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Gutenberg > Felicitas Rose >

Heideschulmeister Uwe Karsten

Felicitas Rose: Heideschulmeister Uwe Karsten - Kapitel 4
Quellenangabe
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typefiction
authorFelicitas Rose
titleHeideschulmeister Uwe Karsten
publisherDeutsches Verlagshaus Bong & Co.
printrun317. bis 325 Tausend
year1920
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Immenhof, den 1. Dezember.

Als ob ich berauschenden Wein getrunken hätte!

Tausend tanzende, törichte Tollheiten wirbeln in meinem Kopf!

Lauter lachende Liebe in meiner Brust.

Liebe zu meiner Heide und all ihren Gottesgeschöpfen.

Die suchte ich mir, wo ich sie fand; und weil draußen fußhoher Schnee lag, und drinnen die Zimmer vereinsamt waren, so lief ich in den Stall, aus dessen stillem Halbdunkel mir wohlige Wärme entgegenkroch.

Liese, die Kuh, wurde gerade von Mutter Alslev gemolken, und Jungfer Minna stand mit gefalteten Händen dabei, ein rührendes Bild.

Einige Heidschnuckchen liefen auf mich zu und leckten mir die Hände, die sie nicht noch einmal wieder so leer finden sollen, wie ich mir gelobte. Ich kraute ihnen die kurze Wolle und konnte mich dabei kaum ihrer stürmischen Zärtlichkeiten erwehren, bei denen ihnen Spitz, der Schäferhund, springend, bellend und lockend beistand.

Die graue Katze sprang auf meine Schulter und ringelte ihr Schwänzlein um mein Ohr, – an meine Füße stießen Max und Moritz, die beiden feisten Schweinchen, ihre Schnäuzchen.

Lauter lebendiges Leben.

Aufgewacht bin ich! Ganz hell wach! Und spüre zum ersten Male seit vierundzwanzig Jahren, daß ich jung und gesund bin. – Die Leute sagen: »Schön und reich dazu!«

Wie nütze ich das alles?? Lubruder weiß Rat. Da ist ein Brief von ihm:

Liebe kleine Urschel!

Deine wunderliche Vorliebe für die weite, einsame Heide in allen Ehren.

Aber ich gebe Dir nur ein Jahr Frist, dieser selbstsüchtigen Idee zu frönen, – wir leiden zu sehr darunter.

Daß unter dem »Wir« weder die »Zweite«, noch Onkel Eberhardt, noch Tante Renate oder die beiden Stiefbrüder zu verstehen sind, ist Dir von selbst klar. Aber da ist denn noch die alte Brigitte, die ich Dir nächstens ins Heidehaus jagen werde, weil ich eine Abneigung gegen vorwurfsvolle, täglich rotgeweinte Augen habe. Da ist ferner der Kaspar, der seit Deiner Abreise ein sehr zerstreutes Faktotum abgibt, und der Brigitte wohl folgen wird. Diese beiden alten Menschen können im Schatten nicht gedeihen, wie es scheint, – wie ich ohne Sonne vegetiere, danach fragt niemand.

Nun ist da noch ein Dritter, – Urschelchen, sein Brief liegt neben mir.

Der Rittergutsbesitzer von Haldenwanger fragt wieder an.

»Wie ist's, lieber Diewen? Die Frau fehlt mehr denn je in meinem großen Hause, meine beiden Mädels wachsen heran und mir über den Kopf und – bei aller wohlüberlegten, nüchternen Umschau unter den Töchtern des Landes gefällt mir keine so – so wirklich außerordentlich, wie Ihre liebe Schwester. Das erstemal kam ich zu rasch, zu stürmisch – die Wunde war wohl noch nicht vernarbt, – aber es ist ja nun über Jahr und Tag, – Diewen, glauben Sie, daß ich einmal nach dem Heidehaus fahren dürfte, oder – wollen Sie mein Brautwerber sein? Fräulein Ursula hätte eine schöne Mission zu erfüllen an meinen mutterlosen Mädchen, und, wie ich Ihre Schwester kenne, fällt dieser Umstand zu meinen Gunsten in die Wagschale.«

So, Urschel, nun habe ich Dir das Hauptsächlichste geschrieben aus seinem langen Briefe, geh mit Dir selbst zu Rate, oder willst Du mich haben, – Dein Lu ist jederzeit für Dich da.

Urschel, – da ist aber noch einer. –

Alte Deern, Du ziehst so geruhig Deinen Heideweg und stiftest doch so viel Unruhe.

Der Klaus Bevensen. Urschel, ich weiß, Du lachst nicht über meinen Doktorfreund und wunderlichen Kauz und goldtreuen Gesellen.

