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Heinrich Manesses Abenteuer und Schicksale

Adolf Vögtlin: Heinrich Manesses Abenteuer und Schicksale - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
booktitleHeinrich Manesses Abenteuer und Schicksale
authorAdolf Vögtlin
year1910
firstpub1910
publisherH. Haessel
addressLeipzig
titleHeinrich Manesses Abenteuer und Schicksale
pages416
created20180126
sendergerd.bouillon@t-online.de
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3. Ausfahrt.

Ich hatte es endlich durchgesetzt, daß man mir einen Vormund gab, der meine Rechte vertreten sollte, und zwar in der Person meines Lehrmeisters. Der erlaubte mir nun auf mein Drängen, sobald ich Geselle geworden wäre, mich auf die Wanderschaft zu begeben.

Endlich flügge!

Es war an einem Osterdienstag früh, als mich meine Pflegemutter mit ihrem Töchterchen Agathe, das bereits der Alltagsschule entwachsen war, vor das »Tor« hinausbegleitete. Der Torbogen verlängerte sich aber zur Vorstadt und als wir jene hinter uns hatten, wollten die beiden immer noch weiter mitkommen. Ich bestand darauf, daß sie umkehrten. Da gab es ein bitteres Weinen. Meine Pflegemutter versah mich mit allerlei guten Ermahnungen und wünschte, daß ich vorerst noch nicht über die Landesgrenzen gehe, damit ich Sonntags etwa nach Hause kommen könne. Sie steckte mir auch einen neuen Taler zu und schenkte mir einen Schirm, den ich auf das wohlausgerüstete Felleisen schnallte; und so war ich denn für die Wanderschaft geschirrt und gesattelt. Indessen pflückte Agathe am grünen 52 Rain goldgelbe Schlüsselblumen und steckte sie mir auf den Hut. Ich sah, daß Tränen daran hingen. Da übernahm es mich auch. Es begann mich im Halse zu würgen. Wie mir die Mutter die Hand mehrmals nahm und drückte und mir versicherte, daß, wenn sich sonst niemand meiner annehme, ich bei ihnen allzeit offene Tür finden werde, wurde ich erst recht meiner Verlassenheit inne, und konnte den Blick nicht mehr vom Boden heben. Und als mich Agathe umhalste und küßte und ich ihre heißen Tränen über meine Wangen rinnen fühlte, da schwammen auch meine Augen im Wasser und ich wäre am liebsten mit den lieben Frauen umgekehrt, wenn es mein Mannesstolz – ich war ja über siebzehn Jahre alt – zugelassen hätte. »Schreib auch!« schluchzte die Mutter. »Und komm bald wieder,« seufzte das Kind.

Da kam mir zur rechten Zeit das Lied in den Sinn, das wir Gesellen am Abend vorher miteinander gesungen hatten: »Freiheit, die ich meine, die mein Herz erfüllt!« wobei freilich jeder etwas anderes unter Freiheit verstand, alle aber sicher eine Art von Ausgelassenheit. Ich riß mich los, schwang den Stock und wanderte. Auf dem nächsten Hügel wandte ich mich nochmals um. Da saßen Mutter und Tochter immer noch unten am Raine und weinten. Ich jauchzte eins. Sie blickten auf und schwenkten ihre Tücher zum Abschied.

Der See lag in blauem Glanz zu meinen Füßen. Von drüben schimmerten wohnliche Häusergruppen und Dörfer herüber. Dünne Nebelschleier, welche die Sonne jeden Augenblick mit einem Hauch aufzehren konnte, schwebten da und dort auf den 53 Wassern. Der obere Teil des Sees mit seinen grünen Inseln, weißen Städtchen und getürmten Schlössern lag märchenhaft in goldigem Duft. Meine Seele wurde froher gestimmt, und eh' ich das nächste Dorf erreicht hatte, sang ich aus voller Brust: »Freiheit, die ich meine!« Es ward mir immer klarer, daß es etwas Großes sei um einen neugebackenen Schustergesellen.

In einem behäbigen Dorfe hielt ich Mittagsrast. Es war in einem währschaftigen Gasthof. Da kam eben ein armer Reisender und bat um Gottes willen um ein Stück Brot, eine Suppe oder dergleichen. Ich sah, wie ermattet er war, und da ich meinen Reichtum für unerschöpflich hielt, lud ich ihn ein, mit mir zu speisen. Ich hatte ja fünf ganze Taler in der Tasche, während der Arme fast ausgehungert war. Als er sich gesättigt hatte, streckte er sich der Länge nach auf die Ofenbank und verfiel in einen tiefen Schlaf. Ich aber hatte eine gewaltige Freude, daß ich schon am ersten Tage meiner Wanderschaft einem Menschen eine Wohltat erwiesen, und trug mein Felleisen, das mir um so leichter vorkam, der schönen Stadt Luzern zu, welche ich am zweiten Tage meiner Wanderung ziemlich ermüdet, bei einbrechender Dunkelheit, erreichte, gleich die Herberge aufsuchend.

