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Heinrich Heine

Hartwig Jess: Heinrich Heine - Kapitel 3
Quellenangabe
authorHartwig Jess
titleHeinrich Heine
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
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II. Heine in Paris

» La force des choses! Die Macht der Dinge! Ich habe wahrhaftig nicht die Dinge auf die Spitze gestellt, sondern die Dinge haben mich auf die Spitze gestellt, auf die Spitze der Welt, auf Paris!« So beginnt Heine seinen ersten Brief aus Paris an Varnhagen. (27. Juni 1831.) Alles in Paris entzückt und begeistert ihn: die großen Traditionen, die Straßen und Plätze, Museen und Bibliotheken, das ganze öffentliche und gesellschaftliche Leben, vor allem die Pariser und Pariserinnen selbst mit ihrer vornehmen Sprache, ihrer Höflichkeit und Grazie berauschen ihn förmlich, er ertrinkt im Strudel der Begebenheiten, der Tageswellen, »obendrein bestehe ich jetzt ganz aus Phosphor, und während ich in einem wilden Menschenmeere ertrinke – verbrenne ich auch durch meine eigene Natur« (a. a. O.). In der zweiten »Florentinischen Nacht« und in den »Geständnissen« berichtet Heine über seine ersten Pariser Eindrücke, seine Seele, »die arme Sensitive«, fühlte sich heimisch in dieser Atmosphäre: »Ich fand alles so amüsant, und der Himmel war so blau und die Luft so liebenswürdig, so generös«, während er in Deutschland »so viel Tabaksqualm, Sauerkrautsgeruch und Grobheit eingeschluckt« hatte. Sehr bald fand er Eingang in die literarischen Kreise, er verkehrte in den vornehmsten Salons, mit allen Größen der Kunst, der Finanz, der Diplomatie wurde er bekannt. Auch in der deutschen Kolonie war er ein häufiger Gast, die deutschen Flüchtlinge gingen bei ihm aus und ein. Besonderen Zauber aber übte auf ihn das Boulevardleben aus mit seinem verführerischen Leichtsinn und seinen galanten Abenteuern. Heines Schilderung der Pariserin in der zweiten »Florentinischen Nacht« zeigt seine starke Empfänglichkeit für deren Art und Reize; seiner zweiten Passion, der Liebe für schöne Frauen, konnte er jetzt ungehemmt huldigen, und wenn er gesteht, daß er die Pariserinnen »ihrer Fehler wegen noch weit mehr als wegen ihrer Tugenden« verehrt, so wird damit wieder sein Erotismus bewiesen, oder daß er, nach eigenem Ausdruck, »von dem großen Übel, den Pocken des Herzens, stärker als andere Sterbliche« heimgesucht wurde. Charakteristische Einzelheit: er schreibt einen seiner ersten Briefe an Laube im Bett einer »schönheftigen Freundin«. Nach Jahresfrist etwa kann Heine einem Bekannten mitteilen: »Fragt Sie jemand, wie ich mich hier befinde, so sagen Sie: wie ein Fisch im Wasser oder vielmehr, sagen Sie den Leuten, daß, wenn im Meer ein Fisch den andern nach seinem Befinden frage, so antworte dieser: ich befinde mich wie Heine in Paris.« (An Hiller, 24. Oktober 1832.)

Aber was wollte er dort? Oder lautet die Frage besser: Wozu wurde er dort gezwungen? Die dichterische Produktion war schon in Deutschland während der letzten Jahre zurückgetreten: der dritte und vierte Band der »Reisebilder« enthielt keine poetischen Beiträge. Der Dichter hatte sich in den »Kämpfer« verwandelt, und diese Rolle mußte Heine, er mochte wollen oder nicht, in Paris weiterspielen. Er konnte die Folgen seiner polemischen Schriften, die in die politischen Tageskämpfe eingriffen, nicht ungeschehen machen. Schon unterwegs merkte er, daß man ihn als den Kämpfer für Freiheit und Revolution in Anspruch nahm, und in Paris selbst erwartete man in den Kreisen der deutschen Republikaner und Flüchtlinge, daß er unbedingt für ihre Ideale eintreten würde. Man sah ihn als seinesgleichen an und hielt ihn für einen Märtyrer, der seinen polititischen Anschauungen zuliebe das »Exil« auf sich nahm. Es stellte sich sehr bald heraus, daß Heine die »Jakobiner«, wie er die Radikalen nannte, nicht befriedigen konnte. Für sie konnte er sich aus Überzeugung, gegen sie wollte er sich aus Klugheit nicht erklären (an Cotta, 20. Januar 1832). Er wurde infolgedessen bald angefeindet: als sein gefährlichster Gegner trat dann Ludwig Börne auf den Plan.

Heine nahm zunächst seine Beziehungen zu Cotta wieder auf und schrieb für die »Augsburger Allgemeine Zeitung« vom September 1831 bis September 1832 Artikel, die er später unter dem Titel »Französische Zustände« zu einem Buche vereinigte. Die »weitschallende Stimme« des Volkstribunen, der »donnernd gegen Gedankenschergen und Unterdrücker heiligster Rechte« zu Felde zog, wird hier nicht vernommen, der Ton ist ruhiger, oft beinahe sachlich. Heine vertritt zwar immer noch die Sache des Volkes: es wurde »wie Pflastersteine in die Erde zurückgestampft und nach wie vor mit Füßen getreten« (Art. I). Der König Ludwig Philipp, ebenso seine Minister, das ganze System der »Juste-Milieu-Regierung« muß sich böse Wahrheiten sagen lassen. Aber Heine betont mit Emphase, er sei kein Republikaner, er hält die republikanische Staatsform in Deutschland für unmöglich, in Frankreich für nicht wünschenswert, er bezeichnet sich selbst als überzeugten Royalisten und erörtert sogar Wesen und Vorzüge des Absolutismus, und über den Konstitutionalismus äußert er sich skeptisch. Napoleon wird zwar als Feind der Freiheit betrachtet – das liebste an ihm sei ihm, Heine, daß er tot sei, denn sonst müßte er ihn bekämpfen helfen (Art. II) – aber wenn Heine ihn dann im Gegensatz zu Lafayette ein Genie nennt und eingehend über die Verehrung berichtet, die der tote Napoleon noch genießt, dann schimmert hier noch der Heroenkult durch, dem er sich einst selber ergab. Das Adeltum muß »von Grund aus« vernichtet werden, aber der Jakobinismus ist töricht, Heine lehnt jede Gemeinschaft mit ihm energisch ab, an der »deutschen Assoziation« habe er nur insofern teilgenommen, als er für die Unterstützung der freien Presse einige Franks gezahlt habe, er ließe sich nicht »in den dunklen Strudel hineinreißen, wo deutscher Unverstand mit französischem Leichtsinn rivalisierte.« (Zwischennote zu Art. IX.) So hat Heines Haltung für das Auge eines reinen oder gar fanatisch eingestellten Politikers in der Tat etwas Unbestimmtes, sie gleicht einer unruhig hin und her schwankenden Magnetnadel, und diese Pollosigkeit wurde sehr bald als Gesinnungslosigkeit gedeutet. Dazu kommt, daß Heine mehr als Zuschauer berichtet und auch den Dichter zu Worte kommen läßt. Bekannt ist die Schilderung der Cholera (Art. VI) – wobei Heine die Gelegenheit benutzt, um den Herren v. Rothschild ein Kompliment zu machen. Sehr eingehend werden die Straßenkämpfe beim Leichenzug des Generals Lamarque beschrieben, und gerade hier mußte die Zuschauerrolle, mit der Heine sich begnügte, den Republikanern ein Ärgernis sein. Kein Wunder also, daß diese mit den Berichten ihres, wie sie geglaubt hatten, Gesinnungsgenossen nicht zufrieden waren und gegen ihn zu intrigieren begannen. Die Briefe aus jener Zeit gewähren Einblick in die heikle Lage, in die Heine mehr und mehr hineingeriet, ohne daß er sich entschließen konnte, »als Tribun abzudanken« (an Varnhagen, 22. Mai 1832). Am 19. Dezember 1832 schreibt er an Immermann: »Von der Politik stehe ich jetzt fern. Ich werde von den Demagogen gefaßt. Durch die Vorrede zu den ›Zuständen‹ habe ich nur zeigen wollen, daß ich kein bezahlter Schuft bin. Halten Sie mich doch beileibe für keinen Vaterlandsretter.« Dagegen schreibt er am 28. Dezember an Campe: »Eben weil es jetzt so schlecht geht mit der Sache des Liberalismus, muß jetzt alles getan werden.« Heine hatte inzwischen nämlich die »Vorrede« verfaßt, einmal, um damit seine Stellung nach links zu verbessern, zum andern aber auch offenbar, weil er, ganz entsprechend seiner leichten Erregbarkeit, durch die darin erwähnten Bundestagsbeschlüsse seine Liebe für Freiheit wieder höher aufflammen fühlte. (An Varnhagen, l6. Juli 1833.) Daß diese Beschlüsse am 25. Juni gefaßt wurden, während die Vorrede vom 18. Oktober datiert ist, würde nicht gegen letzteren Grund sprechen: die lange Zwischenzeit zwischen Anlaß und Äußerung ließ sich schon in der Platen-Sache feststellen. In dieser Vorrede tritt zum erstenmal jener Haß Heines gegen Preußen hervor, dem er später immer und immer wieder die Zügel schießen ließ, am ungehemmtesten, wenn seine Abneigung gegen das Haus Hohenzollern mit ins Spiel kommt (vgl. vor allem »Welsche Sage« in der »Nachlese«). Gewiß sind zur Erklärung nicht nur politische Gründe anzuführen: wo Heine haßt, liegt die letzte Wurzel immer auf persönlichem Gebiete. Nun läßt sich freilich irgendeine besondere Kränkung oder Verfolgung von seiten Preußens nicht nachweisen, man darf daher als sicher annehmen, daß hier bestimmend die Stellungnahme Preußens gegen die Juden wirkte, wie Heine sie schon in seiner Jugend erfahren hatte (vgl. S. 18). Später mag die Enttäuschung darüber, daß er in Preußen keine Anstellung finden konnte, dazugekommen sein. Man muß aber im Auge behalten, daß dieser Haß seine Hauptkraft aus Positivem zieht, der absolut ehrlichen, weil fast zwangsmäßigen Begeisterung für Freiheit, die andrerseits letzte Wurzel seiner Vorliebe für Frankreich ist, weil dieses in seinen Revolutionen für Freiheit gekämpft hatte. Mit vollstem Recht spricht Heine in diesem Zusammenhang von der »himmlischen Partei« (Vorrede zur Vorrede), zu der er sich bekennt: »Wahrlich, ihr solltet uns die himmlische Partei nennen, nicht die französische; denn jene Erklärung der Menschenrechte, worauf unsere ganze Staatswissenschaft basiert ist, stammt nicht aus Frankreich, wo sie freilich am glorreichsten proklamiert worden, nicht einmal aus Amerika, woher sie Lafayette geholt hat, sondern sie stammt aus dem Himmel, dem ew'gen Vaterland der Vernunft.« Wie aber soll man eine himmlische Partei auf Erden vertreten? Das ist die Frage, von der aus Heines Situation am besten beleuchtet werden kann. Er hatte nicht die Kraft und nicht die Fähigkeit, dieser himmlischen Partei selbstlos zu dienen, er ließ sich verstricken, und all die Widersprüche zwischen Wort und Tat, das Schwanken innerhalb der irdischen Sphäre, in der eigentlichen Politik, erklären sich letzten Endes aus dieser Verstrickung in eine nicht durch eigene Kraft geformte Welt! Sie beginnt schon in Deutschland – Platen! –, sie wird unentrinnbar in Paris. Heine sucht sich der Tagespolitik immer wieder zu entziehen – die Klagen über Nöte, lästige Geschäfte, Zeitverlust, Unerquicklichkeiten, die ihm daraus erwachsen, hören in den Briefen der dreißiger Jahre nicht auf – aber die Verhältnisse waren stärker als er, er kam nicht los von der Politik, auch wenn er sich am liebsten auf Philosophie oder Religion zurückgezogen oder Novellen geschrieben hätte. Es ist gewiß kein erhebender Anblick, Heine in diesen Wirrnissen und oft peinlichen Angelegenheiten sich – man muß es sagen – winden zu sehen, namentlich, wenn man sein Verhalten in Sachen der Vorrede zu den »Französischen Zuständen« ins Auge faßt – ich habe darüber im Anhang zum vierten Band berichtet –: aber es liegt doch auch eine gewisse Tragik darin, wenn ein Mensch, dessen Geist in neue Zukunft weist, sich derartig verfängt.

Eine Verstrickung anderer Art ist Heines Verhältnis zu Crescentia Mirat. Er lernte sie 1834 als Verkäuferin in einem Schuhwarengeschäft kennen und wurde bald von der heftigsten Leidenschaft zu ihr erfaßt. Mathilde – wie Heine sie nennt, war jung und temperamentvoll, schön und unwissend, liebenswürdig und leichtsinnig, frisch und unbekümmert, kurz, sie vereinigte alle Reize, die einen Mann wie Heine in Fesseln schlagen mußten. Am 11. April l835 schreibt er an Lewald, daß er »bis an den Hals in einer Liebesgeschichte« stecke, aus der er sich noch nicht herausgezogen habe. »Seit Oktober hat nichts für mich die geringste Wichtigkeit, was nicht hierauf unmittelbar Beziehung hätte. Alles vernachlässige ich seitdem, niemand sehe ich ... Und das ist alles, was ich Ihnen heute sagen kann; denn die rosigen Wogen umbrausen mich noch immer so gewaltig, mein Hirn ist noch immer so sehr von wütendem Blumenduft betäubt, daß ich nicht imstande bin, mich vernünftig mit Ihnen zu unterhalten.

Haben Sie das hohe Lied des Königs Salomo gelesen? Nun, so lesen Sie es nochmals und Sie finden darin alles, was ich Ihnen heute sagen könnte.« Und ähnlich heißt es in einem Briefe an Campe (Poststempel 2. Juli 1836): »Seit vier Monaten ist mein Leben so stürmisch bewegt, namentlich in den letzten drei Monaten schlagen mir die Wogen des Lebens so gewaltig über den Kopf, daß ich kaum an Sie denken, viel weniger Ihnen schreiben konnte. Ich Tor glaubte, die Zeit der Leidenschaft sei für mich vorüber, ich könnte niemals wieder in den Strudel rasender Menschlichkeit hineingerissen werden, ich sei den ewigen Göttern gleichgestellt in Ruhe, Besonnenheit und Mäßigung – und siehe! ich tobte wieder wie ein Mensch und zwar wie ein junger Mensch.«

Auf diesen Rausch folgte freilich nach nicht allzulanger Zeit ein Zerwürfnis, denn Mathilde erwies sich allen Versuchen, sie aus ihrem rein vegetativen und triebhaften Leben zu einem einigermaßen vernünftigen Leben zu bringen, vollkommen unzugänglich, sie quälte ihren Liebhaber mit unberechenbaren Launen und tollen Anforderungen, so daß Heine sich von ihr trennte und auf dem Schlosse der Prinzessin Belgiojoso in geistigerer Gesellschaft Erholung suchte. »Jetzt, dank meiner unverwüstlichen Gemütskraft, ist die Seele wieder beschwichtigt, die aufgeregten Sinne sind wieder gezähmt, und ich lebe heiter und gelassen auf dem Schlosse einer schönen Freundin in der Nähe von Saint-Germain, im lieblichen Kreise vornehmer Personen (an Campe, Poststempel 2. Juli 1835). In Boulogne sur mer – nur kurze Zeit hatte er sich inzwischen in Paris aufgehalten – blieb er dann bis in den Dezember hinein. » Je mène ici cette vie humble et rêveuse qui me va mieux que la vie brillante et inquiète du grand monde. Je ne vois ici que des pauvres pêcheurs dont les enfants m'aiment beaucoup, pour mes beaux contes de fées que je leur raconte le soir au coin du feu.« Heine versichert in demselben Brief: » Vous me reverrez tout à fait gueri et le cœur éparé de ses souillures douloureuses« (an Mignet, 2. Dezember 1835). Er scheint dann sogar die Absicht gehabt zu haben, nach Versailles umzuziehen (an den Fürsten Pückler-Muskau, Ende Dezember 1835). Aber bereits am 12. Januar berichtet er seinem Verleger von dem neuen »Appartement« in Paris: »Dieses ist prächtig und wollüstig angenehm, so daß ich jetzt warm und wollig sitze.« Mit Mathilde. »Ich befinde mich gesünder und heiterer als jemals und genieße mit vollsaugender Seele alle Süßigkeiten dieser Lustsaison. Dank den ewigen Göttern!« (An Campe, 12. Jan. 1836.)

Der Tannhäuser war in den Venusberg zurückgekehrt, der freilich in diesem Fall eine Häuslichkeit bedeutete, die den Dichter, man darf nicht sagen in ruhige, aber doch in einigermaßen geordnete und endgültige Verhältnisse brachte. Die Zeit der »Verschiedenen« ist vorbei. Mathilde blieb wie sie war, sie entwickelte keinerlei geistige Bedürfnisse, von der Bedeutung ihres Mannes – 1841 legalisierte Heine das Verhältnis – hatte sie keine Ahnung, nie hat sie deutsch sprechen gelernt, um häusliche Angelegenheiten kümmerte sie sich nicht – Heine mußte hierfür ihre Freundin Pauline ins Haus nehmen –, nie stellte sie ihre Vergnügungssucht hinter die Art oder Arbeit ihres Mannes zurück. »Wir leben beide sehr glücklich, d. h. ich habe weder tags noch nachts eine Viertelstunde Ruhe.« (An Lewald, 25. Januar 1857). Mathildens Verschwendungssucht, ihr kindischer Leichtsinn, ihre »Wildheit« brachten ihn in tausend Ungelegenheiten – und doch liebte er sie, hat er sie bis zuletzt geliebt. »Ich bin ihr noch immer mit tiefster Seele zugetan, sie ist noch immer mein innigstes Lebensbedürfnis«, schreibt er am 8. März 1842 an seine Mutter. Allerdings fügt er hinzu: »Aber das wird doch einmal aufhören, wie alle menschliche Empfindungen mit der Zeit aufhören, und diesem Zeitpunkt sehe ich mit Grauen entgegen. Ich werde alsdann nur die Launenlust empfinden, ohne die erleichternde Sympathie.« Ein Jahr später (12. April 1843) berichtet er seinem Bruder Maximilian: »Seit sieben bis acht Jahren liebe ich sie mit einer Leidenschaft und Zärtlichkeit, die ans Fabelhafte grenzt. Ich habe seitdem schrecklich viel Glück genossen, Qual und Seligkeit in entsetzlichster Mischung, mehr als meine sensible Natur ertragen konnte. Werde ich jetzt die nüchterne Bitternis des Bodensatzes schlucken müssen? Wie gesagt, mich graut vor der Zukunft.« Fern von ihr, schreibt er ihr die besorgtesten und zärtlichsten Briefe. »Bei alledem ist mein Herz voller Sorgen: ich habe mein armes Lamm in Paris gelassen, wo es so viel Wölfe gibt. Ich bin die arme Hälfte eines Hahns« (28. Oktober 1843). »Du bist meine arme geliebte Frau, und ich hoffe, daß Du artig und vernünftig bist. Ich bitte Dich inständigst, Dich nicht zu viel öffentlich zu zeigen.« »Liebster Schatz«, »Schönster Schatz«, »Geliebte Nonotte«, »Geliebter Engel« sind die üblichen Anreden. »Ich denke nur an Dich, meine liebe Nonotte. Es ist ein großer Entschluß, daß ich Dich allein in Paris gelassen, in diesem schrecklichen Abgrunde. Vergiß nicht, daß mein Auge immer auf Dir ruht; ich weiß alles, was Du tust, und was ich jetzt nicht weiß, werde ich später erfahren« (2. November 1843). Als Mathilde mit Antwort warten läßt, fühlt er sich aufs stärkste beunruhigt: »Ohne Nachrichten von Dir seit so langer Zeit! Mein Gott! Ich versichere Dir, es ist schrecklich!« (25. November 1843.) »Ich weiß nicht, wo mir der Kopf steht, wenn ich an Dich denke, die mir so lange nicht geschrieben. Ich hatte Dich gebeten, mir unter allen Umständen zu schreiben, und Du hast es nicht getan.« (6. Dezember 1843.) »So lange Zeit ohne Nachrichten von Dir zu sein, o Gott, wie schrecklich! Auch bin ich Dir deshalb böse und werde Dir bei meiner Ankunft nur fünfhundert Küsse statt tausend geben.« (10. Dezember 1843.) Bei seiner zweiten längeren Reise nahm er Mathilde mit, und als sie schon nach vierzehn Tagen wieder abreiste, da sie sich in der Hamburger Verwandtschaft nicht zurechtfand, schreibt Heine ihr wieder die sehnsüchtigsten Briefe, er beschwört sie, ihm wenigstens zweimal wöchentlich zu schreiben (16. und 20. Aug. 1844), er ist überglücklich über einen endlich eingetroffenen Brief: »Bei dem bloßen Anblick Deines Briefes jauchzte mein Herz« (27. August 1844). »Das Wichtigste, was ich Dir mitzuteilen habe, ist, daß ich Dich liebe bis zum Wahnsinn, meine liebe Frau.« »Mein Gott, der bloße Gedanke, daß Du ohne mich in Paris bist, macht mich zittern ... Du weißt wohl, daß Du nur sicher bist unter der Hut Deines treuen Schäfers, welcher zugleich Dein Hund ist.« (1. Oktober 1844.) Als er dann wieder mit ihr vereinigt ist, berichtet er seiner Mutter: »Wir sind beide noch wie betäubt von der Freude des Wiedersehens! Wir sehen uns mit großen Augen an, lachen, umarmen uns, sprechen von Euch, lachen wieder, und der Papagei schreit dazwischen wie toll.« (17. Oktober 1844.) Um ihre Zukunft zu sichern, überließ er seinem Verleger Campe das Recht, seine Werke für alle Zeiten auszubeuten, unter der Bedingung, daß Campe ihm eine lebenslängliche Rente zahle, die im Todesfall auf Mathilde übergehen solle. (25. November 1843.) Und als er, krank für immer, seinen Tod voraussieht, da fleht er die Engel an, ihr »Ebenbild« zu beschirmen. (Vgl. »An die Engel« im Romanzero und 1, 34 in der Nachlese.) Mit ihr zusammen will er beerdigt sein (Testament).

