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Heinrich Manesses Abenteuer und Schicksale

Adolf Vögtlin: Heinrich Manesses Abenteuer und Schicksale - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
booktitleHeinrich Manesses Abenteuer und Schicksale
authorAdolf Vögtlin
year1910
firstpub1910
publisherH. Haessel
addressLeipzig
titleHeinrich Manesses Abenteuer und Schicksale
pages416
created20180126
sendergerd.bouillon@t-online.de
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13. Die Heimat in der Fremde.

Da die Sieger von Oajaca sich bei uns befanden, war unser Einmarsch in Mexiko ein rauschender Triumphzug. Marschall Bazaine kam uns zwei Stunden weit mit einem mexikanischen, einem österreichischen und einem belgischen Musikkorps entgegen, die im Spiel beständig abwechselten. Wir durchzogen die vielen Gartenstraßen der uns überaus weitläufig erscheinenden schönen Residenz und mußten dann endlich im halbfußhohen Staub eines Kasernenhofes unsere Zelte aufschlagen.

Unser erster Ausgang galt dem Kaiserpalast, der sich mitten in der Stadt auf einem großen freien Platz als ein kasernenartiges viereckiges Schloß erhob. Am dritten Tag kam ich zum erstenmal als französischer Grenadier beim mexikanischen Kaiserpaar auf die Wacht. Der Palast umschloß einen geräumigen viereckigen Hof. Ringsherum liefen an den beiden Stockwerken elegante Veranden, auf denen 260 sich das eigentliche Leben abspielte, während die Außenseite des Palastes völlig tot aussah. Im Hof waren die verschiedenen Stallungen, Remisen, Magazine, sowie auch die Küche. Im ersten Stockwerke wohnte das Herrscherpaar und sein Gefolge, das größtenteils, wie die Dienerschaft, aus deutschen Elementen bestand. An der Stirnseite des Palastes öffneten sich drei Eingangstore, wo wir Posten stehen mußten. Auch im Innern des Palastes waren außer der Leibgarde in jedem Stockwerk noch Schildwachen aufgestellt, die wir zu liefern hatten.

Am Morgen zwischen acht und neun Uhr kam Maximilian mit seiner Charlotte in einem offenen Wagen, der mit drei falben Maultieren vornehmster Abstammung bespannt war, in gestrecktem Galopp quer über den Platz gefahren. Des Nachts verweilte er stets in seinem Sommerschloß Chapoltepec, das etwa eine Stunde entfernt war.

Wir mußten natürlich antreten und die Gewehre präsentieren. Bei diesem feierlichen Anlaß fuhr unserm neugebackenen Korporal die Ehrfurcht vor dem gekrönten Haupt so sehr in die eigene Krone, daß er, als der Kaiser grüßte, noch ein Mehreres tun zu müssen glaubte, mit der rechten Hand das Gewehr festhielt und mit der linken ehrerbietig das Käppi lüpfte, was einen putzigen und lachhaften Anblick gewährte, der ihm nicht weniger als drei Tage Arrest eintrug.

Nun also hatten wir den Maxl und seine Charlotte gesehen und konnten ihn um seine Herrlichkeit ordentlich beneiden; am meisten wohl um sein reiches Mittagsmahl. Was da in der kaiserlichen Küche 261 alles gesotten, gebraten und gebacken wurde, hätte hingereicht, um unserm ganzen Regiment ein Festmahl zu bereiten. Wir aber, die wir unser junges Leben aufs Spiel für ihn setzten, erhielten die elendeste Reissuppe, die ich je gegessen. Sie wurde uns von der Kompagnie aus zugeschickt und kam ganz erkaltet an. Das wäre noch nicht das Schlimmste gewesen. Auf dem Platze, wo man kochte, lag einen halben Fuß tief Sand und Staub. Wenn nun der Wind nur ein wenig ging, so wehte er den feinen Sand in die Kochkessel und die schon bereitgestellten Gamellen, und so kam es, daß, wenn die Brühe geläutert war, der Sand sich fingerdick in den Gamellen niedergeschlagen hatte. Um den Bodensatz nicht aufzurühren, mußten wir behutsam oben weglöffeln; hatten wir dann noch die paar Dutzend Fliegen und Mücken, die wenig appetitliche Fleischzulage, abgeschöpft, so waren auch die wenigen tröstlichen Fettaugen damit verschwunden. Das Bröcklein eigentliches Fleisch, das sich im Schlamme verkroch aus Scham über seine Winzigkeit, mußte man gehörig schwemmen, bevor man daran denken mochte, es zu verzehren.

Und aus der kaiserlichen Küche duftete es sozusagen den ganzen Tag so köstlich zu uns herüber, daß wir trotz der Hitze keinen Durst litten, weil uns das Wasser beständig im Mund zusammenlief.

Als ich das zweitemal Wachtdienst im Palast hatte, kam ich auf dem Verandaflur im ersten Stockwerk vor eine Zimmertür zu stehen mit dem Befehl, niemanden ein- oder auszulassen. Hier genoß ich nun in vollen Zügen die herrliche Aussicht in die Küche 262 und die anstoßenden Vorratsräume, wo neben den Köchen fesche Österreicherinnen allerlei hantierten. Auf dem Flügel rechts von mir wohnten die Majestäten, und in jener Abteilung war ziemlich lebhafter Verkehr. Da ging es ein und aus, links dagegen war den ganzen Tag kein Bein zu sehen; auch da, wo ich Wache stand, ging niemand vorbei, es sei denn der Offizier, der die Runde machte.

Desto lebhafter also war der Ausblick nach dem mit Lieblichkeiten geschmückten Raum mir gegenüber im Hofe. Meine Augen schweiften häufig hinüber, und Worte und Laute, neckische Rufe und gemütliches Lachen drang von drüben an mein Ohr. Ach, so munter war das Leben dieser frohmütigen weiblichen Wesen, als gäbe es keine Tragödien auf der Welt. Und so sehnsüchtig meine Blicke die schönen Bratenstücke verschlangen und all die leckeren Speisen, so wonnig schlürfte mein Ohr die süßen Laute der Heimat.

Hie und da schaute eine Maid zu dem einsamen Mann im französischen Waffenkleid, freilich ohne zu ahnen, daß ein deutsches Herz unter dem fremden Rocke schlage, daß einer drin stecke, der den lieben guten Mädchen aus dem Reich der Donau zugetan war.

Und dennoch! Wie schnell vergingen mir die ersten zwei Stunden! . . . Wie ungern ließ ich mich ablösen! Wie wohl tat meinem Herzen der Anblick deutschen Tuns und Wesens.

Nach der Ablösung begab ich mich mit einem Kameraden in den Hof, um in der Remise den Triumphwagen zu sehen, den der Kaiser bei seinem 263 Einzuge benützt hatte. Es war ein reich mit Schnörkeln versehenes und überladen vergoldetes Kunstwerk, dem ich keinen Geschmack abgewinnen konnte: eine Theaterkutsche.

