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Heinrich Manesses Abenteuer und Schicksale

Adolf Vögtlin: Heinrich Manesses Abenteuer und Schicksale - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
booktitleHeinrich Manesses Abenteuer und Schicksale
authorAdolf Vögtlin
year1910
firstpub1910
publisherH. Haessel
addressLeipzig
titleHeinrich Manesses Abenteuer und Schicksale
pages416
created20180126
sendergerd.bouillon@t-online.de
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12. Des Schattenkaisers Grenadier.

Ein unnennbares Geschwirr und Gekreisch am Flußufer! Papageien sind's und Affen, die uns so seltsam begrüßen. Dem Ufer entlang hier der Urwald mit seinen riesigen Bäumen, seinem wirr verschlungenen, undurchdringbaren Gestrüpp und Gerank, Gesträuch- und Häng- und Schlingpflanzen. Dort eine Lichtung mit phantastischen kraut- und dornartigen Bäumen, deren üppige Zweige mit niegesehenen Früchten beladen sind. Ein sinnverwirrendes Geschmetter und Gesumme von Vögeln und Insekten, dort eine Menge Schlangen, die sich an den Ästen schaukeln. Die Sonne dringt nicht mehr hindurch: ein gigantischer Schattenraum, der uns einführt in die Tierra Caliente mit ihren balsamischen Wohlgerüchen. In verlockender Pracht umfängt uns die Natur.

Aber was bedeuten die fahlen Gesichter der abstoßenden Menschenkinder, welche diese Herrlichkeit bewohnen? Hat die Freigebigkeit der Natur ihre Sinne so entzückt, um sie durch ihre süßen Gaben zu vergiften, zu entkräften? In den öden Straßen der Stadt Veracruz schleichen die hinsiechenden Körper wie Schatten daher. Auf den Dächern lauern Aasgeier zu Dutzenden und stürzen von Zeit zu Zeit auf einen menschlichen oder tierischen Leichnam herab; und man läßt sie gewähren, denn sie bilden die 240 Gesundheitspolizei der Stadt und reinigen diese von den Opfern des gelben Fiebers.

Das freie Meer mit seiner erfrischenden Luft liegt hinter uns, der Dampfer ist abgefahren; ein Alpdruck legt sich uns aufs Herz: Wir sind verkauft! O du paradiesisches Martinique mit deinen freundlichen, reinlichen Bewohnern. Hier einige zwanzig struppige Packträger, deren Blicke Todfeindschaft verraten. In den Straßen, durch die wir marschieren, sind die Fenster zu ebener Erde mit starken Holzgittern versehen. Aus diesen grinst uns hie und da ein häßlich gelbes Gesicht entgegen; es ist, als zögen wir durch einen ungeheuren Gefängnishof.

Gibt's eine Kaserne mit ordentlichen, wenn auch harten Soldatenbetten?

Jeder Wunsch ein Wahn! Draußen, auf der andern Seite der Stadt, in der Nähe einer schmutzigen Lagune, die Millionen von Moskitos ausbrütet, dürfen wir unsere Leinwandzelte aufschlagen. Bei vielen erwachen Desertionsgelüste; allein, wo eine Landkarte auftreiben, um aus diesem Lande der Dornen und Hinterhalte herauszukommen?

Aus der Ferne winkt das Gebirge, der schneeblinkende Pic von Orizaba wie ein Trost und eine Verheißung aus einer reinern und gesundern Welt zu uns herab. Die Schweizer und Österreicher, die sich unter uns befinden, jauchzen ihm zu und schwingen ihre Hüte. Aber mir ist's, als wehe Heimatluft von dort oben herab. Ja, dort hinten mußte ein kräftiger Volksschlag leben! Von dort her kam der indianische Präsident Juares, der mit der dunklen Pfaffenwirtschaft im Tiefland aufräumte und Puebla von 241 Mönchen und Nonnen entvölkerte. Aber dann mußte er den Intrigen, durch welche sie Napoleon den Dritten sowie den Papst für sich gewannen und den habsburgischen Erzherzog Maximilian als Schattenkaiser auf den Thron setzten, und den spitzigen Bajonetten der Franzosen weichen und sich ins Innere des Landes zurückziehen. Seit zwei Jahren bereits lagen die beiden Parteien in erbittertem Kampf, als wir anrückten. Dreißigtausend Franzosen, zwölftausend Österreicher, zehntausend Belgier und zweitausend Ägypter, die man sich erbeten hatte, weil die Europäer scharenweise dem gelben Fieber anheimfielen, standen den beweglichen Guerillatruppen Juares' gegenüber, ohne unter ihrem Oberbefehlshaber Bazaine besondere Erfolge zu erzielen. Dem Kaiser, der nach Taten dürstete, fehlten die nötigen Mittel, obschon ihm der Papst persönlich vor seiner Abreise den Segen gegeben hatte.

