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Heideschulmeister Uwe Karsten

Felicitas Rose: Heideschulmeister Uwe Karsten - Kapitel 2
Quellenangabe
pfad/rose/heidesch/heidesch.xml
typefiction
authorFelicitas Rose
titleHeideschulmeister Uwe Karsten
publisherDeutsches Verlagshaus Bong & Co.
printrun317. bis 325 Tausend
year1920
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Den 21. Oktober.

Das Wetter ist plötzlich umgeschlagen.

Wo ist die Sonne hin? Tief und schwer breiteten sich am Vormittag die Nebel über der Heide, dann setzte der Regen ein und ein Sturm, der jetzt noch am Abend mein Heidehaus umtobt, als wollte er das ganze traute Strohdach abheben. Im großen Kamin, den mir Bruder Lu an Stelle des alten verräucherten Herdes hat setzen lassen, faucht und heult und stöhnt es. – Als ob alle Spukgeister der Heide dort gefangensäßen und sich um jeden Preis frei machen wollten.

Frei, wozu? – Um sich auf mich zu stürzen und mir eine angstvolle, schmerzliche Vergangenheit wieder lebendig vor Augen zu rufen?

Oh, ich brauche euch nicht!

Das, was mich in die einsame Heide trieb, ist noch lebendig genug in mir.

Und der heutige Tag rüttelt es wieder auf mit Allgewalt.

Denn heute jährt er sich wieder – mein Hochzeitstag. Und wieder wie damals schüttelt mich das Grauen, und wieder wie damals falten sich meine Hände in tiefstem, tiefstem Danke: »Herrgott, du tatest ein Wunder!«

Ein wildes Mädel war ich.

Kein Baum zu hoch, kein Graben zu breit, kein Junge zu wild, um mein Kamerad zu sein und gelegentlich Prügel von mir zu bekommen, – »Teufelskerl« nannten mich die Nachbarsbuben, und wie stolz war ich auf diesen Ehrentitel.

Aber wenn es schon für jedes Mädchen einigermaßen ungewöhnlich ist, unter der Flagge: »Teufelskerl« zu segeln, so war es für eine Hamburger Patrizierstochter aus dem Hause Diewen und Heinsius geradezu etwas Unerhörtes.

Jahrelang trat im Kaufmannshause das Interesse für Hausse und Baisse an der Börse zurück vor der bangen Frage, was wohl aus dem »Teufelskerl« einmal werden würde, diesem Unkraut im zierlichen, wohlgepflegten, tadellos regelmäßig gehaltenen Hausgärtlein Diewen und Heinsius.

Nach Gerichtssitzungen über mich saß ich sehr ungerührt auf dem schwarzen Ledersofa in Väterchens Kontor, schmiegte mich an ihn und fragte: »Warum wüten sie so herum, die Philister?«

Diesen Sammelnamen für unsere Verwandtschaft hatte Geerd Christiansen aufgebracht, ein Nachbarjunge und einziger Sohn und Erbe des Senators Christiansen.

Und wenn Väterchen sich verzweiflungsvoll durch die vollen Haare fuhr, dann fragte ich weiter:

»War's denn so schrecklich, daß ich die Straßenkinder ins Haus brachte und sie mal ordentlich wusch und badete und kämmte? 's waren doch nur sieben. Geerd Christiansen und Oluf Jensen und ich konnten doch nicht mit ihnen spielen; es war ja fürchterlich, Väterchen, wie schmutzig und – lebendig sie waren. Und wir brauchten sie doch notwendig, es war doch Krieg, und wir mußten Mannen zur Verteidigung haben.«

Nach solch einer, in heller Begeisterung vorgebrachten Beweisführung sah mich auch jedesmal mein Väterchen ganz glücklich an und rief: »Jawoll! Die brauchtet ihr ja denn woll auch! Sünd sie denn auch orrrnlich rain geworden, mien Deern? Und habt ihr fein gespielt?«

Hierauf folgte dann eine jubelnd frohe Schilderung unseres Spiels, und Vater wurde ordentlich jung beim Zuhören.

Wir waren immer so mit unsern Angelegenheiten beschäftigt, daß wir nie merkten, wenn Tante Renate hereintrat. Aber ich erinnere mich wohl, daß mein Väterchen sofort etwas verlegen wurde, sobald die lange, hagere, ungemütliche Figur auftauchte, und ich höre deutlich ihre scharfe Stimme:

»Diewen, Diewen, vergiß nicht, was du vorhattest. Du wolltest Ursula s-treng bes-trafen, jawohl, das hast du dir vorgenommen!«

Und dann erfolgte gewöhnlich eine Freiheitsstrafe, – die empfindlichste, die es für mich geben konnte.

