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Heinrich Manesses Abenteuer und Schicksale

Adolf Vögtlin: Heinrich Manesses Abenteuer und Schicksale - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
booktitleHeinrich Manesses Abenteuer und Schicksale
authorAdolf Vögtlin
year1910
firstpub1910
publisherH. Haessel
addressLeipzig
titleHeinrich Manesses Abenteuer und Schicksale
pages416
created20180126
sendergerd.bouillon@t-online.de
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11. Ferienfahrt.

Glücklichen Untergang!« Dieser liebliche Wunsch stand auf den Gesichtern der Eingebornen zu lesen. Sie waren intelligent genug, um zu erkennen, daß die Franzosen nicht ihrer schönen Augen wegen mit den Waffen der Diplomatie wie des Krieges immer tiefer ins Land drangen. Herkulische Gestalten voll Willenskraft und Kühnheit waren unter diesen braunen Wüstensöhnen, die da voll kaum verhaltenen Grolles am Ufer standen und uns nicht gerade undeutlich mit allerlei Gebärden ihre Freude darüber zu verstehen gaben, daß sie unser ledig geworden.

Aber auch von unserer nächsten Umgebung auf dem Schiffskoloß konnten wir keine besondere Sympathie erwarten. Da waren tigermäßige Turkos, die zu ihren Regimentern nach Mexiko zurückkehrten; eine große Anzahl von schwarzen Matrosen, rohe Soldatenweiber, alle mehr oder weniger Halbtiere. Wie der helle Mond gegen die schwarze Nacht stach da gegen ihre Unsauberkeit die vornehme Gemahlin eines französischen Hauptmanns ab, der schon längere Zeit auf der Insel Martinique stationiert war und nun seine Familie nach langer Trennung für immer zu sich kommen ließ. Sie hatte zwei liebliche Kinder von sechs bis acht Jahren bei sich, denen ich meine Erlebnisse erzählte und die mir deshalb so anhänglich waren wie einem Vater. Gläubig nahmen sie alles von mir hin und sonnten sich in dem Erzählten wie in einem Märchen, während die Mutter mir manchmal aus ihren großen wehmütigen Augen zweifelnde Blicke 225 zuwarf. Sie lächelte überlegen und dabei sah ich, wie ein Zug des Schmerzes sich um ihren Mund bewegte. Nur selten sprach sie, und wenn es geschah, merkte ich, wie schwach ihre Stimme war. Sie litt wirklich, verriet aber mit keinem Wort ihren Zustand und klagte nie.

Nach mühevoller, halbstündiger Arbeit, welche die Matrosen mit Gesang begleiteten, waren die Anker gelichtet, ein leiser Windhauch zog übers Deck hin, unser Schiff glitt auf die See hinaus. Noch ein donnerndes Hurra! Es bricht sich ohne Echo am Felsennest, das wir verlassen. Keine Antwort, kein Gegengruß, kein Tücherwinken!

In majestätischer Ruhe schwimmt unser »Allié« dahin mit seinem ungeheuren Ballast; lustig teilen sich am Bugspriet die dunkelgrünen Wellen, die sich kokett mit weißen Schaumspitzen das Haupt verhüllen. Die Abendsonne vergoldet hinter uns die höchsten Riffe der verlassenen Küste, bis sie aufblitzend im Meere versinken. Jetzt sind wir eine Welt für uns.