Er ist nun wieder heimgekehrt von seiner indischen Forschungsreise, und seine wunderbaren Sammlungen erregen das Entzücken der Kenner. Wer den Doktor Klaus sieht, ja selbst einige, die behaupten, ihn sehr gut zu kennen, ahnen nicht, daß es etwas in der Welt gibt, das ihn mehr interessiert als seine Wissenschaft, und was damit zusammenhängt. Mein dummes kleines Urscheli! – –

Ach, die Liebe, die Liebe! Diese närrische Weisheit! Dies unheilvolle Glück! Dieser lachende Trübsinn, dies widerspruchsvolle Einverständnis!

Also Schwesterlein, mein urgescheiter Doktor Klaus hat keinen Kopf mehr: Schaffe ihn wieder auf seinen alten Platz, und das treue ehrliche Herz dazu, das irgendwo in der Heide umherläuft.

Zornig könnte man werden, daß Ihr Frauenzimmerchen solche Macht besitzt, und ahnt es nicht.

Oder doch? Urschel, – hast Du gewußt???

Gib bald Nachricht Deinem Treuesten.

Ludwig.

Antwort:

Mein Lu! Ja, ich ahnte! Und mich schmerzt es.

Grüße den Doktor Klaus. Hätte ich eine Schwester, ich bäte sie, diesem Prachtmenschen ihr Leben anzuvertrauen, wie wäre sie geborgen! Meine Schwester!

Ich nicht. In mir ist's so tot und still – gegen Menschen, Lu.

Ich kann nichts mehr liebhaben, als meine Heide.

Du, mein Lubruder, stehst über den Parteien. –

Aber bei dem Gedanken, noch einmal, wenn auch nur in schattenhafter Ähnlichkeit, das durchzumachen, was ich schon erlebte, – ein Verlöbnis – – Lu, ich werde eiskalt vom Wirbel bis zum Zeh.

Das ist vorbei.

Vierundzwanzig Jahre bin ich alt in Wirklichkeit, – in meinem Fühlen manchmal achtzehn und manchmal neunzig.

Diese schreckhaften Lücken will ich nun ausfüllen.

Und dazu brauche ich noch die Einsamkeit. – Nur ein Jahr willst Du mir geben? Lu, ich bin mündig, und nehme mir meine Lebenszeit dafür. Gegen Bruder- und Schwesterheimweh aber gibt es Fernsprecher und Telegraphen und zwei ganze Schnellzüge und einen alten, wackligen Omnibus und ein Rad.

Vom Herrn Rittergutsbesitzer von Haldenwanger wollen wir nicht lange sprechen. – Einst hätte mir die »Mission an zwei mutterlosen Kindern« zu denken gegeben, aber zwischen dem Einst und Jetzt liegen meine Verlobung mit Heinrich Heinsius und das Sterben aller meiner Ideale. Ich denke, Mutter Alslev hat recht, die mir erzählte, daß Haldenwangers Gut vollständig durch seine Mißwirtschaft herunter ist, daß mein Geld, und vielleicht auch Deins, Bruder Lu, da wundervoll aushelfen soll, weshalb Herr von Haldenwanger gleichzeitig um drei Erbinnen wirbt, auch mit einem Gesuch in der Zeitung steht.

Bruder Lu, wie lieb, wie rein und gut und schön ist meine Heide gegen das alles!

Laßt mich in Ruhe. Ja?

Mein liebster Bruder, ade! Gott behüt' Dich und den, dem ich weh tun muß.

Deine Ursula.

Den 2. Dezember.

Ich mußte mich erst eine ganze Weile besinnen über Bruder Lu's Brief.

Mir war alles so fremd geworden, auch die beiden Namen darinnen, die sich doch so eng mit dem meinen verknüpfen wollten.

Mich dünkte jedes Werben Schmach.

Und Schmach jeder Blick, der neugierig die »bräutliche Witwe« traf.

Nach meiner Genesung damals ging Bruder Lu mit mir auf Reisen.

Griechenland, Ägypten!

Dort trafen wir Doktor Klaus Bevensen, den guten, klugen, seltenen Menschen! Es waren köstliche Wochen, ich lernte wieder leben, – lernte sehen und schauen.

Das danke ich Doktor Klaus von Herzen. –

Aber mehr als Dankbarkeit zu fühlen, habe ich verlernt.

Den 3. Dezember.

Heute ist wieder Schnee gefallen.

Wie sieht meine Heide aus!

Wunderschön, aber streng und unnahbar. Daß ich gar nicht gewagt habe, sie zu berühren.

So habe ich mich selbst eingesperrt, in einem guten, herrlichen Buche gelesen, das – wunderbar genug, denn ich griff es planlos aus meiner Bücherei heraus – mir von meiner Heide erzählte, von der tiefen Harmonie in ihr, wie in der ganzen Natur. Und langsam blühte in mir während des Lesens wieder das heilige Ideal auf, in gleicher Harmonie mein Leben zu gestalten.