Freilich saß ich sie in Vaters Kontor ab, in unmittelbarer Nähe des Gütigen, aber nicht ein einziges Mal sprach er dann mit mir, nicht ein einziges Mal sah er auf mich hin.

Jetzt weiß ich längst, warum.

Ich blickte ihn ja mit den großen Blauaugen meines toten Mütterchens an – da war er machtlos. Wie oft in jener Zeit habe ich ihn unbewußt auf harte Proben gestellt.

Dann kam ein Tag, da war ein großes Fest in der Kaufmannschaft. Die ganze Stadt war in freudiger Aufregung, alle namhaften Familien beteiligten sich daran. Ich wurde unter Obhut unserer alten Christiane gestellt, denn Vater und Tante Renate waren schon nachmittags fortgefahren im höchsten Staat, sie konnten vor Mitternacht nicht zurück sein. An diesem Abend geschah es, daß es in unserm uralten Hause, das in drei Jahrhunderten viel zu nüchtern für Gespenster gewesen war, plötzlich umging.

Aus jeder Kammer, aus jedem hohen Gemache und aus jeder dunkeln Ecke der riesigen Treppe, welche in die oberen Stockwerke führte, klang ein hohles Stöhnen und Seufzen, Türen öffneten und schlossen sich geheimnisvoll, und als die alte Brigitte den Diener Kaspar, das Faktotum unsres Hauses, im Namen der vor Angst vergehenden Köchin und der vor Gespensterfurcht schlotternden Hausmädchen, beauftragte, dem Spuk zu Leibe zu gehen, zitterte dieser brave Mann am meisten von allen.

»O Gottogott,« hatte Brigitte ausgerufen, »wenn der Kaspar dem Gespenst nich kriegt, hol' ich rain die klain Ursula aus dem Bett, die is ims-tande und geht ihm zu Laib.«

Leider kam dem Kaspar der glorreiche Gedanke, die Windfangtür, sowie die Extratür, welche an der Treppe angebracht war, abzuschließen und den Schlüssel einzustecken, anstatt die Gespenster zu reizen, und so geschah es, daß, als der Vater um Mitternacht mit Tante Renate heimkehrte, er auf der Hausdiele eine verschlafene, ganz verstörte Dienerschaft versammelt fand, welche die unerhörtesten Dinge von dem ehrbaren Kaufmannshause berichtete.

Nach Verlauf einer Viertelstunde aber zog man aus jeder dunkeln Ecke ein frostklapperndes, ziemlich zahmes Gespenst hervor; nur zwei Ausnahmen waren darunter: Geerd Christiansen wurde frech, als Tante Renate ihm eine schallende Ohrfeige verabreichte, und ich schlief fest auf dem gefährlichsten Eckchen am Treppengeländer.

»Warum tut ihr so etwas nie bei Senators oder beim Ratsherrn Jensen oder sonstwo, warum immer bei uns?« fragte mich Väterchen andern Tages in heller Empörung, und Tante Renate setzte hinzu: »Unser hochangesehenes Haus kommt in Verruf durch dieses entsetzliche Mädchen.«

»Aber, Väterchen,« entgegnete ich harmlos, »das können wir doch einfach nirgend anders tun. Da sind doch überall Mütter

Noch heute, nach all den langen Jahren, sehe ich den Blick, mit dem damals Tante Renate meinen Vater ansah, noch heute höre ich ihren schrillen Ton, mit dem sie ihm zurief: »Diewen, hörst du's?«

Und noch heute wieder beschleicht mich jenes lähmende Angstgefühl, das damals über mein Kinderherz kam, als Vater und Tante Renate, ohne noch ein Wort mit mir zu sprechen, ohne eine Strafe zu verhängen, rasch das Zimmer verließen.

Zwei Tage darauf sah ich Vaters »Braut« zum erstenmal, und nach drei Wochen war sie meine Stiefmutter.

In diesen drei Wochen, die zwischen der Verlobung und Hochzeit lagen, bin ich wohl wahrhaft ein Teufelsbub gewesen.