Eben führte man einen prächtigen arabischen Vollbluthengst zum Tor herein, der für den kaiserlichen Marstall angekauft worden war, ein Tier, das wirklich eines Kaisers würdig, selber ein Kaiser unter seinesgleichen war. Wie wir es anstaunten und bewunderten, kam auch Seine Majestät selber dahergeschritten, um seinen künftigen Liebling zu besichtigen. Der Führer wollte es richtig präsentieren, es von der andern Seite zeigen und gab ihm zu dem Zweck, als es sich nicht schnell genug wandte, mit der Reitpeitsche einen leichten Schlag. Da bäumte sich das stolze Tier auf, entriß dabei dem Zureiter die Zügel, und nun, sobald es sich frei fühlte, sprengte es dem Tore zu, wo mein Kamerad Grundgeiger Wache stand.

Ich schrie ihm zu: »Mach's Tor zu!« Doch ehe er mich verstanden hatte, war das edle Tier an ihm vorbeigesaust.

Der Stallmeister, ein Mexikaner, riß sein bestes Maultier aus dem Stalle, schwang sich blitzschnell auf dessen sattellosen Rücken und sprengte dem Ausreißer nach. Nach einer Viertelstunde brachte er ihn schweißtriefend in den Hof zurück.

Der Kaiser hatte mich fest angeblickt und da er gehört, daß ich Deutsch sprach, näherte er sich mir und ließ sich huldvoll so weit zu mir herab, daß er mich fragte: »Was sind Sie für ein Landsmann?«

»Ein Deutscher aus Münster, Majestät!«

»Gefällt es Ihnen hier?« 264

Wie gerne hätte ich gesagt: Jawohl, wenn nur die Suppe besser wäre! Ich ließ es aber beim ersten Wort bewenden, worauf der Kaiser in seine Westentasche griff und dem armen Grenadier eine Unze zusteckte.

Bevor ich recht Zeit hatte, mich schön zu bedanken, war der Kaiser weg. Freudig verwundert besah ich das funkelnde Goldstück, das für mich den Sold für zwei Monate enthielt. Noch mehr verwundert aber waren die Umstehenden über die Ehre, die mir widerfahren, und ich war der Gegenstand allgemeiner Begaffung. Auch drüben in der Küche war der Vorgang bemerkt worden. Mein trinkfester, rotmündiger Wachtmeister wurde vor Neid ganz blau im Gesicht und verbot uns, fürderhin so weit in den Hof hineinzugehen, während er sich selbst in den nächsten Tagen immer in der Nähe der Ställe herumtrieb. Allein der splendide Kaiser kam nicht mehr und ich wurde es wieder einmal inne, wie ich bei allem Pech ganz außergewöhnliches Glück gehabt hatte, und schöpfte daraus Hoffnung, es möchte mich einmal beim Schopfe fassen und dem Höllenpfuhl, in dem ich watete, entreißen.

Schade, daß wir auf der Wache keinerlei Labsal holen durften; gerne hätte ich bei einem solchen Taglohn einmal ein Leib und Seele erfrischendes Vesperbrot eingenommen und für meine Kameraden auch etwas abfallen lassen. Allein um acht Uhr mußte ich wieder Posten stehen. Die Unze in der Hosentasche brannte mich; ich konnte es kaum erwarten, bis wir andern Mittags abgelöst wurden.

Schon war es am Zunachten. In der Küche mir 265 gegenüber wurde lebhaft die Abendtafel zugerüstet. Da sah ich, wie am erhellten Fenster eine der fleißigen Mägde, im Gespräche mit einer Nachbarin, mit dem Finger zu mir hinüberdeutete. Wahrscheinlich erzählte sie von meinem Glücke.

Ich zog mein Goldstück hervor und streckte es zur Schau aus, worauf sie mir freundlich zunickte. Ich wurde kecker und bedeutete ihr, als sie eben von einem verführerischen frischen Schinken abschnitt, daß ich auch einen Magen hätte, der solch zarte Dinge verdauen könnte. Die beiden Feen schienen mich verstanden zu haben; denn die eine hob eine Schnitte in die Höhe und tat, als ob sie mir dieselbe zuwerfen wollte. Zum Spaß streckte ich ihr mein Käppi entgegen – die »Königskinder« konnten wieder einmal nicht zusammenkommen. Ich hatte nichts davon, als daß mir der Mund wässerte!

Nach einer halben Stunde etwa sah ich jedoch im halbdunkeln Flur ein Frauenzimmer behutsam daherschleichen.

Mir war nicht wohl dabei. Meinen scharfen Dienst wollte ich nicht vernachlässigen, mich ob keiner Ungehörigkeit ertappen lassen; ich dachte auch an den roten Wachtmeister, der mir nicht mehr grün war.

Das Frauenzimmer kam immer näher, immer hinter sich blickend, ob sie niemand beobachte. Sie trug etwas im Arm und bedeutete mir, ich solle ihr ein paar Schritte, an eine dunkle Stelle, entgegenkommen, indem sie mir zugleich ein Päckchen entgegenstreckte. Die Versuchung war zu groß. Ich ging; der Glückstag hatte mich kühn gemacht.

»Sprechen Sie Deutsch?« war ihr erstes Wort. 266

Als ich die Frage bejahte, war sie's zufrieden und händigte mir das Päckchen ein. Ich solle es nehmen, es sei ein Braten darin. Einem Franzosen hätte sie gewiß nichts zugesteckt. Sie hatte große Freude, als ich ihr meine Vaterstadt nannte. Dort war sie auch schon gewesen.

Meine Spenderin war ein hübsches Kind, verlockend zum Plaudern. Allein es galt rasch zu handeln. Schnell knöpfte ich meinen Waffenrock auf und versorgte die Gabe. Nachher fragte sie, ob wir nicht genug zu essen bekämen, worauf ich erklärte, ein Soldat habe immer Hunger. Sie versprach mir, wiederzukommen, wenn ich nochmals Wachtdienst habe. Noch flüsterten wir einige Worte zusammen und ich fragte, wie ich ihr danken könne.

»Ach, was tut man nicht um a Busserl!« sagte sie, natürlich und neckisch kichernd. Das war deutlich gesprochen. Wie ich ihr aber als Gegengabe ein Küßchen schenken wollte, fiel mir das Gewehr aus der Hand und verursachte beim Auffallen auf dem Steinboden der Veranda ein höllenmäßiges Gepolter. Sie floh, so schnell sie konnte. Ich zitterte, als ich unten auf der Wachtstube Lärm hörte. Da flog mir ein hilfreicher Gedanke zu. Ich schrie aus Leibeskräften zum Wachtlokal hinunter: »Wacht ins Gewehr!« Der Offizier, der Wachtmeister und sechs Mann stürmten die Treppe herauf. Auch vom rechten Flügel kam ein Offizier mit zwei Mann von der Leibwache und erkundigte sich, was sich zugetragen habe. Ich deutete nach oben, erklärte, das Geräusch sei von dorther gekommen, es sei mir gewesen, als hätten zwei mit Säbeln gefochten und als sei einer 267 zu Boden gestürzt. Alle stürmten hinauf. Einer von der Leibwache äußerte zwar die bestimmte Meinung, das Gerassel sei in meiner Nähe gewesen. Doch ließ ich sie nicht gelten. Auch mein Wachtmeister wollte mich verdächtigen; mein Offizier dagegen nahm mich in Schutz und behauptete, es müsse im obern Stockwerk gewesen sein.

