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Heimatlos

Johanna Spyri: Heimatlos - Kapitel 15
Quellenangabe
authorJohanna Spyri
titleHeimatlos
publisherFriedrich Andreas Perthes Aktiengesellschaft
printrunVierzehnte Auflage
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20161109
projectida0bc90ab
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Vierzehntes Kapitel.
Neue Freundschaft und die alte nicht vergessen.

Am Morgen darauf stand die Wirtin unter der Haustür und hielt ihre Umschau über das Wetter und was sich etwa über Nacht ereignet habe. Da kam der Bursche der Frau Menotti dahergegangen; der war zugleich Herr und Knecht auf dem schönen, fruchtreichen Gute der Frau, denn er verstand die Garten- und Feldarbeit und regierte und besorgte alles selbst und hatte es gut. Darum pfiff er auch fortwährend.

Als er nun vor der Wirtin stand, stellte er das Pfeifen ein wenig ein und sagte: wenn der junge Musikant von gestern Abend noch nicht weiter sei, so solle er zur Frau Menotti herüberkommen, das Büblein wolle ihn noch einmal geigen hören.

»Ja, ja, wenn es der Frau Menotti nur nicht zu stark pressiert«, sagte die Wirtin, indem sie beide Arme in die Seite stemmte, zum Zeichen, daß sie nicht in der Eile sei. »Vorderhand liegt der Musikant oben in seinem guten Bett und schläft noch tapfer, und ich gönne ihm seinen Schlaf. Der Frau Menotti könnt Ihr sagen, ich wolle ihn einmal vorbeischicken, denn er gehe nicht weiter, sondern ich habe ihn auf- und angenommen für gut; denn er ist ein verlassenes Waisenkind, das nicht wußte, wohin, und nun ist er wohl versorgt«, setzte sie mit Nachdruck hinzu.

Der Bursche ging mit seinem Auftrag.

Die Wirtin ließ den Rico ganz fertig schlafen, denn sie war eine gutmütige Frau, nur dachte sie zuerst an den eigenen Profit und dann nachher an den der anderen. Als Rico endlich von selbst erwachte, hatte er alle Müdigkeit ausgeschlafen und kam ganz frisch die Treppe herunter. Da winkte ihm die Wirtin in die Küche hinein und stellte ein großes Becken voll Kaffee vor ihn auf den Tisch und legte einen schönen, gelben Maiskuchen daneben. Dann sagte sie:

»So kannst du's alle Tage haben, wenn du willst, und am Mittag und Abend noch viel besser, denn da kocht man für die Gäste und da bleibt immer etwas übrig. Dann kannst du für mich auslaufen und daneben geigen, wenn's nötig ist, und kannst bei uns daheim sein, und hast deine eigene Kammer und mußt nicht mehr in der Welt herumziehen. Jetzt kannst du nur sagen, ob du willst.«

Da antwortete Rico zufrieden: »Ja, ich will«, denn so viel konnte er ganz gut in der Wirtin Sprache sagen.

Nun ging sie gleich mit ihm durch das ganze Haus und durch die Scheune und den Stall und in den Krautgarten und zum Hühnerhof, und von all den Plätzen aus erklärte sie ihm die Umgebung und die Richtung, wo es zum Krämer ging und zum Schuhmacher und noch zu mehreren anderen wichtigen Leuten. Rico gab genau acht, und um ihn zu prüfen, schickte die Wirtin ihn gleich an drei oder vier Orte, allerhand Sachen zu holen, wie Öl, Seife und Faden und einen geflickten Stiefel, denn sie hatte bemerkt, daß Rico einzelne Worte ganz gut sagen konnte.

Rico besorgte alles richtig, das gefiel der Wirtin wohl und gegen Abend sagte sie: »Nun kannst du mit der Geige zur Frau Menotti gehen und dort bleiben, bis es Nacht wird.«

Darüber freute sich Rico sehr, denn da kam er an dem See vorbei und nachher zu den schönen Blumen.

Am See angekommen, lief er nach der kleinen Brücke und saß ein wenig nieder, denn da lag wieder alle die Schönheit vor ihm, das Wasser und die Berge im goldenen Duft, und er konnte fast nicht mehr weg.

Aber er tat es doch, denn er wußte, daß er nun tun mußte, was ihn die Wirtin hieß, weil er dafür bei ihr wohnen durfte.