Langsam, sacht, aber stetig fielen die Flocken.

Meine alte Jungfer Minna kam herein und deckte meinen Abendbrot-Tisch, – einfach – wie ich es von Kind an gewohnt bin.

Als Zutrunk nur ein Glas Buttermilch.

Aus der Küche dagegen drang ein entschieden alkoholischer Geruch, und ich drohte Jungfer Minna mit dem Finger, was sie auch sofort verstand.

»'n lütten Kaffeepunsch«, meinte sie entschuldigend, aber doch etwas verlegen. »Es is bannig kalt dor buten.«

»Werdet mir nur nicht dun, du und Mutter Alslev«, scherzte ich.

Sie wehrte erschrocken ab.

»Einen lütten Kaffeepunsch, Fräulein Ursula, und denn ich man allein. Mutter Alslev bringt nie einen Tropfen Wein, Vier oder ›Köhm‹ über ihre Lippen. ›Gift‹, sagt sie. Natürlich übertrieben. Aber«, – setzte Jungfer Minna geheimnisvoll hinzu – »es hat seine Geschichte, Fräulein Ursula, seine Geschichte.«

»Schön, Minna«, sagte ich ernst. »Laß dir diese Geschichte recht oft erzählen, falls sie abschreckend wirkt, – du weißt, wie ich darüber denke.«

»En lütten Kaffeepunsch«, murmelte Jungfer Minna im Hinausgehen mit wegwerfender und doch überdeutlicher Betonung des schmückenden Beiwortes, um mir die außerordentliche Kleinheit des Punsches ganz besonders zu Gemüte zu führen.

Nach dieser Unterbrechung legte ich mich wieder behaglich in den Stuhl zurück, las noch ein wenig, aß mein schlichtes Nachtmahl und stand dann, während Jungfer Minna die Teller hinaustrug, am weit geöffneten Fenster, – hinausstarrend in die weiße Stille, einatmend die herbe Winterluft. –

Dann schloß ich die Fenster, bedeckte die Lampe mit rotem Schirm und bereitete so meine köstlichste Stunde vor: die am Flügel.

Wie wunderschön er klingt!

Er hat auch die Heide lieb, – er tönt anders – – größer, voller auf der niederen Diele des Heidehauses, als in dem hohen prunkenden Saale vom Handelshause Diewen.

Das war auch kein wildes Rasen mehr auf den Tasten.

Alles Leid und die tiefe, schwere Bitterkeit in mir lösten sich in Harmonien auf. Und da draußen – – Schnee und Eis schmolzen plötzlich dahin, meine Heide war wieder herbstlich braun und vertraut. Und der Föhn brauste rasch über sie hinweg, linde Sommerlüfte kamen, rot leuchtend stand sie da im Purpurgewand und Purpurgeschmeide.

Immer selbstvergessener lauschte ich den Melodien in meinem Innern, die purpurne Heide wurde blasser, jünger, zarte mattrosa Knöspchen standen an der Stelle der roten Blüten, die Birke roch betäubend stark und trieb blaßgrüne Blättlein, der Kiefern helle Spitzen durchströmten die Heide mit stärkender Heilkraft ...

Frühling draußen und drinnen.

Ganz sachte hatte mich Frau Musika bei der Hand genommen und rückwärts geführt durch Schnee und Eis, durch goldenen Herbst und heißes Sommerland bis in den jauchzenden, hoffenden Frühling hinein.

Wie aus einem tiefen Traum erwachte ich. –

Draußen fielen sacht und still die Flocken. –

Ich schloß den Flügel, – ging zu den Fenstern, schloß die Läden mit den schweren Riegeln und wollte nun auch meine Tür verschließen.

Aber ein befremdender Laut von draußen her ließ sie mich noch einmal aufklinken, und da sah ich's – eine große Gestalt lehnte an dem Pfosten der Haustür.

Im flackernden, trüben Lichte eines schlichten Lämpchens, das Mutter Alslev draußen aufgehängt, sahen mich zwei dunkle, ernste Augen aufmerksam an.

Und ich sie.

Dann streckte ich rasch meine Hand aus und rief:

»Sie sind Uwe Karsten Alslev, und ich bitte Sie, unter mein Dach zu treten.«

Da trat er ein.

Hoch und groß, urwüchsig und gewaltig, und doch wieder scheu und etwas linkisch.

Er sah sich rings um in meinem lieben Reich und atmete tief, als wollte er die Ruhe und traute Behaglichkeit des Raumes in sich hineintrinken.

