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Gutenberg > Friedrich Lienhard >

Heinrich von Ofterdingen

Friedrich Lienhard: Heinrich von Ofterdingen - Kapitel 3
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authorFriedrich Lienhard
booktitleWartburg&
titleHeinrich von Ofterdingen
publisherVerlag von Greiner und Pfeiffer
printrunFünfte Auflage
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Erster Aufzug

Erste Szene

Klingors Turm

Düstre Halle mit Gegenständen, die den Gelehrten bekunden: Sternrohr, ausgestopfte Tiere, Skelett, Totenschädel, Bücher, auch Waffen an den Wänden, getrocknete Kräuter auf dem Tisch.

Am Feuer sitzt Heinrich von Ofterdingen, in sich versunken. Am Tische steht Klingsor (langbärtig, Gelehrtengewand), ein umfangreiches Manuskript durchblätternd. Bei ihm der Bischof von Passau, – Abendstimmung, später Nacht.

Klingsor

Ich hab's durchdacht. Und zwar in Winternächten,
In diesen Turm gesperrt, an den der Eiswind
Kristallnes Schneegewölk und Wölfe stäubte.
Da hab' ich Euer Lied sorgsam durchdacht.
Des Nordwinds Mäusepfiff, das Wolfsgeheul
Schufen die mitternächtige Begleitung.
Und tief und sicher ahnt' ich, daß ein Großes
Allhier verschüttet und erfroren sei,
Wie unterm Winterschnee der stumme Quell ...

(Blättert)

Ja, fleiß'ger Mann, das könnt' ein Lied sein, könnte!
Denn beide Kämpfer: Schicksal und Gestalten,
Sind heldenhaft. Nur fehlt mir noch der dritte:
Der Dichter! Auch der Dichter muß ein Held sein.

Bischof

Der Dichter steht und zupft verschämt die Kutte.
Fahrt fort, Klingsor!

Klingsor

Warum schreibt Ihr Latein?

Bischof

Die Majestät der Kirche spricht Latein.
Es ist die Heldensprache Roms.

Klingsor

Das Versmaß –

Bischof

Vergils Hexameter.

Klingsor

Gern zugestanden.
Ihr meistert Versmaß und Latein. Jedennoch –

(Schüttelt den Kopf. Geht plötzlich zu Ofterdingen.)

Den möcht' ich hören –

Bischof

Pah, der träumt vom Dorftanz!
Laßt den! Der malt sich längst aus Flammenspiel
Ein Bauernmädchen oder derlei Tand!

Klingsor

Hier hat mein Freund, der Bischof, alte Lieder
Von der Burgunder Kampf an Etzels Hof,
Von Siegfrieds Hornleib und von Hagens Trotz
Sorgsam gesammelt, mit Verstand geordnet –
Und hat sie ins Latein'sche übersetzt.
Ecce, hier ist das opus. Liest sich gut.
Ein fromm Latein – und kirchentreue Helden.
Hagen bekehrt sich, Attila verzeiht,
Kriemhild geht in ein Kloster, und für Siegfried
Liest man am Hunnenhofe täglich Messe.
Was dünkt dich, Ofterdingen?

Ofterdingen

(legt es gleichmütig wieder hin)

Schön geschrieben.

Bischof

Ich kam zu Euch, Herr Klingsor! Wollt Ihr nicht
Den Dichter loben, sollt Ihr wenigstens
Den Sammler achten! Rheingold halt' ich hier!
Ich hab's entdeckt, ich und mein Schreiber Konrad,
Und wir sind beide stolz auf solchen Fund.
Man nennt, wenn man von Deutschlands Dichtern spricht,
Die Wartburg – Heil ihr, denn ich achte sie!
Man kennt dort manchen seinen Strophenbau,
Man nahm aus Welschland manch bretonisch Wort,
Man übt sich sehr in höfisch-zarter Minne
Und schätzt als höchste Tugend edles Maß.
Sehr löblich! Doch vom Rheingold weiß man nichts!
Ich freilich bin kein Dichter. Euch bekenn' ich:
Ich schäme, schäme, dreimal schäm' ich mich,
Des Urlieds Wucht und Geist nicht so den Christen
Spenden zu dürfen, wie mein Blut begehrt.
Denn überschäumend muß man Fäuste ballen,
Wenn man von Hagens Kampf am Hunnenhof
Dies stoßweis trotz'ge Stabreimlied gelesen.
Mir – lacht jetzt! – mein Gelübde tat mir weh!
Die Kutte kratzte mir die Haut! Verdorrte,
Vernarbte Wunden glühten wiedrum rot!
Des Kreuzzugs dacht' ich, dachte, wie wir dort
Türken geköpft, wie diese da die Hunnen,
Hochbeinig stampfend durch das Unkrautvolk,
Und Schwaden mähend –

(reißt ein Schwert von der Wand, haut um sich)

– so – und so – und so!

Klingsor

Jetzt dank' ich Euch!

Bischof

(das Schwert hinwerfend, die Stirne trocknend)

Ach was, Ihr seid ein Heide!

Klingsor

Heide?

Bischof

Ihr dankt mir, daß ich sündhaft bin.
Denn dies war sündhaft. Man soll lieben. Merkt's Euch!
Ich bin voll Kraft des Hasses. Hol's der Satan!
Jetzt war ich ehrlich, leider, mit dem Schwert da!
Doch dies gefeilte Lied –

Klingsor

Ein Held nur sollte
Von Helden singen.

Bischof

Doch ein Pfaffe, meint ihr –?

Klingsor

Hat andre Tugend.

Bischof

Geht! Auch Ekkehard
War Pfaffe, und er schrieb sein kühngemut
Waltharilied.

Klingsor

Niemand bekehrt sich dort.

Bischof

Und Wolframs »Parzival« – erringt er nicht
Zuletzt den Gral und wird ein braver Christ?

Klingsor

Laßt ihm den Gral, doch Hagen laßt den Trotz!
Der Held, wenn er das Rheingold wahrhaft weiß,
Knirschend nimmt er sein Wissen mit ins Grab.
Sänger sind keine Helden. Heute nicht.
Belohnung heischend läuten sie ihr Lied
Recht deutlich aus und hadern um den Lorbeer
Und neiden sich die Bissen wie die Hunde.
Ich steh' auf meinem Turm und – fast hätt' ich
Geprahlt: »ich schaue vornehm zu« – ach, nein!
Solch Zusehn ist gewinnlos. Lichtwärts schau' ich,
Ins All der Sonnen, drin wir Stäubchen sind.
Ja, selbst das kunstreich-feinste Menschenwort
Scheint mir von Sängern ganz und gar entwertet.
Von Großem schwatzen sie und sind nicht groß!
Drum will ich schweigend Kraut sein, abseits wachsen,
Ein Stündchen blühn – und wiederum verdorren.
Wohl hätt' ich viel, sehr viel der Welt zu sagen,
Doch Schwätzer zwischen Schwätzern sein? – Ich schweige.
Solch Schweigen dünkt mich wahrhaft Heldenwerk.

(Kleine Pause. Der Bischof nimmt plötzlich sein Manuskript und wirft es ins Feuer.)

Klingsor

(erschrocken)

Was tut Ihr?!

Bischof

Siebenjährige Arbeit flammt
In Klingsors Feuer. Ihr habt recht. Lebt wohl!

(Geht ab. – Kleine Pause.)

