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Heinrich Manesses Abenteuer und Schicksale

Adolf Vögtlin: Heinrich Manesses Abenteuer und Schicksale - Kapitel 16
Quellenangabe
typefiction
booktitleHeinrich Manesses Abenteuer und Schicksale
authorAdolf Vögtlin
year1910
firstpub1910
publisherH. Haessel
addressLeipzig
titleHeinrich Manesses Abenteuer und Schicksale
pages416
created20180126
sendergerd.bouillon@t-online.de
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15. Auf den Pfaden der Sehnsucht.

Mit leichtem Gepäck und schwerem Sinn zog ich aus. Diesmal westwärts, in gerader Richtung auf Paris. Da ich darauf angewiesen war, mir mein Reisegeld von Stapel zu Stapel zu verdienen, berührte ich nur die fetteren Plätze, wo nahrhafte Arbeit leichter zu finden war. So kam ich über Augsburg, Ulm und Stuttgart nach Karlsruhe. Dort erkannte ich im Bahnhofportier einen ehemaligen Kameraden aus Mexiko, namens Kull, der mich einen Tag beherbergte und mir obendrein noch einen 316 Zehrpfennig verabreichte, welcher mir bis nach Baden genügte.

Mein Gepäck war inzwischen immer leichter geworden, der Sinn aber nicht. Es waren recht trübe Gedanken, die mir durch den Kopf schwärmten, als ich, auf eine Gelegenheit zum Geldverdienen lauernd, vor einem Gasthof herumlungerte, wo die Könige absteigen, die immer noch den Kärrnern zu tun geben. Wohl dachte ich an Agathe; aber je schöner, sternenschön ich mir die Geliebte vorstellte, desto häßlicher und abgerissener kam ich mir vor im Vergleich zu ihr. Ich durfte nicht als Lump zu ihr kommen, um ihretwillen nicht. Ich fühlte das nur zu gut. Es war nicht nur der Hunger, der mich in diese gedrückte Stimmung versetzte. Dann dachte ich an die gute Schweiz, wo es viel wackere Leute gibt, die den Tüchtigen schätzen und unterstützen, vor allem das gastliche Zürich. Endlich kam meinem verzagenden Leichtsinn wieder ein seltsamer Zufall zu Hilfe und richtete ihn auf, so daß ich neuerdings die Eroberung von Paris beschloß.

Auf einem der Balkone stand der flotte Prinz von Wales im Reiseanzug und sah, eine Zigarette rauchend, zu, wie man seine achtundneunzig Gepäckstücke auf einen Wagen lud. Als die Pferde etwas zu stark anzogen, fielen zwei schwere Koffer von dem überfüllten Gefährt. Ich wie der Blitz hinzu, tapfer zugegriffen und dem Diener Hand gereicht, um die Stücke wieder hinaufzuschaffen. Zugleich zeigte ich ihm, wie er sie besser befestigen konnte. Kaum war die Sache in Ordnung, so kam der Zahlmeister des Prinzen auf mich zu und sagte, seine königliche 317 Hoheit hätte mich beobachtet und wünsche, daß ich weiterhin »edel sei, hilfreich und gut«. Als Aufmunterung drückte er mir ein Goldstück in die Hand. Es war wohl natürlich, daß ich tief die Mütze zog und einen glänzenden Dankesblick zum Balkon hinaufwarf. Wahrhaftig, die königliche Hoheit lächelte freundlich und nickte mir zu.

Mit der Schätzung, die wir von andern erfahren, wächst das Bewußtsein unseres Wertes. Ich empfand die Handlung des Fürsten als einen freundlichen Wink des Schicksals, um dessen Gunst ich tätig, nicht wandermüßig werben solle. Ich überlegte, wie ich so gar nicht zum französischen Wesen passe, obschon mir die Sprache der westlichen Nachbarn sehr gefiel wegen ihrer Klangschönheit und ihrer Bestimmtheit.

Als ich nach Straßburg kam, packte mich ein Sturm in der Seele, als sollte ich auf diesem Boden neuerdings verkauft werden. All die Leiden, die sich meiner Phantasie, als Folgen meines ersten Aufenthaltes in der »wunderschönen« Illstadt, in schreckhafter Reihe darstellten, drangen auf mich ein und trieben mich südwärts, der Schweiz zu, meine Schritte so beflügelnd, daß ich in zwei Tagen in Basel ankam.

