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Heinrich Manesses Abenteuer und Schicksale

Adolf Vögtlin: Heinrich Manesses Abenteuer und Schicksale - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
booktitleHeinrich Manesses Abenteuer und Schicksale
authorAdolf Vögtlin
year1910
firstpub1910
publisherH. Haessel
addressLeipzig
titleHeinrich Manesses Abenteuer und Schicksale
pages416
created20180126
sendergerd.bouillon@t-online.de
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10. In der Wüste.

»Ein kleines Land umströmt der Rhein:
Mein Vaterland muß größer sein!«

Diesen Kehrreim schmetterte der junge Mann, der bei strömendem Regen auf der einsamen Landstraße singend dahinschritt, nicht im Brustton eines Welteroberers oder Himmelsstürmers heraus; es lag vielmehr ein nagendes Bedauern darin, daß seine Heimat keinen Raum mehr für ihn hatte. Er schwang dazu eine grüne Gerte; aber nicht, weil ihn der Übermut stach, sondern weil er, bis auf die Haut durchnäßt, sich warm zu halten bemüht war. Darum wechselte die Gerte beständig die Hand. Sein Schritt war müd, aber dennoch ausgiebig; man sah, er hatte ein Ziel, und ein Felleisen hemmte ihn nicht. Sein Gewand schien gut, fast sonntäglich frisch, obschon es weit hinauf vom Straßenkot bespritzt war.

Als es Mittag läutete, betrat er das Pflaster Kolmars. Die Schenken und Speisehäuser lockten ihn nicht zur Einkehr. Zur Stadt hinaus und landabwärts trieb es ihn. Nun schwenkte er zu einem Bauernhof ab. Ihm knurrte der Magen; aber der gefesselte Hofhund knurrte noch ärger und stellte den 201 Wanderer. Ein Fenster ging auf, und der Bauer schrie über den Hof: »Was willst denn du?«

»Ich habe Hunger.«

»Des hen mir auch; adjes!« Zu klappte das Fenster.

Der Wandersmann kannte seine Pappenheimer, sah, daß es da nichts zu brechen und zu beißen gab, und machte schleunig rechtsumkehrt, worauf sich der vierbeinige Wächter alsbald beruhigte.

Es gibt ein unfehlbares Mittel, das Mißgeschick dieser Erde zu vergessen: Man pfeift darauf; und so hob denn der heimgeschickte Wandersmann, wieder auf die Landstraße einschwenkend, zu pfeifen an: »O Straßburg, o Straßburg, du wunderschöne Stadt!« und er vertrieb stundenlang dahintrottend eine Sehnsucht durch die andere.

Endlich, als die Nacht, breite Schatten werfend, von den Vogesen herüberschwankte, zwangen ihn unterhalb Barr der Hunger und das Verlangen nach trockener Unterkunft, bei einer Meierei neuerdings anzuklopfen.

Der gutmütige Bauer, ein alternder Mann, fragte ihn freundlich, woher er komme und wohin er wolle.

»Nach Straßburg!« lautete die schüchterne Antwort.

»Doch nicht etwa, um Arbeit zu suchen! Die ist dort rar!« meinte der Alte.

Da bekannte der junge Wandersmann, daß er seit zwei Tagen ohne Nahrung zu Fuß unterwegs sei, um sich in Straßburg am Napoleonsfest die große Parade anzusehen; das stolze französische Militär habe es ihm angetan.

»Wenn du so große Freude am zweifarbigen 202 Gewand hast, warum gehst denn nicht gleich unter die Soldaten? Flott gewachsen wärest ja! . . . Dableiben kannst, wenn du willst!«

»Ja, das wär am Ende kein übler Gedanke, das Soldat werden!« antwortete der junge Mann. »Aber laßt mich jetzt schlafen. Ich bin müde zum Umfallen.«

Der Bauer wies ihm im Schuppen ein Lager auf Schilfstroh an, nahm ihm Pfeife, Tabak und Zündholz ab und schloß die Türe hinter sich. Der Wanderer war nicht mehr keck genug, um zu dem angebotenen Lager sich noch ein Abendbrot zu erbitten, sondern kroch ins Schilf hinein, naß wie ein Fisch, und deckte sich zu.

Nachdem er in der Frühe des Morgens eine Schüssel Milch und ein mächtiges Stück Schwarzbrot eingenommen hatte, waren die Strapazen für einmal vergessen, und um neun Uhr vormittags stand er auf dem Kleberplatz in der »wunderschönen Stadt« und fand unter den vieltausend Zuschauern einen Platz, von wo er die glänzenden Regimenter vorbeimarschieren sehen konnte. Hunger und Durst vergaß er darüber. Das Blut begann in seinen Adern heiß zu werden und strömte ihm in warmen Schauern den Rücken hinauf, wenn die Erde unter den Hufen der Pferde erbebte und der Stolz Frankreichs, die Mannschaft der Ostarmee, unter wallenden Fahnen, in endlosen Pelotonen, wie siegestrunken an ihm vorüberdefilierte. Berauscht von dem prächtigen Schauspiel, ließ er sich von der Hoffnung umgaukeln, Soldat, vielleicht sogar Offizier zu werden. Auf einmal wurde er sich bewußt, daß diese Sehnsucht ihn hingeführt hatte 203 und daß ihm ein neues Schicksal winkte. Er erinnerte sich, daß sein Großvater mütterlicherseits sich in fremdem Dienst ausgezeichnet hatte, und wie der Gedanke ans Soldatentum sich ungestüm seiner Vorstellungskraft bemächtigte, sah er sich schon hoch zu Roß, mit Federbusch und Schärpe, an der Spitze eines Regiments. Aber als sich die Tausende von Zuschauern in all den Straßen und Häusern verloren und die Soldaten ihre Quartiere bezogen hatten, kam ein quälendes Gefühl des Verlassenseins über ihn; der Hunger regte sich, und mit ihm kam die Verzagtheit. Wie er nun trostlos dahinschlenderte, fiel ihm ein, sich einer Kaserne zu nähern. Vielleicht, daß die Soldaten an diesem Tage, da sie doppelte Ration erhielten, aus Mitleid für ihn etwas abfallen ließen.