Mathilde war Heines Verhängnis. Geistige Gemeinschaft konnte er mit ihr nicht haben, die Grundlage des Verhältnisses ist offenbar rein erotisch, völlig irrational, er verfällt dieser Frau, eben weil sie nichts ist als Weib. Heine war der Einwirkung edlerer Frauen durchaus zugänglich: Rahel Varnhagen, Friederike Robert, die Prinzessin Belgiojoso beweisen es, aber sein Erotismus treibt ihn immer wieder in die Arme jener Frauen, die leider nur eine einzige Art haben, den Mann glücklich zu machen. Fast scheint es, als habe Heine damals, als er von Mathilde weg ins Schloß der Prinzessin Belgiojoso flüchtete, an einem entscheidenden Wendepunkt gestanden. Nicht als habe er zwischen zwei Frauen gestanden: er war, wie er selbst gesteht (an Laube, 27. Sept. 1835), nicht verliebt in die Prinzessin. Wenn wir aber in dem Brief an Campe (Poststempel 2. Juli 1835) lesen: »Ich glaube, mein Geist ist von aller Schlacke jetzt endlich gereinigt, meine Verse werden schöner werden, meine Bücher harmonischer«, und dann jenes resignierte Bekenntnis danebenhalten: »Ich bin verdammt, nur das Niedrigste und Törichtste zu lieben ... begreifen Sie, wie das einen Menschen quälen muß, der stolz und sehr geistreich ist?« (an Laube, 27. Sept. 1835), so darf man die Ansicht vertreten, daß Heine damals vor der Wahl stand, in sich durch Überwindung jener niederziehenden Mächte den neuen Menschen, den er in seiner saint-simonistischen Synthese zu erreichen suchte, zu verwirklichen, Sinnliches und Geistiges zur Höchstleistung zu harmonisieren, oder dem Zwiespalt zu verfallen, den niederen Mächten so viel Raum zu gewähren, daß das Geistige dadurch zwar nicht verdrängt wurde, aber doch mit dem Sinnlichen nicht sozusagen ein Gespann bilden konnte, das in Eintracht den Weg zum Gipfel einschlug. Heines Vereinigung mit Mathilde ist eine Niederlage, die sich um so folgenschwerer auswirkte, als Heine dadurch zu Handlungen gezwungen wurde, die seine »besseren Eigenschaften« mehr und mehr erstickten. Die erotische Verstrickung führte zu andern Verstrickungen, so daß Heines Leben in Paris sich immer deutlicher als eine »falsche Position«, wie er sich selbst später ausdrückte (an Laube, 25. Januar 1850), herausstellt. Der Saint-Simonismus hatte ihn nach Paris geführt, Synthese, in großartigster Ahnung erfaßt, war sein Ziel: aber seine Kraft war nicht groß genug: er erlag den gerade in Paris fluktuierenden sinnlichen Gewalten, der »großen Welt«, die sein Bestes nicht zur Reife kommen ließ.

Das Zusammenleben mit Mathilde, die er oft genug seine »Verbrengerin« nannte, war sehr kostspielig. Heine mußte daher auf jede Weise versuchen, seine Einnahmen zu steigern. In Geldangelegenheiten war er nie peinlich, aber immer bedürftig. »Es ist fatal, daß bei mir der ganze Mensch durch das Budget regiert wird«, gesteht schon der Student (an Moser, 30. September 1823). »Du weißt, ich bin kein delikater, zartfühlender Jüngling, der rot wird, wenn er Geld borgen muß« (an Moser, 27. September 1823). In der Tat hatte sich schon der junge Heine angewöhnt, seine Freunde beständig »in Kontribution zu setzen«. (An Moser, 5. Nov. 1823.) Noch schlimmer war seine pekuniäre Abhängigkeit von dem reichen Oheim: Heine betrachtete dessen Unterstützung schließlich als sein gutes Recht, und über der Einbildung, seinem souveränen Genie gebühre dieses Opfer, vergaß er, daß er sich tatsächlich zu einem Almosenempfänger erniedrigte: zeitlebens ist Heine von der Tasche seines Oheims nicht losgekommen. Auch die Grundlage seiner Existenz in Paris bildete eine jährliche Rente, die zuletzt 4800 Fr. betrug (an Detmold 9. Januar 1845). vie Summe reichte aber für seine Bedürfnisse bei weitem nicht aus. Wieder müssen gute Freunde aushelfen. Moser, dem er 1831 einen so schnöden Abschiedsbrief geschickt hatte, wird 1836 um ein Darlehen von 400 Talern gebeten, und der Bittsteller mutet dem Freunde noch zu, darin den höchsten Beweis von der Zuversicht seiner Freundschaft zu sehen (8. November). Häufiger sind Briefe an den reichen Komponisten Meyerbeer, sie zeigen, ebenso wie der an Moser, eine ziemliche Ungeniertheit, die oft mit sehr geschickten, aber nicht immer ganz einwandfreien Mitteln die Notwendigkeit der Unterstützung zu erweisen sucht. Man darf freilich nicht vergessen, daß Heine auch seinerseits gelegentlich andern half, z. B. einzelnen deutschen »Hungerleidern«, später brachte ihn die Übernahme einer Bürgschaft in große Ungelegenheiten. Im Jahre 1837 hatte er 20 000 Fr. Schulden, die er nur dadurch decken konnte, daß er Campe das Verlagsrecht für eine Gesamtausgabe seiner Schriften abtrat. In den Briefen an seinen Verleger spielt die Honorarfrage immer eine große Rolle, die Summen, die Heine für seine Leistungen erhielt, waren keineswegs bedeutend, Campe war ein gewiegter Geschäftsmann und ließ sich nur zu sehr von seinen eigenen Interessen bestimmen. Wie oft beklagt sich der Dichter über Knickerei, wie oft weist er, um einen Druck ausüben zu können, auf seine Bedeutung oder die Qualität der angebotenen Arbeit hin. Die Lektüre dieser außerordentlich zahlreichen Briefe an Campe ist gewiß nicht erhebend, aber man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, daß den größeren Teil der Schuld an diesen ewigen, unerquicklichen Geldverhandlungen der Verleger hat, der, wie der verdienstvolle Herausgeber von Heines Briefen mit Recht bemerkt (I, S. 21), feinfühliger und generöser hätte sein müssen. So wurde Heine immer skrupelloser, in seinen Berichten aus Paris an die »Augsburger Allgemeine Zeitung« erwies er sich für empfangene Geldspenden dankbar, indem er die Freunde lobte, fing aber an zu schmähen, sobald die Quelle versiegte. Zuletzt scheute er sich nicht, wenn auch in verhüllter Form, einfach um Geld zu bitten (an Baron Rothschild, 15. und 30. Dezember 1855). In diese Reihe gehört denn auch die Pension, die Heine von der französischen Regierung erhielt, wahrscheinlich schon von 1835 an, in Höhe von 4800 Fr. jährlich. Von jeher hat man gerade in diesem Punkte dem Dichter die schwersten Vorwürfe gemacht, und noch heute begegnet man häufig der Meinung, Heine habe für diese Pension seine Feder verkauft und sei damit der »Söldling Frankreichs« geworden. Zweifellos bedeutet die Annahme der Pension für einen Vertreter der Freiheit, als welcher sich Heine mit großen Worten immer wieder in die Brust wirft, einen Verrat: und wenn er auch zu Gegenleistungen nicht ausdrücklich verpflichtet wurde, frei war er nicht mehr. Daß Heine selbst dabei ein schlechtes Gewissen hatte, beweist seine spätere Rechtfertigung. Hier nennt er die Pension »das große Almosen, welches das französische Volk an so viele Tausende von Fremden spendete, die sich durch ihren Eifer für die Sache der Revolution in ihrer Heimat mehr oder weniger glorreich kompromittiert hatten und an dem gastlichen Herde Frankreichs eine Freistätte suchten« (Allg. Zeitung vom 23. Mai 1848, vgl. Lutezia, II, Retrospektive Aufklärung). Nicht das französische Volk, die französische Regierung hatte die Summe gezahlt, und sie tat es sicher nicht aus reinem Wohltätigkeitsdrang: Heine hatte in den »Französischen Zuständen« gezeigt, daß seine Feder gefährlich werden konnte. Eine Unwahrheit ist es, wenn er hinzufügt, er habe die Hilfsgelder angenommen nach den Bundestagsdekreten, »die ihn finanziell zu verderben suchten«: Heine war schon im Besitz der Pension, als der Bundestag seine Schriften verbot. Das Bekanntwerden des Bezuges der Staatsrente nach der Februarrevolution 1848 mußte den politischen Schriftsteller aufs schwerste kompromittieren. Die Frage dagegen, ob er seine Überzeugung verkauft hat, muß verneint werden, ich habe im Anhang zum vierten Band den Nachweis dafür im einzelnen erbracht. Heines letzte Überzeugungen standen über den politischen Gegensätzen, sie stehen überhaupt jenseits aller Politik, sie sind die Antizipation eines Zustandes, der im Sinne des »dritten Reiches« eine menschliche Gesellschaft darstellt, in der jene Gegensätze keine Rolle mehr spielen. Was also innerhalb der damaligen politischen Gegensätze – und Heine stand mitten darin und nahm leidenschaftlich Partei – Verrat genannt werden muß, das erscheint im Lichte jener Idee – und sie war in Heine lebendig – als eine Fehlhandlung, die schließlich, so unverzeihlich sie, rein menschlich betrachtet, sein mag, einer gewissen Tragik nicht entbehrt. »Ich kam immer in der Welt überall zu frühe; dieses und meine falsche Position, die das Exil mit sich führt, waren mein Unglück« (an Laube, 25. Januar 1850) – das ist eins jener überraschend sicheren und richtigen Urteile, die Heine über sich selbst fällen konnte. Ein Mensch, in dem Künftiges sich vorbereitet, muß notwendigerweise mit der Gegenwart leichter in Konflikt kommen.

Der Gesichtspunkt, Heine habe als Deutscher die französische Pension nicht annehmen dürfen, scheint mehr Gewicht zu haben. Heine hatte seinem Vaterlande den Rücken gekehrt, weil er keine Anstellung dort finden konnte. Auch seine Bemühungen, bei Goethe und andern Dichtern Anerkennung zu finden, waren vergeblich gewesen. Die Verwandtschaft behandelte ihn schnöde. In Frankreich dagegen verehrte er das Mutterland der Revolution und der neuen Gesellschaft. »Eine neue Kunst, eine neue Religion, ein neues Leben wird hier geschaffen, und lustig tummeln sich hier die Schöpfer einer neuen Welt.« (Franz. Zust., Art. III.) Heine fühlte sich – in dieser Beziehung, müssen wir einschränken – Frankreich wahlverwandt. Die Idee, die in ihm wirkte, war übernational, aus nationalen Gründen hätte er die Pension nicht auszuschlagen brauchen. Jetzt – so dachte und schrieb Heine – kämpft Frankreich für diese Idee, sucht sie im Saint-Simonismus zu verwirklichen. Die Zukunft gehört Deutschland, und für das künftige Deutschland ist Heine gerade in den über Frankreich berichtenden Büchern immer rückhaltlos eingetreten. Für das Nähere muß ich auch hier auf den Anhang zum vierten Band verweisen. Daß Heine »für seine franzosenfreundliche Schriftstellerei«, wie beispielsweise in der Geschichte der Deutschen Literatur von Vogt und Koch zu lesen steht, die Pension erhalten habe, ist eine Behauptung, die sich nur auf Unkenntnis der Heineschen Schriften stützen kann. Denn franzosenfreundlich im Gegensatz zu deutschfeindlich ist Heine als Kosmopolit nie gewesen. Die Politik hätte ihm die Annahme der Pension unbedingt verbieten müssen, die Idee sprach dieses Verdikt nicht aus. Sie hätte nur erwartet, daß das Gnadengeld in ihrem Dienst verwendet worden wäre.

»Wie beneide ich Ihre Einsamkeit, ich, der ich verdammt bin, in dem wildesten Strudel der Welt zu leben und nicht zu mir selber kommen kann und betäubt bin von den schreienden Tagesnöten und müde bin wie ein gehetzter Stier – ich will nicht sagen wie ein Hund – wie sehne ich mich nach einer ruhigen deutschen Festung, wo eine Schildwache vor meiner Türe stände und niemanden hereinließe, weder meine Geliebte noch die übrigen Qualen – mit Leidenschaft lechze ich nach Stille.« (An Laube, 31. März 1838.) Heines zarte, durch Vererbung und frühe Leidenschaft vorzeitig zerrüttete Konstitution war dem Pariser Leben nicht gewachsen. So treten denn bald neue Krankheitserscheinungen auf, das Kopfweh plagt ihn wieder, die eine Hand wird vorübergehend gelähmt (an Merckel, 24. Aug. 1832), ohne Badeaufenthalt – in Boulogne, Dieppe, Havre, Trouville u. a. O. – kann er nicht existieren, schon 1837 spricht er von der »Avantgarde der Dekrepitüde«, die sich wohl schon bei ihm einstelle (an M. Heine, 29. August 1837). Im September 1837 leidet er »schrecklich an den Augen«, erst allmählich erlischt »der Schrecken ob eintretender Blindheit« (an Campe, 6. und 20. September). Ende 1838 ängstigt ihn wieder eine Schwäche der Augen, so daß er »fast immer diktieren« muß (an Campe, 19. Dezember 1838), 1843 schildert er seinem Bruder Max seinen Zustand: »Das hat aber alles nicht viel zu bedeuten, trüge ich nicht meinen schlimmsten Feind in meinem eignen Leibe, nämlich in meinem Kopfe, dessen Krankheit in letzter Zeit in eine sehr bedenkliche Phase getreten. Fast die ganze linke Seite ist paralysiert, in bezug auf die Empfindung; die Bewegung der Muskeln ist noch vorhanden. Über der linken Augenbraue, wo die Nase anfängt, liegt ein Druck wie Blei, der nie aufhört, seit beinahe zwei Jahren ist dieser Druck stationär ... Welch ein Unglück! Damit ist auch das linke Auge sehr schwach und leidend, stimmt oft nicht zusammen mit dem rechten, und zuzeiten entsteht dadurch eine Verwirrung des Gesichts, die weit unleidlicher als das Dunkel der vollen Blindheit.« (12. April.) Der Arzt rät ihm einen Kuraufenthalt in Bad Leuk in der Schweiz, »aber ich tu' es nicht, die Reisekosten sind zu groß, da ich doch meine Frau mitnehmen müßte.« (An die Mutter, 23. Mai 1843.) Die Belege ließen sich reichlich vermehren, es genügt die Feststellung: auch Heines Körper unterliegt in Paris Einwirkungen, die ein harmonisches Ausleben seiner Persönlichkeit mehr und mehr unmöglich machen.

Als Hauptfrage aber erhebt sich: was wird aus dem Dichter und Schriftsteller in Paris, welche Seiten seines Wesens treten stärker hervor, welche werden vernachlässigt oder verkümmern, ist ein Aufstieg erkennbar oder tritt Stillstand ein, vielleicht Rückbildung?

Von den »Französischen Zuständen« war schon die Rede. Sie haben an sich wenig Bedeutung, von dem, was Heine damals am Herzen lag, enthalten sie fast nichts: der Saint-Simonismus wird kaum erwähnt. Sie sind etwa ein Geplänkel, das Bereitschaft und Kampflust verrät, aber die schweren Geschütze noch nicht ins Feld führt. Als Symptom verdienen sie indessen Aufmerksamkeit. Der Schriftsteller und Journalist ist es, der sich Geltung verschaffen will, und sehr bald fand Heine die Formel, die seiner Tätigkeit die Richtung wies: er wollte zwischen deutschem und französischem Geistesleben vermitteln, und gemäß seiner eigenen Natur und der damaligen historischen Situation hieß das: er übermittelte den Franzosen die Bekanntschaft mit deutscher Philosophie und Literatur, während er die Deutschen in der Hauptsache über die französischen politisch-sozialen Verhältnisse unterrichtete. Denn was er von französischen Malern mitzuteilen wußte, war ohne größeren Belang, Heine bewegte sich hier auf einem Gebiete, das ihm nicht so vertraut war, zu dessen Beherrschung ihm auch die Fachkenntnisse fehlten. Bedeutender sind die Briefe »Über die französische Bühne«, das Hauptinteresse gehört aber auch hier »dem sozialen Zustand der Franzosen«, abgesehen davon, daß der ganze letzte Brief von Musik redet, über die Heine nichts Entscheidendes zu sagen hat.

