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Gutenberg > Felicitas Rose >

Heideschulmeister Uwe Karsten

Felicitas Rose: Heideschulmeister Uwe Karsten - Kapitel 8
Quellenangabe
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typefiction
authorFelicitas Rose
titleHeideschulmeister Uwe Karsten
publisherDeutsches Verlagshaus Bong & Co.
printrun317. bis 325 Tausend
year1920
correctorreuters@abc.de
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Den 6. Februar.

»Lubruder – warum sagst du mir nicht, daß du Ellen Vanlos liebhast?«

So fragte ich meinen großen Herzensjungen heute ganz rasch und ehrlich. Er war so erschrocken, mein Lu, ganz entfärbt schaute er mich an. Ich ließ ihm aber keine Zeit, verlegen zu sein, ließ ihm auch keine Zeit, dem törichten Gedanken nachzuhängen, daß er mein Schwesterherz kränke, – – ich nahm seinen Kopf in meine Hände, guckte ihm in die lieben Augen und fragte:

»Macht deine Liebe dich glücklich, Lu?«

Da war er mit einem Male, wo ich ihn haben wollte.

» Ja«, rief er, so laut und freudig und reckte und streckte seine große Gestalt, daß ich zu ihm aufschauen mußte. »Bis obenhin und durch und durch bin ich voll Glück, und jetzt – da ich weiß, meine alte Urschel fühlt mit mir, wie ein treuer Kamerad, – jetzt ist mein Glück strahlend, grenzenlos.« – –

»Hast du es ihr schon gesagt, Lu?«

»Heute«, gestand er mir. »Ich hätte es dir schon lange mitgeteilt, Urschel, aber – – –«

»Aber du glaubtest, ich würde dir mit altjungferlichen Bedenken kommen.«

»Du und altjungferlich! Ach nein, Ursula. Nicht mit mehr Bedenken, als ich sie selbst habe. Ich bitte dich, Urschel, – sie ist siebzehn Jahr, das halbe Kind, und ich – – –«

»Nun, und du? Greis von achtundzwanzig?«

Er wurde ernst.

»Das ist's nicht. Aber was habe ich erlebt! – Ich kann ihr wenig davon erzählen, – sie würde es kaum verstehen.« –

»Aber sonst versteht sie dich, Lu??« – – –

»Sie hat mich lieb! Mit einer süßen, reinen, ersten Mädchenliebe. Und dich hat sie lieb. Urschel, und unser altes Haus.«

»Das ist genug!« rief ich. »Bring' sie mir, Lu!«

Den 8. Februar.

Heute feierten wir Ludwigs Verlobung im engsten Kreise.

Nur Onkel Eberhardt, Tante Renate, Senator Vanlos, seine Hausdame, das Brautpaar und ich. –

Ellen Vanlos ist ein ganz liebes Kind.

Verwöhnt und reich, – aber mit warmem Herzen.

Sie »schwärmt« für mich, hat sie mir gesagt.

Das ist doch ein ganz guter Anfang, wie ihn nicht alle Schwägerinnen von der Braut des einzigen, geliebten Bruders erfahren.

Eine Freundin werde ich wohl nicht an ihr gewinnen, – mehr ein Töchterchen, scheint mir.

Wahrhaftig, ich komme mir uralt vor gegen Ellen Vanlos.

Der Senator gibt mit frohem, stolzem Herzen seinen Segen.

Er hat mein Väterchen sehr verehrt, und verehrt meinen Bruder. Das sind schon gute Grundlagen zu einer verwandtschaftlichen Freundschaft.

Seine Gattin starb bei Ellens Geburt.

Fräulein Holden, die alte Hausdame, und er haben das Kind wie ihren Augapfel behütet, wie das seltenste Pflänzlein.

Nun glauben sie, es wird köstlich weiterblühen am Herzen meines Bruders, und sie sehen ihren eigenen Lebensabend licht in der Erfüllung ihrer liebsten Wünsche.

Gott möge es walten!

Lange, lange habe ich an diesem Abend Zwiesprache gehalten mit unserm Herrgott.

Lu hat nur meine lachenden Augen gesehen.

Aber dem Allweisen, Allwissenden konnte ich meine Tränen zeigen.

Ursula, du bist allein!

Den 10. Februar.

Und wieder preise ich Arbeit und Unrast.

Unser Haus ist ein Taubenschlag. Die Gratulanten stürmen es förmlich.