Nachdem ich abgelöst war, wurde ich zum andern Tor geführt, wo sich die Hauptwache, welche ein Hauptmann befehligte, befand, und ich mußte nochmals alles haarklein erzählen, damit gehörig rapportiert werden konnte. Der Hauptmann lobte mich, daß ich so schnell die Wacht alarmiert habe. Hernach durfte ich mich auf die Pritsche legen und konnte mit meinem Kameraden Grundgeiger den köstlich mundenden pangermanischen Braten genießen. Von nun an wurde auf dem obern Flur ein Doppelposten aufgestellt. Leider kam unsere Kompagnie nicht mehr zum Ehrendienst, da die Kaiserin ihren Belgiern den Vorzug gab, was mir nicht wenig leid tat.

Des Kaisers Unze war aber ein Trost, an welchem ich manchen Tag zehren konnte. Er sorgte auch auf meinen Ausflügen durch die palast-, klöster- und kirchenreiche Stadt für die nötige Erfrischung. Wie ein Märchen aus Tausendundeiner Nacht berührte mich der Anblick der gold- und edelsteinstrahlenden Kathedrale Maria de la Asuncion, die zu den reichsten der Christenheit zählt. So vornehm die palastreichen Hauptstraßen mit ihren paradierenden goldstrotzenden Reitern und schönen Frauen aussahen, so elend die meist aus niederen Lehmhäusern bestehenden 268 Vorstädte, wo sich allerhand Gesindel herumtrieb. Außerhalb dieser Vorstädte jedoch erhoben sich wieder die stolzen, reich stilisierten Landhäuser der Grandezza mitten in üppigen und wundervollen Gärten und Parkanlagen.

Die Fabriken waren leicht zu zählen; ihr Schlotrauch machte die Luft nicht unrein; dafür blühte die Industrie, welche die katholische Geistlichkeit betrieb, der Seligkeitshandel, um so verderblicher. Mehrmals lenkte ich meine Schritte nach dem Kaiserpalast, um einen Blick oder einen Händedruck von meinem Bratenengel zu erhaschen; gerne hätte ich einen wachthabenden Belgier für zwei Stunden abgelöst. Allein– »es ging nicht an«, sang der Schweizer zu Straßburg auf der Schanz.

Und doch wäre all das viel unschuldiger gewesen als das, was der Soldatenmund von der Kaiserin Charlotte munkelte. Sie sollte ihren Max nur geheiratet haben, um desto ungestörter mit den Offizieren zusammenzukommen, die ihr früher den Hof gemacht, sie in Brüssel umschwärmt und nur zu dem Zwecke sich freiwillig nach Mexiko begeben hatten, um an der Sonne der weiblichen Kaiserhuld ihren kriegerischen Lorbeer oder die Früchte ihres militärischen Ehrgeizes um so rascher reifen zu lassen. In der Tat kümmerten sich die Offiziere wenig um die Soldaten, sondern jagten ihren Vergnügen am Hofe nach. Viele glaubten, daß nicht der Verlust der Krone, sondern ein anderer die unglückliche Kaiserin in den Wahnsinn getrieben habe.

Bald wurde der unsoldatischen Teilnahme am Hofklatsch der Riegel gestoßen. Wir hatten uns zur 269 Abreise zu rüsten; zwei Regimenter Österreicher rückten als Ersatz ein. Ein achttägiger Marsch führte uns zunächst durch wohlangebautes Land, das nur wenigen fabelhaft reichen Großgrundbesitzern gehörte, nach Queretaro. Eine der Hacienden, an denen wir vorbeikamen, zählte eine Bevölkerung von sechstausend Seelen, die in Hütten wohnten, welche sich rings um das palastähnliche Schloß gruppierten. Zwischen den armseligen Bauern und den reichen Gutsherren bestand ein ähnliches Schutzverhältnis wie ehemals bei uns zwischen den Ritterburgen und den umliegenden Ortschaften. Schutz brauchten die Bauern gegen die wilden Indianerstämme, deren Einfälle sehr gefürchtet wurden. Da wir in die Schlösser keinen Zutritt hatten, die Bauern aber in Armut lebten, war es uns unmöglich, zu den kargen Lebensmitteln, mit welchen uns die Verwaltung versah, Zulagen zu kaufen; so litten wir Hunger, und mehr noch Durst, da wir aus den unflätigen Weihern, in denen die Bauern während der Regenzeit Wasser sammelten, anfänglich nicht trinken mochten. Wohl zustatten kamen uns dagegen die ausgedehnten Maisfelder. Fast den ganzen Tag kauten wir an milchhaltigen halbreifen Maiszapfen. Am Feuer gebraten und mit Salz genossen, schmeckten sie gar nicht übel.

Schlimmer erging es uns dann in dem höhergelegenen Teil der Provinz Guanojuato, der reich an Silberbergwerken und Goldfeldern, aber arm an Lebensmitteln war. Ganz unerwartet stießen wir in der Stadt Guanojuato auf einen Uhrmacher aus Heilbronn, der sich hier nach vielen Irrfahrten in Kalifornien und Mexiko, mehrmals ausgeraubt als 270 Goldsucher, niedergelassen und ein ansehnliches Vermögen erworben hatte. Seine Gastfreiheit entschädigte uns für vieles Ungemach. Nach einigen Tagen merkten wir freilich, daß er unsern Besuch nicht mehr gern sah, aus Furcht vor den Einwohnern und den Guerillas, die nur auf unsern Abzug warteten, um das Regiment Maximilians in der Stadt alsbald wieder zu stürzen.