Mein erster Schlafkamerad war ein alter, verabschiedeter päpstlicher Soldat. Er war nach einer Wanderung über den Gotthard ermüdet und ohne Nachtessen zu Bett gegangen, und so fand ich denn schon wieder Gelegenheit zu einer eßbaren Wohltat. Dieser Mann wurde darauf sehr gesprächig, erzählte 54 mir viel von dem schönen Land Italien und gab mir, unter Vorstellung von schrecklichen Beispielen, den kostbaren Rat, ja nie Soldat zu werden. Dieser Beruf sei ein glänzendes Elend und mache den Menschen später untauglich zur Arbeit. Junger Soldat, alter Bettler!

Am Morgen kredenzte ich ihm anstatt Kaffees, den er ausschlug, ein Schnäpschen als Dank für seine guten Ratschläge, und dann reiste ich Bern zu.

In jugendlichem Ungestüm schlug ich beim Aufstieg zur Bramegg den kürzeren Weg ein. Dabei kam mein Felleisen in heftige Bewegung, der Riemen platzte, mein neuer Regenschirm fiel zu Boden und barst mitten entzwei. Auf diesen Regenschirm – nicht jeder Handwerksbursche besitzt einen – war ich besonders stolz gewesen; er war für Kenner ein Zeichen, daß der Besitzer sich erst kürzlich von der besorgten Mutter entfernt habe, die nicht will, daß der Liebling argem Wind und Wetter preisgegeben sei. Solange man den Regenschirm hat, wandert man auch in weiter Ferne gewissermaßen noch im Schutz und Schirm der Mutterliebe. Jetzt war er gebrochen. Wie wird der Jüngling seinen Weg unsträflich gehen? In Escholzmatt trank ich abends in einer Wirtschaft einen so trefflichen Kaffee mit Rahm, daß er mich an meine besten Zeiten bei Pestalozzis und Stolls erinnerte. Gerne hätte ich meiner Pflegemutter einen Napf voll als Muster gegönnt.

Ein wilder Biswind brachte über Nacht kalten Aprilregen. Beim Aufbruch am Morgen erwies sich mein Schirm als untauglich. Ich schnallte ihn trotzdem auf mein Felleisen. 55

Nach guter Nachtruhe in Langnau belustigte ich mich am folgenden Tag in Bern beim Bärengraben, dessen Örtlichkeit ich aus den wiederholten Beschreibungen meiner Kollegen vom Dreibein in Münster längst genau kannte. Just führten zwei noch ganz junge Petzlein ihre täppischen und drolligen Manöver unter Aufsicht ihrer Frau Mama aus, und der Gedanke kam mir, wie es sich doch unter den Augen einer besorgten, jede Gefahr vom Liebling abhaltenden Mutter fröhlich spielen lasse, auch wenn es nur eine Bärenmutter sei.

Nachdem ich mich erlabt hatte, ging ich eine Stelle suchen. Gegen Abend nahm mich ein ehrsamer Meister an der Marktgasse als Geselle an. Es war aber unter den Schustergesellen, die schon lange nach Lohnerhöhung geseufzt hatten, ein Streik ausgebrochen, an dem ich als junger Feuerkopf, der so leicht für Sozialismus und überhaupt allen politischen Ismus entbrannte, selbstverständlich teilnahm. Im Gegensatz hierzu wollten die vielen kleinen Gäste in der Schlafkammer von einem Streik zur Nachtzeit nichts wissen; sie quälten mich bis aufs Blut und ich gab die Stelle nach acht Tagen auf, obschon mir der Meister versicherte, ich hätte das Streiken gar nicht nötig, da mir zur echten Künstlerschaft im edlen Fach so ziemlich alles fehle.

Ich trabte mit dreiundvierzig Gesellen zum Murtnertor hinaus, dem Welschland zu. Bei jedem Wegweiser trennten sich einige von uns ab, und als ich in Genf ankam, war ich allein.

Nach vielen Irrgängen wies mich endlich ein Bäckerjunge ins Gasthaus zu den zwei Schweizern, wo ich 56 eine Stube voll deutschredender Handwerker fand und mich bald heimisch fühlte. Der eben folgende Sonntag erleichterte mich in ihrer Gesellschaft um den Rest meines Reisegeldes, so daß ich nun einer Bürde ledig war. An ihre Stelle trat nun die Sorge um das tägliche Brot; allein das Schicksal erlöste mich in der klassischen Person eines Schuhmachers, der fast zugleich mit mir bei einem ihm wohlbekannten Meister vorsprach, um ihn um Überlassung eines jungen Gesellen zu bitten. Ich folgte dessen Ruf und wanderte mit ihm und seiner jungen hübschen Frau, die in einem Wirtshaus auf ihn wartete, nach Annemasse. Unterwegs waren wir, fast überall einkehrend, wo der Gott des Alkohols uns mit dem Finger winkte, so vertraut miteinander geworden, daß wir alle drei Arm in Arm singend und johlend im Städtchen einzogen. Am folgenden Tage stellte es sich heraus, daß mein neuer Meister ein ausgezeichneter Arbeiter war, bei dem ich etwas lernen konnte, zugleich aber auch ein Lump erster Klasse, bei dem ich auch in diesem Fache meine Studien mit Erfolg fortzusetzen Gelegenheit hatte. Also beschloß ich zu bleiben. Ich schrieb meine ersten Abenteuer nach Hause und ersuchte um Zusendung meines Koffers. Dieser kam sofort. Briefe von den Pflegeeltern und von Agathe lagen bei. Berlinger schrieb mir, er habe endlich von meiner leibhaftigen Mutter eine Erklärung erhalten, worin sie zugebe, es zu sein. Somit sei er seiner Verantwortung enthoben.