Klingsor

(sehr verwundert)

Nun? Sahst du das – und den?

Ofterdingen

Ich sah es. Seltsam!

Klingsor

(stößt in die Asche)

Nur Asche ... nichts zu retten ... graue Asche!

(Pause. Halb für sich)

Denn morgen sind wir tot... Wir haben nichts
Der Ewigkeit zu bringen, als ein Leben,
Dies Leben, das wir als Geschenk von ihr
Empfangen. Laßt uns stolz und dankbar sein!
Wir werden's ihr mit Zinsen wiederbringen,
Gefüllt mit Tat und Weisheit!... Dieses Werk
War weder Tat noch Weisheit, war Geschwätz.
Daß er's zur Asche machte, daß er stumm
In seinen Sprengel an die Arbeit heimkehrt –
Macht diesen Mann wahrhaft zu meinem Freund.

(Bleibt vor Ofterdingen mit gekreuzten Armen stehen.)

Und du?

Ofterdingen

(unbehaglich)

Was soll's?

Klingsor

Ich frage bloß: Und du?

Ofterdingen

(düster)

Ich halt' hier Abrechnung. Verfehlte Tage
Tanzen in Eurem zaubertollen Feuer.

(Geht durchs Zimmer.)

Ihr seid sehr glücklich, Klingsor. Gott und Geister
Sind Euch zu Dienst. Mir dienen nur die Teufel...

(Bleibt vor dem Fernrohr stehen.)

Durch dies geschliffene Kristall beschaut Ihr
Die Sterne und der Menschen kleinen Tanz,
Hochher vom Turme, teilnahmlos und freundlich.
Wohl dem, der so die Welt beherrscht. Ich kann's nicht.

Klingsor

Was hindert dich?
Ofterdingen

Die Flamme da drin! Mein Blut, mein Sinn, mein Leib!
Gott also hindert mich! Ich hab's von ihm.
Lehrt Ihr nicht also, Meister?

Klingsor

Ja, mein Schüler.
Nur füg' hinzu: Von Gott hast du den Willen,
Als Held zu wandeln über niedre Lust!

Ofterdingen

Von Gott die Unkraft –

Klingsor

Und von Gott den Freund,
Klingsor, den Urbeständ'gen! Folg' ihm nach!

Ofterdingen

Kommt, Urbeständ'ger, setzt mir an die Hand,
Die so viel Becher oder Weiber packt,
Ein Schröpfhorn an, verspritzt mein Sündenblut,
Bis mir kein Tröpfchen mehr den Willen trübt –
Dann bindet mich auf Eurem alten Turm
Ans Schaurohr fest – und heißt mich fortan Klingsor!

Klingsor

(bedeutsam)

Es kann wohl sein, daß du im Wind der Nacht
Einmal am Turm pochst, heimgejagt vom Schicksal –
Dann bind' ich dich in Wahrheit fest, mein Freund,
Und lasse dich nicht los, es sei denn – –

Ein Mohr [Diener] tritt ein, verneigt sich tief)

Klingsor

Nun?

Mohr

Am Tor ein Reiter.

Klingsor

Wes Standes?

Mohr

Ritter – Sänger –

Klingsor

Laß ein!

(Mohr ab. – Dämmerung und bald Mondschein.)

Klingsor

(am Fenster)

Die Nacht kommt... Sei willkommen, Klingsors Braut!
Mir ist, als wäre dort ein Marmorsaal:
Ein Volk in Festgewändern wandelt dort,
Alles ist hell von Lichtern, sel'ge Stimmen
Träufeln herab zur inselhaften Erde –

(zu Ofterdingen)

Sag' mir, was bringst du heim der Götterschar
Von deiner Ausfahrt auf den Stern der Menschen?
Nenn' eine Tat, nenn' mir ein einzig Lied!

Ofterdingen

(dumpf, am Kamin stehend)

Soll ich von Gral und Tristan brauen den trüben Trank?
Mich macht vom »Armen Heinrich« die Mitleids-Märe krank!
Selbst Walthers höfisch Minnen dünkt meinen Ohren schal –

Klingsor

Ei, dumpfer Ofterdingen, so singe du der Minne Qual!
Sing, wie am letzten Ende aus Liebe Leid geschieht!
Von Helden-Trutz und Treue sing uns ein Schmiedelied!
Und kannst du oder magst nicht, so stell' dich an den Pflug,
Oder zerhaue Schilde im Hohenstaufenzug!
Nur säe, wo's auch sein mag, früchtetragende Saat –
Auf aus dem Hörselberge! Auf, sei mir endlich Mann der Tat!

Walther von der Vogelweide tritt ein.

Walther

(bleibt am Eingang stehen, schaut sich in der dunkelnden Halle um)

Verargt mir nicht mein Zaudern. Mich hat draußen
Der Märzenheide frischer Abendschein,
Durch den mein Rößlein freudig Schatten warf,
So schön umglüht, daß ich nur langsam mich
Befreunde so erhabner Dämmerung ...
Gewand und Bart verrät den Meister, herrlich
In Kunst und Kraft, zu sprechen und zu schweigen.
Ihr scheint sein Gast, Heinrich von Ofterdingen.
Den Turmherrn grüß' ich, und ich grüß' den Gast.

Klingsor

Euch, Stimme, hört' ich irgendwann am Hofe
Des Herrn von Österreich.

Ofterdingen

(halblaut)

Wer ist's?

Klingsor

Geduld! –
Beliebt's Euch, Platz zu nehmen, später Gast?

(Setzt sich dazu.)

Dämmrung ist schöpferisch. Verworrne Tiefen
Tun ihre Tore auf, Gedanken steigen
Ans Licht empor und bitten um Gewand.
Noch ist die Seele voll vom Sonnentag,
Doch immer näher kreist das hehre Weltall
Und schiebt sich an, ein uferlos Gewässer.
Bald überbraust uns Weltallmelodie,
Und Mitternacht verschlingt jedweden Raum,
Wie unsern Leib verschlingt der Schlaf, der Tod, der Traum.

Walther

Wohl, Klingsor. Doch die Mitternacht hat Sterne,
Die Mitternacht hat einen lieben Mond.
Und wenn der Mond und seine Schar verdeckt sind,
So hat die Nacht noch Kerzen und Kamin,
Entlehntes Feuer, ach, und hat die schönste
Von allen Flammen: hat des Weibes Minne!
Und was den Traum betrifft – Heil solchem Tode!
Ich sing' im Traume tausendfach so hell,
Ich reit' im Traume tausendfach so schnell,
Ich bin im Traume tausendfach so licht –
Wär' Mitternacht ein Weib, ich wüßte nicht,
Ob ich Frau Morgensonne auf der Heide,
Ob ich Frau Mitternacht recht herzlich leide:
Zwei Kränzlein teilt' ich aus, ich krönte alle beide!

Ofterdingen

(aufspringend)

Das ist Herr Walther von der Vogelweide!
Stimmt dieser Reim?

Klingsor

Herr Minnewart, Herr Maiensonnenschein,
Herr Vogelweider, sollt willkommen sein!

(Gibt ihm die Hände. Der Mohr bringt Licht, Kanne und Becher.)

Walther

Herzlich dank' ich des Grußes, edler Klingsor.

Klingsor

Ich brauch' Euch! Scheucht mir diesen da ans Licht!

Walther

Und just um den besuch' ich Euren Turm.