An der Riehentorstraße fand ich in der Parkettfabrik Felix Hurters, eines mir wohlgesinnten Herrn, Anstellung, und glaubte mich endlich geborgen und gerettet. Er übergab mir zunächst allerlei kleine Vertrauensaufträge, was mich freute. Ich bewährte mich so, daß ich sogar den Dämon zeitweise in mir überwand, nur weil mir wieder ein Mensch Vertrauen schenkte. Herr Hurter trug mir auf, ein Fäßchen 318 seinen Hallauerweins in Flaschen abzuziehen. Der Duft des edlen Tropfens kitzelte meinen Gaumen nicht übel. Allein ich hielt an mich. Als das Geschäft verrichtet war, kam Herr Hurter herunter, besah mich im Lichtschein der Kerze genau und sagte: »Manesse, haucht mich an!«

Ich tat es ohne Zögern, und er bemerkte, indem er mir auf die Schulter klopfte: »So ist's wacker. Hättet Ihr getrunken, würde ich Euch gejagt haben. Ich brauche einen Mann, dem ich vertrauen kann. Wer bei der Arbeit trinkt, ist unzuverlässig.«

Ich wußte, woran ich war, und nahm mir vor, dem trefflichen Herrn keine Enttäuschung zu bereiten. Gelegentlich schickte er mich auch, die Arbeiter zu kontrollieren, worauf ich ihm über den Stand ihrer Leistungen Bericht zu erstatten hatte. Die Eintragungen in den Kontrollheften ließen mich bald Einsicht in die Buchhaltung gewinnen. Ich durfte das Tagebuch führen und hatte Aussicht, die rechte Hand meines Herrn zu werden.

In dieser Zeit war der Deutsch-französische Krieg ausgebrochen. Mancher eilte über die Grenze nach St. Ludwig, um sich von den Franzosen anwerben zu lassen. Ein Freund von mir fühlte Lust dazu und glaubte, auch mir wäre die Heimat mehr als eine Erbswurst wert, mindestens ein paar Flaschen Burgunder, den es eben nur im französischen Lager gab. Den ließ ich aber nicht übel abfahren, trotzdem er in Mülhausen die Zeche bestritt und mich umarmte und verküßte, in der Hoffnung, ich ziehe mit ihm.

Ein Kontorgehilfe Herrn Hurters, ebenfalls ein 319 Landsmann, wurde einberufen. Teilweise durfte ich seine Stelle ausfüllen und alles lies mir so gut aus der Hand, und Herr Hurter hatte solche Freude an meinem anstelligen Wesen, daß er mir Hoffnung machte, mich als Geschäftsteilhaber anzunehmen. Zu diesem Zwecke ließ ich mich naturalisieren, und so geriet mein Glücksschifflein, das so lange unter Windstille gelitten hatte, wieder in günstige Treibluft und schaukelte sich ganz munter.

Wer weiß? In ein bis zwei Jahren schon durfte ich Agathe einladen, zu mir einzusteigen auf gemeinsame Fahrt.

Da rief mich Herr Hurter eines Tages auf sein Zimmer. Barsch fuhr er mich an:

»Manesse, ist's wahr, Ihr seid in Konstanz Eurer Kostgeberin durchgebrannt? Ja oder nein? Macht's kurz!«

»Woher wissen Sie?« warf ich schüchtern ein.

»Tut nichts zur Sache!«

Ich konnte nicht nein sagen, fügte nur kleinlaut hinzu, daß ich die Absicht hätte, die Schulden so bald wie möglich zu begleichen.

Allein da schüttelte der gute, vielleicht allzu streng rechtlich denkende Herr ungläubig den Kopf und die Hand in der Luft und rief: »Schon gut! Es ist aus zwischen uns. Ich kann Euch nicht mehr brauchen. Donnerwetter! In welchen Zipfel der Welt ist die Ehrlichkeit hinausgefahren?«

Diesmal nahm ich unter Tränen Abschied. Auch Herr Hurter wehrte sich ihrer mit Not. Es schmerzte mich, als er mir die Hand drückte und dabei an mir vorbei sah und schrie: »Sorgt, daß es lauter wird 320 in Euch! Es ist schade, jammerschade, daß Ihr nicht ganz lauter seid . . . Donnerwetter, ein Mann wie Ihr, der alles kann, was er will . . . Vielleicht kommt Ihr später einmal zu mir, wenn alles in Ordnung ist!«

