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Heinrich Manesses Abenteuer und Schicksale

Adolf Vögtlin: Heinrich Manesses Abenteuer und Schicksale - Kapitel 18
Quellenangabe
typefiction
booktitleHeinrich Manesses Abenteuer und Schicksale
authorAdolf Vögtlin
year1910
firstpub1910
publisherH. Haessel
addressLeipzig
titleHeinrich Manesses Abenteuer und Schicksale
pages416
created20180126
sendergerd.bouillon@t-online.de
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17. Herr über Narren.

Wieder in der alten Heimat! Aber ich kam mir verlassener vor als je. Meine Pflegeeltern waren gestorben, und die nähern Angehörigen hatten mich nie als den ihrigen anerkannt; ich war zu stolz, sie um Hilfe anzubetteln.

Lieber sterben!

Der Gedanke folgte mir eine Zeitlang wie mein Schatten; das schaurige Bild vom Ende meines ehelichen Lebens begleitete mich überallhin und hielt mich von aller Freude fern. Als ich mein Kind den auf einem benachbarten Dorfe wohnenden Pflegeeltern übergab, sagte die Mutter, das schwere und große Kerlchen auf den Händen wägend: »Ja, das wundert mich nicht, daß der seiner Mutter das Leben gekostet hat!«

Das Geld, das ich aus meinem letzten Schiffbruch gerettet hatte, reichte gerade aus, um für ein halbes Jahr zum voraus seine Ernährung und Pflege zu bezahlen. Niedergeschlagen, zu körperlich anstrengender Arbeit untauglich, kehrte ich nach Münster zurück und trieb mich da einige Wochen herum, ohne ernstlich daran zu denken, mein Schicksal selber in die Hand zu nehmen, nichts suchend, nichts begehrend, willenlos, 360 hoffend, es werde bald so oder so mit mir zu einem Ende kommen.

Niemand wußte mir zu raten, niemand schien die Mittel zu besitzen, dem vereinsamten, schwachen, auch seelisch gebrochenen Mann eine lohnende Anstellung zu verschaffen. Und doch hatte es mich hierher getrieben wie das verwundete, sterbende Tier zu seinem Lager, zu seinem Nest.

Da kam mir, so recht wie vom Himmel gefallen, die Erinnerung an einen frühern Nebenarbeiter, der als er mitten im Winter brotlos wurde und wir ihn deshalb bemitleideten, sich äußerte, das mache ihm gar nicht bange. Ein Ausweg sei immer noch da: er führe in das Irrenhaus zum Friedholz, wo das ganze Jahr Wärtermangel herrsche. Damals ging er und fand Aufnahme. Ich entschloß mich, das gleiche zu wagen und den für meinen Zustand etwas weiten Weg unter die Füße zu nehmen. Wohl mußte ich unterwegs mich mehrmals ausruhen, und seltsame Gedanken kreuzten mein Gehirn. Also ins große Narrenhaus willst du? Bist du selber bei gesundem Verstand? Wie, wenn sie dich einsperren und nicht mehr hinauslassen?

Doch ich hatte schon so oft der Unfreiheit und dem Tode ins Angesicht geschaut. Es schreckte mich nichts mehr. Der Donner rollte und die Blitze zuckten. Ich kehrte mich nicht daran. Nie ist der Mensch so furchtlos wie im tiefsten Elend. Endlich beruhigte mich der Gedanke: Wenn sie dich nicht anstellen als Wärter, so bittest du um Aufnahme als Kranker.

Es war vormittags zehn Uhr, als ich vor dem kasernenartigen düstern Bau mit seinen dreihundert 361 Insassen anlangte. Aus den Tobzellen hörte ich das schreckliche seelenlose Geschrei, das bunte Durcheinander schimpfender, fluchender, singender Irrsinniger. Wiederum machte ich halt und ratschlagte, ob ich mich als Wärter oder als Patient anmelden solle.

Es war mir einerlei.

Freilich, als ich weiter ging und an dem kerkerartigen Flügelbau, der die gefährlichen Kranken von der Außenwelt abschloß, vorbeikam, da bangte mir doch vor einem solchen Los. Aber als ich zum Haupteingang kam, und die schönen Anlagen, die hohen Fenster mit den reichen Gardinen sah und aus einem der Säle Musik herunterrauschte, und als dann die aus dem stillgewordenen Gewölk hervorbrechende Sonne alles in ihr goldenes Licht tauchte, dünkte mich, es müsse sich gut leben lassen bei all dem namenlosen Elend, welches der gewaltige Bau in seinem Innern barg.