Da ich ziemlich seetüchtig war, wurde ich mit den bei Neulingen üblichen Anfällen verschont, hatte aber genug am Anblick der Kranken. Zu schlafen war in der ersten Nacht keine Möglichkeit. Die Kiste, auf der ich lag, hatte zwei Querleisten, an die sich meine abgemagerten Knochen nicht wohl anzuschmiegen vermochten. In der Morgendämmerung passierten wir die Meerenge von Gibraltar. Die Festung war beleuchtet. Als es tagte, schwammen wir bereits im offenen Ozean. Wißbegierig durchstöberte ich, indem ich überall geschäftig Hand anlegte, den 226 Schiffsraum von oben bis unten; mit dem Kellermeister wußte ich mich, nicht ganz ohne Erfolg, anzufreunden, und in den zwei Treppen unter dem Verdeck liegenden Werkstätten, wie auch im Spital, gab es gelegentlich Arbeit für mich bei Zimmerleuten, Schreinern, Malern, Schlossern und Krankenpflegern, so daß ich zu dem gar zu karg bemessenen Tagessold von fünfundzwanzig Rappen eine kleine Zulage erhielt und mir dafür gütlich tun konnte. Zwischen hinein las ich in den Lusiaden, in deren Verständnis mich die schöne Offiziersfrau einführte, indem sie mir alle Ausdrücke erklärte, die ich nicht aus andern Sprachen abzuleiten vermochte. Ich fühlte mich den Helden dieser größten nationalen Dichtung der Portugiesen nicht wenig verwandt; auch ich hatte Welten bereist, wenn auch nicht entdeckt und erobert; vieles, was die gewöhnliche Welt unmöglich nennt, war mir gelungen, wie ihnen, und wenn mir auch das große Ziel, das ihnen vorschwebte, fehlte, wer weiß, es kam mir vor, als führe mich das Schicksal selbst an seiner unsichtbaren Hand und als eroberte ich in meinem Innern ein Stück Neuland, von dem ich jahrelang keinen Begriff hatte, wenn ich es auch in meiner Jugendzeit hier und da in meinem Geist wie eine sonnige Insel in der Ferne aus dem grauen Meere auftauchen sah.

Ferientage und Ferienträume!

Dann kam wieder der harte Wachtdienst bei den gefangenen Sträflingen. Obschon sie alle bei den Füßen an einer festen eisernen Stange am Boden angekettet waren, so daß sie nur zwischen Stehen und Sitzen wechseln konnten, wurde mir bei diesen 227 Menschen, von denen manche wirkliche Scheusale waren, ordentlich bange, als wäre ich in einem Tigerkäfig. Einst verführten sie einen solch gewaltigen Lärm, daß ich den Tagesoffizier rufen ließ. Er suchte sie zu beruhigen; ohne Erfolg. Da erschien der Kapitän des Schiffes, in jeder Hand einen Revolver. Auf einen Augenblick trat Stille ein. Nun drohte er, den ersten, der wieder schreien oder Lärm schlagen würde, niederzuschießen. Kaum aber war die Drohung heraus, da, wie auf ein Kommando, begannen die sechzig Sträflinge ein Geplärre und Geheul, als hätte die Unterwelt alle ihre brüllenden Teufel heraufgesandt. Nie in meinem Leben hörte ich einen derartigen Lärm.

Jetzt befahl er, man solle den Sträflingen drei Tage nichts zu essen geben.

Gelles Hohngelächter aus sechzig rauhen Tigerkehlen!

Mich aber beschimpften sie, indem sie zugleich ihre Kleidungsstücke abzogen und nach mir warfen, so daß ich der Hölle zu entrinnen glaubte, als ich abgelöst wurde.

Ich begriff, daß die menschliche Gesellschaft sich solch rebellischer Glieder entledigen muß, wenn sie bestehen will, und freute mich ganz im stillen der Überzeugung, ich sei doch über diesen Halbtierzustand hinausgekommen.

Dessen wurde ich mir bewußt, als sich im gleichmäßigen Verlauf der Tage verschiedene Klubs bildeten, die durch allerlei gesellschaftliche Unterhaltung des Daseins Einförmigkeit unterbrachen. Man sang und spielte in allen Sprachen; am Sonntag belustigte228 man sich mit Tanzen, wozu eine große Orgel den Takt gab. Gymnastische Vorstellungen wechselten mit kleinen Schwankaufführungen ab, Sänger und Rezitatoren trugen Lieder und Gedichte vor; und abends erhielten die »Künstler«, zu denen ich als Erzähler von erlebten Abenteuern auch gehörte, einen Becher Wein für ihre Leistungen.