Damit stand ich wieder auf der Gasse: Ich war zum Wandern bestimmt! Und doch! Ich hatte die Wohltat des seßhaften Lebens an mir verspürt. Meine Gedanken- und Gefühlswelt, die sich über den ewigen Erschütterungen meiner Abenteuer gar nicht hatte auskristallisieren, gar nicht hatte bestimmte Gestalt und Form annehmen können, war doch in eine Art Selbstschichtung hineingeraten und hatte sich auf ihre Anlage orientiert. Etwas wie Charakter, der sich eben nur im dauernden Verkehr mit Menschen herausbildet, hatte sich eingestellt. Doch war der romantische Sinn, genährt und gestärkt durch das lange Wanderleben mit seinen wundersamen Kontrasten, noch zu lebendig in mir, als daß ich mich mit einem Schlag auf ein stetes Dasein und Gebaren hätte einrichten können. Dessen wurde ich bei einem Zufall mächtig inne. Einer unserer Mitkostgänger hatte große Lust, in den Polizeidienst der Stadt Basel einzutreten. Er führte aber eine schreckliche Handschrift und verstand sich gar wenig aufs Rechtschreiben. Diesem Kameraden, Weber hieß er, gab ich nun den Winter über in seiner kalten Kammer Schreibunterricht und drillte ihn wie einen Schuljungen, bis er ordentlich und richtig schrieb, so daß er die Prüfung bestehen konnte.

Mit deinen Anlagen und Fertigkeiten, dachte ich nun, kannst du es doch sicher weiter bringen als der 321 da. Kannst Detektiv, kannst Polizeioffizier werden. Und sofort sah ich wieder ein buntes Reich romantischer Möglichkeiten vor mir in glänzender Fülle auftauchen.

Ich meldete mich ebenfalls als Kandidat an, wurde vorgeladen, angenommen, wurde vom Arzt untersucht und ließ mir die Uniform anmessen. Ein älterer Polizeisoldat führte mich in der Stadt herum, machte mich bekannt mit den Stadtbezirken, den Verwaltungsgebäuden und den höchsten Beamten. Ganz interessant fand ich die Theoriestunden, die mir bewiesen, daß all die Kniffe und Listen, welche ich bis dahin hatte anwenden müssen, nur eine bescheidene Schule zum Verbrechertum waren. Es gab Stunden, da ich mich ernstlich besann, ob ich nicht eigentlich zu jenem Wild gehöre, das ich nun jagen sollte.

Allein der Gedanke beruhigte mich, daß mich das Schicksal geschüttelt habe, so arg und so gründlich wie den seligen Odysseus, und Schlauheit und verwegene List nichts anderes seien als die Waffen, welche die von Gott selbst verwaltete Natur uns in den Geist gelegt habe, um gegen die Tücken eben jenes Schicksals anzukämpfen und uns zu behaupten.

Immerhin bereitete ich mich mit Ernst und Ausdauer auf meinen Beruf vor und eben hatte ich die Prüfung als erster bestanden – die Kenntnisse der fremden Sprachen waren mir sehr zustatten gekommen – als mich eine neue Tücke aus der glatt vor mir liegenden Bahn warf. Von Konstanz war auf den geheimen Wegen der Polizei Bericht gekommen, daß ich dort noch soundsoviel schulde. Ich wurde deshalb auf einen Nachmittag zum Vorsteher des 322 Polizeikorps geladen. Was war mein Los? Ich wurde gefänglich eingezogen, wenn ich nicht das Geld auf den Tisch legte. Das konnte ich nicht. Blitzschnell war mein Entschluß gefaßt: Paris war jetzt unerreichbar; also nach Süden! Mit Zurücklassung meiner Ausweisschriften floh ich zur Stadt hinaus und schlug den Weg nach Italien ein. Es war im harten Monat Dezember; ohne gute Schriften und ohne noch besseres Geld ging ich dem Gotthard zu. Am Silvesterabend kam ich im Hospiz an und sollte nach einer vor Kälte schlaflosen Nacht am Neujahrsmorgen des Jahres 1871 fröhlich erwachen, mit einer Barschaft von dreißig Rappen in der Tasche, die kaum so viele Heller wert waren.

In Bellinzona galt es von meiner guten Uhr Abschied zu nehmen. Es ging mir nahe. Um einen Butzenstiel gab ich sie hin; der Käufer, der sich nicht entblödete, sich selbst am ärmsten Teufel zu bereichern, bot mir neun Franken. Sie genügten wenigstens meinem Zwecke. Da ich außer meinen Zeugnissen keinerlei Schriften besaß, mußte ich alles dransetzen, ungehindert über die Grenze zu kommen. Dies konnte mir um so leichter gelingen, als ich nichts mit mir führte, als was ich am Leibe trug. Jedoch hätte mich das redliche Kunststück nicht auf Tage und Wochen hinaus gesichert.