Das Leben in Annemasse ließ sich amüsant an. Neben seinem eigentlichen Beruf trieb mein Meister, wie viele Leute hier in der Nähe der Landesgrenze, 57 noch den einträglicheren Schmuggel. Am Sonntag wurden jeweilen die gestickten Schuhe gegen bar an die Kunden abgeliefert, so daß Geld in die Kasse floß. Da wurde dann in der Küche gesotten und gebraten, mindestens zwei- bis dreierlei Fleisch, und Tranksame gab es von der bessern Sorte. Am Montag hatten wir ungefähr den gleichen Tisch, am Dienstag die Überreste, Mittwoch etwa eine Wurst und Donnerstag wurde regelmäßig eine große Schüssel Kartoffelsalat hergerichtet, die dann bis zum Sonntag, wo die fette Zeit wieder begann, ausreichen mußte. Der Montagabend fand uns regelmäßig, da wir vom Nachmittag an Blauen machten, fast bis zur Sinnlosigkeit betrunken. Wir schliefen manchmal im Freien, wo es uns gerade niederlegte und keiner von uns beiden wußte dann mehr, wem das Weib angetraut war.

Sieben Monate blieb ich in diesem Hause des Verderbens. Da faßte ich, schon einige Wochen infolge unvernünftiger Lebensweise krank liegend, den Entschluß heimzureisen, besonders da mir der Arzt angeraten hatte, die der Genesung günstige heimatliche Luft aufzusuchen. Der Meister, der mir bis dahin keinen Lohn ausbezahlt hatte, gab sich alle Mühe, das nötige Reisegeld aufzutreiben. Kaum hatte ich den Genfersee hinter und die Waadtländer Berge wieder vor mir, fühlte ich mich gesund, wenn auch noch entkräftet. Zu Hause nahm man mich wie ein noch nicht recht flügge gewordenes Vöglein freundlich auf, und sofort wurde meine Zukunft beraten. Da das fortwährende Sitzen beim Schusterhandwerk meiner Gesundheit nicht bekam, wie ich behauptete, 58 wurde man schlüssig, sich nach einer andern Beschäftigung für mich umzusehen. Auf Grund meiner guten Zeugnisse als Ausläufer und Postknabe verschaffte mir Berlinger eine Stelle als Lehrling in einem größern Kurzwarengeschäft. Meine wirkliche Mutter, gegen die er einen Prozeß angestrengt, aber infolge juristischer Kniffe der Gegenpartei verloren hatte, flüchtete sich nach der moralischen Niederlage, die sie erlitten hatte, nach Bern zu einer dort verheirateten Tochter und kümmerte sich nicht um mich.

Wie froh war ich, dem Dreibein, dem Knieriemen und dem Pechdraht Ade sagen zu dürfen! Und ich nahm mir vor, der Fürsorge meiner Pflegeeltern im neuen Beruf Ehre zu machen. Rasch kam ich vorwärts, vom Ausläufer zum Packer, vom Packer zum Magaziner und von diesem zum Bureaugehilfen. Mein Prinzipal, ein Herr Fischer, war gut, streng aber gerecht; er selber ging mir durch Fleiß, Sparsamkeit und Genauigkeit in der Arbeit als Beispiel voran. Ich atmete ordentlich auf in der neuen Umgebung, in der eine reinere Luft wehte als in der Schusterwerkstätte. Gott hatte sich meiner wieder in Treuen angenommen, und ich gelobte mir im stillen, mich seines Schutzes würdig zu erweisen. Vor allem sollte mein Prinzipal einen treuen Diener an mir haben.

Da war ein Angestellter in unserm Geschäft, der regelmäßig, wenn er von einer Reise heimkam, verschiedene Pakete mit Waren heimlich entfernte, für die er den Betrag wahrscheinlich auf der nächsten Reise einkassierte. Es fiel mir auf, daß er mich ungern im Magazin sah, und mich mehrmals barsch 59 anfuhr. Da fing ich an ihm aufzupassen. Als ich entdeckte, daß er wieder einen Haufen Ware beiseite gelegt hatte, wo sie nicht hingehörte, schrieb ich ein Zettelchen, worin ich bloß auf die Tatsache aufmerksam machte, und spielte es meinem Prinzipal in die Hände, von den andern unbemerkt. Herr Fischer suchte zum Schein etwas in der Nähe der im Verborgenen aufgestapelten Ware und stieß dann darauf. Sofort wurde der Angestellte zur Rede gestellt und entlassen.

Als ich die Wirkung meines Verhaltens sah, war mir die Sache doch nicht recht. Es schien mir, ich hätte den Angestellten zuerst warnen sollen, bevor ich ihn, wenn auch mit Grund, verdächtigte. Allein die freundliche Behandlung und das Vertrauen, das ich von nun an von seiten meines Prinzipals erfuhr, enthoben mich weiteren Bedenken. Nach seiner Ansicht mußte ich ganz richtig vorgegangen sein. Schon ließ er mich in der Stadt und Umgebung bei den Krämern seine Geschäfte besorgen und ihn vertreten. So hatte ich die beste Aussicht, in kurzer Zeit mein eigner Herr zu werden.