Bis zum Jahre 1842 tritt der Dichter fast vollständig hinter den Literaten und Journalisten zurück. Als im Jahre 1839 die dritte Auflage des »Buches der Lieder« erschien, leitete Heine sie mit einem Gedicht und einer Vorrede ein, in der er selbst darauf hinweist, daß er sich »seit so vielen Jahren nicht mehr vorzugsweise mit Maß und Gleichklang der Wörter beschäftigen konnte.« Ernstere Dinge hätten ihn in Anspruch genommen. Die vier Bände des »Salon«, welche fast alle zunächst in Betracht kommenden Schriften enthalten, bringen zwar, außer dem dritten, auch Gedichte, diese waren aber zum Teil, wie der »Neue Frühling«, schon in Deutschland entstanden, zum Teil nähern sie sich nach ihrer Entstehung schon dem Jahre 1842, so daß wesentlich die des ersten Bandes zu beachten wären. Von den Prosabeiträgen gehört der einzige, rein dichterisch gehaltene, ebenfalls schon der Frühzeit an, die andern (Schnabelewopski, Florentinische Nächte) haben zum mindesten innere Beziehungen zu früheren, auch schon in Deutschland geschriebenen Werken, sind Ableger davon oder sogar zum Teil damals entstanden. Es liegt auf der Hand, daß für den Dichter des »Buches der Lieder« Paris nicht der Boden war, auf dem diese Lyrik weiter gedeihen konnte, die französische Luft läßt vielmehr Gedichte hochkommen, wie sie bis dahin in deutscher Lyrik noch nicht gehört waren. Es handelt sich um die »Verschiedenen«, die der erste Band des »Salon« 1834 der Mitwelt bekannt machte. Rein ästhetisch betrachtet, muß man sich in der Auseinandersetzung zwischen Heine und Gutzkow über die Berechtigung dieser Art Dichtung auf die Seite Heines stellen: Kunst ist der Zweck der Kunst, sie hat keine moralische Funktion. Als Lebenserscheinung aber gehört sie vor das Forum eben des Lebens, und Leben heißt Kraft und Gesundheit. Diese »Verschiedenen« sind nicht, wie Elster, auch moralisch, urteilt, »anstößig, frech und wertlos« (Heines Sämtliche Werke, Bd. I, S. 113 der Einleitung), wohl aber sind sie, biologisch gewertet, schwächlich, weil sie weder den Dichter als Einzelwesen »in Form« zeigen, noch Leben überhaupt zwingend und souverän gestalten. Nie dürfen sie als Dirnen- oder Halbweltpoesie abgetan werden: ob Welt oder Halbwelt, Jungfrau oder Dirne, das Leben kann hier wie dort stark sein und als solches seine künstlerisch notwendige Form finden. Geht man aber davon aus, daß Heine im Saint-Simonismus eine Synthese von Körper und Geist zu neuem Leben erstrebte – und eine solche Synthese durfte er mit Recht eine »wahrhaft religiöse und moralische« nennen –, dann kann man die »Verschiedenen« als Gestaltung dieser Synthese nicht gelten lassen. Denn nicht nur überwiegt das Sinnliche, es hat auch nicht die gesunde Kraft, wie etwa in Goethes »Römischen Elegien«, auf die sich Heine in dem Brief an Gutzkow beruft. Mit voller Deutlichkeit zeigen die »Verschiedenen« Heines Versagen vor seiner eigenen Idee. Daran können alle stolzen Worte der Vorrede zum ersten Band des »Salon« nichts ändern. Sie zeigen aber ebenso unwiderstehlich, daß diese Idee in ihm lebendig war, und nichts ist lächerlicher und ungerechter, als den Dichter schlechthin einen Poseur zu nennen.

Auf diesem Felsen bauen wir
Die Kirche von dem dritten,
Dem dritten neuen Testament;
Das Leid ist ausgelitten.

Vernichtet ist das Zweierlei,
Das uns so lang betöret;
Die dumme Leiberquälerei
Hat endlich aufgehöret.

Hörst du den Gott im finstern Meer?
Mit tausend Stimmen spricht er.
Und siehst du über unserm Haupt
Die tausend Gotteslichter?

Der heil'ge Gott der ist im Licht
Wie in den Finsternissen;
Und Gott ist alles was da ist,
Er ist in unsern Küssen.

Nur nach diesen Strophen kann der ganze Zyklus beurteilt werden. Hier klingt wirklich ein neues Lebensgefühl, hier findet die Heiligung des Leiblichen ihren ersten Ausdruck, hier ist Heine Vorläufer jener Bewegung, die heute in tausend Bestrebungen und tausend Schlagwörtern verbreitet ist, hier ist er nietzschesch. Aber dieses neue Gefühl – eigentümlicher Widerspruch – trägt den Dichter nicht in die Höhe, es führt ihn in die Niederungen der Venus vulgivava, oder besser, es ist nicht tragfähig genug, diese zu höheren Regionen zu befreien. Hierin liegt Dekadenz. Diese gefährliche Labilität, die vom Höchsten mühelos zum Tiefsten gleitet, ist das Stigma einer kranken Seele. Denn sie hebt die Gegensätze nicht auf, sie kann nicht die Synthese schaffen in schöpferischer Kraft. Man kann das Evangelium in einem Bordell predigen, aber man darf es nicht in seiner Reinheit von diesem überwältigen lassen – darf, nicht moralisch, sondern vom Standpunkt der beanspruchten Synthese aus gesagt.

Das Fräulein stand am Meere
Und seufzte lang und bang,
Es rührte sie so sehre
Der Sonnenuntergang.

Mein Fräulein! sei'n Sie munter,
Das ist ein altes Stück;
Hier vorne geht sie unter
Und kehrt von hinten zurück.

Verliert sich hier der Dichter nicht gänzlich in ungeadelter, ungehobener Sphäre? »Welcher deutsche Autor aufhört, in die Höhe zu blicken, wer in seinen Augen den himmlischen Glanz verliert, der verliert auch seine Stellung im Volke.« Diese Worte aus Gutzkows Brief an Heine (6. August 1838) sind, auf die »Verschiedenen« überhaupt angewandt, nicht berechtigt, aber sie haben Geltung, wenn man sie anwendet auf Strophen, wie die zuletzt zitierten. Heiligung und Profanation stehen nebeneinander.

So versetzen uns die »Verschiedenen« auf den Standpunkt, von dem aus Heines Produktion der Pariser Zeit zu beurteilen ist; er wird umschrieben mit der Frage: wieweit erreicht Heine die von ihm beanspruchte Synthese, oder wie wird er seinem eigenen Ideal gerecht? Historisch ergibt das zugleich seine Stellung zum Saint-Simonismus, denn in ihm hatte er ja sein Evangelium zu erkennen geglaubt. Da zeigen uns gleich wieder die »Memoiren des Herrn von Schnabelewopski« – man kann sie noch am ersten zum Typ des autobiographischen Fragments rechnen – eine Frivolität, die kaum an den Ernst tieferer Anschauungen glauben läßt. Aber dann lese man zu Beginn des Kapitel XII:

»Und der Traum? Warum fürchten wir uns vor dem Schlafengehen nicht weit mehr als vor dem Begrabenwerden? Ist es nicht furchtbar, daß der Leib eine ganze Nacht leichentot sein kann, während der Geist in uns das bewegteste Leben führt, ein Leben mit allen Schrecknissen jener Scheidung, die wir eben zwischen Leib und Geist gestiftet? Wenn einst in der Zukunft beide wieder in unserem Bewußtsein vereinigt sind, dann gibt es vielleicht keine Träume mehr, oder nur kranke Menschen, Menschen, deren Harmonie gestört, werden träumen. Nur leise und wenig träumten die Alten ... das rechte Träumen beginnt erst bei den Juden, dem Volke des Geistes, und erreichte seine höchste Blüte bei den Christen, dem Geistervolk. Unsere Nachkommen werden schaudern, wenn sie einst lesen, welch ein gespenstisches Dasein wir geführt, wie der Mensch in uns gespalten war und nur die eine Hälfte ein eigentliches Leben geführt. Unsere Zeit – und sie beginnt am Kreuze Christi – wird als eine große Krankheitsperiode der Menschheit betrachtet werden.« Das sind Anschauungen, an deren Ernst gar nicht gezweifelt werden kann. Gewiß hat man auch im »Schnabelewopski« wie in den »Verschiedenen«, den etwas ängstlichen Eindruck, daß solche Stellen, wo der innerste Heine redet, wie ein einsamer Fels umbrandet werden von den Wogen einer in der Tat ins Schlüpfrige abgleitenden Vorstellungswelt. Die Freude am Materialistischen, das Hängenbleiben in niederen Sphären, die allzu liebevolle und zweideutige Schilderung erotischer Abenteuer und Delikatessen – beispielsweise Kap. VII und VIII – sprechen nicht für synthetische Kraft. Wie stark die materielle Seite von Heine geltend gemacht wird, zeigt auch ein etwa gleichzeitiger Brief an Laube (10. Juli 1833). Die tieferen Fragen der Revolution, meint er, »betreffen weder Formen, noch Personen, weder die Einführung einer Republik, noch die Beschränkung einer Monarchie, sondern sie betreffen das materielle Wohlsein des Volkes. Die bisherige spiritualistische Religion war heilsam und notwendig, solange der größte Teil der Menschen in Elend lebte und sich mit der himmlischen Religion vertrösten mußte. Seit aber durch die Fortschritte der Industrie und Ökonomie es möglich geworden, die Menschen aus ihrem materiellen Elend herauszuziehen und auf Erden zu beseligen, seitdem – Sie verstehen mich. Und die Leute werden uns schon verstehen, wenn wir ihnen sagen, daß sie in der Folge alle Tage Rindfleisch statt Kartoffeln essen sollen und weniger arbeiten und mehr tanzen werden. – Verlassen Sie sich darauf, die Menschen sind keine Esel.«

Man könnte geneigt sein, gerade im »Schnabelewopski« Zeichen des Niedergangs zu sehen. Aber schon die Schrift selbst, dann auch der ganze heterogene Inhalt des ersten Salonbandes beweisen die Sorglosigkeit, mit der Heine dieses Buch »zusammenknetete«. Man darf danach seine beste Kraft nicht beurteilen. Diese wirkt sich aus in den beiden Abhandlungen über die »Romantische Schule« und »Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland«. Sie bedeuten zweifellos den Höhepunkt im Schaffen Heines, wenn man seine publizistische Tätigkeit ins Auge faßt, zugleich den höchsten Grad seiner saint-simonistischen Synthese und insofern, da hierin sein innerstes Wesen zur Darstellung kommt, den Gipfel der aufsteigenden Linie seines Lebens überhaupt. »Mit dem, was er aus den saint-simonistischen Lehren schöpfte, verknüpft Heine nun seine alten revolutionären Theorien und die Reminiszenzen von Hegel zu einer mächtigen historischen und literarischen Synthese, die allen divergierenden Neigungen seiner vielseitigen Natur Genüge leistet«, so urteilt Lichtenberger, der über »Heinrich Heine als Denker« ein ausgezeichnetes Buch geschrieben hat. (In deutscher Übersetzung Dresden 1905.) Nur muß man, um unberechtigte Angriffe von vornherein abzuwehren, vorsichtig sein mit dem Begriff »Denker«. Heine selbst bemerkt, er sei nie »abstrakter Denker« – in der Handschrift steht sogar »Selbstdenker« – gewesen (Geständnisse), es handelt sich bei ihm um ein ganz elementares Lebensgefühl, das wissenschaftlich weder bewiesen noch widerlegt werden kann. Aber der Ausdruck, den Heine ihm gibt, mag er philosophisch oder poetisch sein, ist so unzweifelhaft echt, trägt so stark den Stempel des Kündertums, daß man ihn, wie ein Stück Leben, bewundern oder hassen, einer »objektiven« Würdigung dagegen nur im Vergleich zu Persönlichkeiten unterwerfen kann, die von demselben Gefühl bewegt wurden. Welches aber ist dieses Lebensgefühl, wovon kündet Heinrich Heine? Wir wissen es schon aus den früheren Ausführungen, es muß hier, wo wir den Höhepunkt erreichen, nur nochmals nachdrücklich darauf hingewiesen werden: es ist ein neues religiöses Gefühl, das hier sich anbahnt, ein neues Ideal, das den einzelnen und die Gesellschaft gesund machen und neue Zeiten heraufführen soll. Was? – den Einwand hört man – Heine, der in den Salons der Pariser Gesellschaft sich sonnte, der auf den Boulevards Bekanntschaft machte mit den »anrüchigsten Magdalenen«, der fragwürdige Gedichte und Memoiren schrieb und sich im übrigen als Journalist betätigte – der soll womöglich eine neue Religion gestiftet haben? Nun, das behauptet natürlich niemand. Heine war so wenig Kämpfer wie er ein Religionsstifter war – die Feder sträubt sich fast, dieses Wort überhaupt in Verbindung mit Heine niederzuschreiben. Aber man mag ihn aufschlagen, wo man will: immer begegnet uns das große Wort »Gott«, und der Ton, in dem davon gesprochen wird, mag noch so »flipprig« sein: Heine ist zeitlebens nicht von dieser Vorstellung losgekommen. Und gerade in seinem Verhältnis zum Saint-Simonismus macht sich dies Überwiegen des Religiösen auffällig bemerkbar. Das Wesentliche darüber ist im Anhang zum dritten Band mitgeteilt worden.

Zu einer Religion der Freude bekannte sich schon der Heine der »Reisebilder«, ebenso ist hier schon das Christentum im Sinne einer Krankheit aufgefaßt. Die Menschheit muß, so verkündigt er jetzt, ihre völlige »Gesundheit« wiedererlangen. Das geschieht, »wenn der Friede zwischen Leib und Seele wiederhergestellt und sie wieder in ursprünglicher Harmonie sich durchdringen.« (Zur Geschichte der Religion und Philosophie I, Bd. III, S. 310.) »Ja, ich sage es bestimmt, unsere Nachkommen werden schöner und glücklicher sein als wir. Denn ich glaube an den Fortschritt, ich glaube, die Menschheit ist zur Glückseligkeit bestimmt.« (Ebd.) Wie soll das erreicht werden? Heine beantwortet die Frage ganz im saint-simonistischen Sinne: »Schon hier auf Erden möchte ich durch die Segnungen freier politischer und industrieller Institutionen jene Seligkeit etablieren, die nach der Meinung der Frommen erst am jüngsten Tage, im Himmel, stattfinden soll« (a. a. O., S. 311). Der Saint-Simonismus ist ihm die Synthese von Spiritualismus und Sensualismus. Unter Spiritualismus versteht Heine die Denkweise, »die den Geist dadurch verherrlichen will, daß sie die Materie zu zerstören strebt«, während der Sensualismus »die natürlichen Rechte der Materie gegen die Usurpationen des Geistes zu vindizieren sucht« (a. a. O., S. 328). Das Volk des Spiritualismus sind die Juden, »ganz eigentlich das Volk des Geistes« (Zur Geschichte usw., II, S. 367), die Religion des Spiritualismus das Christentum, das »dem Geiste auf dieser Erde die unbedingteste Herrschaft erobern wollte« (a. a. O., S. 368). Aber dieser Versuch ist aufs kläglichste gescheitert, er hat der Menschheit unberechenbare Opfer gekostet, »und trübselige Folge derselben ist unser jetziges soziales Unwohlsein in ganz Europa«. (Ebd.) Denn die Materie läßt sich nicht entrechten, die Vernichtung der Sinnlichkeit steht gar zu sehr in Widerspruch mit der menschlichen Natur. So wurde der Katholizismus ein Konkordat zwischen Geist und Materie, die Kirche erfand ein kluges System von Zugeständnissen, wodurch die Alleinherrschaft des Geistes in der Theorie ausgesprochen, die Materie aber tatsächlich in den Stand gesetzt wurde, alle ihre annullierten Rechte auszuüben (S. 326). Erst der Protestantismus schafft hier Wandel: die Religion wird wieder eine Wahrheit, »indem die notwendigsten Ansprüche der Materie nicht bloß berücksichtigt, sondern auch legitimiert werden« (S. 336). Heine gibt bei dieser Gelegenheit eine Charakteristik Luthers, die ganz gewiß das Wesentliche trifft. »Ewiger Ruhm dem teuren Manne, dem wir die Rettung unserer edelsten Güter verdanken, und von dessen Wohltaten wir noch heute leben« (S. 335). Er sei der deutscheste Mann unserer Geschichte, in seinem Charakter seien alle Tugenden und Fehler der Deutschen aufs großartigste vereinigt (S. 334).

Die neueste Religion aber ist der Saint-Simonismus. Die entscheidende Stelle möge wörtlich angeführt werden. »Die Menschheit ist aller Hostien überdrüssig und lechzt nach nahrhafterer Speise, nach echtem Brot und schönem Fleisch. Die Menschheit lächelt mitleidig über jene Jugendideale, die sie trotz aller Anstrengungen nicht verwirklichen konnte, und sie wird männlich-praktisch. Die Menschheit huldigt jetzt dem irdischen Nützlichkeitssystem, sie denkt ernsthaft an eine bürgerlich wohlhabende Einrichtung, an vernünftigen Haushalt und an Bequemlichkeit für ihr späteres Alter. Da ist wahrlich nicht mehr die Rede davon, das Schwert in den Händen des Cäsars und gar den Säckel in den Händen seiner Knechte zu lassen. Dem Fürstendienst wird die privilegierte Ehre entrissen und die Industrie wird der alten Schmach entlastet. Die nächste Aufgabe ist: gesund zu werden; denn wir fühlen uns noch sehr schwach in den Gliedern. Die heiligen Vampire des Mittelalters haben uns so viel Lebensblut ausgesaugt. Und dann müssen der Materie noch große Sühnopfer geschlachtet werden, damit sie die alten Beleidigungen verzeihe. Es wäre sogar ratsam, wenn wir Festspiele anordneten und der Materie noch mehr außerordentliche Entschädigungsehren erwiesen. Denn das Christentum, unfähig, die Materie zu vernichten, hat sie überall fletriert, es hat die edelsten Genüsse herabgewürdigt, und die Sinne mußten heucheln, und es entstand Lüge und Sünde. Wir müssen unsern Weibern neue Hemden und neue Gedanken anziehen, und alle unsre Gefühle müssen wir durchräuchern, wie nach einer überstandenen Pest.

Der nächste Zweck aller unserer neuen Institutionen ist solchermaßen die Rehabilitation der Materie, die Wiedereinsetzung derselben in ihre Würde, ihre moralische Anerkennung, ihre religiöse Heiligung, ihre Versöhnung mit dem Geiste« (S. 369 f.).

Aber diese Förderung der Materie, des materiellen Glücks der Völker, geschieht nicht, um den Geist zu mißachten, sondern aus der Erkenntnis, »daß die Göttlichkeit des Menschen sich auch in seiner leiblichen Erscheinung kundgibt«. Der Kampf gilt nicht »für die Menschenrechte des Volks, sondern für die Gottesrechte des Menschen«. Er hat andere Ziele als die Revolution mit Sanskulotten und frugalen Bürgern, er will »eine Demokratie gleichherrlicher, gleichheiliger, gleichbeseligter Götter«. Nicht einfache Trachten, enthaltsame Sitten und ungewürzte Genüsse, sondern Nektar und Ambrosia, Purpurmäntel, kostbare Wohlgerüche, Wollust und Pracht, lachenden Nymphentanz, Musik und Komödien (S. 372). Diesen dionysischen Individualismus stellt Heine unbefangen neben einen Pantheismus, in dem er den religiösen Unterbau des Saint-Simonismus erblickt. »Gott ist identisch mit der Welt.« Er manifestiert sich in den Pflanzen, in den Tieren, am herrlichsten im Menschen, in dem die Gottheit zum Selbstbewußtsein kommt. Und dieses wiederum offenbart sich durch den Menschen, nicht in und durch den einzelnen, sondern in und durch die Gesamtheit der Menschen. Der einzelne ist Teil des Gottweltalls, alle zusammen aber stellen das ganze Gottweltall in der Idee und in der Realität dar. Innerhalb dieses Ganzen hat jedes Volk seine Sendung. »Gott ist daher der eigentliche Held der Weltgeschichte, diese ist sein beständiges Denken, sein beständiges Handeln, sein Wort, seine Tat; und von der ganzen Menschheit kann man mit Recht sagen, sie ist eine Inkarnation Gottes« (S. 371).

Der Saint-Simonismus stand in Frankreich auf ungünstigem Boden, der ihn umgebende Materialismus hat ihn erdrückt. Der gedeihlichste Boden für den Pantheismus ist Deutschland, das von jeher eine Abneigung gegen den Materialismus bekundete. »Der Pantheismus ist die verborgene Religion Deutschlands« (S. 373). Gegensatz dieses zuerst von Spinoza in ein System gebrachten Pantheismus ist der Deismus, der einen außerweltlichen Gott annimmt, einerlei ob er sich diesen als donnernden Tyrannen, als liebenden Vater oder als weisen Künstler vorstellt. Die »Kritik der reinen Vernunft« ist das Schwert, womit der Deismus hingerichtet worden in Deutschland« (S. 402). Und damit stirbt der Gott des Deismus: die berühmte Stelle am Schluß des zweiten Buches läutet ihm in ebenso geistreichem wie naivem Anthropomorphismus das Sterbeglöcklein.