Gottlob, am nächsten Tage hieß es von Veracruz aufbrechen. Die auf der langen Meerfahrt rostig gewordenen Waffen werden geputzt und wir mit Pulver und Blei wohlversehen, indem man uns einschärft, daß wir nun in Feindesland ziehen und keiner auf dem Marsche zurückbleiben dürfe, sonst sei er unrettbar verloren; denn überall lauerten Juares' schnelle Reiter in Hinterhalten, um jeden vereinzelten Soldaten mit dem Lasso wegzufangen, den die Mexikaner mit bewundernswerter Sicherheit und Schnelligkeit zu werfen verstanden. Ich sah einmal aus der Ferne, wie ein Ausspäher während eines Haltes von einem Lassowerfer überrascht wurde. Heranreiten, die Schlinge, welche im Sattelknopf befestigt ist, dem 242 Opfer über den Kopf werfen und, den Gefangenen am Boden nachschleppend, davongaloppieren, dauerte einen Augenblick. Das Gewehr unseres Kameraden nützte ihm von dem Momente an, da er den ersten Schuß abgegeben und sein Ziel verfehlt hatte, keinen Deut mehr.

Noch mehr als unter solchen Überfällen litten wir unter dem Mangel an frischem Wasser. Tagelang konnten wir durch dornige Kaktuswälder marschieren, ohne auf eine Quelle oder auf ein Bächlein zu stoßen; die einzige Erfrischung boten uns die Agaven, deren herrliche Blütenkrone am zwanzig bis dreißig Fuß hohen Stamm nicht nur wohlriechenden Duft ausströmt, sondern zur Reifezeit in ihrem Kelchherzen einen Saft sich ansammeln läßt, der, in Schläuchen aufgefangen und einige Stunden der Gärung überlassen, ein köstliches, aber sehr berauschendes Getränk, die Pulque, abgibt. Frisch vom Stock ist der Saft fast ekelhaft süß, stillt aber in einem gewissen Stadium gründlich den Durst.

Aus der Pulque wird auch Schnaps gebrannt. Daneben erhielten wir vom Bataillon aus während der ersten Reisetage eine Ration französischen Rotwein. Das Brot wurde bald durch Zwieback, später durch Maiskuchen ersetzt.

Auf einem mit Kanonen bewehrten Zuge wurden wir nach Soledad befördert, nachdem es gelungen war, eine von den Feinden angezündete Brücke, die über einen breiten Sumpf führte, wieder herzustellen. Diese erste Station bestand etwa aus dreißig elenden Hütten, wo hauptsächlich Weichzucker zur Weitersendung aufgestapelt wurde. Von da ging dann 243 alles zu Fuß. Zum Glück war unsere Kompagnie an der Spitze der Kolonne und so hatten wir überall noch etwas mehr Gelegenheit, uns gütlich zu tun, als diejenigen, die nach uns kamen. Nur waren alle Lebensmittel in dem Lande der edlen Erze übermäßig teuer, so daß wir trotz des erhöhten Tagessoldes, der einen Franken betrug, mit demselben immer vor der Zeit fertig wurden.

Mit besonders weihevoller Wehmut tranken wir in Cordova unsere letzte Weinration. Da blieb in der Tat kein Tröpflein mehr im Becher. Ob dies auch ein Grund war, daß hier zwei Kameraden desertierten?

An Affen fehlte es gleichwohl nicht, aber es waren vierbeinige; im Walde begegneten uns ganze Trupps. Ich beneidete sie um ihre blitzmäßige Behendigkeit, die ich zum Aufstieg gegen den Pic von Orizaba wohl hätte verwenden können. Wie mancher mußte noch ins Gras beißen, bis die Hochebene mit ihrer reinen Luft erreicht war. Wie das Fieber in Cordova gelegentlich wütete, daran erinnerte uns schrecklich ein Wahrzeichen mitten in der Stadt, wo zum Andenken an eine Epidemie ein Trottoir mit menschlichen Schenkelknochen gepflastert worden war. Ich ließ die Stadt gerne hinter mir und schritt, da ich mit dem Korporal »Kleindienst« hatte, mit ihm und dem Quartiermeister in munterer Zuversicht dem Gebirge zu. Wir hatten immer eine halbe Stunde Vorsprung, und kamen die andern nach, so hatten wir uns schon gütlich getan und durften ausruhen. So konnte ich in Orizaba auch das Leben in einem mexikanischen würfelartigen Hause, das nach außen 244 recht öd aussah, beobachten. Die Leute leben in der im Mittelpunkt liegenden Halle mit Veranden und Gärtchen, wo eine ansehnliche Pracht entwickelt ist. Jung und alt tummelt sich da, faulenzt und träumt, auf Fellen und Matten herumliegend, wobei die Zigaretten bei Mann und Weib eine Hauptunterhaltung und einen Hauptgenuß bilden. Ich hörte zufällig, wie sogar ein fünfjähriges Kind zur Mutter sagte: »Bring mir Feuer!« und die Mutter, die ebenfalls rauchte, gehorchte mit größter Zuvorkommenheit, indem sie, selber noch ein Kind nach europäischen Begriffen, ihm den brennenden Stengel hinhielt, damit es den seinigen in Brand stecke.