Hier sahen wir die Indianer, die sich auf ihren Raub- und Streifzügen furchtbar grausam und blutdürstig benehmen, in friedlichem Marktverkehr mit dem das Land nunmehr beherrschenden Volke, das sie ins Gebirge hinaufgetrieben hat. Mit Früchten und Rohprodukten beladen, kommen sie mit schweren Körben, die sie auf dem Kopfe tragen, im Trabe laufend aus dem Gebirge herab, in langen weißen Hemden, die hier und da einige Verzierungen, Blumen, Kränzchen in rotem oder blauem Garn, aufweisen. Sie tragen struppiges, links und rechts über die Ohren hinausstehendes schwarzes Haar, das in der Mitte gescheitelt ist. Zum Kämmen desselben bedienen sie sich eines einfachen Holzstäbchens von der Größe eines Zahnstochers. Bei der Toilette frisiert der Mann die Frau und umgekehrt, da sie keine Spiegel besitzen; gelegentlich dient ihnen eine Schüssel voll ruhigen Wassers als solcher, wenn sie ihr eigenes Konterfei bewundern wollen. Ihre Lebensweise ist sehr einfach. Ein Riemchen gedörrtes Fleisch, ein paar Bohnen dazu, und die Mahlzeit ist fertig; dagegen verzehren sie Bananen, Feigen, Zucker in ziemlicher Menge. Mitunter nehmen sie auf ihre Reisen ein langes Zuckerrohr mit, an dem sie gehen, 271 indem sie es abkauen, um Durst und Hunger zu stillen.

Auf einem Streifzug begegneten wir einer kleinen Schar kriegerischer Rothäute, die vor uns, obschon bis zu den Zähnen bewaffnet, Reißaus nahmen, aber von der Kavallerie eingeholt wurden und ihre Waffen abliefern mußten. Noch sehe ich's vor mir, wie einer von ihnen seinen Bogen, wahrscheinlich ein teures Erbstück, unter sonderbaren Gebärden gen Himmel streckte, als ob er die Götter beschwören wollte, dann wieder freundlich bittend an die Brust drückte, um unsern Kommandanten zu erweichen. Es nützte nichts.

Das Garnisonsleben in Guanojuato fing an, uns heimelig zu werden. Mir widerfuhr die Ehre, daß mir eine Stelle als Offiziersbedienter angetragen wurde. Die Aussicht war nicht übel: man wurde wacht- und dienstfrei, und die Protektion des Offiziers konnte einem leicht eine Unteroffiziersstelle eintragen; allein das Doppeluntertanentum behagte mir nicht, und so schlug ich die mir angebotene Stelle rundweg ab. Um eine Mehreinnahme zu erzielen, die es mir erlaubte, mir hier und da etwas gütlich zu tun, verlegte ich mich aufs Waschen für Offiziere und verdiente manchen blanken Dollar nebenbei. Es gab in der Nähe unserer Kaserne einen herrlichen Bach, der durch schattige Haine und prächtige Matten dahinfloß. Wenn es der Dienst erlaubte, war ich halbe und ganze Tage lang draußen an dem muntern Wässerlein, seifte, klopfte und bürstete, schwenkte, trocknete und bügelte Wäsche, indem ich meine schöne Holzpfeife rauchte oder ein Heimatlied sang.

Aber ich war nicht allein, sondern in anmutiger 272 Gesellschaft. Denn auch die mexikanischen Frauen hielten sehr viel auf reine Wäsche. So schüchtern und eingezogen sie auf der Straße gegen uns waren, so unbefangen und heiter bewegten sie sich hier am Bach in der freien Natur. Viele der Frauen und Mädchen hatten die Gewohnheit, wenn ihre Arbeit vollendet war, noch ein Bad zu nehmen. Zu diesem Zwecke kamen auch vornehme Frauen mit ihren Dienerinnen heraus, welche den Damen beim Auskleiden behilflich sein und sie einseifen, waschen und abtrocknen mußten. Das alles geschah so ungezwungen, ohne daß eine darauf achtete, ob jemand seine Augen auf die schöne Weide schickte oder nicht, und war zugleich so frei von aller Schamlosigkeit und Ausgelassenheit, daß niemand von uns Männern sich etwas Unziemliches zuschulden kommen ließ.

Es schien, als ob alle zu einer Familie gehörten. Nur fiel mir auf, daß, wenn mitunter ein Mexikaner seine Frau begleitete, er selbst höchst selten zu gleicher Zeit mit ihr ein Bad nahm, sondern sich in der Regel in den Schatten eines Baumes legte, bis seine Dulzinea ihr Bad beendigt hatte, um ihr hernach etwa behilflich zu sein, die Wäsche heimzutragen.

Das waren liebliche Tage für mich. Ich tat hier den ersten Frauendienst und erhielt dafür von weiblicher Seite manche liebe Handreichung und süße Anerkennung. Nicht zu verachten war auch die bessere Lebenshaltung, die ich mir in Gesellschaft der Schönen durch an und für sich weibliche Arbeiten erwarb, und so war ich mit meiner oft belächelten Rolle eines Herkules unter den Weibern recht zufrieden.

Nur zu bald mußten wir von Guanojuato Abschied 273 nehmen und erreichten hierauf in sieben mühsamen Tagemärschen die Stadt San Luis Potosi, wo sich die großen Militärmagazine befanden. Hier war wenigstens das Nationalgetränk, die Pulque, gut und billig. Wir hatten gerade Zeit genug, um mangelhafte Ausrüstung und Kleidung zu ersetzen und auszubessern; dabei konnte man, wenn man schlau war, zwei- bis dreimal Kleidungsstücke fassen und an die mexikanischen Frauen, die auf den roten Hosenstoff versessen waren, um teures Geld verkaufen. Er gab ja die prächtigsten Unterröcke ab.

Die Idylle wurde jäh durch einen Generalmarsch abgebrochen. Es galt Lebensmittel für sechs Tage zu sammeln. Wir sollten dem General Juares, dem Expräsidenten, der sich im Norden festgesetzt hatte, auf die Eisen gehen.

Bei tropischer Hitze, mit Sack und Pack, durch Lagunen und menschenleere Landebenen, ging's dem Feind entgegen. Bald aber kam die Zeit, da es jeden Nachmittag regnete, und zwar so ausgiebig, wie ich es zuvor nie gesehen hatte. In fünf Minuten war Volk und Vieh naß. Man konnte keine Pfeife mehr anzünden. Zündholz und Feuerschwamm waren gleich unbrauchbar. Den Reitern gurgelte das Wasser oben aus den Stiefeln heraus, von den Pferden lief das Wasser bei den Schweifen wie aus Brunnenröhren nieder. Alle Lebensmittel verdarben. Da begann das Hungerleiden von neuem; das einzige Labsal war der schwarze Kaffee, den wir morgens und mittags, allerdings ohne Zuckerbeigabe, erhielten; der faden Suppe wurde durch Beimischung von Schießpulver etwas nachgeholfen. Zu diesen Entbehrungen 274 kam dann noch das Vergnügen, abends auf verschwemmtem Boden zu kampieren, wo es alle erdenklichen Kniffe brauchte, um ein Feuer zu unterhalten. Nirgends war irgendwelches Labsal zu kaufen. Der einzige Trost für uns war, zu sehen, daß unsere Offiziere es um kein Haar besser hatten als wir und daß sie gerade so erbärmliche Jammergesichter schnitten wie die gemeinsten Soldaten.