Heine bemerkt gleich zu Beginn seiner Schrift, er sei kein Gelehrter, und deshalb – eine Folgerung, die in seinem Sinne das weniger in ein Mehr verwandelt – habe er keine Scheu, die Resultate des Denkens, die von den Gelehrten nicht offen ausgesprochen würden, dem Volke ohne Scheu mitzuteilen. Schon dieser Gesichtspunkt widerspricht einer objektiven Darstellung, und das dritte Buch beweist denn auch zur Genüge, daß Heine einer »wissenschaftlichen« Behandlung seines Gegenstandes nicht gewachsen ist. Für ihn ist die Geschichte der Philosophie seit Kant die Geschichte einer geistigen Revolution, und er schildert sie im Parallelismus zur »materiellen Revolution in Frankreich« – ein Vergleich, der in den Grundzügen schon in der »Einleitung zu Kahldorf über den Adel« (vgl. S. 78) erscheint. Konsequent durchgeführt wird er freilich auch jetzt nicht, vor allem stören fast anekdotenartige Abschweifungen, und er wäre nicht viel mehr als ein geistreiches Aperçu, wenn nicht eben die Grundbedeutung der deutschen Philosophie damit intuitiv richtig erfaßt worden wäre. Anders steht es mit der Auffassung der einzelnen Philosophen. Wenn Heine behauptet, Kant sei kein Genie, so kommt er damit der von ihm mit Recht verspotteten Meinung Menzels, Goethe sei kein Genie, in der Größe des Irrtums bedenklich nahe. Amüsant und im Grunde richtig ist die Zurückführung des Unterschieds der praktischen von der theoretischen Vernunft auf Kants Besorgnis um seinen alten Kammerdiener Lampe: »Der alte Lampe muß einen Gott haben, sonst kann der arme Mensch nicht glücklich sein ... meinetwegen, so mag auch die praktische Vernunft die Existenz Gottes verbürgen.« Die schwächste Stelle der Kantschen Philosophie wird mit dieser so ganz und gar unphilosophischen Schnoddrigkeit doch bewundernswert scharf getroffen. Fichte – der Napoleon der deutschen Philosophie – findet als Persönlichkeit und Philosoph eine Würdigung, die ihm sicher gerechter wird als es bei Kant gelang. Sein Idealismus ist nach Heine einer der »kolossalsten Irrtümer, die jemals der menschliche Geist ausgeheckt. Er ist gottloser und verdammlicher als der plumpste Materialismus« (S. 436). Ausdrücklich betont Heine gegenüber der zum abstrakten Gesetz durchfiltrierten Gottheit Fichtes »einen wirklichen Gott«, er ist widerwärtig berührt »von den grellen Worten, womit Fichte unseren Gott für ein bloßes Hirngespinst erklärt und sogar ironisiert« (S. 435).

Mit Schelling beginnt die Restauration. In seinen früheren Schriften hat er freilich »am kühnsten in Deutschland die Religion des Pantheismus ausgesprochen, welcher die Heiligung der Natur und die Wiedereinsetzung des Menschen in seine Gottesrechte am lautesten verkündet« (S. 450) – hier klingen also wieder saint-simonistische Töne an – aber dann ist er »zurückgeschlichen in den Glaubensstall der Vergangenheit« und hat damit bewiesen, »daß der Mensch sich dem Katholizismus zuneigt, wenn er müde und alt wird« (S. 450). Hegel, »sein Majordomus«, nahm ihm die Krone vom Haupt, er überragt auch weit Kant und Fichte, er ist der größte Philosoph seit Leibniz, der revolutionäre Geist ist einer Gedankenharmonie gewichen, er schließt den Kreis und herrscht als gekrönter, »leider auch ein bißchen« gesalbter König (S. 452 f.). Das Hegelsche System wird nicht dargestellt.

Prüfen wir, worauf es ankommt, den Hauptgedankengang. Heine wollte erzählen: »was das Christentum ist, wie es römischer Katholizismus geworden, wie aus diesem der Protestantismus und aus dem Protestantismus die deutsche Philosophie hervorging« (S. 306). Man erkennt ohne Mühe, daß die Verbindung zwischen den vier Gliedern durch den Saint-Simonismus hergestellt wird, daß aber gerade dieser auch den Bruch in der ganzen Darstellung verursacht. Aus dem Christentum als Spiritualismus kann Katholizismus und Protestantismus abgeleitet werden: dieser ist dann eine Vorstufe der Vereinigung zwischen Leib und Geist, d. h. des Saint-Simonismus. Damit konkurriert nun aber die herkömmlichere Auffassung der Reformation als der Befreiung vom Autoritätsglauben: »die Vernunft war als oberste Richterin in allen religiösen Streitfragen anerkannt. Dadurch entstand in Deutschland die sogenannte Geistesfreiheit oder ... die Denkfreiheit« (S. 338). Fortsetzer Luthers in diesem Sinne ist Lessing, der uns von dem »starren Wortdienst«, dem tyrannischen Buchstaben der Bibel befreite (S. 395 f.). Statt nun aber diese Linie zu verfolgen, die ihn zum Atheismus geführt hätte, läßt Heine die bisherige Entwicklung münden im Deismus und gewinnt von da den Übergang zur »Philosophischen Revolution«, die an dessen Stelle den Pantheismus setzt, und durch diesen erweist sich die neue Philosophie als Saint-Simonismus. Von einer Ableitung der deutschen Philosophie aus dem Protestantismus kann also keine Rede sein: denn Heine schiebt den Begriff des Deismus dazwischen und wirft damit jene über den Haufen. Unmerklich aber nimmt der Pantheismus, wie Heine ihn schildert, die Farbe des Atheismus an, und so scheint es fast, als habe sich unbewußt jene Linie, nachdem sie mit dem Deismus verlassen worden, doch fortgesetzt. Diese Feststellungen sind für die spätere Würdigung von Heines sogenannter Bekehrung außerordentlich wichtig. Auch die Frage der in der »Geschichte der Religion« erreichten Synthese kann nur in Verbindung damit endgültig entschieden werden.

Heine kommt in seiner Abhandlung – wir lernen hierin zugleich den vierten Typ der Prosaschriften kennen – auch auf Goethe zu sprechen. Goethe war Pantheist, Heine nennt ihn den »Spinoza der Poesie« (S. 431), der Pantheismus »blühte praktisch in der deutschen Kunst, ehe er noch als philosophische Theorie bei uns zur Herrschaft gelangte« (ebd.). Aber zur Zeit Fichtes – hier ersetzt Heine den Begriff des Pantheismus ohne jede Abgrenzung durch den des Idealismus – entstand »jene berühmte Kunstrevolution«, die den Idealismus im Reiche der Kunst gewaltsam zerstörte: sie beginnt »mit dem Kampfe der Romantiker gegen das altklassische Regime, mit den Schlegelschen Emeuten« (S. 432). Die Romantik wird dann als Kernproblem behandelt in der zweiten großen Abhandlung »Die Romantische Schule«. Für die Textgeschichte verweise ich auf den Anhang zum dritten Band.

Als Unterbau erweist sich auch hier die saint-simonistische Grundansicht. Die Romantik ist nämlich »nichts anderes als die Wiedererweckung der Poesie des Mittelalters, wie sie sich in dessen Liedern, Bild- und Bauwerken, in Kunst und Leben manifestiert hatte« (S. 467). Das Mittelalter aber ist die Zeit des römischen Katholizismus und dieser spiritualistisches Christentum. Romantik ist also Reaktion, auch politisch, sie »schwamm mit dem Strom der Zeit, nämlich mit dem Strom, der nach seiner Quelle zurückströmte« (S. 489). Heines Auffassung hier unterscheidet sich also wesentlich von der oben mitgeteilten, und ebenso wesentlich von der früheren (vgl. S. 13 f.), die zwar die Romantik auch schon mit dem Christentum in Verbindung brachte, auch schon eine deutliche Opposition verriet, aber sie im übrigen gegensätzlich zur klassischen, d. h. heidnischen oder antiken Kunst charakterisierte und als ihre Häupter Goethe und A. W. v. Schlegel bezeichnete. Im Namen der Geistesfreiheit und des Protestantismus beginnt deshalb der Kampf gegen die Romantik: ihre »katholischen Umtriebe« wurden enthüllt, vernichtend aber wirkte der Einspruch Goethes (S. 498). Ohne daß Heine geradezu eine historische Linie zöge, erwähnt er dann doch die Vertreter »des heutigen jungen Deutschlands«: sie sind die Apostel einer neuen Zeit, sie trennen nicht Politik von Wissenschaft, Kunst und Religion, ein neuer Glaube, der aus dem Wissen entsprungene Glaube an den Fortschritt beseelt sie: wir – Heine spricht an dieser Stelle in der Wirform – wir haben gemessen, gewogen, berechnet, »und siehe, wir haben ausgefunden: daß diese Erde groß genug ist; daß sie jedem hinlänglichen Raum bietet, die Hütte seines Glücks darauf zu bauen; daß diese Erde uns alle anständig ernähren kann, wenn wir alle arbeiten und nicht einer auf Kosten des anderen leben will; und daß wir nicht nötig haben, die größere und ärmere Klasse an den Himmel zu verweisen« (S. 592).

Bei der Schilderung der einzelnen Dichter – im zweiten Buch der Schrift werden, nachdem im ersten die Romantische Schule im allgemeinen besprochen ist, die eigentlichen »Koteriegenossen«, im dritten außer Brentano und Arnim Werner, Fouqué und Uhland behandelt – macht sich der saint-simonistische Standpunkt weniger geltend, Heine verfährt hier in der Hauptsache nach ästhetischen Gesichtspunkten, wobei er, wie schon in dem ersten kleinen Aufsatz über die Romantik, seine Forderung nach Plastik erneuert. Polemisch, und zwar in der allerpersönlichsten Art, wird er nur bei A. W. Schlegel, dem er einst (vgl. S. 13 u. 14) in Poesie und Prosa so dankbar gehuldigt hatte. Sicher ist eine persönliche Kränkung der Anlaß zu den häßlichen Angriffen gewesen. Daß Friedrich Schlegel der bedeutendere war, erkennt Heine mit sicherem Blick, überhaupt liegt seinen im ganzen mehr gefühlsmäßigen und poetischen Darstellungen der einzelnen Dichter oder ihrer Werke – man vergleiche vor allem Tieck, Novalis und Brentano – ein richtiges Urteil zugrunde. Belangreicher als solche Einzelheiten ist die Frage nach dem inneren Verhältnis Heines zur Romantik. Man darf dabei nicht übersehen, daß er mit seiner Definition nur die Spätromantik trifft, und daß die ganze Schrift sich im Grunde mehr gegen den Ultramontanismus überhaupt richtet, dessen Umtriebe und Gegnerschaft Heine in München am eigenen Leibe erfahren hatte. Aus dem Zaubergarten der romantischen Poesie ist er trotzalledem nie herausgekommen, und gerade da, wo er darüber berichtet, erweist er sich als Romantiker, dessen Herz innerlich beteiligt ist. Heines Doppelgesicht tritt hier schon deutlich hervor; doch soll darüber näheres erst bei »Atta Troll« gesagt werden. Hier bedarf es noch eines Hinweises auf sein Verhältnis zu Goethe, über den sich das erste Buch der »Romantischen Schule« eingehend ausspricht. Wir erinnern uns der früheren Äußerungen, aus denen ein gewisses Gegensatzgefühl erkennbar war, bei aller Verehrung, die er dem Großen sonst entgegenbrachte. Als Wolfgang Menzel in seiner Literaturgeschichte mit den scharfen Angriffen gegen Goethe hervortrat, da war Heine trotz seiner damaligen Freundschaft zu dem Verfasser doch stark befremdet. »Die Stellen über Goethe habe ich nicht ohne Schmerzen lesen können. Ich möchte sie um keinen Preis geschrieben haben. Wo denken Sie hin, lieber Varnhagen, Ich, Ich gegen Goethe schreiben! Wenn die Sterne am Himmel mir feindlich werden, darf ich sie deshalb schon für bloße Irrlichter erklären?« (an Varnhagen, 28. Nov. 27). Was ihn an Goethe festhielt, war die gemeinsame Abneigung gegen »die deutsche Nationalbeschränktheit und den seichten Pietismus« (a. a. O.). Was ihn von Goethe trennt, bezeichnet Heine in seiner Kritik des Menzelschen Buches als »Goethentum«: er versteht darunter die Tyrannis Goethes in der Republik der Geister, die Begünstigung der »lieben Mittelmäßigkeit«, die nachknetet und nachpiepst in der Weise des Alten. Hiergegen beginnt die Insurrektion: eine neue Zeit mit einem neuen Prinzip steigt auf, »die Kunstidee«, das Prinzip der Goetheschen Zeit, entweicht, die Trompeten blasen, das zivilisierte, zahme Goethentum wird über den Haufen geworfen, an Stelle der schönen objektiven Welt tritt das Reich der wildesten Subjektivität (Elster, Bd. VII, S. 255): man sieht, auch hier bricht ein starkes Gefühl für ein Neues hervor, und in demselben Aufsatz – 1828 erschienen – fällt das Wort von einer Naturreligion, »wo wieder freudige Götter aus Wäldern und Steinen hervorwachsen und auch die Menschen sich göttlich freuen« (a. a. O. 251). Goethe aber – so nennt Heine ihn in einem Brief vom 27. Februar 1830 – ist ein »Zeitablehnungsgenie«, mit der »Endschaft der Kunstperiode« werde seine Herrschaft fallen. Ausgangspunkt dieser Einstellung ist offenbar, wie bei Platen und Schlegel, ein Gefühl persönlicher Zurücksetzung. Goethe hatte auf Heines Sendungen und Widmungen der Gedichtsammlungen nie geantwortet. Daß in diesem Falle öffentliche Polemik unmöglich war, mußte Heine natürlich einsehen, sie wurde ihm auch durch feine Verehrung für Goethes Werke verboten: ausdrücklich trennt er diese vom »Goethentum«, die »teuern Schöpfungen« würden noch leben, »wenn längst die deutsche Sprache schon gestorben ist und das geknutete Deutschland in slawischer Mundart wimmert«. Aber sicher hätte Heine für das, was ihn mit Goethescher Denkart verband, ein schärferes Auge gehabt, er hätte nach Berührungspunkten, gerade in bezug auf eine neue Religion, gesucht, wenn Goethe ihn beachtet hätte. Wenn Goethe »die Zeit« ablehnte, so bedeutete das für Heine, daß der Große ihn ablehnte, und das vertrug seine Eitelkeit nicht. Als Ausweg blieb nun eine Geschichtskonstruktion, hinter der freilich auch Heines innerste positive Tendenz steht. Worauf sie hinauswill, das lehrt das Schlußwort der »Französischen Maler«: die Kunst soll mit der Zeit »in begeistertem Einklang« stehen, der Künstler darf »kein egoistisch isoliertes Kunstleben« führen, »die müßig dichtende Seele hermetisch verschlossen gegen die großen Schmerzen und Freuden der Zeit«, Kunst und Politik des Tages gehören zusammen (Elster, Bd. IV, S. 72). Diese letzte Formulierung gibt zugleich zu erkennen, wo der innerste Berührungspunkt Heines mit dem jungen Deutschland liegt, ja sie präzisiert letzten Endes Heines literarische Stellung überhaupt, namentlich auch im Verhältnis zur Romantik.

Was bringt nun »Die Romantische Schule« über Goethe vor? Die Abneigung gegen ihn als einen Alleinherrscher, der aus »Angst vor jedem selbständigen Originalschriftsteller« nur die unbedeutenden Kleingeister lobt und gelten läßt, ist geblieben, Heine bekennt sogar freimütig, wie schon früher einmal an einer in den endgültigen Text nicht aufgenommenen Stelle der »Reise von München nach Genua« (Elster, Bd. III, S. 547), das Motiv seiner Gegnerschaft sei Neid gewesen – besser, im Sinne der Ausführungen oben, gekränkte Eitelkeit. Aber er fügt jetzt hinzu, er sei damals ein Gegner Goethes gewesen, und nun folgt in der Tat eine Würdigung, die ihm alle Ehre macht. Heine entdeckt am Menschen und am Dichter neue Seiten, er sieht ihn – im Lichte des Saint-Simonismus: die Augen sind ihm geöffnet für »die Übereinstimmung der Persönlichkeit mit dem Genius, wie man sie bei außerordentlichen Menschen verlangt« (S. 518). »Seine äußere Erscheinung war ebenso bedeutsam wie das Wort, das in seinen Schriften lebte; auch seine Gestalt war harmonisch, klar, freudig, edel gemessen ... Dieser würdevolle Leib war nie gekrümmt von christlicher Wurmdemut; die Züge dieses Antlitzes waren nicht christlich sündhaft scheu, nicht andächtelnd und himmelnd, nicht flimmernd bewegt: nein, seine Augen waren ruhig wie die eines Gottes.« Von Goethes Dichtungen werden »Faust« und der »Westöstliche Divan« besprochen: sie lassen sich am besten saint-simonistisch verwerten. Faust – er stellt das deutsche Volk dar – ist »jener Spiritualist, der mit dem Geiste endlich die Ungenügbarkeit des Geistes begriffen und nach materiellen Genüssen verlangt und dem Fleische seine Rechte wiedergibt« (S. 515). Es ist nur ein Rest mittelalterlich-katholischer Poesie, wenn die Rehabilitation des Fleisches in der Dichtung als ein Abfall von Gott, als Teufelsbündnis bezeichnet wird. Goethe spricht im »Faust« »sein Mißbehagen an dem abstrakt Geistigen und sein Verlangen nach reellen Genüssen« aus, mit dem »Westöstlichen Divan« aber wirft er sich gleichsam »in die Arme des Sensualismus«: der »Divan« bringt »den berauschendsten Lebensgenuß« in Verse, unbeschreiblich ist der Zauber dieses Buches, »es ist ein Selam, den der Okzident dem Orient geschenkt hat«, und bedeutet, »daß der Okzident seines frierend mageren Spiritualismus überdrüssig geworden und an der gesunden Körperwelt des Orients sich wieder erlaben möchte« (S. 517).

Wie sehr Heine der Romantik als einer Verherrlichung deutscher Vergangenheit und ihrer patriotischen Tendenz, die an Uhland deutlich gemacht wird, entwachsen war, zeigt der Schluß der »Romantischen Schule«: nachdem Uhlands Gedicht »Vorwärts«, von dem jeder »Enkel des biderben Arminius und der blonden Thusnelde« befriedigt sein würde, mitgeteilt ist, wird die erste Strophe variiert:

Vorwärts! fort und immer fort,
Frankreich rief das stolze Wort:
Vorwärts! –

eine Taktlosigkeit, hinter der freilich, wie wir wissen, eine innerste Überzeugung steht, die also nicht nur als gesinnungsloses Kompliment an Frankreich auf Kosten Deutschlands aufgefaßt werden darf.