Ich hielt ihn immer noch an der Hand, – seltsam – und so führte ich ihn an den großen roten Sessel, meines Väterchens Arbeitssessel.

»Was tun Sie mir, Fräulein Ursula Diewen?«

»Uwe Karsten Alslev, ich will Ihnen danken

Er wehrte nicht ab, er lächelte nicht.

Ernst und forschend ruhten seine Augen auf mir.

Da ließ ich seine Hand los und setzte mich ihm gegenüber.

»Ich habe gar nicht gewußt, daß es so viel Schönheit gibt«, sagte er, und sein Blick umfaßte die Einrichtung der Diele. – »Urväterhausrat. – Man glaubt, in einem Museum zu sein, und doch ist alles so einheitlich. Sie passen gut hinein, trotz Ihrer Jugend.«

Ich sah ihn mir genauer an.

So ganz anders war er als alle, die ich bis dahin zu Gesicht bekommen. Wie ein Dorfschulmeister schien er mir nicht, aber was wußte ich von Dorfschulmeistern!

Und Dichter hatte ich mir auch anders vorgestellt.

Der in die Ferne gerichtete Blick paßte zwar zu einem Dichter, und der widerspenstige Haarschopf, der hineinfiel, und den er immer mit einer raschen Kopfbewegung zurückschnellte, gab ihm etwas Künstlerisches.

Aber die derbe Lodenkleidung, die schweren Stiefel kennzeichneten den Bauern, nur die Wäsche war ganz außerordentlich fein und peinlich sauber, und die seidene Halsbinde von gutem Geschmack.

Das sah ich alles auf den ersten Blick.

Der zweite entdeckte mir gute, kluge Augen von dunkler, unbestimmter Farbe, eine gerade, schöne Nase, einen ausdrucksvollen Mund mit gesunden Zähnen und einen dunkeln Spitzbart.

Das war der äußere Uwe Karsten.

Aber seine Hände will ich nicht vergessen.

Vertrauenerweckende, liebe Hände.

Sorgliche Hände, – abgearbeitet und schwielig und doch gepflegt.

Riesengroße Hände, wahre Pranken.

Wieder mußte ich an das Hünengrab denken da draußen, so lebendig der Mann auch vor mir saß.

»Nun haben wir uns wohl genug beschaut,« meinte er ruhig lächelnd, »und ich muß heim.«

»Heim, Herr Alslev? Hier ist doch aber Ihre eigentliche Heimat,« wendete ich ein, »Sie sind ja hier geboren.«

»Schon recht, Fräulein Diewen. Aber ich habe hier nichts Wichtiges erlebt. Das, was mich zum Manne machte, gab mir das alte Schulhaus, darin ich jetzt wohne. Und jetzt muß ich wirklich fort, – zu meinem Kinde.« –

Wie er die letzten Worte aussprach!

Arm und tot liest es sich auf dem Papier; man kann das Herz nicht hören und sehen, das hindurchzitterte.

»Sie haben ein Kind? Einen Knaben?«

»Nein, es ist meine Sörine.«

»Und dürfte mich die Kleine besuchen?«

»Das geht nicht, sie ist immer krank!«

»Wie traurig! Ich habe mir Ihr Heim licht und froh gedacht, Herr Alslev. Ich kenne es seit zehn Jahren aus Ihren Heideliedern.«

»Schön und licht ist es auch«, entgegnete er, und in seine Augen trat ein tiefes Leuchten.

»Darf ich einmal zu Ihrem Kinde kommen?«

Das Leuchten erlosch.

»Kommen Sie – Fräulein Diewen! Und jetzt – Gott behüt'!«

Er nahm vorsichtig meine Hand in seine beiden Tatzen, als fürchtete er, mir weh zu tun.

»Die Hand ist so klein«, sagte er. – »Und kann doch so energisch den Flügel bearbeiten! Ach – so ein Genuß! Sie spielen wahrhaft schön! Ich habe schon viele Abende gehorcht, – und wurde froh dabei. Wenn Sie lange bei uns in der Heide bleiben, Fräulein Ursula, dann kann ich ein alter Mann werden.«

»So werde ich bleiben«, entgegnete ich. Dem Manne gegenüber fiel mir keine Redensart ein. »Und morgen komme ich. Ich will Uwe Karstens Heimat sehen.«

»Gute Nacht!« – –

Den 4. Dezember.

Als wenn ich zur Schulprüfung ginge, auf die ich nicht vorbereitet wäre.

So ganz beklommen schlägt mein Herz.

Hätte ich vorher doch nicht die lieben Heidelieder gelesen! Mich so ganz darein vertieft! Und die »Streifzüge durch mein Haus und um meinen Herd« – – – ach diese Perlen des tiefen, guten Humors mit ihrer feinsinnigen Sprache!