In Matecuala erreichte uns dann die Feldbäckerei; wir erhielten wieder frisches Brot, von dem jeder drei Laibe auf den Tornister schnallen durfte; auch Rauchtabak gab es von Regiments wegen in großen rohen Blättern, die jeder nach seinem Geschmack zum Gebrauch zubereiten konnte, mit stark gezuckertem Kaffee oder Schnaps. Das richtige Soldatenleben begann aber erst, als die Nachricht kam, daß der Feind nur noch ein paar Stunden vor uns her sei. In einem Engpaß bei Aqua Nueva trafen wir auf das von ihm eben verlassene Lager, und wir Grenadiere, die wir an der Spitze marschierten, durften uns an den noch über dem Feuer hängenden feindlichen Kochkesseln und deren Inhalt erquicken. Vor Saltillo erhielten wir zum erstenmal Feuer von der Nachhut, die wir nach einem kleinen Scharmützel, das sie etwa siebzig Tote kostete, gefangen nahmen.

Saltillos Bewohner flüchteten zum Teil ins nahe Gebirge; wer dablieb, mied und fürchtete uns; sahen wir doch aus wie Gespenster in Lumpen, und unsere Gesichter wie Totenschädel mit verwilderten, struppigen Bärten. Die Häuser schlossen sich bei unserer Ankunft, die Läden wurden verriegelt. 275

Meine Kompagnie schlug ihr Quartier in einer Kirche auf.

Nach und nach kehrten die Flüchtlinge zurück, und als unser Oberst eine Kundgebung erließ, worin den Bewohnern angezeigt wurde, daß wir zu ihrem Schutze hier blieben, öffneten sich einzelne Kaufläden und endlich auch die Privathäuser, so daß wir uns behaglich einnisten konnten. Auf den Höhen wurden Befestigungen angelegt, in der Stadt ein Spital errichtet, wobei mir meine Maurerkünste wieder zustatten kamen. Ein interessant bewegtes, schönes Leben begann. Man lernte sich wieder als Mensch fühlen. Freilich, als wir nach einem Entsatzzug nach Parras, wo wir eine in der Kirche vom Feinde belagerte Kompagnie befreiten, zurückkehrten und ganz Saltillo in voller Weinernte begriffen war, nahm das Menschentum schnell ein Ende, obschon oder weil wir infolge einer Dieberei in Besitz von viel Geld gelangt waren, das nun alles durch die Kehle verschwand.

In unserer Kirche sah es gar bald unheilig aus. Es hatte mehrere Tage geregnet; da hatten wir es nicht als Sünde erachtet, unsere Mahlzeiten mit den vergoldeten oder sonst bemalten hölzernen Verzierungen des Tempels zu kochen, wobei es ein Feuerwerk in den glühendsten und sprühendsten Farben absetzte. Die geschnitzten Heiligen schwitzten neuerdings Blut. Aus der Leinwand eines großen Ölgemäldes, das den heiligen Stephanus darstellte, fabrizierte ich einen neuen Brotsack, was auf den Reisen manch gesundes, trostreiches Lachen bei meinen Kameraden zur Folge hatte, wenn beim Aufklappen 276 des Sackes der schöne fromme Stephan seinen Kopf hervorstreckte und seine verwunderten Äuglein aufsperrte.

Ich entsetze mich jetzt über meinen damaligen Vandalismus.

Unter dem Oberbefehl des Generals Douay, der mit bedeutender Verstärkung herangerückt war, hatten wir eine Anzahl Kreuz- und Querzüge auszuführen, um die Gegend von San Andres bis San Lorenzo, La Loma und der Enden, wohin sich die Guerillabanden in sichere Schlupfwinkel zurückgezogen hatten, gründlich zu säubern. Sümpfe mußten durchwatet, reißende Flüsse an Seilen durchschwommen, mit Alligatoren und Schlangen mußte gekämpft werden. Der Feind war vor uns beständig auf der Flucht, weniger wurden wir habhaft – dafür wurden Spione in Menge gehängt oder erschossen. In den Dörfern, die als anrüchig bekannt waren, wurden die Häuser, in welchen die Männer abwesend waren, sofort in Brand gesteckt. Je schlimmer es unsern Feinden erging, desto üppiger war unser beutereiches Leben, da das Plündern jeweilen auf einige Stunden erlaubt war. Aber seltsam, je herrlicher wir schmausten, um so rascher wurden wir das Morden, Rauben, Sengen und Brennen satt, und wir sehnten uns wieder nach Saltillo zurück, wo wir nach beendigter Expedition ziemlich abgerissen ankamen, ohne das Bewußtsein zu haben, dauerhafte Arbeit geleistet zu haben: denn wir besaßen zu wenig Truppen, um das eroberte Land wirklich zu besetzen und zu behaupten. In Saltillo wohnte ich der Exekution von zwei Deserteuren, Götz und Bäuerlein mit Namen, bei. Noch höre ich Götz 277 beten: »Herr und Gott – so es einen gibt – errette meine Seele – so ich eine hab'. Adje, mein Land . . .« (Tirol wollte er hinzufügen, als ihn die Kugeln durchbohrten). Bäuerlein sagte bloß: »Kameraden, zielt gut auf mein Herz!« und fiel platt auf die Erde.

Die eiserne Strenge, mit welcher unser Oberst die Ausreißer bestraft hatte, tat gute Wirkung; wir hielten stramme Ordnung. Sobald der Oberst dies inne wurde, gab er uns wieder mehr Freiheit und wir hatten nun die Freude, am bunt bewegten bürgerlichen Leben der Mexikaner teilzunehmen. Bald bekamen wir auch Zutritt in den Familien, wo es viel schöne Frauen zu bewundern gab. Bei den allsonntäglich stattfindenden Hahnenkämpfen in den Höfen der Pulquerien wie im Zirkus für Stierkämpfe, welche die Mexikaner leidenschaftlich lieben, marschierten unsere Offiziere gern am Arme glutäugiger Aztekentöchter auf.

Da wir nach allen Seiten Raubzüge unternahmen, lief uns das Geld in den Taschen zusammen, und so frönten wir bald auch der Nationalunsitte der Mexikaner, dem Wetten, das besonders bei den Hahnenkämpfen grassiert. Übrigens stehen auf dem Hauptplatze wie vor Privathäusern viele Spieltische, Rouletten und Lottospiele, die tagein, tagaus, sogar während der Adventzeit, großen Zuspruch haben von jung und alt. Ich sah einmal ein Großmütterchen von 27 Jahren – die Mexikanerinnen heiraten mit 12 Jahren schon –, das von seinen Angehörigen nur mit Gewalt dem Lottospiel entzogen und heimgeführt werden konnte. 278

Nebenbei half ich einem Abenteurer, der bloß mit Hobel, Stechbeutel, Fuchsschwanzsäge und Maßstab ausgerüstet hierherkam, eine Schreinerei einrichten, und verbesserte einem Lichterzieher die Fabrikationsweise, indem ich ihm die Idee eingab, für seine Kerzen Formen herzustellen, wodurch er nicht nur große Ersparnisse, sondern wirklich schöne Opferkerzen erzielte. Ich erlebte es noch, daß sein Geschäft rasch aufblühte und hatte also die Genugtuung, der katholischen Kirche nicht nur eines, sondern viele schöne Lichter aufgesteckt zu haben, gewissermaßen als Buße für den Unfug, den ich mit dem Bild des heiligen Stephanus trieb.

