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Heinrich Manesses Abenteuer und Schicksale

Adolf Vögtlin: Heinrich Manesses Abenteuer und Schicksale - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
booktitleHeinrich Manesses Abenteuer und Schicksale
authorAdolf Vögtlin
year1910
firstpub1910
publisherH. Haessel
addressLeipzig
titleHeinrich Manesses Abenteuer und Schicksale
pages416
created20180126
sendergerd.bouillon@t-online.de
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7. Auf dem Schwarzen Meer.

Mein neues Ziel war Odessa. Durch unabsehbare Strecken herrenlosen, wilden Landes führte mich die Straße. Bald verschwand ihre Spur unter Hügeln hergewehten Sandes. Dann tauchte sie an felsigen Stellen wieder auf, um sich wieder zu verlieren oder sich in ein halbes Dutzend Wege aufzuteilen. Da war die Wahl oft schwer. Einmal ging sie in einem Salzsee unter. Ich watete hindurch, obwohl mir das Wasser bis an die Arme ging, und fand sie jenseits wieder.

Zu meiner großen Freude sah ich eines Morgens eine Stadt vor mir aufglänzen. Allein, wie ich näher kam, nahm ich wahr, daß sie an einem breiten 146 Meeresarm lag, der tief ins Land hineinreichte. Wohl wartete am Ufer ein Dampfschiff, das mich für achtzig Kopeken ans andere Ufer übergesetzt hätte. Allein die fehlten mir just. Ich bot mich dem Kapitän zur Übernahme von irgendwelcher Arbeit an, um freie Überfahrt zu erhalten. Aber er hatte Leute genug; ich war wieder einmal überflüssig. Ziemlich niedergeschlagen kehrte ich in die Stadt zurück. Ackermann hieß sie auf gut Deutsch; aber alles sprach Russisch. Endlich erblickte ich eine Apotheke. Ich ging hinein und fragte, ob man hier Französisch spreche. Non monsieur; aber Deutsch!« antwortete mir ein lebhafter junger Gehilfe. Gleich wurde es mir warm ums Herz herum, und ich erzählte ganz offen, wo mich der Schuh drückte. Der Gehilfe griff ohne weiteres in die Kasse und gab mir das Nötige. Als sein Prinzipal dann erschien, der ebenfalls ein Deutscher war, kredenzte er mir eine Limonade und spendete noch einen Rubel Reisegeld. Er plauderte freundlich mit mir, da ich ihm viel aus Zürich erzählen konnte, wo er sich ebenfalls aufgehalten hatte. Wie ich mich dankend entfernen wollte, hielt er mich zurück und sagte freundlich:

»Apropos, da fällt mir ein, fünf Werst von hier, in Chaba, wohnen reiche Bauern, lauter brave Schweizer, die Ihnen sicher weiterhelfen werden, wenn Sie ihnen Nachrichten aus ihrer Heimat bringen.«

Ich mußte ein zweifelndes Gesicht dazu geschnitten haben; denn alsbald holte er ein Buch hervor, in welchem alle Ansiedelungen verzeichnet waren, und hielt es mir vor: »Da lesen Sie selber, Sie ungläubiger Thomas.« Da stand denn schwarz auf 147 weiß gedruckt: »Chaba, einzige Schweizerkolonie in Südrußland.«

Der Apotheker anerbot sich mir, mein Felleisen aufzubewahren und überredete mich zu dem Abstecher, obschon ich, einmal im Besitze des nötigen Geldes, am liebsten gleich weitergereist wäre. Weit und breit war alles Land wohl angebaut, auch mit Wein. Bei den ersten Häusern traf ich ein etwa zehnjähriges Bübchen an, einen pausbackigen Flachskopf. Den fragte ich, ob er »dütsch chönn rede«. Er schaute mich aber an, als ob er mich nicht verstanden hätte. Ich mußte ihm nochmals zusetzen und fragte: »Ischt din Vater en Schwyzer?« worauf er aber rasch antwortete: »Nei, er ischt en Züribieter!«

Wie lustig kam mir der Kantönligeist in der Fremde vor!