Ofterdingen

(lacht)

Bedarf ich der Magister?!

Walther

Hört mir zu!

(Sie setzen sich wieder.)

Ich komme – zwar in buntem Zickzackweg –
Aus Deutschlands Herzensgau, wo freundlich Volk,
Dem Himmel nahe und dem Tal nicht fremd,
Auf Hügeln wohnt. Ich komme von der Wartburg.

Klingsor

Den Willkommtrunk! Dann erst erzählt! Heil Euch!

Walther

Ein gut Gelingen meinem guten Werk!

(Sie trinken. Danach:)

Thüringens Landgraf grüßt euch, edle Herrn.
Soll ich sein Lob erst singen? Wär' mein Landgraf
Mächtig, wie man's von Karl dem Großen rühmt,
Er führte, glaubt mir, als gezähmten Löwen,
Die goldne Zeit am Halfter in das Land.
Wir aber wissen: Dieser Zeit voll Haß
Kann nicht der reinste Willen Freude spenden;
Denn zwei, zwei Herren, beide sich gewachsen,
Zerreißen Deutschland bis in Blut und Mark.
Und wer Herrn Otto liebt, den Welfenkaiser,
Muß untreu sein dem Staufenkaiser Philipp.
Deutschland haßt Deutschland, Süd mag nicht den Norden –
Und zwischen Süd und Norden thront mein Landgraf.
Und nun ermeßt, ihr Herrn: Was soll ein Fürst,
Liebreich beschauend das gesamte Land,
Ein Fürst, der beide liebt; Nord wie den Süden,
Was soll er tun in so gespaltnem Volk?
Mit Herzweh sieht er zu, wie Haß auf Raub fährt,
Wie Untreu' umgeht, Recht und Friede wund sind – –
Gott helf' der Christenheit! So seufzt mein Landgraf.

Klingsor

Er ist nicht gut gebettet, Landgraf Hermann.

Ofterdingen

Ich wittre schon, Klingsor, nehmt Euch in acht!
Philipp und Otto soll man gleicherweise
Die Treue brechen – nicht wahr? Doch der Krone
Ist einzig würdig Euer Mann der Mitte!
Nicht wahr?!

Walther

(zornig, aber immer vornehm)

Gastherr, vergebt, wenn ich im Zorn
Dem dörperlichen Sänger Antwort schleudre –

Klingsor

Burgfriede, Sänger!

Walther

So ersucht den Mann da,
Daß er den Freund Philipps von Schwaben, mich,
Den Ritter Walther von der Vogelweide,

(aufspringend)

Des Staufenlied vom Po bis an den Rhein
Im Winde rauscht, nicht doppelzüngig nenne!

Klingsor

(ihn beschwichtigend)

»Wer schlägt den Leun, wer schlägt den Riesen,
Wer überwindet den und diesen?
Der tut es, der sich selbst bezwingt!«
Ihr habt den Spruch gesungen, mein Herr Gast!
Muß ich um Gleichmaß bitten?

Walther

(zu Ofterdingen)

Welche Tat
Und welches meiner Worte gibt Euch Anlaß
Zu solcherlei Verdacht? Ich spür' und sehe
Aus jeder Falte Eures Trotzgesichtes,
Aus jeder Biegung Eures Herrenleibes,
Daß Ihr mir übel wollt. Was tat ich Euch?

Ofterdingen

(auflodernd)

Topp! Rasches Wort und rascher Schlag,
Ich liebe beide, was auch kommen mag!
Merkt Euch mein Sprüchlein, und erzählt's daheim:
Ich liebe nicht die Wartburg, nicht den Fürsten,
Nicht seiner Sänger Ziererei und Hochmut –

Walther

Hochmut? Und das sagt Ihr –?

Ofterdingen

Ich sagte: Hochmut!
Hochmütig seid Ihr – und der Eschenbacher –

Walther

Nun – also Hochmut – gut! Von Schopf zu Schuhen
Ertapp' ich täglich mich auf Eitelkeit.
Doch Ihr, bescheidner Herr, seid Ihr mein Richter?
Ich tummle mich in freudig-frischem Trab
Und singe Lied und Spruch – wie andre pflügen,
Wie andre Kriege führen, andre forschen.
Doch, ob auch noch so klein mein Lied – ich weiß:
Es fand des Volkes Seele, und es bleibt!
Dem Menschen Walther aber, der dahingeht,
Sei Gott genädig, den ich tief verehre.
Ihr aber, noch einmal: seid Ihr mein Richter?

Ofterdingen

Nicht Richter, aber Feind! Ihr greift mich an!
Ihr haßt mein Bauernlied, ihr dort am Hofe,
Haßt meine wilde Mär! Euch ist sehr unlieb
Der harte Stabreim, den das Spielmannsvolk
Am Feuer oder an der Linde singt!
Ich aber liebe Dorf und fahrend Volk,
Und liebe Trotz und Kraft und Leidenschaft.
Hättet ihr Macht, ihr höfisch-feinen Sänger,
Ihr hängtet uns, weil wir zu gradaus singen,
Nur daß die Kunst gedeih', die Schmeichelkunst,
Die wohlverzierte welsche Schnörkelkunst!

Walther

Habt Dank, Herr Feind! Nun füg' ich sogleich und wunderfein
In Euer hitzig Wort die ruhige Antwort ein:
Mein Landgraf Hermann lädt euch zum Turnier!
Ihr Herrn, da habt ihr meine klare Sendung!
Zum Sänger-Wettkampf, zum Gefecht mit Liedern,
Ruft unser Herr die Besten in sein Land.
Unfriede geht durch Deutschland – auf der Wartburg
Soll Friede sein. Unfriede schleicht im Reich –
Doch auf der Wartburg soll man lachen lernen.
Wolfram und ich, Reinmar und Biterolf,
Heinrich der Schreiber – schlugen dankbar ein.
Nun fehlt uns noch von allen freien Sängern
Der freieste: Heinrich von Ofterdingen.
Ihr habt manch launig Lied Herrn Leopold
Und anderen geformt, auch Euer Leben
Wird viel beredet auf den Winterburgen
Und ist so sagenschön wie Euer Lied.
Nun steh' ich werbend vor Euch: Kommt zur Wartburg!
Dort meßt Euch, nach bequemem Abseitssingen,
Mit Deutschlands Besten! Kommt, Herr Ofterdingen!

Klingsor

Er muß! Ich schlage statt des Freundes ein!

Ofterdingen

(hat aufgehorcht und ist nachdenklich geworden)

Bedachtsam! Preist ja sonst so gern das Maß!
Sagt mir: Hat Euer Landgraf insbesondere
Von mir gesprochen? Kennt man meinen Namen?
Man wird mich schwerlich achten ... Bin Euch wohl
Zu derb und gradaus ... Auch vergeßt mir nicht:
Ich bin durchaus den Hohenstaufen Freund.
Der Neid der Fürsten, die den Kaiser-Aar
So oft herabgerissen an die Erde,
Ist mir verhaßt. Ehrgeizig ist Herr Hermann.
Und da ihm keine Kaiserkrone winkt,
Will er den deutschen Dichtern Kaiser sein.

Walther

Beruhigt Euch und seid sein Untertan!
Kein Hohenstaufe hindert Euch daran.
Man ehrt Euch auf der Wartburg, denn man ruft Euch.

Ofterdingen

(besinnlich)

Habt ihr dort – schöne Frauen?

