweiblin, ist dir ein Stäubchen ins Auge geflogen? Ich küss' es weg! So! Was soll ich dir Gutes antun?

Gotelinde

(innig)

Hab' lieb, die dich so liebt! Und ehre mich!

Ofterdingen

»Und ehre mich!« O rührend süße Stimme!
Ich will dich ehren! Fügt es sich, so werd' ich
Dich ehren mehr als jene Edelfrauen!

Gotelinde

O nein! Ich will nur, du sollst nicht vergessen,
Daß ich zu Hause eine stolze Maid war,
Vor der das Knechtsvolk auseinanderstob,
Wenn ich frühmorgens aus der Haustür trat –

Ofterdingen

Mein tapfrer Treugesell! Komm, hilf mir sinnen!
Denn mich hat dieser erste Tag verwirrt!

(Setzen sich)

Ich hab' verspielt, mein Dankwart! Besser wär's,
Wir ritten augenblicklich wieder heim ...
Mich hat das Summen jener vollen Säle
Irre gemacht an meiner schlichten Strophe.
Es gibt dort feinre Worte – wie Gewebe
Aus Byzantiner Stoffen – Hermelin –
Kostbarste Seide, alles eingetaucht
In Wohlgerüche, die den Saal erfüllen.
Wie Schmetterlinge – weißt du – fein geädert:
Sie fliegen lautlos, und im Flug entfaltet
Sich so viel Farbenschmelz, daß man vor Staunen
Nur dieses eine fliegende Pünktchen schaut.
Dies hat mich ganz verwirrt ... ich bin zu derb,
Zu eckig, bin zu grad! ... Ich werde morgen
Entweder zähneknirschend stille sein –
Oder lawinenhaft dazwischen donnern!

Gotelinde

Sei du Lawine! Bleib' dir treu, mein Sänger!
Du sagst oft selbst, so viel dort ihrer sind,
Sie haben nicht, was deine Strophe stark macht!

Ofterdingen

Sie haben's nicht – doch schätzen sie's auch nicht.

Gotelinde

Zwinge sie, dich zu schätzen!

Man hört weit in der Ferne singen, mit Harfenbegleitung, versteht aber nur die Worte: »... die mir ist lieb, der bin ich leid.« In der Wartburg sind schon längst alle Fenster hell; über ihr steht, von weißen, ziehenden Wölkchen manchmal verdeckt, der Vollmond. Kleine Pause)

Gotelinde

(angeschmiegt)

Es singt im Walde ...

Ofterdingen

(zur Burg schauend)

Wie sollte das ergehn, daß ich dich minne! ...
Schau' hin! Die Burg ist so voll inn'ren Lichtes,
Daß aus den Bogenfenstern überquillt
Der Reichtum ihrer Tugenden und Kräfte –
Ein überstarkes Licht, den Mond besiegend! ...

(Der ferne Gesang: »So wohl ihr des, so weh mir, weh!«)

Burg aller Tugenden, ich hasse dich!
Ich hab' dich lieb und mühe mich um dich!
Nicht will ich untreu werden meinen Gaben,
Der schweren Waldung, diesem satten Tal,
Doch will ich noch erringen höchste Sitte
Und dann als Volksherr auf dem Bergfried stehn! ...

(Die Harfe wird still. Er sinnt noch einen Augenblick, springt jäh auf)

Auf, Gotelind', zu Pferd! Wir reiten beide
Mit Funkenstieben durch die helle Nacht
Bis an den Tag! Und dann vom heißen Sattel
Stracks in den Saal! Mir ahnt, man hat mich nur
Zur Kurzweil' auf die feine Burg gelockt,
Zu hören einen unverblümten Sang!
Nehmt euch in acht! Die Kurzweil kann euch werden!

(Beide ab. Sowie der Vorhang gefallen, beginnt hinter der Szene überleitende Festmusik, die anhält, bis nach möglichst kurzer Pause der Vorhang zum dritten Aufzug in die Höhe geht. Dann wird die Musik leiser und verstummt; und sofort setzen Walthers Worte ein)

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