»Ist dein Vater daheim?« forschte ich weiter.

»Nein, nur der alte Großvater. Der junge Großvater ist mit dem Vater in die Weinreben gegangen.«

Da kam ich also in eine Gegend, wo vier Generationen beisammen wohnten. Wie heimelte mich das an! Ich folgte dem Büblein, das mich allerdings etwas verwundert anschaute, als ich mit ihm zur Tür hineinwollte. Hier mochte es selten fremde Besucher geben.

Wir kamen in die Küche, und da saß der alte Großvater am Herde, ein Pfeifchen rauchend. Ich grüßte freundlich, und er fragte mich, wer da sei; denn er war beinahe blind.

Als ich sagte, ich sei ein Handwerksbursche und komme aus der Schweiz, sei auch längere Zeit in Zürich gewesen, da kam Leben in die welke Gestalt. 148 Ich mußte ihm die Hand geben. Er tastete an mir herum, auch im Gesicht, als ob er einen Bekannten erkennen wollte, und wurde gesprächig, daß es mir wohltat, diesem Alten auf seine vielen Fragen Antwort geben zu können. Er war früher Schiffsmann auf dem Zürichsee gewesen und alle Wochen ein paarmal nach der Stadt gekommen.

»Lebt der Rappenwirt auch noch – und die Friedenwirtin?«

Ich bejahte es. Allein da fiel ihm ein, daß seit Anno dazumal an die fünfzig Jahre verstrichen seien und die gegenwärtigen Inhaber jener Wirtschaften wohl Nachkommen sein mußten, die er nicht mehr kannte. Nach diesem und jenem Hause und dessen Besitzer erkundigte sich der Greis; aber meine Angaben stimmten nicht mehr mit seinen Vorstellungen überein und erregten bei ihm Kopfschütteln. Am meisten schien ihn zu interessieren, wie die Dampfschiffahrt betrieben werde. Auch daß die Schweizer neues Geld hätten, wußte er und lächelte, als ich ihm mitteilte, es sei schlechter als das alte und finde dennoch ungeheure Nachfrage. Von allerhand erzählte ich, und es wurde dunkel, ehe wir daran dachten. Nun kamen die andern Hausgenossen von der Feldarbeit zurück, junge und alte Großväter und Großmütter und Väter und Mütter, die so gesprächig wurden, daß man darüber beinahe die Zubereitung des Nachtessens vergessen hätte. Auch Nachbarn kamen herein und wollten etwas Neues aus der Heimat erfahren, die viele nur dem Namen und der Überlieferung nach kannten. Das Anneli mußte den Heiri und der Hans den Uli holen; es ging zu wie in einem Taubenhaus, 149 wenn die Nacht einbricht. Diese Schweizer waren im Hungerjahr 1817 hierher ausgewandert, erhielten von der russischen Regierung Land zum Urbarmachen geschenkt und blieben bis ins dritte Glied steuer- und militärfrei. Das Büblein, mein Führer, war der erste, der russischer Soldat werden sollte. Doch schon jetzt schmiedeten die Alten Pläne, wie man diese ungeheuerliche Zumutung umgehen könnte. Die Jungen sollten nach der Schweiz zurückkehren. So sehr hingen die Leute alle an ihrer ursprünglichen Heimat, daß ich mir neben ihnen als ein jämmerlicher vaterlandsloser Geselle vorkam.

Diesmal blieb ich von Herbergsnöten verschont. Wohl zehn Partien wollten mich zum Schlafen mitnehmen, und ich mußte dem einen versprechen, bei ihm zu frühstücken, dem andern, zu Mittag zu speisen und dem dritten, zu Abend.

