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Gutenberg > Felicitas Rose >

Heideschulmeister Uwe Karsten

Felicitas Rose: Heideschulmeister Uwe Karsten - Kapitel 9
Quellenangabe
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typefiction
authorFelicitas Rose
titleHeideschulmeister Uwe Karsten
publisherDeutsches Verlagshaus Bong & Co.
printrun317. bis 325 Tausend
year1920
correctorreuters@abc.de
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Den 1. März.

Heute ist mein neuer Bechstein angekommen.

»Du Verschwender,« sagte Lu, »ich werde dich unter Vormundschaft stellen müssen.« Aber er lachte dabei. Meine Freude ist seine Freude.

Ich will den andern Flügel nicht aus der Heide holen.

Den Schlüssel dazu habe ich an den Schlüssel gebunden, der zu meiner Bücherei gehört.

Ich weiß, daß Uwe Karsten ihn kopfschüttelnd anschauen wird, der Schlüssel ist lang und schmal und fein vernickelt. Dann wird es verstehend über sein ernstes Gesicht huschen, er wird das Schloß am Flügel probieren und wird ihn öffnen.

Und spielen?

Ich glaube nicht. Nicht gleich. Vielleicht erst nach Wochen.

Denn er hat Scheu vor allem, was einem andern etwas Liebes ist, eine heilige Scheu. Aber er wird über die Tasten streichen und daran denken, daß ich Beethoven darauf spielte.

Das sehe ich so vor mir.

Wenn er doch auch schon wüßte, daß die Orgel nach Kornhagen kommt, das Meisterwerk, sein Liebling.

Wie da sein stilles Auge leuchten wird!

So viele Freuden möcht' ich ihm geben, – kann ihm ja sonst gar nicht danken für die neue Welt, die er mir erschloß durch sein Wort und seine Schriften.

Ach, und ich kann ihm ja nur so karg danken, mit Väterchens Geld. Aber es ist doch ein liebes, gutes Geld, eben weil Väterchen es verdient hat.

Ganz leise habe ich einen Choral auf meinem neuen Flügel gespielt, zur Einweihung. Mutter Alslev hat es mich ja so gelehrt.

Ein wunderbares Instrument, ich habe es schon lieb und will sehr fleißig sein.

Nach dem stillen Choral habe ich es aber gleich geschlossen, denn Frau Sabine ist krank. Sie will niemand sehen, nur ruhebedürftig und reisemüde sei sie, ließ sie mir durch ihre Jungfer und Vertraute mitteilen.

Aber Jungfer Anna, die schon in Frau Sabines Elternhause gedient hat und sehr anhänglich an ihre Herrin ist, hatte rotgeweinte Augen.

Vorhin bin ich doch einmal im Krankenzimmer gewesen.

Frau Sabine schlief, erschreckend elend sah sie aus.

Einmal schrie sie bange auf.

»Otto!« kam es schluchzend, bebend von ihren Lippen.

»Sie bangt sich so nach dem jungen Herrn«, erklärte Jungfer Anna weinend.

Frau Sabine war von ihrem eigenen Schrei erwacht.

Sie sah mich klar, aber erschreckt und abweisend an.

»Soll Otto kommen?« fragte ich besorgt. »Es ist ja nicht mehr lange bis zu den Ferien.«

»Ich muß dich bitten, nicht zu spionieren«, entgegnete sie hart.

Da ging ich aus dem Zimmer.

Aber ich habe an meinen jungen Stiefbruder ein paar Zeilen geschrieben:

Lieber Otto, vielleicht kannst Du Dich einmal über Sonntag und Montag freimachen, um zu Deiner Mama zu kommen, die plötzlich krank geworden ist. Du weißt, wie sie an Dir hängt, und Jungfer Anna behauptet auch, die Krankheit sei Sehnsucht nach Dir. – Hoffentlich warst Du brav, damit Dein Hausvater keine Schwierigkeiten macht. Grüße Friedrich und gib bald Nachricht

Deiner alten Schwester Ursula.

Den 7. März.

Ich habe keine Antwort von Otto bekommen.

Jungs sind Jungs. – Er hat nicht viel äußere Formen und nimmt die Sache wohl nicht tragisch.

Frau Sabine ist überdies wieder auf, wenn auch für mich nicht sichtbar. Lu ist beinahe nur im Hause Vanlos, wie die alte Brigitte schon sehr richtig bemerkte, und Onkel Eberhardt und Tante Renate leben ihr gemeinsames Ekartédasein.

Ich bin recht einsam.

Vor einigen Tagen kam Doktor Klaus Bevensen aus dem Empfangszimmer von Frau Sabine, gerade als ich die Treppe hinunterging.

Er sah ärgerlich aus, als er mir freundschaftlich die Hand hinstreckte.

»Zu dumm, daß man Sie nicht ins Vertrauen zieht oder Herrn Ludwig«, bemerkte er. »Da hat man zwei grundvernünftige Lebewesen in seiner nächsten Nähe und...«

»Aber doch wohl nicht so vertrauenerweckend wie der ›unvernünftige‹ Doktor Klaus«, ergänzte ich lachend.

Er sah mich ernst an und ging dann rasch fort.

Den 20. März.

Heute ist Lu's Hochzeitstag.

Es ist eigentlich unverzeihlich, daß ich mich zu diesen Blättern niedersetze, da ich heute dem Hause Diewen vorzustehen habe.

Frau Sabine hat mir das Amt stillschweigend überlassen.

Sie liebt Lu nicht besonders, und Ellen Vanlos scheint ihr auch innerlich fremd bleiben zu wollen, wenngleich der märchenhafte Reichtum des Mädchens ihr großen Eindruck macht.

Senator Vanlos hat diesen Reichtum am Hochzeitstage seines einzigen Kindes verschwenderisch leuchten lassen. Sein Haus, darinnen die Trauung stattfindet, sieht aus wie ein Palast in den Märchen aus Tausendundeiner Nacht.

Und mitten darin mein schlichter Lubruder, – glücklich, o so glücklich!