Aber in der Nähe der Wassersuppengasse holte ihn ein graubärtiger Jude ein und fragte ihn, ob er ihm nicht seinen Rock verkaufen wolle; ein schlechterer täte ja den Dienst auch, und daß der junge Herr Hunger habe, sehe man ihm ja an. Im »Wirtshaus zum Jakob« fand der Tauschhandel statt. Der Fremdling erhielt von dem Hebräer einen dünnen Sommerrock und sechs Franken Bargeld. Gott, er konnte sich wieder etwas gönnen. Aber als er seinen Heißhunger gestillt hatte, erkannte er erst, in was für eine auserlesene Gesellschaft er geraten war.

Lauter losgelöste Existenzen; verkommene Leute, die sich eben für Mexiko hatten anwerben lassen und von denen viele schon Pläne schmiedeten, wie sie, in Amerika angekommen, am sichersten desertieren könnten. 204 Es ging lustig und ausgelassen zu, und als er am Morgen auf seinem Lager aus dem Taumel erwachte, besaß er noch einige Kupfermünzen und einen fadenscheinigen, schmutzigen Kittel, den er kaum anzurühren wagte.

Auf die Straße hinaus in solchem Gewand und sich damit an die reine Sonne stellen? . . . Nimmermehr.

Die Hoffnung, in Amerika mehr Ellbogenfreiheit zu erlangen, ein weiteres Vaterland zu erwerben, irgendein märchenhaftes Glück in glänzender Laufbahn zu erjagen, mochte den jungen Mann bestimmen, das neueste Erlebnis als einen Wink der höhern Macht zu betrachten. Es brauchte von seiten des Werbeoffiziers nicht viel Überredungskunst, um den Mittellosen zu bestimmen, einen Vertrag zu unterschreiben, wonach er sich der Fremdenlegion für zwei Jahre verpflichtete.

Jetzt galt es2026 sich ins Unvermeidliche zu fügen; aber dies bereitete ihm keine Schwierigkeit. Die Kaserne sorgte für Obdach, der Sergeant für Speise und Trank und die Matratze für ruhsames Lager. Geld brauchte er keines. Nur war es ihm widerwärtig, immer in der Kaserne und deren Hof herumlungern zu müssen und keinen Schritt mehr in die wunderschöne Stadt tun zu dürfen. Wohl ein Dutzend Mal wurde den Tag hindurch Appell gemacht und sein Name »Heinrich Manesse«! hatte ihm noch nie so scharf in die Ohren geklungen.

Ja! ich war der junge Wandersmann, neuerdings auf zielloser Fahrt ins Leben. Wie oft hatte ich schon das Gefühl gehabt, als bewege sich die Fahrt spiralförmig in die Höhe. Nun eben mußte ich mir 205 sagen, daß ich wieder Söldner geworden und keinen Punkt höher stehe als vor soundso viel Jahren. Die Frage war nur, ob ich dazwischen nichts gelernt und mich mit bessern Waffen ausgerüstet habe, um beim neuen Anlauf auf eine erkleckliche Höhe zu kommen.

Es schien mir, ich wäre nicht mehr ganz grün. Wenigstens fand ich unter den verkommenen Menschen sofort diejenigen heraus, welche auf menschliche Sitten hielten: einen Schullehrer aus Heilbronn, zwei Brüder Mörike aus Stuttgart und einen badischen Dragoner, der samt Pferd und Ausrüstung aus Rastatt desertiert war und den Rhein durchschwommen hatte. Diesen schloß ich mich an und hielt mit ihnen gute Kameradschaft, so daß ich die oft unterbrochene Fahrt über Marseille und Valenzia mit ihren öden Aufenthalten bis nach Mars-el-Kebir, einer kleinen französischen Festung, mit leichtem Sinn ertrug.

Schlimmer waren dann die Märsche durch das steinige, sonnenglühende Gebirge nach Oran.

Noch erinnere ich mich, wie wir einmal nach langer Reise, ganz ausgesengt, zu einem laufenden Brunnen kamen. Hermann Mörike stürzte sich verschmachtend auf den lebendigen Quell und alle atmeten auf, als wir das Wasser erreichten. Da aber sahen wir zu unserm Entsetzen, wie Mörike das Wasser wieder ausspie, mit dem Ruf: »Wir sind verloren!« Trotzdem machte jeder einen Versuch, sich zu erlaben; allein es war wirklich ungenießbar: unser Gaumen hatte sich noch nicht daran gewöhnt.