Am folgenden Morgen waren schon frühzeitig Glarner, Schwyzer, St. Galler und Waadtländer da um mich abzuholen. Der Pfarrer und der Lehrer ließen mich zu sich einladen. Es kam mir wohl zustatten, daß ich aus fast allen Kantonen, von meinen früheren Reisen her, Bescheid wußte. Drei Tage genoß ich die Gastfreundschaft der wackeren Männer zu Chaba. Als der Lehrer verschiedene Anläufe machte, um mich als Gehilfen anzustellen, erwachte jedoch meine Reiselust von neuem: Ich mußte ja zu meinem Bruder in Odessa. Die Hosentaschen voll klimpernder Münzen kehrte ich zu meinem Apotheker zurück, der mir seinen Reisesegen gab. Ich nahm das Dampfschiff nach Owidiopul, und setzte am folgenden Tage meine Fußwanderung fort. 150 Diesmal auf gutem Wege durch anmutiges Land, das wohl bebaut war. Denn hier gab es deutsche Ansiedelungen und prächtige Dörfer mit deutschen Namen, die alle gar lieblich klangen: Lustdorf und Liebenthal, wo es angenehm zu weilen war. Was Wunder, daß das fröhliche Geklimper in der Hosentasche allmählich verstummte! Schließlich war ich froh, daß mich ein russischer Weinfuhrknecht, den ich durch Spendung einer Zigarre bestach, auf seinen Wagen nahm und mich nach Odessa hineinbrachte, wo ich am 1. August einzog, müde, hungrig und mit dem bedenklich kleinen Vermögensvorrat von zwanzig Kopeken. Die wollte ich unter allen Umständen zusammenhalten, um mir wenigstens ein Nachtlager zu sichern.

Ich schlenderte trotzdem unverzagt in den Straßen Odessas einher, um irgendwo deutsche Landsmannschaft aufzustöbern. Wie ich an einem Hof vorbeikam, vor dessen Tor neugierige Männer, Frauen und Kinder versammelt waren, wollte auch ich nachsehen, was es da Interessantes gebe, und drängte mich so weit als möglich vor. Da standen ein halbes Dutzend russischer Polizisten um einen Bauern herum, der mit dem Bauch nach unten auf einer schwerfälligen Holzbank mit Lederriemen festgeschnallt war. Auf den entblößten Leib erhielt er Rutenstreiche, daß das Blut herausspritzte. Trotzdem er jämmerlich schrie, bemerkte ich auf dem Angesicht der Umstehenden nicht das geringste Mitleid. Als er seine Portion Streiche zugemessen erhalten hatte, kamen andere daran. Fünf Männer und zwei Weiber standen noch zur Züchtigung bereit. Ich konnte nicht ausfindig machen, 151 welcher Vergehen sie sich schuldig gemacht hatten. Daß aber solche Züchtigung vor aller Augen in einer solchen Stadt vorgenommen wurde, kam mir barbarisch vor. Aber ich erhielt doch einen solchen Respekt vor der russischen Justiz, daß ich beschloß, mich vor jedem dummen Streich peinlich in acht zu nehmen.

Ein Jude, der etwas Deutsch verstand, wies mir den Weg zur griechischen Kirche, in deren Nähe sich eine deutsche Wirtschaft befand. Sie war im Keller, und als ich in den großen Raum, wo sich die Familie gerade zum Mittagessen versammelte, hereintrat, saßen und lagen auf Stühlen und Bänken, rings der Mauer nach, vielleicht zwanzig deutsche Handwerksburschen, von denen keiner Miene machte, am Mittagsmahl teilzunehmen.

Die Wirtin fragte mich, ob ich mitspeisen werde. Natürlich durfte ich keinen Hunger haben und befahl nur ein Glas Wein. Wenn ich solchen haben wolle, müsse ich ins Weinhaus gehen, bemerkte sie. Ich fand, da sei ich am richtigen Ort. Denn die Gelegenheit macht nicht nur Diebe, sondern auch Trinker. So verkroch ich mich denn unter die herumsitzenden Gesellen, die aus dem gleichen Grunde wie ich keinen Hunger hatten.