Berlinger und seine Frau betrachteten mich schon als ein höheres Wesen, als ich zum erstenmal in meinem Leben in einem Herrenrock – und zwar in einem selbsterworbenen – von gutem Schnitt, auf Sonntagsbesuch kam. Halb im Scherz, halb im Ernst meinte er, es wäre nun an der Zeit, daß er mich siezte. Ich lachte dazu, und sagte bescheiden, ich betrachte mich als ihr Kind, da sie mich als solches behandelt hätten, wofür ich ihnen zeitlebens dankbar sei. Agathe freilich wollte bei einer bestimmten 60 Gelegenheit nichts von einer solchen Geschwisterschaft wissen. Als ich ihr Kämmerchen sehen ging, ließ sie mich nicht eintreten, sondern zeigte es mir nur von der Türschwelle aus, wobei ich allerdings erstaunt war, wie frisch alles aussah, mit welcher Anmut sie die geringen Habseligkeiten eingeräumt und aufgestellt hatte, und es duftete in dem hellen Kämmerlein, wie von rein gemachtem Linnen, welches die Sonne im Freien getrocknet hat.

Sie hatte sich inzwischen entwickelt und war ein kerniges, frisches Jungfräulein geworden, das die Augen niederschlug, wenn ich es anblickte. Auf dem Nachmittagsspaziergang im Bergwald, wo es so schön gewesen wäre, selbzweit im Schatten zu gehen, hielt sie immer darauf, daß wir uns nicht zu weit von den Eltern entfernten. Bei jeder Straßenbiegung stand sie still und wartete auf die Nachkommenden. Gab sie sich in allem natürlich und ungezwungen, so schien es ihr auch natürlich zu sein, daß sie in diesem Punkte sich Zwang auferlegte und der guten Sitte gehorchte. Und ich muß gestehen, daß ihr Benehmen ihr reizend stand. Es freute mich, ja, es beruhigte mich, daß sie etwas auf sich hielt. Wir hatten uns durstig gelaufen. Da sah ich auf einige hundert Schritte Entfernung einen Brunnen am Straßenrand und schlug ihr einen Wettlauf dahin vor. Wer zuerst dort sei, dürfe zuerst trinken. Sie blickte sich nach den Eltern um, und als sie dieselben gewahr wurde, sagte sie rasch: »Eins, zwei, drei!« und war schon auf und davon, ehe ich nur zum Ausgreifen bereit stand. Ich holte sie dennoch ein und überholte sie, war aber doch galant genug, um sie zuerst trinken zu lassen, was ihr 61 nicht übel gefiel, vielleicht darum, weil ich damit selbst eine unsichtbare aber wohl fühlbare Schranke zwischen uns gestellt hatte.

Es war nicht folgerichtig, daß ich sie unmittelbar nachher wieder aufheben wollte. Denn als das schöne Mädchen sich nun zum Brunnen niederbeugte, um von dem kühlenden Wasser zu trinken, und dabei der liebliche Hals unter dem gekräuselten rötlichen Blondhaar frei wurde, drückte ich hinterrücks schnell einen Kuß auf die weiße Stelle.

Rasch erhob sie sich. In ihren Augen blitzte es auf. Und watsch! hatte ich eine saftige Ohrfeige. Ich lachte dazu einen Augenblick, als ich aber ihren zornigen Blick auffing, fühlte ich mich doch gedemütigt und sprach nicht mehr mit ihr. Den ganzen Abend wartete ich darauf, daß sie mir irgendwie Abbitte leisten würde, vergebens. Trotz meinem feinen Herrenrock mit langen Schößen kam ich mir recht kurz und klein vor und wäre an jenem Abend in Bitterkeit von ihr geschieden, hätte sie mir beim Abschied nicht die Hand in alter Herzlichkeit geschüttelt.

Es war nun selbstverständlich, daß ich mich etwas rar machte im Hause meiner Pflegeeltern. Dafür verkehrte ich um so eifriger mit der zutulichen Kellnerin in der an unser Geschäftshaus anstoßenden Wirtschaft. Sie hatte den erlauchten Namen Berta und liebte, ihrem Namen entsprechend, alles Glänzende, besonders neue und alte Silberstücke. Ich brachte ihr bei verschiedenen Anlässen eine schöne Stecknadel, eine Haarnadel, eine Brosche aus unserm Geschäft, wo ich alles bezahlte. Sie schenkte mir 62 dafür ihre Huld und lud mich zu Spazierfahrten ein, bei denen ich natürlich die Kosten allein bestritt. Als ich anfing zu knausern, weil mein Geld auf die Neige ging, reizte sie meine Leidenschaft und weckte meine Eifersucht, indem sie mit einem andern lieb tat. Ich wollte meinen Nebenbuhler unbedingt ausstechen und kaufte ihr einen, wie sie sagte, wundervollen Hut. Dann aber paßten die Kleider nicht mehr dazu. Ich mußte ein Mehreres für sie tun, wenn ich Hahn im Korbe bleiben wollte. Endlich rückte sie mit dem Wunsche heraus, auf Pfingsten ein seidenes Kleid zu besitzen, und gab mir unverhüllt zu verstehen, daß sie auf meine Großherzigkeit rechne. Ich mußte wohl oder übel tiefer in die Tasche greifen, und da es nichts nützte, weil sie leer war, griff ich in der Verzweiflung der Leidenschaft in die Ladenkasse meines Prinzipals, die voll war. Ich hoffte, das Entwendete zurückzuzahlen, bevor der Fehlbetrag entdeckt würde. Allein der Kassensturz kam mir zuvor, mein Verhältnis zu Berta und der daherrührende große Geldverbrauch wurden ruchbar, und Herr Fischer stellte mich zur Rede. Als ich meine Schuld sofort eingestand, zeigte sich mein Prinzipal sehr betrübt. »Nicht nur, weil ich mich in Ihnen getäuscht habe, schmerzt es mich,« sagte er mit wirklichem Bedauern, »sondern weil ich Sie wohl leiden mochte.« Trotzdem war er nicht zu bewegen, mich länger in seinem Geschäft zu behalten. Dagegen gab er mir den Rat, ich solle anderswo meine Jugendsünde gut machen und wenn ich einmal tadelfreie Dienstzeugnisse vorlegen könne, wolle er's mit mir neuerdings versuchen; auf eine gerichtliche Austragung der Sache wolle er verzichten. 63 Es richte sich jeder selbst, sich selber könne keiner entrinnen.