Ja wahrhaftig, so glücklich, daß ich das wehe Gefühl des Unbeachtetseins tapfer hinunterkämpfte. Er sah nur sein junges, blondrosiges Bräutlein.

Jetzt sind sie auf dem Standesamt, – guter Gott, segne den Bund! Und mich laß nicht ganz einsam bleiben, – laß mir Lu's Liebe, ich habe sie so lange allein besessen.

Drei Stunden später.

Wieder ein Augenblick der Sammlung.

Das war ein Treiben und Hasten, ein Kommen und Gehen, – nun sind wir eben vom Frühstück aufgestanden. Ich will mich nachher in das Festgewand werfen und mit Bruder Lu nach Haus Vanlos fahren, wo die Trauung und das Mahl stattfinden sollen. Ich wollte, es wäre erst alles vorbei.

Die Erinnerung kommt wieder so stark über mich, die beklemmende häßliche Erinnerung an meinen eigenen Hochzeitstag.

Es ängstigt mich heut so vieles ...

Es ist so, als sei nicht das Brautpaar, sondern Ursula Diewen der Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Woran liegt das?

Senator Vanlos ist doch ein alter Mann – – – ich habe wie eine Tochter mit ihm verkehrt in den letzten Wochen, unbefangen und herzlich, denn ich verehre ihn sehr.

Auch wollte ich ihn vergessen machen, daß sein Augapfel Ellen so vollständig in ihrem Glücke aufgeht, in einem fröhlich lachenden Glücke, – das Kind sieht weder den Vater, noch die weinende Hausdame, welcher der Abschied namenlos schwer wird, – Ellen sieht nur Lu.

Und so soll es ja wohl sein. –

Aber mich ängstigt der »alte« Senator Vanlos.

Wir hatten noch gescherzt zusammen, – er nannte mir gute »Firmen«, von denen er behauptete, daß sie um mich würben, und bat, daß ich mich doch für eine entschließen sollte.

Und als ich lachend meinte, ich würde wohl bei der Firma Diewen bleiben, – da – – –

Ursula, ich glaube, du bist nervös. Gesteh es nur ein, es ist ehrlicher. – Aber die Tatsachen geben mir Recht. –

Abends.

Ich habe wirklich richtig geklügelt. –

Wie wunderlich ist die Welt!

Ein rechter Gemeinplatz, – und von solchem wollte ich so gern diese Blätter freihalten.

Aber man kann nicht immer nur Gold in die Hand nehmen, für das tägliche Leben braucht man kleine Münze.

Ich hatte mich fortgestohlen aus dem Hause Vanlos, – gestohlen ist der rechte Ausdruck.

Der Abschied von Lubruder griff mich an.

Kaum konnte ich der Tränen Herr werden, als ich in seine lieben Augen sah, die so durchleuchtet waren von vergangenen und kommenden Glücksstunden. Es waren aber selbstsüchtige Tränen, und als ich das erkannte, schämte ich mich. Herrgott, halte deine Hand über meinen Lu und sein junges Weib!

Zwei Stunden später als ich kamen Frau Sabine, Tante Renate und Onkel Eberhardt heim.

Erstere rauschte gleich darauf in mein Zimmer.

Sie hatte zwischen den Brauen eine böse Falte, – die ich schon als Kind fürchten gelernt hatte.

Diese Falte war stets der Vorbote von Gewittern gewesen, die aber nicht wohltuend, befreiend und reinigend wirkten, sondern hart einschlugen und dann brannten – tagelang.

»Warum hast du den Antrag des Senators Vanlos abgewiesen?« fragte sie kurz und bündig.

»Ich bin mündig und Herrin meiner Entschlüsse,« »Deine Entschlüsse waren bis jetzt recht töricht, ich denke, du läßt dir nun auch einmal von andern Menschen raten, die es gut mit dir meinen.«

»Meinst du es gut mit mir?«

Frau Sabine wurde rot und sehr ärgerlich. Sie haßt meine rasche, offene Art, die Leute zu fragen. Weil sie nicht antwortete, fragte ich gleich noch einmal:

»Wußtest du denn, daß – daß sich Senator Vanlos um mich bewarb?«

Frau Sabine wurde ordentlich lebhaft.

»Herr Senator deutete mir zart seine Absicht an, sich wieder zu verheiraten, und ich konnte ihm nur zustimmen. Er ist so liebenswürdig, so frisch, noch nicht alt –«

»Zweiundsechzig Jahre«, schaltete ich ein.

»Und märchenhaft reich! Ursula, sei nicht töricht! Dir läuft das Glück buchstäblich nach.«

»Mir??« Ich lachte bitter.

»Ja, dir! Und ich hoffte wirklich, du würdest es diesmal ergreifen. Du saßest gestern so nachdenklich, – Doktor Bevensen meinte, ›traurig-verträumt‹, neben dem Hochzeitsvater, daß ich glaubte, du überdächtest die ungeheuern Vorteile dieser Verbindung.«

»Nein, das tat ich nicht. Doktor Klaus Bevensen sah recht, – traurig war ich. Ich hatte Senator Vanlos lieb, – er war immer wie ein gütiger Vater zu mir. Nun habe ich ihn verloren, und – auch meine kindliche Liebe zu ihm.«

»Auf derartige empfindsame Spitzfindigkeiten verstehe ich mich nicht.« Frau Sabine war ernstlich böse. »Nun, der Geschmack ist verschieden. Dir behagt es, die Turandot weiterzuspielen, wie dich die hiesige Jeunesse dorée, und ich würde an deiner Stelle froh sein, nach der unseligen Sache mit Heinsius nun in den Hafen einzulaufen als Frau Senator Vanlos. Wie ein König ist er angesehen!«

Ich blieb stumm. Wird die Schmach meines Verlöbnisses mit Heinrich Heinsius immer lebendig bleiben?

