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Heinrich Manesses Abenteuer und Schicksale

Adolf Vögtlin: Heinrich Manesses Abenteuer und Schicksale - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
booktitleHeinrich Manesses Abenteuer und Schicksale
authorAdolf Vögtlin
year1910
firstpub1910
publisherH. Haessel
addressLeipzig
titleHeinrich Manesses Abenteuer und Schicksale
pages416
created20180126
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Dieser Erzählung liegen ausführliche Tagebücher ihres Helden zugrunde. Sie schienen mir in ihren Einzelheiten menschlich so bedeutsam zu sein, daß ich mir vornahm, mehr nur umzuschreiben, ordnend auszuscheiden und zusammenzuziehen, als zu verarbeiten und umzugestalten, dankbar dem freundlichen Geschick das sie mir in die Hände gespielt hat, und aus verehrender Rücksicht auf den vielduldenden, aber endlich siegreichen Odysseus, der jene Bücher nicht nur aufgezeichnet, sondern gelebt hat.

 

Auch noch aus der Hölle Tiefen
Führt ein Weg zurück zum Reinen.
                                HEBBEL

 

Die stärksten Seelen gehn am längsten fehl.
                                                SPITTELER

 

1. Der Tod des Zaren.

Es war in Petersburg, am dreizehnten März des Jahres 1881, nachmittags drei Uhr. Der Zar Alexander II. hatte eben die Truppenschau abgenommen und wollte im Schlitten, von sechs reitenden Kosaken begleitet, nach dem Winterpalast zurückfahren. Unter hellem Schellengeklingel flog das goldstrahlende Gefährt auf schneebedeckter Bahn dem Katharina-Kanal entlang. Da, wenige hundert Schritte nach der Einfahrt in die Straße, ertönte eine furchtbare Explosion; eine Bombe war unter den Schlitten geworfen worden. Sie zertrümmerte an diesem jedoch bloß den Fußboden und die Fensterscheiben, dagegen riß sie einen Kosaken in Stücke, verletzte einen harmlos dastehenden Bäckerjungen und beschädigte den ersten Gefolgschlitten. Der Zar ließ sofort anhalten, um sich nach den Getroffenen sowie nach dem Anschläger zu erkundigen. Er selber war am Fuße leicht verwundet und hinkte. Die herbeieilende Menge umdrängte ihn so, daß er von seinem Adjutanten nur mit Mühe befreit werden konnte. Eben wollte er einen andern Schlitten besteigen, zu welchem Zwecke er sich auf den Fußsteig begab. Da stand ein Mann, dicht an das Kanalgitter gelehnt, die Arme gekreuzt, aber mit den Händen einen Gegenstand haltend, und wich nicht von seinem Platze, so daß der Zar ihn im Vorbeigehen beinahe streifen mußte. In diesem Augenblicke schlug eine Bombe dicht vor des Zaren Füßen auf den Boden auf. Ein furchtbarer Krach! Ein trüber Schneewirbel! Staub und Trümmer: Der Zar brach zusammen und mit ihm ein Dutzend Begleiter und 7 Umstehende. Beide Beine waren ihm zerschmettert. Auf dem Wege zu einem von meinen Schülern begriffen, ward ich Augenzeuge.

Die Menge stand entsetzt und wußte nicht was tun.

»Zu Hilfe! . . . Nehmt ihn fest, den Mörder! Dort nach den Anlagen ist er entwichen!« rief ich. Man eilte dem Mörder nach. Auf der Straße lag ein Haufe verwundeter, stöhnender Menschen; der Schnee war blutbespritzt; zerrissene Uniformen, Trümmerstücke von Schlitten, blutende Gliedmaßen waren in weitem Kreise zerstreut.