Wie es zu geschehen pflegt, wurde ich nach Herkunft, Beruf und Reiseabsichten ausgefragt, und als ich antwortete, ich gehe nach Konstantinopel und sei aus Münster gebürtig, rief ein Seidenfärber aus, morgen verreise er nach dem Bosporus, und ein Schneider schrie überlaut: »Bruder, du bist ein Glückspeter, der Wirt stammt ja auch aus Münster!« Da sprang die etwa achtzehnjährige Tochter auf und rief 152 ins Nebenzimmer hinein: »Vater, komm gleich herein, 's ist einer aus Münster da!«

»Das ist nicht übel,« dachte ich, »wenn das Mädchen solches Wesen macht wegen eines Landsmannes.«

Der Wirt erschien. »Wo ist er?« rief er, und ich erhob mich. Sogleich gab er mir die Hand und sagte, ich solle doch zu Mittag speisen. Ich erwiderte, mein Geldbeutel hungere schon länger als ich und müsse mit Luft vorlieb nehmen. Da grollte der Mann: »Danach hab' ich ja nicht gefragt.« Und ich ließ es mir am Mittagstisch prächtig munden und strafte meine frühere Ausrede, wonach ich keinen Hunger hatte, nach Kräften Lügen. Beim Gespräch stellte es sich dann heraus, daß ich Verwandte des Wirtes kannte und über sie Auskunft zu geben vermochte. Jetzt ließ er mich frische Kleider und Wäsche anziehen und lud mich zu einem Spaziergang ein. Von Reisenden aus Münster, die während fünfzehn langen Jahren bei ihm Quartier genommen hatten, war ich der fünfte.

In einem leichten Fiaker fuhr er dann mit mir von Straße zu Straße, von Wirtschaft zu Wirtschaft, so daß wir am Abend bei der Heimkehr schwer geladen hatten. Ich mußte trotz Widerspruch seiner Gemahlin in seinem Zimmer schlafen, damit er noch mit mir plaudern konnte. Doch fiel das Geplauder nicht ergiebig aus, wir duselten alsobald ein.

Früh morgens weckte er mich. Mein Kopf war nicht in Ordnung. Er wußte ein Mittel und führte mich stracks ins Meerbad. Edeldamen mit Zofen, Offiziere, Herren und Arbeiter, weiße und schwarze Matrosen, Türken und Perser, alles durcheinander 153 saß da am sandigen Ufer und tummelte sich in der grünen Flut – eine fröhlich schäkernde Schar, die allerlei Spiele und Künste ausführte. Wir sahen, daß Leute, die bloß zur Augenweide herbeigekommen waren, von den Badenden sogleich bespritzt und mit Wasser übergossen wurden, und wir warfen uns ebenfalls in Adams Badekostüm.

Nach dem kühlenden Bade tranken wir den Tee. Und jetzt wollte mir der gute Landsmann für Arbeit sorgen. Allein ich hatte inzwischen meinen Bruder, den ich besuchen mußte, nach Konstantinopel vorgeschoben.

Am zweiten Tage begleitete uns die Tochter Forrers – so hieß der Wirt – in den Hafen. Sie war nicht wenig stolz, als der Vater mir erzählte, ein reicher Russe habe schon dreimal um ihre Hand angehalten und ihm achttausend Rubel angeboten, wenn er sie ihm gebe. Die Tochter wäre damit einverstanden gewesen, und ich gab meiner Verwunderung Ausdruck, weshalb er denn nicht eingewilligt habe. Da erfuhr ich, daß viele Russen solch junge Geschöpfe kaufen und zum Schein heiraten, um sie dann nach wenigen Monaten oder Jahren zu verstoßen. Gegenüber solchen Herren, wie sie eben in Rußland die Welt regieren, erhalte ein Fremder nie recht vor Gericht. Die schöne Tochter schlug die Augen nieder, wie ihr Vater das erzählte.