Ich saß in einer Osteria in Como; vor mich hinbrütend und auf einen Plan sinnend, auf welche Weise für meine Persönlichkeit rasch eine neue Legitimation zu erlangen wäre. Ohne eine solche lief ich schon in der ersten Nacht, da ich Herberge nahm, Gefahr, angehalten und über die Grenze befördert 323 zu werden. So weit also wären wir gekommen seit unserm letzten Hiersein! Betrübliche Gedanken wollten mich überfallen, als ich mich an den Abschied von Mörike erinnerte und all der schönen Aussichten, die sich mir seitdem eröffnet und wieder verschlossen hatten.

Weiß Gott, auch die Gestalt des Scharfrichters von Rheinfelden tauchte mahnend und drohend wieder vor mir auf. Allein wegen einer Lappalie von etlichen hundert Mark mich ins Gefängnis werfen lassen und mein ganzes zukünftiges Leben verpfuschen?

Alles, was in mir Mann hieß, lehnte sich dagegen auf. Meine Wirtin in Konstanz konnte ein Jährchen warten. Ich schüttelte den Trübsinn ab. Friß, Vogel, oder stirb! hieß es für mich. An Einfällen gebrach es mir nie. Erfinderisch wie ein Dichter ist die Not. Bald stellten sich allerlei Kniffe mir dar. Ich brauchte nur zu wählen. Endlich ward es mir hell im Kopf, als es draußen dunkelte. Ich stand vom Tische auf, bezahlte meine kleine Zeche und fragte nach dem letzten Zuge nach Mailand. Dann trat ich, meine paar Münzen zählend, bei einem Sattler ein und kaufte einen ledernen Riemen, wie man sie an Geldtaschen sieht. Draußen schnitt ich die beiden Enden, an welchen Ringe zum Einhängen befestigt waren, ab und warf sie den Rain hinunter, als ich zur Station Camerlata hinaufstieg. Dann zog ich den Riemen unter dem Überzieher und der Schulter durch, kaufte ein Billett nach Mailand, stieg in den Zug und stellte mich nach einiger Zeit schlafend.

In Mailand angekommen, ließ ich mich als der Letzte im Wagen vom Schaffner wecken und benahm 324 mich wie ein Schlaftrunkener. Doch kaum war ich auf dem Bahnsteig einige Schritte gegangen, stürzte ich hastig zurück. In den letzten Wagen hinein! Ängstlich um mich geblickt und in meinem Abteil alle Winkel durchsucht! Ein Bahnbeamter folgte mir. Dann lamentierte ich auf Deutsch und Französisch, obschon mir das Italienische geläufig war, ich hätte meine Reisetasche im Wagen liegen lassen. Man half mir suchen. Alles erfolglos.

Wie ein Wahnsinniger schoß ich hin und her, bis mir ein Polizist den Überrock öffnete und den zerschnittenen Riemen entdeckte. Jetzt riefen mir die Leute von allen Seiten zu: »Sie sind bestohlen worden, beraubt!«

Ganz verzweifelt betrachtete ich den Lederriemen und ließ mich zum Inspektorat führen. Der Schaffner, der mich geweckt hatte, und andere folgten und stellten sich mir als Zeugen zur Verfügung. Kein Mensch zweifelte an ihren Aussagen, daß ich auf der Fahrt während des Schlafens beraubt worden sei. Es sprudelte nur so von Beteuerungen aus dem geschwätzigen Mund der Italiener, und ich brauchte gar nicht zu lügen, sondern bloß zu schweigen, was allerdings nicht weniger war.

Sofort ließ man den Chef der Polizei rufen, ein langes Verhör wurde vorgenommen, der Schaffner nannte Steckbriefmerkmale eines Mitreisenden im gleichen Abteil, der nun auf Grund derselben telegraphisch nach verschiedenen Städten verfolgt wurde.

Da es zu spät war, als daß ich mich ans schweizerische Konsulat hätte wenden können, wurde mir 325 ein Beamter beigegeben, der mich in einen anständigen Gasthof begleitete und für mich einen von der Polizei ausgestellten Gutschein abgab. So erhielt ich ein gehöriges Nachtessen und ein rechtes Zimmer. Zuvor hatte man mich noch gefragt, was ich alles in der Reisetasche gehabt hätte, natürlich vergaß ich nicht meine Papiere als Inhalt zu nennen, um durch diese List beim schweizerischen Konsulat einen Paß zu erhalten.