Nach einem Eilmarsch zur Entsetzung Montereys, wo wir die »Rebellen« vertrieben, wurden wir auf die Route nach Mata Moros, dem nördlichen Hafen Mexikos, befohlen und bestanden unterwegs in der Nähe eines Gehöftes, wo wir übernachten sollten, eine regelrechte Jagd auf Klapperschlangen, bei deren Verfolgung wir dann in Wassertümpeln einen reichen Fang an Krebsen machten. An diesem Abend gab es eine herrliche Suppe. Andern Tages stießen wir bei der Verfolgung berittener feindlicher Freischützen im Wald auf eine Wildschweinherde, welche die erste Reihe unserer Plänkler so blitzschnell niederrannte, daß sie sich auf die Ursache ihres jähen Falles gar nicht besinnen konnten und von den Nachrückenden darüber aufgeklärt werden mußten. Nach drei Tagen stellten wir bei Charco-Escondito die Verbindung mit dem von Norden kommenden mexikanischen General Mejios her, eine Verbindung, die natürlich gerade so lange dauerte wie der Zusammenstoß. Hauptsache 279 war eben, daß die Franzosen dem Kaiser in Mexiko die Überzeugung beibrachten, sie hätten ihr möglichstes getan, um seinen wackeligen Thron zu befestigen. Sie wollten sich bei erster Gelegenheit aus der »Affäre« ziehen, um so mehr, als die Nordamerikaner bereits anfingen, über das Vorgehen der Franzosen die Stirn zu runzeln.

Bei unserm Rückzug, der natürlich auf einer andern Straße vollzogen wurde, hatten wir eine Reihe großartiger, furchtbar schöner Gewitter zu bestehen, die nicht, wie bei uns, langsam heraufziehen, sondern urplötzlich da sind. Der Donner rollte ununterbrochen stundenlang, die Schläge erfolgten mit solcher Kraft, daß die Erde zitterte, die Blitzbeleuchtung war so hell, daß man dabei Gedrucktes lesen konnte. Lange nachher war die Luft von Schwefelgeruch erfüllt. Der Wucht des Gewitters entsprach dann die Menge des Regens; die Tropfen fielen pflaumendick herab und so dicht, daß sie gleichsam in der Luft schon zusammenflossen. Im Nu war die Gegend ganz überschwemmt. Die Fruchtbarkeit des Landes aber sah ich in Santo Jago in einem Riesenschwein verkörpert, das weder gehen noch stehen konnte. Man sah seine Füße nicht mehr; mit hölzernen Bengeln mußte es gehoben werden, wollte man ihm die Streu unterlegen. Warum man es nicht schlachtete, war mir unerklärlich, da doch auf der Seite, wo es gegen die Mauer lag, Mäuse ein Loch in den Speck gefressen hatten, um darin zu nisten.

Bei dem üppigen Ceralvo, das von großen Maispflanzungen, Obstbäumen aller Art, Granaten, Feigen- und Orangenbäumen umgeben ist, schlugen wir das 280 Lager einmal an einem Bache auf, in welchem es tatsächlich so viel Fische gab als Wasser; man brauchte bloß hineinzustechen, um mit beiden Händen Fleisch zu schöpfen. Auch Ochsenfrösche und Wasserschildkröten gab es hier in Menge. Ein größerer Marsch führte uns bis Rio Grande del Norte; es galt, neunzehn je mit zehn Maultieren bespannte Wagen voll Silberbarren dorthin zu begleiten, wo sie auf einem Schiff, da der Landweg unsicher war, nach Vera Cruz und von da nach Mexiko gebracht werden sollten. Die Bedienten der höheren Offiziere dagegen behaupteten im Vertrauen, das vielbegehrte Metall werde direkt nach Frankreich spediert; uns fiel auf, daß wir für die Nachtwachen besonders und sehr ausgiebig bezahlt wurden und daß wir seinerzeit bei Nacht von Monterey abmarschieren mußten und die Wagen erst andern Tages auf einem kleinen RanchoKleiner, roher Landsitz. zu uns stießen.

Merkwürdigerweise nahm der Kapitän des dort liegenden Dampfers die Ladung nicht an, und wir mußten sie zurückgeleiten. Als wir wieder in Monterey, wo inzwischen die Orangen und Granaten ihrer Reise entgegengingen, ankamen, waren die Silberwagen irgendwo, keiner wußte recht wo, zurückgeblieben oder hatten unter anderer Begleitung eine andere Richtung eingeschlagen, um verschifft zu werden. Die zweite Kompagnie unseres Bataillons, mit der wir in Miar zusammentrafen, hatte inzwischen einen Glücksfall gehabt. In dem Hofe, wo sie kampierten, hatte ein Appenzeller, Hausammann mit 281 Namen, bei der Aushebung einer Feuergrube einen in der Erde eingegrabenen Schatz von nahezu 200 000 Dollar entdeckt. Die Kameraden teilten sich brüderlich darein, und die Offiziere ließen sich einen gehörigen Tribut abtreten. Kein Wunder, daß die Angehörigen der Kompagnie fortan keinen Wachtdienst mehr annahmen, sondern zu diesem Zwecke Ersatzmänner besoldeten, vier bis sechs Dollar für eine Wacht. Auf diese und andere Weise wurden die neugebackenen Bankiers alle ihr Eintagsvermögen wieder los.

Mit der Verführung der Silberwagen scheint aber das Schicksal des Kaiserhauses dieselbe schlimme Wendung genommen zu haben, wie das der Burgunder mit der Versenkung des Nibelungenhortes. Als zwischen Österreich und Preußen Krieg ausbrach, geriet Maximilians Thron heftig ins Wanken. Wir merkten das daran, daß wir beständig rückwärts dirigiert wurden. Die Vereinigten Staaten drückten von Norden her; auf ihr Machtwort mußten sämtliche Truppen die Provinzen Leon und Coahuilla räumen. Wir zogen uns wieder nach Saltillo zurück, wo es schon wieder echt republikanisch zuging und aller Respekt vor uns geschwunden war. Den nicht unbedeutenden Vorrat in unsern Magazinen verbrannten wir und begannen den Abmarsch, auf dem wir beständig durch Freibanden beunruhigt wurden. Ein fünfzehnstündiger Marsch, mitten im August, ohne süßes Wasser – unsern Kaffee kochten wir mit Salzwasser – brachte uns nach La Punta de Venegas, wo mitten in der Nacht bereits ein Zug feindlicher Reiter ihre Gewehre auf unser Lager abfeuerte.