Ich brachte dem Zar die erste Hilfe, indem ich ihm die Oberschenkel, oberhalb der Stelle, wo die Bombe sie entzweigerissen hatte, verband und schnürte. »Dank!« hauchte der Schwerverletzte. »Schnell . . . bringt mich heim! . . . dort . . . sterben!«

Eben brach sich der Großfürst Michael Bahn; er sah mich bei der Arbeit und befahl mir, mich in den Schlitten zu setzen, der den Zar heimbrachte.

Dort wurde ich zurückgehalten, bis dem Herrscher ärztliche Hilfe zuteil geworden war, die sich indessen bald als nutzlos erwies. Dann holte man mich, nachdem ich Name, Stand und Herkunft angegeben, auf das Audienzzimmer der Zariza ab.

Sie ließ sich von mir den Hergang des Attentates schildern, mich häufig mit tränenvollen Fragen unterbrechend. Sie dankte mir so herzlich, als wäre ich ihresgleichen, und ließ mir eine schwere goldgespickte Schatulle überreichen. Allein ich wies das Geschenk ruhig zurück.

Schnell besonnen, zog sie sich einen Diamantring von ihrem Finger und übergab mir denselben mit 8 den Worten: »So nehmen Sie diesen Ring als ein Zeichen meiner unbeschränkten Dankbarkeit. Hat Heinrich Manesse je im Leben eine Bitte an mich: dieser Ring wird mich an meine Pflicht erinnern.«

Sie sprach das mit solcher Rührung, mit so weicher Stimme, daß ich, der ich sonst den Nacken steif trug, davon ergriffen, mich tief verbeugte und die mit der unwiderstehlichen russischen Liebenswürdigkeit dargebotene Hand der Zarin mit Inbrunst küßte.

Als ich, von einem Offizier der kaiserlichen Leibwache begleitet und beschützt, in die Kanalstraße kam, wo die Anschläge stattgefunden hatten, stand da eine Menschenmenge Kopf an Kopf. Man drängte, stieß und trat sich, um in die Nähe der blutigen Stätte zu gelangen. Wenn einer ein Stückchen Tuch, oder Holz oder Stein hatte finden und küssen oder zu sich stecken können, pries er sich glücklich und eilte damit nach Hause. Die Menge schrie, weinte, tobte. Auf einmal war's, als ob eine neue Bombe unter sie gefahren wäre. Der Ruf »Tam Kosak!« erscholl. In gestrecktem Galopp, Knotenpeitschen schwingend, kam eine Schwadron Kosaken die Kanalstraße dahergebraust. Alles, was von gewöhnlichen bürgerlichen Beinen getragen wurde, stob auseinander; wer zu langsam war, den ritten die Kosaken erbarmungslos zu Boden. Alle Straßen wurden im Nu gesäubert. Alles, was Obdach hatte, zog sich dahin zurück, wonach die Häuser auf die Mordanstifter abgesucht werden konnten. Das war ein Hauptspaß für die Kosaken, welche als eine Art Treibjäger für die Polizei das Wild mit tierischer Roheit zu Paaren trieben. So wurde denn besonders in den Quartieren 9 der Armen übel gehaust. Wehrlose Kinder und Frauen, welche gewünschte Auskunft über den Aufenthalt von gesuchten Nihilisten nicht geben konnten oder wollten, wurden auf die Höfe in den Schnee hinausgetrieben, mit Füßen getreten, zu Angaben und Bekenntnissen, die keine waren, mit Gewalt genötigt und halbtot liegen gelassen.

Es war empfindlich kalt, als wir beide durch dunkelnde Straßen und Gassen ans Hoftor des großen Gebäudes gelangten, wo ich meine Wohnung hatte, und der Offizier mich verließ.

Hier war es so still, als hätten sich alle Bewohner in den Keller geflüchtet. Da, als ich eben die Haustüre öffnete, hörte ich ein klägliches Stöhnen aus einem Hofwinkel her. Ich ging der Stimme nach und stieß auf einen menschlichen Körper, der im Schnee ausgestreckt lag. Ich betastete ihn und fühlte, daß Leben in ihm war. Ein Weib richtete sich, aus tiefer Ohnmacht erwachend, zu halber Höhe vom Boden auf. Ich reichte ihr die Hand und zog sie empor. Sie konnte stehen.