Als er in den Garten trat, hörte ihn schon das Büblein – denn die Tür stand immer offen – und es rief: »Komm und spiel wieder!«

Die Frau Menotti kam heraus und gab dem Rico freundlich die Hand und zog ihn in das Zimmer hinein. Es war eine große Stube, und man sah durch die breite Tür schön in den Garten und auf die Blumen hinaus. Das kleine Bett des kranken Bübleins stand gerade der Tür gegenüber und daneben standen nur Tische und Stühle und schöne Kasten im Zimmer, aber kein Bett mehr, denn des Nachts wurde das kleine Bett ins Nebenzimmer gebracht, wo auch dasjenige der Mutter stand; und am Morgen trug man das Bettchen mit dem Insassen wieder in die schöne, frohe Stube hinaus, wo jeden Morgen die Sonne einen glänzenden Streifen über den ganzen Fußboden hinwarf und das Herz des Bübleins fröhlich machte. Neben dem Bettchen standen zwei kleine Krücken, und von Zeit zu Zeit nahm die Mutter den Kleinen aus seinem Bett und leitete ihn auf den Krücken ein paarmal die Stube auf und nieder, denn er konnte weder gehen noch stehen; seine Beinchen waren völlig lahm, er hatte sie nie gebrauchen können.

Als Rico in die Tür trat, schnellte sich das Büblein empor an einer langen Schnur, die von der Decke bis auf sein Bett herunterhing, denn es konnte nicht aus eigener Kraft aufsitzen. Rico trat herzu und schaute das Büblein schweigend an. Es hatte ganz dünne Ärmchen und kleine magere Finger und ein so kleines Gesicht, wie Rico nie an einem Buben gesehen hatte, und aus dem Gesichtchen heraus schauten zwei große Augen den Rico ganz durchdringend an, denn das Büblein, das wenig Neues vor Augen sah und nach viel neuen und nie gesehenen Dingen dürstete, schaute alles ganz scharf an, das auf seinen einsamen Weg kam.

»Wie heißest du?« fragte das Büblein jetzt.

»Rico«, war die Antwort.

»Und ich Silvio. Wie alt bist du?« fragte es weiter.

»Bald elf Jahre alt.«

»Und ich auch bald«, sagte das Büblein.

»Ach, Silvio, was du sagst«, fiel die Mutter ein; »noch nicht völlig vier bist du, so schnell geht's nicht.«

»Spiel wieder!« sagte nun der kleine Silvio.

Die Mutter setzte sich an ihren Platz neben dem Bettchen, und Rico stellte sich etwas weiter unten hin und fing an zu geigen. Silvio konnte es nicht genug bekommen; sobald der Rico ein Stück fertig hatte, so ertönte sein: »Spiel wieder!«

So hatte Rico alle seine Stücke wohl sechsmal durchgespielt; da ging die Mutter weg und kam wieder mit einem Teller voll von den goldgelben Trauben und sagte, nun müsse Rico ausruhen und sich auf den Stuhl setzen an das Bett und Trauben essen mit dem Silvio.

Dann ging sie ein wenig in den Garten hinaus und sah ihren Sachen nach und war froh darüber, denn sie konnte fast gar nie von dem Bette des Kleinen weggehen, er litt es nicht und schrie dann immer jämmerlich; so war es eine rechte Wohltat für die Frau, daß sie einmal hinausgehen konnte.

Unterdessen verstanden sich die beiden drinnen vortrefflich, denn auf Silvios Fragen konnte Rico ganz gut antworten; auch konnte er sich leicht verständlich machen, wo er etwa nicht gleich das rechte Wort wußte, und die Unterhaltung war dem Silvio sehr kurzweilig. Die Mutter konnte auch die Blumenbeete und die Weinreben und die schönen Feigenbäume im Acker und ringsum alles ansehen, ohne daß der Silvio ein einziges Mal gerufen hätte.

Aber als sie nun hereinkam und es bald zu dämmern anfing und Rico aufstand, um fortzugehen, da schlug der Silvio einen großen Lärm an und hielt den Rico fest am Wämschen mit beiden Händen und wollte ihn nicht loslassen, wenn er nicht gleich verspreche, er komme morgen wieder und alle Tage. Aber die Frau Menotti war eine vorsichtige Frau; sie hatte den Bericht der Wirtin auch ziemlich verstanden und beschwichtigte nun den Silvio und versprach ihm, gleich in den ersten Tagen zu der Wirtin zu gehen und mit ihr zu sprechen, denn der Rico könne nichts versprechen so von sich aus, er müsse folgen.