Einen Tag ungebärdig und wild zum Verzweifeln, dann wieder trostlos vor mich hinweinend. Ich kannte mich selbst nicht mehr.

Ich aß und trank nicht, magerte erschreckend ab und setzte jedem Zureden meines Vaters die flehenden, ungestümen Worte entgegen: »Tu es nicht, schick' sie fort, ich will gut werden.«

Daß Vater diesen Zustand ertrug, ist mir heute nur dadurch erklärlich, daß eben die Liebe über ihn gekommen war, die Liebe zu der schönen, kalten, viel jüngeren Frau.

Sie schickte er nicht fort, wie ich in kindischem Ungestüm erbat, aber mich.

Es war ein gewagtes Unternehmen und scheiterte auch demgemäß.

Ich wurde schwer krank – vor Zorn, vor Eifersucht und vor Heimweh.

Da kam Vater endlich, um mich heimzuholen, und als er mich erblickte, erschrak er so sehr über mein Aussehen, daß er kein Wort hervorbringen konnte, sondern mich nur stumm an sein Herz riß.

Von dieser gesegneten Stunde an war alles beim alten. Ich hatte ihn wieder und wußte, er würde sich nicht mehr von mir trennen, wenn ich es nicht selbst wünschte. Ich war so grenzenlos glückselig, als ich unser altes Haus in Hamburg wiedersah und alle die vertrauten Gesichter, daß ich selbst der »Zweiten« die Hand hinstreckte, die aber nicht genommen wurde.

»Du hast dich betragen – – –« lautete die liebliche Ansprache, »daß ich erst durch ein Jahr hindurch Besserung spüren muß, ehe ich dir die Hand gebe.«

So hatte sie bei mir verspielt.

Unmöglich wäre es mir gewesen, ihr je wieder die Hand zu reichen, so jung ich auch war.

Dann wurden die beiden Zwillingsbrüder geboren.

»Ursula ist nicht kinderlieb, sie darf nie zu den kleinen Engeln hinein«, bestimmte die Frau meines Vaters.

Und die Amme stieß mich fort, wenn sie mich um das Kinderzimmer herumlungern sah.

Mit verlangenden, hungrigen Augen stand ich sooft davor.

Kleine Kinder, hilflose Säuglinge waren ja das Herrlichste für mich, was es auf der Welt gab.

Endlich siegte doch meine Beharrlichkeit, stückweise eroberte ich mir das Feld, und schließlich war ich es, die, selbst noch ein kindisches Wesen, die Kleinen betreute und sie nur der Amme überließ, wenn sie hungrig waren.

»Kindsmagd,« sagte Lu verächtlich zu mir, »laß doch die fremden Bengels schreien, bis sie schwarz werden.«

Aber ich herzte und küßte die beiden Kleinchen so selbstvergessen und war so ganz von meinen neuen Pflichten eingenommen, daß Lu mich achselzuckend gewähren ließ, ja sogar manchmal bei mir saß und mich und die Kleinen unverwandt beobachtete. Denn die Heimlichkeit erhöhte den Reiz und die Amme verriet mich nicht.

Wurden die Kleinen nach Tisch offiziell herumgereicht, so sah ich sie mit keinem Blick, rührte sie mit keiner Fingerspitze an, und mit ebenem Gesicht hörte ich die beißenden Reden der »Zweiten«, die mich für abschreckend unweiblich, jeglichen weichen Gefühles bar hinstellte.

Dann strich wohl mein Väterchen über mein kurzes Lockenhaar, sah mir liebevoll in die Augen und fragte:

»Hat mein' Deern die süßen Jungs kein einmal lieb?«

»Nein, Papa.«

Nicht um die Welt hätte ich's eingestanden, daß es meine höchste Wonne war, still bei den Bübchen zu sitzen, ihre weichen Händchen zu fühlen und die krähenden Stimmchen zu hören.

Und die Amme verriet mich nicht, sie hatte zuviel freie Zeit durch meine Hilfe bekommen, außerdem war sie abergläubisch, und ich hatte ihr einen furchtbaren Eid abverlangt, von Geerd Christiansen und mir selbst entworfen, dessen Schlußformel lautete: »Breche ich je dieses Schweigen, so regne es Ratten, Mäuse, Himmel und Hölle, blutigen Mondschein auf mich herab.«

Nein, sie verriet mich nicht.