Auch einen deutschen Sesselmacher traf ich an, der sich aus den Südstaaten der Union, wo ihm Fortuna durchgebrannt war, hierher verirrt hatte. Ich konnte seiner Geschäftseröffnung, die echt amerikanisch war, beiwohnen. Mit etwas Werkzeug im Felleisen, jedoch aller Mittel bar, kam er in der Morgenfrühe hier an, sah sich im Quartier ein bißchen um und entdeckte ein leeres Gehöfte, wo er seine Siebensachen abstellte. Alsdann ging er in den nahen Wald, schnitt sich ein paar passende Hölzer, Äste und Zweige, woraus er einen Sessel herstellte, mit dem er am Abend hausieren ging und den er richtig an den Mann brachte. Zugleich erhielt er neue Bestellungen, die ihn für zwei Tage vollauf beschäftigten. Aus dem Erlös des ersten Kunstwerkes schaffte er sich einen Kochkessel und etwas Speise an, bezog ein neues Obdach, bereitete sich das Nachtessen und schlief auf hartem Boden den Schlaf des Gerechten als wohlbestallter Sesselfabrikant. Am nächsten 245 Morgen schon betrieb er das Geschäft im größern Stil, indem er einen Jungen anstellte, der ihm das Holz herbeischaffte und andere Handreichungen und Ausgänge besorgte. Am zweiten Tage vollendete er bereits sechs Stücke solcher Sessel, die freilich ziemlich urwüchsig aussahen, aber immerhin ihren Zweck erfüllen konnten. Jedes Stück setzte er zu vier Real (Münze) ab und am dritten Tage stand ihm schon ein Kapital von drei Dollars zur Verfügung, und die Fabrik war eröffnet. Für den Fall, daß in der kleinen Stadt Überproduktion eintreten sollte, war der wackere Mann noch auf andere Künste eingerichtet; er verstand auch das Schuhflechten und das Zigarrenmachen, und da in Kulturländern die Bedürfnisse nach Luxus und Genußmitteln größer sind als die nach wirklichen Lebensmitteln, steht zu hoffen, daß der Landsmann seine Zukunft gesichert hatte. Er bewirtete uns sehr zuvorkommend und mit vaterländischer Gemütlichkeit; nur wünschte er, daß wir den Kameraden nichts von seiner Anwesenheit sagten, da es für seine fernere Existenz nicht vorteilhaft wäre, wenn die Einwohner wüßten, daß er sich mit den Franzosen anfreunde. Wie wenig braucht der gesunde Mensch zum leben! Ein Paar kräftige Arme und geschickte Hände. Der selbstherrliche Mann tat es mir an; ich sah zu ihm auf wie zu einem König und sagte mir, daß die Arbeit, die ich verrichte, doch eine richtige Sklavenarbeit sei. Nicht einmal das Gefühl erzeugenden Schaffens hinterließ sie; nur wie ein ferner blasser Stern stand für uns am weiten Firmament die Hoffnung, daß das Werk der Vernichtung, dem wir den Arm liehen, einer neuen und höhern Kultur die Tore 246 öffnen möge. Aber, aber . . . würden wir das je erleben?

Nach dem Aufbruch von Orizaba begegneten wir auf der nächsten Höhe einer größern Abteilung Zuaven, die in Gewaltmärschen Veracruz zustrebten, um sich auf dem »Allié« nach der Heimat einzuschiffen, da sie ihre Dienstzeit hinter sich hatten. Von ihnen hörten wir, daß unser Regiment bei Oajaca stehe, wo sich der Feind unter dem General Orthega gut verschanzt habe und sich hartnäckig verteidige. Ihre erste Frage an uns war, ob es auf dem Depot in Cordova noch Wein habe; sonst schien sie nichts zu interessieren. Sie hatten eine lange Zeit der Entbehrung und des Leidens durchgemacht und ihr Herz war voll Heimatsfreude, und diese Freude wollten sie vor dem Abschied aus dem Land der Fieber und der Dornen noch gehörig feiern. Nicht ohne Schadenfreude schwangen sie beim Abmarsch die Mützen und wünschten uns schöne Tage. Wir aber hatten von dem, was uns bevorstand, schon einen Vorgeschmack und sahen die Glücklichen nicht ohne Wehmut uns den Rücken kehren.