Endlich ließ der Kleine das Wämschen los und gab Rico die Hand, und dieser ging ungern aus der Stube weg. Er wäre lieber dageblieben, wo es so still war und alles so gut aussah und Silvio und die Mutter so freundlich mit ihm waren. –

Es vergingen wenige Tage, da trat eines Abends die Frau Menotti ganz aufgeputzt in die »Goldene Sonne« ein, und die Wirtin lief ihr entgegen und führte sie in den oberen Saal hinauf. Da fragte denn Frau Menotti ganz höflich, ob es der Frau Wirtin nicht ungelegen wäre, ihr für ein paar Abende der Woche den Rico zu überlassen; er unterhalte ihr das kranke Büblein so gut und sie wollte gern erkenntlich sein dafür in jeder gewünschten Weise.

Es schmeichelte der Wirtin, daß die wohlangesehene Frau Menotti sie so um einen Dienst zu bitten kam, und es wurde gleich festgesetzt, daß Rico an jedem freien Abend kommen würde, und Frau Menotti übernahm dagegen, für Ricos Bekleidung zu sorgen, so daß die Wirtin überaus befriedigt war mit der Einrichtung; denn nun hatte sie keinen Heller für den Knaben auszugeben und den reinen Gewinn von ihm. So schieden die Frauen beide in der größten Zufriedenheit voneinander. –

So vergingen für Rico die Tage. In kurzer Zeit sprach er so geläufig italienisch, als hätte er es immer gekonnt. Und einmal hatte er es auch gekonnt; so fiel ihm eins nach dem anderen ohne Mühe wieder ein, und er hatte ein gutes Ohr und sprach wie ein völliger Italiener, so daß sich alle Leute darüber verwundern mußten. Die Wirtin konnte ihn so gut brauchen, wie sie nicht einmal erwartet hatte, denn seine Geschäfte machte er so sauber und ordentlich, wie sie selbst manches nicht machen konnte, denn sie hatte die Geduld nicht, und wenn etwas mußte aufgerüstet werden zu einem Fest, etwa zu einer Hochzeit, so mußte es Rico tun, denn er wußte, was schön war, und konnte es machen. Wenn er seine Aufträge ausrichten mußte, so war er wieder da, ehe die Wirtin nur denken konnte, er sei am Ort angekommen, denn er brauchte keine Zeit zur Unterhaltung. Wenn jemand ihn ausfragen wollte, so kehrte er sich auf der Stelle um und ging davon. Das gefiel der Wirtin besonders, als sie es bemerkte, und es flößte ihr einen solchen Respekt ein vor dem Jungen, daß sie ihn selbst nicht ausfragte, und so kam es, daß eigentlich niemand wußte, wie er nach Peschiera gekommen war; aber es hatte sich eine Geschichte verbreitet, die nahm jedermann an, daß er als ein verlassenes Waisenkind da droben in den Bergen schlecht gehalten und bös behandelt worden, da sei er entlaufen und habe viele Gefahren bestanden auf der langen Reise und sei endlich hier angekommen, wo die Leute nicht so roh seien wie in den Bergen, und hier sei er gern. Und wenn die Wirtin die Geschichte erzählte, so ermangelte sie nicht, hinzuzusetzen: er verdiene es auch, daß es ihm so gut gegangen sei und er den Schutz unter ihrem Dache gefunden habe.

Als der erste Tanzsonntag kam, da versammelten sich in der »Goldenen Sonne« so erstaunlich viele Leute, daß man gar nicht wußte, wo sie alle untergebracht werden könnten, denn jeder wollte den kleinen fremden Musikanten sehen und hören, und diejenigen, die ihn schon gehört hatten am ersten Abend, kamen zuallererst und wollten mit ihrem Lied beginnen.

Die Wirtin lief hin und her im Feuer der Arbeit und glänzte, als wäre sie selbst zur »Goldenen Sonne« geworden, und wenn sie auf ihren Mann traf, so sagte sie jedesmal siegreich: »Hab' ich's nicht gesagt?«

Rico hörte erst einen Tanz an von den drei Geigern, die gekommen waren, und die Melodien fielen ihm so ins Ohr und in die Finger, daß er gleich nachher mitspielen konnte, und nun wußte er den Tanz für immer. So kam es, daß er am späten Abend, als man aufhörte zu tanzen, alle Tänze mitspielen konnte, die überhaupt gespielt wurden, denn jeden hatte man zu öfteren Malen durchgenommen.