Frau Sabine verließ mich im höchsten Zorn, soweit ihre korrekte Natur zornig werden kann. Und ich blieb zurück, müde und traurig, ärmer als je zuvor. Väterchen, du fehlst mir wieder einmal sehr! Auch der, den ich an deine Stelle setzte, dein alter, guter Vanlos, versagt – Väterchen – die Welt ist wunderlich. –

Den 21. März.

Frühlingsanfang!

Aber in den hohen Mauern der alten Hansestadt merkt man nicht so den drängenden Frühlingssturm, und nicht das Treiben und Blühen, wie in der weiten, weiten Heide.

Mich schüttelt das Heimweh buchstäblich.

Ach, jetzt hinfliegen dürfen über die endlose Fläche und den weißen Heideweg entlang bis zu dem dunkeln Kiefernwalde!

O der Duft, der wonnige Duft! Und jetzt stiegen gewiß die Lerchen auf und tirilierten in der Luft, und aus dem Schornstein des Heidehauses zogen Kräuselwolken, denn Mutter Alslev kochte ihren guten Nachmittagskaffee – über allem aber lag der Heidefriede. O die Sehnsucht nach diesem Frieden!

Noch einmal war Frau Sabine bei mir gewesen.

»Ursula, – um sechs Uhr will Senator Vanlos kommen, – er meint, er habe dich gestern erschreckt, – noch einmal will er alles ruhig mit dir besprechen.« Ich atmete schwer.

»Laßt mich doch in Ruhe«, bat ich.

»Ursula, du bist nie im Geleise«, klagte Frau Sabine. »Alle Freundinnen und Bekannten in deinem Alter sind längst Frauen und Mütter, und du – mit deinem großen Vermögen, deiner Klugheit, deiner Schönheit – – –«

Es war, als zähle sie irgendwelche gleichgültigen Haushaltungsgegenstände auf.

»Laßt mich in Ruhe«, bat ich noch einmal.

Aber ich bat vergebens, denn eben schlägt es sechs Uhr, und unten wird mit der bekannten Pünktlichkeit des Herrn Senators Vanlos die Glocke gezogen. Freilich klingt sie heute etwas stürmischer als sonst –

Zwei Stunden später. Es war nicht Senator Vanlos, der die Glocke zog.

Es war Christiane Alslev, die in fieberhafter Angst in mein Zimmer kam und fassungslos weinte, Seit diesem Augenblicke höre ich nichts als das Wort: »Uwe Karsten ist verunglückt!«

Ob er tot ist, – ich weiß es nicht, ob er schwer verwundet jetzt im letzten Kampfe ringt, ich weiß es nicht.

Ein verworrener Brief der alten Stina ist durch eine Reisende an Christiane gelangt.

Uwe Karsten hat den kleinen Heinrich aus dem Feuer retten wollen und sich dabei schwer verletzt. Wie das Feuer entstanden und wo, das ist alles aus dem unverständlichen Schreiben nicht zu ersehen.

Christiane kann nicht fort.

Schwerkranke sind in ihrer Behandlung, und das eiserne Muß ihres Berufes hält sie hier fest.

Aber ich kann hinfahren und will hin – ins Heidehaus.

Um neun Uhr geht der Zug, um zehn bin ich in Immenhof, und ich weiß, der Vorsteher des Bahnhofs hat einen kleinen Einspänner, der führt mich auf dem Heideweg hin zu ihm, – ich meine, zu dem Bruder der armen Christiane.

Ich will einen Trost für das liebe Mädchen holen oder eine schreckliche Gewißheit.

Dies Hangen und Bangen ist unerträglich.

Meine brave Jungfer Minna wird mich begleiten, sie packt nebenan die notwendigsten Sachen.

Senator Vanlos ist krank geworden, ich habe ihm ein paar freundliche Zeilen geschickt. Möchte nicht, daß er ungut an mich dächte.

Ich bin allen Menschen gut, auch denen, die mich quälen. Denn ich gehe in meine Heide.

Ich spüre keine Müdigkeit mehr, sondern Riesenkräfte.

Vielleicht muß ich ja mit dem Tode ringen, – der Uwe Karsten an sich reißen will.

Und ich will ringen und siegen.

Tief in der roten Heide wohnt das Glück ...
Ich hab's gespürt zu tausendmal,
Da man mich um mein Glück bestahl,
Da eingepfercht in Stadt und Gassen,
Rings Menschen nur und Menschenhassen;
Ein Heimweh ohne Maß und Ziel
Mich nach der beide überfiel.
Ich meint', ich müsse schier verzagen ...
Im Herzen drin ein flatternd Schlagen,
Als wenn ein Vogel – wandermatt –
Sein Heimatnest verloren hat.
Ich raffte mir den Wanderstecken,
Und ob sie höhnen auch und necken,
Ich hab' mein Bündel fest geschnürt
Und bin gegangen – ungerührt.
Die Sehnsucht gab mir Tröstung ein,
Saß ich zur Rast am Meilenstein,
Und Wegeweiser vielgestalt
Schuf mir des Heimwehs Allgewalt.
Bis endlich an der Böschung Rande
Die Birke ihre Zweige spannte,
Darin in eines Herzens Mitten
Sein und mein Name eingeschnitten.
Die rauhe Rinde küßt' ich sacht ...
Birkpilzchen hat dazu gelacht.
Auf weichem Sand, auf raschen Sohlen
Hab' ich mich weiter fortgestohlen,
Des Föhrenwaldes harz'ger Duft
Umgab mich voller Heimatluft. –
Da sah ich durch der Lichtung Flimmern
Des Heidehauses Strohdach schimmern.
Und mit ersticktem Jubellaut
Warf ich mich hin ins Heidekraut, –
Laßt mich, – ich lehre nie zurück,
Tief in der roten Heide wohnt das Glück.

Heidehaus, den 22. März.

Das werden wohl närrische Aufzeichnungen werden, bin ich denn noch ich?

Ein paarmal am Tage fasse ich meine eigenen Hände und taste an meinen Kopf und rufe laut meinen Namen.

Es könnte ja sein, daß ich plötzlich aufwachte.