Auf diesen Rückmärschen wollte mir manchmal der 282 Mut abhanden kommen. Wie sich dreiundzwanzig Monate lang mein Körper nie auf einem guten Bett, sondern immer nur in unreinem Stroh auf hartem Boden, hatte ausruhen können, so sehnte sich meine Seele nach Erholung und Sammlung. Da nahm ich mir oft hoch und heilig vor, wenn ich mit dem Leben davonkomme, genügsamer zu sein, nie mehr zu klagen, sofern mir nur die Gesundheit blieb und überhaupt das Leben von vorn anzufangen, um jenes Liebesbeweises, der mich immer noch aufrechterhielt, würdig zu werden. Wie ich eines Tages vor dem Quartier des Generals Douay schilderte, da überkam mich das Heimweh:

»Es steht in dunkler, grauser Nacht
Ein deutscher Jüngling auf der Wacht,
Er denkt der lieben Seinen.
Er geht gemessen auf und ab,
Es ist so still als wie im Grab,
Und fast kommt ihm das Weinen!«

Und doch hatte ich viel Glück gehabt, wenn ich bedachte, daß erst kürzlich wieder ein Bataillon hinter uns vom Feinde überrascht worden war und zweihundert Tote hatte zurücklassen müssen.

Endlich kam der Tag, an welchem mein Vertrag ablief. Während des ganzen Feldzugs war ich nie zurückgeblieben, hatte nie Arrest gehabt, mich nie krank gemeldet: nun wollte ich's einmal gut haben, meldete mich beim Arzt und erlangte, daß ich ein Maultier besteigen durfte.

Noch drängt es mich, meiner Erlebnisse in Venado zu gedenken, einem lieblichen Ort, den unser General mit viel Verstand für die Schluß- und Erholungsrast ausgewählt hatte. Bei unserer Ankunft waren die 283 für uns bestimmten Quartiere in den Häusern von den hier verweilenden Belgiern noch nicht geleert, und so mußten wir anfänglich auf dem Kirchhof biwakieren. Da es uns an trockenem Holze gebrach, rissen wir die Kreuze aus den Gräbern. Aus dem Pfarrhofe schaute uns ein geistlicher Herr zu, kam in gerechtem Zorn auf uns losgesprungen und packte einen Kameraden am Halse. Der, nicht faul, schlug mit einem Kreuz so unsanft auf die geistlichen Finger, daß jener laut aufschrie und auf die Wache eilte, um sich zu beklagen. Es wurde uns hierauf klargemacht, daß wir uns nicht mehr an Privat- oder Gemeindeeigentum vergreifen dürften, wie das auf den Zügen nach dem Norden der Fall war; allein die Übeltäter gingen straflos aus, obschon sich der erboste Pfarrer, den mißhandelten Arm in der Schlinge, sogar beim General beklagte.

Weiß Gott, ich konnte ihn nicht bemitleiden, als ich ihn näher kennen lernte.

Eines regnerischen Morgens früh erschien im Pfarrhof ein katholischer Indianer, der aus den Bergen herabgestiegen war. An einem starken Strick schleppte er ein schweres Stück Holz auf der Straße dahin. Bei näherem Zusehen erkannten wir einen ausgehöhlten Baumstamm in der Länge eines Brunnentroges, wie man bei uns sie manchenorts auf dem Lande sieht. In der Höhlung aber lag eine Kindesleiche, welche der Mann auf die bei den Indianern gebräuchliche Art aus der Bergwildnis herabgebracht hatte, um sie vom Pfarrer vor der Beerdigung einsegnen zu lassen.

Scheu trat er an die Pfarrhaustür heran und 284 schlug mit dem Klopfer sachte Lärm. Eine Dienerin erschien in der Tür, um nach seinem Begehr zu fragen. Still wies er auf die Leiche seines teuren Kindes hin. Erstaunt schlug sie die Hände über dem Kopf zusammen und zog sich zurück, um ihrem Hochwürdigen Meldung zu machen. Der streckte seinen Kopf zum Fenster heraus und rief dem Indianer etwas für mich Unverständliches zu.

Dieser schleppte den Sarg etwas näher ans Haus heran und lehnte sich an eine geschützte Stelle bei der Pforte, um nicht ganz durchnäßt zu werden. Es wurde Mittag. Der Arme stand immer noch da. Er hatte nicht einmal den Mut, sich zu setzen, und betrachtete alles um sich herum mit neugieriger Scheu, als ob er vom Mond auf die Erde versetzt worden wäre. Die vielen buntgekleideten Soldaten mit den glänzenden Knöpfen, Säbeln und Gewehren verwirren ihm den Sinn, wie er selber als Hüter des seltsamen Leichenwagens der Gegenstand ratloser Verwunderung ist. Wie mancher ist vor ihm stehen geblieben, hat ihn und seinen Sarg betrachtet und ist kopfschüttelnd davongegangen!

Der Himmel hellte sich gegen Mittag auf, und die glühende Sonne brannte hernieder.

Wohl zum viertenmal hatte mich der Weg an der Szene vorbeigeführt. Noch stand der Indianer starr da und harrte auf Hochwürden.

Wie ihn aber die Sonne durchwärmt hatte, wurde er lebendig und reckte seine Glieder. Dann beugte er sich zum Sarg nieder und untersuchte, ob die kleine Leiche Schaden genommen habe. Sachte griff er hinein, fand, daß sein Kind ganz im Wasser lag, 285 und unbekümmert um die Gaffer um ihn her hob er den Trog auf der einen Seite mit der Hand in die Höhe, während er mit der andern die Leiche mit ängstlicher Sorgfalt zurückhielt, damit sie nicht mit dem abfließenden Wasser hinausgleite.

Oben öffnete sich das Fenster. Der Pfarrer schaute heraus. Aber anstatt sich des Harrenden zu erbarmen, winkte er einen im Zimmer befindlichen geistlichen Bruder zu sich heran, wies auf die seltsame Szene hin und weidete sich mit ihm lachend an der heiligen Einfalt des Indianers. Beide zündeten sich Zigaretten an, tranken, plauderten und schäkerten, bis es ihnen gegen Abend endlich gefiel, zu dem armen Vater herabzusteigen. Ohne ihn eines Blickes zu würdigen, winkte der Pfarrer dem Indianer, ihm zu folgen, indem er ihm vorauseilte, ohne darauf zu achten, ob er mit seiner Schlepplast nachkommen könne. Mit größter Vorsicht den Leichentrog vor dem Umkippen bewahrend, schleppte der Indianer ihn über das holprige Pflaster. Einige von unsern Leuten – ich mußte Wache stehen – begleiteten ihn und zeigten ihm den Weg zur Kirche, wo der Priester mit dem Lesen der Messe bereits fertig war, als der Indianer mit Hilfe des Kirchendieners und einiger Soldaten den Sargbaum in den geweihten Raum hineintrug. Jetzt wandte sich der Priester nach dem Indianer um, ließ sich von ihm bezahlen und eilte ohne Gruß und Abschied davon, alles Weitere dem Sigrist überlassend. Ich selber sah, wie nach Verlauf einiger Minuten der Geistliche, mit einem Weibe schäkernd, in sein Haus ging und die lustige Unterhaltung oben fortsetzte. 286

Da ich bemerkte, wie auch die andern ihren heiligen Beruf trieben, bekam ich hier alle Schwarzröcke satt, während ich von den übrigen Einwohnern den besten Eindruck erhielt.