Da fand ich, zu Hause sei's doch besser. Auch der ärmste Teufel komme zu seinem Rechte, wenn er sich an die richtige Adresse wende und sich die Geduld nicht ausgehen lasse. Bereits hatte ich vergessen, was für ein Unrecht mich in die Welt hinausgestoßen 154 hatte. War es die Gegenwart der schönen Tochter, die mir mit einem Mal die Erinnerung an die Bitternisse der Vergangenheit auslöschte? Hatte meine Seele sich daran gewöhnt, alles Leid und Unrecht, das ich erlitten, als Sühne für meine Vergehen zu betrachten?

Forrer eröffnete mir, daß er mir kein Geld für meine Reise nach Konstantinopel gebe. Wenn ich dagegen in Odessa bleiben und mir genügende Arbeit suchen wolle, so sei er bereit, mich einen bis zwei Monate unentgeltlich zu beherbergen und zu beköstigen. Wenn ich aber Fahrgeld haben wolle, so müsse ich mich an den Konsul wenden. Auf Forrers freundliche Verwendung erhielt ich solches und machte mich, trotzdem er und seine Tochter mich dazubleiben baten, nach einigen Tagen reisefertig. Beim Abschied gab er mir, nachdem wir einander die Hände geschüttelt, noch ein paar Küsse, und das rührte seine Tochter so, daß ihr die Tränen über die Wangen rollten. Papa Forrer ließ es lächelnd geschehen, daß ich zwei davon wegküßte. Dann übergab sie mir ein Blatt Papier mit einem Zahlenrätsel, das ich erst auf dem Schiffe lösen sollte.

Ich freute mich wie ein Kind auf die Seefahrt; einen mächtigen Korb voll Proviant hatte mir Forrer aufs Schiff bringen lassen. Im Hinblick darauf ließ es sich herrlich von Konstantinopel, Kleinasien und Ägypten träumen. In der Tat hielt ich die Karte auf den Knien ausgebreitet, während die letzten Passagiere einstiegen, und steckte meiner Reise neue Ziele. Auch ein Ausflug nach Indien und China schien mir noch nicht das Letzte. 155

Wie ich so dasaß, die Karte studierte und träumte, wurde es dunkel vor mir. Ich blickte auf. Da stand Forrer mit seiner Tochter vor mir und erklärte mir lachend: »Wir fahren mit. Wollen uns einmal Konstantinopel ansehen. Sind noch nie dort gewesen!«

Ich war wie aus den Wolken gefallen. Der drahtlose Taschentelegraph war leider noch nicht erfunden, und so konnte ich mir nicht aufs Schiff depeschieren lassen, daß »mein Bruder« von Konstantinopel verreist sei.

Eine große Anzahl polnischer Judenfamilien, die nach Jerusalem reisten, hatten sich rings um mich herum auf Matratzen, Teppichen und Decken gelagert, selber zum Teil in schmutzige Lumpen gehüllt, unter ungeheurem Lärmen und Schreien die besten Plätze für sich aussuchend. Alle Passagiere dritter Klasse mußten nämlich auf Deck schlafen, sei es Wetter, wie es wolle. Kaum jedoch hatten sich die guten Leute einen sichern Platz erzankt, so kamen die Matrosen und jagten sie fort, bis das viele Gepäck und Frachtgut, das unten keinen Raum gefunden, aufgestapelt und festgebunden war. Auch deutsche Ansiedler waren da, die nach Konstantinopel reisten, um deutsche Bibeln einzukaufen, die damals in Rußland verboten waren; Russen, Türken, Griechen, Perser, Ägypter waren da, ein buntes Gemenge mit einer babylonischen Sprachenverwirrung, in der man kaum sein eigenes Wort verstand.