»Vive la France!« hallte es noch lange von ihrer Kolonne wie Siegesruf zu uns zurück. Daß wir die Glücklichen waren, ahnten wir damals nicht; aber bei unserer Ankunft in Mexiko vernahmen wir, daß der stolze »Allié«, auf dem wir eine so köstliche Ferienfahrt genossen hatten, im Golf bei einem Sturm mit Mann und Maus untergegangen war.

An der holprigen Kaiserstraße lagen da und dort zerbrochene Wagen und verendete Lasttiere; sie führte fast beständig durch große Wälder, etwa auch an 247 einer Hazienda vorbei. Wundersame Pflanzen gab's zu sehen, die ich nicht kannte, hier und da ein Gürteltier, aber Vögel und Schmetterlinge in Fülle und wunderbarer Pracht. Das Auge konnte nur staunen, aber die Zunge konnte nicht auf ihren Beruf hin arbeiten. Trotzdem es wimmelte von Fuhrwerken, Fuhrleuten, Maultier- und Eseltreibern – Brot trugen sie uns keines zu; Mais, immer nur Mais in faden Tortillas gab's zu essen und zu schmecken. O hätte doch der Magen Sinn und Verständnis für die saftigen und schönen Redensarten; wie gut wäre es uns da ergangen; denn mit überschwenglichen Höflichkeitsformeln geht der Mexikaner gegenüber seinesgleichen so verschwenderisch um, wie sonst kaum ein Volk der Erde. Jeder Bettler ist ein Sennor, jeder Taugenichts ein Caballero, und wenn die Leute einander auf der Straße begegnen, so gibt's einen Morgengruß, so lang und so salbungsvoll wie die Litanei: »Guten Tag, gnädiger Herr! Haben Sie vortrefflich geschlafen? Wie geht es Ihro Gnaden? Wie befindet sich Ihre hochgeschätzte Familie, Ihre ausgezeichnete Gattin und Ihre edlen Kinder? Was macht Ihr Ochse, Ihr Esel, Ihr Schwein usw.?«

Von beiden Seiten erkundigt man sich so umständlich, wenn man als ein Mensch angesehen sein will, und ebenso gründlich antwortet man und bietet eine Zigarette an.

O, wie die guten Leute Zeit haben!

Allmählich wurde das Land kultivierter. Wir näherten uns der wohlbefestigten und mit achtzig großen Klöstern und Kirchen versehenen Stadt Puebla. 248 Drei Monate lang hatte sie unter Orthega mit zwanzigtausend Mann Besatzung gegen die doppelt so starke Armee des französischen Generals Forey eine Belagerung ausgehalten. Ganze Straßen mußten zuerst niedergelegt werden, ehe die Mexikaner der Übermacht wichen.

Hier wurden wir nun neben Österreichern und Belgiern in Klöster einquartiert und hatten einige Muße, die stolze Stadt mit ihren noch stolzern Bewohnern zu bewundern. Ganze Häuserfassaden waren mit vielfarbigen Steingutplatten verkleidet, da und dort prächtige Mosaikbilder angebracht; eine große, aber vornehme Düsterheit herrscht in diesen Straßen. Vornehm, stolz und düster ist auch der Bewohner. Auf feurigen silberschimmernden Pferden tummeln sich die in reicher Tracht prangenden Reiter mit ihren steifen, breitrandigen Sombreros, die von Goldstickereien glänzen.

Ihren Stolz ließen die Herren uns gelegentlich fühlen –; benahmen sie sich höflich, sah es recht gezwungen aus. Hielt man bei ihnen Nachfrage, wurde man mit einem fast verächtlichen »Naixrada« abgewiesen. In den Läden und Pulquerien erhielten wir das Verlangte oft erst, wenn wir mit Drohungen aufrückten, was uns dann allerdings eine zähnegefletschtes »Caramba« eintrug. Frauen sahen wir im Verhältnis zur Bevölkerung nur wenig auf der Straße, und stets gingen sie in ihr blaues Kopftuch eingehüllt. Daß es aber auserlesene Schönheiten gab, konnte man des Abends auf dem Korso sehen, wo sich die Grandezza erging, und wo unsere Offiziere den Damen mit den bestrickenden, 249 mandelförmigen Augen, die in wunderbarem Dunkel schwammen, den Hof machen durften.