Herzhaft zog ich die Klingel. Das dumpfe Echo in dem geräumigen Eingang ließ mein Herz erbeben, und als drinnen der Schlüssel knarrte, zitterten meine Knie. Die Wahrheit prägte sich meinem Geist ein, daß die schöne einladende Außenseite des Hauptbaues nur eine Täuschung und letzte Lockung für die vielen Opfer sei, die auf Nimmerwiederkehr dahinter verschwinden müssen.

Mir wurde wohler, als mich der Portier freundlich nach meinem Begehr fragte. Auf meine Antwort führte er mich in einen geschmackvoll ausgestatteten Salon mit seinen Polstermöbeln und mannshohen Goldrahmenspiegeln.

Meine Geduld wurde nicht lange auf die Probe 362 gestellt; bald kam der Portier zurück und brachte mich ins Arbeitskabinett des Monarchen.

Nach seiner Gewohnheit mich scharf fixierend, ob er es mit einem Gesunden oder einem Kranken zu tun habe, fragte der Direktor nach meinen Wünschen.

Ich teilte sie ihm mit, gab Antwort auf verschiedene Fragen über meine frühere Beschäftigung und überreichte ihm einige Zeugnisse. Dabei zitterte meine Hand so stark, daß eines zu Boden fiel. Da fuhr mich der Herr Professor an: »Sie sind ja krank! Was fehlt Ihnen?«

Es blieb mir nichts anderes übrig, als ihm meine aufregenden Erlebnisse aus der letzten Zeit zu erzählen und ihm meinen Zustand erklärlich zu machen.

»Aha!« bemerkte er, als ich meine Selbstherrlichkeit in Luzern erwähnte, »Sie scheinen mir einer von denjenigen zu sein, welche über den Kreis hinauswollen, den ihnen die Natur gezogen hat. Sehen Sie, das kann der Mensch so wenig, als über seinen eigenen Schatten springen!«

»Erlauben Sie, Herr Direktor,« erwiderte ich ernst, aber bescheiden, »es war mir viel mehr darum zu tun, endlich in jenen Kreis hinein zu kommen.«

»Ha!« lachte er heraus, »darum kommen Sie zu uns? . . . . . Wer zum Dienen geboren ist, soll nicht Herr sein wollen!« entgegnete er scharf.

»Wer weiß denn das?« fragte ich etwas zweifelnd; »die Natur hat den Menschen doch nicht zum Knecht bestimmt! Herr soll ein jeder werden können, der das Zeug dazu hat . . . Aber ich kam hierher, um zu dienen! Das ist der Weg zur Herrschaft, so weit ich zu sehen vermag.« 363

»Gewiß, der sicherste!« sagte er jetzt befriedigt und maß mich vom Scheitel bis zur Sohle. Dann fügte er hinzu: »Sie interessieren mich!«

Die Blicke, mit denen er nun mein Gesicht durchforschte, ließen mich allerdings im unklaren, ob ich ihn als Diener oder als Aspirant für's Friedholz interessiere. Immerhin war mir leichter geworden. Ich glaubte meinen Ausnahmezustand durch die Ausnahmeverhältnisse, in denen ich gelebt, genügsam erklärt, mein Zittern entschuldigt zu haben.

Er traute mir nicht ganz, sondern rief seinen Assistenzarzt, er solle ihm das Stethoskop bringen. Dann fühlte er mir den Puls, setzte mir das Rohr auf die entblößte Brust und klopfte mit seinen Fingerknöcheln auf meinem Luftkasten herum, daß mir ordentlich bang wurde, er möchte mich doch am Ende als Kranken einsperren. Endlich sagte er: »Sie haben einen kleinen Herzfehler; doch können Sie den Posten, den ich frei habe, trotzdem ausfüllen. Nur übernehme ich keine Verantwortung, wenn sich Ihr Übel verschlimmern sollte; ich müßte Sie alsdann wieder entlassen. Mittags ein Uhr rücken Sie ein und melden sich beim Oberwärter, Herrn Müller, der Sie auf Ihren Posten führen und Ihnen Verhaltungsmaßregeln geben wird.«

»Ist's nicht früh genug wenn ich erst Montag früh komme?« wagte ich zu fragen, da ich noch allerlei ordnen wollte.

»Mittags ein Uhr oder nie!« war die Antwort.