Und mein Vater ahnte wohl mit der Zeit den richtigen Zusammenhang, er bemerkte, wie oft sich die Ärmchen der Zwillinge verlangend nach mir ausstreckten, und wie die kleinen Fingerchen »ei ei« streichelten –«

Den 30. Oktober.

Es wird Zeit, daß ich einmal einen Vermerk in diese Blätter bringe, wann ich sie schrieb.

Es ist so totenstill rings um mich her, daß ich Zeit und Weile vergesse. Wie tut die Ruhe wohl! Wie andächtig stimmt dies tiefe Schweigen. Meiner guten, alten Minna ist die Stille auch recht, und ebenso unser beinahe ganz vegetarisches Essen, das sie schmackhaft zu bereiten weiß. Ich habe Lu gebeten, nicht täglich den Postboten mit Kisten und Körben ins Heidehaus zu jagen, – wir können beim besten Willen den Inhalt nicht vertilgen. Neulich habe ich aber die schönsten Äpfel, Birnen, Trauben und Bananen hinunter ins Schulhaus geschickt, die Kinder sollen gejubelt haben.

Vom Lehrer hörte ich nichts mehr.

Ich will auch diese Blätter erst ganz mit der Vergangenheit füllen, mir alles Leid völlig von der Seele herunterschreiben, dann einen dicken Strich unter alles setzen, neue Blätter – und ein neues Leben anfangen.

Das neue Leben soll »Ruhe« heißen, Ursula Diewens Heideruhe.

Unser altes Hamburger Haus umgibt ein großer parkartiger Garten. Darin steht ein geräumiges Gartenhaus, auch eine Art Altenteil.

Jahrelang hatte es leer gestanden, dann zog eine Frau Detleffsen mit ihrem Töchterchen herein, die Witwe eines Angestellten unserer Firma, der im Auslande bei einer Geschäftsreise an Malaria gestorben war. Wein Vater und Onkel Eberhardt überwiesen der Witwe das Gartenhaus frei zur Wohnung und sorgten für Mutter und Kind, Martha Detleffsen wurde meine Freundin.

Wurde es auf Befehl der »Zweiten«, die mir streng den Umgang mit Knaben untersagte; ich sollte von der sanften Martha Sanftmut lernen.

Im Anfang mißglückte dieser Versuch vollständig.

Ich tyrannisierte Martha und konnte ganz rabiat werden, wenn sie so träumerisch, aber widerspruchslos blieb.

Bis eines Tages das kleine, zarte, fast schwächliche Ding plötzlich den kläglichen Versuch machte, mich gegen drei starke, auf mich einstürmende, mich prügelnde Jungen zu schützen.

Arg zerschunden holte ich sie unter den Fäusten der Buben hervor, und nach Beendigung des Kampfes, den ich nun selbst zu bestehen hatte, und den ich mit Verlust sämtlicher Knöpfe an meiner Jacke siegreich ausfocht, schalt ich Martha gründlich aus.

»Du Jammerlappen«, schrie ich sie an. »Mische dich nicht in kriegerische Angelegenheiten. Du mich schützen!!«

Ihre Tränen wurden zum Geheul, das sich in den überraschenden Worten Luft machte: »Hochachten sollst du mich, Ursula! Oh, oh, oh, hochachten sollst du mich! Und das nächste Mal beschütz' ich dich wieder!«

Ich besah sie darauf von oben bis unten, reichte ihr meine Hand, die sie feurig ergriff, und bemerkte nachdrücklich:

»Ich werde dich zwar nicht hochachten, aber du darfst mich liebhaben.«

Von da ab waren wir Freunde.

Alles, was mir in meiner Familie fehlte, und das war vor allen Dingen die Mutterliebe, das fand ich im Gartenhaus.

Das hatte die »Zweite« aber nicht gewollt.

Sie hielt nur Erziehung für notwendig, aber keine Liebe.

Doch Frau Detleffsen gab mir beides in schlichter Weise, – sie gab mir Sonnenschein, und ich konnte immer noch ein paar Strahlen in das düstere Haus hineintragen und meinem Lu davon mitteilen.

Nun begann wieder ein Kampf, erbittert geführt von beiden Seiten, – hie Vorderhaus, hie Gartenhaus, und dazwischen sanfte Ermahnungen von Frau Detleffsen, scharfe, höhnische Zurechtweisungen der »Zweiten« und Spionage der Stiefbrüder.

Vater war in dieser Zeit ernst, beinahe gedrückt. Sein Herzleiden fing an, sich bemerkbar zu machen. Damit kam die Sorge über mein junges Herz.