Um die Barschaft, die ungefähr hundert Franken betrug, kümmerte ich mich nicht besonders. Ich käme von Zürich, gab ich an, und hätte – wie Freund Bachmann – in Pisa als Kolorist eine Stelle angenommen, die ich übermorgen antreten müsse. Dabei machte ich ein möglichst unschuldiges Gesicht und stellte mich so unerfahren im Reisen, daß der Bahnhofvorstand glaubte, er habe einen vollendeten Einfaltspinsel vor sich, und deshalb sagte: »So etwas kann nur einem Deutschen begegnen!«

Ich ließ mir das an den Kopf werfen; es tat mir nicht weh. Andern Tags aber konnte ich darüber lachen, als ich mit einem neuen Paß und zwanzig Franken Reisegeld, die mir der Konsul gespendet, im Zuge nach Alessandria saß. In Genua wurde ich, ganz in die Betrachtung des Kolumbusdenkmals versunken, eines Tages plötzlich von hinten angeredet. Ich wende mich um und sehe meinen Freund Mörike, seine Frau am Arm. Er befand sich auf der Hochzeitsreise. Natürlich feierten wir den Tag. Ich hörte, wie er eine Schreibmaschine erfunden, ein Patent darauf genommen und mit seinem Bruder ein bereits flottgehendes Geschäft gegründet habe. Er wollte 326 mich mit aufnehmen; doch fühlte ich mich nicht zum Geschäftsmann geboren.

Wie hatte uns beiden das Glück gelächelt!

Er hatte es umfaßt und behalten; ich hatte es in den Kot getreten und war wieder Landstreicher geworden.

Und dennoch folgte ich einem Zug meines Herzens!

Ohne es zu wissen, schlug ich den einzig sicheren Weg ein, um durch Südfrankreich nach Paris zu gelangen, wo, wie ich in Basel von einer Münsterin vernommen, Agathe nunmehr bei einer Gräfin de Salins als Erzieherin angestellt war.

Weiter ging es, der Riviera, dem herrlich blauenden Meere entlang. Ich war wie im Elysium. Für die ermüdenden Märsche, für Hunger und Obdachlosigkeit entschädigte mich immer wieder die farbenglühende Schönheit dieser paradiesischen Landschaft. An kurortmäßigen, reichen Städten und Dörfern und armseligen Fischerweilern ging es vorbei. In den Schiffswerften staken die Gerippe ungeheurer Fahrzeuge als Zeichen des friedfertigen und südländischen Handelsgeistes. In Nizza aber spürte ich gleich, daß der Krieg über das sonst so glückliche Land hereingebrochen war. Verwundete Krüppel aller Art, Genesende waren auf allen Straßen zu sehen. In allen wohlhabenden Häusern waren die Schlachtopfer des mörderischen Krieges untergebracht.

Über Antibes an den düstern Arsenalen von Toulon vorbei! Richtung Marseille!

In Marseille erhielt ich vom Konsul ein Freibillett nach Lyon. Da wimmelte es in den Straßen von allen Waffengattungen. Sattler, Schuster, 327 Tapezierer, Weiber aus allen Berufen nähten auf Tod und Leben Tornister, Patrontaschen, Brotsäcke und Lederzeug, in den offenen Hausgängen, beim Sonnenschein sogar auf den Straßen sitzend. Es war die Zeit, da Gambetta eine neue Armee aus der Erde stampfte. Überall Truppen in Zivil, halb und ganz in Uniform, alle in Übung begriffen. Rings um die Stadt herum wurden Befestigungen angelegt. Man erwartete, daß die Deutschen durch die Schweiz über den Jura gegen Lyon vordringen würden. So herrschte großer Arbeitermangel und wurde ich gleich in der Brauerei Corrompt angenommen. Wir wurden wie Herren behandelt und hatten Geld wie Heu. Eine Mittagstafel hatten wir wie an einem Kurort. Hernach ging's ins Kaffeehaus und dann zu einer Partie Billard bis um zwei Uhr. Die übrige Zeit wurde um so wackerer drauflos gearbeitet. Als Biersieder konnte ich täglich für acht bis zehn Franken Bierhefe verkaufen und so brachte ich in wenigen Monaten das Nötige zusammen, um von Lyon aus meine Wirtin in Konstanz zufriedenzustellen.