Denn ich pflege immer lebhaft zu träumen; so könnte auch alles dies ein Traum sein.

Aber ich will »alles dies« schildern.

Denn ich habe nichts zu tun, – Uwe Karsten schläft.

Gestern abend zehn Uhr hielt der Zug in Immenhof. Und es war wohl hingesprochen worden, daß das einzige Abteil erster Klasse, welches die Kleinbahn führt, besetzt sei, denn der Einspänner des Vorstehers stand schon für alle Fälle wartend bereit.

Ich stieg rasch auf den schmalen Sitz zum Kutscher Peder hinauf, und wir fuhren in die stille Heide. Jungfer Minna sollte morgen mit dem ersten Zuge nachkommen. »Ist alles wohl im Heidehaus und Immenhof?« fragte ich, und mein Herz klopfte schnell und hörbar in meiner Brust.

»Allens wohl und allens unverändert, gnä' Frölen, es passiert je ok wohl rein gar nix bei uns, blot daß de Lütt, de Hinrich, de narrsche Patron, ja nun dod blewen is.«

Peder sprach voll Seelenruhe.

Mich aber überlief es eisig.

Heinrich Detleffsen tot! Ausgelöscht das kleine Menschendasein, das vom ersten Atemzuge an niemand zur Freude und jedermann zum Leide gelebt hatte.

»Wie kam es?« fragte ich heiser.

Peder steckte sich erst umständlich ein neues Priemchen in die Backe.

»Das kam so!« antwortete er endlich. »De lütt Hinrich war 'n gräsigen Slüngel, en richtgen SIeef un Driwer. Veer Johr, seggen jo de Lüd, ik glöw dat ni. Ne, gnä' Frölen, ik heww to min Fru seggt: ›Stina‹ segg ik, ›dat 's gor keen Kind, dat 's 'n Vampir.‹ Glöwen Se an Vampirs, gnä' Frölen?«

Ich schüttelte den Kopf.

»Kein ein' mocht den Hinrich leiden«, fuhr Peder auf hochdeutsch fort, er nahm vielleicht an, daß ich Platt nicht verstünde, weil ich so schweigsam neben ihm saß, und er ahnte nicht, daß ich nur mit der einen Frage rang: »Lebt Uwe Karsten Alslev?« und sie doch nicht zu formen vermochte.

»Ne, – kein Mensch in ganzen Dörp mocht' ihm leiden,« fuhr Peder fort, »und allens güng ihm aus 'n Wege, dem lütten Vampir. Denn er konnt' plötzlich ein' auf 'n Rücken sitzen un in' Hals beißen, wie wenn nix wär'. Aber uns' Schoolmeester, dat 's 'n Echten. De dollsten Slüngels bringt der auf 'n rechten Weg, allens mit Güte un Gerechtigkeit. Wenn ich denk', was ich mein' klein' Peder die vier Buchstaben verhaun hab' und wenn ich müde war, mit meine Ohlsch abwechselte un doch nix nützte mit den verd... SIeef, und denn kam er zum Schoolmeester un is mit eins en Keerl, an den man sein' Freud' hat, un allens mit Güte und Gerechtigkeit – – –«

Peder wischte sich die Augen.

»Woran ist der Kleine gestorben?« fragte ich rasch.

»Man sachtgen! Da bün ik all bei to vertellen. Also de Schoolmeester konnt' das wohl ab mit de lütten Vampir: De hatt' bannig Angst vor Herrn Alslev, aber man sah's an die kleinen, falschen, graugrünen Augens, daß er ümmer drüber nachsann, wie er seinen Pflegevater könnt' Böses antun. Mutter Alslev is gor nich ut de Angst rutekamen. Un neulich, da hatt' sik de Lütt in Ehr Zimmer 'reingeschlichen, gnä' Frölen, was jo sonst ümmer as 'n Heiligtum verschlossen is, und hat 'n Musikkasten abbrennen wollen.«

»Meinen Flügel!« stammelte ich.

»So heet dat Dings ja woll. Dor is nich veel 'an passiert, de Poletur hat 'n Loch, sonst nix. Aber de Schoolmeester is jo rein ut de Tür kamen und hett den lütt Vampir hochnamen. Un da löppt das Diert fort un nimmt den jungen, wunnerschönen, dühren Hund mit, den Herr Alslev in de Erziehung hat, und den he verschenken wull. Un de lütt Vampir holt sik noch sin Fründ, dat swarte Schaap in Herrn Alslevs School, den Jehann Hansohm, un de beiden begießen in der Scheune allens mit Petroleum, un denn sticken sie dat Dings an, äwer de Lütt halt sik sülwen mitbegossen un bratet as 'n jungen Hahn un de Hund ok. Un de Schoolmeester will beide retten, – da saust ihm en Balken up 'n Kopp – – – prrr, Lischen – nu sün wi all dor!«

Das Pferd stand – zitternd kletterte ich vom Wagen, denn aus dem Heidehause schimmerte Licht, ich war am Ziel. Rasch reichte ich Peder ein Goldstück, und als er's im Scheine der Laterne betrachtete, leuchtete sein gutes, ehrliches Gesicht.

»Gnä' Frölen sollten man öfters kommen«, meinte er. »Es is immer besser, das Herrschaftsaug' guckt auf allens mal drauf. Und adschüs ok.«

Er fuhr sacht davon auf dem weichen Heideweg.

Ich stand vor meinem Hause.

In jedem Fenster des Altenteils schimmerte Licht, und auch aus meinem Zimmer drang ein Schein durch die geschlossenen Laden.

Mein Herz schlug so heftig, daß ich mich gegen die niedere Tür lehnen mußte. In diesem Hause waren schwere Krankheit und Tod; die Sitte wollte es, daß in solchen Fällen alles erleuchtet war ...

Ich klinkte die Haustür auf, das Glöckchen schrillte, aber niemand kam mir entgegen. Da öffnete ich rasch meine Zimmertür.