»Wo wohnen Sie?« fragte ich das Weib auf russisch. »Ich will Sie nach Hause bringen.«

»Um Gottes willen, nein! Ich wäre verloren,« sagte sie, vor Schreck zitternd. Sie erzählte mir unter Schaudern, daß sie in einem Nihilistenhaus gewohnt habe, aber entflohen sei, als die Kosaken eindrangen. Einer habe sie dann verfolgt und sie mit der Knotenpeitsche geschlagen, bis sie zusammengebrochen sei. Wie sie in diesen Hof gekommen, sei ihr nicht bewußt. Ihre Stimme klang weich an mein Ohr und drang mir ins Herz wie ein Lied aus der 10 Jugendzeit, das ich seit langen, langen Jahren nicht mehr gehört hatte.

»Kommen Sie mit mir auf mein Zimmer . . . Ich halte Sie verborgen, bis wir irgendwo den Weg zur Rettung finden.«

»Ich folge Ihnen,« hauchte sie.

Ich geleitete sie, ihr den Arm gebend, leise die Treppen hinauf, öffnete eine Tür und schob sie hinein. »Wir wollen einstweilen kein Licht anzünden! Von Ihnen selber darf man nichts hören, nichts wissen; auch wenn Sie ganz unschuldig sind, würde Ihre Flucht Ihnen unter allen Umständen Gefängnis zuziehen, vielleicht sogar Verbannung nach Sibirien. Die Polizei ist hier allmächtig und das Gericht eine Komödie.«

Ohne Widerstand ließ sie sich von mir zu einem Stuhle führen, wo sie erschöpft niedersank. Wie ich merkte, daß sie den Halt verlor, faßte ich sie unterm Arm, trug sie auf mein Bett hinüber und hieß sie es sich leichter machen.

Im Schein des Schneelichtes, das von außen matt durchs Fenster hereindrang, machte ich mir allerlei zu schaffen. Ich stellte auf dem Tisch den Samowar zurecht, entzündete ihn, die Flamme summte, und das Wasser fing an zu singen und dann zu brodeln.

»Es ist ein heimeliges Geräusch!« sagte sie nach einer Weile.

»Ja,« antwortete ich, »dieses und der Ofen machen die Poesie meiner Junggesellenstube aus . . . Aber daß Sie wieder reden mögen, das freut mich. Die Stimme des Menschen macht doch die trauteste Musik.« 11

»Es wird mir besser. Mir ist; ich lebe wieder!« Und sie atmete tief. Von einem Büchergestell holte ich ein Kännchen und zwei Täßchen herunter, rieb sie mit dem Tuche aus und stellte die Zuckerbüchse auf. Sie folgte meinen Bewegungen mit halbgeöffneten Augen.

Als ich ihr eine Tasse Tee anbot, trank sie sofort begierig in langen Zügen und dankte: »O, wie gut! . . . O, wie schauerlich süß ist das Leben, wenn man es, nachdem es uns halb entfloh, wieder in warmer Flut in das Herz zurückkehren fühlt!«

Sie erhob sich wie gestärkt und trank nochmals.

Dann aber sank sie in die Kissen zurück, als hätte der Tod ihre Kräfte gelähmt. Ich lauschte ängstlich; aber ich beruhigte mich bald, als ich sie in gleichmäßig tiefen Zügen atmen hörte. Ich zog den Bettvorhang und überließ sie der Erquickung des Schlafes. Es war ein ungewohntes Beben in meiner Brust; das seltsame Abenteuer begann in meinem Herzen erst jetzt seine Wellen zu werfen, nachdem die Besorgnis um das Leben der Unglücklichen aufgehört hatte.

Doch beherrschte ich mich.