Forrer wollte angesichts der wenig verlockenden Umgebung mit seiner Tochter hinuntersteigen; allein Susanna zog die freie Luft auf Deck vor, und so lagerten wir uns denn neben einer kleinen Gruppe, 156 die sich aus einem deutschen Müller, der nach Konstantinopel in Stellung ging, seiner Frau und einem Knäblein zusammensetzte. Das Wetter war trübe, das Schwarze Meer schien in der Tiefe unheimlich aufgeregt. Ein feiner Regen verschleierte die Ferne. Susanna setzte sich zwischen ihren Vater und mich. Wir wurden samt dem Schiffe in sanftem Rhythmus geschaukelt. Aber allmählich wurde das Schaukeln stärker, die Wogen begannen hochzugehen. Die Reisenden sahen sich genötigt, an befestigten Gegenständen Halt zu suchen. Da und dort wurde einer vom Schwindel erfaßt. Die Seekrankheit suchte und fand nur allzu rasch ihre Opfer. Ich war gefeit gegen ihre Anfechtungen, trank einen Kognak und rauchte behaglich meine Pfeife, bis der Wind mir den Atem benahm. Einmal warf ein Stoß des Schiffes Susanna zu mir herüber. Ich hielt sie fest, um sie vor dem Falle zu bewahren, und spürte den unsäglich weichen Gegendruck ihrer Arme.

Da fand Forrer für gut, mit ihr hinunterzugehen, indem er mir gute Nacht wünschte.

Am folgenden Tage speisten wir zusammen und waren guter Dinge.

Ich zog das rätselhafte Papier aus der Tasche und schlug Susanna neckisch vor, wir wollten zusammen nun das Rätsel lösen. Da wurde sie über und über rot, und als ich anfing, zu lesen:

Die zarte Blume 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12
Will nicht im Dunkeln 7 12 3 9 5 . . .

stand sie, offenbar in peinlichste Verlegenheit versetzt, auf und ging an Deck spazieren.

Nun wollte Forrer wissen, was denn dahinterstecke. 157

Eh' ich mich dessen versah, hatte er mir das Papier aus der Hand genommen und fand bald heraus, daß die Lösung »Freundschaft« hieß.

»Kinderspiel!« brummte er vor sich hin und warf den Fetzen ins Meer.

Warum nur regte sich Susanna so sehr darüber auf?

Als sie die Papierstücke auf dem Wasser schwimmen sah, fand sie sich wieder bei uns ein und tat, als wäre nichts geschehen. Und doch war etwas geschehen: ein Herz hatte sich verraten.

Am dritten Tag, es war gegen Abend, verfärbte sich das Meer zu tintiger Schwärze. Der Himmel verfinsterte sich durch rasch heraufziehende Gewitterwolken. Die Matrosen waren aufgeregt und trafen allerlei Vorkehrungen, die mir, dem Seeunkundigen, nicht verständlich waren. Selbst auf ihren wetterharten Gesichtern spiegelte sich die Angst der Seele. Und unser Unbehagen wuchs.

Es war höchste Zeit, daß die Segel gerefft wurden. Der Orkan, der plötzlich wie ein Ungeheuer zwischen Himmel und Wasser stand, warf sich mit einem Ruck auf unser Schiff, daß alles aufschrie. Im ersten Anprall schlug er den Mittelmast mitten entzwei und schleuderte den abgebrochenen Teil ins Meer. Eine Welle, die er über das Deck spie, riß eine Schar Weiber und Männer zu Boden. Immer schwärzer verhängte er die Nacht, wie Donner rollte seine Stimme, Blitze sprühten ihm aus den Augen.

Zitternd klammerten sich die Reisenden aneinander. Niemand wollte mehr unten bleiben; alles kam auf Deck. Wir hielten uns an Haken, Ringen und Tauen 158 fest, um nicht über Bord gespült zu werden. Ich sah beim Schein des Blitzes, wie die Rahe des geköpften Mittelmastes beim Schwanken und Schlingern des Schiffes tief ins Meer hineintauchte. Die Matrosen wurden wie Strohpuppen umhergeworfen.