Das große Gemach war von meiner Lampe erhellt, sie stand auf dem Flügel, und vor diesem saß – Uwe Karsten Alslev.

Leise, ganz leise strich seine linke Hand über die Tasten, sein rechter Arm lag in einer schwarzen Binde.

Ruhig drehte er sich um. »Mutter?« fragte er leise.

Wieder mußte ich mich an die Tür lehnen, denn meine Füße trugen mich nicht weiter.

Da schlug ein Laut an mein Ohr, fragend, jubelnd, scheu, glückselig: »Ursula!«

Und ich ging nicht, nein, ich flog zu ihm hin und stammelte: »Du lebst, Uwe Karsten!«

Diese Worte wiederholte ich immer wieder, und dann erst sah ich die Blässe seines Gesichtes und den fest verbundenen Arm.

»Du lebst, Uwe, aber du leidest.«

»Jetzt nicht mehr, Ursula, – du bist bei mir!«

»Uwe – meine liebe, liebe Heimat!«

Da küßte er mich.

Draußen brauste der Frühlingssturm über die Heide und wirbelte um das stille Haus. Aber er war nicht stärker als der Sturm in meinem Innern. »Wie sehr hab' ich ihn immer geliebt, den Gesellen da draußen,« sagte mein Uwe leise, – »du weißt es, mein Mädchen. Durch all meine Lieder fegt der Heidewind. Aber von heute ab soll er mein liebster Freund sein, denn er hat dich hergetragen zu mir, du Einzige!«

»Von heute ab bin ich dein liebster Freund«, entgegnete ich ernst, »Nicht einmal dem Heidewind gönne ich diese Bezeichnung. Er ist auch ein viel zu leichter, lockerer Geselle für dich, Uwe Karsten, – ich aber bin ein treuer Kamerad!«

»Wie hab' ich mich nach solch einem gesehnt«, rief Uwe schmerzlich. »Ursula, – ›ich hatt' einen Kameraden, einen bessern findst du nit‹ – vor vielen, vielen Jahren. ›Felix‹ hieß er, – ›der Glückliche‹. Sein schöner, verheißungsvoller Name deckte uns beide. ›Die Felixe‹ nannte man uns, die Unzertrennlichen. Aber ich konnte nach der Seminarzeit auch weiterhin im Geleise gehen, in den strengen Überlieferungen einer ehrenhaften Kantoren- und Organistenreihe. Ihn, meinen Felix, der eine Waise war, nahm das Leben und verdarb ihn, – den hochgemuten Jungen, verdarb ihn schändlich. Einmal, nach vielen Jahren, blieb plötzlich mit hartem Ruck meine Uhr stehen, die gleiche, die auch Felix zur Konfirmation erhielt von meinem Vater, der sein Pate war. Die Feder der Uhr war zersprungen und – sein Herz. Zur selben Stunde ist er gestorben – häßlich –, wie sein Leben war. Aber alle meine lieben, reinen Jugenderinnerungen sind mit ihm verknüpft, – requiescat in pace. Ich bin seitdem einsam gewesen.«

»Dein Weib?« fragte ich leise.

»Sie war mein Weib, ein gutes, treues, reines, mein Kamerad aber war sie nicht.«

»Hast du sie sehr geliebt, Uwe?«

Er zog mich rasch und kraftvoll mit der gesunden Linken an sich und sah mir tief in die Augen.

»Zittert mein starkes Mädchen? Dann weiß ich nicht, ob es stark und groß genug ist, mir die Vergangenheit zu lassen, oder ob ich ihm alles sagen kann.«

»Ich will stark und groß sein, Uwe!«

» Sehr lieb habe ich Sörine Witt gehabt. Wie man heiß und wild liebt mit dreiundzwanzig Jahren. So alt war ich, als ich mir mein Weib nahm. Ich war ein Schwärmer. Ich wollte nicht in dem Buche lesen, das mir meine Amtsgenossen zeigten, und in dem sie oft mit unreinen Fingern blätterten, – ich hatte mir eine Idealwelt aufgebaut. Und in diese Welt führte ich Sörine Witt. Sie lachte darüber, – so herzig konnte sie lachen über meine närrische Welt. Sie lachte auch über meine ersten Lieder. Aber dann war sie sehr stolz. ›Es reimt sich ordentlich‹, meinte sie glücklich. Und dann starb sie. Aber ich war nicht so allein wie damals, als Felix mich verließ, mein Kamerad. Ich hatte ihr Vermächtnis, das kranke Kindchen, hatte die stumpfen Alten, hatte mein Lied und meinen Beruf.«

»Liebst du ihn sehr, diesen Beruf?« »Nun zittert mein Mädchen noch stärker als vorhin. Komm du, komm! Ich will dich ganz fest an meiner Brust halten, damit du nicht umsinkst. Ja, Ursula, ich liebe meinen Beruf – über alles

Und das sagte Uwe Karsten Alslev, nachdem er mich geküßt, daß ich meinte, unter seinem Kusse vergehen zu müssen.

Ich sah in sein Antlitz, sein leuchtendes, sah seine hohe, reine Stirn, seine edeln Züge. Aber seine Augen, die tiefen, unergründlichen Augen sahen mich nicht an, sondern schauten durch die Wände des Heidehauses hindurch in Fernen.

»Sechzig Knaben und Mädchen, Ursula,« sprach er leise, »sechzig Menschenseelen! Und in jeder ein heiliger Gottesfunken, in jeder ein Durst, ein Verlangen nach Licht. In jeder eine rührende Bitte, daß man diesen Funken anblase, wachsen lasse, unermüdlich schüre, bis er zur reinen Flamme werde. Und mir gilt diese Bitte, Ursula, ich darf der Erfüller sein. Gibt es etwas Köstlicheres? Schulmeister! Man spricht es so gedankenlos hin, und doch sollte niemand so vermessen sein, sich so zu nennen. – Des großen einzigen Schulmeisters Handlanger. Das bin ich.«

»Und wer bin ich, Uwe Karsten Alslev?«

Er atmete tief auf, als käme er jetzt erst auf Mutter Erde zurück.