Mir ist's, als träte ich in einen Königspalast. –

Denn der Geist, der darinnen wohnt, im Schulhüttchen, ist groß und gewaltig, würdig eines Königs, vorbildlich einem ganzen Volke.

Ursula, seit wannen schwärmst du? Wer aus deiner Patriziersippe gab dir dies Empfinden?

Bist du nicht eine nüchterne Hamburger Kaufmannstochter?

Die Heide tut's, – die Heide – – – und die Heidelieder von Uwe Karsten.

Bald werde ich seine Heimat schauen...

Den 5. Dezember.

Ich habe sie gesehen.

Diese Blätter sind Erzieher für mich. Erzieher zur inneren Ruhe, zum sachlichen Schauen, zum Zügeln meines Temperamentes, Erzieher zu all dem, was mir fehlt.

Gehorsam aber fehlt mir nicht, und so folge ich diesen Erziehern, wenn ich sie gleich nur bitten möchte: Laßt mich, laßt mich! Ich kann nicht schildern, was ich sah. Worte sind zu arm dazu, und kein Lied ist düster genug. Laßt mich nur weinen, unaufhaltsam, bitterlich.

An mir selbst könnte ich irre werden, an meiner angeborenen Frohnatur, meiner lachenden Weltfreudigkeit, die sich nicht meistern ließ vom grauen Schicksal. Mein Mütterchen soll ja sonnig gewesen sein, ein lachendes Leuchten sei rings um sie gewesen. – Und mein Vater besaß den tiefen, guten Humor, »besser wärmend, denn ein Kachelofen«. – Lachende, leuchtende Sonne und tiefer, guter Humor; gibt es bessere Eltern? Aber alle Sonne erlischt, und aller Humor versiegt bei dem, was ich sah. – Das Schulhaus liegt langgestreckt, ein kleines Stück vom Dorf entfernt, man kommt an der Kirche vorüber, und der große Obstgarten des Pfarrers grenzt an den Garten des Schulhauses und den Spielplatz der Buben und Mädchen.

Rasch mußte ich denken, ob der Pfarrer wohl viele Äpfel erntet?

Schulkinder, die mir begegneten, grüßten höflich und wiesen mir mit großer Gefälligkeit in gutem Hochdeutsch den Weg, – dann, als ich mich wendete, tönte ein unterdrücktes Kichern hinter mir her.

Es galt wohl meinem Anzug.

Ich muß ihn viel einfacher gestalten, – das pelzverbrämte Tuch paßt nicht in das Heidehaus und seine Umgebung.

Von weitem schon hörte ich Gesang und lautes Sprechen im Schulhaus, dazwischen das klägliche Weinen eines Kindes.

War denn die Schule nicht längst aus?

Mittwoch nachmittag drei Uhr?

Ich ging schneller und horchte befremdet.

Die Schulhaustür stand auf, – ich schritt hinein, unten war alles still, aber von oben tönte der laute Gesang eines Mannes. –

War es wirklich Gesang?

Dazwischen das Schelten und Keifen einer Frauenstimme, und wieder – stärker, anhaltender – das Weinen des Kindes.

Ich stieg die Treppe hinauf, sie knarrte häßlich unter meinen Tritten, Eine Tür öffnete sich, auf die Schwelle trat ein schönes Mädchen. Ja, sehr schön war sie mit ihren dunkeln, sprechenden Augen und dem feinen Gesicht. Ich sah sofort, daß es eine Schwester von Uwe Karsten sein müsse, wenn mir auch die Mutter Alslev nie von einer solchen erzählte.

»Sie wünschen?«

»Ich, ich – – hätte gern Herrn Alslev gesprochen.«

»Mein Bruder mußte plötzlich über Land, – er hat auch wohl nicht geglaubt, daß Sie wirklich so bald schon kämen, – Fräulein Ursula Diewen, nicht wahr?«

Ich nickte, dann streckte ich ihr die Hand hin, und sie legte rasch die ihre hinein.

»Ich kann Sie nicht bitten, einzutreten«, sagte sie hastig, und eine tiefe Röte stieg in ihr Gesicht.

In diesem Augenblick tönte von drinnen ein dumpfer Fall, ein Fluchen und ein Schimpfen, das Mädchen lief ins Zimmer, und ich eilte hinterher.

Auf der Diele lag ein alter Mann mit wirrem, grauem Haar und starkgerötetem Gesicht, das Mädchen bemühte sich vergebens, ihm auf die Füße zu helfen. So sprang ich rasch zu.

Es war schwer, ihn hochzubekommen.