Ich fand mich überall wohlgelitten; allein recht heimelig war mir's doch nur bei der Kapitänin und ihren Kindern. Ich half ihnen allerlei Spielsachen zusammenzustellen, und sie ließen mich dafür teilnehmen an ihren kleinen Leiden und Freuden, deren Größe und Tiefe für sie im umgekehrten Verhältnis zu ihren Jahren und ihrer Kleinheit stand. Manchmal bemerkte ich, wie das Auge der Mutter voll trüber Schwermut auf den Kleinen ruhte, und wenn sie jubelten vor Glück, konnte es geschehen, daß die schöne Frau sich rasch und möglichst heimlich Tränen aus den Augen wischte. Dann kam es auch vor, daß sie beide ohne besonderen Anlaß an die Brust zog, sie herzte und ihnen die Locken streichelte. Auf solche unbegreifliche Gemütserregungen folgte in der Regel ein Hustenanfall. Dann erhob sie sich, ließ die Kinder stehen und begab sich abseits, um unbeachtet zu husten; aber ich hörte doch oft, wie sie zwischenhinein seufzte: »Meine armen Kinder! Meine armen Kinder!« Als ich einmal Mut faßte und mich nach ihrem Leid erkundigte, sagte sie ruhig: »Sehen Sie, Herr Manesse, nun dürfte ich nach neunjähriger Trennung meinen Mann wiedersehen, mit ihm und meinen Kindern glücklich sein – wir hätten's gut – und ich fühle, daß ich sterben muß.« 229

Ich suchte ihr den traurigen Gedanken auszureden. Sie aber schüttelte den Kopf und sah mit weitaufgerissenen Augen in die Ferne, als ob sie irgendwo das graue Bild des Todes schaute.

Eines Morgens nach Neujahr tönten bei Tagesanbruch lustige Posthornklänge vom Hauptmast herab und weckten uns. Als ich auf Deck kam, saß droben ein flotter Postillon in blauem Frack, roter Weste und gelben Hosen, die in mächtigen bespornten Kanonenstiefeln staken. Er trug einen riesigen Briefumschlag mit großen Siegeln in den Händen. Wir waren in den Wendekreis des Krebses eingefahren. Gott Neptun hatte an unsern Kapitän diesen Kurier abgesandt, um uns mitzuteilen, was wir nun alles zu tun und zu lassen hätten. Namentlich sollten alle lebenden Wesen auf dem Schiffe getauft werden. Der Kurier wurde eingeladen, herabzusteigen. Unser Kapitän und sämtliche Schiffsoffiziere stellten sich in großer Uniform und in Spalier auf und der Kapitän öffnete und verlas das Schreiben des göttlichen Abgesandten. Die Offiziere mußten zum Schein ihr Kommando niederlegen, gewöhnliche Matrosen befehligten das Schiff, indem sie das Gebaren ihrer Vorgesetzten nachahmten, durchs Fernrohr guckten, die Brechung der Sonnenstrahlen auf dem Wasser maßen, das Lot warfen, Land- und Seekarten eifrig studierten. Beim Kapitän war große Tafel, ein Barbier mit hölzernem Rasiermesser erschien, alle Offiziere und Passagiere erster Klasse wurden mit einem großen Pinsel eingeseift und rasiert; dann verschwanden die einzelnen der Reihe nach hinter einem Vorhang, wo ihnen ein Feuereimer voll Wasser über den Kopf 230 geschüttet wurde. Mit der Feuerspritze wurden hernach die übrigen en gros getauft.

Am folgenden Tag fand große Maskerade statt, wobei sich die Soldaten herausnehmen durften, ihren Offizieren unverblümt die Wahrheit zu sagen und so Rache zu nehmen für die Unbill, welche sie von ihnen etwa zu ertragen gehabt hatten.

Gott Neptun herrschte drei Tage lang, und wir ließen uns sein närrisches Regiment wohlgefallen und weideten uns an dem teils derben, teils artigen Humor, der in seinem schwimmenden Reich verübt wurde.