»Noch eins!« fügte er in entschiedenem Tone hinzu, »hier in der Anstalt gibt's weder Wein noch Bier und dergleichen. Wie Sie es außerhalb halten wollen, 364 ist Ihnen freigestellt, vorausgesetzt, daß Sie nüchtern zurückkehren.«

Mit einem abwinkenden »Guten Morgen!« wandte er sich von mir ab. Die Vorstellung war vorbei und ich wußte, woran ich war.

Ich hätte es mir nicht träumen lassen, so ohne alle Schwierigkeiten anzukommen. Nun aber war es bereits elf Uhr; bis ein Uhr konnte ich unmöglich in der Stadt und wieder zurück sein. Darum suchte ich in einer nahegelegenen Wirtschaft Stärkung. Des Wirtes Töchterlein, mit dem ich von meinem Vorhaben sprach, konnte mir das Anstaltsleben so genau schildern, als wäre sie ein Jahr lang dort gewesen. Gar mancher, der dort Enttäuschungen erlebt hatte, war hier eingekehrt und hatte bei einem Glase Trostwein sein Leid geklagt. Der Mut schwand mir immer mehr; am meisten befürchtete ich, daß man mich, wie es meist der Fall war, für den Anfang zu einem Tobsüchtigen stecken würde. Erst wenn man sich unten bewährt hätte, würde man in die oberen Abteilungen befördert, hörte ich hier. Ferner wurde als großer Übelstand gerügt, daß die Direktion mit der Verwaltung beständig auf Kriegsfuß lebe. Professor Kühn trachte danach, auch über die Verwaltungsbeamten unumschränkter Gebieter zu sein, während Surenberger, der Verwalter, seinerseits nicht geneigt war, im geringsten etwas von seiner Macht abzutreten. Zwei harte Köpfe ständen da einander gegenüber, bei deren Zusammenstoß es täglich Funken sprühe und Splitter absetze, die sehr oft unschuldige Wärter und Wärterinnen träfen.

Die neue Lage war also nicht gerade rosig. Als 365 ich Schlag ein Uhr zum zweitenmal die Portalklingel zog, verwunderte sich der Portier, daß ich schon wieder da sei, und mehr noch, als er hörte, ich sei fest angestellt. Das pflegte gewöhnlich nicht so rasch zu geschehen, sondern der Direktor liebte es, Bewerber zwei-, dreimal kommen zu lassen.

Der Oberwärter Müller, ein recht artiger Mann, führte mich nun im allgemeinen in meine Obliegenheiten ein, begleitete mich auf die erste Abteilung und übergab mich dem vorstehenden Wärter, der mir besondere Anweisungen gab und mir alles und jedes zeigte und mir versprach, Geduld mit mir zu haben, bis ich eingeweiht sei.

Sein Versprechen hielt er reichlich, und an seiner Seite lernte ich die unangenehmen Eindrücke, die ich anfänglich von dem zuchthausmäßigen Anstaltsleben hatte, das viel Gefahren in sich schloß, allmählich überwinden. Unheimlich kam es mir besonders nachts vor, wenn bald hier, bald dort einer der armen Tröpfe sich abmühte, seine Zimmertür aufzusprengen oder sonst etwas mit Gewalt zu zerstören.

Sonst aber lernte ich bald den wohltuenden Einfluß eines streng geregelten Lebens kennen und fand noch gewisse schöne Seiten an demselben heraus; denn ich hatte das außerordentliche Glück, da eben infolge der Streitigkeiten zwischen Direktor und Verwalter viel plötzliche Entlassungen von mehr oder weniger einflußreichen Angestellten stattfanden, die um Geheimnisse wußten, auf die erste und beste Abteilung zu gelangen.