»Uff, uff!« ermunterte sich und uns der alte Mann. »Ist doch wahrhaftig kein Parkett hier wie im Schloß beim Grafen, und doch rutscht man aus und fällt hin as 'n Plumpsack. Uff, uff! Schönsten Dank, geehrte Dame, ich bin nu all wieder so weit.«

Der Mann stand, und ich sah erschrocken in sein verkommenes Gesicht.

»Bäh!« – Er schnitt eine abscheuliche Grimasse zu dem großen Mädchen hin.

»Jawoll, ich stehe wieder, und es tut nicht nötig, daß du es dem Alslev petzt. Da heißt es dann gleich wieder: ,Getrunken hat er, getrunken', – – – freilich hab' ich getrunken, – das Trinken ist überhaupt das einzige – – –«

Er fing wieder an zu singen: »Und so nehm' wi noch 'n Lütten« – –

Aber das Singen ging unter in einem weinerlichen Greinen, – er schlürfte zu einem abgeschabten, großen Ledersessel, in welchen er sich polternd fallen ließ, und hier brummte er allerhand vor sich hin, bis er schlief.

Unterdessen tönte aus dem großen Himmelbett in der Ecke ununterbrochen eine schrille Stimme: »Jochen, sei still! Jochen, hast du dir was getan? O dies Elend, dies Elend!«

Eine erschreckend magere Frau lag im Bett und starrte auf mich hin mit bösen Augen.

»Wohl ein Spießgeselle von unserm Kerkermeister, der Christiane? – Christiane, geh her. Du mußt mir das Bett aufschütteln, es sticht wie mit Nadeln. Den ganzen Tag hat sie nichts zu tun, aber mal der kranken Verwandtschaft eine Handreichung tun, – das gibt's nicht. 0 das Elend, das Elend!« »Gehen Sie hinaus, Fräulein Diewen«, bat Christiane Alslev.

Aber ich blieb, denn nun fiel mein Blick auf ein Kind. Oh, ein so armes, armes Kind! Drei Jahre war es wohl schon alt, nach dem großen Kopf und Gliedern zu urteilen und dem alten Gesichtsausdruck. Aber ganz und gar verblödet.

Es sah uns gar nicht an, es weinte kläglich wimmernd wie ein krankes Kätzchen. »Tata, – Tata!« Diese beiden Worte formte manchmal der Mund und stieß sie klagend hervor.

»Wie alt ist das Kind?« fragte ich leise.

»Neun Jahr'.«

Christiane Alslev strich ihm sanft über den großen, beinahe viereckigen Kopf mit dem dünnen Blondhaar:

»Tata kommt bald und hat Sörine lieb, – so lieb, ei-ei.«

»Tata, Tata!«

Der alte Mann äffte es dem Kinde nach. »Tata, Tata, weiter kann er nichts, der erbärmliche Wurm.«

Und die Kranke im Bett zeterte: »Tata, Tata, o dies Elend, dies Elend!«

Ich war wie betäubt. –

Christiane Alslev schritt mit ruhigen Gebärden durch das ziemlich große Zimmer, ordnete das Bett der Kranken, rückte dem alten Mann den Stuhl näher ans Fenster, und dazwischen sprach sie dem blöden Krüppelchen liebreich zu.

»Kann ich Ihnen nicht ein klein wenig helfen?« fragte ich leise das gute, große Mädchen.

Sie blieb vor mir stehen und faßte meine Hand.

»Ich möchte nein sagen, denn dies ist nichts für Sie,« meinte sie flüsternd, »aber da ist die kranke Nachbarin, zu der sollt' ich rasch mal hinüberspringen, der Mann bat mich schon um Gottes willen, und doch kann ich kaum hier fort. Aber ich sehe schon, Sie sind gut, – Sie halten wohl der Sörine ihr Händchen, sie ist das so gewohnt von mir um diese Zeit. Erkennen tut sie niemand, außer ihren Vater. Mit den beiden Alten brauchen Sie nicht zu sprechen, wenn Sie nicht wollen, sie sind oft boshaft, und ihre Reden tun weh. Fürchten Sie sich, Fräulein Diewen?«

Ich schüttelte den Kopf, – aber dann legte ich plötzlich den Arm um Christiane Alslev und fragte rasch:

»Wo hat Uwe Karsten seine Heidelieder geschrieben?«

Sie sah mich groß und ruhig an.

»Hier«, sagte sie einfach.

»Hier?« Ich rief es laut, ungläubig, schaudernd.

Sie nickte ernst. »Am Krankenbett seiner Frau, vor zehn Jahren.«

Dann legte sie meine Hand über das welke Händchen des Kindes, das wieder anfing, sehr unruhig zu werden, und ging hinaus.

Uwe Karstens Heimat!

Herrgott, wie war's möglich!

Ich kämpfte mit den Tränen, die mir heiß aufstiegen.

Uwe Karsten, mit was für Augen schaust du deine Heimat an!