Walther

(lachend)

Das weiß jeder
Im Deutschen Reiche! Vierzig Edeldamen
Sind auf der Wartburg! Minne blüht wie Quendel!
Thüringer Mägdlein lachen gern und viel,
Die Luft ist voll von zwitschersüßen Lauten,
Von Berg zu Berge jodelt man sich an,
Läuft dann mit offnen Armen durch das Tal
Und küßt sich in den Hecken! ... Doch, sehr ernstlich:
Klug ist und stolz und schön Frau Landgräfin,
Schön ist und süß und mild die Gräfin Mechthild,
Perle der Wartburg – ach, wer liebt sie nicht,
Wenn er von fern auf ihrem blauen Kleid
Das goldne Haar sah und das Engelsantlitz!
Doch kommt, seht selber zu! Recht herzlich bitt' ich.

Ofterdingen

Sie sind sehr tugendhaft, die Frauen dort ...
Laßt mich ein Stündlein durch den Mondschein jagen!
Ihr habt mir warm gemacht. Ich muß hinaus.

(Ab.)

Klingsor

Da rennt er hin. Hochmütig bis ins Mark!
Und doch voll Unruh' und voll gärender Ahnung
Von einer Größe, die er noch nicht fand.
All mein Erziehen war bis heute unnütz.
Doch heut' – ich ahn' es – ist er uns gewonnen.
Er muß zur Wartburg! Sagt's daheim: er kommt!
Und Dank, Herr Walther! Bleibt recht lang mein Gast!

(Schütteln sich die Hände.)

(Zwischenvorhang.)

Zweite Szene

Waldlichtung in der Gegend der »Hohen Sonne«

In der Ferne die Wartburg.

Kinder (Mädchen) tanzen Ringelreihen, unter ihnen des Landgrafen Töchterchen Irmgard. An einem Baumstamm sitzt malend Frau Landgräfin Sophie, bei ihr Mechthild von Frankenstein (junge Witwe). Kleider und Gegenstände liegen umher, die nachher von dem Gesinde mitgenommen werden. Im Hintergrunde, etwas erhöht, sieht man den Landgrafen Hermann mit Gästen (darunter Walther) gelegentlich im Gespräch hin und her gehen. Der ganze Wald ist voll gedämpfter Waldhörner, Tanzmusik und dergleichen.

Die Kinder

(singend und tanzend, schon vor Aufgehen des Vorhangs)
Lasset die Röckchen nun schwirren und schweben,
Hätten wir Flügel, so flögen wir gleich!
Goldene Strahlen, o könntet ihr heben
Goldene Kinder ins himmlische Reich!
Hei, wie am Bache die schönen Libellen,
Hei, wie die Blumen, geworfen ins Licht,
Wollen wir tanzen und leuchten und schnellen,
Hascht uns, o hascht uns, ihr hascht uns ja nicht!
Eia, der Sommer ist wohlgetan!
Eia, hebet ein Tanzen an!

Mechthild

(kommt, herzlich)

Für euch ist Sommertag das ganze Jahr,
So mag ich's leiden, liebe, lust'ge Kleinen.
Nun aber scheint mir, daß Frau Landgräfin
Ein wenig ruhen will – mein herzlieb Völkchen,
Nun lauft ihr in den Wald, gelt, rings herum
Der ganze grüne Wald soll euer sein!
Und wißt ihr, was ihr tun dürft?

Irmgard

Kränze pflücken?

Mechthild

Auch Kränze pflücken – doch besonders Erdbeer'n.
Die pflückt ihr – tut sie in ein Halmenkörbchen –
Und mit dem lieben, roten Körbchen voll
Kommt ihr zurück und schenkt es unsrer Herrin,
Frau Landgräfin, die dort so fleißig malt.

Irmgard

Was malt denn Mutter?

Mechthild

Buchstaben, Irmgard.

Irmgard

Was für'n Buchstaben?

Mechthild

Nun, ein großes A.

(Legt lächelnd und weise den Finger an den Mund.)

Die Kinder

(tun desgleichen, lachen dann alle schallend heraus und zerstreuen sich in den Wald in Begleitung einer Dienerin).

Landgräfin. Mechthild.

Mechthild

(kniend)

Kniend muß ich vor so viel Künsten sitzen
Und dich bewundern, vielgelehrte Freundin.
Manchmal ist's mir – auch heut' – als ging' ein Schein,
Weißt du, so wie man Sankt Maria malt
Im Strahlenkranz – als ging' ein klarer Schein
Um deines Hauptes weichen Linienranft.
Ganz fein – hier – rings herum! Ich will recht nah
Mich an dich schmiegen, leuchtende Sophia!

Landgräfin

Schau' her: Ist mir dies übermalte A,
Womit Herrn Walthers fein Vokalspiel anfängt,
Nicht über alle Maßen wohl gelungen?

Mechthild

Wie du geduldig bist, fein stillzuhalten,
So viele Kunst und gar Latein zu üben,
Und doch der Hausfrau Schlüsselbund zu tragen
Und Kanzler unsres lieben Herrn zu sein!
Ich möchte sein wie du.

Landgräfin

Dein Amt ist anders,
Frau Minnekön'gin, du verklärst den Hof,
Indem du schön und sittsam Sängern zuhörst
Und edlen Taten Lächeln schenkst und Tränen.
Das macht sie glücklicher, als wenn Frau Sophie
Gewählte Gründe gibt, warum es schön sei.
Und klingt's auch gut: »Frau Sophie hat gelobt« –
Sie hören lieber: »Mechthild hat geweint«.

Mechthild

Du sprichst so gut zu mir. Und ich bin oft
So zag und kleinlaut. Sieh, mir fehlt ein Großes,
Ein Heiliges ... Vergib mir, daß ich heute,
Wo Sonnenschein auf allen Hügeln sitzt,
Indes mit Hörnerklang und Fiedeltanz
Der bunte Hof den Wald zum Festsaal macht –
Dennoch bekennen muß: ich bin nicht glücklich.
Ach, und mir ahnt – ich kann es nur nicht greifen –
Mir ahnt, ich werde niemals glücklich sein.

Landgräfin

Kind, was bewegt dich? Meine scheue Schwester,
Kristallnes Herz, komm, sag' mir, was bewegt dich?

Mechthild

(nach und nach immer leidenschaftlicher)

Du hast gelebt! Irmgard, dein Töchterlein,
Das dort im Walde zwischen Erdbeer'n spielt,
Dein Knabe Ludwig, deine andren Kinder –
Sie alle sind ein warmlebendig Preislied
Auf deines Lebens vollerfülltes Glück.
Dein Gatte liebt dich, er ist stark und edel,
Aus Wartburg-Fenstern flutet Lebenslicht,
Ein ganzes Volk wird warm am Wartburg-Herd!
Das nenn' ich glücklich sein und glücklich machen!
Ich aber, sieh, ich habe nie gelebt.
Nur Schwester war ich meinem greisen Gatten.
Kein heißer Mund hat meinen Mund geküßt,
Kein starker, guter Arm hat mich umrankt!
Ich weiß nicht, wie es ist, wenn man des Gatten
Edelgeschenk, ein himmlisch Menschenleben,
Zitternd empfängt und still zur Reife trägt
Und an die Menschen weitergibt – ein Leben,
Vielleicht ein Helden-Leben, das da Reichtum
Vieltausend Herzen bringt! O Gnadenglück,
Mutter zu sein! Goldlock'ge Gottesgabe
Der Welt zu spenden, wie man Früchte spendet!
Aus unsrem Blut und Geist Gewand zu geben
Den nackten Seelchen, die herabgekommen
Vom Gottesland in unser Menschenland – –
O, Freundin, Mutter, Schwester, Vielgeliebte,
Nicht wahr, du lächelst nicht der heißen Zähre,
Die mir in meine Klage rollt! Ich möchte –
Wie du es bist – ich möchte Mutter sein!