Ich holte Bücher von einem Schaft herunter und versenkte mich beim Kerzenlichte darein. Morgen mußte ich wieder an mein gewohntes Tagewerk. Ich erteilte Unterricht in allerlei Sprachen und wanderte von Haus zu Haus, von Familie zu Familie. Diese Arbeit, die vom Morgen bis zum Abend dauerte, mußte gehörig vorbereitet und pünktlich besorgt sein, wenn ich meine Schüler fördern und sie nicht verlieren wollte. Daß ich sie vorwärts brachte, war nicht nur die erste Bedingung, um auf die Dauer das 12 tägliche Brot zu verdienen, sondern auch mein Ehrgeiz und mein Bedürfnis nach erfolgreicher Tätigkeit verlangten es. Die Erfüllung der nächsten Pflicht hatte mir seit Jahren die nötige innere Ruhe gegeben und bewahrte mir auch jetzt die Freiheit zu denken und zu handeln.

Bis ich meinen Lehrstoff zusammengestellt und meinen Arbeitsplan für den folgenden Tag überlegt hatte, war es schon tiefe Nacht und ich rechtschaffen müde geworden. Erst als ich mich zu Bett legen wollte, wurde mir das Außergewöhnliche meiner Lage wieder bewußt. In gewohnheitsmäßiger Gedankenlosigkeit hatte ich mich entkleidet und schon den Vorhang zurückgeschlagen, um mein Bett zu besteigen, als ich das fremde Wesen daliegen sah, in voller Ruhe und mit den weichen Formen eines gesunden, kräftigen Weibes von einigen dreißig Jahren. Die Züge ihres Antlitzes waren bestimmt und verrieten jene Festigkeit, welche das Schicksal und eine mit tieferem Innenleben verbundene Willensübung den Menschen in diesen Jahren verleiht, aber rein waren sie, klar und leidenschaftslos wie die eines Kindes. Mir war's, als hätte ich dieses Antlitz schon einmal im Leben gesehen; allein mein Gedächtnis war von der Trübe des Tagesereignisses wie verschleiert. Ich zog den Vorhang wieder zu; ich durfte den Schlaf der Unglücklichen nicht brechen. Rasch machte ich mir auf einem Teppich aus alten Mänteln, einigen Bettstücken und Sofakissen ein Lager zurecht; dann legte ich mich nieder und fühlte bald, wie die körperliche und geistige Ermüdung mich mit viel weicheren Decken zudeckte, als es an meinem eigenen Bette gab. 13

Wie ich am Morgen erwachte – der Mond schien mir mit vollem Glanz in die Augen – schlief sie noch. Still besorgte ich mein Frühstück und hinterließ ihr auf einem Zettel geschrieben, wie sie sich zu benehmen habe bis zu meiner Wiederkunft; namentlich bat ich sie, den inneren Türriegel zu stoßen, nur auf den Ruf Heinrich das Zimmer zu öffnen und sich mit dem bescheidenen Eßvorrat einstweilen zu begnügen.

Als ich am Abend heimkehrte, schlug mir statt muffiger Kälte der ungewohnte Duft warmer Reinlichkeit aus der Zimmertür entgegen und versetzte mich in jene behagliche Stimmung, die sich unser bemächtigt, wenn wir aus Frost und Nässe von der Straße in eine geheizte Wohnung treten. Die Lampe brannte hinter einem Schirm und verbreitete den Dämmerschein eines »ewigen Lichtes«. Der Samowar summte vergnüglich, die Vorhänge waren geschlossen. Der Geist trauter Heimlichkeit empfing mich.

Während ich die mitgebrachten Eßwaren auf dem Tisch ausbreitete und mich umsah, kam dieses Gefühl über mich. Ich eilte auf meine Zimmergenossin zu, drückte ihr bewegt die Hand und rief: »Wie hübsch und neu und doch traut ist hier alles geworden; ein Mensch, ein Geist wohnt in dieser Ordnung.«

»O, ich habe hier nur meine Alltagsarbeit verrichtet; statt für mich tat ich es für Sie,« entgegnete sie bescheiden. »Was ich Ihnen zu verdanken habe, kann ich ja nicht ausdrücken« . . . Die Tränen schossen ihr in die Augen und sie konnte nicht weitersprechen.