Auf einem Fort bei Oran wurden wir alle einander gleich gemacht. Den verkannten Genies wurden die langen Haare kurz geschnitten, die eleganten Pariser 206 Herrchen mußten ihre Sonnenschirme verkaufen, der Vicomte de Lyon gab sein Monocle her, machte seine dicke Goldkette zu Silber und mußte sein kariertes feines Wollkleid wie wir gegen grauleinenes Gewand umtauschen, und alle hatten sich dem Gesetz der körperlichen Größe unterzuordnen, wobei es trotzdem geschah, daß, als wir in Reih und Glied gestellt wurden, ein kleiner Schuft neben einen großen zu stehen kam. Alle trugen wir eine blaue, baumwollene Krawatte, ein rotes Käppi, niedere, schwergenagelte Schuhe und weiß sein sollende Gamaschen.

Ein Viertelszoll Unterschied konnte die innigsten Busenfreunde in der Reihe trennen und sie verschiedenen Schlafstuben zuweisen. Soldatenschicksal!

Je nobler und eleganter einer zuvor aufgetreten war, desto unbeholfener, putziger und lächerlicher stand er nun da.

Mir war's, ich wüchse gegenüber solchen hochnäsigen Leuten, und obschon sie, einstweilen im Besitz von vielem Geld, viele Begünstigungen von seiten der Vorgesetzten genossen, sah ich mit einer gewissen Schadenfreude die Zeit kommen, wo ihr Geld alle war und sie um so schlimmer daran, als sie bisher die schweren Pflichten wo immer möglich umgangen und deshalb dann doppelt schwer zu seufzen hatten.

Nach zehn Tagen war ich soweit instruiert, daß ich auf Wache in die Stadt kommandiert wurde, zunächst bei einem Tor, das die Straße ins Landesinnere beherrschte, dann bei einem Gefängnis für Araber, wo die Schildwachen einander jede Viertelstunde aus voller Kehle anzurufen hatten: Sentinelle, prenez garde à vous! 207

Das geschah nicht ohne Grund. Nicht selten wurden Schildwachen von den Arabern meuchlings umgebracht. Hier war das Gefängnis, in welchem hundertfünfzig von den braunen unheimlichen Gesellen beisammen waren, unter der Erde. Frühmorgens wurden sie in den großen Hof hinausgelassen, um ihre Waschungen vorzunehmen, während wir auf der hohen Mauer des Zwingers – der mich an den Bärengraben in Bern erinnerte, nur daß jener viel größer war! – hin und her schilderten.

Da gab es gelegentlich aus der Tiefe Blicke aufzufangen, die keinen Zweifel darüber aufkommen ließen, was die Kerle mit uns anfangen würden, wenn wir in ihre Gewalt kämen. Wenn sie uns auch nicht gefressen hätten, zerrissen hätten sie uns in tausend Stücke.

Später kamen wir auf Wache zum Platzkommando im »Neuen Schloß«, was schon einer Art Ehrendienst ähnlich sah.

Das ging bis in den Oktober hinein. Von Woche zu Woche hofften wir, nach Amerika, unserm eigentlichen Ziele, eingeschifft zu werden, als sich plötzlich im Innern des Landes ein Aufstand erhob. Sidi-bel-Abbes, eine vier Tagreisen von Oran entfernte Stadt, war bedroht. Noch hatten wir nicht einmal das Bajonett aufzupflanzen gelernt, und doch mußten wir zum Schutz der Stadt abmarschieren. Mir war der Gedanke angenehm, endlich aus dem Flohherd herauszukommen.

Wir waren sechshundertfünfzig Mann von der Legion, etwa zweihundert Türken und zwei Schwadronen gut berittene Spahis, die Weg und Steg und 208 jedes Wasserloch kannten. Wir faßten für vier Tage Lebensmittel, und fort ging's. Viele ertrugen die afrikanische Tageshitze nicht, noch weniger die afrikanische Kälte, die vor Sonnenaufgang eintrat und namentlich diejenigen frösteln machte, welche entweder aus Unkenntnis oder aus Trägheit ihre Zelte nicht aufgeschlagen und auf freiem Felde übernachtet hatten. Doch blieb niemand zurück, die Furcht, von den Arabern niedergemetzelt zu werden, hielt alle zusammen und trieb selbst die Fiebernden vorwärts.

Welch ein Jubel, wenn die Sonne erwachte und die halberstarrten Glieder löste. Da dachte man nicht an das glühende Elend, das sie während des kommenden Tages über uns verhängte. Die Offiziere munterten uns freilich immer auf, zu spaßen und zu singen. Es mochte für sie keine Kleinigkeit sein, zu denken, mit was für Gesindel sie vielleicht schon in den nächsten Stunden oder am nächsten Tage ins Feuer des Feindes gerieten.

Wir waren am vorletzten Tage eben daran, unsern Kaffee, unser einziges Labsal, zu brauen, als in der Ferne zwei weiße Punkte auftauchten, die immer größer wurden.

Waren es Ausspäher des Feindes?

Waren es Reiter, die uns am Ende die frohe Botschaft brachten, umzukehren?

Es waren Depeschenreiter. Sie forderten unsern Hauptmann zum Eilmarsche auf. Sidi-bel-Abbes war in großer Gefahr. Sofort ließ der Kommandant, der sich auf einmal sehr kameradschaftlich benahm, Freiwillige vortreten, welche am Eilmarsche teilnehmen wollten. Unser zweihundert meldeten sich. Ich vergaß 209 meine wunden Füße; so sehr hatte mich das Kriegsfieber gepackt. Die Noblesse unter der neuen Legion blieb freilich zurück.