(Verbirgt das Gesicht in ihrem Schoße.)

Der Landgraf verläßt die Gruppe seiner Gäste und kommt heran.

Landgraf

Es ist zwar Labsal, klug zu plaudern. Doch –
Gleich gerne küss' ich meines Weibes Stirn.

(Tut es.)

Tränen, Frau Mechthild? Habt ihr euch gezankt?

Mechthild

Ach nein, Herr Landgraf.

Landgräfin

Mechthild weint ja leicht.

Landgraf

Es ist bald Heimkehrzeit. Das muntre Jungvolk
Vergißt zwar ganz der Stunde, läuft und lacht
Und wirbelt durch den Wald im Ringelreihn.
So lieb' ich meinen Hof! Saht ihr Herrn Wolfram?

Landgräfin

Wir nicht –

Landgraf

Fast schäm' ich mich: aus unsrem Plaudern,
Die wir hier langsam und beschaulich wandeln,
Hat er sich losgelöst. Warum? Wir dachten,
Den treibt es zu Frau Mechthild. Doch nun merk' ich,
Zu unbedeutend schien ihm unser Schwatzen.
Kommt er, so scheltet ihn – jedoch mit Achtung!

(Ab. Kleine Pause.)

Landgräfin

Mechthild, ich muß dich etwas fragen. Ist dir
Entgangen, wie dich Ritter Wolfram ehrt?

Mechthild

Sprich nicht davon, o bitte!

Landgräfin

Ist es unrecht,
Wenn ein so hoher Geist Frau Mechthild lieb hat?

Mechthild

Ich achte ja Herrn Wolfram –

Landgräfin

Wahre Liebe
Bedarf der Achtung –

Mechthild

– Doch ich lieb' ihn nicht,
Nicht so, wie ich dir hier gesagt – so stürmisch –
Weh tut mir seine männlich-zarte Werbung.

Wolfram von Eschenbach kommt allein.

Landgräfin

Er kommt Sieh, wie er ernst ist und so gütig!
Mir ist's der liebste Freund. Würd' er dein Gatte,
Ich hätt' euch wie Geschwister lieb.

Zu Wolfram)

Herr Flüchtling,
»Auf einem Plan, zu dem er ging,
Artus' Falk' in Lüften hing,
Der schoß hinab und schlug die Krallen
In eine Gans und flog empor –
Drei Tröpflein Bluts die Gans verlor,
Die sind in weißen Schnee gefallen.
In weißem Schnee drei Tröpflein rot,
Die brachten Parzival in Not.
Drei Tränen kamen ihm in Sinn:
Zu Pelrapêr der Königin
Kondwiramur sind sie entronnen –
Da ward er ganz und gar versonnen« –

Habt wohl auch Ihr drei Tröpflein Blut gefunden,
Obwohl kein Schnee liegt, Wolfram von Eschenbach?

Wolfram

Habt Dank des Grußes! Und vergebt mir, Frau!
Unachtsam schein' ich. Aber seht: Erregt
Von unsrem männlich sorgenden Gespräch,
Und eigne Leiden kummervoll erwägend –
Fing meine Seele sehr zu bangen an.
Da ging ich schweigend tiefer in den Wald.
Und nun hört an, was mir geschah. Ein Teich,
Ein unscheinbarer, kleiner Wassertümpel,
Hemmte mein Wandern. Sinnend blieb ich stehen.
Der Abendhimmel war ein schmales Gold,
Doch über mir der Himmel war noch blau.
Und Blau und Gold – just wie Ihr's hier gemalt –
Fiel in den blanken, runden Wasserspiegel.
Auch braune Stämme standen tempelhaft,
Und nicht ein Hauch bewegte Blatt und Blüte.
Am Stamme lehnend hielt ich dieses Zwielicht
In meiner Seele fest und schloß die Augen –
Und sah, glaubt mir's, marienschön ein Bild.
Blau stand ein Weib auf goldnem Himmelsgrunde,
Die glich halb Euch, halb glich sie Euch, Frau Mechthild.
Und alles, was ich jemals Holdes sah
An beiden zart verehrten Edelfrauen:
Weisheit und Minne, Kindersinn und Reife,
Verwoben sich zur einzigen Gestalt.
Sieghaft stand sie und hehr – tief unter ihr
Rollten die Sorgen rauchend in den Abgrund.
Die Erde spiegelte in ihrer Augen
Tiefblauem Saphir fein und rein sich wieder:
Ganz klein und tief die Burgen und die Städte,
Nur wir zwei standen riesengroß darüber.
Da wuchs in mir entsagungsmächt'ge Minne,
Wunschlos tat ich die Augen auf – und sah
Ein Reh am Waldrand nicken und verschwinden,
Als wär's ein Gruß von jener Himmelsfrau ...
Dies war mein Traum. Und nun, erlauchte Frauen,
Nochmals vergebt mir, daß ich euch verließ.

Landgräfin

Wie schön! ... Doch sagt: Wie deutet Ihr den Traum?

Wolfram

Ungern bin ich mein Dolmetsch – –

Landgräfin

Seid es heute!

Wolfram

Zwei edle Erdenfrauen hab' ich beide
Mannhaft und innig lieb und achte beide.
Doch eine, schön wie satter Sommertag,
Ist mir versagt.
Die andre, lauschend aus der Haare Gold,
Mit reinstem Herzen wert des reinsten Mannes –
Verschmäht mein Werben.
Wär' ich nur Mann – ich müßt' ob dieser zweiten
Verzweifeln und vergehn, so lieb' ich sie.
Doch bin ich Sänger! Und ich forme mir,
Verklärungsstark, aus beiden Edelfraun
Die dritte, jene Himmelsfrau, die tröstlich
Zu mir herabschwebt, mich an Händen führt
Bis in den Tod! – Dies, Frauen, ist mein Traum.

Der Landgraf, Walther von der Vogelweide und die anderen Gäste kommen.

Landgräfin

(auf ihn zu)

Er ist entschuldigt, Hermann, lieber Gatte!

(Küßt ihn bewegt)

Ein Traumgesicht hat ihn entführt.

Zu Wolfram

Habt Dank! –
Nun, und ihr andren hochberühmten Gäste,
Gefällt euch unser Land?

Landgraf

Nur einer fehlt noch:
Heinrich von Ofterdingen. Ob er kommt?

Einer aus dem Gefolge

(lachend)

Falls ihn die Mägdlein Östreichs wandern lassen.

Ein Zweiter

Er bringt sie mit.

Erster

Ein Schock, gewiß, und mehr noch!

(Lachen.)

Landgraf

Ein fahrend Weib, sagt man, Frau Venus selber
Begleitet ihn.

(Sie lachen.)

Nun, werte Herr'n, nicht spotten:
Er ist mein Gast.