Nachdem sie ruhiger geworden, setzten wir uns zu Tisch. Die Freundschaft gesellte sich zu uns und 14 bediente uns; so schien es uns, denn wir wurden uns der gegenseitigen kleinen Handreichungen nicht bewußt, da alles sich wie von selbst machte und keines das andere aufzufordern brauchte. So war auch das Gespräch, das wir der Vorsicht halber im Flüsterton führten, für beide eine stille Wonne. Es erstreckte sich über diese und jene Frage. Wie man den Tag zugebracht, ob nichts Besonderes in der Stadt sich zugetragen habe und endlich, was man zu unternehmen gedenke. Sie wollte mich in dieser Nacht noch verlassen, um irgendwo in einem Gasthof Unterkunft zu suchen; allein ich redete ihr diese Absicht als gefährlich aus, da sie ohne persönliche Ausweise sicher der Polizei ausgeliefert würde. Dagegen versprach ich ihr, am folgenden Morgen in ihrem Wohnhaus vorzusprechen und Erkundigungen einzuziehen, worauf dann die Möglichkeit einer Rückkehr erwogen werden sollte. Damit gab sie sich zufrieden.

Während dieser Erörterungen waren wir einander in schönem Vertrauen näher gerückt und ich erfuhr, daß mein Gast Agathe heiße. Da ward mir so schwach ums Herz, daß ich mich am Tischrand halten mußte.

»Agathe?« rief ich. »Agathe Berlinger?«

Wir erhoben uns zugleich und stürzten einander in die Arme und schluchzten.

Von diesem Augenblick an kam kein russischer Laut mehr über unsere Lippen.

»O, du Stern meiner Jugend! Weißt du, wie lang ich durch die dunkle Nacht gegangen bin? . . . Zwanzig Jahre, zwanzig lange Jahre, ein halbes Leben ohne Licht!« 15

»Ja,« sagte sie mit sanfter Wehmut, »du mußtest lange in der Irre gehn, um dich selber zu finden . . . Aber ist es nicht natürlich, daß gerade die Stärksten die längste Zeit brauchen, um die angeborne wilde Kraft in freie Gesittung zu verwandeln? Das ist Schicksal!«

»Und wir wollen ihm nicht fluchen,« sagte ich, vom Glück des Augenblicks erfüllt. »Es schickte dich doch endlich zu mir. Es zeigte dir den Weg zu dem, in dessen Herz dir eine Heimstatt bereitet war je und je, auch wenn er es vergaß, vergessen mußte. Und du kamst wie ein verwundetes Reh und suchtest ein Lager, um zu sterben. Und siehe da, du lebst und ich herze dich und küsse dich wie meine Schwester.«

Wir feierten das seltsame Wiederfinden. Wie ahnungslose Kinder vergaßen wir die Gefahr, in welcher Agathe schwebte und mit ihr ich selbst, da ich, wenn man sie bei mir entdeckte, ohne weiteres als Verschwörer verhaftet und abgeurteilt werden konnte. Mit einem Zauberschlag standen die Stunden der Jugendzeit vor unsrer Seele, und was wir miteinander erlebt und erträumt hatten, verband uns noch inniger als die Gefahr. Je länger wir miteinander redeten, je mehr kamen wir zu der trostvollen Überzeugung, daß weder ein grausamer Zufall uns getrennt, noch ein wunderbares Ereignis uns zusammengeführt hatte, daß wir vielmehr beides unsrem eigenen Wesen und Willen verdanken mußten.