Wir warfen unsere Tornister auf einen Haufen. Zwei Tamboure wirbelten lustig auf ihrem Kalbfell drauflos, ein Trompeter blies eine fröhliche Fanfare, bald standen wir in Reih und Glied und fort ging's im Schnellschritt nach dem fünfzehn Stunden entlegenen Orte.

Wir machten drei- bis viermal halt, mehr um etwas zu genießen, als um auszuruhen. Ich erinnere mich, wie gegen Abend der Hauptmann nach einer solchen kurzen Rast nicht mehr aufstehen konnte. Er mußte sich erst die Beine massieren lassen; auch mir und den andern erging es ähnlich; als wir uns vom Boden erheben wollten, schmerzten uns die Muskeln. Stumpf gegen den groben Reiz unserer Kalbfellmusik trotteten wir vorwärts; der Gesang und das fröhliche Wort blieben uns in der Kehle stecken und wir waren todmüde, als wir endlich die Zinnen von Sidi-bel-Abbes im Mondschein schimmern sahen.

»Wer da?« rief uns die Torwache an.

»Legion!« antwortete der Hauptmann.

Da erscholl drinnen der donnernde Freudenruf: Vive la Légion!, der unsere Nerven aufpeitschte. Alle Bewohner waren wach und begrüßten uns als ihre Retter. Wein wurde kredenzt in Fülle, Brot, Würste und Zigarren: wir fühlten uns als Soldaten, von denen man etwas erwartete. Stramm marschierten wir durch die Stadt nach der Kaserne, wo wir hoffen konnten, unsere müden Glieder auf weichen Matratzen strecken zu dürfen. 210

Aber was geschah? Die Herren vom 7. Linienregiment, echte Söhne der »großen« Nation, hatten sich da eingenistet und ließen sich nicht vertreiben. Trotz der unerhörten Marschleistung mußten wir Söldner auf dem harten Boden schlafen, sofern man vor Müdigkeit schlafen konnte.

Weiß Gott, wie ich dazu kam: in dieser Nacht führt mich der Traum in die Kirchgasse nach Münster – und läßt mich ein leeres, linnenweißes Bett sehen in einem heimeligen Zimmerchen. Ich strecke mich wohlig der ganzen Länge nach darauf. Dann geht mir ein lauer, wohlduftender Hauch übers Angesicht; Agathe drückt mir mit weichen Fingern die Augen zu. Sie küßt mich . . . und ich schlafe selig ein.

Plötzlich weckte mich Horngeschmetter. Tagwache! Schlaftrunken wollte ich mich auf dieses Zeichen erheben. Wie gelähmt, zerschlagen in den Knochen! Bleischwer lag's in den Gliedern! Meine Nachbarn torkeln wieder zu Boden, als sie aufstehen. Sie heulen vor Schmerz, reiben sich die Glieder und werden nun der Tatsache eingedenk, daß man nicht ungestraft in einem Tag eine Wegstrecke zurücklegt, zu der man sonst drei Tage braucht. Verzweifelt stieren sie einander an: Wenn es so anfängt, wie soll's da aufhören?

Auch ich fragte mich, ob ein Mensch ein solches Leben zwei Jahre lang aushalten könne. Aber da steht das lichte Bild, das meine überreizte Phantasie in der verwichenen Nacht mit leibhafter Deutlichkeit geschaut und dessen blutwarme Nähe ich bis in die Seele hinein verspürt, wieder vor mir: ich sehe die schönen großen Augen auf mich gerichtet, und weg war die Hilflosigkeit. 211

Während die meisten liegen blieben, und einzelne unter Qualen sich erhoben, kroch ich auf allen Vieren der Tür des Schlafzimmers zu, die Treppe hinunter, um mich zu einem Brunnen zu schleppen und den unsäglichen Durst zu löschen. Als ich aber sah, daß die Franzosen schon mit Kesseln voll Kaffee daher kamen, schlich ich der Küche zu, um etwas Besseres als schlechtes Wasser zu erhaschen. Wirklich war da einer barmherzig genug, um dem Legiönler eine Schale voll des köstlichsten Trankes zu reichen, der mich mit einem Schlage belebte; und als ich mich tüchtig mit kühlem Wasser gewaschen hatte, ging es mit dem Gehen schon leidlich.

Stolz auf die Errungenschaft, wollte ich eben zu meinen Kameraden zurückkehren, da schlug es Generalmarsch. Ein Linienoffizier rief die Treppe hinauf: »Alles herunter! In den Kasernenhof! Ohne Waffen!« Selbstverständlich kehrte ich sofort um und war der erste auf dem Platz. Charrier, mein Kapitän, der sich auf einen Stock stützte, kam bald nachher, redete mich an und fragte mich freundlich, wie es komme, daß ich schon so munter und rüstig sei. »Brav, Manesse!« murmelte er.

Dieses Wort der Anerkennung tat mir wohler als ein tüchtiger Morgenimbiß, den ich allerdings nicht verachtet hätte. Die freundliche Miene des Kapitäns sagte mir, er habe sich den Manesse gemerkt als einen Zuverlässigen, deren es ja nicht zu viele bei seinem Fähnlein hatte.

