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Heimstätte

Carl Hauptmann: Heimstätte - Kapitel 6
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDer Landstreicher und andere Erzählungen
authorCarl Hauptmann
year1912
publisherDie Lese Verlag
addressStuttgart
titleHeimstätte
pages33-81
created20040127
sendergerd.bouillon@t-online.de
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VI.

Oben am Hange, wo einst die Rubenerbaude einsam stand, sahen die ersten beiden Frühlingsgäste im Juni – um Pfingsten herum – die hinauf gewandert waren, weil unten Staare im Tal längst Nester gebaut und die Drosseln im Walde flöteten und die Spechte in allen Tönen lachten – auch die Meisen ihr spitziges Zwirlen und Zetschern und die Rotschwänzchen ihr Schmetzen hören ließen – daß hier alles jetzt anders war. Es war neben der alten Baude, die noch leer stand, ein heller Neubau entstanden – ein rechtes kahles Schenkhaus – wie drüben. Auch ein Freund deß da drüben war als Wirt vom Tale eingezogen. Der Wirt war dick und rot. Er hatte eine gestickte Mütze auf und sah sehr wichtig aus. Er hantierte mit Kisten und Kasten und sann eben nach, wo er seinen Zigarrenvorrat aufstapeln müßte, um zu zeigen, daß alles in guter Art wäre. »Der Rubener war kee Wirt«, meinte er selbstbewußt zu denen, die mit dem Ranzen auf dem Rücken frisch gewandert, ein paar Studenten, denen die Idee gekommen, einmal den neuen Weg hier herüber zu gehen, den man im Vorfrühling angelegt, und die eben mit lautem Gruße in das Schenkhaus eingetreten waren. »Der vorige Inhaber war kee Wirt«, wiederholte der Dicke behäbig und hob die Zigarrenkasten in ein Regal, was er über der Tür hatte anbringen lassen, wobei ihm eine junge Frauensperson half, die dann gleich die Gäste bediente. Daß das da vor ihnen ein Wirt war, sah man gleich. Einer, der die Stuben vollstopfte wie eine Kolonialwarenhandlung, in der man auch Schnaps und Wein bekam. Die Wände waren bereits bis an die Decke mit Plakaten bemalt, überall stand jetzt, daß – und was – und mit wie viel Zehrpfennigen man zu essen und zu trinken bekam. Die Tische im Raume waren so reichlich, daß man sich nicht rühren konnte. Man mußte sich durchdrücken, obwohl jetzt noch niemand weiter da war, als die beiden ersten Gäste. Das war Bethusy's Vergnügen, zu denken, daß er ein Wirt wäre, recht Einer, der in Rauch und Wirbel steht und schmunzelnd zusieht, wenn alle Hände und Augen begehren – und auch schelten, wenn es nicht schnell geht – nur um Geschäfte zu machen. So ein Wirt war er. – Und aus der Baude war ein rechtes Schenkhaus geworden für all' die Leute aus dem Tal, die nicht mehr wissen, was eine Heimat ist – für Beamte – oder für Händler – die an jeder Stätte ihre Heimat haben, wo nur Ware in Geld reichlich sich verwandelt. Und Frau Bethusy ging in dem neuen Hause um. In der Küche war ein Herd errichtet, ganz wie in Restaurationsküchen. Wenn nur bald ganze Schwärme kämen. Nun konnte man sie bekochen. Und sie schalt mit einer Magd und einer Schleußerin und machte kein Hehl, daß die Rubenern nichts verstanden, als Milch zu melken und Butter zu schlagen – aber von kochen und braten keine Spur. Und auch sie sagte, während sie in die Holzkammer hinaus an mächtigen Betten mit trug: »An schlafen konnte man früher hier gar nich' denken, denn die Leute waren zu schlecht gewöhnt.« Man fühlte ihr wirklich die Würde an, und die Schleußerin und die Magd, die beide bis in's Gesicht im Bette trugen und mit Federn und Staub bis in den Mund voll waren, lachten. Denn sie dachten jetzt ebenso – ganz nach ihrem Leben, dem sie als Hebel und Häkchen dienen mußten – daß hier ein gutes Schenkhaus an das alte, elende gewachsen war – und wußten nicht, daß unter ihrem Geist und Tun eine schicksalsdunkle Heimstätte begraben lag. Ganz begraben – für einen, der ausgezogen, ohne groß Worte und Wesens zu machen, in's Unvermeidliche schließlich stumm ergeben, so daß nur die Frau geweint hatte, wie sie, den Säugling im Arm, das letzte Mal zurücksah, und dann auch die kleine Ella weinte, weil sie die Mutter weinen sah. Ganz begraben – wenn nun Zechbrüder und Beamte kommen würden, mit lustigen Schlachterstöchtern zu tanzen bis in's Morgengrauen. Heidi! – es war ein Schenkhaus geworden – alle Sommertage – und Bethusy und sein Weib und Schleußerin und Kellnerin, alles war am rechten Flecke. Gute Wirte, und gute Bedienung. –

Rubener's Leute saßen in einem kleinen Dorfe im Tal, und Frau und Kinder, die noch übrig waren, lebten von der Zeit an viel allein. Die Mutter hatte ihr Kleines zu versehen und zwei Kühe, die sie in dem einlitzigen Häuschen am kleinen Steig drüben halten konnte. Ella lebte und wuchs heran. Rubener war jetzt selten zu Hause. Er hielt es nicht aus. Einmal aus den Bergen in's Tal gekommen, hatte er sich keinen Rat gewußt, hatte bald einen kleinen Wagen mit einer großen Orgel gekauft und einen Ponny vorgespannt. Er zog nun im Lande um und verdiente im Wandern. Man sah es ihm an, daß es ihm nicht aus Lust gekommen war, nur aus Gram und aus der Notdurft. Er sorgte so für die Seinen. Er sah stumm drein all' die Jahre, wenn er neben dem Wägel herging und den Fuchsponny am Lenkseil riß und antrieb. In manchem böhmischen Dorfe gab es ein Aufsehen, wenn die dröhnende Orgel kam. Weiber und Kinder umstellten sie und lachten und tanzten. Er spielte viele lustige Weisen, und es ging ein mächtiges Brausen aus dem dunklen Kasten, den er drehte, weit hinaus über die Dörfer. Aber er sah finster drein. Er hörte die Klänge kaum. Und wenn er im Wirtshause nachts Rast hielt, war er immer dumpf für sich, der Kurzbärtige, Gram lag in seinen Mienen und eine Verachtung, daß ihm kaum ein Fremder nahte. Jahre vergingen. – Wenn er dann einmal daheim war – selten – wenn das Kleinste, das längst ein launiges Mädchen geworden, Martin ähnlich, ihm neckend in's Grauhaar fuhr – die Mutter merkte es heimlich, daß er da doch noch wieder flüchtig lachen konnte. Aber Fremde sahen das nie. Die Menschen draußen gingen an ihm vorüber, wie die Bäume am Wege. Sie sahen einen düsteren und Gramvollen – und einen Verächter. Und wußten nicht, daß er mit einer unbegreiflichen Sehnsucht umherging, – daß er nur wanderte, um Ruhe zu suchen, vergeblich – Jahr aus – Jahr ein.

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