Zugleich stand ein Aufenthalt auf der Insel Martinique in Sicht, die man uns als ein wahres Paradies ausmalte. Anlässe genug, um das Leben heiter zu nehmen und sich der goldenen Tage zu freuen.

Da wurde ich eines Abends in das Spital hinabgerufen. Die Kapitänin lag, nach einem schweren Blutsturz, im Todeskampfe. Mit Aufbietung aller Kräfte beherrschte sie sich für einen Augenblick, zog einen goldenen Ring vom Finger und sagte zu mir: »Nehmen Sie, bitte, die kleine Gabe von mir. Sie haben meinen Kleinen viel Liebes erwiesen. Glauben Sie fortan an ihr eigenes gutes Herz, und Gott wird Sie beschützen. Bitte, besorgen Sie auch das.«

Sie deutete auf einen Brief, der auf einem Stuhl lag und an ihren Gatten gerichtet war. Dann hauchte sie: »Dank, vielen Dank!«, drehte sich der Schiffswand zu und verschied. Da wir in der Nähe der Insel, des Zieles ihrer Reise waren, wurde sie nicht dem Meer übergeben, sondern sorgfältig in Segeltuch eingenäht und beim Bugspriet wie eine 231 Hängematte aufgespannt. Im lieben Schatten der Leiche hielt ich mich während der nächsten zwei Tage fast beständig auf, da der kleinere der Knaben immer noch der Meinung war, die Mutter schlafe bloß und werde wieder erwachen.

Aber auf einmal fiel ihm auf, daß sie nicht mehr hustete, und wie nun über der Bemerkung sein älterer Bruder in Schluchzen ausbrach, packte ihn eine furchtbare Angst, daß ich ihn nicht mehr beschwichtigen konnte. Er ahnte den geheimnisvollen Vorgang.

An einem goldklaren Vormittag liefen wir den Hafen von Fort de France auf Martinique an. Ein wonniger Sommermorgen war's mitten im Winter, die Insel in üppigem Pflanzenwuchs, über den sich stille Palmen neigten. Wir alle sehnten uns, wieder einmal festen Boden unter die Füße zu bekommen und mit Menschen, nicht bloß mit Soldaten, zu verkehren.

Am Ufer standen französische Linientruppen und einige Züge Artillerie. Ein Offizier schaute mit dem Feldstecher unverwandt nach uns aus. Der Schiffskapitän nimmt einen der Kleinen an die Hand, ich den andern und begleite ihn ans Land. Da eilt jener Offizier auf uns zu; beim Anblick der beiden schwarzgekleideten Kinder entfärbt er sich. Der Kapitän teilt ihm mit, daß sein Weib, dessen Ankunft er so sehnlich erwünscht hatte, tot auf dem Schiff liege. Ein Ruck geht ihm durch den Körper, als hätte der Schlag sein Herz gerührt. Dann aber richtet er sich auf, nimmt an jede Hand ein Kind und geht, ohne eine Wort zu sagen. Der plötzliche Schmerz schloß ihm den Mund und keine Träne löste ihm sein Weh. 232

Während das Schicksal der Kapitänsfamilie uns alle rührte und ergriff, kümmerte sich niemand um die Schar der Sträflinge, die auf ein anderes Schiff verbracht wurden, welches sie nach Guadalupe auf die Galeere fahren sollte. Dort leben sie, von der Menschheit völlig abgesondert, als bloße Nummern ein Leben, an welchem die Welt nicht teilnimmt. Was diese zusammenhält, ist doch die Liebe, wie unser größter Dichter singt.

Als ein Vertreter dieser Welt fühlte ich mich die nächsten Tage hindurch. Denn nachdem der Kapitän sein liebes Weib begraben hatte, ließ er mich zu sich rufen, erwirkte mir zwei Tage Urlaub und überhäufte mich mit Bezeugungen aufrichtiger Dankbarkeit.