Uwe Karsten, wie hast du dir den Jammer und das Elend zu solchen herrlichen Liedern verklären können!

Uwe Karsten, du großer Lebenskünstler, willst du mein Lehrer sein?

»Jochen Witt, weißt du, warum die geputzte Dame hier sitzt? Sie ist von unserm Kerkermeister als Spion hergesetzt. O dies Elend, dies Elend!«

»Mutter, du redest Dummtüg. Man muß die Feste feiern, wie sie fallen, und ich rede gern mal mit'n gebüldeten Minschen. Witt ist mein Name.«

Meine Blicke flogen scheu vom Bett zum Lehnstuhl hin.

Das Kind hatte seinen Kopf auf meine Hand niedersinken lassen und schien einzuschlafen.

»Was halten Sie vom Alkohol, Fräulein?« fragte mich plötzlich der alte Mann mit beinahe gemütlichem Tonfall und blinzelte mich aus seinen entzündeten Augen an, während sich die Kranke brummelnd, ächzend und stöhnend gegen die Wand kehrte. »Sehen Sie, ich bin ein alter, kranker Mann für gewöhnlich, aber wenn ich ein paar hinter die Binde gegossen habe und sehe dann einen gebildeten Menschen, dann kann ich mich fürtrefflich unterhalten. Alkohol ist was Fürtreffliches, – Sie haben wohl nichts bei sich?« unterbrach er sich und sah mich lauernd an.

Ich schüttelte den Kopf.

»Das ist verkehrt. Man soll nie kranke Leute ohne 'ne Stärkung besuchen, und Alkohol ist die beste Stärkung. Der alte Hansohm bringt mir manchmal 'ne Pulle Roten; der Hansohm kann meinen äwerspönigen Schwiegersohn auch nich leiden. Kennen Sie meinen Schwiegersohn?«

»Wenn Sie Herrn Alslev meinen...«

»Jawohl, den mein' ich. Den äwerspönigen Scholmeester. Gotte doch, was is der Mann überhebend, und was is er so dumm! Denn er verachtet den Alkohol, wo schon unser großer Luther sang: ›Wer nicht liebt Wein, Weib, Gesang, der bleibt ein Narr sein Leben lang.‹ Nun, der Gesang vergeht, und die Liebe vergeht, aber der Wein bleibt. Und der Schnabus auch, der gute Korn, das reine Gotteswort, – es soll leben vivat hoooch!«

Die Kranke drehte sich ächzend wieder herum.

»Jochen Witt, bist du noch nicht nüchtern? O das Elend, das Elend!«

»Was red'st du? Ich, und betrunken sein?«

Der alte Mann war mit seinem Stuhl, der zwei Rollen unter den vorderen Füßen hatte, immer näher zu mir herangerückt.

»Ach so, ich vergess' mich, und die Olsch will schlafen«, meinte er vertraulich. »Fräulein, dieser hungrige Scholmeester verachtet nicht nur den Alkohol, sondern auch – die Schneider. Ich habe Grund, das anzunehmen, Fräulein.«

Seine Stimme erhob sich zu zornigem Gekreisch.

»So ein verfl... Nichtswisser! Derfflinger war ein Schneider, Rosegger war ein Schneider, Jochen Witt war auch einer. Achtung vor der Zunft, die solche Männer hervorbrachte! – Fräulein, haben Sie wirklich kein Tröpfchen Wein, Bier oder Schnaps bei sich?« fragte er plötzlich ganz angstvoll bittend, und da ich sehr erschrocken wieder verneinte, brach er in kindisches, jammervolles Schluchzen aus, das dann leiser und leiser wurde, bis es in Schnarchen und Pusten überging.

Jochen Witt schlief wieder.

Aus dem Bett an der Wand sahen mich zwei zornige Augen aus einem gelben, abgezehrten Gesicht an.

»Wenn ich nur wüßte, weshalb Sie hier sitzen, Fräulein Prinzessin«, klang die heisere Stimme. »O das Elend, das Elend! Schämen Sie sich nicht, so neugierig zu sein? Und ist's was Schönes, mit dem alten Saufaus zu reden, oder meinen Jammer zu sehen, oder den Krüppel festzuhalten? Pfui T...!«

Sie spuckte aus und ächzte dabei herzbrechend, ein Krampf schüttelte sie.

Ich sprang auf und eilte zu ihr. Das Kind erwachte und stieß tierische Laute aus. Wie lange blieb mir Christiane Alslev fort!

Ich reichte der Kranken Wasser und füllte den Löffel mit der Arznei, die auf dem Tische stand. Da löste sich der beängstigende Anfall, und ich kehrte zur kleinen Sörine zurück. Sobald ihr Händchen in meiner Hand ruhte, schlief sie wieder ein.