Ich kam in Verkehr mit gebildet gewesenen Menschen, denen gewisse Haupteigenschaften, die sie sich 366 erworben hatten, auch in den neuen Zustand nachfolgten, daß ich aus den Ruinen noch die Größe und Bedeutung ihrer Anlagen zu erkennen vermochte. Ich genoß eine feine Küche, deren Nahrhaftigkeit mich sehr bald wieder zu Kräften brachte, und bei schönem Wetter war ich in Begleitung meiner Patienten spazierend an der frischen Luft, deren Heilkraft ich mit Wohlbehagen empfand. Bei schlechtem Wetter hatte ich Unterhaltung, indem ich mit ihnen Schach oder Billard oder auf der gedeckten Bahn Kegel spielte. War ich nur Hüter und Zuschauer, so hatte ich die beste Gelegenheit und Ruhe genug, um mich in ein belehrendes Buch zu vertiefen. Mit den Klassikern war ich bald vertraut. Shakespeares Geist trat mir jetzt besonders nahe, als ich aus seinen Werken inne wurde, mit welch wunderbarer Treue er Wahnsinnszustände schilderte. Psychologische Arbeiten fesselten mich mehr als die abenteuerlichsten Romane; denn solche hatte ich selber genug erlebt. Vor allem begann ich mich meiner wiedergewonnenen Gesundheit um so tiefer zu freuen, als mich das Elend in allen Formen und von allen Seiten anglotzte. Was hatten all die reichen Herren, deren wir in der ersten Klasse eine Menge zählten, von ihrem Reichtum? Konnte mit den glänzenden Geschenken, welche für den Herrn Direktor eingingen, nur ein Funke ihrer geistigen Gesundheit zurückgekauft werden?

Ganz gefahrlos war mein Amt ja nicht. Gleich zu Beginn wäre ich beinahe das Opfer meiner Unvorsichtigkeit und Unkenntnis geworden. Ein englischer Millionär, namens Sanderson, war mein erster Pflegling. Ehemals auf der Insel Korsika Pfarrer, 367 hatte er früher in Münster eine sehr schöne Näherin geheiratet, sie von Fest zu Fest, zu allen erdenklichen Vergnügungen geführt, bis sie ihm untreu wurde, worüber er den Verstand verlor.

Er war gutmütig und verträglich, so lange man ihn gewähren ließ. Sofern es die Witterung gestattete, spazierte er den ganzen Tag im Garten. Ins Bett ging er nicht mehr, sondern schlief auf dem Sofa. Dagegen pflegte er allerlei Ungeziefer, Käfer, Frösche, Kröten, Schnecken und Würmer aufzulesen und mit aufs Zimmer zu bringen. Das waren nunmehr seine »lieben Schäfchen«. Einst hatte ich eben die Waschschüssel gereinigt und brachte sie aufs Zimmer zurück, als er mit zwei kleinen Fröschlein daherkam, um sie in der Schüssel schwimmen zu lassen. Das durfte ich vorschriftsgemäß nicht zugeben. Da geriet Sanderson in Zorn, packte mich, während ich die Schüssel forttragen wollte, mit der linken Hand und drückte mich zwischen Kommode und Nachttisch eingeklemmt an die Mauer. Mit der rechten erwischte er den auf dem Tischchen stehenden messingenen, gegossenen Kerzenstock und wollte mir nun damit einen gewaltigen Streich auf den Kopf versetzen. Es gelang mir jedoch unter Anwendung aller Kraft, mich zu bücken, so daß der Kerzenstock, dessen angeschraubte Fußplatte weggeschleudert wurde, mit seinem Schraubengewinde fast fingertief, nur wenig über meinem Kopf, in die Mauer zu stecken kam. So wuchtig war der Schlag, daß, als auf mein Rufen der Abteilungswärter herbeikam, dieser den Stock nur mit beiden Händen zu lockern vermochte. Nie mehr aber brachte Sanderson, der von meinem Retter 368 gezüchtigt wurde, von da ein Tierchen nach Hause, und so oft ich sein Zimmer betrat, ging er stillschweigend hinaus.

Ein junger Mechaniker, namens Gull, der Sohn achtbarer Eltern, war mit Epilepsie behaftet, dabei aber bei normalem Verstande. Er wußte genau, weshalb er sich in unserer Anstalt befand. Seine Anfälle verminderten sich nach wenigen Monaten, die Pausen wurden länger, und er hoffte, ganz gesund zu werden. Allen war er angenehm durch sein gerades, offenes Wesen, obschon er den Wärtern nicht selten Vorwürfe machte, wenn sie sich gegenüber Patienten zu viel herausnahmen; man wußte, daß er ein Herz voll Mitleid für seine Leidensgefährten hatte. Als engerer Landesangehöriger mußte er nur die halbe Taxe bezahlen; da er keine Geschenke machte, war er beim Direktor nicht besonders gut angeschrieben. Darum genügte eine mißliebige, aber wahre Äußerung Gulls über den Direktor, diesen so zu erzürnen, daß er seinen Vater zwang, den Sohn nach Schönenberg zu versetzen, einer Anstalt, die sich mit der unsrigen nicht messen konnte. Über die Ungerechtigkeit empört, wehrte sich Gull aufs äußerste, indem er nur zu genau wußte, wie übel es dort aussah und wie schlecht die Patienten gehalten waren. Zudem konnte er sich mit dem Gedanken, so weit von seinen Angehörigen, die er von Friedholz aus fast täglich besuchen durfte, entfernt zu sein, nicht aussöhnen. Er beteuerte, daß er sich das Leben nehmen werde, ehe er nach Schönenberg gehe.