»Was sagte meine Ursula?«

»Ich fragte dich, wer ich bin?«

»Wer du bist, Ursula, das weiß das ganze stolze Hamburg. Aber was du sein willst, das weiß nur ich.«

»Sag' es mir, mein lieber Uwe.«

»Du willst mein Kamerad sein! Ein fester Friesenkamerad für den Uwe und up ewig ungedeelt mit dem Holsteiner Karsten. Habe ich recht, Kamerad?«

»Mehr will ich, – viel mehr!«

Er küßte mich sacht und zart auf die Stirn.

»Ein Mehr gibt es nicht, es ist das Höchste und umfaßt alles

»So laß mich dein Alles sein, Uwe Karsten Alslev.«

Wie es heimlich im Heidehüttchen war! Draußen das Singen des Windes, drinnen im Herzen das Singen des Glückes, das Jubeln und Stammeln und Beten.

»Meine Heiderose, wie schön du bist! Wie du leuchtest!«

»Ich stand so lange im Schatten, mein Uwe, nun blühe ich auf an deiner Brust.«

»Mädchen! Lieb! Einziges! Warum liebst du mich?«

»Weil du gut, klug und herrlich bist, mein Uwe!«

»Still, Ursula!«

»Still soll ich sein? Ei, so frage mich auch nicht.«

»Küssend will ich dich fragen, und mit Küssen sollst du mir Antwort geben.«

»Ursula, ich liebe dich unsäglich. Weißt du das?«

»Ja, mein Uwe!«

»Ursula, weißt du auch, daß du schön bist?«

»Ja, mein Uwe.«

»So schön, daß du einen König beglücken und einen Königsthron zieren könntest?«

»Ja, mein Uwe.«

»Ei sieh! So überzeugt bist du? Und woher weißt du es?«

»Weil es mir deine Augen sagen, und weil du der König bist, den ich beglücke, und die weite Heide mein Königsthron.«

»Weißt du aber auch, daß du klug bist, meine Ursula? Sehr, sehr, fast unheimlich klug für ein kleines Mädchen?«

»Ja. Uwe.«

»Köstlich und närrisch zugleich klingt dein ›Ja‹. Und woher kam dir diese Wahrheit?«

»Weil mich der kluge Uwe Karsten sonst nicht liebte.«

»Kurz und bündig, aber nicht arg verblüffend. Und wie, wenn meine Liebste sich irrte? Wenn ich nun dächte, schon genug Klugheit zu besitzen, und mir just – – ein Dummerchen aussuchte? – –«

»Oh! So dumm bin ich aber nicht, um das zu glauben!«

Wie er lachte! O wie herzlich mein Uwe lachen kann! Das habe ich so noch nie von ihm gehört, es klingt köstlich. Ich stimmte mit ein, es war ein klingendes Duett. »Weiß meine Ursula, daß sie ein wonnesames Lachen hat?«

»Ja, mein Uwe!«

»Oh, du weißt aber schier alles! Warum nimmst du dir denn einen Schulmeister, wenn er dich nichts mehr lehren kann?«

»Du sollst mich lehren, in solch unfaßbarem Glücke weiterzuleben, ihm standzuhalten. Ich meine, man müßte darinnen vergehen – –«

»Meine Ursula!«

»O du traute Stunde unseres Sichfindens!«

Ich küsse selbst die Blätter, denen ich das Heilige anvertraue.

Ernst und etwas bange schaute ich meinen Uwe an.

»Die Lichtchen in deinen Märchenaugen sind verdunkelt«, flüsterte er zärtlich. »Was bewegt meine Herzliebste?«

»Man darf nicht lachen im Totenhause«, raunte ich leise.

Er stand auf. »Es gibt ein heiliges Lachen«, sagte er ruhig. Dann winkte er mir: »Komm, mein Tapferes!«

Der Heidewind brauste stärker. Er rüttelte am Heidehaus, fuhr durch ein offenes Fenster im Altenteil und löschte die Lichter, die zu Häupten des toten Kindes brannten. Schier schauerlich klang das Fauchen in der dunklen Totenkammer. Ich folgte dir, Uwe, als du hinübergingst, um sie wieder zu erleuchten.

Tiefer Friede lag auf dem Gesichtchen des Knaben. Der Tod war als großer Menschenfreund gekommen. Und seine starke Hand hatte alles Häßliche fortgewischt. Ich konnte zum erstenmal erlösend weinen über die trübe Vergangenheit. Und konnte dir sagen, Uwe, daß der Tote mir nichts bedeutet hatte, und konnte dir danken für alle Güte und Liebe, die du dem Kinde erwiesen – um meinetwillen. Deine Mutter war ins Dorf gegangen, – ins Pfarrhaus.

Hamburg, 25. April. Gleich anderen Tages riß ich mich los aus unserm süßen Glück. O hätte ich es doch nicht getan! Wie groß und gewaltig ist meine Sehnsucht nach dir, Uwe Karsten Alslev. – Dieses Warten ist unerträglich und auch unser unwürdig. – Dies untätige Harren auf die Zustimmung meiner Sippe beschämt dich und mich. Uwe, mein Herzliebster, ich sagte dir so siegesgewiß, daß alle die Meinen dich mit Freuden in unsere Familie aufnehmen würden. Diese Siegesgewißheit war töricht, denn ich hatte ja selbst viel zu lange Zeit im Banne des Vorurteils gelegen. – Aber ich hatte meine Umgebung höher eingeschätzt, als mich selbst.

Dein leises, zweifelndes Lächeln hatte mich damals beinahe verstimmt. Und gleich, ohne lange zu zögern und zu prüfen, wollte ich dir den Beweis erbringen. O wie arm stehe ich nun vor dir. Mit so leeren Händen. Vergib ihnen, Uwe!

Wer bin ich denn?

Ein unwissendes Mädchen.

Und wer bist du, Uwe?