Das sagte er ernst und klopfte mir dabei bedeutsam auf die Schulter; leider war ich damals noch zu unerfahren oder zu leichtfertig, um die Tiefe dieses weisen Wortes zu erfassen.

So stark war das Schamgefühl aber doch noch in mir lebendig, daß ich, ohne von Berta Abschied zu nehmen, beschloß, Münster zu verlassen, von neuem den Flug in die Ferne zu versuchen. Meine Pflegemutter war gekränkt; sie hatte gehofft, daß ich es an dieser Stelle zu etwas bringen würde. Sie begleitete mich diesmal nicht aus der Stadt; auch Agathe nicht; aber dieser teilte ich doch mein nächstes Reiseziel mit, um in meiner Herzensnot nicht ganz allein zu sein. Denn ich war verlassener als je, als ich mit meinem alten Felleisen und dem übrig gebliebenen Werkzeug darin auf dem Rücken dem Rhein zuzog, um aufs neue das Elend zu kosten.

Im Fricktal – es ging gegen Abend – gesellte sich auf der Landstraße ein riesenhafter Mann von ernstem Aussehen zu mir und fragte mich: woher und wohin? Auf meine Auskunft bemerkte er, mich vom Scheitel bis zur Sohle betrachtend: »Ihr seht nicht wie ein Schuster aus.« Da bekannte ich, daß ich die letzten zwei Jahre in einem Handelshaus angestellt gewesen sei. Und wie er nun weitere Fragen stellte, machte der wuchtige Ernst in seiner Stimme und seiner Miene einen solch übermächtigen Eindruck auf mich, daß ich ihm mein Vergehen bloßlegte und erzählte, wie es gekommen sei. Er drang nun in mich, auf diesem bösen Wege von Stund an 64 umzukehren, wenn ich mich nicht noch tiefer ins Verderben stürzen wolle. Zum Zuchthaus und zum Richtplatz führe dieser Weg. Unweit vor dem grauen Torturm des alten Städtchens Rheinfelden stand er still, drückte mir die Hand und nahm mir das Versprechen ab, mir nie mehr ein Vergehen zuschulden kommen zu lassen. Ich gab es ihm. Dann fragte er mich, ob ich wisse, mit wem ich eben gegangen sei. Und auf meine verneinende Antwort fügte er fast tonlos hinzu: »Mit dem Scharfrichter von Rheinfelden!« worauf er verschwand, ich wußte nicht wie, so mächtig war ich erschrocken. Mein Herz erschauderte wie vor einer grauenhaften, unfaßbaren Erscheinung. »Gott! der Henker hat deine Schuld erfaßt!« sagte ich mir. »Du bist ihm verfallen!« Seine furchtbare Gestalt und dieser Gedanke verfolgten mich bis vor die Tore Basels, wo ich mir fest vornahm, hier Arbeit zu suchen und mich redlich zu nähren. Der Herr hatte mich aufgeschreckt aus meinem Sündenschlaf. Das war ein Anklopfen gewesen! Noch lange nachher erzitterte ich, wenn ich an diesen furchtbaren Boten dachte.

Als ich am zweiten Tage meines Aufenthaltes, ohne Arbeit gefunden zu haben, auf die Herberge kam, war ein Brief für mich da. Ich öffnete und fand eine jugendliche Handschrift darin. Als Motto stand oben in der Ecke: »Ein getreues Herze wissen, hat des höchsten Schatzes Preis.« Weiter hieß es, daß man mein Mißgeschick beklage, aber die Hoffnung nicht aufgegeben habe, daß ich meinen Fehler gutmachen werde. Es helfe nichts, in Zerknirschung Buße zu tun, arbeiten müsse man und kämpfen, 65 arbeiten und nicht verzweifeln, sich wehren und stemmen gegen schlechte Einflüsse.

Der Brief war von Agathe. Sie hatte sich offenbar der guten Lehren aus dem Konfirmationsunterricht erinnert. Aber dann kam ein Wort, das mich stutzig machte und mir zu denken gab: »Der Weg aus der Hölle zum Himmel geht durch das Herz des Menschen!«

Und als es dann gegen den Schluß hin lautete, was ich getan habe, sei nichtswürdig, allein es gebe eine Seele, die an meine Rettung glaube, hätte ich aufschreien mögen vor Freude.