Im Laufe einiger Monate gelang es mir, ein ansehnliches Stück Geld zusammenzubringen, und ich war gesonnen, es nicht auf der Landstraße und in den Herbergen zu verzetteln. Mein Äußeres war stattlich herausgeputzt und im Departement des Innern suchte ich nach Möglichkeit Ordnung zu schaffen, um, in Paris angekommen, vor der Obrigkeit meiner Seele wohl zu bestehen. Als ich mich so instand gesetzt fühlte, daß ich an jedem Orte mit Agathe zusammentreffen durfte, ohne ihr Unehre zu machen, brach ich von Lyon an einem Sommermorgen auf, 328 um zum Liebchen zu ziehen. Ich legte den Weg nach Norden zum Teil zu Fuß, zum Teil auf Gelegenheitsfuhrwerken zurück. Allein in Chalons war die Pariser Straße gesperrt; nur Militär wurde durchgelassen. In unerwarteter Weise war mein Plan durchkreuzt. Wie ich nun außerhalb der Stadt auf einem Meilenstein sitzend die Landkarte studierte, um den nächsten Weg nach der Schweiz ausfindig zu machen, stieß ich auf den Namen des Städtchens Salins, der mich erregte wie ein Wink von oben.

Die Gräfin de Salins war die Herrin meiner Agathe. Ich wußte, daß der Adel massenhaft aus Paris geflohen war. Warum sollten die de Salins in der bedrohten Hauptstadt geblieben sein? Und ich suchte ja den Weg nach der Heimat des Herzens!

Jedenfalls würde ich in Salins, wo sich das Stammschloß des Geschlechts befand, Auskunft über den Aufenthalt der Familie erhalten. Irgendeine Gewißheit in dieser Richtung war wohl zwei Tagesmärsche wert.

Das gesuchte Schloß lag außerhalb der kleinen befestigten Landstadt, welche die Straße von Pontarlier her beherrscht, auf einem bewaldeten Hügelvorsprung. Da hinaus begab ich mich in der Frühe schon, um, wenn möglich, einen Blick von Agathe zu erhalten oder ihren sonstigen Aufenthaltsort zu erfahren. Lange lag ich auf der Lauer. Alles war still im Gut. Nur von Zeit zu Zeit hörte ich einen Rechen mit hartem, trockenem Geräusch durch den Wegkies gehen. Das Eingangstor war wohl verschlossen. Endlich, nach stundenlangem Harren, wagte ich's, mich auffällig zu machen, und rief in den Park 329 hinein. Ein weißbärtiger Gärtner kam langsamen Schrittes heran, ein gewaltiger Neufundländer eilte ihm voraus und begrüßte den Fremdling mit lautem Gebell. Ich erkundigte mich nach Agathe Berlinger und sah nun, wie das Gesicht sich zu einem gutmütigen Lächeln verzog. »Gewiß, gewiß, sie ist bei uns. Nur ist die Herrschaft gegenwärtig in der Schweiz und Mademoiselle Agathe mit ihr.«

In Luzern, wo der jüngste Sohn der Gräfin, der bei der Bourbaki-Armee als Hauptmann gedient, in freier Gefangenschaft gehalten wurde.

Des langen und breiten gab er mir Auskunft über das Befinden Agathes und ihre Tätigkeit, und ich erkannte an der Ehrerbietung, mit welcher der Alte von ihr sprach und mit der er mich, einen Fremden, behandelte, der sich bloß nach ihr erkundigte, wie sie geschätzt und geachtet war.

Wo in aller Welt würde man über mich so gern und so liebenswürdig Auskunft erteilen können?

Ich wurde wieder klein vor mir selber und begann meinen hoffärtigen Plan während der Wanderung nachdenklich zu überlegen. Zu der Achtung vor der Schönheit meiner Stillverlobten gesellte sich mehr und mehr eine Scheu vor ihrem sittlichen Wesen. Zaghaftigkeit übernahm mich, und so trat ich eines Tages in einer kleinen Landstadt, die ganz voll deutscher Truppen war, bei einem elsässischen Bierbrauer in Dienst. Er braute einen fürchterlich blöden Gerstensaft, der mich nie in Versuchung geführt hätte.

Einmal hatte ich in dem weitläufigen Hause etwas auf dem Estrich zu schaffen. Da entdeckte ich unter einem Haufen leerer Säcke vier Lanzen von deutschen 330 Ulanen. Ich fragte hernach meinen Meister, warum er diese Lanzen verberge. Da sagte er mit drohend aufgehobenem Finger: »Daß du schweigst! . . . Diese vier trinken kein Bier mehr. Dafür haben wir gesorgt! . . . Wenn du sprichst, geht's dir an die Gurgel!« . . .