Es war spät, als wir einander »Gute Nacht« sagten. Agathe wollte durchaus, daß ich mich ins Bett lege, während sie mein Lager beziehe. Das gab ich aber nicht zu; ich würde es leicht einige Tage auf dem 16 Boden aushalten, sie jedoch bedürfe der wirklichen Ruhe und Erholung.

Und um dem freundschaftlichen Gezänk ein Ende zu machen, löschte ich das Licht aus, worauf sie gehorchte.

Nach einiger Zeit aber begann es mich zu frieren, daß der Frost mich schüttelte und mir die Zähne klapperten.

Sofort kleidete sie sich an, machte Licht und forderte mich auf, ins Bett zu gehen, während sie einen heißen Tee bereitete.

Allein mit dem Wechseln des Lagers war ich nicht einverstanden. Es würde ihr gerade so gehen wie mir, da aus den untern ungeheizten Räumen beständig Kälte durch den Fußboden heraufdringe. »Du wirst ja krank!« sagte sie betrübt. »Es gibt nur einen Ausweg,« fügte sie ernst und bestimmt hinzu und faßte mich dabei fest ins Auge. Ich hielt den ernsten Blick aus und sah sie forschend an. »Darf ich?« fragte ich endlich.

Und sie entgegnete: »Ja, du darfst . . . Und hörst du, ich nehme dir kein Versprechen ab!«

»Ich liebe dich, Agathe, aber ich achte dich mehr als mich.«

»Gut denn, so komm!«

Ich trank aus ihrer Hand den heißen Tee. Die mich durchströmende Wärme konnte mich nicht mit größerem Wohlbehagen erfüllen als der süße Beweis ihres Vertrauens, dessen ich würdig bleiben wollte. Ich legte mich hin, machte mich knapp im Bettraum und ließ mich von ihr sorgfältig zudecken. Dann streckte sie sich neben mir aus, ohne daß ihr Körper 17 mich berührte. Nur an der wohligen Wärme, die er ausstrahlte, fühlte ich ihre Nähe. Zwischen uns lag kein blankes Schwert, wohl aber eine hohe Schranke. Die Ehrfurcht vor dem gegenseitigen Schicksal und die Hoffnung auf ein zukünftiges Leben in Reinheit und Güte errichteten sie im stillen. Unsichtbar wie sie war, blieb sie auch unübersteiglich.

Es dämmerte. Grau schien der Morgen zum Fenster herein, als ich durch das Summen des Samowars geweckt wurde. Agathe stand am Tisch und waltete ihres häuslichen Amtes. Sowie sie merkte, daß ich mich rührte, kam sie herbei und zog den Vorhang.

»Guten Tag, Agathe!« rief ich.

»Guten Tag! Und wie geht es dir?« gab sie munter zurück.

»Mir ist wohl, weißt du, wie wohl? . . . Ich irrte vierzig Jahre in einem wüsten Traum geschwister- und elternlos in der Welt umher, und diese Nacht gab mir eine Schwester und eine Mutter; eine Schwester, die mich liebt und sich mir opfert, eine Mutter, die mich streichelt und beschützt . . . Nun weißt du, wie wohl mir ist, denn du hattest beides.«

Sie fand keine Worte. Sie mußte sich die Brust mit beiden Händen halten, so ungestüm pochte das Herz darin vor wehmütiger Freude. Denn daß auch sie zu lange entbehrt, was diese schicksalsvollen Tage ihr endlich gebracht hatten, das empfand sie schmerzlich; daß aber endlich ein warmer Strahl des Glückes ihr erkaltendes Herz getroffen hatte, sollte sie dafür nicht dankbar sein? Sie schluchzte tief auf.

»Nun weinst du!« sprach ich, »und ich bin so 18 glücklich!« Ich wollte sie beruhigen. Allein das liebe Bekenntnis erschütterte ihr Herz.