Ich sann in jener Nacht darüber nach, wie ich mein besseres Selbst wieder finden könne. Aber wie soll ein schwacher Mensch allein sich schuldlos den Weg bahnen durch die rücksichtslose Schlechtigkeit der vielen hindurch? Wir brauchen immer einen dritten, einen Helfer.

Ich hatte gehört, daß es in Basel viel fromme Leute gebe, die sich der Verstoßenen und Bedrängten in christlicher Liebe annehmen. Ich wollte mir ihre Hilfe verdienen. Da ich als Schuster nicht auf jede Arbeit eingeübt war, auch schon manches vergessen hatte, hielt es schwer, gerade eine passende Stelle zu finden. Zuletzt ging ich zu einem Maurermeister, der mich als Tagelöhner zum Pflastertragen bei einem Neubau anstellte. Montags rückte ich zur Arbeit an. Dienstag fragte ich, welchen Lohn ich bekomme. Da rechnete ich aus, daß der Lohn nicht für die Kost ausreiche, sofern ich einen Morgen- und einen Abendimbiß haben wollte, was bei der schweren Arbeit unumgänglich war. Zu alledem würde ich 66 dabei noch meine guten Kleider zugrunde richten. Zum eigenen Schaden wollte ich doch nicht arbeiten; so sah ich mich denn abends wieder bei einem Schuster nach Arbeit um und erhielt solche zugesprochen. Sofort teilte ich es dem Maurermeister mit und bat ihn um meine Schriften. Doch hatte ich die Rechnung ohne das Gesetz gemacht. Dieses gestattete damals den Arbeitern nicht, ohne Einwilligung des Meisters vor Ablauf der Woche aus dem Dienst zu treten. Tat man es dennoch, so konnte der Meister den Arbeiter ins Gefängnis werfen und aus der Stadt hinausweisen lassen. Der Schuster behielt mich auf mein Bitten trotz Wortlaut des Gesetzes. Der Maurer aber sagte, er gebe mir den Abschied einstweilen nicht, ich solle am Zahltag wiederkommen.

Als ich erschien, schnurrte er mich an, sagte, ich solle nur auf die Polizei gehen, er werde sofort seinen Knecht mit dem Abschied nachsenden, aber nicht verfehlen, zu bemerken, wie ich von der Arbeit weggelaufen sei. Das versetzte mich in Aufregung. Mich ungerechterweise einsperren lassen? Lieber versuchte ich das Äußerste. Und ich vergaß den Scharfrichter.

Wer zuerst kommt, mahlt zuerst, dachte ich, ging in eine Wirtschaft, wo ich den Knecht vorbeigehen sehen konnte, verlangte Tinte, Feder und Papier und schrieb selber einen Abschied, mit dem Namen des Maurermeisters unterzeichnend. Damit eilte ich auf die Polizei, kam dem Knechte zuvor und erhielt zu meiner großen Freude mein Wanderbuch. Schnell holte ich bei dem Schuster meine sieben Sachen, verkaufte meinen Überrock bei einem Grempler, um 67 Reisegeld zu erhalten, und kaufte mir auf dem Badischen Bahnhof eine Fahrkarte.

In Lindau stieß ich zu einem flotten Kleeblatt, mit dem ich München zusteuerte. Wir fanden das bayrische Volk überaus freundlich und menschlich. Auf den Herbergen nahm man uns für das Nachtessen, sofern wir bescheidene Ansprüche machten, kein Geld ab; nur das genossene Bier und die Schlafstätte mußte bezahlt werden. Als wir kein Geld mehr hatten, verfiel der eine, es war ein Schmied, auf ein bequemes Aushilfsmittel. Er hatte herausgetiftelt, daß die Opferstöcke in den Kirchen dieses Landesteils alle nach dem gleichen Modell fabriziert waren. Durch Druck auf eine am Boden angebrachte Feder waren sie leicht zu öffnen. Er bewies uns haarscharf, daß solches Verfahren keine Schlechtigkeit sei, erstens werde keine Gewalt angewendet, sondern nur ein Kunstgriff – wozu wären übrigens die Kunstgriffe nütze, wenn man sie nicht anwende? – und zweitens sei der Inhalt ja für die Armen bestimmt, und die Armen und Ärmsten seien doch sicherlich wir, nicht aber die wohlgenährten Herren Kapuziner und Kapläne, die sonst die Opferstöcke leerten.

Als er es dann aber zu bunt trieb und, nachdem die Kunstgriffe, bei einem neuen Modell in anderer Gegend, nicht mehr Erfolg hatten, mittels eines halben Hufeisens und eines Hammers die Opferstöcke aufzusprengen begann, trennte ich mich nächtlicherweile von diesem Kleeblatt, schlug einen Seitenweg ein und fand bald die harmlosere Gesellschaft eines braven, aber auch blutarmen Schneiders. Mit diesem bestieg ich in München gleich bei der Ankunft 68 das kolossale Bavaria-Standbild; im Lorbeerkranz, welcher ihr Haupt schmückt, sind Fensterscheiben angebracht, durch welche ich mir eine Übersicht über die Anlage der Stadt verschaffte.

Andern Tages hatte ich die Ehre, aus der Ferne den König zu begrüßen. Er trug helle, karierte Hosen, einen langen schwarzen Rock und Zylinderhut. Nachmittags fuhr ich im gleichen Zug, freilich nicht in der gleichen Wagenklasse, mit ihm nach Freising, das mir Österreich erschließen sollte.