Die Verlobung hat ungeheures Aufsehen verursacht, – freudiges Aufsehen.

Zwei bekannte große Häuser verbinden sich, – das erfordert auch äußeren Pomp, – ich muß täglich Honneurs machen, im Empfangszimmer oder in unsern Gesellschaftsräumen, wir haben beständig Gäste.

Ich komme kaum zu mir selbst und wenig zu diesen Blättern.

Dabei nagt geheime Sorge an mir.

Ich habe an Frau Pastor Sunneby geschrieben und um Aufklärung über Heinrich Detleffsen gebeten.

Wenn das Kind tiefe Störungen im lieben Pfarrhaus verursacht, so soll es fort.

Nie soll es Not leiden. In die beste, teuerste Anstalt will ich es tun, unter fester Hand kann aus dem jungen Geschöpf noch etwas Gutes werden.

Seine Mutter war gut.

Martha Detleffsen, dein Kind soll auch gut werden.

Warum muß ich immer an den schrecklichen Spruch denken: »Ich will die Sünde der Väter heimsuchen bis ins dritte und vierte Glied«?

Schlafe ruhig, Martha Detleffsen! –

Frau Pastor Sunneby schreibt:

Teures Fräulein Ursula!

Eine Frau bin ich von vierzig und darüber, und diese alte Frau kommt zur jungen Ursula Diewen, – verzagt, arg verstört, wie es sich gar nicht schickt für eine Pastorin, – eine Hirtin. –

Ach, – meine lieben Schafe in der Gemeinde machen mir mein Hirtinnenamt verhältnismäßig leicht, – aber das Böcklein, das ich in unsern stillen Pfarrgarten gesperrt, gibt mir bös zu schaffen.

Jeden Tag, jede Stunde beinahe holen seine kleinen Hände Steine herbei, und er hebt die Händchen und zielt mit seinen merkwürdigen kalten Augen und trifft mit jedem Stein das Herz seiner Pflegemutter. Was 'n Jung! Was 'n Jung! Hat die Eierschale noch am Buckel und tyrannisiert das ganze Haus.

Und denkt sich Sachen aus, auf die kein Christenmensch sonst verfällt. Lachen könnte man über den Dreikäshoch, wenn sie nicht so häßlich wären, die Sachen.

Mein Pastor und ich verlernen allmählich das Lachen.

Und das ist eben das Lächerliche.

Drei Jahre ist der Junge nach dem Taufschein alt.

Ich glaub's nicht.

Er hat oft etwas Greisenhaftes. –

Wie ein böser Kobold sitzt er dann da, und naht sich ihm etwas Wehrloses, so muß es gezwickt, geschlagen oder vernichtet werden.

Fräulein Ursula, – heute bin ich schon einmal am Herz ausschütten.

An diesem Buben haben wir uns nichts Gutes aufgeladen; mir schwant, daß er keine Stütze unseres Alters werden wird. –

Warum war ich nicht zufrieden mit meinem Pastor und seinem treuen Herzen?

Warum wollt' ich mit Gewalt mir Mutterglück ertrotzen?

Der kleine Unhold, den ich jetzt hab', schaut mir nicht nach einem Glücksboten aus.

Jeden Tag eine andere Magd, jeden Tag ein anderes Spielzeug.

Die Dorfbuben und Mädel machen »ks, ks«, wenn sie vorbeigehen, und reißen aus, wenn der Däumling kommt.

Mein Pastor ist auch zerkratzt und zerschunden, – von mir selbst gar nicht zu reden, denn ich hab's mir ja eingebrockt, – der einzige, vor dem er sich verkriecht, ist Lehrer Alslev, – der hat ihn neulich verhauen, daß Heini nicht sitzen konnte auf seiner kleinen Erziehungsfläche.

O du lieber Herrgott, – Grund hatte der Schulmeister wohl dazu und einen ehrlichen Zorn.

An einem halb erstarrten, hungrigen Sperling hatte sich der Jung vergriffen! ...

Es gibt ein greuliches Sprichwort:

»Pfarrers Kind und Lehrers Küh',
Wenn's gedeiht, gibt's gutes Vieh!«

Muß oft dran denken.

Wenn's gedeiht! –

Liebste, Sie müssen mir mehr von der Mutter erzählen. – Und den Vater, – kannten Sie den Vater?

Nach nichts haben wir uns erkundigt, blind hereingetappt sind wir. Das ist eine traurige Epistel. Klagelied Jeremiae, Vers 1, bis ins Unendliche.