So erhielt ich einen Einblick in das reiche Leben von Martinique, dessen freundliche Bewohner, glänzendschwarze Christen in blendendweißer Wäsche, uns bewirteten, als wären wir ihre Festgäste. Ich konnte mich nicht sattsehen an der paradiesischen Natur, die süße Frucht in unerschöpflicher Fülle erzeugt, eine farbenprunkende lustige Vogelwelt, Schmetterlinge und Insekten von erstaunlicher Größe und glühender Buntheit. Aber was war das alles gegen die trauliche Freundlichkeit und Herzlichkeit, mit welcher mich der Kapitän und seine Kinder umgaben!

In meinem Innern, das merkte ich gar wohl, war es sonnig geworden, und die Helle, die von da ins Auge quoll, machte dieses fähig, die mich umgebende Welt in ihrer klaren Schönheit zu erfassen und zu genießen. Beim Abschied versprach mir der Kapitän, bei meinem Hauptmann ein gutes Wort für mich einzulegen. 233

Wessen Herz für die Hoffnung keinen Raum mehr hat, der tut gut, sein Testament zu machen. Wie mir das meine schwoll! Was stellte ich mir für schöne Dinge in der Zukunft vor! Eine Ehrenstelle höher als die andere! Wahrhaftig, ich sah mich schon als Flügeladjutanten des Kaisers von Mexiko, für den ich kämpfen durfte. Es fehlte mir nichts dazu als ein schönes arabisches Reitpferd. Wie mußte mein Herz, an der Kraft zu hoffen gemessen, jung und gesund sein! Das Wüstenland hatte sich in einer farbenschillernden Fata morgana, die vor dem Schiff über dem großen Wasser dahingaukelte, restlos aufgelöst.

Von Österreichern, die eben zwölfhundert Mann stark von Triest auf Martinique eingetroffen waren, hatte ich nämlich gehört, welch ein leutseliger Mann Maximilian sei. Sie erwarteten in Mexiko einen glänzenden Empfang, stellten sich vor, der Kaiser werde ihnen bis ans Meer entgegenkommen, jedem die Hand schütteln und persönlich danken, daß sie gekommen seien, die unverschämten Mexikaner zur Ordnung zu weisen. Auch hatte man ihnen eingeredet, jeder von ihnen werde nach Beendigung des Krieges hundert Jucharten urbar gemachtes Land als Eigentum erhalten, und alle fetten und halbfetten Beamtenstellen seien ihnen, den Rettern des bedrängten Kaisers, zugedacht.

Natürlich war ich hoffnungsgrün genug, um mich eines saftigen Anteils würdig zu erachten, und erinnerte mich nicht mehr, daß ich wie Schillers bedauernswerter Poet bei der Verteilung der greifbaren Güter dieser Erde immer zu spät gekommen war. 234

Was machte das aus? Ich sonnte mich an der Hoffnung und empfand ihre heilsame Wärme bis tief in die Seele hinein.

Um so tiefer bedauerte ich die mexikanischen Gefangenen, die hierher nach der Zitadelle verbracht worden waren und die uns wehmütig nachschauten, als wir uns einschifften. Was mochten das für tüchtige edle Männer sein, diese gebräunten hohen Gestalten mit den breitrandigen Sombreros, die da in Gefangenschaft schmachteten, bloß weil sie für die Freiheit ihrer Heimat gekämpft hatten!

Allein, je mehr wir uns vom Ufer entfernten, um so voller ward mein Herz von Zukunftsjubel, und der rang sich daraus los und schwang sich empor, wie eine Lerche zum Himmel aufsteigt, um mitten im Gewitter das Lied zu singen, das sie singen muß.

Mußte ich nicht, wenn ich am Ufer die unheimliche, grau angestrichene Galeere sah, ein Fahrzeug ohne Mast und Takelwerk, auf welchem soundso viele Unglückliche ihre aufrichtige Meinung oder ein schnödes Vergehen, schwere Ketten schleppend, unwürdige Arbeit verrichtend, verbüßten?