Trotzdem stand eines Morgens die Droschke, die ihn zum Bahnhof bringen sollte, vor unserer Anstalt, 369 und ich hatte die Aufgabe, den Jüngling zu begleiten und ihn in Schönenberg zu übergeben. Zu diesem Zwecke wurde mir für den Fall, daß er sich unterwegs widerspenstig gebärden sollte, eine Zwangsjacke mitgegeben. Der Direktor erklärte, daß alle Vorsichtsmaßregeln getroffen, daß die letzte Eisenbahnstation und die dortige Polizei benachrichtigt und ebenso nach Schönenberg telegraphiert worden sei, damit man den »Verbrecher« mit einem Fuhrwerk abhole. Noch schärfte er mir ein, Gull aufs strengste zu bewachen, daß er nicht entrinne.

Ich ging an meine traurige Aufgabe und bat den jungen Gull, mir gutwillig zu folgen. Allein diesmal verstand er, obschon er mich recht wohl leiden mochte, keinen Spaß. »Wenn Sie mich anrühren,« schrie er mich an, »schlag ich Sie tot. Lieber ins Zuchthaus!«

Seine Auflehnung und Drohung nützte ihm nichts. Andere Wärter kamen zu Hilfe und man schleppte den Unglücklichen die Treppe hinunter. Er gebärdete sich wie wütend, und als er unten den Direktor stehen sah, der seine höhnische Schadenfreude nicht zu unterdrücken vermochte, hatten wir Mühe, ihn zurückzuhalten, daß er nicht auf jenen Widerwart losstürzte und ihn zerriß. Der Arme vermochte nicht mehr an sich zu halten. Was es in der kräftigen Mundart, die er sprach, nur Schlechtes und Gemeines zu sagen gibt, das schleuderte er dem Direktor zu, der nichts dagegen machen konnte, sondern über einigen Wahrheiten bloß im Gesicht von einer Flammenröte übergossen wurde.

Bis wir Gull in der Droschke untergebracht hatten, 370 besaß sie keine ganze Scheibe mehr. Viele, die aus dem Hause zugesehen hatten, empörten sich über die Ungerechtigkeit des Direktors, deren er da öffentlich von einem Unglücklichen beschuldigt wurde. Jedermann kannte die Aufrichtigkeit des sonst so stillen Jünglings.

Ich wünschte mir: »Wenn du nur schon auf dem Heimweg wärst!« Als wir die Anstalt hinter uns hatten, begann er auf mein Zureden zu hören; nur behauptete er, ich werde ihn nicht in den Eisenbahnwagen bringen; eher werde einer von uns beiden kalt sein.

In der Nähe des Bahnhofes packte ihn die Aufregung von neuem. Da zeigte ich ihm die Zwangsjacke und gab ihm zu verstehen, daß ich von ihr Gebrauch machen würde, wenn er sich nicht ganz ruhig verhielte; ferner würde ich ihn im Arrestwagen unter polizeilicher Aufsicht befördern müssen; sei er jedoch ruhig, so könnten wir ganz gemütlich zweiter Klasse fahren: es liege einzig an ihm. Sich zu wehren, hätte keinen Zweck, da jedermann ihn als einen Tobsüchtigen ansehen und dementsprechend behandeln würde; ich sei vollkommen mit ihm einverstanden, daß ihm unrecht geschehe; doch hätte es keinen Zweck, dies nun zum Ergötzen des Publikums zur Schau zu stellen, und in Schönenberg sei er ja nicht verloren, gewiß werde ihn sein Vater dort bald wieder wegnehmen, wenn er ruhig darum bitte, ich selbst wolle mich nach seiner Rückkehr bei seinem Vater für ihn verwenden.

Wirklich fing er an zu begreifen, daß das Recht auf seiner, die Macht aber auf unserer Seite sei und 371 seine Widersetzlichkeit das Gegenteil von dem bewirken würde, was er wünschte.

Ich löste zwei Fahrkarten zweiter Klasse, und wir stiegen ein; die Zwangsjacke aber nahm ich vorsichtshalber doch mit.