Als ich das vernahm, ward mir übel. Die ganze Nacht schlief ich nicht, wälzte mich auf meinem Bette und fragte mich, was ich tun solle. Als ich am Morgen an die Arbeit gehen sollte, war ich wie an allen Gliedern geschlagen und trotzdem die Seele in vollem Aufruhr. Aber als die mir lieb gewordenen Kinder des Meisters mir das Händchen zum Morgengruß gaben, waren meine Zweifel gebannt und mein Entschluß bald gefaßt.

Ich überließ den Meister dem Schicksal, dem ich nicht vorgreifen wollte, schnürte mein Bündel und trollte mich. Es hätte mich keinen Tag länger unter seinem Dache gelitten.

Sonderbar, wie es mich nach der Schweizergrenze hinzog. Ich lief an jenem Tage bis in die Nacht hinein, so daß ich bei meiner Ankunft in der Herberge zu müde war, um das Nachtessen einzunehmen.

Am folgenden Morgen war ich auf der staubigen Landstraße noch nicht weit gegangen, als mich ein Gefährt einholte. Ein magerer Schimmel zog es und eine schwarzäugige Spanierin lenkte ihn vom Bock herab. Drei ungewaschene und ungekämmte Rangen saßen im Wagen. Sie lud mich ein, neben ihr Platz zu nehmen, was ich nicht ausschlug. Während der Fahrt erzählte sie mir, daß ihr Mann sie vor acht Tagen verlassen habe; sie wisse nicht, wo er stecke. 331

Alsdann fragte sie mich, ob ich nicht die Güte haben wollte, mich als Besitzer ihrer Equipage zu betrachten und an ihrer Seite das schöne Frankreich zu durchziehen. Ich hätte weiter nichts zu tun, als den Schimmel zu leiten und ein- und auszuspannen, da ihr dies zu beschwerlich sei. Für den Unterhalt werde sie sorgen. Sie und ihre ältere Tochter seien Sängerinnen, sie zeigten ihre Kunst in den Wirtschaften und verdienten ein schönes Geld. Zum Beweise griff sie in den Busen und zog ein Leinensäckchen hervor, in welchem sich, wie sie behauptete, zwölfhundert Franken selbstverdientes Geld befand.

Gott, gebratene Tauben sollten mir einmal in den Mund fliegen!

Ich war müde und ergriff auf Zusehen hin das Leitseil, um mich in den Beruf eines Wagenlenkers und den des Beschützers einer spanischen Donna einzuleben. Der Schimmel war einverstanden und die schwarzäugige Tochter Granadas betrachtete ihren neuen Gebieter mit zufriedenem Lächeln.

In der nächsten Ortschaft wurde halt gemacht. Es war um die Mittagszeit. Die Donna ging ins Wirtshaus, um den Imbiß zu bestellen, vielleicht gar den Hochzeitsschmaus, während ich den Gaul zur Tränke führte. Das Mädchen, das mich dabei begleitet hatte, stieg noch einmal in den Wagen, um ein farbiges Tuch herauszuholen, das über den verwilderten Kopf geschlagen werden sollte. Da fiel mir auf, daß sie das Tuch von beiden Seiten so genau besah, als ob sie die Fäden zählen wollte. Als ich nach dem Grunde fragte, erzählte sie frank heraus, der Wagen sei ganz voll Wanzen. 332

Auf einmal hatten die zwölfhundert Franken keinen Reiz mehr; auch die Müdigkeit war von den Gliedern weggeblasen. Nun aber rief mich die Donna mit edlen Geberden ins Wirtshaus hinein. Ein lockender Schmaus, aus Braten, Eiern und Salat bestehend, duftete auf dem Tische.

Neben dem reinlich schimmernden Tischtuch, das ganz festlich aussah, kam mir aber meine Gesellschaft so schmutzig vor und die Mädchen, die mit den Händen in den Tellern herumgriffen, so ungezogen und zigeunerhaft, daß es mir ekelte.

Ich gab vor, ich hätte draußen noch etwas zu schaffen, holte mein Felleisen und lief davon, was mich die Beine tragen wollten. Kaum lag jedoch eine Wegstunde hinter mir, hörte ich in der Richtung, aus der ich kam, ein verdächtiges Geräusch; und wie ich mich umsah, kam der verwünschte Schimmel auf mich zugetrabt, dem man offenbar mit doppeltem Hafer eingeheizt hatte, so wacker griff er aus; streckenweise schlug er sogar den Galopp an, so daß ich annehmen mußte, die Donna habe ihm noch besondere Versprechungen gemacht. Ich ging gemächlich meiner Wege, ohne mich wirklich zu beeilen; denn der Vierbeiner hätte mich doch eingeholt.