Man weiß, daß die praktische Ausführung der saint-simonistischen Ideen schon zu Heines Lebzeiten scheiterte. Aber für Heine war der Saint-Simonismus keine Theorie, er lebte ihn und suchte ihn in seiner Person zu verwirklichen. Und daran scheiterte er. Vergegenwärtigt man sich, unter welchen äußeren Lebensumständen die beiden Schriften über Philosophie und Romantik entstanden, so kann man dem Verfasser die Bewunderung dafür nicht versagen, daß er zu dieser Zusammenfassung seiner geistigen Kräfte überhaupt kam. Denn ihr entgegen wirkte eine Verausgabung im Sinnlichen, der Heines schwache Natur nicht gewachsen war. Von dem Augenblick an, wo er Crescentia Mirat zu sich nahm, verzichtete er endgültig auf die Erreichung des Zieles, das er selbst in jenen Schriften aufstellte. Hätte Heine die Kraft gehabt, seine in der Tat innerlich erlebten Gedanken in der so oft von ihm ersehnten Stille ausreifen zu lassen, in der Obhut vielleicht einer Frau, in deren Armen er jene geistig-sinnliche Harmonie gefunden hätte, die ihm Voraussetzung des neuen Menschen war – er hätte einer großen Sache treuer dienen können. So aber beging er Verrat, lieferte sich selbst Mächten aus, die schließlich den völligen Zusammenbruch herbeiführten. Er persönlich – darin liegt nun freilich auch eine gewisse Größe, weil sie Einheit von Lehre und Leben zeigt – brachte der Materie, der Sinnlichkeit, jene Hekatomben, deren Notwendigkeit vor dem Ausgleich er als notwendig erachtete – und so wurde er selbst Opfer. Heine mag schriftstellerisch nach 1835 noch gewachsen sein – zweifellos ist er es –, die Gesamtpersönlichkeit bewegt sich von da an auf absteigender Linie, denn jetzt schon beginnt, unterstützt von äußeren Notwendigkeiten, das Auseinanderstreben der Kräfte, das innerlich zur Resignation und Umkehr, äußerlich zu der schweren Krankheit führt, die den Dichter in den letzten acht Jahren auf dem Schmerzenslager festhält. Von 1835 an gewinnt auch die Gegnerschaft Heines eine Stärke, die ihn in eine so ungünstige Stellung drängt, daß er ein gut Teil seiner Kräfte zur Abwehr gebrauchen muß und seine Feder zu Schriften hergibt, die nicht annähernd die Höhe der früheren erreichen. Am 10. Dezember 1835 erließ der Bundestag infolge der Angriffe Menzels gegen das junge Deutschland das Verbot auch der Heineschen Schriften, der bereits erschienenen und der zukünftigen. Der dritte und vierte Band des »Salon« (1837 und 1840) zeigen, wie wesentlich Heine in seinem Werk dadurch beeinflußt wurde. Auch die »Einleitung zum ›Don Quichotte‹« (1837), die Abhandlung über »Shakespeares Mädchen und Frauen« (1838), »Der Schwabenspiegel« (1838) und »Schriftstellernöten« (1839) beweisen einen Abstieg und eine Verstrickung in Polemik, die eine Fortsetzung der in den Abhandlungen über Religion und Romantik gehaltenen Linie unmöglich macht. Im Anhang zum dritten Band ist näheres über jene Schriften mitgeteilt worden. Sie entwachsen, soweit sie nicht rein polemisch oder dichterisch sind, noch dem saint-simonistischen Boden, es darf aber nicht übersehen werden, daß gelegentlich schon eine Ermüdung, eine Verzichtstimmung, ja offener Pessimismus zutage tritt. So heißt es in der »Einleitung zum ›Don Quichotte‹« »Ach, ich habe ... erfahren, daß es eine ebenso undankbare Tollheit ist, wenn man die Zukunft allzu frühzeitig in die Gegenwart einführen will und bei solchem Ankampf gegen die schweren Interessen des Tages nur einen sehr mageren Klepper, eine sehr morsche Rüstung und einen ebenso gebrechlichen Körper besitzt« (Elster, Bd. VII, S. 307). Im zweiten Brief »Über die französische Bühne« äußert er »eine wahre Scheu vor der Politik« und »eine grenzenlose Furcht vor der Theologie«, er enthalte sich »alles Nachdenkens über das Christentum« und wolle Hengstenberg und Konsorten nicht mehr zum Lebensgenuß bekehren (Elster, Bd. IV, S. 500). Er spricht von einer »schrecklichen Katastrophe«, der Frankreich vielleicht entgegenginge, er sieht die politischen Verhältnisse, wie sie sich nach der Julirevolution entwickelt haben, überhaupt französische Zustände im trüben Licht und empfindet eine deutliche Entfremdung: »Ach, das geistige Klima ist uns in der Fremde ebenso unwirtlich wie das physische; ja, mit diesem kann man sich leichter abfinden, und höchstens erkrankt dadurch der Leib, nicht die Seele!« Und dann fährt Heine fort: »Ein revolutionärer Frosch, welcher sich gern aus dem dicken Heimatgewässer erhöbe und die Existenz des Vogels in der Luft für das Ideal der Freiheit ansieht, wird es dennoch im Trocknen, in der sogenannten freien Luft, nicht lange aushalten können und sehnt sich gewiß bald zurück nach dem schweren, soliden Geburtssumpf. Anfangs bläht er sich sehr stark auf und begrüßt freudig die Sonne, die im Monat Juli so herrlich strahlt, und er spricht zu sich selbst: ›Ich bin mehr als meine Landsleute, die Fische, die Stockfische, die stummen Wassertiere, mir gab Jupiter die Gabe der Rede, ja ich bin sogar Sänger, schon dadurch fühl' ich mich den Vögeln verwandt, und es fehlen mir nur die Flügel ... ‹ Der arme Frosch! und bekäme er auch Flügel, so würde er sich doch nicht über alles erheben können, in den Lüften würde ihm der leichte Vogelsinn fehlen, er würde immer unwillkürlich zur Erde hinabschauen, von dieser Höhe würden ihm die schmerzlichen Erscheinungen des irdischen Jammertals erst recht sichtbar werden, und der gefiederte Frosch wird alsdann größere Beengnisse empfinden als früher in dem deutschesten Sumpf!« (Elster, Bd. IV, S. 504 f.)

Den Abschluß, der zugleich noch einmal, richtig gesehen, einen Höhepunkt darstellt, bildet für diese Jahre der Krisis, wie wir vielleicht am besten sagen, die Schrift gegen »Ludwig Börne«. Gerade sie freilich schadete dem Ruf Heines am meisten und fand die heftigste Gegnerschaft. Sie ist auch, rein persönlich und zeitgeschichtlich betrachtet, ein Skandal, der dem Menschen Heine das schlechteste Zeugnis ausstellt. Aber Skandal machen gehörte zu den schriftstellerischen Kriegsmitteln Heines, er gebrauchte ihn auch als Reklame, aus Geldnot. »Gott weiß, ich würde keinen Spektakel machen, wenn ich nicht immer dazu gezwungen wäre«, schreibt er an seine Mutter (25. Oktober 1833), und an seinen Bruder Max: »Und es ist wieder meine Geldnot, die mich in die Notwendigkeit versetzt, die Welt mit einem großen Skandal zu regalieren« (5. August 1837). Aber – das übersahen die Zeitgenossen und übersehen heute noch viele – letzten Endes wird auch diese Streitschrift von Ideen gespeist und bedeutet deshalb viel mehr als eine solche. Es ist freilich ein bedenkliches Symptom, daß diese Ideen – es sind immer noch die saint-simonistischen – und daß ein entschiedener Glaube an eine Erlösung der Menschheit zu neuem Dasein so überwuchert werden von dem Bedürfnis, sich auf Kosten eines Toten in Positur zu stellen. Heines Eitelkeit berührt nie unsympathischer als hier, und alle Teilnahme wendet sich zunächst dem Angegriffenen zu. Aber der persönliche Gegensatz Heines zu Börne steigt empor zu einem Gegensatz der Weltanschauungen, und hier muß man billigerweise auf die Seite des Angreifers treten. Denn er verficht ohne Zweifel die höhere Weltanschauung, der Politik keine letzte Größe ist. Börne sieht falsch, wenn er alle Inkonsequenzen oder Widersprüche in Heines Haltung auf dessen Künstlertum zurückführt. Gewiß zeigt Heines Verteidigung, wie weit er von einem praktischen Politiker oder radikalen Republikaner entfernt war, wie widerwärtig ihm im Grunde »das Volk« mit seiner »Ungewaschenheit« war. Man darf darum nicht von Ästhetentum schlechthin sprechen. Heines Idee ist größer als Börnes fanatischer Republikanismus, und nicht – man vergleiche den Anhang zum dritten Band – daß Heine Künstler und als solcher gesinnungslos sei, durfte ihm Börne zum Vorwurf machen, sondern daß er nicht die Kraft hatte, auf Politik überhaupt zu verzichten, um seiner höheren Idee zu leben – und nur dieser Vorwurf hätte Heine wirklich getroffen. Leuchtend tritt diese Idee noch einmal hervor – in der Form einer Versöhnung zwischen Nazarener- und Hellenentum – schon die »Elementargeister« (Bd. III, S. 276) ersetzten den früher gebräuchlichen Gegensatz zwischen Spiritualismus und Sensualismus durch diese neue Formulierung – in der Sehnsucht nach einem Vollmenschentum, das dem »tollen Irrtum« einseitiger Vergeistigung nicht mehr erliegt. Ein »irdischer Messias« muß kommen – »der dritte Befreier«, wie es früher hieß –, Deutschland wartet darauf. Hier muß besonders auf das zweite Buch aufmerksam gemacht werden. Es enthält Tagebuchblätter aus dem Jahre 1830, sie mögen stellenweise überarbeitet sein, zeigen aber im ganzen noch Anschauungen, die, ohne im Widerspruch zu den saint-simonistischen zu stehen, doch eine frühere Stufe verraten und ein Verständnis und, man darf sagen, zarte Würdigung des Christentums und seines Stifters erkennen lassen, wie man sie nach späteren Äußerungen nicht erwartet hätte. Aber die Zuversicht paart sich mit einer trüben Ahnung für die nächste Zukunft. »Wo fließt das Wasser des Lebens? Wir suchen und suchen ... Ach, es wird noch eine gute Weile dauern, ehe wir das große Heilmittel ausfindig machen; bis dahin muß noch eine lange schmerzliche Zeit dahingesiecht werden, und allerlei Quacksalber werden auftreten mit Hausmittelchen, welche das Übel nur verschlimmern.« Die Radikalen werden der leidenden Menschheit das »aschgraue Gleichheitskostüm« aufdrängen, »alle überlieferte Heiterkeit, alle Süße, aller Blumenduft, alle Poesie wird aus dem Leben herausgepumpt werden, und es wird davon nichts übrig bleiben als die Rumfordsche Suppe der Nützlichkeit«. Für Schönheit und Genie wird kein Platz sein, sie sind eine Art Königtum, »sie passen nicht in eine Gesellschaft, wo jeder im Mißgefühl der eigenen Mittelmäßigkeit alle höhere Begabnis herabzuwürdigen sucht bis aufs banale Niveau« (Bd. III, S. 834 f.). Eine »graue Dämmerung« verbreitet sich über ganz Europa, eine »starre Winterzeit« droht, wehmütig singen die Nachtigallen, die letzten Nymphen fliehen – so klingt »Ludwig Börne« aus.

Eigentümlich verschiebt sich in diesen Jahren Heines Stellung zum Judentum. In der »Geschichte der Religion und Philosophie« hatte er rühmend Moses Mendelssohns gedacht, dieser habe den Talmud gestürzt und damit den »jüdischen Katholizismus«. Damit rückt Mendelssohn in die Reihe Luther-Lessing. Eine noch stärkere Sympathie für die Juden erscheint gelegentlich in der Abhandlung über »Shakespeares Mädchen und Frauen«: hier konstatiert Heine »eine innige Wahlverwandtschaft zwischen den beiden Völkern der Sittlichkeit, den Juden und Germanen«. Deutschland trage »die Physiognomie Palästinas«, es sei, wie es dieses einst war, »die Heimat des heiligen Wortes«, der »Mutterboden des Prophetentums«, die »Burg der reinen Geistheit«. Ganz Europa erhebe sich zu den Juden, denn diese »trugen schon im Beginn das moderne Prinzip in sich, welches sich heute erst bei den europäischen Völkern sichtbar entfaltet«: es ist der Kosmopolitismus, Christus habe »ganz eigentlich eine Propaganda des Weltbürgertums gestiftet«. Der Antisemitismus richte sich nicht gegen die Juden als solche, sondern nur gegen sie als die Geldbesitzer, und insofern läge darin ein »ganz richtiger Instinkt«, denn das Volk habe »eine geheime Sehnsucht nach den Mitteln des Genusses«. Man habe aber die Juden im Mittelalter gezwungen, reich zu werden, indem man sie von allen Gewerben und Geschäften, außer Handel und Geldgeschäften, ausschloß. Jetzt habe die Christenheit ihre Vorurteile gegen Handel und Industrie aufgegeben; die Christen seien darin ebenso große Spitzbuben und ebenso reich wie die Juden geworden, aber nur an diesen sei der traditionelle Volkshaß hängen geblieben (Elster, Bd. V, S. 457 f.). »Ein unendliches Mitleid« fühlt Heine, wenn er sich vergegenwärtigt, daß die Juden um der fixen Idee eines außerweltlichen Donnergottes wegen ein zweitausendjähriges Martyrium auf sich genommen haben, und es schaudert ihn bei dem Gedanken, daß ihnen noch ein größeres Martyrium bevorstehe: wenn nämlich der jener Idee widersprechende Pantheismus siegt. Diesen Pantheismus aber nennt er jetzt sündhaft, nennt ihn Satan, »vor welchem uns sowohl alle Heiligen des Alten und des Neuen Testaments als auch des Korans bewahren mögen« (Elster, a. a. O., S. 462).

Eine entschiedene Hinneigung zum Judentum verrät auch »Ludwig Börne«. »Die Juden sind aus jenem Teige, woraus man Götter knetet«, sie sind das Volk des Geistes, und »die Welt hat vielleicht noch weitere Initiationen von ihnen zu erwarten«. Auch hier wird das jüdische Schicksal in Verbindung gebracht mit dem deutschen, der »deutsche Befreier ist vielleicht derselbe, dessen auch Israel harret« (Bd. III, S. 808 f.).

Stellen wir, im Rückblick auf das erste Jahrzehnt des Pariser Aufenthalts, also fest: Paris gibt Heine einen Aufschwung, der ihm als Schriftsteller zu seinen höchsten Leistungen verhilft. Aber dann verstrickt ihn Paris, Seele und Leib nehmen Schaden, die Gegenmächte, aus seinem eigenen Inneren und aus der Zeit aufsteigend, beginnen ihr Werk, Heine wird skeptisch, ganz allmählich tritt an die Stelle des Ausreifens eine Rückbildung, die Katastrophe bereitet sich vor. Der Saint-Simonismus ist Heines letzte mit Enthusiasmus ergriffene Idee – seine Vorgänger waren deutsche Vorzeit, Reformjudentum, Napoleon, Revolution –, immer hatte sich die Wirklichkeit als stärker erwiesen, und etwa von 1840 an bemächtigt sich Heines ein immer stärker werdendes Gefühl des Besiegtseins, der Hoffnungslosigkeit. Das schließt nicht aus, daß nach diesem Jahr nicht noch Leistungen hervorträten, die schriftstellerisch oder künstlerisch von Bedeutung oder sogar Fortschritte wären. Daß der Dichter überhaupt wieder nach 1840 mehr und mehr zu Worte kommt, an sich eine Folgeerscheinung jenes angedeuteten Entwicklungsganges, wird niemand einfach als Rückschritt betrachten, obgleich es ein »Zurück« ist.

»Ludwig Börne« ist Heines letzte größere Prosaschrift. In den »Vermischten Schriften« erscheint zwar noch als umfangreiches Werk im zweiten und dritten Band »Lutezia«, aber es stellt nur die Sammlung der Berichte dar, die Heine von 1840-43 an die Cottasche »Allgemeine Zeitung« schickte, gehört also zum journalistischen Tätigkeitsfeld. Heine ist nie Journalist im eigentlichen Sinne gewesen, so sehr er in Presse- und Tageskämpfe verstrickt war. Er schreibt auf weite Sicht, und wenn er über den Tag berichtet, hat er, auch wenn man ihm im einzelnen nachweisen kann, daß er sich von persönlichen Rücksichten und Interessen bestimmen läßt, doch eine viel zu feine Witterung für das Kommende, als daß er nicht letzten Endes hierdurch in seiner Haltung beeinflußt würde. Dies Kommende aber – das ist die entscheidende Wendung, die mit den Berichten von 1840-43 endgültig herbeigeführt wird, fürchtet, ja verabscheut er, ohne indes dagegen anzukämpfen oder ein Mittel zu finden, es abzuwehren. Politik im zünftigen und praktischen Sinne war nie Heines Sache, auf politischer Ebene erscheint er als charakterlos, und gerade in »Ludwig Börne« hatte er die Kluft, die ihn von diesem und dessen Gesinnungsgenossen trennte, unzweideutig dargetan. Immer war es der sozial-religiöse Zustand, der sein Interesse in Anspruch nahm, auch der Saint-Simonismus galt ihm in erster Linie als neue Gesellschaftsordnung auf ideeller Grundlage. Aber was sich jetzt durchzusetzen sucht, das ist nicht der Saint-Simonismus, »jene neue Doktrin, die alle sozialen Fragen von einem höheren Gesichtspunkt betrachtet«, sondern der Republikanismus mit seinem »grauen Gleichheitskittel«. Diese Gefahr droht zunächst Frankreich, aber die »Götterdämmerung« scheint unabwendbar, man »hört schon das Geheul des Wolfes Fenris, der das Reich der Hela verkündigt« (Bd. IV, S. 260, 263). Die Bourgoisie ist korrumpiert, sie kennt nur Geld. Aber »in dem Lebensprinzip einer ... Republik liegt schon der Keim ihres frühen Todes ... Gleichviel von welcher Verfassung ein Staat sei, er erhält sich nicht bloß und allein durch den Gemeinsinn und den Patriotismus der Volksmasse, wie man gewöhnlich glaubt, sondern er erhält sich durch die Geistesmacht der großen Individualitäten, die ihn lenken«. In der Republik herrscht »ein eifersüchtiger Gleichheitssinn, in Zeiten der Not würden sich also »nur Gevatter Gerber und Wursthändler« an die Spitze des Gemeinwesens stellen. In der unteren Klasse gärt es, dämonische Töne hört man »in jenen ungeheuren Werkstätten, wo Metalle verarbeitet werden und die halbnackten, trotzigen Gestalten während des Singens mit dem großen eisernen Hammer den Takt schlagen auf dem dröhnenden Amboß« (S. 258 f.). Sie, »die jüngsten und verzweiflungsvollsten Kinder der Revolution ... jene verwahrlosten und enterbten Kinder, deren Elend ebenso groß ist wie ihr Wahnsinn«, erscheinen dann in den Berichten 1841 als »Kommunisten«, welche »nur des Losungswortes harren, um die Idee der absoluten Gleichheit zu verwirklichen« (S. 422, 408). In der 1854 verfaßten Vorrede zur »Lutezia« nimmt es Heine als besonderes Verdienst für sich in Anspruch, daß er die Gefahr der »Dämonen, welche in den unteren Schichten der Gesellschaft lauerten«, erkannt und auf ihre wahre Bedeutung hingewiesen habe. »Die heutige Gesellschaft verteidigt sich nur aus platter Notwendigkeit, ohne Glauben an ihr Recht, ja ohne Selbstachtung, ganz wie jene ältere Gesellschaft, deren morsches Gebälke zusammenstürzte, als der Sohn des Zimmermanns kam« (S. 570). Die Kommunisten, »der › Ecclesia pressa‹ des ersten Jahrhunderts sehr ähnlich«, haben Glaubenseifer und düsteren Zerstörungswillen zugleich, sie werden »die Weltrevolution« in Szene setzen, der große Zweikampf der Besitzlosen mit der Aristokratie des Besitzes wird beginnen, und da wird weder von Nationalität noch von Religion die Rede sein: nur ein Vaterland wird es geben, nämlich die Erde, und nur einen Glauben, nämlich das Glück auf Erden ... Es wird vielleicht alsdann nur einen Hirten und eine Herde geben, ein freier Hirt mit einem eisernen Hirtenstabe und eine gleichgeschorene, gleichblökende Menschenherde«. Und prophetisch fährt Heine fort: »Wilde, düstere Zeiten dröhnen heran, und der Prophet, der eine neue Apokalypse schreiben wollte, müßte ganz neue Bestien erfinden, und zwar so erschreckliche, daß die älteren Johanneischen Tiersymbole dagegen nur sanfte Täubchen und Amoretten wären. Die Götter verhüllen ihr Antlitz aus Mitleid mit den Menschenkindern, ihren langjährigen Pfleglingen, und vielleicht zugleich auch aus Besorgnis über das eigene Schicksal. Die Zukunft riecht nach Juchten, nach Blut, nach Gottlosigkeit und sehr vielen Prügeln. Ich rate unsern Enkeln, mit einer sehr dicken Rückenhaut zur Welt zu kommen« (S. 447 f.).

Auch die Gegenwart war für Heine nach dem Erscheinen des »Börne« recht unerfreulich. Wie die Polemik gegen Platen, so verschaffte ihm auch die Schrift gegen den Patrioten und Republikaner, die noch dazu mit den gröblichsten Beleidigungen einer Frau verquickt war, eine Unzahl Feinde, sie gefährdete sein Ansehen als Schriftsteller ganz außerordentlich, sie griff auch in sein persönliches Leben entscheidend ein. Wenn Heine sich vor dem Duell mit dem Gatten der Frau Wohl mit Mathilde trauen ließ, so erklärt sich diese Handlung vielleicht nicht nur aus der Fürsorge für seine Geliebte, sie muß doch wohl auch gedeutet werden als eine Rückkehr zu früheren, traditionellen Anschauungen, die nach dem saint-simonistischen Traum wieder aufleben. Unbestreitbare Tatsache ist die Rückkehr zur Poesie, die mit » Atta Troll« einsetzt. Mochte der Anlaß, wie Heine an Laube schreibt (7. November 1842), das Bedürfnis sein, »etwas ganz Neues zu liefern und durch neues Geschrei die Vergangenheit zu vertuschen«, so haben wir es doch mit einem Vorgang zu tun, der aus tieferen Zusammenhängen erfaßt werden muß. Heine beginnt vor der Wirklichkeit zu flüchten, der Unterton des »Atta Troll« ist elegisch, wie das deutlich besonders aus dem letzten Kaput XXVII hervorklingt:

Trotz des Übermutes wirst du
hie und dort Verzagnis spüren

Und in den wiederkehrenden Versen:

Andre Zeiten, andre Vögel!
Andre Vögel, andre Lieder!

liegt das Geständnis, daß er selbst einer vergangenen Zeit angehört. Im Gegensatz zu »des Tages Brand- und Schlachtlärm« steigen die »Jugendträume« wieder auf,

... die Klänge
Aus der längst verschollnen Traumzeit.