Ich ging viel mit ihm spazieren, wir schlossen uns immer enger aneinander, und so durfte ich ihn auch auf acht Wochen nach Bad Nauheim begleiten, von wo er sehr erfrischt und verjüngt zurückkehrte.

Als mich aber daheim die alten, unerträglichen Zustände erwarteten, bat ich Vater, mich in Pension zu geben.

Er sah mich schmerzlich an, begegnete meinem ernsten Blick und stimmte mir zu.

Den 3. November.

Eben habe ich die letzten Seiten noch einmal durchgelesen.

Es klingt beinahe nüchtern geschäftsmäßig, was ich da gebucht habe. Hört jemand mein wildschlagendes Herz? Sieht jemand die Tränenspuren? Liest jemand das tiefe Weh zwischen den Zeilen?

Armseliges Papier, armselige Feder!

Meine Pensionszeit, sonst für junge Mädchen die seligste Erinnerung, war für mich ein Gemisch von strenger, gewissenhaftester Arbeit und tiefem, grausamem Heimweh.

Aber ich hielt aus. Vater besuchte mich, sooft er nur abkommen konnte, und die Briefe von Lu waren etwas Herzerhebendes.

Er arbeitete stramm, machte ganz unglaublich rasch sein Abiturium, diente sein Militärjahr ab und ging dann in unser indisches Zweiggeschäft nach Rangoon. Auf einen Tag kam er vorher nach Wiesbaden. Ich hatte die Genugtuung, daß sich alle meine Pensionsgenossinnen in ihn verliebten, er dagegen sagte mir in ehrlicher Bewunderung, daß ich ganz verteufelt hübsch geworden wäre, was ich halb glücklich, halb ungläubig anhörte, dann schieden wir nach einer sehr ernsten Unterredung. Wir wollten nach seiner Rückkehr aus Rangoon zusammenziehen und einen völlig getrennten Haushalt von der »Zweiten« führen.

In diesem Ausmalen der Pläne waren wir glücklich.

Den 4. November.

Ich wollte gestern fortschreiben und vermochte es nicht.

Die Vergangenheit, die ich jetzt schildern will, ist so furchtbar, selbst in der Erinnerung, daß ich oft mein Gesicht in brennender Scham in den Händen berge.

Rasch, rasch über alles hinweg. – Ich will zu schildern versuchen, als sei ich gar nicht dabei beteiligt, – werde ich's können?

Vier Jahre war ich in Wiesbaden, ein zärtlicher, geliebter Vater schloß mich bei der Heimkehr an sein treues Herz; traute, strahlende Wohnräume, ganz mir zu eigen, erwarteten mich und – die kalten, stahlharten Augen der »Zweiten«, um nichts gemildert während der langen Trennung.

So ging ich schon am ersten Abend meiner Heimkehr ins Gartenhaus, – fand dort eine sehr kranke, alte Frau, fand die wunderschöne Martha Detleffsen, meine treue Freundin, und sah ihn zum ersten Male: »Heinrich Heinsius.«

Er war immer im Ausland als Teilhaber der Firma gewesen, war mir bekannt durch seine Briefe an meinen Vater, die eine weibliche zarte Handschrift zeigten, über welche wir oft gelacht hatten. Er war ein kluger Kaufmann, ein liebenswürdiger Gesellschafter und ein hübscher Mann.

Ein hübscher Mann.

Wahrhaftig, ich kann schon objektiv über ihn urteilen. Hat sich das Wunder vollzogen? Bin ich gesund geworden? Heinrich Heinsius war nicht mehr jung.

Vierzig Jahre. – Ich sah zum ersten Male verehrungsvoll zu einem Manne auf, – meinen Vater hatte ich stürmisch, zärtlich lieb, er war mir der beste Kamerad.

Für Heinrich Heinsius »schwärmte« ich.

Er war anders als die Herren, die in mein Vaterhaus kamen, ein kluger Kaufmann, aber kein Zahlenmensch.

Er liebte die Poesie, versorgte mich mit gutem Lesestoff und warf oberflächlichen Kram aus meiner Bücherei heraus.

Jener »gute« Lesestoff behagte mir nicht immer.

Heinrich Heinsius war fromm, – aber er hatte nicht die lachende, frohe Frömmigkeit meines Vaters, der auch in Wald und Flur seine Andacht hielt, und eiferte oft mit meinem lieben Pastor Holle, der mich konfirmierte und seitdem ein Freund unseres Hauses ist.