Am Ende mußte auch noch das Peschiera-Lied gesungen werden, von Rico begleitet, und war schon den ganzen Abend ein Lärm gewesen, so kamen nun die Gemüter erst noch recht ins Feuer und es ging zu, daß Rico ein paarmal dachte: jetzt fahren sie aufeinander und schlagen sich alle tot. Aber es war alles in Freundschaft gemeint. Und ihm selbst wurde eine so ohrenzerreißende Anerkennung gespendet, daß er nur immer dachte: wenn's doch bald fertig wäre, denn nichts war dem Rico so tief zuwider, wie ein großer Lärm.

Am Abend sagte die Wirtin zu ihrem Manne: »Hast's gesehen? Schon das nächste Mal brauchen wir nur noch zwei Geiger.«

Und der Mann war sehr zufrieden und sagte: »Man muß dem Buben etwas geben.«

Zwei Tage nachher war Tanz droben in Desenzano, und Rico wurde auch mit den Geigern hingeschickt; jetzt konnte man ihn schon ausleihen. Es war da derselbe Lärm und Spektakel, und wenn auch das Peschiera-Lied nicht mußte gesungen werden, so ging es nun über anderen Dingen ganz gleich laut zu, und Rico dachte von Anfang bis zu Ende: »Wenn's nur fertig wäre!«

Er brachte eine ganze Tasche voll Geld heim; das ließ er alles ungezählt auf den Tisch hinausrollen, als er zurückkam, denn es gehörte der Wirtin, und sie lobte ihn und stellte ein schönes Stück Apfelkuchen vor ihn hin. Am Sonntag nachher war schon wieder Tanz drüben in Riva, und diesmal freute sich Rico, denn Riva war jener Ort drüben über dem See, wo dieser von Peschiera aus anzusehen war wie eine sonnige Bucht, um die herum die freundlichen weißen Häuser lagen und herüberschimmerten.

Da fuhren die Musikanten zusammen am Nachmittag über den goldenen See im offenen Kahn unter dem blauen Himmel hin, und Rico dachte: »Wenn ich so mit dem Stineli hinüberfahren könnte! Wie müßte es staunen über den See, an den es nicht glauben wollte!«

Aber drüben ging derselbe Lärm los und Rico wünschte wieder fortzukommen, denn von drüben herüber Riva anzusehen im stillen Abendschein, war so viel schöner, als hier mittendrin im Tumult zu sitzen.

Wenn aber keine Tanztage waren, da konnte Rico jeden Abend zu dem kleinen Silvio gehen und lange da bleiben, denn die Wirtin wollte sich der Frau Menotti dienstbar erzeigen. Da ging Rico gern hin, das war seine Freude. Kam er am See vorbei, so ging er gegen die schmale Steinbrücke hin und setzte sich eine Weile auf den Boden; denn dies war der einzige Ort, wo er das Gefühl hatte, er sei vielleicht daheim. Da kam ihm am allerlebendigsten alles vor die Augen, wie es war, da er noch daheim war. Denn was er vor sich sah, hatte er damals so gesehen, und hier sah er auch am deutlichsten die Mutter vor sich. Dort hatte sie am See gestanden und etwas ausgewaschen, und von Zeit zu Zeit sah sie ihn an und sagte ihm liebevolle Worte, und er saß auf demselben Plätzchen, wo er jetzt saß. Das alles wußte er so genau. Da ging er immer mit Zwang weg, aber er wußte, daß Silvio nach ihm lauschte. Wenn er dann durch den Garten kam, so wurde es ihm auch wieder wohl und er trat gern in das stille, saubere Haus. Frau Menotti war in einer Weise freundlich mit ihm, wie sonst niemand, das fühlte er wohl; sie hatte ein großes Mitleid mit dem verlassenen Waislein, wie sie ihn nannte, sie hatte die Geschichte auch gehört von seinem Entfliehen. Sie fragte den Rico nie etwas von seinem Leben in den Bergen, denn sie dachte, es wecke ihm nur traurige Erinnerungen. Sie fühlte auch, daß der Rico nicht die Pflege hatte, die ein Büblein von seinem Alter und von so stiller Art bedurft hätte; aber sie konnte nichts machen, als ihn bei sich haben, soviel es anging. Sie legte ihm aber manchmal die Hand auf den Kopf und sagte mitleidig: »Du armes Waislein!«

Dem kleinen Silvio wurde der Rico täglich unentbehrlicher; schon am Morgen fing er an zu jammern und nach dem Rico zu begehren, und wenn seine Schmerzen da waren, so schrie er noch mehr und wollte sich nicht mehr beruhigen, wenn der Rico nicht kommen konnte. Denn seit der Rico so fließend sprechen konnte, hatte Silvio eine neue unversiegende Quelle der Kurzweil bei ihm gefunden; das war sein Erzählen.