»So reden Sie doch was«, unterbrach die Kranke die beängstigende Stille. »Dann sind Sie doch zu was nütz, meine Schmerzen sind gräßlich, wenn ich so stilliegen muß.«

Ich war gehorsam.

»Frau Alslev war Ihre Tochter?« fragte ich.

»Gott sei's geklagt, ja«, ächzte die Frau. »Aus unserm guten Brot in Kappeln an der Schlei hat uns der verd... Schulmeister fortgeschleppt und die Sörine, die damals achtzehn Jahr' und ein Engel war. Mit schönen Redensarten natürlich, – die hat er weg. Ach, das Elend, das Elend! Diese gottverdammte, gottverlassene Heide! Sterben hat er sie lassen, die Sörine, wie er uns sterben läßt – – der, der – –, aber wenn's 'n Herrgott gibt, – – ich glaub's zwar nicht, aber wenn's 'n gibt – – das, das ist seine Rache, das da – – –«

Sie zeigte mit den Krallenfingern auf das Krüppelchen, und dann stöhnte sie auf, ihr ganzer Körper bäumte sich auf in wütendem Schmerze, der Krampfanfall kam stärker als vorher, dabei erwachte der alte Mann und greinte dazwischen und das Krüppelchen lallte: »Tata, Tata!«

Ich lief wieder zum Bett und füllte den Löffel aufs neue, aber sie schlug ihn mir aus der Hand.

»Gift«, ächzte sie, – und der Mann griff nach seinem Krückstock und drohte mir.

Da weinte ich. Erbärmlich schwach war mir zumute.

Dann kam Christiane Alslev, sie brachte die Lampe mit, und das ganze Zimmer veränderte sich, als sie eintrat.

»Sie Arme!« sagte sie mitleidig, – ich lehnte den Kopf an ihre Schulter.

»Verzeihen Sie mir,« bat sie, »es sah bös aus drüben, die Nachbarin muß sterben. Acht kleine Kinder sind da, – ich habe wieder gelernt, daß mein Kreuz noch längst nicht das schwerste ist. Und nun gehen Sie rasch, unten wartet mein Bruder, er ist eben gekommen und will Sie heimbringen.«

Sie schob mich rasch über die Schwelle, ehe ich ihr noch ein liebes Wort sagen konnte, und ein neues Stöhnen und neues Greinen hub drinnen an, herzerschütternd. – –

Vor der Haustür unten stand Uwe Karsten Alslev.

Er nahm den Hut ab und reichte mir die Hand, aber er sprach kein Wort.

So schritten wir schweigend durch das stille, mondbeschienene Dorf. Gespenstisch lag die Heide da.

Schon sahen wir das Licht des Heidehauses schimmern, da fragte er ruhig: »Werden Sie nie wiederkommen, Fräulein Ursula? Graut Ihnen vor Uwe Karstens Heimat?«

Ich sah ihn an, sah seine tiefen, guten Augen und das blasse, edle Gesicht.

»Mir war sehr bang«, gestand ich ehrlich. »Aber Ihre Schwester habe ich lieb, und ich möchte von ihr lernen.«

»Wie rasch seid ihr Frauen und trefft doch das Rechte! Meine scheue Christiane empfing mich mit den Worten: ›Uwe, die da oben habe ich lieb!‹ Und ich wußte gleich, daß Sie es waren!«

»Ich will auch wiederkommen«, entgegnete ich rasch.

»So sind Sie stärker, als meine starke Mutter, die viel Schweres im Leben überwand. Aber mein Heim kann sie nicht überwinden, – arme Mutter. –«

Wir standen vor dem Heidehaus.

»Gute Nacht, Fräulein Ursula, und auf Wiedersehn, um meiner Schwester willen, – ich danke Ihnen!«

Uwe Karsten schritt den mondbeschienenen Heideweg zurück, und ich sah ihm nach, bis er um das erste Haus des Dorfes bog.

Dann saß ich lange im Mondlicht am Fenster, und wehrte ab, als mir Minna die Lampe brachte.

Um zehn Uhr kam Mutter Alslev leise herein.

»Sind Sie krank, Fräulein Ursula? Wie blaß sehen Sie aus, Kindchen!«

»Nein, aber tief bedrückt. Ich war bei Christiane Alslev.«

Die alte Frau atmete schwer.

Dann strich sie lind über mein Haar. »Sie sind gut, Fräulein Ursula, gut und stark!«

Mutter Alslev ging hinaus, und ich lief in mein Schlafzimmer.

Nicht gut war ich und nicht stark.

Ich warf mich über mein Bett, weinte ungestüm und fühlte mit wehem Herzen, daß ich einer Toten die Liebe dieses Mannes neidete.

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