Alle Widersprüche dieses seltsamen Gedichtes erklären sich restlos aus der seelischen Situation, in der es entstand. Es wendet sich gegen seine Zeit: die Kommunisten wie die politischen Tendenzdichter schädigen »die unveräußerlichen Rechte des Geistes ... zumal in der Poesie«, und darum wachsen beide zusammen in dem Bären Atta Troll, ohne daß Heine daran denkt, daß er politisch mit einem Hoffmann oder Dingelstedt auf dem gleichen oder ähnlichen Boden steht. Die Poesie in der Gestalt, wie sie ihm in seinen empfänglichsten Jahren entgegengetreten war, d. h. also die Romantik als Poesie der Sehnsucht und der Ferne wird wieder lebendig in ihm, der »Atta Troll« ist ein romantisches Gedicht und hat als solches Schönheiten, die nicht übertroffen werden können; aber Heine spielt die Romantik aus gegen eine Zeit, die politisch und sozial interessiert ist, und an der er selbst viel zu stark interessiert ist – so treten Zeit und Tendenz neben den zeitlosen »Traum der Sommernacht« und die zwecklose Phantastik eines Fabelliedes. In der Gesamtlinie der Heineschen Entwicklung stellt der »Atta Troll« den Verzicht auf Synthese dar, er ist Zeugnis eines unheilbaren Bruches, das Geständnis der Unmöglichkeit, sich ganz der Vergangenheit, ganz der Gegenwart in die Arme zu werfen. »Atta Troll« ist ein Abschied, zugleich aber eine Prophezeiung, er sieht mit Wehmut zurück und mit Besorgnis in die Zukunft – er spiegelt mit einem Wort den ganzen Heine der beginnenden vierziger Jahre.

»Wie gesagt, mir graut vor der Zukunft«, schreibt Heine 1843 an seinen Bruder Max (12. April). Offenbar kündet sich hier schon die Ahnung kommenden Unheils auch für seine Person an. Die Reise nach Deutschland im Herbst 1843, soviel besondere Gründe sich dafür anführen lassen – familiäre und geschäftliche –, hat ihre letzte Wurzel in der psychischen Haltung, die Heine in diesen Jahren beherrscht. Das Gedicht Anno 1839 (Neue Gedichte, Romanzen 8), das im ersten Druck (Salon, Bd. IV) die bezeichnende Überschrift »Heimweh« trug, bereitet die Reise innerlich vor und ist ein neuer Beweis für die Macht der Erinnerungen, die sich mehr und mehr hervordrängen. Auch die »Nachtgedanken«, mit denen die »Neuen Gedichte« schließen, geben der Sehnsucht nach Deutschland Ausdruck, obgleich hier das Verlangen, die alte Mutter wiederzusehen, im Vordergrund steht. Produkt der Reise ist »Deutschland. Ein Wintermärchen«, der Form nach Gegenstück zum »Atta Troll«, ein Gedicht, das die schlimmsten Ausfälle gegen Deutschland, insbesondere gegen Preußen enthält und doch in der »Vorrede« mit hinreißendem Schwung von der Sendung Deutschlands spricht. Das Wintermärchen hat ganz andre Voraussetzungen als »Atta Troll«, es ist weder künstlerisch noch seiner ganzen Haltung nach mit diesem auf eine Ebene zu stellen. »Deutschland« hat als seelischen Boden eine Enttäuschung, die bei dem Zustand, den Heines Konstitution inzwischen erreicht hatte, um so tiefer wirken und schriller sich äußern mußte. Der Dichter fühlt sich zwar »wunderbar« erstarkt:

Seit ich auf deutsche Erde trat,
Durchströmen mich Zaubersäfte –
Der Riese hat wieder die Mutter berührt,
Und es wuchsen ihm neu die Kräfte (Kap. I).

Noch einmal flammt sein Enthusiasmus empor, noch einmal erklingen die saint-simonistischen Töne, ganz wie früher in den »Verschiedenen« (vgl. S. 98).

Ein neues Lied, ein besseres Lied,
O Freunde, will ich euch dichten!
Wir wollen hier auf Erden schon
Das Himmelreich errichten.

Wir wollen auf Erden glücklich sein,
Und wollen nicht mehr darben;
Verschlemmen soll nicht der faule Bauch
Was fleißige Hände erwarben.

Es wächst hienieden Brot genug
Für alle Menschenkinder,
Auch Rosen und Myrten, Schönheit und Lust,
Und Zuckererbsen nicht minder.

Ja, Zuckererbsen für jedermann,
Sobald die Schoten platzen!
Den Himmel überlassen wir
Den Engeln und den Spatzen.

Über dann verliert sich das Gedicht mehr und mehr in Bitterkeit, die Dissonanzen werden immer stärker, neben beinah sentimentalen, dann wieder beinah behaglichen Stimmungen und Erinnerungen macht sich der Haß gegen Preußen und die »altdeutschen Narren« Luft, dann erklingt (Kap. XII) das Wolfslied:

Ich bin kein Schaf, ich bin kein Hund,
Kein Hofrat und kein Schellfisch –
Ich bin ein Wolf geblieben, mein Herz
Und meine Zähne sind wölfisch –

und das Gedicht endet nach der schon hinreichend geschmacklosen und fast jungenhaft wirkenden Schilderung der Begegnung mit Barbarossa in jener ungeheuren Blasphemie des Kap. XXVI, womit Heine allem, was er selbst für heilig hielt, frevelhaft ins Gesicht schlägt. Die Berufung auf Aristophanes im letzten Kaput XXVII entbehrt jeder Berechtigung, denn hier spricht nicht Größe, hier spricht ein in schwerster Selbstverkennung befangener Kranker. Wie hätte Heine sonst unmittelbar nach Kap. XXVI hinzufügen können:

Mein Herz ist liebend wie das Licht,
Und rein und keusch wie das Feuer;
Die edelsten Grazien haben gestimmt
Die Saiten meiner Leier.

Es ist ein Verhängnis, daß gerade das Gedicht, das den Titel »Deutschland« trägt, am meisten gegen Heine als Deutschen zu zeugen scheint. Die Gerechtigkeit erfordert es, gerade hier mit Nachdruck darauf hinzuweisen, daß Heine vor diesem hemmungslosen Ausbruch einer augenblicklichen Stimmung, die ihm offenbar das Gefühl, den Zusammenhang mit Deutschland verloren zu haben, eingegeben hatte, aus seiner Überzeugung, daß die Zukunft Deutschland gehöre, niemals ein Hehl gemacht hat. Heine war, wie der verdienstvolle Herausgeber seiner Briefe bemerkt, geradezu ein deutscher Chauvinist. Das gibt schon das Vorwort zum Wintermärchen deutlich zu erkennen. »Pflanzt die schwarz-rot-goldene Fahne auf die Höhe des deutschen Gedankens, macht sie zur Standarte des freien Menschtums!« Die Deutschen müssen vollenden, was die Franzosen begonnen haben, der deutsche Gedanke hat sie schon überflügelt, wir werden es auch in der Tat, »wenn wir uns bis zu den letzten Folgerungen desselben emporschwingen, wenn wir die Dienstbarkeit bis in ihren letzten Schlupfwinkel, den Himmel, zerstören, wenn wir den Gott, der auf Erden im Menschen wohnt, aus seiner Erniedrigung retten, wenn wir die Erlöser Gottes werden, wenn wir das arme, glückenterbte Volk und den verhöhnten Genius und die geschändete Schönheit wieder in ihre Würde einsetzen«. Dann wird »ganz Europa, die ganze Welt – wird deutsch werden! Von dieser Sendung und Universalherrschaft Deutschlands träume ich oft, wenn ich unter Eichen wandle. Das ist mein Patriotismus«. Daß dies Heines aufrichtige und innerste Meinung ist, läßt sich hundertfach belegen. Kein Schriftsteller vor Nietzsche hat die Problematik des deutschen Geistes so tief empfunden und so eindringlich zum Ausdruck gebracht wie Heine. Seine Einstellung zu Deutschland als Idee ist fichtisch, und anstatt Heine zu verunglimpfen und in engstirnigem Antisemitismus als »frechen Juden« abzutun, sollte man dem Phänomen nachsinnen, daß ein dem Blut nach fremder so von dem deutschen Gedanken ergriffen und sein Prophet wurde. Es schließt nicht aus, es bedingt es geradezu, daß Heine bei dieser Einstellung das politische Deutschland, so wie er es erlebte, aufs heftigste angriff, und es ist ein Fehler seines reizbaren und schließlich zutiefst erkrankten Temperaments, wenn er dabei den schlimmsten Entgleisungen verfiel. Wer deutsche Geschichte in der Perspektive eines Jahrhunderts schreibt wie Treitschke, hat ein gewisses Recht, auf Heines Schmähungen Preußens oder der deutschen Patrioten hinzuweisen und sie zu verurteilen, wenn auch gerade Treitschke dabei dem Dichter im ganzen durchaus nicht gerecht wird. Heine war kein »Söldling Frankreichs«, er war letzten Endes ein Diener der deutschen Idee, insofern sie bestimmt ist, mit dem deutschen zugleich ein europäisches und ein menschheitliches Problem zu lösen.

Das Wintermärchen erschien gleichzeitig mit den »Neuen Gedichten« (vgl. Anhang zu Bd. I). Sie zeigen, daß die Muse Heines nach den »Verschiedenen« inmitten der schriftstellerischen und journalistischen Tätigkeit nicht ganz verstummt war, wenn sie auch in den »Zeitgedichten« eben ein zeitgemäßes Gewand angelegt hatte. Diese »Zeitgedichte«, soweit sie nicht einzelne Personen betreffen – das gilt auch für die späteren, jetzt in den »Letzten Gedichten« und in der »Nachlese« veröffentlichten –, wurzeln einmal in dem Gefühl und der Überzeugung, daß die politisch-sozialen Zustände der Gegenwart überlebt sind und einer neuen Zukunft Platz machen müssen, zum andern aber in dem Haß gegen die »Teutomanen« und gegen Preußen. Heine selbst umschreibt die so entstehenden Tendenzen in der Vorrede zu der französischen Ausgabe der »Lutezia«: »Sie ist längst gerichtet, verurteilt, diese alte Gesellschaft. Geschehe ihr, wie recht ist! Mag sie zertrümmert werden, diese alte Welt, wo die Unschuld zugrunde ging, wo die Selbstsucht so herrlich gedieh, wo der Mensch ausgebeutet ward durch den Menschen!« Und gleich darauf: »Ja, diese Überbleibsel oder Nachkömmlinge der Teutomanen von 1815, die nun ihr altes Kostüm ultradeutschtümlicher Narren modernisiert haben ... ich habe sie mein Leben lang verabscheut und bekämpft.« Die Kommunisten seien ihm lieber als »diese bornierten Verfechter einer exklusiven Nationalität«. Die soziale Not – vergleiche »Die schlesischen Weber«! – findet in Heine einen ihrer ersten Dichter. Mit Marx und Lasalle wurde er in Paris persönlich bekannt, freilich fühlt er sich diesen Vertretern einer neuen Weltanschauung gegenüber durchaus als rückständig. »In Vergleichung mit Ihnen bin ich doch nur eine bescheidene Fliege«, schreibt er an Lasalle (7. März 1846), er rühmt dessen »Frechheit« als »göttliches Recht«, und in einem Brief an Varnhagen (16. Febr. 1846) charakterisiert er den Arbeiterführer: »Herr Lasalle ist nun einmal so ein ausgeprägter Sohn der neuen Zeit, die nichts von jener Entsagung und Bescheidenheit wissen will, womit wir uns mehr oder weniger heuchlerisch in unserer Zeit hindurchgelungert und hindurchgefaselt. Dieses neue Geschlecht will genießen und sich geltend machen im Sichtbaren; wir, die Alten, beugten uns demütig vor dem Unsichtbaren, haschten nach Schattenküssen und blauen Blumengerüchen, entsagten und flennten und waren doch vielleicht glücklicher als jene harten Gladiatoren, die so stolz dem Kampftode entgegengehen.« Der »Zeitdichter« steht also schon nicht mehr ganz in seiner Zeit, so leidenschaftlich sein für alles Kommende empfänglicher Geist auch von ihr in Anspruch genommen wird. So erklärt sich der Widerspruch, daß Flucht aus der Wirklichkeit, Abwendung und Hinwendung Hand in Hand gehen. In ursprünglicher Gestalt erscheint die Heinesche Dichtung dagegen in einigen Romanzen, vor allem im »Ritter Olaf«, einer Ballade, die mit ihren Fanfarenstößen und Totenglocken symbolische Bedeutung hat: noch triumphiert das Leben, aber das Todesurteil ist schon gesprochen – »der Henker steht vor der Türe«. Man muß diesem Gedicht, um es in seiner ergreifenden Wirkung ganz zu empfinden, den Hintergrund des Heineschen Lebens geben, dieses Lebens, das sich jetzt so rasch der Katastrophe näherte.

Heine war im Jahre 1844 zum zweitenmal nach Deutschland gereist, diesmal aus geschäftlichen Gründen, um den Druck des »Wintermärchens« und der »Neuen Gedichte« zu beschleunigen. Wie im Jahr vorher benutzte er auch jetzt die Gelegenheit, um die Beziehungen zu seinem Oheim Salomon zu festigen – freilich wurden ihm Demütigungen nicht erspart. »Mir sagte er«, schreibt Heine am 29. Dezember 1844 an seine Schwester Charlotte, »viel Hartes, er hat diesen Sommer mir in der Aufregung sogar einen Schlag mit dem Stock gegeben«. Immerhin hatte er die pekuniäre Sicherstellung erreicht. Aber kaum war Heine nach Paris zurückgekehrt, als er die Nachricht erhielt, daß sein Oheim am 23. Dezember gestorben sei. Und bald darauf teilte ihm der Erbe, Karl Heine, mit, daß Onkel Salomon seinem Neffen 8000 Mk. vermacht habe, ohne daß von Fortzahlung der Jahresrente die Rede sei. Der Vetter erbot sich aber, ihm jährlich 2000 Fr. als Unterhaltsbeitrag zu geben, wenn Heinrich sich verpflichte, alles, was er etwa über Familienangelegenheiten schreibe, dem Vetter vor der Veröffentlichung zur Zensur vorzulegen. Ein solches Testament und ein solches Angebot hatte Heine nicht erwartet. Seine Briefe und Gedichte (vgl. Nachlese 4, 5-9, Bd. I, S. 594ff.) zeigen, wie tödlich er durch diesen Schlag getroffen wurde. Ein tiefer, geradezu dämonischer Haß gegen die Verwandten spricht aus diesen Versen, alles, was der Dichter in der Familie seines geldstolzen Oheims seit Jugendtagen an Enttäuschungen und Demütigungen erlebt hatte (vgl. Affrontenburg, Bd. I, S. 457) wird wieder lebendig und nährt die wilden Flammen, die mit elementarer Gewalt aus der beleidigten Brust hervorbrechen. Heine war zum äußersten entschlossen. »So viel werden Sie bemerken, daß ich einen Todeskampf beginne und neben den Gerichten auch die öffentliche Meinung für mich gewinnen will, im Fall Karl Heine nicht nachgibt. Ich will mein Recht und müßte ich es mit meinem Tode besiegeln« (an Lampe, 8. Januar 1845). In der Tat setzte Heine mit fieberhaftem Eifer alle Hebel in Bewegung, um zu seinem Rechte zu kommen, mußte jedoch bald erkennen, daß auf dem Wege des Prozesses nichts zu erreichen sei. So blieb die Presse und persönliche Fürsprache: alle Freunde wurden in Anspruch genommen: Varnhagen, Detmold, Laube, Lassalle, Fürst Pückler, Meyerbeer. Heine verfaßte Artikel gegen sich selbst, alle, auch die unlautersten Machenschaften werden angewandt, um den Vetter zu kompromittieren und so zum Nachgeben zu zwingen. Auch hier beobachtet man eine Hemmungslosigkeit, die schließlich, als alles nichts hilft, bis zur Selbstentwürdigung geht und den point d'honneur, wie Heine selbst gesteht (an Detmold, 13. Januar 1845) völlig außer acht läßt. Bis ins Jahr 1846 setzt sich dieser für beide Teile beschämende Streit fort, und erst, als in diesem Jahr die Nachricht vom Tode des Dichters verbreitet wurde, fand sich Vetter Karl bereit, in die Weiterzahlung der Rente einzuwilligen, wenn Heine sich verpflichte, keine Zeile über Familienangehörige ohne deren Billigung zu veröffentlichen.