Wären Sie doch hier!

Wie Sie uns allen fehlen!

Mutter Alslev ist ganz klein und gebückt geworden, trotz der Freude über ihren Jungen.

Sie hängt sehr an Ihnen.

Und mein Pastor und ich desgleichen.

Und unser Heideschulmeister und Dichter vor dem Herrn?? – –

Nein, nein, ich bin schon still. Es genügt, daß Sie einmal solch ein dummer Schnack aus der lieben Heide gejagt hat. – – – Aber wunderlich ist's doch, daß Sie gegangen sind, – so ein tapferes Mädchen, das doch wahrlich schon mehr um die Ohren gehabt hat, als einen Mückenschwarm verrückter Dorfweiber.

Die Leute sind hier nicht schlimmer als anderswo, – sie sind sogar besser.

Die Liebe zwischen zwei jungen schönen Menschen dünkt ihnen etwas Natürliches, – von sogenannter Freundschaft verstehen sie nichts.

Nun tut es ihnen längst leid, daß dumme Reden Sie vertrieben haben, die so viel Gutes tat an Dorf und Umkreis, aber ich lasse die Klatschbasen zappeln. Und, daß ich's nur sage, die prachtvollen Weihnachtsgeschenke habe ich noch nicht unter sie verteilt, – – das fehlte noch, unartigen Gören auch noch Zuckerwerk zu geben.

An jedem Nähvereinsabend bekommen sie die Leviten gelesen, was wir an Fräulein Diewen verloren haben; das wirkt mächtig, es sind moralische Nähstunden. –

Aber nun habe ich geredet und geredet, ein halbes Tintenfaß ausgeschwatzt. Es tat so wohl, Fräulein Ursula, ich habe neue Kraft aus Ihrem ruhigen Zuhören geschöpft.

Und werde sie auch brauchen.

Denn draußen zetert Stina, und Heinis häßliches Geschrei vermischt sich mit dem kläglichen Miauen unserer Mieze. Das arme Tier führt jetzt ein jämmerliches Dasein.

Wie ist es nur möglich, daß einem die unvernünftige Kreatur, die schweigsame, nicht ans Herz wächst, – sie ist mir vielfach lieber, als die sogenannte »vernünftige«.

Aber ich will nicht noch ins Philosophieren kommen.

Alles Gute für Sie, verehrtes, liebes Fräulein!

Sollte das Herz Sie einmal hertreiben, – nur nicht zögern, wir brauchen Sie arg, – alle miteinander.

Ihre getreue Beate Sunneby.

»Man braucht mich in der Heide! Alle miteinander brauchen sie mich!« Das ist ein köstliches Wort, und ich sage es mir täglich und stündlich vor.

Es ist wie ein alter Wein, den man schluckweise zu sich nimmt, – er belebt, stärkt, ja er berauscht sogar.

»Sie brauchen mich in der Heide!«

Nun könnte ich sogar die »Zweite« vertragen. Ich fürchte, sie kommt heim, wenn sie von Bruder Lu's Verlobung erfährt.

So ein großes Familienfest mit »Repräsentation«, das ist etwas für Frau Sabine. –

Wie oft habe ich schon über das Rätsel nachgedacht, was eigentlich mein Väterchen, das doch so ganz mit mir verwachsen war, zu dieser Zweiten hinzog. Dieses Etwas müßte doch ein Bindeglied zwischen ihr und mir sein, – aber ich finde nichts. Meine Stiefbrüder habe ich noch gar nicht erwähnt.

So fremd sind sie mir geworden und waren doch einst meine ganze heimliche Wonne.

Jetzt sind es hochaufgeschossene Burschen, aber keiner von ihnen gleicht Lu. Friedrich und Otto sind in Pension in Hannover bei ihrem Klassenlehrer, Tante Renate hat mir einiges von ihnen erzählt, ich kann mir aber nur ein farbloses Bild machen.

Die »Zweite« hat ihre eigenen Kinder so geflissentlich von mir ferngehalten, daß ich gar keine Beziehungen zu ihnen habe, – wie eigentümlich weh tut mir das manchmal!

Sie heißen doch Diewen, – sind Zweige von unserm Stamm.

Es ist nur ein schwacher Trost, daß es Lu ebenso geht mit ihnen wie mir. Ich kenne kaum ihren Entwicklungsgang.