Ein König im Reiche des Wissens, – und ein Mensch, so voll Güte, voll Wärme, voll Liebe – Uwe Karsten Alslev, warum liebst du mich? Ich bin so klein gegen dich, und doch sagen die Menschen hier, – die Krämer – – »Schulmeister« sagen sie. Aber häßlich klingt das Wort in ihrem Munde. Nicht so hehr und gewaltig, wie du es aussprachst.

O du mein lieber, geliebter Schulmeister!

Weißt du noch, mein Uwe, als ich zu dir kam?

Weißt du noch, wie du mich küßtest?

Weißt du, wie die ganze Welt um uns versank und nur eine Insel übrigblieb?

Die Insel der Seligen.

Darauf waren wir beide.

Dann schrillte des Heidehausglöckchen wieder und deine Mutter kam herein. Sie sah mich an, und ihre Knie zitterten so, daß sie sich setzen mußte. Da saß sie in meines Väterchens rotem Ledersessel, und ich kniete vor ihr und sagte leise: »Mutter Alslev, ich bin dein Kind!«

Sie weinte nicht, deine Mutter, sie sah mich an mit grenzenloser Liebe, und zum ersten Male in meinem Leben fühlte ich nicht mehr den Schmerz, eine Waise zu sein. Dann sprach sie: »Mien Jung is de Best. Un wi drei sün nu eins.

Das war unsere Verlobung.

Am andern Tag begrubst du den kleinen Heinrich Detleffsen, und Pastor Sunneby und Frau Beate kamen nach dem Begräbnis und gaben mir viel Liebe und Herzlichkeit. Und der kluge »Pastur« sprach lange und viel von der Sünde der Väter, die an den Kindern heimgesucht wird, aber die ..Pastörin«, die ohne Brille bis ins Herz sieht, redete von der Liebe, die alles glaubt, alles hofft, alles duldet.

And als sie gehen wollten, hielt Frau Beate noch eine Weile meine Hände fest und sagte leise: »Ich sehe es mit meinem Herzen, daß Sie zu unserm Lehrer Alslev gehören. Gott segne Sie beide! Ein großes Glück schreitet zu unserm kleinen Dorf.«

Gute Frau Beate!

Dann saßen wir beide, mein Uwe, wieder still Hand in Hand in meinem Zimmer, und deine Mutter hatte sich die alte, silberbeschlagene Bibel geholt und las darin; ein tiefer, glücklicher Friede lag auf ihrem feinen, altehrwürdigen Gesicht.

Da, in der Stille und Heimlichkeit des friedvollen Heidehauses erzählte ich dir von Heinrich Heinsius, – ich verschwieg dir nichts.

Ich fühlte wohl das Zittern deiner Hände und hörte dein Herz rasch klopfen, als du meinen Kopf an deine Schulter bettetest. O hätte ich dir und mir die Beichte ersparen können!

»Mein armes Lieb!« Tiefes, herzliches Erbarmen klang aus deiner Stimme.

Dann war es lange still zwischen uns.

Aber du zogst mich fester an dich, und ich fühlte, daß ich in deiner Liebe geborgen sein würde in Zeit und Ewigkeit.

Hochgemut und froh fuhr ich nach Hamburg zurück, um alles für unsere öffentliche Verlobung vorzubereiten.

Jetzt weiß ich, warum du so düster und ernst gewesen warst, mein Uwe, warum du mich nicht von dir lassen wolltest aus dem Heidehaus. Und ich törichtes Mädchen rannte von meinem Glücke fort in diese Hamburger Öde hinein.

Krank bist du auch noch, mein Uwe, – ach all die Aufregungen waren ja Gift für dich und deine böse Armwunde. War' ich bei dir! Könnte ich dich pflegen! Ich glaubte ja, Frau Sabine oder Tante Renate würden gleich andern Tages mit mir ins Heidehaus fahren – – – ich war so stolz auf dich.

Aber ich habe hier noch kein frohes Gesicht gesehen in all den Wochen. Christiane Alslev lachte und weinte vor Seligkeit, als ich ihr mitteilte, daß ihr Bruder lebe. Ich mußte ihr alles erzählen von der bösen Wunde am Arm, den der herabstürzende Balken gestreift. Sie hielt meine Hand und küßte mich dann scheu und innig aus tiefer Dankbarkeit, daß ich selbst nach dem Heidehaus gefahren war.

Als ich dann aber erzählte, daß sie nun meine Schwester sei, wurde sie traurig und ängstlich.

»Ich sah diese Liebe kommen,« weinte sie, – »bei Uwe sah ich sie, – und ich hoffte, ich würde mich täuschen.«

»Hast du mich nicht lieb, Christiane?«

Sie schluchzte weh auf.

»Von ganzem Herzen. Aber Uwe ist so stolz – und Sie alle hier, Ihre ganze Familie und alle die vielen Bekannten und Freunde von Ihnen, sie stehen so hoch über meinem Uwe Karsten und – reichen doch nicht an ihn heran. Es wird endloses Leid geben, und mein Uwe hat schon so viel gelitten.«

Das besitzergreifende Fürwort tat mir weh.

»Er ist jetzt mein Uwe«, erwiderte ich fest. »Und ich will ihm Glück geben, so wahr mir Gott helfe.«

Sie nickte ernst, und ich ging mit tiefen Gedanken nach Hause. –

Ich habe an Lubruder meine Verlobung telegraphiert, und Uwe hat an ihn geschrieben.

Eine törichte Antwort traf telegraphisch ein.

»Bitte dringend, mit jedem entscheidenden Schritt zu warten, bis wir zurück sind.«

Wir! Was soll die kleine Ellen dabei tun? Gedenkt sie mitzusprechen, die siebzehnjährige Weisheit, wenn ich mein heiliges Lebensglück aufbauen will?

Lubruder! Komm rasch zurück. Ich bin sehr einsam hier in unserer hochmütigen Sippe, und ich möchte doch nicht so wieder vor Uwe Karsten hintreten – mit leeren Händen. Ich müßte mich schämen, so arm zu sein an Geschwister- und Verwandtenliebe, dem unermeßlich Reichen gegenüber.