Unterwegs wollte es lange Zeit zu keinem gemütlichen Gespräch zwischen uns kommen; der Gewaltstreich drückte ihm aufs Herz und band ihm die Zunge. Jetzt näherten wir uns dem schönen, zwischen hohen, mit Schneezinnen gekrönten Bergen liegenden See, an dessen oberem Ende wir aussteigen sollten. Die neue Umgebung interessierte Gull, da er sie noch nie gesehen hatte, und beruhigte ihn. Bei der nächsten Station stieg eine schmucke Appenzellerin in unser Abteil und setzte sich ihm gegenüber. Mein Patient taute auf; das Gespräch wurde immer munterer, und als wir aus dem ersten Tunnel, deren der dem See entlang fahrende Zug mehrere durchbraust, herauskamen, sah ich, wie die beiden, während der Fahrt im Dunkel einander nähergerückt, die Hände voneinander losließen. Im nächsten Tunnel spürte ich, daß das Spiel von neuem begann und mehrere Küsse getauscht wurden.

Nun hatte ich kein Ausreißen mehr zu befürchten. Die bändigende Gewalt der Liebe war mir noch nie so augenscheinlich vorgeführt worden. Ich mußte an Agathe denken. Was hatte sie aus mir gemacht? Würde ich ihren segensreichen Einfluß nie mehr in mir verspüren? Sollte zwischen uns alles aus sein? Ich nahm mir vor, ihr mein Schicksal zu schildern und sie für meine Verirrung, der keine mehr folgen sollte, um Verzeihung zu bitten. In der Erwartung 372 völliger Versöhnung freute ich mich schon jetzt des herrlichen Gutes der Gesundheit des Leibes und der Seele, das ich bislang zu wenig geschätzt, ja, mit dem ich gespielt hatte.

Aus den hoffnungsvollen Träumen, denen ich mich hingab, schreckte mich die Ausrufung der Aussteigestation auf. Wir nahmen mit der Appenzellerin, die ein fröhliches Ding und für Augen und Arme kein übler Bissen war, in einem Gasthof ein gutes Mahl ein, und alsdann erfüllte ich mein trauriges Amt, den wehmütig von seinem schnellgefundenen Liebchen scheidenden Jüngling in die Einöde von Schönenberg hinaufzubegleiten.

Professor Kühn konnte mit seiner Rache zufrieden sein . . . . .

Am andern Tage war ich abends wieder in unserer Anstalt Friedholz und wurde vom Direktor für die tadellose Durchführung meines Auftrages gelobt, da man sich verwunderte, daß ich Gull allein und ohne Zwangsjacke hatte abliefern können.

Mein nächster Pflegling war ein preußischer Oberstabsarzt Doktor Josephson, ein eleganter Herr, der in einem Zweispänner vorgefahren kam. Der Direktor begrüßte ihn persönlich; dann aber mußten wir den Ankömmling auf die Abteilung tragen, zu Bette bringen und ihn pflegen. Gegen Abend fühlte er sich immer unwohler, konnte nur noch in abgebrochenen Sätzen leise sprechen, verlangte aus seiner Brieftasche ein Stück Papier, damit er für seine Gemahlin den letzten Wunsch, den letzten Gruß niederschreiben könne. Darauf schien er so erschöpft, daß man ihm zwei-, dreimal Hoffnungstropfen zur Belebung darreichen mußte. 373 Alsdann atmete er wieder langsam, aber in ungleichen Zwischenräumen. Hierauf schenkte er dem Oberwärter ein Goldstück für den letzten Liebesdienst vor dem Tode und schien dann hinüberzuschlummern. Er winkte uns hinaus, damit er allein seinen Geist aushauchen könne. Da kam der Direktor herein, ging auf den Oberstabsarzt zu, packte ihn energisch am Arm und schrie ihn an: »Stehen Sie augenblicklich auf!«

Wir bebten über dieser groben Behandlung eines Sterbenden. Doch siehe da! Der Patient steht auf.

»Ziehen Sie die Beinkleider an!«

Er tut es.

»Die Weste, den Rock!«

Er gehorcht.

»So,« herrscht der Direktor ihn weiter an, »gehen Sie hier im Korridor spazieren bis zum Nachtessen.«

Und der Herr, den wir hinauftragen mußten und der sich kaum zu rühren vermochte, macht in beschleunigtem Tempo seinen Spaziergang. Nicht das geringste fehlt ihm mehr.