Friedrich soll klug und ein umsichtiger Kopf sein, die Lehrer berichten günstig über ihn. Er scheint auch das Zielbewußte von unserm Vater geerbt zu haben, und sein Lebensplan schwebt ihm vollständig fertig vor.

Anders Otto.

Er war schon immer körperlich der Schwächere, aber auch sonst ist er haltlos, und die »Zweite« soll schon viel Sorge mit ihm gehabt haben. Dabei ist er ihr Liebling, denn er hat die wenigste Ähnlichkeit mit uns allen.

Wären die beiden Schüler doch hier!

Ich könnte mit ihnen arbeiten, mit ihnen lesen. Früher hatte ich ja immer Buben als Spielgefährten, ich verstehe also ganz gut, was in so einer Jungenseele vorgeht.

Viel zu wenig Pflichten habe ich noch.

Das sind alles so viel Scheinpflichten, die ich ausübe, und aus denen dann so unendlich viel Wesens gemacht wird.

Nie konnte ich so arg große Achtung vor einer Hausfrau haben, die aus dem vollen schöpft und mit diesem Reichtum dann etwas Gutes zustande bringt.

Doch beneide ich manchmal unsere alte Brigitte, wenn sie so »mit Liebe« kocht – alle unsere Leibspeisen. Ich möchte auch für jemand so ganz sorgen, so alles für ihn tun. –

Aus jedem Runzelchen von Brigittens gutem Gesicht strahlt befriedigter Ehrgeiz und – noch etwas anderes.

Eben Liebe.

Die doch die »Größeste unter ihnen« sein soll.

Ich finde diese Liebe so dünn gesäet im Hausgarten Diewen, – aber sie blüht und leuchtet unten im Küchengarten. – Brigitte, der alte Kaspar, Jungfer Minna, – alle haben mich lieb, warm und herzlich lieb. Spreche ich so etwas aus, dann fährt Tante Renate beinahe aus der Haut. Sie nennt es »moderne demokratische Gesinnung«.

So hole ich mir oft heimlich das Trüppchen aus dem Erdgeschoß in mein Zimmer herauf.

Onkel Eberhardt und Tante Renate gehen Schlag zehn Uhr zu Bett, dann beginnt meine Erholungszeit. Die teile ich gern bisweilen mit Brigitte, Kaspar und Jungfer Minna. –

Sie sitzen dann um meinen Tisch, die Frauen mit einer Handarbeit, Kaspar andächtig die Hände ineinandergefaltet, – und ich lese ihnen vor.

Rosegger, Reuter und Raabe sind meine Schriftsteller für sie.

Zum Schlusse – zur Belohnung dann irgendein schönes Heidelied von – Uwe Karsten.

Aber wir lassen nicht nur fremde Zungen reden, wir reden auch schlicht miteinander von dem, was uns selbst betrifft. Die Leute haben gutes Vertrauen zu mir und bringen ihre kleinen Leiden und Freuden in mein Zimmer. Vieles davon bleibt bei mir zurück, auf daß ich es tragen helfe.

Gestern stand Brigitte noch ein Weilchen in der Tür, als Kaspar und Minna schon gegangen waren.

»Willst du noch etwas?« fragte ich.

»Für mein Leben gern möcht' ich wissen, wie's dem Fräulein Ursulachen ums Herz ist. Ob der Herr Heinrich Heinsius alle Freude in sein dunkles Erbbegräbnis mitgenommen haben, und ob wir nie eine fröhliche Hochzeit hier erleben werden.«

»Alte Brigitte!« – – – ich legte den Arm um sie – »der Herr Ludwig heiratet ja nun bald, da gibt's eine frohe Hochzeit.«

Sie schüttelte den Kopf.

»Dein Sohn bleibt dein Sohn, bis ein Weib er gefreit,
Deine Tochter dein eigen in Ewigkeit«,

versetzte sie vortragend. »So ist es, Fräulein Ursulachen. Sie sind und bleiben das echte Kind vom Hause Diewen, – der Herr Ludwig marschiert jetzt schon nach der Vanlos-Sippe 'rüber, – so ist das bei die Mannsleute.«

Und über dem Ärger ob dieser unbestreitbaren Tatsache vergaß das alte Weiblein völlig seine brennende Frage an mich.

Ich war ihm dankbar.

Den 15. Februar.

Die Leute sagen, einen so schlechten Vorfrühling hätten sie noch nie gehabt, Regen und Schnee und Schnee und Regen, und zur Abwechslung orkanartiger Sturm, – einen Himmel grau in Grau.