In dem Hofe, wo wir einquartiert waren, erschien regelmäßig ein schönes Weib, von so hoher Haltung, mit so edlem Profil, daß man es fast als eine Göttin hätte verehren mögen. Seine Kleidung ließ auf eine Dame schließen aus vornehmer Familie; im dunkeln Haar stak ihr als Überrest einstiger Herrlichkeit ein goldener Pfeil, vielleicht ein teures Andenken, das sie nicht veräußern wollte. Auf den Armen trug sie ein kleines Kind und bettelte Brot oder Suppe oder bat auch sonst um etwas zu essen. Es fiel mir auf, daß dieses herrliche Geschöpf betteln ging, und alle glaubten sie auf unerlaubten Wegen. Juanita hieß sie. Eines Abends sah ich, wie unser Adjutant sie unter allerlei Schmeicheleien und Versprechungen auf sein Zimmer locken wollte. Da weigerte sie sich jedoch entschieden und als er sie am Arm mit Gewalt hereinführen wollte, da riß sie sich los und floh, dem Verblüfften ihr Kopftuch in den Händen zurücklassend. Von diesem Tage an erschien sie nicht mehr. Später aber traf ich mit einem Kameraden den Engel in einem andern Quartier, wo sie wiederum dem Betteln oblag. Wir waren gerade guter Laune und wollten ihr einen Real schenken. Sie eilte aber mit einem erhaltenen Stück Brot davon und blieb uns ein Rätsel. Bald darauf kam ich auf einem Fort in der Nähe der Stadt auf Wache. In den Freistunden schlenderten wir umher und trafen die schöne Juanita mit ihrem Würmchen, das sie in ein Tuch gewickelt auf dem Rücken trug, nochmals an. Sie erkannte uns und lächelte, was uns Mut gab zu fragen, warum sie so 250 herumstreife, ob ihr keine Verwandten zur Seite stehen, warum sie so verlassen sei. Wir drangen mit Bitten in sie. Als sie endlich merkte, daß mehr Mitleid als Neugierde uns zum Fragen bewog, erzählte sie, daß ihre Eltern noch leben, und zwar in sehr guten Verhältnissen. Als sie mit einem Kinde ging, wurde sie von ihrem Vater unbarmherzig verhört und mißhandelt, bis sie ihm endlich trotz des scharfen Verbotes von seiten ihres Verführers eingestand, daß ihr Beichtvater des Kindes Vater sei.

Wie besessen stürzte ihr Vater in das Haus des Priesters, um ihn zur Rechenschaft zu ziehen. Dieser aber leugnete alles ab und schwärzte sie an, wie er sie oft auf verdächtigen Wegen getroffen habe, so daß ihr Vater noch wütender wurde und ihren Beteuerungen und Schwüren keinen Glauben mehr schenkte. Der Beichtvater scheute sich nicht, sie mit höherer Bewilligung in Bann zu erklären. Weil sie einen Diener Gottes grundlos verleumdet habe, solle sie von Stunde an in keinem Haus, weder bei Freund noch Feind, aufgenommen werden, sondern für ihre große Sünde ihr und ihres Kindes Leben, das von den Wohltaten der Kirche ausgeschlossen war, unstät und flüchtig zubringen, unter der Androhung, daß, wer dieses Gebot übertrete, ebenfalls in Bann getan sei. Seit Jahresfrist irre sie wie vogelfrei umher; eine gute Frau gewähre ihr bei schlechter Witterung in einem Verstecke Unterkunft und sei freundlich mit ihr; sonst aber werde sie überall wie eine Aussätzige verachtet und gemieden. Tränen erstickten öfter ihre Erzählung.

Wir hatten Mitleid mit ihr; sie fühlte es und kam 251 von da an wieder in unser Quartier, wo sie stets reichlich beschenkt wurde und ihr niemand mehr etwas zuleide tat.

Eines Tages erhielten wir Befehl, in Tehuacan zweihundert gefangene mexikanische Offiziere abzuholen, nachdem das belagerte Oajaca übergeben worden war. Juanita weinte bei unserm Wegzug und dankte in rührender Weise für unsere Guttaten. Wir schenkten ihr noch eine wollene Decke, die wir einem Geniesoldaten abbettelten, der sie irgendwo geplündert hatte. Oft dachten wir an das schöne und liebenswürdige Wesen und wünschten, wir könnten es der Obhut Gottes anheimstellen, nachdem sich einer seiner heiligen Diener als wahrer Teufel an ihr versündigt hatte.