Nach einer halben Stunde waren von unsern Legionären vielleicht dreißig Mann auf dem Platz. Mühsam sich aufrechthaltend, schlaftrunken, halb 212 angekleidet, rückten sie an. Im Hofe wurden inzwischen zwei Haufen scharfe Patronen zusammengetragen.

Ein Oberst ging in schweigsamem Ernste vor uns auf und ab. Ich dachte an den General Mechel und an dessen Rede, die er bei Salerno an uns gehalten und worin er uns nach einer wohlbegründeten Meuterei als Lumpen, Halunken und Schweinekerle tituliert hatte, die man mit Bomben und Granaten zusammenschießen sollte.

Jetzt aber, als wir alle beisammen waren, stieg der Oberst auf eine Patronenkiste und sprach zu uns so: »Wackere Legionäre! Ihr habt gestern Unerhörtes geleistet, um unsere dringende Bitte um Hilfe zu erfüllen. Diese Heldentat bildet ein Ruhmesblatt in der glorreichen Geschichte der französischen Soldateska. Ihr habt lange Ruhe verdient und bedürfet sie. Ich sehe, wie tief ihr ermattet seid, und wäre der erste, euch drei Tage Rast zu gönnen; aber – schaut da auf die Straße hinaus: Da seht ihr namenloses Elend. Die Araber haben die zunächstliegenden französischen und deutschen Kolonien überfallen, die Häuser geplündert und angezündet. Frauen, Greise und Kinder flüchten sich mit den letzten Resten ihrer sauer erworbenen Habe und verlassen ihre neue Heimat aus Furcht vor drohender Niedermetzelung.

Ihr müßt ihnen zu Hilfe kommen, die Feinde zurückdrängen, ehe sie an die Stadt herankommen; sonst sind wir alle mit jenen Armen verloren. Greift zu den Waffen, brave Kameraden! Großes habt ihr geleistet, noch Größeres werdet ihr vollbringen. Einigkeit macht stark!« 213

»Hurra! Vive l'Empereur!« dröhnte es aus unsern Kehlen. Wir eilten in den Saal hinauf, nahmen die Waffen zu uns und machten uns marschbereit. Ich fand noch Zeit, das Lederzeug und die Schuhe zu putzen, und war dennoch einer der ersten, nachdem ich in der Küche noch ein Stück Fleisch und etwas Brot in den Brotsack gesteckt hatte. Der nahm nun auch noch die Patronen auf, von denen jeder soviel bekam, als er nur haben wollte.

Bald erschien unser Hauptmann, der, trotzdem er einen Bedienten besaß, noch recht ungemustert aussah. Schon wollte ich mich über meine eigene Sauberkeit, – oder die darauf verwandte Mühe ärgern, als mich Charrier anredete: »Bien propre, Manesse!« Das machte mich ganz glücklich.

Wir waren bloß eine Kompagnie stark und es schien uns etwas gewagt, uns von der Stadt zu entfernen. Doch war uns Hilfe zugesagt, die schnellstens nachrücken werde, sobald natürlich die Suppe gekocht und genossen war.

Langsam, gehörig ausspähend, rückten wir aus der Stadt, die glühende Straße entlang, der Kolonie Sidi-el-Kassan zu. Von Zeit zu Zeit schimmerten in der Ferne die blendendweißen Mäntel von reitenden Arabern auf, die sich jedoch bald aus unserm Gesichtskreis verloren. Gruppen von fliehenden, schwachen Greisen und weinenden Frauen mit Kindern begegneten uns fortwährend.

Die erzählten, daß der ganze Ort, sowie auch Sidi-Kralen umringt sei von Feinden; sie forderten uns auf, zu eilen, und begriffen unsere langsame Gangart nicht. 214

Endlich zogen wir in Sidi-el-Kassan, einem sauberen Dorf aus einstöckigen Häusern, ein und waren erstaunt, deutsche Laute an unser Ohr tönen zu hören. Wohl die Hälfte der Einwohnerschaft waren Deutsche, meist Badenser, und unser badischer, aus Rastatt desertierter Dragoner fand sogar einen Vetter und zwei Basen. Vom Feind war kein Bein zu entdecken. Wir vernahmen dann, daß er vor einer Stunde im Dorf eine Kontribution von 5000 Franken eingetrieben und sich bei unserm Heranrücken entfernt hätte. Wäre ihm unser jämmerlicher Zustand bekannt gewesen, hätte er nicht angenommen, wir seien bloß die Vorhut einer heranrückenden Legion, würde er sich kaum vor uns aus dem Staube gemacht haben. Welch ein Glück war seine Selbsttäuschung für uns! Nun durften wir statt eines blutigen Scharmützels den Kampf gegen unsern Hunger beginnen. Zwei Ochsen wurden aufgetrieben und Gemüsesuppen gekocht. Dann, als wir uns gestärkt hatten, ging man auf die Leckerbissen aus. Alle Häuser, aus denen die Männer geflohen waren, wurden zur Strafe dafür geplündert, so daß wir für die folgenden Tage bald reichlich Lebensmittel besaßen. Ein Bauer kaufte uns Patronen ab, zu fünf Franken das Paket, von welch günstigem Angebot mehrere Schlaumeier Gebrauch machten. Sie konnten dann die Großmütigen spielen und uns im Wirtshaus mit Rotwein traktieren. Bei eintretender Nacht stahl sich mein Nachbar Glaser mit einem Laib Brot hinaus, in dem er zwei Pakete Patronen hineingesteckt und wieder mit Weichbrot vermauert hatte, um sie draußen bei den Bauern gegen Silbergeld einzutauschen, das wir so sehr entbehrten. 215

An diesem Tage schrieb ich nach Münster, an eine, die meinen Augen so fern und meinem Herzen so nahe war.