So sagen die Leute.

Warum befinde ich mich nur immer im Widerspruch mit dem, was die Leute sagen? Warum trotte ich nicht alleweil im Geleise »hü hott, hü hott«, wie die andern?

Ich finde den Himmel blau und sonnig, und die Luft ist voller Frühling. Eben wirft der Sturm mein Fenster auf, und einen ganzen Regenschwall jagt er zu mir herein.

Ein paar Blumentöpfe hat er umgeworfen, aber nicht geknickt sind meine Narzissen und Krokusse, sie sehen nur ein wenig erschrocken aus.

Und die Topfscherben, was kümmern sie mich?

Es ist Frühlingsfeier von Lu's Polterabend.

Ich bade mein Gesicht, meine Hände im Frühlingsregen, – – in mir ist ein großes Freuen.

Einen Brief habe ich!!

Da liegt er in Väterchens großer Schreibmappe, die nun mein eigen ist, liegt da eingehüllt in einen selbstgefertigten großen Briefumschlag aus gelbem Papier, und mit einer großen, schönen, klaren Handschrift ist die Adresse darauf geschrieben.

Wie oft habe ich sie mir schon betrachtet, und den Brief – den kenne ich auswendig.

Und wenn Lehrer Alslev verlangte, ich sollte mich auf ein Schulbänkchen vor ihn setzen und den Brief tadellos, fehlerfrei hersagen, so würde ich es ohne Bedenken tun!

Mein liebes Fräulein Ursula!

Das ist ein rechtes Ausruhen, daß ich an Sie schreiben darf.

Frau »Pastörin« hat mir die Nachricht gebracht, daß Sie von mir Auskunft wünschen. Dank dafür.

Mit Heinrich Detleffsen kann vielleicht noch alles gut werden, – hoffe ich.

Nur im Pfarrhause nicht, wo alles vor ihm duckt und ausreißt, – Ehrwürden Sunneby mitgerechnet.

In ganz feste Hand muß das Jungchen kommen. Glauben Sie, daß die meine fest genug ist?

Denn im Altenteil Ihres Heidehauses sitzt jetzt das kleine Ungetüm, das schon mehr Kopfzerbrechen nach Immenhof getragen hat, als die ganzen Geschlechter Schulmeister Alslevs mit ihren schwierigsten Rechenaufgaben. Ich konnte die Furcht und Angst der verehrten Frau Beate gar nicht mehr mit ansehen und machte den Vorschlag der Übersiedlung, seit dieser Zeit strahlt das pfarrherrliche Paar völlig hochzeitlich durch unser Heidedörflein.

Mutter will Heini gerne »warten«.

Ein etwas mißglückter Ausdruck, denn sie kann unmöglich hinter dem Quirl her sein, dazu ist sie zu alt.

Aber ich bin's nicht und werde auf dem Posten sein, – Heini ist für mich ein sogenannter »interessanter Fall«.

Denn erstmal ist es der wunderlichste Heilige, der mir je im Kinderkittel vor die Füße trudelte, und zweitens – haben Sie das Kind lieb.

Vergessen Sie das nie, Fräulein Diewen.

Auch wenn wir uns nie wiedersehen sollten, wird dieses Kind mir heilig sein.

Ihr Uwe Karsten Alslev.

Sollte ich ihm schreiben, daß er im Irrtum sei? Daß dieses Kind mir nichts bedeute? Daß es mir nicht Liebe, sondern Grauen erwecke?

Lange habe ich gesorgt und überlegt. Ich habe nichts davon geschrieben.

Aber nicht ganz selbstlos war dieser Entschluß.

Ich dachte nicht nur daran, das Kind in der besten Obhut zu lassen, ich dachte auch an mich.

So öde ist mein Leben, wenn ich mich nicht auf einen Brief freuen kann. Dieses Kind verhilft mir dazu, – zu einem Brief von Uwe Karsten Alslev. –

»Wem das Herz voll ist, dem geht der Mund über.«

Nicht immer spricht das Wort wahr.

Meine Antwort war kurz und karg:

»Lieber Herr Alslev, ich danke Ihnen. Aber wenn die Last zu schwer wird, müssen Sie zugeben, daß man sie Ihnen abnimmt.

Die einsame, stille Heide soll Gott befohlen sein!

Ihre Ursula Diewen.«

Den 20. Februar.