Es war so in Mexiko: Was der Pfarrer, der Heilige, sagte, galt für unwiderleglich wahr. Der Pfarrer galt für Gottes Kronzeuge, der nicht lügen kann; auch wenn er das Unglaublichste behauptet, muß es wahr sein.

Mit unserm Einmarsch in Tehuacan verband die revolutionäre Natur ein kleines Erdbeben, welchem zwei Schildwachen zum Opfer fielen, indem sie von einem einstürzenden Portal erschlagen wurden. Die Einwohner, von denen wohl viele bei Oajaca mitgefochten und mitgeblutet hatten, benahmen sich sehr scheu und zurückgezogen. Stille, Trauer und Furcht lagen über dem Orte. Viele von uns benützten denn auch die Gelegenheit, sich als Herren der Situation aufzuspielen, hielten da und dort Einkehr, wo sie nicht eingeladen waren, genossen und machten sich Dinge zu eigen, die weder geradezu gestohlen noch geraubt 252 waren, die man ihnen aber doch nicht ganz freiwillig überlassen hatte.

Unsere Mission, die gefangenen Offiziere zu eskortieren, war keine angenehme. Greise und Jünglinge befanden sich darunter, die einen traurig, gesenkten Hauptes, die andern stolz und aufrecht, vom Bewußtsein erfüllt, für eine edle Sache, die Freiheit ihres Vaterlandes, gekämpft zu haben. Bei manch einem war der trotzige Mut noch nicht gebrochen, so daß sie mit dem Gewehrkolben an ihre Gefangenschaft erinnert werden mußten; waren es doch ehrenwerte Männer, die das Erbteil, welches sie von ihren Vätern erhalten hatten, ungeschmälert ihren Nachkommen überliefern wollten. An fünfhundert Mütter, Frauen und Kinder begleiteten die Unglücklichen, indem sie trauernd und weinend oder tröstend und aufrichtend neben der Straße über Stock und Stein, über Gräben und Bäche einherliefen und mit ihren Angehörigen in leidenschaftlicher Aufregung verkehrten.

In Puebla angekommen, wurden die Gefangenen in einer großen Kirche eingesperrt, während ihre Begleiter Tag und Nacht im Freien verharrten, Entbehrung und Mißhandlung klaglos ertragend.

Endlich rückte auch unser Regiment ein und wir bekamen unsern General zu sehen. Jeanningros war Soldat bis in die Fingerspitzen, ein großer, schöner und tapferer Mann, der von der Pike auf gedient hatte und seinen Soldaten ein wahrer Vater war. Er imponierte uns auch durch seine Kraft. Auf dem Hauptplatz in Puebla nahm er einem täppischen Rekruten das Gewehr aus der Hand und zeigte ihm – wie er denn auf dem Exerzierplatz gerne 253 persönlich demonstrierte – wie man dasselbe schulterte. Dabei schlug er mit der rechten Hand so gewaltig an den Kolben, daß derselbe abfiel wie mürber Zunder. Bei der ersten Parade lobte er unsere gute Haltung und unser schmuckes Aussehen und gestand, daß ihm noch nie ein Detachement so vollständig, ohne Nachzügler, so tadellos ausgerüstet und eingedrillt vorgestellt worden sei. Wahrscheinlich verschwieg er die Desertion von zwei Kameraden mit Absicht.

Unser Kommandant Charrier strich sich ob der Lobrede vergnügt den Schnurrbart.

Das nächste Detachement traf dann freilich in ganz erbärmlichem Zustand ein, so daß wir ihm gegenüber als Elite erschienen. Sie wurden auf den Forts eingesperrt und erhielten Strafexerzieren.

Unsere Haltung bewirkte dann auch, daß viele von uns zu den Elitekompagnien ausgehoben wurden. Charrier empfahl mich als einen, der immer proper sei, genau im Dienst, und der auf dem Marsche beständig singe wie eine »Klarinette« – un brave garçon. Auf dieses Zeugnis hin, dem er noch dasjenige des Artilleriehauptmanns von Martinique beifügte, wurde ich den ersten Grenadieren zugeteilt. Das war nicht wenig Glück. Denn diese waren bevorzugt, hatten in der Garnison keinen strengen Dienst, immer die besten Wachten, eine Soldzulage, und aus ihnen wurden die Unteroffiziere ausgezogen.

So trug ich also die volle schmucke Uniform eines französischen Grenadiers. Am selben Tage der Neueinkleidung hatte ich bereits auch das Vergnügen, bessere Wohnung zu erhalten, nämlich in einem ehemaligen Kloster. Die beiden Mörike erfreuten sich 254 desselben günstigen Geschicks, das, wie wir hörten, uns bald nach Mexiko, der Kaiserstadt, führen sollte.