Ein Krach! Das Segel am Bugspriet war losgeworden, die Stange wurde geknickt wie ein Schilfrohr und hing als verhängnisvoller Ballast im Takelwerk. Schnell wurden die Taue durchschnitten. Blitz um Blitz aus seinem Haupte strahlend, stieß der Orkan mit wuchtiger Brust gegen unser Fahrzeug. Seine furchtbare Stimme übertönte das Jammern und Heulen der Juden. Wir duckten uns in einem Winkel beim Kamin eng aneinander, uns krampfhaft an einem eisernen Haken und eines am andern festhaltend. Welle auf Welle schlug über uns hinweg. Ich fühlte, wie ein zartes und warmes Leben sich an mich klammerte. Es verschlug ihr den Atem; Susanna glaubte, ertrinken zu müssen. Ihr Vater hatte genug mit sich selber zu schaffen. Er umkrallte mit beiden Händen ein dickes Tau, mit welchem aufeinander geschichtete schwere Kisten festgebunden waren. Mit entsetzlichem Gepolter stürzten sie herunter. Ein durchdringender Schrei! Eine schwere Kiste war auf die junge Müllersfrau gefallen und hatte ihr beide Beine zerschmettert. Eine zweite schob uns zwei auf die Seite und drückte uns gegen das Kamin, so daß wir uns nicht mehr rühren konnten.

Ein Schiffsoffizier eilt der armen Frau mit einigen Matrosen zu Hilfe. Es gelingt ihnen, die Kiste, welche sie mit einem Schlage zum Krüppel gemacht hat, hinwegzuwälzen. Dadurch wird auch unsere 159 Bedrängerin etwas locker; wir stemmen uns gegen das Kamin, und ein Rutsch befreit uns aus der Gefahr, erdrückt zu werden. Mit einem Arm uns an den Kaminringen festhaltend, umschränken wir uns mit dem freibleibenden. Ich fühle ihre Brust an meiner wogen; ihre kalte Wange an die meine gepreßt. Angstvoll keucht es aus ihrem Munde: »Sterb' ich, laß mich mit dir sterben!«

»Susanna!« ruf' ich, »nicht verzagen! Noch ist es nicht an dem!«

Da! mitten im Jammern und Stöhnen der Menschen, im Donnerrollen und Wogenrauschen, im Flattern und Prasseln der letzten Segel ein helles Freudengeschrei! Was ist's? Wir wischen uns das Wasser aus den Augen und sehen in der Ferne den Leuchtturm am Bosporus. Erreichen wir den, so sind wir gerettet. Ununterbrochen wütet der Sturm. Aber das einsame Lichtlein dort im Süden wächst und wächst sich aus zu einem mächtigen Hoffnungsstern.

Susanna hielt mich umschlungen, und mein Herz schlug dem Sturme immer mutiger entgegen. Was uns mehr erschütterte, war der Anblick der armen Müllerin, der niemand beispringen konnte, nicht einmal ihr Mann, da niemand auf dem Schiffe die Kraft hatte, sich frei zu bewegen. Zwei-, dreimal schrie sie nach ihrem Kinde, das ihr aus den Armen geworfen wurde. Wie sie es in ihrer körperlichen Not wieder zu erhaschen vermochte, ist mir heute noch unerklärlich; aber die Mutterliebe ist eben so geheimnisvoll.

Wie wir in die Meeresenge einfuhren, waren wir außer Bereich des Sturmes, der mit seinen Fängen 160 unser Schiff geschüttelt hatte. Als der Tag heraufdämmerte, wurde halt gemacht und das Schiff von den schrecklichen Spuren der Nacht gereinigt. Froh war ich, daß die arme Müllerin nun endlich in die Hände sorgsamer Pflege gegeben und in eine Kabine hinuntertransportiert werden konnte, wo man ihr die nötigen Verbände anlegte.