Rico hatte angefangen, dem Silvio vom Stineli zu erzählen, und da ihm selbst dabei so wohl wurde und sein ganzes Herz aufging, so wurde er dabei so lebendig und so unterhaltend, daß er nicht mehr zu kennen war. Er wußte hundert Geschichten zu erzählen, wie das Stineli einmal den Sami gerade noch am Bein erwischte, als er ins Wasserloch fallen wollte, und nun immerzu aus aller Kraft am Bein ziehen und dazu oben hinaus schreien mußte, während der Sami unten durch schrie, bis der Vater ganz langsam herbeikam, denn er nahm immer an, Kinder schrieen von Natur und ohne Not. – Und wie es dem Peterli Figuren ausschnitt und dem Urschli Hausgerät machte aus allen Stoffen, von Holz und Moos und Grashalmen. Und wie alle Kinder nach dem Stineli schrieen, wenn sie krank waren, weil sie dann vergaßen, was ihnen weh tat, wenn es sie verkurzweilte. Und dann erzählte Rico, wie er mit dem Stineli auszog, und wie es dann schön war, und seine Augen leuchteten dann so zündend und der ganze Rico wurde so erstaunlich belebt, daß der kleine Silvio ganz ins Feuer kam und immer mehr hören wollte. Und wenn Rico einmal stille hielt, so rief er gleich: »Erzähl wieder vom Stineli!« Eines Abends aber kam Silvio in die alleräußerste Aufregung, als Rico fortgehen wollte und dazu sagte, morgen und am Sonntag dürfe er nicht kommen.

Silvio schrie nach der Mutter, als wäre das Haus in Flammen und er läge mitten drin, und als sie im höchsten Schrecken aus dem Garten hereingestürzt kam, rief er immer zu: »Der Rico darf nie mehr ins Wirtshaus, er muß dableiben. Er muß immer da sein. Du mußt dableiben, Rico, du mußt, du mußt!«

Da sagte Rico: »Ich wollte schon, aber ich muß doch gehen.«

Die Frau Menotti war in großer Verlegenheit; sie wußte wohl, was der Rico den Wirtsleuten wert war, und daß sie ihn nicht bekäme, unter keiner Bedingung. So beschwichtigte sie den Silvio, wie sie nur konnte, und den Rico zog sie an sich und sagte voller Mitleid: »Ach du armes Waislein!«

Da schrie Silvio in seinem Zorn: »Was ist ein Waislein? Ich will auch ein Waislein sein!«

Nun kam auch die Frau Menotti in Aufruhr und rief: »Ach Silvio, willst du dich noch versündigen? Sieh, ein Waislein ist ein armes Kind, das keinen Vater und keine Mutter hat und gar nirgends auf der Welt daheim ist.«

Rico hatte seine dunkeln Augen auf die Frau geheftet, sie sahen immer schwärzer aus, sie bemerkte es aber nicht. Sie hatte gar nicht mehr an den Rico gedacht, als sie Silvio in der Aufregung die Erklärung gab. Rico schlich leise zur Tür hinaus und fort. Frau Menotti dachte, er sei so leise fortgegangen, damit der Kleine nicht noch einmal aufgebracht werde, und es war ihr recht. Sie setzte sich nun an das Bettchen und sagte: »Hör, Silvio, ich will dir's erklären und dann mußt du diesen Lärm nicht mehr machen. Siehst du, die Buben kann man einander nicht nur so wegnehmen, denn wenn ich der Wirtin nun den Rico nehmen wollte, so könnte sie kommen und mir den Silvio nehmen. Dann könntest du den Garten und die Blumen nie mehr sehen und müßtest allein in der Kammer schlafen, wo das Roßgeschirr hängt und wo der Rico so ungern hineingeht; er hat dir's ja schon manchmal erzählt. Was wolltest du dann machen?«

»Wieder heimgehen«, sagte der Kleine entschlossen. Er blieb aber nunmehr still und legte sich aufs Ohr.

Rico ging durch den Garten und über die Straße weg hinab an den See. Da setzte er sich auf sein Plätzchen nieder und legte seinen Kopf in beide Hände und sagte in trostlosem Ton: »Jetzt weiß ich's, Mutter; auf der ganzen Welt bin ich nirgends daheim, gar nirgends!«

Und so saß er bis in die Nacht hinein in seiner großen Traurigkeit und wäre am liebsten nicht mehr aufgestanden, aber in seine Kammer mußte er endlich doch wieder zurückkehren.

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