Pastor Holles Lieblingstext ist: »Und abermals sage ich euch: Freuet euch.«

Auch meine Heidelieder wollte mir Heinrich Heinsius fortnehmen, aber das duldete ich nicht.

Die Heidelieder von Uwe Karsten standen als Schatten zwischen uns – und – die Hände von Heinrich Heinsius. Ich konnte seine Hände nicht leiden.

Alle schalten mich töricht. Nur er selbst nicht.

Als wir vertrauter miteinander geworden waren, sagte ich es ihm einmal in hellem Jähzorn. Da war ein eigenes Flimmern in seinen Augen, – er lächelte dann.

»Sie sind originell, Fräulein Ursula.«

Das beschämte mich. Ich kam mir sehr ungezogen und unritterlich vor. Aber seine Hände konnte ich doch nicht liebgewinnen.

Heinrich Heinsius war reich.

Viel reicher noch als mein Vater.

Seine Villa, die tief im Parke versteckt am Alsterufer lag, war märchenhaft eingerichtet, mit orientalischem Prunk.

Merkwürdig stach gegen die Gesellschaftsräume sein eigenes Wohnzimmer ab. Er führte einmal eine ganze Gesellschaft herum, und da mir die staunende, lobhudelnde Menge langweilig wurde, klinkte ich naseweis eine Tür auf, die immer übergangen war.

Ich schrak zurück vor einem überlebensgroßen Christusbild, das über einem düster-prunkvollen Schreibtische hing. Nie sah ich eine grauenhaftere Darstellung des gekreuzigten Heilands, und mein Auge war zu ungeübt, um zu erkennen, daß es eine Meisterhand gemalt hatte.

Plötzlich stand Heinrich Heinsius neben mir, – er hatte eine eigentümlich leichte, lautlose Gangart, und seine Augen hatten wieder das Flimmern, als er mich ansah.

»So blaß, Fräulein Ursula?«

»Welch schreckliches Bild!« Ich schauderte. »Wer wohnt hier?«

»Ich selbst! Und es ist ein wunderbar köstliches Bild. Sie werden es liebgewinnen!«

»Warum?« fragte ich befremdet, und dann lief ich ungestüm an ihm vorbei auf den Flur zu den andern.

Heinrich Heinsius blieb neben mir.

»Sie frieren,« sagte er im Flüsterton, »und Ihre lieben, übermütigen Augen sehen scheu und erschrocken aus.«

Ich versuchte den Bann abzuschütteln – den seltsamen, der auf mir lag.

»Es war so grabeskalt in dem Raum, – wie mögen Sie es darin aushalten!« gab ich erschauernd zur Antwort.

»Es soll warm darinnen werden, Fräulein Ursula,« meinte er mit seltsamem Lächeln, »Sie müssen das Bild länger vor Augen haben.«

An dem Tage sprach ich nicht mehr mit ihm, – er war mir unverständlich.

Heinrich Heinsius!

Ich hörte seinen Namen überall.

Wo es Elend zu lindern gab, wo die innere oder äußere Mission große Mittel verlangte, da stand der Name des Handelshauses Diewen und Heinsius in den Sammellisten, aber Heinrich Heinsius zeichnete immer noch besonders eine bedeutende Summe.

An Sonn- und Festtagen schritt er früh und nachmittags zur Kirche.

»Ein prächtiger Mensch! Ein vortrefflicher Mann! Ein kluger Kaufmann. Ein Mann von edler Frömmigkeit.«

Das war der Steckbrief, den ihm die Leute ausstellten.

Auch Martha Detleffsen verehrte ihn sehr. Er brachte ihrer kranken Mutter Blumen und seltene Früchte, hatte aber Martha gegenüber eine etwas herrische Art, die mich oft verwundert aufhorchen ließ.

»Warum läßt du dir das gefallen?« fragte ich einmal ärgerlich. »Du bist viel besser als ich, immer sanft, gut, ohne Widerspruch, und zu mir ist Heinsius so höflich, als sei ich eine Prinzessin.«

»Das bist du ja auch«, entgegnete Martha leise. »Du bist das verwöhnte einzige Töchterlein des Hauses Diewen, – ich bin – – – . Wir verdanken Herrn Heinsius alles«, setzte sie rasch hinzu.

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