In dem Hause, wo ich mit einigen Kameraden einquartiert wurde, lebte ein junges Ehepaar, er sechzehn, sie dreizehn Jahre alt. Sie aßen mit uns die europäisch gekochte Suppe, bereiteten uns zur Abwechslung als Entgelt für das Kommißbrot, das wir auf den Familientisch spendeten, schmackhafte Tortillas und gaben uns trockenes Holz und Grünware. An ihr kleines Besitztum grenzte ein größeres mit einem herrlichen Garten voll der auserlesensten Früchte, daß mir oft der Mund danach wässerte. Da der Zaun Lücken von internationaler Größe aufwies, folgte ich eines Morgens der stillen Einladung, welche die Orangen-, Pfirsich-, Pflaumen- und Feigenbäume an mich richteten, und befreite einen Feigenbaum von seiner Überbürdung zugunsten meiner Kameraden. Sie schmeckten uns so herrlich, wie je gestohlene Früchte, welche der Herrgott in Fülle wachsen läßt, einen Menschen erlabt haben.

Eines Morgens, wie ich mich mit der Musterung eines Granatbaumes beschäftigte und einen Apfel prüfte, kam, von mir ganz unbemerkt, eine junge Dame mit einem Handkorb. Ich biß eben in einen saftigen Granatapfel und war also zum Sprechen und Entschuldigen ganz untauglich. Was tun? Ich pflückte schnell einen noch schöneren und bot ihn mit der einen Hand der schönen Nachbarin an, während ich mit der andern so elegant als möglich salutierte.

Diese Pantomime mußte sich recht komisch 287 ausnehmen, denn sie entlockte der Dame ein freundliches Lächeln. Sie nahm mir den Apfel ab, legte ihn in den Korb und begann andere zu pflücken.

Also waren die Dinger zur Ernte reif. »Edel sei der Mensch, hilfreich und gut«, sagt Goethe. Ich folgte der Aufforderung des Dichters unverzüglich und half der Dame den Handkorb füllen. Da sie meine Hilfe nicht zurückwies, sondern während der Arbeit recht freundlich mit mir sprach, faßte ich Mut und trug ihr den Korb nach Hause.

Noch war die Glut auf dem Küchenboden, wo das Frühstück bereitet wurde, und meine Schöne wärmte sich die zarten, durchsichtigen Finger daran. Dann nahm sie hinter einem Stein hervor, der bei dem Gluthaufen stand, ein Töpfchen, goß eine Schale des braunen Gebräus voll und bot sie mir an. Und ich trank den wohlduftenden Kakao der Freundschaft mit Behagen.

Dann schaffte sie Zigaretten herbei und wir rauchten und plauderten eins. Beim Morgenappell mußte ich mich verabschieden, nahm aber das Versprechen mit, wiederkommen zu dürfen. Und mein Herz war voll menschenfreundlicher Gefühle.

Oft kam ich wieder, und zwar immer von der Gartenseite her, da meine Holde nicht wünschte, daß man mich von der Straße her hinein- oder herausgehen sehe. Als ich sie das erstemal besuchte, lud sie mich in die Stube ein, die sehr wohnlich aussah. Zu meiner Überraschung war aber ihre Schwester da; und in einer Ecke standen ein Paar Männerstiefel. Die Schwester sagte mir, sie gehörten ihrem »Herrn«, der, wie ich erfuhr, auf dem Hauptplatz in der Stadt 288 ein Zigarettengeschäft besaß. Ich sollte auf diesen warten, hieß es, sie hätten ihm schon von mir erzählt.

Freundlich begrüßte er mich, als ob er den zukünftigen Schwager vor sich hätte. Ich wurde schon als zur Familie gehörig behandelt und mußte erzählen, wie es bei uns aussehe und wie sich das Leben dort abwickle.

Täglich war ich nun, so oft die Zeit es mir erlaubte, drüben bei den lieben Nachbarn, und wenn ich ausging, besuchte ich den Mann in seinem Magazin, wo er mich jedesmal mit Rauchwerk beschenkte. Oft nahm ich meine Gamelle zu ihnen hinüber und hatte dann beim Verzehren meiner für ihre Begriffe großen Mahlzeit fröhliche Zuschauerinnen, die selber wenig Gekochtes aßen, aber dafür beträchtliche Mengen Süßigkeiten schleckten.

O, wie wohl war mir bei diesen drei Leutchen in Venado. Trinidatis hieß die ledige Schwester Gunados, des Hausherrn; sie hielt mich so lieb, als ob sie mir mehr als ihm werden wollte. Wie Heimatgefühl überkam es mich in ihrer Nähe, und wenn ich davon sprach, daß ich bald heimreisen würde, machte Trinidatis unsäglich traurige Augen. Aber ich merkte es wohl, daß sie mich nur an eine andere erinnerte, wie der glühende Liebesstern uns das Dasein der Sonne verrät, und daß mein Herz sich mächtig nach der Heimat sehnte; mit jedem Tage, der uns der Abreise näherbrachte, mehr.

Am Abend vor dem Abmarsch stritten sich die beiden Schwestern, welche von ihnen wohl größer sei. Sie stellten sich mit dem Rücken gegen die Tür, und ich wollte messen. Allein lebhaft, wie sie waren, gelang 289 es mir nicht, einen von beiden Seiten anerkannten Unterschied in der Größe festzustellen. Als ich mit meinem Kopf in die Nähe der Wange der lieblichen Trinidatis kam, fühlte ich, wie ihr holdes Häuptchen sich mir zuneigte. Da faßte ich es in beide Hände und drückte einen herzhaften Kuß auf die eine Wange, ohne daß sie sich sträubte.

Dieser Erfolg machte mich kühn. Ich erklärte der verheirateten Schwester, daß ich nun einen sichern Maßstab habe, gab auch ihr einen Kuß, der genau auf dem gleichen süßen Fleck im Wangengrübchen saß wie bei Trinidatis. Und die Schwestern lachten zu meiner lustigen Erfindung eines neuen Maßstabes und waren zufrieden mit dem Resultat, daß beide unbedingt gleich groß seien.

Als dann aber die Trennungsstunde kam, wich der Scherz dem Ernst, und ich werde die Tränen, die sich unter Trinidatis' großen Wimpern hervordrängten, nie vergessen.

 

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