Langsam drehte sich unser Dampfer auf offener See und steuerte auf den Golf von Mexiko. Glatt verliefen die Tage, mit Ausnahme eines einzigen, da ein fremdes Schiff, das auf unser Flaggenzeichen keine Antwort gab, sich immer auf gleicher Höhe mit uns hielt und sich uns zu nähern drohte, worauf der Kapitän die Gewehrkisten erbrechen, uns bewaffnen und die Kanonen laden ließ.

Über Nacht jedoch entschwand es aus unserm Gesichtskreise und wir durften wieder unserm Vergnügen 235 und unserer friedlichen Arbeit obliegen, die zur Hauptsache darin bestand, daß wir uns mächtige Strohhüte flochten.

Wir fuhren an den deutlich zu uns herüberschimmernden Ortschaften der Insel Jamaika vorbei. Die Matrosen gaben ihre Exerzitien zum besten und kletterten so behend wie Eichhörnchen an den Masten und Segelstangen auf und nieder. Während der lauen Vormitternacht saßen wir, das heißt die meisten aus unserm Zug, auf Deck und lauschten den Erzählungen eines sehr gebildeten polnischen Kameraden, der gut deutsch sprach und alle Begebenheiten mit wundervoller Anschaulichkeit und Lebhaftigkeit vortrug, so daß wir nicht müde wurden, ihm zuzuhören. Wir nannten ihn den Grafen, weil er als Erzieher in einer gräflichen Familie tätig gewesen und der Gräfin etwas zu nahe getreten war.

In einer Nacht, es mochte nach zehn Uhr sein, saßen wir, ganz Ohr, um unsern Grafen versammelt, als einer der Zuhörer bemerkte: »Da kommt auch ein Schiff!« Die Erzählung war jedoch so fesselnd, daß wir darüber vergaßen, das Schiff zu beobachten, obschon dessen Erscheinung auf dem endlosen Wasserplan immerhin ein Ereignis war. Kurze Zeit hernach rief der Beobachter wiederum und diesmal ängstlich: »Seht, es kommt gerade auf uns zu!« Wir fuhren auf; aber ehe wir Zeit hatten, die Gefahr zu erkennen, plumps! lagen wir an einem Haufen auf dem Boden. Ein gewaltiger Stoß! Ein Krach! und das fremde Schiff war vernichtet.

Wehgeschrei und Hilferufe aus den Wellen bestätigten das Unglück; aber mit erstaunlicher 236 Geschwindigkeit waren zwei Rettungsboote bemannt und auf der Suche nach den Opfern der Katastrophe. Bei dieser Gelegenheit erfuhr ich, was ein tüchtiger Kapitän ist. Wie vorsichtig und ruhig, wie sicher war sein Kommando. Zuerst wurde ein Offizier mit vier Mann zur Untersuchung des eigenen Schiffes befohlen, dann gingen zwanzig Mann an die Rettungsboote; niemand außer den Matrosen wurde auf Deck gelassen, um in Ruhe manövrieren zu können. Wie weise war das gehandelt! Wer würde ein Kommando verstanden haben, wenn 1500 Mann sich auf Deck getummelt hätten! Der Kapitän handhabte nach allen Seiten hin das Sprachrohr, rief hinein und erfuhr, daß das angerannte Schiff ein nordamerikanischer Küstenfahrer war, der von Jamaika nach Florida bestimmt war. Die Schiffbrüchigen wurden alle gerettet. Aber seltsam! Keinem der Retter kam es in den Sinn, den Schiffbrüchigen eine Stärkung zukommen zu lassen; diese selbst dachten nicht einmal daran, die Kleider zu wechseln. Nachdem sie sich überzeugt hatten, daß von dem Wrack ihres Fahrzeuges so viel als möglich gerettet, setzten sie sich einfach, als hätten sie ein wohltuendes Bad genossen, in die Nähe der Kamine und ließen trocknen, was das Zeug hielt. Das steuer- und mastlose Schiff war nicht gesunken, jedoch zur Fahrt untauglich und wurde nun von unserm »Allié« ins Schlepptau genommen.