So war in Gelddingen der frühere Zustand wieder hergestellt. Aber die Krankheit hatte infolge der furchtbaren Aufregungen die bedenklichsten Fortschritte gemacht, die Briefe namentlich vom Ende 1845 geben ein erschreckendes Bild zunehmenden Verfalls. Ein Arzt behandelt ihn falsch, ein Badeaufenthalt bringt keine Besserung, Hilfe möchte Heine in Deutschland suchen, aber die Reise dorthin ist ihm seit den maßlosen Angriffen auf Preußen im »Wintermärchen« verwehrt, wie ihm Alexander v. Humboldt, den der Dichter um Vermittlung gebeten hatte, Mitteilen mußte (an A. v. Humboldt, 11. Januar 1846). Die Februarrevolution 1848 traf einen müden Mann, der in einer Heilanstalt auf Besserung seines Rückenmarkleidens wartete. Im Mai konnte er noch einmal ausgehen, Heine berichtet darüber im Nachwort zum »Romanzero«: vor der Statue der Venus von Milo habe er Abschied genommen »von den holden Idolen«, die er in Zeiten des Glücks angebetet habe. Am 7. Juni (an Tampe) schreibt er: »Seit acht Tagen bin ich ganz und gar gelähmt, so daß ich nur im Lehnsessel und auf dem Bett sein kann; meine Beine wie Baumwolle und werde wie ein Kind getragen, die schrecklichsten Krämpfe. Auch meine rechte Hand fängt an zu sterben ... diktieren peinigend wegen der gelähmten Kinnbacken. Meine Blindheit ist noch mein geringstes Übel.« Am 12. September klagt er seinem Bruder Max: »... das Leben (ist) für mich auf ewig verloren, und ich liebe doch das Leben mit so inbrünstiger Leidenschaft, für mich gibt es keine schönen Berggipfel mehr, die ich erklimme, keine Frauenlippe, die ich küsse, nicht mal mehr einen guten Rinderbraten in Gesellschaft heiter schmausender Gäste; meine Lippen sind gelähmt wie meine Füße, auch die Eßwerkzeuge sind gelähmt, ebenso wie die Absonderungskanäle. Ich kann weder kauen noch kacken, werde wie ein Vogel gefüttert.«

An den Zeitereignissen nahm der Kranke kaum noch teil. Schon 1846 schrieb er an Lassalle (7. März), er habe das Leben satt. Über die Februarrevolution (Bd. IV, S. 597 ff.) hatte er noch an die »Allgemeine Zeitung« berichtet, aber wie anders als 1830 der Ton! Heines Haltung wird immer ablehnender: »Über die Zeitereignisse sage ich nichts; das ist Universalanarchie, Weltkuddelmuddel, sichtbar gewordener Gotteswahnsinn« (an Tampe, 9. Juli 1848). Die Welt verschloß sich vor ihm: »Was die Welt jetzt treibt und hofft, ist meinem Herzen fremd, ich beuge mich vor dem Schicksal, weil ich zu schwach bin, ihm die Stirn zu bieten« (an Meißner, 12. März 1848). Die »Matratzengruft« nahm ihn auf. In dieser Zeit vollzieht sich jener Vorgang, den man als Heines Bekehrung zu bezeichnen pflegt. Heine hat sich oft genug in seinen Schriften und in Briefen darüber ausgesprochen, so daß man zu einem abschließenden Urteil genügend Unterlagen besitzt. Alle Biographen lassen mit dem Jahr 1848 und dessen Folgen einen neuen, letzten Abschnitt in Heines Leben beginnen; die Dreiteilung, die man dann gern in Beziehung zu der trilogischen Unordnung vieler Heineschen Gedichte bringt, hat in der Tat etwas Bestechendes, zumal der Schatten Hegels dahinter erscheinen kann. Aber sie ist psychologisch unhaltbar. Es gibt im Leben des Dichters nur einen einzigen bedeutsamen Einschnitt, das ist die Reise nach Paris im Jahre 1831; Heine in Deutschland, Heine in Frankreich, das sind deshalb die beiden Kapitel seines Lebens. Die Krankheit darf schon deshalb nicht als Einschnitt gewertet werden, weil sie keine neue Erscheinung ist und im Jahre 1848 nur in ihre letzte Phase tritt. Heine war während seines ganzen Lebens krank. Auch die »Bekehrung« ist kein Ereignis, sie ist Teil und Abschluß einer umfassenden Wandlung, die, wie gezeigt, Anfang der vierziger Jahre einsetzt. Heines ganzes Seelenleben steht seitdem im Zeichen der Rückkehr, oder besser, ältere, in den früheren Jahren überdeckte Schichten treten wieder zutage, Erinnerungen tauchen auf, und mit ihnen gewinnen Mächte die Oberhand, die nicht eigentlich überwunden, sondern nur in den Untergrund gedrängt waren. Die zur Katastrophe gewordene Krankheit läßt den Oberbau Zusammenstürzen, und als Fundament zeigt sich der Glaube an einen »wirklichen, persönlichen Gott, der außerhalb der Natur und des Menschengemütes ist« (an Laube, 25. Januar 1850). Noch deutlicher – und dieses Zeugnis ist um so schwerer wiegend, als es die erste Äußerung Heines über seine Gesinnungsänderung ist – heißt es in einem Brief an seinen Bruder Max vom 3. Dezember 1848: »In meinen schlaflosen Marternächten verfasse ich sehr schöne Gedichte, die ... alle an einen sehr bestimmten Gott, den Gott unsrer Väter Von mir gesperrt., gerichtet sind.« In einer »Berichtigung«, die Heine an den Redakteur des »Unparteiischen Korrespondenten« in Hamburg schickte – datiert vom 15. April 1849 (s. Elster, Bd. VII, S. 537 f.) – nennt er sich »einen armen, todkranken Juden«. Es ist auch ganz auffällig, wie stark die Beschäftigung mit der Vergangenheit, mit jüdischen Interessen und Angelegenheiten in den letzten acht Jahren zunimmt. In den Briefen an die Mutter ist viel von Jugenderinnerungen die Rede, Heine gebraucht plötzlich wieder jiddische Ausdrücke, »denkend und schreibend« beschäftigt er sich viel mit der Vergangenheit (an Baron Rothschild, 25. Dezember 1850), er sucht »Ersatz in der träumerischen Süße der Erinnerungen«, sein Leben sei nur »ein Zurückgrübeln in die Vergangenheit« (an Cotta, 26. März 1852). In den »Geständnissen«, auch im »Romanzero« spielt das Judentum eine große Rolle.

Demnach ist Heines Bekehrung zunächst als ein Wiedererwachen ererbter religiöser Anschauungen aufzufassen, als eine Rückkehr zum Glauben der Väter. Damit soll nicht gesagt sein, daß Heine die »jüdische Religion« wieder angenommen habe. Das jüdische Dogma, wie irgend ein andres, lehnt er ab:

Keine Messe wird man singen,
Keinen Kadosch wird man sagen,
Nichts gesagt und nichts gesungen
Wird an meinen Sterbetagen.

(Romanzero, Bd. I, S. 376.)

Aber die Wandlung ist doch eine »Heimkehr«, der »verlorene Sohn« ist zu Gott zurückgekehrt (Nachwort zum »Romanzero«). Nun kommt die entscheidende Frage: steht das Neue wirklich im Gegensatz zum Früheren, hat sich ein Tiefenvorgang, eine seelische Veränderung abgespielt, die organisch aus dem vorausgehenden Zustand herauswächst? Die Frage muß verneint werden. Heine selbst berichtet an Laube (25. Januar 1850): »Es hat sich in meiner religiösen Gefühlsweise gar keine so große Veränderung zugetragen.« In seinen religiösen Ansichten und Gedanken sei eine Februarrevolution eingetreten, an Stelle des früheren Prinzips habe er ein neues aufgestellt, dem er ebenfalls nicht allzu fanatisch anhänge und wodurch sein Gemütszustand nicht plötzlich umgewandelt sei. Statt des Hegelschen erkenne er jetzt den wirklichen Gott an (vgl. S. 107). Am 17. Januar 1849 dagegen hatte Heine an Mignet geschrieben, er wolle ihm »das große Ereignis seiner Seele« nicht länger verheimlichen: » j'ai déserté l'athéisme allemand, et je suis à la veille de rentrer dans le giron des croyances les plus banales.« Am 1. Juni 1850 schreibt er an Campe: »Die religiöse Umwälzung, die in mir sich ereignete, ist eine bloß geistige, mehr ein Akt meines Denkens als des seligen Empfindens, und das Krankenblatt hat durchaus wenig Anteil daran, wie ich mir fest bewußt bin.«

Schon diese brieflichen Äußerungen lassen sich schwer vereinigen, schon hier zeigt sich, daß Heine den Vorgang so oder so stilisiert. Dann bemächtigt sich der Schriftsteller desselben und weiß ihn in der wirkungsvollsten Weise darzustellen. Es läßt sich gar nicht leugnen, daß auch hier das Bedürfnis, von sich reden zu machen, eine gewisse Rolle spielt. Zu berücksichtigen sind in der Hauptsache das »Nachwort zum Romanzero«, geschrieben 1851, die »Vorrede zur zweiten Auflage« der »Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland«, geschrieben 1852, und die »Geständnisse«, geschrieben 1854. Der Kern der Darstellung bleibt jedesmal der gleiche: seine »Rückschritte« hätten ihn nicht »bis zur Schwelle irgendeiner Kirche oder gar in ihren Schoß geführt«; er habe nichts abgeschworen, er sei niemals nach Damaskus gereist und wisse nichts von einem Mirakel oder einer Vision, die ihn auf den Weg des Heils geführt habe. Das Nachwort bringt die »Heimkehr zu Gott« noch unbefangen mit der Krankheit in Verbindung, als Kranker begehre man einen Gott, der zu helfen vermöge, das könne aber nur eine Person, man müsse deshalb die Persönlichkeit Gottes mit ihren heiligen Attributen annehmen. Später führt Heine seine »Erleuchtung« auf die Lektüre der Bibel zurück. »Wer seinen Gott verloren hat, der kann ihn in diesem Buche wiederfinden, und wer ihn nie gekannt, dem weht hier entgegen der Odem des göttlichen Wortes« (Vorrede, Bd. III, §. 303). Hier wie in den »Geständnissen« hat Heine – wohl zu beachten! – nur das Alte Testament im Auge. »Welche Demütigung! mit all meiner Wissenschaft habe ich es nicht weiter gebracht als der arme unwissende Neger«, er stehe auf demselben Standpunkt wie Onkel Tom. Und wirkungsvoll wird kontrastiert: »Man sieht, ich, der ich ehemals den Homer zu zitieren pflegte, ich zitiere jetzt die Bibel wie der Onkel Tom.« Heine kannte die Bibel aber schon früher sehr gut, man lese im zweiten Buch des »Börne«, wie er schon hier »das Buch der Bücher« preist. »Welch ein Buch! groß und weit wie die Welt, wurzelnd in die Abgründe der Schöpfung und hinaufragend in die blauen Geheimnisse des Himmels ... Sonnenaufgang und Sonnenuntergang, Verheißung und Erfüllung, Geburt und Tod, das ganze Drama der Menschheit, alles ist in diesem Buche.« Nur tritt hier neben das Alte noch das Neue Testament, neben Moses auch Christus. Homer und Bibel sind für Heine nie Gegensätze gewesen, wir haben es also mit einer Stilisierung zu tun, die dem wirklichen Hergang nicht zu entsprechen braucht.

Immer bringt Heine zu seinen neugewonnenen Anschauungen in Gegensatz die Philosophie Hegels; es scheint aber noch nie aufgefallen zu sein, daß er sie in ganz verschiedenem Sinne auffaßt. Einmal identifiziert er sie mit dem Pantheismus, der eigentlich ein verschämter Atheismus sei. Dieser Pantheismus habe nicht, wie er – Heine – einst geglaubt, den Deismus in der Theorie zugrundegerichtet, er sei als »spinnwebige Berliner Dialektik« nicht einmal imstande, einen Hund aus dem Ofenloch zu locken, viel weniger einen Gott zu töten (Vorrede). In den »Geständnissen« aber erklärt Heine, die Hegelsche Philosophie – für die er nie eine allzu große Begeisterung empfunden habe, von Überzeugung in bezug auf sie könne gar nicht die Rede sein – habe er ungeprüft angenommen, da sie seiner Eitelkeit geschmeichelt habe: Hegel habe ihn gelehrt, daß nicht Gott, sondern das Ich der liebe Gott auf Erden sei, das Ich – also Heine selbst – sei »das lebende Gesetz der Moral und der Quell alles Rechts und aller Befugnis.« »Ich war die Ursittlichkeit, ich war unsündbar, ich war die inkarnierte Reinheit.« Über die Konsequenzen dieser Anschauung spricht sich Heine dann in seinem bekannt »flipprigen« Ton näher aus. Aber »die Repräsentationskosten eines Gottes, der sich nicht lumpen lassen will«, seien ungeheuer, die dazu nötigen Dinge, viel Geld und viel Gesundheit, seien ihm eines Tages abhandengekommen, und seine Göttlichkeit »geriet dadurch sehr ins Stocken«. Da habe er abdanken müssen und sei »in die niedere Hürde der Gottesgeschöpfe« zurückgekehrt. Der Exgott verwandelte sich in »ein armseliges Menschengeschöpf«, in »eine seufzende Kreatur«, die die Allmacht eines höchsten Wesens anerkenne, ihr huldige und ihre Angelegenheiten ihr anvertraue.

Das wäre also eine andre Stilisierung. Die naive und dem System durchaus nicht entsprechende Auffassung der Hegelschen Philosophie muß in Erstaunen setzen, um so mehr, da neben ihr die andre Auffassung sich geltend macht, die als das »Schulgeheimnis« nicht nur der Hegelschen, sondern der deutschen Philosophie überhaupt den Atheismus betrachtet. Und in diesem Zusammenhang erscheint neben der Krankheit und der Bibel als drittes Motiv der Sinnesänderung die Verbindung des Atheismus, gegen den er längst einen Widerwillen gehabt habe, mit dem Kommunismus, »mit dem schauderhaft nacktesten, ganz feigenblattlosen, kommunen Kommunismus«. Oder wie sich Heine drastisch ausdrückt: »Als der Atheismus anfing, sehr stark nach Käse, Branntwein und Tabak zu stinken: da gingen mir plötzlich die Augen auf«; was er nicht durch seinen Verstand, habe er durch seinen Geruchssinn erkannt, und mit seinem Atheismus habe es gottlob! ein Ende gehabt.

Heines »Bekehrung« wäre demnach eine Heimkehr, ein Bankerott, eine Erleuchtung, eine Abkehr. Sie ist aber auch eine Selbsttäuschung. Heine war nie Philosoph, er hat sich gar nicht »auf allen Tanzböden der Philosophie herumgetrieben«, er war nie entschlossener Pantheist oder Atheist, die Voraussetzungen für eine echte Wandlung fehlen. Das religiöse Problem hat ihn immer im Grunde am meisten beschäftigt. »Der Verfasser dieser Blätter ist sich einer solchen frühen, ursprünglichen Religiosität aufs freudigste bewußt, und sie hat ihn nie verlassen« (Bd. III, S. 412). Und in derselben Abhandlung, die er später so feierlich widerruft, sagt Heine in ausgesprochenem Gegensatzgefühl zu dem abstrakten Gott der Fichteschen Philosophie: »Wir, die wir an einen wirklichen Gott glauben, der unseren Sinnen in der unendlichen Ausdehnung und unserem Geiste in dem unendlichen Gedanken sich offenbart, wir, die wir einen sichtbaren Gott verehren in der Natur und seine unsichtbare Stimme in unserer eigenen Seele vernehmen: wir werden widerwärtig berührt von den grellen Worten, womit Fichte unsern Gott für ein bloßes Hirngespinst erklärt und sogar ironisiert« (Bd. III, S. 435). Es ist schon früher darauf hingewiesen worden (vgl. S. 109), daß in Heines Unterbewußtsein offenbar alle nichtdeistische Philosophie, vielleicht die Philosophie überhaupt als Atheismus empfunden wird. Und wenn schon der »gesunde« Heine kein scharfer Denker war, so mußte in langen schlaflosen Nächten dem »Kranken«, der noch einen ganz anderen »wirklichen Gott« nötig hatte, der Glaube an einen solchen – Religion – als schärfster Gegensatz zur Philosophie als Theorie erscheinen. Heines Widerruf ist ein Wiederruf, von Mächten, die er in einer Synthese gebannt zu haben glaubte, die sich aber nun zu eigenem Leben befreiten. Mit anderen Worten: Heines Bekehrung steht in engster Beziehung zu seiner saint-simonistischen Synthese. Damit erweist sich auch diese als nicht lebensstark genug; es braucht nicht hinzugefügt zu werden, daß die Frage, ob richtig oder falsch, davon nicht im geringsten berührt wird. Heine ist keine starke Seele, die tiefster Erlebnisse oder Wandlungen fähig wäre. So bleibt auch sein Verhältnis zu dem »wiedergefundenen« Gott sehr problematisch. Er beugt sich vor ihm, denn er fühlt die Macht Gottes, aber, fügt er hinzu, »wenn ich auch an einen Gott glaube, so glaube ich doch manchmal nicht an einen guten Gott. Die Hand dieses großen Tierquälers liegt schwer auf mir« (an Laube, 12. Okt. 1850). »Ich werde den lieben Gott, der so grausam an mir handelt, bei der Tierquälergesellschaft verklagen« (an die Mouche, Mittwoch 3 Uhr, Hirth, III, S. 558). »Ich habe nicht die Kurage, in meinem jetzigen Zustand zu blasphemieren, sonst würde ich wohl über die Perfidie Gottes mich ärgerlich äußern« (an Campe, 14. November 1854). Aber er hält es für gut, » de temps en temps faire remettre une carte chez le bon Dieu« (an Dumas, 2. August 1855). Er ist sich der »Verwandtschaft zwischen Opium und Religion« bewußt (vgl. Lichtenberger, a. a. O., S. 271), er freut sich, »besonders nach Mitternacht, wenn Mathilde sich zur Ruhe begeben«, jemanden im Himmel zu haben, dem er die Litanei seiner Leiden vorwimmern kann (»Geständnisse«, Bd. IV, S. 650), aber in seinem Geiste »blitzt« doch die ewige Vernunft, und vor ihr Forum zieht er den grausamen Spaß, den sich »der Aristophanes des Himmels« mit ihm erlaubt, und unterwirft ihn »einer ehrfurchtsvollen Kritik« (»Geständnisse«, S. 678). Der Spaß daure zu lange und sei nicht neu. Im Testament vom Jahre 1851 heißt es dagegen: »Seit vier Jahren habe ich allem philosophischen Stolze entsagt und bin zu religiösen Ideen und Gefühlen zurückgekehrt; ich sterbe im Glauben an einen einzigen Gott, den ewigen Schöpfer der Welt, dessen Erbarmen ich anflehe für meine unsterbliche Seele.« Er bedaure, von heiligen Dingen zuweilen ohne die ihnen schuldige Ehrfurcht gesprochen zu haben, sei dabei aber mehr durch den Geist seines Zeitalters als durch eigene Neigungen fortgerissen (Elster, Bd. VII, S. 519 f.).

Die Kehrseite dieser Rückkehr zu Gott – und das erst erweist ihren wahren Charakter – ist ein vollkommener Pessimismus. Heine fühlt sich besiegt, er muß seine Niederlage anerkennen, und hilfsbedürftig greift er nach dem Anker, den die Tradition seines Stammes ihm zuwirft. Eine heroische Haltung bringt er nicht auf, er schwankt zwischen Unterwerfung und Auflehnung, aber sein Geist bleibt unerlöst, Gott und Welt klaffen auseinander, jener bedeutet für Heine keine alles umfassende Einheit, diese aber ein unbegreifliches, sinnloses Etwas, das am besten verneint würde.

Der Tod ist gut, doch besser wär's
Die Mutter hätt' uns nie geboren.

(Bd. I, S. 447.)

Und der Blick auf diese Welt, in der das Schöne und Gute zum Untergang verdammt ist:

... das ist das Los,
Das Menschenlos: was gut und groß
Und schön, das nimmt ein schlechtes Ende –

beraubt ihn seines Haltes, den er eben gefunden zu haben glaubt:

Laß die heil'gen Parabolen,
Laß die frommen Hypothesen –
Suche die verdammten Fragen
Ohne Umschweif uns zu lösen.

Warum schleppt sich blutend, elend,
Unter Kreuzlast der Gerechte,
Während glücklich als ein Sieger
Trabt auf hohem Roß der Schlechte?

Woran liegt die Schuld? Ist etwa
Unser Herr nicht ganz allmächtig?
Oder treibt er selbst den Unfug?
Ach, das wäre niederträchtig.

Also fragen wir beständig,
Bis man uns mit einer Handvoll
Erde endlich stopft die Mäuler –
Aber ist das eine Antwort?

(Bd. I, S. 459.)

Der ganze »Romanzero« ist auf diesen einen Ton gestimmt, der sich in den »Letzten Gedichten« noch wesentlich verschärft.

Trotz allem aber – das ist schlechthin bewundernswert – bewahrt sich Heine bis zum letzten Atemzug seine Vitalität und Produktivität. Nichts wäre falscher, als sich den Heine der letzten Jahre als einen gebrochenen Mann vorzustellen. Mit unvermindertem Eifer besorgt er vom Krankenbett aus seine Geschäfte, Verhandlungen mit dem Verleger und Geldangelegenheiten spielen wie immer die größte Rolle. Er empfängt Besuche, berühmte und zweifelhafte Leute, Männer und Frauen. Stundenlang diktiert er Briefe, er liest viel, und geduldig erträgt er die Launen und Quälereien seiner »Verbrengerin«, die sich mehr um ihre Zukunft als um ihren kranken Gatten sorgte. Wie stark und ungebeugt Heines Lebenskraft blieb, das zeigt auch sein Erlebnis mit Camilla Selden, jener plötzlich an seinem Krankenbett erscheinenden Frau, die dem Sterbenden das letzte, glühende Liebesgefühl entlockte. Die Wurzel dieses seltsamen Verhältnisses wird sich kaum noch freilegen lassen, aber man kann sich des Eindruckes nicht erwehren, daß Heine, in dessen Leben die Frauen eine so große und verhängnisvolle Bedeutung haben, erst kurz vor seinem Tode ein weibliches Wesen fand, das ihm tiefere Liebe abzwang und vielleicht entgegenbrachte.

»Verfehltes Leben! Verfehlte Liebe!«

(Neue Gedichte, Bd. I, S. 255.)