Von da wurden wir von Flößern auf ihr Fahrzeug mitgenommen. Sie verpflegten uns gegen das Versprechen, bei Flußkrümmungen an den großen Rudern mitzuarbeiten. Bis Landshut ging alles gut. Bei Tagesgrauen fuhren wir von hier wieder ab. Prächtig stieg die Sonne vor uns am Horizont empor, Fluß und Land mit ihrem Glanz vergoldend. Da kamen wir bei einem Dörfchen an eine hölzerne Brücke, über die eben ein Hirtenmädchen eine Schar Kühe trieb. Der Steuermann schien nun entweder von dem Glanz der Sonne oder der Schönheit des Mädchens so stark getroffen worden zu sein, daß er die Richtung zwischen den beiden Jochen der Brücke nicht einhalten konnte. Ein furchtbarer Stoß – und plumps! lag die gesamte Gesellschaft im Wasser und ein gewaltiger Tannenstamm, ein Stück des Pfeilers, gegen den wir gestoßen, fiel quer über unser Floß. Wir kletterten wieder hinauf und fuhren davon. Noch rief uns das Mädchen nach: »Wie hoaßt der Floßmeister?« Allein die Flößer, die Dankgebete verrichteten, hatten weder Zeit noch Lust, darauf zu antworten. 69

Das war nun der erste wirkliche Schiffbruch, den ich erlitt. Allein ich stand vor einem noch viel schlimmeren, ohne ihn zu ahnen. Das schöne Wander- und Bettelleben hatte mich allmählich der Arbeit entwöhnt, und mit der Einfahrt in die Donau war ich auch schon ins Fahrwasser des Stromers geraten. Donauabwärts – ehrabwärts. Meine Kleidung sah täglich elender aus, und im großen Donaustrudel schwemmte mir das Wasser mein einziges Paar Stiefel vom Floß weg. Es blieb mir nichts anderes übrig, als, ein Prachtkerl von einem Schuster, barfuß in der schönen Kaiserstadt Wien einzuziehen, nachdem unser Floß in Nußdorf angelegt hatte.

Nun war ich da im Innungshause der Schuster unter mindestens fünfhundert Berufsgenossen, völlig abgerissen und obendrein noch ein Grünling, und hätte die Sicherheit meines Auftretens gewiß verloren, wenn nicht der vierte Teil desselben trotz guter Stiefel noch in schlechteren Schuhen gesteckt hätte als ich. Da waren abgefeimte Wiener Kinder, zerlumpte, vom Kopf bis zum Fuß in Fetzen gehüllte, verwahrloste Gesellen, von denen die Polizei fast jede halbe Stunde einen, dessen Aussehen auf einen Verbrechersteckbrief paßte, ins Gefängnis abholte. Ich kam mir denn auch als ein König vor unter den Lumpen, als mich eine ganze Bande unsauberer Gesellen umringte. Meinen Rock wollten sie mir vertauschen gegen eine Bluse mit einem Gulden Draufgeld, meine Tuchhosen gegen Sommerhosen, mein Hemd fanden sie sehr wertvoll, aber überflüssig in dieser Jahreszeit. Als sie aber mein Felleisen der Musterung unterzogen, wurde ich erst recht meines 70 bis dahin verkannten Reichtums inne. Doch wehrte ich mich tüchtig und ließ mich nicht darauf ein, ihn hier flüssig zu machen.

Im Schlafsaal hingen an den Wänden je drei Strohkasten übereinander, zu denen man auf Leitern hinaufstieg. Von Schlaf war nicht die Rede. In der gleichen Straße, dem »Salzgries«, waren in unmittelbarer Nähe noch die Innungshäuser der Schlosser und der Bäcker. So mußte denn am Morgen die Polizei beständig Ordnung schaffen, viele Übernächtler wurden hier abgefangen, ehe sie von neuem flugbereit waren. Und wo ein Aas ist, sammeln sich die Geier. Die ganze Straße bestand aus kleinen schmutzigen Kaufläden, Bier-, Schnaps- und Kaffeeschänken, Pferdefleischläden, Wurstereien, Flickschneidereien und Rasierbuden, wo fetttriefende Händler die Armen noch ärmer machten. Seltsam berührte es mich, daß eines dieser Schmutzgeschäfte hieß »Zum süßen Namen Jesu«.

Hier verkehrten um jene Zeit auch Offiziere und Unteroffiziere, welche für Neapel und den Papst Soldaten anwarben.

Vor diesen Leuten bangte mir nicht wenig nach dem, was mir der Päpstler in Luzern von dem Soldatenelend erzählt hatte.