Am folgenden Morgen fragte er den Direktor in Gegenwart des Wärters: »Wie kommt es, daß man hier Trinkgelder abnimmt, während es doch nach Ihrer Aussage verboten ist?«

Der Oberwärter wurde überrot. Ein Blick des Direktors, und er wußte, woran er war. »Sie haben dem Herrn Geld abgenommen?«

Das gab eine tüchtige Levite und das Ende war, daß der Wärter nach einigen Tagen verschwand.

Da hatten wir's also mit einem Simulanten reinsten Wassers zu tun, vor dem man auf der Hut sein und die menschlichen Schwächen ablegen mußte. 374

Der war uns, und mir insbesondere, ein gewitzigter Lehrmeister, der durch seine scheinbare Teilnahme alle dunkeln Fäden in unserm Wesen und Charakter aus uns herauslockte, um uns im nächsten Augenblick einen teuflischen Fallstrick daraus zu drehen.

Mir kam es oft vor, als spiele dieser Narr mir gegenüber die Vorsehung, indem er mich durch seine gänzliche Unzuverlässigkeit und seine unmenschlich kühle Rücksichtslosigkeit davon abhielt, irgend etwas zu tun oder zu lassen, was irgendwo oder irgendwann der Entschuldigung bedurft hätte.

Einmal nahm er sich heraus, beim Kegelschieben seine Umgebung zu charakterisieren und jedem einen Denkzettel zu geben, wovon die meisten wenig erbaut waren. Mich sparte er bis zuletzt auf und sagte dann, auf mich zeigend: »Der da steckt euch alle zusammen in die Tasche; aber er ist der einzige unter euch, dem ich mein Seelenheil anvertrauen möchte.«

Sollte ich jedoch alles erzählen, was ich Leidvolles und Lustiges, tierisch Grausames und menschlich Rührsames erlebt, würde ich Bände schreiben müssen. Wichtig wurde für mich die Bekanntschaft mit einem noch ziemlich jungen russischen Professor Homen, der sich überstudiert hatte. Er zwang mich mit unwiderstehlicher Energie, seine Muttersprache zu lernen. Seine Gattin besuchte ihn mehrmals und ließ mir nach jedem Besuch ein Geschenk durch die Post zukommen. Als er starb, versicherte mir die Dame, daß sie mir zeitlebens für die gute Pflege, die ich ihrem unglücklichen Manne in seinen letzten Wochen geschenkt hätte, zu Dank verpflichtet sei und wenn ich 375 je nach Petersburg komme, solle ich nicht versäumen, sie aufzusuchen.

Ebenso liebenswürdig benahm sich ein englisches Ehepaar gegen mich, dessen Sohn, von uns nur Master Harry genannt, mein letzter Pflegling war. Im Laufe unserer Bekanntschaft und vertraulicher Mitteilung entpuppte er sich als der reiche Harrison, den ich in Mexiko kennen gelernt hatte. Er stand im besten Mannesalter, seine Gesundheit war aber in Indien, wo er große Plantagen besaß, durch die Haltung eines großen Harems körperlich und geistig erschüttert worden. Er litt an Wutanfällen, konnte dann aber drei bis vier Wochen lang harmlos und freundlich sein. Die Leute waren sehr freigebig, auch gegen den Direktor, der sie immer persönlich begleitete.

Mich staffierten sie zum feinen Herrn aus, damit die Leute bei den Ausgängen mir den Wärter nicht anmerken sollten. Master Harry genoß wirklich ärztliche Pflege und konnte nach sechs Monaten, als eine bedeutende Besserung eingetreten war, entlassen werden. Zu meiner großen Freude baten sie sich meine Person als Begleiter und Beschützer aus, und der Direktor gab mir in Anbetracht meiner guten Führung Urlaub und stellte mir zugleich nach meiner Rückkehr die Beförderung zum Abteilungswärter in Aussicht.

So wenig eine solche meinem Ehrgeiz und meinem Drange nach Eigenherrlichkeit entsprach, gab mir das Verhalten meiner Umgebung nicht wenig Selbstbewußtsein: ich erkannte daraus meine Brauchbarkeit und fühlte die Welt, die bis dahin feindlich vor mir gelegen, als wohlwollende Unterstützung hinter mir, bereit, mir im Notfall beizuspringen und zur 376 Eroberung einer neuen, höheren Stellung zu verhelfen.