In aller Herrgottsfrühe kam der Leutnant unseres Zuges in Pantoffeln herein und rief Freiwillige zu einem Kundschaftsgang auf. Mehr als eine Stunde auf dem Boden mehr schleichend als gehend, kamen unser zwölf in die Nähe des Feindes und beobachteten ihn eine Zeitlang, immer nach vorn schauend. Wir sahen nicht, daß links und rechts, je hundert Schritt voneinander entfernt, sich einzelne Reiter uns näherten, bis es beinahe zu spät gewesen wäre. Sie bemerken und Marschmarsch zurück! war bei uns eines. Jetzt ging's über Stock und Stein so leicht, wie bei einem Turnfest. In zehn Minuten waren wir wieder im Dorfe, wo die Unsrigen in Reih' und Glied aufgestellt waren, um uns aufzunehmen und den Feind nach Gebühr zu empfangen. Dieser zog es vor, dem Gefecht auszuweichen; unser Leutnant aber hatte seine Pantoffeln verloren und zog die nötige Lehre daraus.

Gern hätte ich mich nun auch ein wenig des Lebens gefreut und dachte schon an eine friedliche Verwertung meiner überflüssigen Patronen, als zwei Wachtsoldaten meinen Nachbar Glaser herausbrachten, der für sechs Tage bei Wasser und Brot in den Silo, ein tiefes, kesselartiges Loch im freien Felde, geworfen wurde. Er rief mir zu, ich solle ihm das Gewehr leihen, damit er sich erschießen könne.

Ich dachte fürder nicht mehr an die friedliche Verwertung der Staatspatronen.

Da sich nun in der Nähe verschiedene 216 aufständische Stämme versammelten, fand man für gut, uns wieder nach Sidi-del-Abbes zurückzurufen und von da nach dem großen Arabergefängnis Sidi-Ben-Joub. Auch hier hatte die Legion die Ehre, nach des Tages mühseligem Marsche für die Nacht noch sämtliche Wachen zu stellen.

Dieser Nacht erinnere ich mich, als hätte ich sie eben durchlebt, weil sie mir den letzten Rest von Furcht und Gruseln austrieb, der noch in mir war.

Hier mußten die Wachtposten, wie in Oran, einander alle Viertelstunden zurufen. Das Gefängnis bildete einen mächtigen, einstöckigen Quadratbau, der mit festen Mauern umgeben war. Auf diesen waren die Wachen recht zahlreich aufgestellt. Die Nacht war dunkel, die unheimliche Stille oft unterbrochen durch nahen oder fernen Lärm und einzelne Schüsse; auch dumpfes Geschrei, wie von nahenden Araberbanden; dann und wann das wilde Pfeifen und Heulen von herumstreifenden, hungrigen Schakalen und Hyänen. Die Stunden bis zur Ablösung wollten kein Ende nehmen. Ich selber mußte mit einem Wachtmeister und fünf Kameraden auf einen sogenannten verlornen Posten, etwa eine Viertelstunde außerhalb des Gefängnisses. Auf einem Hügel, der mit dichtem Gebüsch bewachsen war, bezogen wir bei stockdunkler Nacht Stellung.

Wären wir überfallen worden, so hätten wir nicht einmal den Rückweg gefunden. Nur im äußersten Notfall durften wir schießen, um keinen blinden Lärm zu verursachen; wir mußten immer auf der Hut sein vor den hinterlistigen Arabern, die schon manchen Wachtposten um seinen Kopf verkürzt hatten. Selber 217 still wie die schweigenden Sterne über uns, lagen wir da, auf jedes Geräusch, jedes Knistern im Gesträuch lauschend. Da flüsterte einer: »Jetzt kommen sie!« Wir hielten den Atem an; der Wachtmeister hieß uns, behutsam mehr abseits vom Fußweg ins Gebüsch zu liegen. Dort postierte ich mich so nahe als möglich an meinen Nebenmann heran und legte mich mit gespanntem Hahn, das Bajonett aufgepflanzt, auf die Lauer. Alle gaben einander das Wort, daß keiner fliehen und keiner schießen wolle, bis der Wachtmeister dazu Befehl gebe.

Dann alles still, alles gespannt in die Ferne horchend.

Aber in meinem Geist lebt und wirkt ein grausiges Bild.

Gerade auf diesem Posten war in der Dämmerung, die nur wenige Minuten dauert, vor zwei Tagen eine Schildwache von einem Araber getötet worden. Auf seltsame Weise.

Dieser listige Kerl hatte den Tag hindurch die Ablösungen und ihre Bewegungen, sowie die Örtlichkeit selbst genau aus einem Hinterhalt beobachtet und zugewartet, bis derjenige wieder auf den Posten kam, den er für den unaufmerksamsten ansah. Dann versteckte er sich im nahen Gebüsch, schnitt sich einen großen, dichtbelaubten Ast ab, schlich sich behutsam wie eine Katze auf allen Vieren immer näher an den Auserlesenen heran, den Ast aufrecht mit einer Hand vor sich hertragend, so daß, wenn auch irgendein Geräusch den Soldaten aufmerksam gemacht hätte, dieser doch nicht auf den Gedanken geraten wäre, daß der Ast einen Feind verberge.