Mechthild

(zu Walther)

Spricht man von Ofterdingen?
Wozu ward der auf unsre Burg geladen?

Walther

(scherzend ablenkend)

Euch zu erobern, Frau! Ihr weint zu viel
Um Sünden andrer. Frau, Ihr seid zu fromm!
Ihr betet zu viel an des Gatten Grab!

Mechthild

(lächelnd)

Ach, darum singt Ihr jede Nacht von ferne?

Walther

Ich, Frau? – Fragt Meister Wolfram!

Mechthild

(peinlich berührt)

Ihr seid's, Ritter – –

Wolfram

(sich zu Scherz zwingend, da alle der Neckerei zuhören)

Euch zu erziehen, ja, sing' ich am Abend,
Wenn ich am Steinkreuz Euch beim Beten weiß,
Weltlust'ge Lieder. – Nehmt mich als Magister!

Landgraf

(lacht, wie die übrigen. Dann)

Wildbret und Nachttrunk warten! Blast zum Aufbruch!
Wie – oder gehn wir durch die Drachenschlucht?

(Zustimmung. Hörner. Alles strömt zusammen.)

Gut denn, zu Fuß! Doch lasse jeder Herr
Von einer Dame sich beschützen! – Heimwärts!

(Lachen. Vorüberziehen der Paare. Hörner bis zum Schluß. Die Kinder kommen zurück.)

Landgräfin

(zu den Kindern)

Nun, habt ihr ausgetollt, ihr wildes Völkchen?

(Die Dienerin setzt Irmgard einen Hut auf, nachdem sie ihr ein Kränzchen abgenommen und, recht sichtbar, an einen Ast gehängt hat. Der Landgraf gibt der Landgräfin den Arm; da Wolfram – der als Letzter steht – Mechthilds Verlegenheit sieht, holt er zwei Kinder, hängt sie ihr rechts und links an den Arm und tritt höflich zurück; sie nicht dankend und schließt sich den Gehenden an. Wolfram geht langsam zuletzt und allein.)

Verhallender Kindergesang (in den sich Waldhörner mischen).

Nach Haus, ihr Kinderlein, nun kommt nach Haus!
Der Wald ist still, die Wichtel gehn heraus.
Irrlichter laufen durch den Mondschein-Grund,
Die Sterne fangen sich am Himmelsrund.
Nach Haus, ihr Kinderlein, nach Haus – nach Haus – –

(Zwischenvorhang.)

Dritte Szene

Derselbe Ort

Es ist fast Nacht. Fahler Schimmer um die Wartburg.

Ofterdingen und Gotelinde sind gelagert. Ein Feuer glimmt in der Nähe, über dem ein kleiner Kessel hängt.

Ofterdingen

Noch diesen Kuß – und diesen – und noch den –
Nein, her da, noch einmal! O Feuerlippen! ...
Ein Urwaldrauschen bist du, Wellenstoß
Ist deine Leidenschaft, du Donaunixe! ...
Doch kehr' nun heim! Mein Knecht bringt dich zurück,
Ihr bleibt im Dorf zu Nacht – ich muß zu Hofe!

Gotelinde

Ich darf ja nicht zurück, hab' ja kein Haus mehr,
Hab' keinen Vater mehr, ich hab' nur dich!

Ofterdingen

Ich muß wohl, Lieb –

Gotelinde

Mußt? Freie müssen nicht!
Ich bin schon Wochen bei dir: hindert's dich,
Dein Lied zu harfen und ein Herr zu sein
Im Tagesdorf, im Saal der Nacht – wenn nur
Ein Bröckchen, ach, wenn nur die Länge eines
Alleinz'gen Kusses für mich übrig bleibt?
Du weißt, ich lief in meiner Qual und Liebe
Dem starren Vater nächtlich aus der Halle –
Weil ich dich lieb hab', dich, dich ganz allein!

Ofterdingen

Ich weiß es, Gotelind', Gewittersturmnacht,
Walküre du, aus Schlünden der Natur
Du Flamme der Erde, Ätnas Feueratem –
Mit Weh scheid' ich von dir, wildsüße Braut!

Gotelinde

Bin ich das alles, was jagst du mich fort?
Ich will ja abseits bleiben, sieh, ich will
Im Volke stehn und zusehn, wenn du singst!

Ofterdingen

(düster)

Laß sein! Das ist und bleibt, wie ich beschlossen.

(Steht auf.)

Gotelinde

Warum denn, sag' doch nur ein Wort: Warum?

(Ganz ferne Nachthörner hallen noch einmal leise her.)

Ofterdingen

Dort ist die Wartburg! Hörst du ihre Hörner?
So nahe sind wir Eisenach! Soll ich,
Dem Volk zur Lust, beweibt zur Stadt einziehn?
Ich hab' vergessen, daß ich Ritter bin
Und Herr und Sänger! ... Hier ist noch ein Duft
Von Festgewändern ... die den weißen Leib
Vornehmer Frauen seidensanft umrauschen ...
Der Rasen ist zertreten – schwingt die Luft nicht
Von Adelsworten und von spitzen Küssen? ...
Und hier! – (nimmt Irmgards welkes Kränzchen vom Zweig) ein Kränzlein,
das ein Kind vergaß!

(Hält es hoch; deutlich)

Du erstes Gastgeschenk, das mir die Wartburg
Zum Willkomm beut – was wird mein letztes sein?

(Wirft es weg. Mit finstrem Blick auf Gotelinde.)

Und ich, der Spätling – so zieh' ich heran! ...

(Kreuzt die Arme, düster.)

Zum Unheil dir und mir sah ich die Donau
Und euren Bauernhof. Gesittet wollt' ich
Zur Wartburg ziehn, wie Klingsor mich entlassen –
Doch nun, als Räuber fahr' ich durch das Land,
Der einem Edeling sein Kind verschleppt.
Ein übler Anfang! Unter hohe Frauen
So einzuziehn – mit dir –

Gotelinde

(springt zornig auf)

Ich bin die Tochter
Des schöffenfreien Bauern – schmähst du mich?!
Mein Vater geht zum Thing, der deine nicht!
Mein Hof ist reich und alt, der deine nicht!
Ein Dutzend Knechte dient dem Hof – dir nicht!
Wie jene Burgfrau'n bin ich freilich gar nicht,
Da sagst du recht: denn ich bin mehr als sie!

Ofterdingen

Wildstolz – heia, so lieb' ich dich!

(Umarmt sie.)

Gotelinde

(wieder innig)

Nicht zürnen!
Du kennst ja meinen Vater nicht! Der schlüge
Mich mit der Faust tot, käm' ich zu ihm heim!
Ich hab' nur dich, ich habe jetzt nur dich!

Ofterdingen

Mein Weib!

Gotelinde

Dein Weib! – Gib mir den Tod, mein Gatte,
So sterb' ich lachend, denn er kommt von dir!

Ofterdingen

O Liebe!

Gotelinde

Nenn' es Treue! Viele hast du
Geliebt, du fahrender Gesell – doch treu
War eine nur, und die heißt Gotelinde!

Ofterdingen

(sinnend)

Treue –! Schwerwuchtig Wort! Nicht viele kennen
Die Heldengabe, trotzig-treu zu sein.
Auch ich nicht, bislang nicht ... Jetzt, langsam erst,
In dich verwachsen wie der Baum in Felsen,
Ahn' ich von ferne, daß zwar heiße Minne
Ein Hohes sei, das Höchste aber Treue.