Alles hatten wir sehen und miterleben dürfen, weil unser Klub eben, wie allnächtlich, auf Deck geblieben war. Nun erwiesen wir uns hilfreich, soweit es uns möglich war, und hatten neben der Freude an den Geretteten den Genuß eines herrlichen 237 Sonnenaufganges auf dem Meere und am Morgen den des maßlosen Erstaunens auf den Gesichtern unserer Kameraden, die, zusammengepfercht in tausend Ängsten schwebend, die lärmvolle Nacht in der Tiefe des Fahrzeuges hatten verbringen müssen.

Als wir die Deckel von den Treppen hoben, drangen die verängstigten Menschen in schauderhaftem Knäuel herauf, viele in Verzweiflung, viele ihre Habseligkeiten mitschleppend; einige stürzten sich mit gezücktem Messer auf die Taue an den Booten, um diese flottzumachen, die einen im Wahne, unser Schiff sei im Sinken begriffen, die andern, es sei vom Feinde angegriffen worden. Einzelne hoben Türen aus, um sich darauf zu retten, und drohten, uns totzuschlagen, als wir sie daran zu verhindern suchten. Bald hatte sich ein Rettungsboot mit Flüchtigen angefüllt, obschon es noch in den Haken festlag.

Alle Versuche der Offiziere und Matrosen, den Tumult niederzuschlagen, die Aufgeregten zu beruhigen, scheiterten an dem wahnsinnigen Geheul der Menge. Endlich fiel dem Kapitän ein rettender Gedanke ein: Er ließ durch die Schiffsglocke das allgemein bekannte und beliebte Zeichen zum Kaffeefassen geben.

Die Ernüchterung, die eintrat, war fast wunderbar. Also Kaffee gab's? Da mußte die Gefahr nicht groß sein. Allmählich beruhigte man sich. Diejenigen, die halbnackt heraufgestürmt waren, schämten sich und stiegen wieder hinunter, um sich anzukleiden. Wer sich in der Eile an fremdem Gut vergriffen hatte, trug es zurück. Der bleiche Schrecken der Nacht wich dem rosigen Schein des Tages. 238

Beim Bugspriet stand einer und sang ein Loblied auf den Herrn:

Nimm Christum in dein Lebensschiff
Mit gläubigem Vertrauen;
Stoß ab vom Strande, laß vor Riff
Und Klippen dir nicht grauen.
Und flög' auf wilder Wogenbahn
Dein Schifflein auch hinab, hinan,
Und schlügen selbst die Wellen
Ins Schiff hinein,
Kannst ruhig sein:
Er läßt es nicht zerschellen! –

Aber er blieb allein mit seinem Lob- und Dankgesang: Wir waren eine gottlose Schar.

Nein, ein gehässiges Zanken und Streiten erhob sich nun. Die Gescheiterten behaupteten, wir hätten die Signallaternen nicht richtig gehängt gehabt, so daß sie glauben mußten, der »Allié« fahre von ihnen weg. Dieser Unterhaltungsstoff wurde dann endlich von Berichten über den übrigen Hergang abgelöst und weiter ging es bei herrlichstem Wetter dem Golf von Mexiko zu. Noch nie zuvor hatte ich eine so starke Ahnung von der Unendlichkeit der Welt wie in diesen Nächten, da die Gestirne des Südens in klarer Größe ruhig und schön über uns hingen wie Lampen im Gotteshaus. Ein seltsamer Friede kehrte in meiner Seele ein und ich hatte Gefühl für andere übrig. So pflegte ich einen der Mörike aus Württemberg, der während der ganzen Fahrt seekrank gewesen und bis auf die Knochen abgemagert war.

Endlich, am 4. Februar 1865, an einem unvergeßlich schönen Abend, liefen wir in den Hafen von Veracruz ein. Wie viele von uns werden 239 zurückkehren, wie viele werden ihre Gebeine in fremder Erde liegen lassen?

Für einmal waren wir dem Schicksal entronnen.

 

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