Sobald der Araber nahe genug war, ließ er den 218 Ast fallen, stürzte sich wie ein Tiger auf den Soldaten und durchschnitt ihm blitzschnell den Hals. Freilich konnte der Getroffene noch einen Schrei ausstoßen, der die Kameraden aus den Zelten herausrief, so daß sie den Mörder festnehmen konnten.

Dieser Kerl war uns vorgeführt und gezwungen worden, den Überfall, allerdings ohne Dolchmesser, zu demonstrieren, damit wir uns um so eher vor solchen Manövern in acht nehmen konnten.

Nun sah ich das braune Ungeheuer stets vor mir.

Richtig! Man hörte etwas sich auf uns zu bewegen. Zweige wurden geknickt. Im dürren Gras raschelte es; immer näher, näher kam es. Die Haare stehen mir zu Berg. Schweißtropfen rinnen mir vor Angst von der Stirn übers Gesicht. Da pfeift's ganz seltsam, zwei-, drei-, viermal. Und jetzt ein Geheul! Wir sind entdeckt, umzingelt!

Jetzt liegen sie mit funkelnden Augen gerade vor unsern Bajonetten. Doch nicht Araber, nein, Hyänen sind es, in ihrer Begleitung die unentbehrlichen Schakale. Unser Blut wird ruhiger. Mit gefälltem Bajonett erwarten wir ihren Angriff. Schießen dürfen wir nicht. Wir klatschen, wie es uns gelehrt wurde, in die Hände, klopfen auf die Patrontaschen, um die Bestien durch den Lärm zu verscheuchen. Doch sie kommen immer näher. Ihre Augen funkeln uns an. Hartnäckig bleiben sie stehen; so leichten Kaufes lassen sie sich nicht um eine leckere Mahlzeit betrügen. Da fällt es einem von uns ein, sein Taschentuch anzuzünden und, dasselbe in der Luft schwenkend, ihnen auf den Leib zu rücken. Wir begleiten ihn vorrückend. Jetzt besinnen sich die Bestien eines besseren und 219 ziehen sich unter grausigem Geheul ins Gebüsch zurück, von wo sie vereinzelt wieder zum Vorschein kommen, dann aber, unserer Wachsamkeit müde, verschwinden.

Wie atmeten wir auf! Wahrhaftig, nach diesem Abenteuer mit den unbekannten Mächten schien uns der Kampf mit den Arabern ein Kinderspiel. Alle Furcht war von uns genommen.

Wie leicht aber ward uns ums Herz, als der Morgen hereindämmerte!

Auf dem Rückweg kamen wir an einem großen Steinhaufen vorbei, in welchem drei einfache Kreuze aus Baumästen staken. Hier hatte man vor kurzem drei Jäger, die sich zu weit vom Kern einer Patrouille entfernt hatten, ohne Kopf auf dem Boden ausgestreckt gefunden.

Wir präsentierten stumm das Gewehr und schritten vorbei.

Wie lange wir noch im Lande herumzogen und die verschiedenen Militärstationen absuchten, ich mag es nicht erzählen.

Die Rationen wurden immer kläglicher. Der Sold war so gering, daß wir unser Brot, von dem der Laib immerhin einen Franken kostete, verkauften, um etwas Tabak, ohne den man nicht leben, sich nicht aufrecht halten konnte, dagegen einzutauschen. Wir waren dazu bestimmt, den Transport der auf Hunderte von Kamelen und Eseln verladenen Lebensmittel für die Armee Legrand zu eskortieren, konnten nie ins Gefecht eingreifen, waren immer die letzten und deshalb auch dazu verdammt, in all den Dörfern und Stationen mit dem vorlieb zu nehmen, was die 220 andern übrig gelassen hatten. Da waren wir am Morgen die ersten und am Abend die letzten; bei ungeheurer Hitze nie frisches Wasser. Wer mittags zur Zeit des Kaffeekochens und abends bei der Suppenbereitung nicht aus der Feldflasche das nötige Wasser abliefern konnte, der hatte getrunken und gegessen. Von einem gesunden Schlaf war wochenlang nicht die Rede. Doch überwanden die meisten von uns die Entbehrungen und stießen eines Tages gerettet zur Armee, die da in der Wüste lag in heißen, schweißtreibenden Zelten, unterm senkrechten Strahl der Sonne.

Abends war Inspektion; alle die vielen tausend Soldaten waren mit Reinigung der Kleider und Waffen beschäftigt, und wirklich, am Abend stand die ganze Armee als ein glänzendes Elend da. O, Träume von Straßburg! Wie waret ihr so weit! So ungreifbar und stofflos wie die Fata Morgana!