Jetzt kamen auch die Passagiere aus den Kabinen und dem Zwischendeck herauf und suchten ihre Angehörigen zusammen. Die Juden machten sich zum Beten bereit. Die hl. zehn Gebote wurden in kleinen Lederwürfeln mit Riemen auf die Stirn gelegt und am Oberarm festgebunden. Die Weiber warfen ihre schwarz- und weißgestreiften Bußärmel um und murmelten im Chorus leidenschaftlich ihre Gebete. Auch die Türken schrien unaufhörlich ihr »Allah il Allah!« und kreuzten die Hände über der Brust. Die Perser breiteten ihren Bet-Teppich auf dem Boden aus, befestigten ihn mit einem Dolchmesser und, ihr Antlitz nach Osten gewandt, küßten sie wohl hundertmal auf den Knien liegend den Boden. Die Russen beteten mehr insgeheim ihr Ave Maria am Rosenkranz, aber von den andern Christen sah ich keinen beten. Wir ergötzten uns eher an dem Schauspiel, das die verschiedenen Nationen uns boten, indem sie Gott lobten und ihm dankten für die Rettung.

Wir schämten uns, das Gleiche zu tun. Wäre aber einer unter uns aufgestanden und hätte ein Beispiel gegeben, wir hätten uns alle zur Erde geworfen und inbrünstig gedankt, so lang und so bang hatten wir uns im unheimlichen Bann einer elementaren Gewalt geängstigt; denn das Danken und Beten 161 ist ein ebenso natürlicher Vorgang nach solchem Ereignis wie das tiefe Aufatmen, nachdem einem die Kehle zugeschnürt gewesen.

Susanna schilderte ihrem Vater mit großen Worten, wie sie ihr Leben meiner Kraft zu verdanken habe, und dieser ließ es geschehen, daß sie ihren Arm auf den meinigen legte und mit mir einen Gang auf dem Deck machte.

Es war ein wundervoller Morgen, wie gemacht zum Verloben. Im Glanz der hellen Sonne schwammen wir ins Goldene Horn hinein, am Serail vorbei und an den zwischen dunkeln Zypressen hervorschimmernden Palästen der europäischen Großen in den Vorstädten Pera und Galata. In weitem Bogen dehnte sich Stambul mit den unzähligen, hoch in den blauen Himmel hineinstrahlenden Minarets.

Und an meiner Seite ein liebes Wesen, das vielleicht nur ein Wort von mir erwartete, um mir um den Hals zu fallen und mich sein zu nennen. Was fand sie nur an mir? Ich konnte mir ihre Zuneigung gar nicht erklären; ich hatte so gar nichts getan, um sie zu erwerben! Und dabei steckte ich noch in den Kleidern und der Wäsche, mit denen Forrer den abgerissenen Wanderburschen vor der Welt zu einem ansehnlichen Menschen umgewandelt hatte. Was würde Agathe dazu sagen?

Mit einem Schlag stand sie vor meinem Geist, größer und schöner, als ich sie je gesehen hatte. Und da schwoll mir bei ihrem Anblick das Herz: ich wollte die Welt sehen, ein Mann werden, um ihrer würdig zu werden. Das war ein Ziel, das einen Kampf verlangte, und dieses Verlangen war in mir lebendig 162 und wollte gestillt werden. Soweit kannte ich mich. Und dann der Bruder, den ich meinem Beschützer vorgelogen hatte! Ich schämte mich und beschloß, beim Aussteigen meine beiden Mitreisenden zu verlieren. Der Zufall, der überall zur Hand ist, kam mir zu Hilfe.

Als das Schiff am Damm anlegte, hörte ich eine helle Stimme rufen: »Manesse!« und dann in einem fort: »Manesse, Bruder, Manesse!«

Schleunig nahm ich von Forrer und Susanna Abschied, wand mich durch die Menge hindurch, eilte dem Orte zu, woher die Stimme drang, und stürzte einem in die Arme. Es war der Schneider aus Odessa. Der hatte schon zwei Tage auf mich gewartet und nach mir gerufen, weil er wußte, daß ich nachkommen und etwas Geld mitbringen würde. Die teure Seele! Er führte mich in das deutsche Gasthaus zur Stadt Nürnberg, wo ich zur Ruhe kam.

 

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