Ich saß im untern Lokal des Stiegelbräu, als ein Werber auf mich zukam, der ich teilnahmslos dem lauten und wüsten Treiben der Gesellen zuschaute, die sich hier betrunken machen ließen, und mir das lustige Leben der »Neapolitaner« schilderte. Ich blieb fest und schlug sein Anerbieten rundweg ab, obschon ich hungrig war. Da kam ein zweiter auf mich zu und stellte sich mir als engster Landsmann vor. Auch 71 er sei aus Münster. Zum Beweise, wie man in Neapel sein Glück machen könne, zog er eine Handvoll Geldstücke aus der Tasche und sagte, er hätte von dieser Ware eine ganze Kiste voll oben in seinem Zimmer. Er lud mich dahin ein, und ich folgte ihm mit dem besten Vorsatz, die Kapitulation nicht zu unterschreiben. Als der Offizier, Bachmann hieß er, meine Schicksale hörte, zeigte er mir wirkliche Teilnahme, gab mir frische Wäsche, ein paar Hosen und nahm mich mit in die Stadt, um mir ein paar Schuhe zu kaufen. Er möchte mich gerne noch einige Tage bei sich haben, sagte er, da wir beide aus Münster seien und uns viel zu erzählen hätten; es sei ihm selber ein Greuel, längere Zeit mit solchen Menschen zu verkehren, wie ich sie im untern Saal gesehen habe. Auch wenn ich nicht Soldat werden wolle, sei es ihm eine Freude, einen jungen Landsmann zu bewirten. Freilich würde die Freude noch größer sein, wenn ich Lust bekäme, die Waffen zu ergreifen, um dem König bei der Verteidigung seines Landes gegen die Eindringlinge, die unter Garibaldis Führung standen, zu helfen.

Ich führte nun einige Zeit ein Schlaraffenleben, indem der Wirt zum Stiegelbräu Befehl hatte, mir auf Kosten des Werbers alles zu verabreichen, wonach ich Gelüste trug.

An einem Samstag früh, als ich eben ausgehen wollte, waren alle Türen des Gasthofs verschlossen; ich erfuhr, daß der große Omnibus, der vor dem Hause stand, dazu bestimmt sei, einen Transport Angeworbener nach Triest zur Einschiffung zu führen. Da wurde mir doch unheimlich zumute. Also 72 gefangen! Eine unnennbare Angst bemächtigte sich meiner. Schon überlegte ich, wie ich entrinnen könnte. Mein Landsmann, dem ich auf seinem Zimmer Vorwürfe machen wollte, lachte mich aus und versicherte mir, ich sei ja nicht angeworben. Dennoch traute ich der Sache nicht und wollte mich von ihm verabschieden. Bachmann bedauerte es; da ich mich jedoch nicht überreden lassen wollte, noch acht bis vierzehn Tage bei ihm zu bleiben, schenkte er mir noch zehn blanke Gulden Reisegeld.

Das hatte ich nicht erwartet und war ganz beschämt, daß ich meinem guten Landsmann unlautere Absichten zugemutet hatte. Dennoch ging ich.

Kaum war ich drei Dörfer weit gereist, als ich, in einem Gasthof einkehrend und mich der Freundlichkeit des Mannes erinnernd, im Herzen unruhig wurde. Ich hatte ihm Unrecht angetan, ohne mich zu entschuldigen und so zu befreien. Es regte sich etwas wie Charakterstolz in mir. Ich wollte dem Offizier zeigen, daß deutsches Blut in meinen Adern walle, ich wollte mich ihm dankbar erweisen, und zwar dadurch, daß ich nun doch Soldat würde.

Gegen Abend meldete ich mich im Stiegelbräu als Rekrut. Er freute sich sehr und schwor mir Freundschaft. Sobald er wieder in aktiven Dienst trete, werde er mir bei der Beförderung behilflich sein können. Freilich dürfe ich mir keinerlei Fehler zuschulden kommen lassen; es sei nun an der Zeit, endlich aus den jugendlichen Verirrungen herauszukommen. Gerade der pünktliche Soldatendienst werde für mich eine ausgezeichnete Schule sein. Er hielt mir eine Predigt, die mich mehr rührte, als was ich bis dahin 73 in der Kirche gehört hatte; denn ich fühlte, daß sie aus gutem Herzen kam. Und da er selber in seiner Jugend sich mehrfach vergangen hatte und ich jetzt sah, wie er eine vertrauensvolle Stelle inne hatte und überall geachtet war, schöpfte ich aus seiner Rede die Hoffnung, doch noch ein Mensch und ein Mann werden zu können.

Ich solle zunächst nur bescheidene Vorsätze fassen und diese in Tat umsetzen. Es gelte, mich dem Einfluß von Leuten vom Charakter meiner bisherigen Spießgesellen dauernd zu entziehen.

Es gebe auch unter den »Neapolitanern« eine Anzahl braver und hochgesinnter Menschen, denen ich mich anschließen könne, sobald sie sehen, daß ich an den Gelagen und Ausschweifungen der Bestien, deren es allerdings im Korps zur Übergenüge gebe, nicht teilnehme. Ich solle des Scharfrichters von Rheinfelden eingedenk bleiben und die Tränen der Tochter meiner Pflegemutter nicht vergessen. Diesen selbst solle ich meinen Entschluß mitteilen. Dann legte er mir das Wanderbuch in die Hand und forderte mich auf, mich selber nochmals zu prüfen, ob ich lieber nach der Heimat als nach Neapel gehe; auch Reisegeld schenkte er mir und erklärte mich frei. Ich wußte, daß ich eine strenge Schule nötig hatte und wollte nun diejenige des Soldatenlebens auf mich nehmen. Zudem hatte ich bereits geschworen, dem König Franz II. vier Jahre treu zu dienen. So wies ich denn die Versuchung von mir: »Ich halte Wort und gehe nach Neapel.«

Ich schied von dem wohlwollenden Offizier mit Tränen in den Augen wie ein Sohn von seinem Vater. 74

 

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