In guter Stimmung machte ich den Abschiedsbesuch bei meinem Söhnchen, das ich kaum alle Monate einmal auf ein Stündchen sah; so sparsam ging man damals mit der Gewährung von Ruhetagen um. Ich glaube, es war der geruhigste Gang, den ich in meinem Leben getan. Die Pflegeeltern wohnten auf einem Dorfe unweit der Stadt, besaßen ein kleines Anwesen, ein Häuschen mit Umschwung, der ausreichte, um für zwei Kühe Futter und für die Familie Gemüse und Obst in mehr als genügender Menge zu bauen.

Es war ein warmer Sommermorgen, als ich hinauswanderte. Das Häuschen war geschlossen und alles wohl verwahrt. Da sagte mir die Nachbarin, die Pflegeeltern seien »am Heuen« auf der Hinterseite. Unter den grünen Kronen des schattigen Baumgartens hindurch sah ich Mutter und Vater in voller Sonnenglut auf der Wiese stehen und sich eifrig umtun. Es galt, das geschnittene Gras eilig zu verbreiten, um es am selben Tage noch zu dörren. Ein Mädchen von sieben Jahren, ihr einziges Kind, vertrug mithelfend sein Häuflein Gras auf den Armen.

Ich näherte mich den Arbeitenden ungesehen.

Da lag am Wiesenrand mein Söhnchen auf seinen Decken in voller Nacktheit ausgestreckt und stieß mit den Beinchen und Ärmchen vor lauter Wohlbehagen alles von sich, während seine schwarzen Augen durch das grüne Gezweig hindurch das Blau des Himmels tranken und sein Herzchen sich freute am leisen Hin- und Herschwanken der Zweige. 377

Bei einer kleinen Wendung des Kopfes wurde er mich gewahr und erschrak einen Augenblick; aber im Handumdrehen hatte er mich erkannt. Er lächelte und strampelte und rief: »Baba, Baba!«

Alfred war groß und kräftig und wohlgepflegt. Wenn ich ihn ansah, glaubte ich mich selbst in meiner Kindheit vor mir zu haben.

Als die Pfleger herbeikamen, gab ich meiner Freude über den Zustand und das Wachstum des Kleinen Ausdruck. »Ja,« wiederholte die Mutter, »ich glaub's schon, daß ein solch Kecker seiner Mutter das Leben kosten kann . . . . Aber er ist ein braver!«

Und sie nahm ihn mir vom Arm und herzte ihn; ihr Töchterchen kam herbei und streichelte ihm sanft die vollen Wangen, legte ihn dann sorgsam auf seine Decken zurück und spielte mit ihm. Ich sah, daß man mein Söhnchen lieb hatte, und es wurde mir warm ums Herz. Die Anspielung der Pflegemutter auf die mörderische Geburt des Kleinen weckte jetzt keinen Groll mehr in mir, es klang eher wie eine Verheißung. Nun war ich nicht mehr allein auf der Welt, und einen Zweck hatte mein Leben, konnte ich ihm nur dereinst ein treuer Vater werden. Aber vorerst benötigte er eine Mutter, die ihn nach meinem Sinn erzog, und ich mußte an Agathe denken.

Mit Freuden übergab ich den Pflegeeltern das Kostgeld für ein weiteres Halbjahr, hinterließ ihrem Töchterchen ein paar kleine Geschenke und Alfred etwas Spielzeug und verabschiedete mich, das Herz voll Dankbarkeit gegen die schöne Fügung der Dinge, gegen ein gütiges unnennbares Geschick, daß mir während des Gehens die Tränen in die Augen schossen. 378

Ich legte mich unweit der Stadt unter einem Baum ins Gras, suchte meiner Wallung Herr zu werden und träumte von der süßen Gegenwart und einer größeren Zukunft. Wahrhaftig sie sollte größer werden, soweit ich dazu beitragen konnte. Und als ich mich erhob, mußte ich mich recken und die Glieder strecken, und es war mir, als durchströmte mich ein neues Gefühl, eine neue Freude. War ich durch meinen Sohn endlich mit der Menschheit verbunden? War die Kraft der Seele in mir lebendig geworden?

Ich war ein anderer Mensch, wahrhaftig ein anderer. Es fiel mir selber auf, mit welchem Gleichmut ich an den Häusern vorbeiging, wo der Herrgott den Arm herausstreckt. Ich vermißte den Genuß von Wein nicht im geringsten und fühlte mich in meinem Geiste freier als je. Ein Teil jener Liebe wirkte in mir, welche die Welt umfängt und zusammenhält.

Zwei Tage später trat ich die Reise nach England an. Da kamen mir meine Sprachstudien zum erstenmal greifbar zugute.

 

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