Da ging ich zu ihr und zog sie an mich und strich ihr mit der Hand über die Fülle des weichen Haares. Dann führte ich sie zu einem Sessel und nahm neben ihr Platz, ihre Hände ergreifend. Da machte sie die ihren los und umschlang mich mit beiden Armen, riß mich an sich, stieß mich von sich, um ihr Glück immer wieder von neuem zu umarmen.

Da wußte ich, warum sie weinte, und ließ sie gewähren, bis die Wogen der Aufregung sich von selber glätteten.

Die Stunde des Abschieds kam. Wir trennten uns voll froher Zuversicht. Am Abend hoffte ich meiner Geliebten gute Nachrichten zu bringen.

Als ich wiederkam, welch ein Erschrecken! Die Tür zu meinem Zimmer war erbrochen und dieses durchwühlt und durchstöbert; wie in einer Weinstube nach einer Rauferei alles durcheinander geworfen. Die Hauswirtin erzählte mir, daß die Polizei dagewesen sei und das Frauenzimmer, das sich als Nihilistin verdächtig gemacht, mitgenommen habe.

Die lange Nacht schloß ich kein Auge. Bange Besorgnis quälte mich. Was war aus Agathe geworden? Würde ich selber nicht in Mitleidenschaft gezogen werden; würde man nicht auch mich verdächtigen? Wer nahm sich dann ihrer an?

Die grausame Fügung, welche mich die Wiedergefundene so jäh verlieren ließ, nahm ich hin wie die andern, welche mir das Leben beschert hatte. Ich durfte einen Augenblick am goldenen Becher des Glückes nippen, da schlug mir das Schicksal diesen 19 aus der Hand. Bah! das war ich gewohnt. Aber die Sorge um die Sicherheit der Geliebten wie um meine eigene fiel um so kälter auf mein Gemüt, als durch eben jenen einzigen Augenblick die Freude am Dasein in mir heiß geworden und mein Herz erfüllt war von der Hoffnung auf eine schöne Zukunft, welche mich für die Bitternis der Vergangenheit entschädigen würde.

Allein dies hatte ich in der Schule des Lebens gelernt, daß langwieriges Bangen und Harren, Zweifeln und Überlegen die seelischen Kräfte des Menschen lähmt und aufzehrt, während eine entschlossene Handlung, auch wenn sie verkehrt angefaßt wird, sie anspannt und stärkt und uns deshalb bei gutem Mut erhält, wie jede mäßige Tätigkeit dem Körper Halt verleiht. Also was tun, was unternehmen? Jedenfalls galt es, zunächst die eigene Haut außer Bereich der polizeilichen Knute zu bringen. Vor Tagesanbruch stand ich auf und erfrischte meinen Leib, der sich auf dem Lager glühend heiß gewälzt hatte, durch einen Guß kalten Wassers. Als ich, am Waschtisch stehend, den Ring der Zariza vom Finger zog, kam mir ein Einfall. Die erste freie Stunde am Vormittag wollte ich zu einem Besuche im Winterpalast benützen.

Was ich bis dahin trieb, was ich mit meinen Schülern in den Stunden behandelt, blieb mir unbewußt; nur der Gedanke glühte in mir: leben will ich, um sie zu retten.

Auf die Hauptwache geführt, verlangte ich dem Gardeoffizier vorgestellt zu werden, der mich nach Hause begleitet hatte. Dieser war aber durch einen andern abgelöst worden. Da wies ich den 20 Diamantring mit dem kaiserlichen Abzeichen vor, worauf der Offizier Beine bekam und eine Ordonnanz zur Zarin schickte. Augenblicklich erfolgte der Befehl, daß der Bittsteller zur Audienz bei der hohen Frau sofort zuzulassen sei.