Mein Kamerad Glaser und ich dachten ans Desertieren, obschon wir die Schwierigkeiten kannten, den richtigen Weg durch das unwirtliche Land zu finden. Wir besaßen weder Karte noch Kompaß, mußten also damit rechnen, irgendwo zu verhungern, zu verdursten oder der Mordlust der wilden braunen Gesellen anheimzufallen. Schon waren einige durchgebrannt. Vier waren verloren und verschollen, einer wurde an der marokkanischen Grenze von den Spahis eingeholt und sofort erschossen; ein Kleeblatt, das aus zwei Böhmen und einem Österreicher bestand, kehrte am sechsten Tage von seinem Ausfluge freiwillig zurück, von den Dornen und dem Gestrüpp, durch welche sie das Schicksal getrieben hatte, ganz 221 zerstochen und zerkratzt, die Kleider zerfetzt. Die Ausreißer baten um Gnade. Die wurde ihnen soweit gewährt. daß man sie nicht erschoß; dafür erlitten sie eine Behandlung, die mir unvergeßlich bleibt. Der Leutnant, zu dessen Zug sie gehörten, ließ hart beim Lager drei starke Pfähle in den Boden rammen, an die sie in ihren Fetzen festgebunden wurden. Trotzdem der Hunger ihre Eingeweide zerwühlte, durfte ihnen keine Speise gereicht werden. Um ihre Qual zu erhöhen, ließ er bei jeder Essenszeit die ganze Kompagnie mit speisegefüllten Gamellen an ihnen vorbeimarschieren und zugleich jedem der Sünder drei Schritte vor dem Pfahl eine volle Gamelle aufstellen, damit sie sich eine Stunde lang vom bloßen Ansehen daran weiden konnten. Hierauf wurden die Schüsseln auf den Boden geleert und die Hunde fraßen vor ihren Augen die leckere Mahlzeit auf. 48 Stunden lang dauerte dieses Schauspiel. Hierauf wurden sie vom Pfahl befreit und kamen drei Wochen lang bei Wasser und Brot ins Erdloch.

Angesichts der entsetzlichen Leiden, welche die armen Teufel auszustehen hatten, verging mir die Sehnsucht nach der Heimat und das Gelüst, zu desertieren. Ich nahm das Kreuz, das ich in Gedanken schon abgeworfen, wieder auf und trug es ohne zu murren.

Endlich kam der Befehl, nach Oran zurückzukehren. Ein Feuer wurde angezündet – selbst die Dächer auf unsern Küchen mußten herhalten –, um die Freudenbotschaft und den Auszug aus dem Hungerland zu feiern. Wie leicht trugen wir nun die Entbehrungen der letzten Tage. Es wurde getanzt und 222 gesungen; selbst die Offiziere machten mit und freuten sich an unserer Ausgelassenheit. Und dennoch legten wir die Strecke nach Oran diesmal nicht in einem Tage, sondern in vier Etappen zurück. Der Mensch erträgt alle Leiden, wenn er nur weiß, daß sie ein Ende nehmen.

In Oran angekommen, galt es noch, den in Gefangenschaft geratenen Araber zu erschießen, der jenen Kameraden aus der Wache überfallen und getötet hatte. Mit ihm waren noch zwei andere Verbrecher festgenommen und zum Erschießen verurteilt worden. Zehn Mann, worunter auch ich, wurden dazu kommandiert, das Urteil zu vollstrecken. Wir geleiteten sie in der Morgenfrühe auf einen Hügel hinauf, verbanden ihnen die Augen; sie knieten nieder, der Unteroffizier gab ein Kommando, eine Salve krachte, und die armen Kerle fielen vorwärts aufs Angesicht. Ich hatte in die Luft geschossen.

Musik ertönte, wir defilierten an den Leichen vorbei und heimwärts ging's zur Morgensuppe. Ich aber mochte sie trotz dem Hunger nicht essen.

Nach vierzehn Tagen müßigen Wartens nahm uns ein altes Transportschiff – »Allié« hieß es –, das schon im Krimkriege gedient hatte, auf, um uns mit einem Teil der mexikanischen Expedition nach Amerika überzuführen. Wir waren unser sechzehnhundert Personen, darunter auch hundertachtzig Sträflinge, welche auf die Insel Guadalupe verbannt waren; aber jeder von uns fand doch sein Mausloch zur Unterkunft. Und das war die weite Welt, von der ich geträumt hatte.

Aber seltsam! Ich schickte mich in die Enge, im Gefühl, daß mich die Welt nicht mehr unterkriegen 223 werde. Soundso viele erlitten mit mir das gleiche Schicksal, hineingebannt in die gleichen beengenden eisernen Schranken alltäglicher kleiner Pflichten, und es fiel keinem ein, über Bord zu springen. Die Planken des Schiffes hielten uns in ihrem schmalen Pferch zusammen und trugen uns unvermerkt unter dem ewigen Himmel irgendeinem Schicksal zu. Was konnte uns denn geschehen? Hatten wir die Schauer des Todes nicht abgeschüttelt? . . . Frei geht das Elend über die ganze Erde.

Und wenn die Planken des Schiffes aus den Fugen gingen?

Man konnte höchstens ertrinken und sterben.

Aber dann dachte ich an Agathe, und wieder hatte der Drang zum Leben und Siegen Gewalt über mich. Wenn meine Kameraden nicht viel mehr als ihr nacktes Leben zu verspielen hatten, wußte ich ein köstliches Gut, einen lieben Menschen, ein mir ergebenes schönes Weib, an dessen Besitz ich denken durfte. Die heißblütigen stolzen Frauen der Araber hatten ihr Bild nicht aus meiner Seele verdrängt und keine weinte mir nach, als ich von unserm Leviathan aus, der sich schwerfällig in den Fluten wiegte, dem schwarzen Felsennest Mers-el-Kebir ein Lebewohl zuwinkte. Im Gedanken an Agathe wurde mir doch manchmal bange, der windschiefe »Allié«, der in allen Fugen ächzte, möchte auf dem großen Wasser aus dem Leim gehen. 224

 

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