Wie Heines Leben, so steht auch seine Produktion in den letzten zehn Jahren unter dem Zeichen der Rückkehr, in dem schon angedeuteten Sinne. Sie umfaßt außer den »Geständnissen« und »Memoiren«, in denen die Erinnerung sich breiten Platz verschafft, fast nur dichterische Werke, und während der Ruhm des Schriftstellers allmählich verblaßte, errang der Dichter noch einmal Lorbeeren, wie sie ihm kaum je beschieden gewesen waren. Nur flüchtig mögen »Die Göttin Diana« und »Faust« erwähnt werden. Beide entstanden auf äußere Anregung. Der Direktor des Londoner Theaters der Königin, Lumley, hatte den Dichter um Vorschläge für »einige Ballettsujets« gebeten, »die zu einer großen Entfaltung von Pracht in Dekorationen und Kostümen Gelegenheit bieten könnten«. Heine ging um so lieber darauf ein, als er dabei auf große Einnahmen rechnete. Mit dem Stoff griff er bei »Diana« direkt auf die »Elementargeister« zurück, auch der »Faust« berührt sich damit. Einen »Faust« wollte schon der junge Heine dichten, doch hat das jetzige »Tanzpoem« mit diesen Jugendplänen, über die wir übrigens nur unzuverlässige Nachrichten haben, nichts zu tun. Es ist immerhin bemerkenswert, daß Heine diesen durch Goethe geweihten Stoff zu einem Ballett verwertete, noch bemerkenswerter, daß er es wagte, für seine Bearbeitung ein Verdienst zu beanspruchen, »dessen sich Goethe keineswegs rühmen darf«. Goethe lasse »das treue Festhalten an der wirklichen Sage, die Ehrfurcht vor ihrem wahrhaftigen Geiste, die Pietät für ihre innere Seele« durchgängig vermissen. Seine Willkür sei auch ästhetisch verdammenswert, das Abweichen »von der frommen Symmetrie« habe die ganze Dichtung verdorben. Der »lendenlahme« zweite Teil ende »wie eine frivole Farce – ich hätte fast gesagt wie ein Ballett«. Die alte, gereizte Stimmung gegen Goethe macht sich hier wieder Luft, es liegt aber doch eine fast lächerliche Anmaßung in der dann folgenden Behauptung, das Ballett – hatte Heine es nicht eben selbst als niedere Kunstform gegen Goethe ausgespielt? – enthalte das Wesentlichste der alten Sage, auch in den Details richte es sich gewissenhaft nach den vorhandenen Traditionen, m. a. W., es stelle die »fromme Symmetrie« wieder her. Man darf aber nicht vergessen, daß die »Erläuterungen«, in denen Heine seine Weisheit zum besten gibt, an den Direktor Lumley gerichtet sind, sie sind – Reklame, worauf sich Heine auch sonst verstand. Das Tanzpoem trägt noch deutliche Spuren der saint-simonistischen Periode, die Grundauffassung der Faust-Sage nähert sich dem Standpunkt, den Heine früher (vgl. S. 114) dem Goetheschen »Faust« gegenüber einnahm. Aber der Kampf »zwischen demütigem Entsagen und frecher Genußsucht« wird jetzt ein Todeskampf genannt, an dessen Ende wir vielleicht ebenso vom Teufel geholt würden wie Dr. Faust. Wie tief indessen dem Dichter die Sehnsucht nach einstiger Versöhnung zwischen Sinnen und Geist noch im Blute lag, erkennt man aus einem am Karfreitag 1847 geschriebenen Vorwort zu Weills »Sittengemälde aus dem elsässischen Volksleben« (Elster, Bd. VII, S. 374 ff.), worin Heine noch einmal im Bewußtsein, daß er selbst ein Kind der Vergangenheit sei, noch nicht geheilt »von jener knechtischen Demut«, das Traumbild einer schöneren Zeit auftauchen läßt.

Dann aber erscheint, ganz im grauen Gewand, der »Romanzero« 1851 (vgl. den Anhang zu Bd. I). Man hat in dieser Sammlung die Krone seines dichterischen Schaffens erblicken wollen, man meint etwa, Heines lyrisches dehne sich hier zu einem epischen Gestaltungsvermögen, so daß man erst jetzt von einem Epiker Heine sprechen könne. Gewiß zeigen weder das »Buch der Lieder« noch die »Neuen Gedichte« eine solche Einheitlichkeit des Stils und der Stimmung wie der »Romanzero«, auch der Gegensatz zwischen dem streng durchgeführten Ton der Klage und des schmerzlichsten Verzichtes, und der buntesten Fülle des Inhalts, die uns durch alle Zeiten und Erdteile führt, hat ohne Zweifel hohen künstlerischen Reiz. Aber ein Mehr an Gestaltungskraft ist nirgends festzustellen, bestenfalls erreichen einige Stücke, wie z. B. »Der Asra«, die frühere Höhe, im ganzen beobachtet man eine Breite, die manchmal geradezu etwas Zerfließendes hat und ein entschiedenes Nachlassen der Konzentrations- und Gestaltungskraft verrät. An Bedeutung für den Ablauf der Heineschen Dichtung im ganzen wird der »Romanzero« zudem übertroffen von den »Letzten Gedichten« und den in der »Nachlese« stehenden. Zusammenhang mit den früheren Sammlungen ist leicht zu erkennen. Ironie und Spott, der »flipprige Ton« blitzt immer noch auf, auch das Zeitgedicht oder Anspielungen auf Zeitgenossen und Zeitereignisse sind nicht ganz verschwunden, eine Katakombe ist der »Romanzero« nicht. Die Romantik dagegen – ein letzter Rest hat sich in der »Waldeinsamkeit« gehalten – verwandelt sich in Exotik. Sie gibt neben den »Hebräischen Melodien«, die den jüdischen Dichter zu Worte kommen lassen, dem »Romanzero« sein besonderes Gepräge. Sie bedeutet nicht nur einen künstlerisch ungemein stark wirkenden Gegensatz zur pessimistischen Grundhaltung, so daß beide nur um so greller hervortreten, sondern auch eine weitere Station auf Heines Flucht vor der Wirklichkeit.

Noch einen Schritt weiter – und Heine landet »in dem ew'gen Jugendlande«, vor seinen erblindenden Augen taucht die Wunderinsel Bimini auf:

Auf der Insel Bimini
Blüht die ew'ge Frühlingswonne,
Und die goldnen Lerchen jauchzen
Im Azur ihr Tirili.

Schlanke Blumen überwuchern,
Wie Savannen, dort den Boden,
Leidenschaftlich sind die Düfte
Und die Farben üppig brennend.

Große Palmenbäume ragen
Draus hervor, mit ihren Fächern
Wehen sie den Blumen unten
Schattenküsse, holde Kühle.

Auf der Insel Bimini
Quillt die allerliebste Quelle;
Aus dem teuren Wunderborn
Fließt das Wasser der Verjüngung.

Und wie leidenschaftlich der todkranke Dichter nach Leben lechzt, wie wenig er innerlich ein Entsagender geworden ist, das klingt mit ergreifender Gewalt aus dem Gebet des Don Juan Ponce de Leon:

Rüttle ab von meinen Gliedern
Dieses winterliche Alter,
Das mit Schnee bedeckt mein Haupt
Und mein Blut gefrieren macht –

Sag' der Sonne, daß sie wieder
Glut in meine Adern gieße,
Sag' dem Lenze, daß er wecke
In der Brust die Nachtigallen –

Ihre Rosen, gib sie wieder
Meinen Wangen, gib das Goldhaar
Wieder meinem Haupt, o Jungfrau,
Gib mir meine Jugend wieder!

Aber die Kluft zwischen Wunsch und Wirklichkeit bleibt unausgefüllt, Gott erweist sich hier als unwirksam, Heine findet keine Synthese, das »wahre Bimini« ist das stille Land des Lethe, ist Vernichtung.

Wie hilflos der Dichter diesem furchtbaren Widerspruch gegenübersteht, wie seine Seele sich daran zermartert, hin und her geworfen wird zwischen Ergebung und Auflehnung, Verzicht und Begehren, jetzt todesmatt, dann wieder frech-lebendig, das zeigen mit einer unerhörten Offenheit die »Letzten Gedichte«, die ihresgleichen in deutscher Dichtung vergeblich suchen. Ihr künstlerischer Wert ist oft gering, ihre Bedeutung für die letzte Phase der inneren Entwicklung Heines um so größer. Denn sie bestätigen mit dokumentarischer Sicherheit, daß die Krankheit seit 1848 keine seelische Wandlung herbeiführte, sondern nur überdeckte seelische Schichten wieder zutage treten ließ, die natürlich nicht mehr Eigenkraft genug haben, das inzwischen Aufgebaute völlig zu zerstören. In diesen letzten Gedichten weht vernehmbar Krankenstubenluft, ein Sterbender will nicht sterben, ein Lebender kann nicht leben, er ist Opfer frühester Erinnerungen (vgl. Citronia), wirrer Traumbilder (vgl. Zum Lazarus Nr. 12), er jammert (Zum Lazarus Nr. 10, 14) und fleht ums Ende (Zum Lazarus Nr. 13), dann wieder möchte er leben (Zum Lazarus Nr. 4) »in diesem traulich süßen Erdenneste«, noch viele schöne Tage bei seiner Frau im status quo (Gedichte 1853/54, Zum Lazarus Nr. XI) – ecce homo! Gedämpfter, künstlerisch gebändigter klingen diese grellen Dissonanzen schon im »Romanzero« an, neu aber ist der Ton oder besser ein Ton in den Gedichten »An die Mouche«, der auffallenderweise freilich schon in den »Wahlverlobten« (Gedichte 1853-54, Nr. 11) gehört wird. Man würde dieses Gedicht unbedenklich auf die Mouche beziehen, wenn es nicht entstanden wäre, bevor Heine sie kennen lernte. An wen ist es gerichtet? Vielleicht ist die Frage weniger wichtig als die Tatsache, die das Gedicht, ebenso wie die späteren »An die Mouche« zu erkennen gibt, daß Heine erlebnisfähig, bereit zu einer irgendwie gearteten Synthese seiner geistigen und sinnlichen Kräfte bis zum letzten Augenblick blieb – ohne daß sie erreicht wurde. Auch das letzte Gedicht an die Mouche, vielleicht das letzte, das Heine gedichtet hat; bleibt in Widersprüchen stecken, der alte Gegensatz zwischen Geist und Sinnlichkeit, den der Dichter einst im Saint-Simonismus überwinden zu können geglaubt hatte, klafft auch hier:

Oh, dieser Streit wird enden nimmermehr,
Stets wird die Wahrheit hadern mit dem Schönen,
Stets wird geschieden sein der Menschheit Heer
In zwei Partei'n: Barbaren und Hellenen.

Das Gedicht im ganzen zeigt noch immer die furchtbare Zerrissenheit der Heineschen Seele, den Mangel jeder die widerstrebenden Kräfte bezwingenden Dominante, es bestätigt so die feinsinnige Bemerkung Camilla Seldens, Heines Leben sei nur ein Zusammenströmen heterogenster Elemente gewesen (Heines letzte Tage, Jena l884, S. 59), sie hätte nur hinzufügen müssen, daß dieses Zusammen zugleich ein Auseinander ist. Aber so etwas wie Frieden – ein »Freudentraum« – spricht aus jenen Strophen, die uns das Zwiegespräch zwischen dem Toten und seiner Marterblume in ruhigen, durch keinen Mißlaut gestörten Versen – verschweigen. Eine dichterische Schönheit umfängt uns hier, wie kaum je in Heines Gedichten, und sie verbindet sich – noch nie konnten wir dieses Wort auf ihn anwenden – mit einem Adel der Empfindung, der seinen Ursprung nur in tieferen Bereichen haben kann.

Was man genießen kann in der Welt,
Das hab' ich genossen wie je ein Held!

Ob dem Sterbenden die Ahnung aufging, daß ihm trotzdem das Leben das Beste vorenthalten hatte?

Ach, jede Lust, ach, jeden Genuß
Hab' ich erkauft durch herben Verdruß;
Ich ward getränkt mit Bitternissen
Und grausam von den Wanzen gebissen;
Ich ward bedrängt von schwarzen Sorgen,
Ich mußte lügen, ich mußte borgen
Bei reichen Buben und alten Vetteln –
Ich glaube sogar, ich mußte betteln.

(»Romanzero«, Rückschau.).

Gab ihm die Mouche, als es zu spät war, einen Blick in jenes Tiefenreich, aus dem allein der Sinn dieses Daseins emporwachsen kann? Und wäre der Sinn die seelische geadelte Liebe, die Heine niemals, am wenigsten bei Mathilde, gefunden hatte?

Nur der Esel Balaams schreit I–a, I–a, und mit diesem »schluchzend ekelhaften Mißlaut« verhallt Gedicht und Leben.

Heinrich Heine starb am l7. Februar 1856. Auf seinen testamentarisch hinterlassenen Wunsch wurde er auf dem Friedhof von Montmartre begraben. So ruht der deutsche Dichter in französischer Erde. Sein letzter Gruß galt »der edlen und hochherzigen Mutter« und den Geschwistern. »Leb' wohl, auch du, deutsche Heimat, Land der Rätsel und der Schmerzen; werde hell und glücklich. Lebt wohl, ihr geistreichen, guten Franzosen, die ich so sehr geliebt habe. Ich danke euch für eure Gastfreundschaft.« Mag »das alte, offizielle Deutschland« Grund genug gehabt haben, Heine zu schmähen, heute, wo alles abhängt »von dem wirklichen Deutschland, dem großen, geheimnisvollen, sozusagen anonymen Deutschland des deutschen Volkes, des schlafenden Souveränen, mit dessen Zepter und Krone die Meerkatzen spielen« (Vorrede zur zweiten Auflage der »Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland«), heute sollte man dem Dichter, der ein Prophet deutscher Zukunft war, vorurteilsfrei den Platz einräumen, den er verdient.

Heine gehört nicht zu den Großen, die für eine Idee gelebt und gelitten haben. Dennoch wird man ihm gerecht nur von der Idee aus. Sein Leben wird von ihr bestimmt in dem Sinne, daß er an der Idee litt, nicht dem Willen und Streben nach, aber tatsächlich ist er ihr Märtyrer. Alles, was Heine über seinen Kampf für Freiheit und Menschenrechte sagt, zuletzt noch in dem bekannten » Enfant perdu« seines »Romanzero«, klingt nie voll überzeugend, ist aber ebensowenig, wie man oft behauptet hat, reine Pose. Die unbedingte Wahrheit fehlt, weil Heine nie unbedingt und selbstlos für eine Sache eintrat. Das kann eben nur der, dessen »Sache« sein innerstes Selbst ist. Zwischen Wahrheit und Pose liegt das pathologische Moment. Heine ist eine verunglückte Synthese, als solche aber – darin beruht seine europäische Bedeutung und seine persönliche Tragik – enthält sie alles, was eben, wenn der neue Mensch und die neue Menschheit erstehen soll, schöpferisch vereinigt werden muß. Heine konnte das Ziel nicht erreichen: ihm fehlt jeder zur Tat drängender Wille, die Zusammenraffung seiner Kräfte gerät ihm nur im momentanen Aufschwung, sein außerordentlicher Reichtum an tausendfältigen Beziehungen, wie er in seiner geistigen Gewandtheit, seinem Witz, seinem ganzen Stil zutage tritt, ist Armut, insofern er Zerstreuung ist, nicht organische Entfaltung aus einem letzten Tiefen- und Keimpunkt. Heine ist der geistreichste Schriftsteller, der witzigste Satiriker und Pamphletist, vor Nietzsche der größte Stilkünstler, den wir besitzen: vom Standpunkt der Idee aus sind das alles indes Prädikate, die seinen eigentlichen Wert mehr verdecken als hervorheben. Der Heine, der, über die Angelegenheiten der Dichtung und Literatur hinaus, uns Heutigen noch etwas zu sagen hat, ist gerade der an der Idee Verunglückte. Das individuell Pathologische tut der Idee keinen Abbruch, sie leuchtet um so heller, je unzulänglicher ihr Träger ist. Es handelt sich bei Heine nicht nur um den Gegensatz zwischen Idee und dem Grad ihrer Verwirklichung: was als ärgster Mangel auffällt, das ist sein verantwortungsloses Verhältnis zu ihr; letzter Grund dafür aber ist nicht, wie man fast immer liest, Mangel an Ehrfurcht, sondern vielmehr eine gesteigerte Empfänglichkeit für alle Eindrücke der Wirklichkeit, an die sich Heine schließlich verliert, statt sie – die Wirklichkeit – nach seiner Idee zu gestalten. Ein grausam wacher Intellekt fällt der Gestaltung immer wieder in den Arm, Leben und Werke bleiben Fragment, sie lassen das Höchste ahnen und scheuen vor dem Niedrigsten nicht zurück. Von einer Entwicklung im strengen Sinne darf man bei Heine kaum reden. Dichterische Meisterschaft erreicht er auf begrenztem Gebiet schon in früher Jugend, seine kühnsten Gedanken sind angedeutet schon in den »Reisebildern«. Eine organische Ausreifung erfolgt nicht, Heines Höhengebiet in seinen philosophisch-religiösen Schriften der Pariser Zeit ist mehr Aufschwung als Standpunkt, darum sinkt er später mehr zurück als daß er sich wirklich wandelt. Heine wußte, daß er krank, d. h. nicht ganz war, er wußte aber auch, daß seine Zeit demselben Zustand verfallen war. »Ach, teurer Leser, wenn du über jene Zerrissenheit klagen willst, so beklage lieber, daß die Welt selbst mitten entzweigerissen ist. Denn da das Herz des Dichters der Mittelpunkt der Welt ist, so mußte es wohl in jetziger Zeit jämmerlich zerrissen werden ... Durch das meinige ging aber der große Weltriß, und eben deswegen weiß ich, daß die großen Götter mich vor vielen andern hoch begnadigt und des Dichtermärtyrertums würdig erachtet haben« (Bd. II, S. 459). Die Nachahmung der Ganzheit empfindet Heine als Lüge, aber – auch da erkennen wir wieder seelische Schwäche – er spiegelt sich in dieser Zerrissenheit, statt nach Überwindung zu streben. Andererseits hat er ein untrügliches und stärkstes Gefühl für eine »ganze Welt«, und wenn ich sagte, daß Heines Bedeutung in der verunglückten Synthese liegt, so soll das heißen, daß er, von einer noch ganz anders als damals zerrissenen Welt richtig aufgenommen, als mächtige Aufforderung zur Ganzheit wirkt. Heines Witz, sein Spott, sein Zynismus und seine Blasphemie sind Vordergrund, der sich freilich in breitester Front aufdrängt. Aber dahinter, oft übersehen, selten anerkannt, verdeckt auch durch menschliche Eigenschaften, die alles andre als Sympathie erwecken, steht ein Künder, der jedem, wenn anders er Sinn hat für Menschheitsgeschichte, ans Herz greift.

So ist Heine heute lebendiger als je. Und gerade wir Deutsche haben allen Grund, ihn nach seiner innersten Einstellung zu beurteilen und so zu beherzigen. Heine hat Deutschland geliebt, geliebt vor allem auch um seiner Zukunft willen.

Deutschland ist noch ein kleines Kind,
Doch die Sonne ist seine Amme,
Sie säugt es nicht mit stiller Milch,
Sie säugt es mit wilder Flamme.

(Bd. I, S. 531.)

Ein unerschütterlicher Glaube an die Sendung Deutschlands erfüllt ihn. Es ist eine auf Unkenntnis beruhende Lächerlichkeit, auf Heine als »Landesverräter« und »französischen Söldling« loszuschlagen. Gewiß, Heine hat die französische Staatsangehörigkeit nicht aus »Patriotismus« abgelehnt, es ist vielleicht auch nur halb wahr, wenn er in der »Lutezia« (Bd. IV, S. 537) erzählt, er habe die Naturalisation nicht vollzogen, weil es sich nicht für einen deutschen Dichter gezieme, »welcher die schönsten deutschen Lieder gedichtet hat«. Aber, so wenig sich eine wesentliche Verwandtschaft mit französischem Esprit verkennen läßt: nach seiner Idee gehört Heine zu Deutschland, als Dichter und als Künder.

Heine lebte, wie er gern sagte, im »Exil«. Auch das ist, an der Wirklichkeit gemessen, eine Unwahrheit – er war freiwillig nach Paris gegangen. Aber von der Idee aus gesehen, hat diese Äußerung Berechtigung: Heine war in der Idee nicht »zu Hause«, in dem Sinne, daß sie ihn, er mochte wollen oder nicht, heimsuchte, er aber in ihr kein Heim fand, weil er den Bruch zwischen ihr und der »Wirklichkeit« nicht überbrücken konnte. Man könnte Heine in Variation eines bekannten Wortes einen im Irrgarten der Idee taumelnden Sinnenmenschen nennen. Führer kann er uns nicht sein, Sicherheit und Souveränität fehlen seinem sensiblen Temperament. Aber es lebt so etwas wie ewige Jugend in seinen Werken.

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