Gotelinde

Behältst du mich?

Ofterdingen

Ja, Weib! Willst du so stark,
So treu und kühn, so wild-walkürenschön
Mitfahren durch die Welt?

Gotelinde

Geliebter Mann!

Ofterdingen

(düster)

Ich hab' nicht viel, die treu sind, hab' nur Klingsor,
Und der ist ausgereift und mir voraus.
Ich lebe ungestümer als die andren
Und werde meteorhaft wieder hingehn.
So lang bleib treu mir, ungetraut Gemahl!
Und sterb' ich irgendwo im fremden Walde,
So leg mein Haupt an deine weiche Brust
Und laß die Trauerweide deines Haares
Herfallen auf mein bleich Gesicht! Sing mir
Ein leises Scheidelied – und dann begrab mich ...
Ich hab' die Menschen nie geliebt. Um einen,
Den Herzog, meinen Herrn von Österreich,
Und um der Hohenstaufen Adlerflug –
Wein' ich zwei Tränen, doch die andren – – laß sie! ...

Gotelinde

Mein Trautgesell, erst laß uns leben, leben!
Und Ehren holen auf der Wartburg! Nicht wahr?

Ofterdingen

(hell und frisch)

Ist wahr! (Ruft.) Knecht, die geht mit nach Eisenach!
Doch daß mir keiner dieser Stallgebornen,
Wenn ich zu Hofe zieh', mein Weib bedränge,
Zieht sie den Kittel eines Knappen an
Und ist mein treuer Knecht! Der Knecht heißt – –

Gotelinde

(lachend)

Dankwart! So heißt zu Haus der beste Knecht!

Ofterdingen

(heiter)

Hoi, Dankwart! Dankwart, fort mit dir, du Racker,
Und zieh dich schicklich an! Was?! Läufst du da
In Frauenkleidern durch den Wartburgwald?!

(Scheucht die Lachende, in die Hände klatschend, nach hinten)

Macht rasch, es gibt ein Wetter! Haltet Umschau
In meinem Bündel! Morgen hilft ein Schneider!

(Kleine Pause. Es wetterleuchtet.)

Hätt' ich ein Lied! Ich möcht' als Alraunmann
Den Wald durchtappen und an Bäume klopfen:
»He, Bäume, tut euch auf! Gebt mir ein Lied!« ...
Es wetterleuchtet. Breite Schwerter schmiedet
Wieland der Schmied, der aus der Höhle flog.
Die Heidengötter schaun herab auf Wartburg
Und werfen Feuerwürfel, wer gewinne ...
Ihr alten Götter, helft mir! In mein Wort
Gießt solche Schmiedekraft, daß ich das Tändeln
Der Minnesänger in den Boden schmettre
Wie Siegfrieds Amboß! Flammen des Himmels, her!

Im Hintergrunde kommt ein Pferd gegangen, besetzt von drei Kerlen. Das stille Wetterleuchten dauert fort.

Erster (Diethelm)

Halt, Trabefaul, du Schindmähre! Wer ruft da im finstren
Wald nach Flammen des Himmels?

Zweiter (der Dicke)

Roßmähre, halt!

Dritter (der Lange)

Steh still, Bayard! Die Haimonskinder steigen ab!

(Alle drei steigen ab; Diethelm führt den Gaul nach hinten links, wohin auch Gotelinde gegangen ist.)

Der Lange

(auf einen Spieß gestützt)

Allein im Wald, Herr?

Ofterdingen

(springt hin und nimmt sein Schwert, ohne es zu ziehen)

Nein, mein Schwert ist dabei!

Der Dicke

(beschreibt einen Bogen und kommt von der anderen Seite, einen Knüttel in der Hand)

Du bist einer der hohen Herren, die zum Fest des Landgrafen reiten? Wir sind des Landgrafen Feinde.

Der Lange

Dummheit! Wir sind des Landgrafen Freunde! Wir setzen uns jetzt mit diesem Ritter um ein Feuer, zechen und würfeln die Nacht durch – was, Wartburgfahrer?

Gotelinde

(kommt gelaufen, halb schon als Knappe gekleidet, mit langem Haar)

Der Knecht will mir das Haar abschneiden – nicht wahr, er soll nicht – –

(Geschrei des Knechts hinter der Szene: »Hilfe!«)

Ofterdingen

Dann nicht gefackelt! Galgenvogel! Schnapphahn! Ich hab' die Türken gemäht – ich schäme mich, für solch Gesindel meinen Stahl zu ziehen –

(Jagt sie nach kurzem Kampf davon)

Diethelm

(heranspringend, ein Schwert in der Hand)

Jetzt aber komm' ich! – Heran, sarazenischer Hund!

Gotelinde

(packt den Spieß, der dem Langen entfallen)

Entweih dein Schwert nicht, Heinrich! Den renn' ich mit der Stange um!

(Tut es.)

Ofterdingen

(schlägt dem Verblüfften das Schwert aus der Hand)

Gastlich Land, das Ofterdingen so empfängt! Strauchritter im Angesicht der Wartburg?! – Nun, du, soll ich?!

(Setzt dem Daliegenden das Schwert auf die Brust.)

Diethelm

Halt! Schlagt Feuer, laßt mich Euer Gesicht sehen! Wenn das nicht Ofterdingens Stimme ist – so stecht mich tot! Habt Ihr Diethelm Hellegreve vergessen?

Ofterdingen

(erstaunt absetzend)

Diethelm – du? Mein Knappe von einst – Diethelm?!

Diethelm

(aufspringend)

Werft Holz auf das Feuer da, Holz! Wirft Holz auf, es wird heller.) Ritter von Ofterdingen, Eure Hände her – hahaha! Ich bin Diethelm, der Schuft, der Säufer, das mißratene Einhorn (seine linke Schulter ist ganz hochgewachsen und bucklig, er ist einäugig, struppig und zerrissen, doch ist in allen seinen Bewegungen eine wilde Kraft), der Loki, der Höllensohn – aber Euer Freund und Bruder auf Leben und Sterben! (In wilden Bewegungen, rasch hervorsprudelnd, aber deutlich.) Hahaha, Platz, ich klettre die Bäume in die Höhe vor Freude! Frau, Knappe, Maid, der Teufel weiß, was Ihr seid; den schaut an, das ist Herr Heinrich von Ofterdingen! Wißt Ihr das?! Nichts wißt Ihr! Denn dieser Held und Herr hat mich todwunden, entzweigeschlagenen Lümmel – schaut meine Achsel an – aus der Sarazenenschlacht getragen! Wißt Ihr das?! Nichts wißt Ihr! Wir zwei wateten mit wunden Sohlen durch Sand und Sonne, wir zwei verdursteten und verdorrten miteinander und soffen uns wieder lebendig! Kyrieleis, Amen Sela! Ritterlein, ich hab' dich gesucht durch 27 Kontinente oder Erdteile! Ich bin erzliederlich geworden, o Gott, wie liederlich bin ich geworden! Da ist ja gar kein Laster, das ich nicht auf dem Pelz habe, besonders aber sauf' ich! (Setzt sich und wischt heftig schluchzend das Auge.) Haltet 's Maul miteinander! Ich hab' nur ein Auge!

(Weint)

Ofterdingen

Diethelm! Strauchritter bist du worden –? So schändest du des Kreuzzugs kraftvoll Andenken?!