Kaum waren wir auf gleicher Höhe, so prasselte aus dem Wagen ein Hagel von Schimpfreden auf mich herab. Die Donna erhob sich vom Bocke und lud mich mit der Geißel ein, neben ihr Platz zu nehmen. Als das nichts fruchtete und ich standhaft blieb, versuchte sie's mit Schmeicheleien und Liebenswürdigkeiten und warf mir süße Blicke aus ihren schönen Augen zu. Allein ich hatte nun einmal einen solchen 333 Abscheu vor der zwei-, vier- und sechsfüßigen Gesellschaft, daß mir alle Galanterie abhanden kam.

Unbesiegt trabte ich weiter, ließ den meisterlosen Schimmel ohne Rührung ganze Wendung machen und den Wagen mit dem verschmähten Glück dahin ziehen, woher er gekommen war.

Verschmähtes Glück? Ich sollte gleich in der nächsten Morgenfrühe eines besseren belehrt werden. Da kam mir einer auf einem Maultier entgegengeritten, der mich durch seine südliche Gesichtsfarbe, seine verschmitzten Züge und sein ganzes Äußere sogleich auf den Gedanken brachte, ich hätte es mit dem Ritter zu tun, dessen würdiger Stellvertreter ich einen halben Tag lang gewesen war. Er hielt sein wohlgenährtes Tier an und fragte mich in einem spanischen Welsch, ob ich nicht einem Fuhrwerk begegnet sei, das so und so aussehe und die und die Insassen beherberge, wobei er allerdings die Sechsbeiner zu erwähnen vergaß. Die farbige Schilderung ließ mir keinen Zweifel übrig, daß es sich um die verschmähte Schimmelpartie handle.

Donnerwetter! sagte ich zu mir selbst. Was wäre da wohl geschehen, wenn der dich an der Seite seiner Verlassenen getroffen hätte! Der Kerl sah sehr unheimlich aus und trug einen Revolver in der Tasche.

Da ich seine Frage nicht geradeheraus beantwortete, sondern allerlei Merkmale zu kennen wünschte, erzählte er unter fürchterlichen Drohungen, daß er Seiltänzer sei und daß ihm seine Frau eines Nachts mit einem der Wagen und all seiner Barschaft durchgebrannt sei. Seit mehreren Tagen suche er sie und werde nicht ruhen, bis er das Pack gefunden habe, 334 und sollte er ein halbes Jahr darüber verlieren. Von ihrem Stamme sei sie verachtet und entehrt, und er wünsche nichts mehr als Rache zu nehmen.

Nun war er also nahe am Ziele, ohne es zu wissen. Noch am selben Tage würde er sie eingeholt haben, wenn ich gewollt hätte. Allein im Namen der Menschlichkeit durfte ich mir die Gelegenheit nicht entgehen lassen, ein bißchen die Vorsehung zu spielen. In einigen Tagen oder Wochen, so rechnete ich aus, verraucht sein Groll. So wie er jetzt vor dir steht, wird er die Schuldige töten, wenn sie überhaupt schuldig ist.

So griff ich denn zu einer List und erklärte, die betreffende Dame sei mir am gestrigen Morgen auf der gleichen Straße vorgefahren; ich hätte sie gebeten, müde wie ich war, mich ein Stück weit mitzunehmen. Sie hätte jedoch gesagt, sie bleibe nicht auf dieser Straße, sondern wende sich nach Paris, während sie in Wirklichkeit nach Lyon zurückfuhr.

Das wollte er nun nicht recht glauben, indem er gestand, sie sei vor einem Jahr dort gewesen und mit der Polizei in Konflikt geraten. Aber als ich ihm den Wagen, den Schimmel und dessen Geschirr genau beschrieb, schwand sein Zweifel. Er gab mir für die Auskunft ein Päckchen Zigaretten und sauste voll süßer Rachewut den Weg zurück, den er gekommen war.

Mir aber war ganz wohl ums Herz. Ich hatte einem Menschen das Leben gerettet, oder jedenfalls die Rache hinausgeschoben. Mich selber aber hatte der Abscheu vor den Wanzen vor dem Unheil bewahrt. Das gab mir zu denken. Ich überlegte, was die Reinlichkeit des Körpers für den Menschen und 335 seine Entwicklung bedeutet und übertrug die gewonnenen Resultate auf das geistige und sittliche Dasein.

 

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