Sogleich ließ sie durch einen Minister dem Polizeihauptmann einen Befehl erteilen, der mich vor jeder Belästigung sicherstellte. Meine Hauptbitte aber, daß meine vollkommen unschuldige Geliebte befreit würde, da ihr ganzes Verbrechen darin bestand, daß sie ohne ihr Wissen in einem Nihilistenhause gewohnt hatte, konnte die Zariza nicht erfüllen. Dazu reichte ihre Macht nicht aus; dagegen versprach sie, veranlassen zu wollen, daß Agathe in ein Gefängnis erster Klasse übergeführt und wohl verpflegt werde. Endlich bürgte sie mir dafür, daß Agathe gewissenhaft verhört und, wenn unschuldig befunden, entlassen und entschädigt werden sollte.

»Im andern Falle,« gelobte ich, »werde ich mit ihr in die Verbannung ziehen, denn ich weiß, daß sie unschuldig ist, und daß mein Leben ohne sie wertlos wäre. Meine Seele ist seit Jahrzehnten auf ihren Besitz gerichtet, wie die Magnetnadel nach allen Erschütterungen immer wieder nach Norden zeigt. Ein freundliches Geschick hat uns nach unseligen Irrfahrten zusammengeführt, ein grausames will uns trennen. Ich habe nichts zu verlieren, ich kann nur gewinnen, indem ich mit ihr sterbe.«

»Möge Gott durch meine Hand verhüten, daß Ihnen eine Enttäuschung bereitet werde,« sagte die Zariza teilnehmend.

»Es wäre die letzte!« entgegnete ich. 21

»Gehen Sie mit Gott!« rief sie, die Tränen kaum bemeisternd; »ich werde alles tun, um Ihnen neues Leid zu ersparen. Die Sorge für Ihre Zukunft soll eine meiner liebsten Sorgen sein.«

Beim Abschied ließ sie mir einen Paß einhändigen, der mir erlaubte, Agathe täglich einmal im Gefängnis zu besuchen. Wir beschlossen auf Agathes Vorschlag, uns vom Gefängnispriester trauen zu lassen, um einander für alle Fälle zu jeder Zeit angehören zu dürfen. Endlich vereint, würden wir auch das tiefste Unglück, die Verbannung nach der eisigen Einöde Sibiriens oder den Tod, noch als eine Gnade des Himmels empfinden. Ich machte jedoch die eine Einwendung, daß ich nur dann mit freier Seele in die Ehe treten könne, wenn sie die ganze Furchtbarkeit meines Vorlebens kennen gelernt habe und genau wisse, mit wem sie sich auf Zeit und Ewigkeit verbinde. Trotz ihrer Beteuerung, daß sie mich nunmehr kenne und mir ganz vertraue, beschwor ich sie, mir meine Bekenntnisse abzunehmen und dann erst sich zu entscheiden. »Denn,« sprach ich auf sie ein, »solltest du die Meinung haben, daß der Mensch immer das sei, was er gewesen, daß er die anerzogene Schlechtigkeit niemals überwinden könne, sondern unfehlbar bei Gelegenheit in Schuld und Verbrechen zurückfallen müsse, dann würde dir die Ruhe des Vertrauens jederzeit geraubt werden und kein Segen in unserer Ehe sein.«

»Gut!« jubelte sie, »und dann wollen wir einander ohne Rückhalt angehören und die Seele des einen soll dem andern so durchsichtig sein wie Luft des Himmels.« 22

Wir vergaßen, wo wir waren; der Kerker dehnte sich vor unserm Geiste, da dieser wieder Schwungkraft erhalten hatte und seine Flügel heben durfte zum Flug in den unendlich scheinenden Raum der Zukunft. Nomaden, wie wir beide waren, erschien uns alles, was hinter uns lag, als eine kahle Steppe, und vor uns lag grünes, herrliches Weideland, wo es gut war, sein Zelt aufzuschlagen.

»Hoffen wir, schaffen wir!« rief ich beglückt, als ich die Geliebte zum Abschied umarmte. »Das Paradies liegt in der Zukunft!«

Tag um Tag brachte ich ihr einen Bruchteil meiner Bekenntnisse zum Lesen ins Gefängnis. Hier sind die Stücke schlicht und ohne Zutat aneinandergefügt.

 

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