Inzwischen aber hatte ich ein Trauerspiel mitzuerleben, das ich nie vergessen werde, obschon ich dabei nur ein willenloser Statist war. Fast Tag für Tag mußten wir mit klingendem Spiel ausrücken, um Exekutionen vorzunehmen an den in Oajaca in Gefangenschaft geratenen Offizieren. Man zog vor die Kirche, der vom Kriegsgericht Verurteilte wurde auf einen zweirädrigen, mit Maultieren bespannten Karren geladen und ein Priester setzte sich zu seiner Rechten, der ihm Trost zusprach, ihm den Tod als eine Erlösung mit dem Anrecht auf einen Freiplatz im Himmel vormalte und ihn belehrte, wie er seine ganze Hoffnung auf Gott setzen müsse, daß er durch den Genuß der Sakramente mit Gott versöhnt werde und zu einem ewigen Leben eingehe. Auch wurde ihm versprochen, daß man für seine Angehörigen sorgen und sein Schicksal rächen werde. Einer dieser Szenen erinnere ich mich, als hätte ich sie eben in einem blutigen Traume geschaut. Der Verurteilte war ein Mann von ungefähr dreißig Jahren, auch ein Märtyrer der später doch erstandenen neuen Republik Mexiko, der das Morgenrot der neuen Freiheit, auf das er so sicher baute, nicht mehr erblicken sollte.

Es war ein prachtvoller goldener Augustmorgen. Der Henkerkarren harrte vor dem Tore. Drinnen reichte man ihm die Sterbesakramente. Eine Menge Volkes stand vor der Kirchtür, in banger Erwartung, ob man einen der Ihrigen herausbringe, da sie nicht wußte, an wem die Reihe war. 255

Totenblaß erschien er jetzt auf der Schwelle. Ein Schrei der Verzweiflung ringt sich durch die Luft. Ein Weib, das von drei Kindern begleitet ist, bricht ohnmächtig zusammen und wird hinweggetragen.

Der Mann besteigt das Gefährt. Auf seiner blassen Stirn perlt der Todesschweiß. Ein schneller Blick über die Menge hinweg, die ihn nichts kümmert und die für ihn keine Hand regt, obschon er auf Gnade und Befreiung bis zum letzten Augenblick gehofft. Die Tausende, die ihn umstehen, lassen es geschehen, daß er, der Unschuldige, der sein Glück und die Wohlfahrt der Seinigen für das Heil des Volkes in die Schanze schlug, wie ein Verbrecher zur Schlachtbank geführt wird.

Tausend feindliche Bajonette blitzen drohend in der Sonne.

Der Geistliche besteigt den Karren. Er gibt seinem Beichtkind ein silbernes Kruzifix in die Hand. Der Anblick des Heilands, der ihm die ewige Seligkeit verheißt, soll ihn stärken.

Der Karren rollt.

Mit innigem Vertrauen auf die Trostesworte seines Begleiters horchend, hält der dem Tode Verfallene das ihm gereichte Symbol der Erlösung mit beiden Händen krampfhaft fest. Von seinem Antlitz tropfen die Perlen des Angstschweißes auf das im Sonnenschein funkelnde Kruzifix herab. Er betet nach, was ihm der Gottesmann vorspricht, mit einer Inbrunst, wie sie dem letzten irdischen Gebete eigen ist. Er drückt das Bild des Erlösers unzählige Male an die Lippen, im festen Glauben, daß er den lebendigen 256 Heiland im Bilde umklammert und küßt. Über sein Antlitz huschen dabei Lichter der Seligkeit. Er ist nicht mehr verlassen, der Herr ist mit ihm. Was kümmert ihn nun die Schar der Rothosen, die den Karren bewachen! Er hat denjenigen bei sich, der ihn durchs finstere Tal der Schmerzen hinübergeleitet . . .

Wir sind auf der Blutstätte angekommen. Das Peloton, das zur Exekution bestimmt ist, stellt sich auf und macht sich schußbereit. Es sind nicht alles herzlose Menschen. Manch einem krampft sich das Herz unterm Waffenrock. Allein sie müssen morden; sie müssen die todspeiende Waffe auf ein makelloses Mannesherz anlegen, müssen, ohne mit der Wimper zu zucken, die Kugel fliegen lassen, wenn der Offizier den Degen senkt.

Der Karren hält an.

Die Menge, einem edleren Gefühl als der Neugierde folgend, hat sich verlaufen. Der bis in den Tod treu zu seiner Sache stehende Republikaner steigt, vom Priester gestützt, vom Karren, immer betend und das Kruzifix küssend. Doch jetzt, da die Soldaten ihn in ihre Mitte nehmen, will der Diener Gottes dem Verurteilten den Heiland abnehmen. Er ist ja von Silber!