Denn er hat eine Mutter.

Mutter Alslev, wie liebe ich dich und deinen Sohn! Kommt, umfangt mich mit euern treuen Armen! Euer Kind hat sich müde gesehnt und geweint. Gute Nacht, Mutter Alslev! Gute Nacht, Uwe Karsten, mein Liebster!

Hamburg, den 19. Mai.

Ich bin des Treibens müde.

Wenn es noch ein Kampf wäre!

Ein ehrliches Ringen und Fechten gegen einen ehrlichen Feind!

Was ich durchleide, ist häßlich und unwürdig.

Lubruder ist zurückgekehrt.

Lubruder!

Ist er es denn noch? Wie soll ich ihn aber sonst nennen? Ludwig Diewen ist er auch nicht mehr. Der war gut, klug, liebenswürdig, ehrlich und groß. Der jetzige Chef des Handelshauses Diewen ist der Sklave seiner jungen, hübschen, reichen, törichten Frau.

»Wie konntest du uns das antun?« klagte Ellen Diewen, geborene Vanlos.

»Was tat ich euch an?« fragte ich ernst zurück.

Sie setzte ein tief beleidigtes Gesicht auf, – das Kind, das kleine, dumme Mädchen.

»Schone Ellen«, bat Ludwig, als wir allein waren. Er sah gequält und nervös aus, aber schon, wenn er den Namen seines jungen Weibes aussprach, flog es hell über sein Gesicht.

Wie hat ihn die Liebe gewandelt! Aber nur seine Liebe versteht er, die meine schafft ihm Unbehagen.

»Lubruder, du warst doch erstaunt damals über Alslevs tiefe und vielseitige Bildung, du kennst ihn als Lehrer, als Mensch, – begreifst du nicht, daß ich ihn lieben muß?«

» Muß? Nein, Ursula. Du selbst sprachst von der Kluft, – der unüberbrückbaren.«

»Ja, Ludwig, ich tat es, und ich schäme mich jetzt dessen unsäglich. Noch ahnt es Uwe Karsten nicht, wie klein seine Braut war.«

»Seine Braut? Ursula, – besinne dich! Willst du im Ernst? – – –Allerdings, mündig bist du – – «

»Ludwig!«

Er war ganz bleich vor innerer Erregung, ich sah ihn an und suchte angstvoll nach einem Strahl der alten Liebe in seinen guten Augen. Und schon leuchtete es in ihnen auf, wie einst, als noch nichts uns trennte, da tönte von den andern Zimmern her Ellens kindisches Weinen, und Ludwig sprang erschrocken auf und lief eilends hinaus.

Ich aber saß allein, wohl eine Stunde lang in schweren, bitteren Gedanken.

Endlich kam Ludwig wieder.

Ein freierer Zug lag jetzt auf seinem ernsten Gesicht. »Ellen schläft«, begann er sichtlich beruhigt, »Sie darf jetzt durchaus nicht aufgeregt werden, meint der Arzt.« Wieder flog so ein Glückschein über sein Gesicht.

Er zog einen Stuhl dicht zu mir heran.

»Ursula. – Gott weiß, daß ich dich glücklich sehen möchte, aber – –«

»Es gibt kein ›Aber‹, Lu!«

»Was willst du tun, Ursula?«

»Was kann ich tun?« rief ich schmerzlich. »Ich kann zu ihm hinlaufen, denn ich bin mündig; du erinnertest mich vorhin selbst daran – – –«

»Vergib, Urschel!« Es war die alte, treue Stimme, und Lubruder nahm meine Hand und drückte sie fest. »Sage mir, wie ich dir helfen kann!«

Ich sprang auf. »Ja, Ludwig, hilf mir! Schreibe ihm, daß du ihn erwartest, – er wird kommen und bei dir, dem älteren, einzigen Bruder, um mich werben. Uwe Karsten hat dich lieb, – vom eigenen Urteil aus und durch meine Schilderungen von dir, – Lubruder. – Gib ihm die Hand und gib mich ihm!!! So allein ist es unser und seiner würdig.«

»Ursula, du willst Frau Dorfschullehrer Alslev werden?«

Ludwig sagte es beinahe tonlos.

Ich fühlte, daß ich rot wurde.

Ein häßliches Erröten.

Und meine Worte waren noch häßlicher. »Nein.« rief ich, »das will ich nicht. – Ich will die Gefährtin des Dichters Uwe Karsten sein, und die Gattin des herrlichen Menschen Alslev. Wir können uns unser Nest bauen, wo wir wollen, im Süden, im Norden, im Osten, überall kennt und achtet man seinen Namen. Wir werden reisen – –«

»Das ist etwas anderes!« entgegnete Ludwig ruhig. »Ich will ihm schreiben.«

Er ging rasch hinaus, viel zu rasch für mich.

Und ich stand da, mit wildschlagendem Herzen.

Jähes Angstgefühl überflog mich. –

Ich sah mich sitzen in stürmischer Heidenacht mit Uwe Karsten Hand in Hand. Ich sah sein edles Gesicht mit den leuchtenden Augen und hörte mich fragen: »Liebst du deinen Beruf, Uwe Karsten?«

Und hörte ihn antworten, laut und feierlich: »Aber alles

Was hatte ich eben getan?

War ich denn noch wert, daß er mich zur Gefährtin begehrte?

»Nein,« hatte ich ausgerufen, »ich will nicht Frau Dorfschullehrer werden!« Hinter Spitzfindigkeiten und Wortklaubereien hatte ich mich versteckt, ich – die aufrechte, stolze Ursula Diewen.

Seinen Beruf hatte ich geschmäht und hatte mich doch seinen treuen Kameraden genannt.

An Petrus mußte ich denken, der seinen Herrn verleugnete. Und auch ich wandte mich ab und weinte bitterlich. Auf wen soll Uwe sich verlassen, wenn nicht auf mich?

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