Es fehlt nie an Überraschungen. –

Heute kam »die Zweite« an.

Sie wollte monatelang fortbleiben, und es scheint nicht, als ob Ludwigs Verlobung die treibende Ursache ihrer Rückkehr ist.

Recht verändert fand ich sie, blaß und nervös, weniger scharf als sonst, als ob ein tieferes Leiden sie quäle.

Aber als ich sie ruhig unter vier Augen fragte, wurde sie ganz und gar Eiszapfen und verbat sich jede Teilnahme meinerseits.

Es tat weh, und doch kann ich es nie lassen, den Menschen helfen zu wollen, die mich gar nicht rufen.

In der Begleitung der »Zweiten« befand sich Doktor Klaus Bevensen. Er war früher Ottos Klassenlehrer, ehe er vom Gymnasium abging, um sich ganz seinen Forschungen zu widmen.

Später hat er meinem Vater zuliebe den Jungen manchmal in den Ferien vorgenommen, bis die Zwillinge nach Hannover kamen; jetzt hatte er die »Zweite« zufällig auf der Reise getroffen und war mit ihr heimgekehrt.

Unsere Begegnung auf dem Bahnhof war sehr herzlich.

Doktor Bevensen ist nicht der Mann, dem »Menschen« entgelten zu lassen, was die »Frau« ihm tat.

Wir freuten uns beide über das Wiedersehen, und er nahm unbedenklich in unserm Wagen Platz, als ich es ihm anbot.

Seine Wohnung ist nicht weit von der unsrigen, und während wir dahin fuhren, plauderten wir von allem möglichen, nur nicht von dem, was möglicherweise jedem von uns am Herzen lag, bis er plötzlich lebhaft sagte: »Ich soll Sie grüßen.«

»Von wem?« fragte ich erstaunt.

»Vom Dichter Alslev, vom Heideschulmeister.«

Ich sah auf die »Zweite«, die ein hochmütiges, abweisendes Gesicht aufsetzte. Das veranlaßte mich zu sagen: »Der Gruß ehrt mich.«

»Das tut er«, meinte Doktor Bevensen unbefangen. »Sie haben den Sonderling kennengelernt, und Ihnen traue ich's zu, Fräulein Diewen, daß Sie es ernst mit Ihrer Bemerkung meinen.«

»Ganz ernst, Herr Doktor.«

»Seine ›Heide‹ werden Sie kaum gelesen haben, es ist kein Werk für Frauen, verzeihen Sie, meine Damen, sondern für Gelehrte. Aber wenn Sie erlauben, lese ich Ihnen später einmal etwas daraus vor. Himmel nochmal.« Er rieb sich aufgeregt die Hände.

»Man weiß nicht, ob Uwe Karsten als Botaniker oder als Mensch größer ist. Ich habe ihn auch als Lehrer kennengelernt, denn ich durfte in seiner Klasse zuhören und – ich müßte umlernen, – wahrhaftig, völlig neu anfangen, wollt' ich noch mal Schulmeister spielen. Auch als Menschen habe ich ihn beobachtet, einem dreijährigen kleinen Scheusal gegenüber, das er sich als Pflegekind angenommen. Dieser Alslev ist die verkörperte Güte, – und kann doch in so heiligen Zorn geraten ...«

Ich mußte meine Hände fest in meinem Muff zusammenhalten, denn sie wollten herausfliegen und sich dem biederen Manne entgegenstrecken, der so warm, so herzlich von dem Einsamen in der Heide sprach.

»Und sein Buch macht den Siegeslauf durch die Welt«, schloß Doktor Klaus. – »An allen Universitäten ist es das Tagesgespräch. Sie beraten über den Doktor honoris causa. – So ein Heideschulmeister! Donnerw...«

Der Wagen hielt. Es war die höchste Zeit.

Die »Zweite« war der äußersten Erschöpfung nahe, soweit ich das beurteilen konnte, und ich selbst – war ganz närrisch vor Glück.

Aber das hat niemand gemerkt.

Vielleicht haben meine Augen gestrahlt, ich kann sie nicht immer im Zaume halten, aber der gute Doktor Klaus ist kurzsichtig.

Als wir ausstiegen, und Doktor Klaus uns dabei half, sagte er zu mir: »Auf Wiedersehn«, und zu Frau Sabine:

»Kopf hoch, gnädige Frau, ich werde wachsam sein.«

Sollte ich mich getäuscht haben?

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