Der Ärmste kann und will aber diesen letzten Trost im schwersten Augenblick um keinen Preis fahren lassen. So zerren die beiden den silbernen Heiland kämpfend hin und her, der Delinquent mit der Kraft der Verzweiflung. Er kann sich nicht losreißen von seinem Gott, der ihm soeben noch vom Priester als sein letztes Heil angepriesen worden ist. Aber die lange Haft hat ihn geschwächt. Mit einem kräftigen 257 Ruck entreißt ihm der Pater das Kruzifix und er fällt rücklings zu Boden.

Nun vermag er nicht mehr aufzustehen, und zwei Soldaten müssen ihn zur Stelle schleppen und den in die Knie Zusammenbrechenden an den Armen aufrecht halten, bis der Offizier das Zeichen gibt, das dem grausamen Schauspiel ein Ende macht.

Der Degen senkt sich . . . Herr und Gott, du lässest deine Sonne scheinen über Schuldige und Unschuldige!

*

Solches sah ich wieder und wieder, und mein Herz verhärtete sich. Allein der Schergendienst, den wir verrichteten, entzog uns den letzten Rest von Sympathie bei den Bewohnern. In den Wirtshäusern und Läden schlug man uns jedes Begehren ab oder verkaufte uns Waren nur um maßlosen Preis. Da wir wußten, daß es die Pfaffen waren, welche die Bevölkerung gegen uns aufhetzten, weil wir ihre schönen Klöster als Quartier benützten, nahmen wir an ihnen Rache. In der Nacht vor dem Abmarsch nach der Stadt Mexiko brachen wir in einer Kirche ein, um uns Wertsachen anzueignen, woraus wir den teuren Lebensunterhalt bestreiten konnten, denn unsere Ersparnisse waren in Puebla draufgegangen.

Wir fahndeten im Schatzraum nach goldenen und silbernen Gegenständen. Da plötzlich glaubt einer Modergeruch zu wittern. Ein ermordeter Kamerad! Wie? Irgendwo versteckt! Wir klopfen an den Wänden und Heiligenschreinen. Endlich entdecken wir hinter dem Altar am Boden eine Falltür. Wir 258 ziehen sie auf. Eine Treppe zeigt sich; aber zugleich qualmt uns ein entsetzlicher Geruch entgegen. Wir zünden zwei Altarkerzen an und steigen hinunter. Welch ein grauenvolles Bild stellt sich uns dar!

In einem feuchten Gewölbe liegt in wildester Unordnung ein Haufen Leichen, Frauen und Kinder. Die einen in völliger Verwesung, nur noch Haarbüschel am nackten Schädel, die zu oberst liegenden noch nicht bis zur Unkenntlichkeit entstellt. Da liegt eine Dame mit goldener Kette um den Hals, goldenen Spangen am Arm, in schwerseidenen Kleidern. Sie muß schön gewesen sein. Aus ihrem Antlitz grinst schreckliche Verzweiflung. Auch die zweite scheint dem besseren Stande anzugehören.

Leuchte näher, Kamerad!

In den dunkeln Haaren steckt ein prachtvoller goldener Pfeil! Herr Gott! Es ist Juanita!

Wir benachrichtigen unsere Offiziere. Sie nehmen einen Augenschein, lassen sofort die ersten Männer, die sie in der Nachbarschaft treffen, arretieren. Sie sollen den Aufenthalt der Geistlichen angeben, welche die Kirche bedienen. Man setzt ihnen den Degen auf die Brust, als sie zögern. Sie wissen es nicht; seit acht Tagen sind die schwarzen Vögel ausgeflogen; wer weiß, wohin?

Wir durchsuchten das nächste Kloster, fanden aber in den Wohnräumen nichts vor, als in einigen Schränken namenlose Liebesbriefe, von namenlosen zarten Händen geschrieben.

Wie lange mochte die Gruft ihrem Zwecke gedient haben? Die Falltür war so angebracht, daß niemand sie entdeckte, wenn er nicht vom Geruchssinn geführt wurde. 259

Arme Juanita! . . . O himmlischer Gott, was hast du für schreckliche Diener . . . Für mich war es eine Erlösung, als wir am folgenden Morgen diesen Ort des Grauens verlassen konnten. Im Nordwesten des Reiches standen immer noch Insurgenten. Jetzt, wahrhaftig, freuten wir uns auf den Kampf. Zunächst aber hieß es nur: Auf nach Mexiko!

In fünf Tagemärschen, die uns durch gesunde, hochgelegene Gegenden mit heimatlich erfrischenden Lüften führten, erreichten wir die Residenz.

 

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