Diethelm

Strauchritter?! Einem windigen Krüppel haben wir den Gaul abgenommen, und der hatt' ihn selber gestohlen! Wir waren da ein paar lustige Kumpane, Spielmannsvolk und Taugenichtse – versteht Ihr? »Ha!« sagten wir, »jetzt laßt uns Ritter spielen und Lindwürmer töten!« Und so reiten wir nun schon tagelang im Thüringer Wald herum. Denn ich singe Heldenlieder, von Hagen von Tronje und solchen Knorren! Haha, und Ihr solltet allhier der erste Lindwurm sein – o, Ihr habt uns aber schön nüchtern geprügelt! Saudumm, sagen die Schwaben. O, ich lache mir die Achsel wieder grad!

(Lacht und schlägt sich unbändig auf den Schenkel)

Ofterdingen

(sich hinsetzend)

Warum bist du nicht seßhaft bei deinem Bruder, dem Gastwirt in Eisenach?

Diethelm

Seßhaft? Ein rechtschaffen von der Klosterschule weggejagter Kreuzritter?!

Ofterdingen

(lacht)

Haha, du borstiger Eber, immer noch der alte! – Wir haben noch einen Krug dahinten – schenk' ein, Dankwart! – Ich freu' mich dein, du Schlagetot! Reitest du mit nach Eisenach?

Diethelm

Laßt uns im Wald zu Nacht bleiben! Ich mag weder Hut noch Dach über dem Schädel leiden. – Würfeln wir um den Krug da?

(Zieht einen kleinen Würfelbecher hervor)

Ofterdingen

Topp, wir bleiben im Wald!
– Los! Sechs! – Jetzt ich! Drei! – Sauf zu!

(Jener trinkt)

Diethelm

(absetzend)

Ihr reitet zum Fest?

Ofterdingen

Unter die Minnesänger und Edelfrauen – Achtung, du Gnom!

Diethelm

Pah, verbuhlte Gesellschaft! Zeisige, Schönsänger! Die lagerten dahier im Lustwald, tanzten, tändelten – schwatzten lose auch über Euch, Herr Heinrich! Wir lauerten in den Hecken wie Füchse!

Ofterdingen

Über mich? – Laß sie schwatzen!

Diethelm

Lachten über Euch! Spotteten, daß ich die Faust ballte! Ihr habt Feinde auf der Wartburg!

Ofterdingen

(steht auf, geht hin und her, plötzlich verfinstert)

Feinde! Laß sie auf dem Sängerkrieg lachen!

Diethelm

Sing' sie in Grund und Boden, Ritter! Ich sing' mit!

Ofterdingen

(lachend)

Mit diesem Wams und diesen Schuhen?

Diethelm

(lachend ein Bein hochstreckend und auf die ganz zerrissenen Schuhspitzen zeigend)

Kraft! Alles Kraft! Das will heraus, Herr, das sprengt Leder und Tuch! Ihr solltet mich zu Pferde sehen – holla, ist mein Gaul noch festgebunden? Wie heißt denn der Knappe da, das Weib da, der Bub' da?

Gotelinde

Dankwart. Dein Gaul knuspert am Buchbaum. Unser Knecht
ist weggelaufen.

Diethelm

Laßt den Feigling laufen! Ich bin jetzt Ofterdingens Knecht! Frau Brunhild von Isenland, dem helf' ich nun singen, daß es kracht.

Ofterdingen

Was kannst denn du singen, du Nebelkrähe?

Diethelm

(plötzlich ernst)

Untersteht Euch nicht, über mich zu lachen! – Gemeinhin sing' ich König Rothers Brautfahrt nach Konstantinopel, besonders aber vom Riesen Widolt, wie der loskam und durch Byzanz raste und Menschen totschlug wie Mücken! Das freut das dumme Volk. Für die feinere Sippschaft sing' ich von Siegfried von Niederlanden. Aber mein Held aller Helden – mein Held, versteht Ihr!? – ist Hagen von Tronje. Kennt Ihr die Mär von Hagens Blutrausch? Was, Ihr kennt nicht Hagens Blutrausch, da Siegfried erschlagen lag am Brunnen im Odenwald?!

Ofterdingen

Nein.

Diethelm

(wirft einen Mantel hin, ernst, gereckt in seiner ganzen Haltung)

Wohlan, dieser Mantel ist der erschlagene Siegfried! Dort geht die Sonne unter! Ich aber, auf diese Speerstange gestützt (nimmt den Speer), schreite langsam und wuchtig den Hügel hinan, daß die Schollen knirschen unter meinem schweren Fuß, mitten hinein in die schreckerstarrte Sonne! Und also heb' ich an:

(mit nicht zu viel Bewegungen, muß wild wirken, nicht komisch)

»Hinab mit Euch, Frau Sonne, in Hels Behausung!
Hinab mit Euch, Hagen ist Herr!
Drunten in Kressen und Kraut,
Getötet im Tal,
Antlitz im Rasen, mit klaffendem Rücken,
Im rauchenden Rotblut liegt er:
Euer Sohn!
Siegfried, der Sonnenheld!
Heischt Ihr Rache, treulos betrogene Frau?
Her Eure Recken!
Eurer Recken harr' ich, hier auf dem Hügel,
Unscheu schattend, gleich einer Buche am Berghang,
Im Abendfeuer, das über die Au flammt,
Ragend mit meines Helmes Rabenfittich,
Als wallte Gewölk durch die Helle der Hügel –
Her Eure Recken! Eurer Recken harr' ich! ...

Die Nacht und ich, wir haben den herrischen Tag,
Den frauenberückenden, frechen Tag
Getötet – Heia, getötet!
Ich nun bin Sohn der Sonnenkraft!
In meine Adern einbrauste die brüllende,
Lodernde Lohe, in meine Adern und Augen –
Weicht meinen Flammen! Weh, wer es wagt!
Werf' ich den sprühenden Speer,
Den ich riß aus Siegfrieds rauchendem Rücken,
So stürzen die Sterne, so schaudert Surtur,
So schlingt sich zum Knäuel
Wallhalls flüchtend Wolkengesindel!
Hohoho! Hohohoho!

(Lacht wild und schauerlich.)

Her wider mich einen Gott!
Her wider mich, du Gottesgeißel der Hunnen!
Dich, Hund Etzel, dich will ich pirschen,
An Pfoten dich packen und wirbeln und werfen
Samt deiner Sippe hinüber, hinaus,
Fern über Deutschlands Donau-Gemarkung!
Laßt sehn, wer den krachenden Wurf tut,
Mongolengeziefer, Türkengezücht,
Her wider mich, laßt sehn, wer mein Haupt fällt! ...

(Näher kommend. Kalt.)

Was starrt das Jagdvolk?
Hier stemm' ich die Stange zur Ruh'!

(Stößt sie ein.)

Nehmt den! Bringt ihn Frau Kriemhild!
Sagt ihr, wer ihn gefällt am Brunnen im Felde!
Ich war's: Hagen von Tronje!«

Ofterdingen

(aufspringend, ebenso wie die lebhaft Anteil nehmende Gotelinde; ihn stürmisch umarmend)

Ich hab' mein Lied! – Wartburg, ich hab' mein Lied! –

(Wetterleuchten über der Wartburg.)

Wir zwei sind fortan Freunde!

Diethelm

Bis zum Tod!

(Vorhang.)

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